Auf dem Berg Pendeli

Ich schrieb schon öfter von unserem Hausberg, der Pendeli. Seit dem Altertum bricht man ihr den Marmor aus dem Leib, und immer wieder wurde sie abgebrannt.
Nun bin ich wieder mal oben und steige auf den Hängen herum. Kardia – Herz – heißt die Stelle. Ich fühle tatsächlich: hier ruht das verwundete Herz der Penteli. Der starke Wind, der hier fast immer herrscht, hat die wenigen verbliebenen Pinien gezeichnet. Der Boden ist felsig, wenig gedeiht hier, und dies wenige ist winzig klein. Aber der Duft der Pinien und der Kräuter, den die Sonne hervortreibt und der Frühlingswind verbreitet, lässt mich den Schmerz vergessen.

 

  

Weiter unten dann wird es üppiger, und ich entdecke zu meiner Freude junge Zypressen, nach den letzten schweren Bränden von Freiwilligen gepflanzt und inzwischen herangewachsen. Immer erneuert sich die Natur, aber manchmal ist es nötig, ihr dabei ein wenig zu helfen.

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Der Spiegel des Narziss

ich weiß, ich weiß, rebloggen eigener Beiträge ist nicht fein. Aber was tun bei einem solchen Thema? da habe ich nun schon so viel drüber geschrieben. ZB dies, über Narziss, der zu lange und zu selbstverliebt in den Spiegel des Sees schaute…..

Avatar von gkazakouGERDA KAZAKOU

Spiegel, noch einmal.

Narziss stürzt in sein Spiegelbild (c) Gerda Kazakou

Ihr kennt den griechischen Mythos von Narkissos? Narziss der Schöne schlug die Liebe der anderen aus, denn er liebte nur sich selbst. Unstillbar war seine Selbstliebe. Sie endete tödlich. Narziss ertrank in seinem eigenen Spiegelbild. Das war die Strafe der Nemesis dafür, dass er sich den anderen verweigerte.

Liebte er sich? Oder liebte er nur das Bild, das er im Spiegel des Sees sah? Nachdem er sein Spiegelbild gesehen hatte, konnte er sich nicht mehr von ihm trennen. Eine unstillbare Sehnsucht hielt ihn fest. Er starrte und starrte hinab. Er sah das Wunder seiner eigenen Vollkommenheit. Er wollte es begreifen, anfassen, umarmen. Da verlor er das Gleichgewicht und stürzte in sein eigenes Bild. Die klare Oberfläche des Sees zersprang, und Narziss versank in sich selbst.

IMG_4907aEr versank in sich selbst? Oder nur in dem Bild, das er dort, im…

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abc etüden: Neue Kata-Strophe (Textart „10 Sentenzen“)

Immer noch geistern drei Wörter durch Bloghausen, beherbergt von Christiane, gespendet von Jule und konzipiert von lz. Die Wörter lauten: Paradeiser, Kinkerlitzchen und Schlawiner. Daraus sind Geschichten zu zimmern, die nicht mehr und nicht weniger als zehn Sätze umfassen sollen. Diesmal hab ich die Sätze gezählt.

 

Zehn Sentenzen = eine Geschichte

„Vorsicht, Paradeiser!“ ruft ein hilfsbereiter Bürger.
„Zu spät“, antwortet Ketchup. Er kannte das Wort nicht.

Der Fahrer des Lasters hatte es (oder ihn?sie?) nicht mal bemerkt.

Ein Schlawiner, wer sich Böses dabei denkt (Honi soit qui mal y pense).

Ein Laster ist ein Laster und nicht sieben Laster, als da sind: Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid, Trägheit.

Tomate ist Tomate, in runder oder in gequetschter Form. Alles andere ist Lametta, Feingeisterei und Kinkerlitzchen.

Jetzt fehlen noch zwei Sätze.

Und jetzt ist die Geschichte komplett.


Hieronymus Bosch (1450–1516): Die Sieben Todsünden; in den Ecken: Die vier letzten Dinge

Frage: Warum hat Hieronymus Bosch die sieben Hauptlaster als Rad dargestellt?

Mein Dank geht an die Anreger und Verwalter dieses schönen Spiels: lz vom Textstaub, Christiane von Irgendwas ist immer und Frau Jule vom Pinselfisch.

Schreibeinladung für die Textwoche 18.17 | Wortspende von pinselfisch

 

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politische Glosse (1) Eine Gelegenheit am Schwanze packen

Da las ich bei Mützenfalterin „einen Besen fressen“ und bei Frau Wildgans „wie am Spieße schreien“. Solche Redensarten, vermutlich schon recht lange im Gebrauch, sind wahrlich Herausforderungen für den bildenden Künstler, und erst recht für eine Bilderlegerin.
Ich legte aus aktuellem Anlass „Eine Gelegenheit am Schwanze packen“. Wie? Man packt sie am Schopfe? Nun. Es kommt drauf an. So mancher ist froh, wenn er sie am Schwanz erwischt.

(Dies darf durchaus auch als politische Glosse verstanden werden. Unsere Regierung hat nach zwei Jahren „harter Verhandlungen“ ein neues Sparprogramm unterschrieben, das weit schlimmer ist, als das, was vor zwei Jahren zu haben gewesen wäre….)

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Kunst und Natur

Manchmal lösen sich die Grenzen auf, die zwischen Natur und Kunst bestehen.  Das dachte ich, als ich nach dem Besuch einer Ausstellung (DESTE im Kykladischen Museum) durch den Nationalpark und die Metrostation Syntagma spazierte.

Der Künstler, wenn er aus noch erkennbaren Naturmaterialien neue Gebilde formt, schafft  hybride Naturgegenstände, vergleichbar dem Schlinggewächs, das sich am Baumstamm emporgewunden hat.  Die Natur im Park ist so sehr vom Menschen geprägt, dass die in ihr geltenden Gesetze des Zusammenlebens kaum noch Bestand haben – ich empfand es schmerzlich beim Anblick eines gewaltigen Baumes, dessen Wurzelwerk im Staub des Weges offen lag , und beim Anblick von Wasserschildkröten auf einemKunstinselchen in einem viel zu kleinen Becken. So zusammengedrängt waren sie wie die Menschen in der Videoinstallation, die ich zuvor gesehen hatte . Bei den mit Akryllfarben gemalten Bildern in der Metrostation hat der Künstler den Zerfall, den sonst die Natur erzeugt, schon gleich mit reingemalt .

bitte zum Vergrößern anklicken!

Zur Erklärung:

 

  „Ferreus Somnus“ (2016) von Kostas Sahpazis. Es ist hergestellt aus Stahl, Harz, Blättern, Größe 82x35x25cm.

„The Very Rigid“ (2016) ebenfalls von Kostas Sahpazis. Hergestellt ist es aus Leder, Harz und Eisen.

 

eine Menschenansammlung in einer Video-Installation und eine Ansammlung von Wasser-Schildkröten auf einer Kunstinsel im Park.

  zwei Aspekte der Installation „Peace Station“, 2004-2016, von Jannis Psychopedis, zu sehen in der Metrostation Syntagma. Jannis Psychopedis hat vor allem in Deutschland gelebt. Wer mehr über ihn und andere griechische Künstler in Deutschland wissen möchte, findet hier eine ganze Menge dazu.

 

 

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abc etüden: Eine knapp verhinderte Kata-Strophe.

Frau Jules Fisch, Herr Paradeiser,
Ist seiner Art nach ein ganz Leiser
Und drum geschätzt als Edler Weiser.
Er schwimmt den ganzen Tag herum
In seinem Antikquarium
und schaut nicht klug und schaut nicht dumm,
auf all die hübschen Kinkerlitzchen,
die Zwerge mit dem Kind Schneewitzchen
den bunten Pfau und das Rehkitzchen,
was alles auf Frau Jules Tisch
sich präsentiert vor Jules Fisch.
— — — — — — — — — — — —

Frau Jule hat auch eine Katze
Mit einer fürchterlichen Tatze
Und einer üblen Teufelsfratze
Die würd zu gern Herrn Paradeisern
Als Abendbrot noch heut verspeisern
Sie sitzt und denkt und lauert eisern
Dort zwischen all den Kinkerlitzchen
Den Zwergen mit dem Kind Schneewittzchen
Dem bunten Pfau und dem Rehkitzchen
Auf ihre Chance – sie hält sich für schlau.
Frau Jule aber kennt genau
ihren Schlingel, die Schlawinerin,
gefällige Scharwenzlerin
Spielerische Tänzlerin
Und packt sie am Schlawittchen
Inmitten von Schneewittchen
Und Bambi dem Rehkitzchen.
Hallo, Schlawiner du, ja du du du!
Stör du Herrn Paradeisers Ruh
Mir ja nicht, hübsche Tänzlerin,
unschuldige Scharwenzlerin
Für dich gibt es nur Dosenfisch
Frisch auf den Tisch, du Federwisch.

Dieses Poem über eine verhinderte Kata-Strophe verdanke ich der edlen Wortspenderin Jule Pfeiffer-Spiekermann, ihres Zeichens Mitbegründerin vom pinselfisch. Ähnlichkeiten mit den Figuren des Poems sind rein zufällig. Zu danken habe ich natürlich ebenso Christiane und ihrem Fellträger sowie Herrn lz vom textstaub für die immer so besonders gestaltete Schreibeinladung. https://365tageasatzaday.wordpress.com/2017/04/30/schreibeinladung-fuer-die-textwoche-18-17-wortspende-von-pinselfisch/

Die Illustration sind elektronisch bearbeitete Legebilder, die ich im Zusammenhang der Märchen Vom Fischer und syner Fru und Von einem der auszog das fürchten zu lernen, schon mal postete.

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Was ich in der ASKT sah: Rituale, offene Räume und mehr

Ich begab mich in der Hochschule für Bildende Künste (ASKT) in Athen, um die Künstlerin zu sehen und zu hören, die mir so großen Eindruck gemacht hatte:  Cecilia Vicuña (Jg. 1948) aus Chile. Eine schmale Frau mit langem angegrautem Haar und einem so wundervollen Lächeln, dass ich bereit bin, alles, was sie sagt, in mein Herz aufzunehmen.
Zuerst singt sie, sehr melodisch klingt es, magisch, wie aus einer fernen Welt. Dann spricht sie, oder soll ich sagen: sie flüstert? Ja, sie flüstert, mit mitreißendem Rhythmus schleudert sie flüsternd ihre Geschichten heraus, und wir lauschen. Sie spricht über ihre Kindheit: die indianische Mutter enttäuscht, dass das Kind vom weißen Erzeuger weder männlich noch weiß ist. Der Kampf um die eigene Identität. Kunst mit dem roten Wollfaden, sie demonstriert es. Die chilenischen Frauen wollen nicht über Menstruation reden, doch sie ist eine Kämpferin, sie macht die abgelehnte Weiblichkeit zu ihrem Thema.
Die Videos, die sie zeigt: eines ist aus Chile, die anderen beiden sind aus Griechenland: Eleusis und die See. Du kannst vieles von ihr im Internet finden, dies nicht. Und ich kann es dir nicht geben, außer ein paar schwachen sceen-shots. Da ist eine riesige Rolle aus unversponnener weißer Wolle, sie wird ausgerollt über die Felsen hinab zum Meer. Zwei Menschen rollen mit. Andere warten, sie werden dieser weißen Wolle folgen, sie wieder einrollen und hinablassen ins Wasser, werden sie spülen und ihr nachspüren, bis sie eins geworden ist mit dem Meer. Andere werden verbunden durch rote unversponnen Wolle, Flocken und Fladen von roter Wolle, die zusammenhängt und die Menschen miteinander verbindet. Sie werden hinabgehen zu der weißen Wolle, werden ganz still werden und dann, in einer neuen Bewegung, ihre Hände heben, sie schließlich vereinigen.

Besser kann ichs leider nicht sagen.

    (Zum Vergrößern anklicken)

Viele der Menschen, die in dem Video zu sehen sind, sind auch beim Vortrag dabei. Ich habe leider nur diesen indirekten Zugang, doch spüre ich die Kraft des Rituals, seine Schönheit. Und ich werde durch die flüsternde Stimme der Künstlerin, durch ihren Gesang, Teil des Erlebens. 

In der Halle „Nikos Kessanlis“, die ich danach besuche, um die Exponate der documenta zu betrachten, verfliegt die Magie. Ich finde keinen Kontakt zu den Werken. Da ist etwas, das sich „offene Stadt“ nennt, es berichtet von einem sicher sehr interessanten Experiment des Zusammenlebens, doch hier, in der leeren Halle, fühle ich nichts davon.

Ciudad Abierta

Amereida Phalène Latin South América. 2017
Archiv- und dokumentarisches Material

Die Ciudad Abierta (Offene Stadt) ist Kommune, pädagogisches Experiment und praxisnahes Architekturlabor in einem. Sie wurde von einer Gruppe umherziehender Künstler_innen und Dichter_innen auf einem verlassenen, windumtosten Landstrich aus Gras und Sand am Rande des Pazifischen Ozeans gegründet, etwa dreißig Kilometer nördlich der chilenischen Hafenstadt Valparaiso.
(Aus einem Text der documenta 14)

Dann ein riesiger Saal mit Plastik-Müll und seltsamen Gebilden, die darüber wachen.

Bonita Ely

Plastikus Progressus: Memento Mori. 2017
Plastik, Zellophan, Metall, Fotografien, Ton, Papierarbeiten, Touchscreen

* 1946 Mildura, Australien.

In einem anderen Saal eine sorgfältig gearbeitete Reihe von Bildern aus Stroh, auch größere Matten, die in hölzernen Gestellen hängen. Sensibel und formschön. Die sind von einem jungen Deutschen, aber was tun sie hier?  Irgendwie tun sie mir leid: so geehrt und zugleich so deplaziert erscheinen sie mir hier in der Öde des Ausstellungssaals.

Olaf Holzapfel

Mehrere Werke, zwischen 2013 und 2017

* 1967 Dresden, Deutschland.

(Zum Vergrößern anklicken)

Schließlich bleibe ich vor zwei feinen gerahmten Zeichnungen stehen, die mich wirklich interessieren. „Echoraum“ nennen sie sich. Sie sind von Agnes Denes, aus dem Jahr 1970. Die vielseitige Künstlerin 1931 geboren in Budapest. Noch eine hoch interessante Frau, die ich erst in diesen Tagen entdecke. Und die mich versöhnt mit dem, was sich hier als „Zeitgenössisches“ so gutmeinend und hilflos darbietet.

das Leben des Mannes: ein Echo

das Leben der Frau: ein Echo

 

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Dokumenta 14: Was ich in der Hochschule für Bildende Künste (ΑΣΚΤ) in Athen sah (Einleitung)

Wie schon im Falle des Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST), so auch hier: bevor ich mich irgendwo niederlassen und der Kunst widmen kann, muss ich erst mal das Ambiente auf mich wirken lassen. Die Hochschule für Bildende Künste (ASKT) befindet sich, ganz ähnlich wie das EMST,  in einer ehemaligen Fabrik (in diesem Fall ist es eine Textilfabrik aus den 50er Jahren) an einer sehr stark befahrenen Straße (Peiraios). Der Besucher, der im Rahmen der Documenta auch diesen Ort aufsucht – es ist einer der Hauptveranstaltungsorte – erwartet vielleicht eine gewisse kreative Unruhe, ein Kommen und Gehen von Kunstbeflissenen. Vielleicht erwartet er auch Informationen über laufende Projekte, Kontakte, Wegbeschreibungen….
Doch weit gefehlt. Um sich hier zurechtzufinden, ist Kreativität gefragt.

Als eine deutsche Bekannte und ich nach langem Fußmarsch von der Metrostation durchs Tor gehen, zögern wir zuerst. Ist das die Akademie? Doch doch, natürlich! Nur dass das ehemals eindrucksvolle Gebäude neben dem Tor nun eine Ruine mit leeren Fensterhöhlen ist, hat uns irritiert. In der Mitte des weiträumigen Platzes ragt immer noch der bekannte Schornstein in den leicht vernebelten Athener Himmel. Rechts ein langgestrecktes Gebäude, revoniert: die ehemalige Bibliothek. Ein Zettelchen kündigt die Veranstaltung an, deretwegen wir gekommen sind:  Cecilia Vicuña – die Frau, deren tief rotes riesiges Werk aus Wolle mich im EMST so beeindruckt hatte (vergleiche hier) wird über die von ihr entwickelten Rituale sprechen.

Der geräumige Saal ist noch fast leer, wir bekommen von freundlichen Helfern Stühle und gehen in Warteposition  ….

Inzwischen schaue ich in die am Ende des Hofes liegenden Räume: eine Druckerei mit zusammengeschobenen Druckmaschinen, anscheinend außer Betrieb. Sie ziehen wohl um, genau wie die Bibliothek, die  grad umgezogen ist. Dann eine große Halle mit irgendwas. Vor einem eindrucksvollen Riesengraffiti sitzen ein paar Gestalten, ein dünner alter Mann mit Bart verkauft Krimskrams.

Ein weiteres sehr großes Graffiti, das wohl eine antike Statue beim Straßenkampf zeigt, komplettiert den Eingangsbereich. Nun betrete ich eine weitere riesige Halle – es ist der Ausstellungsraum „Nikos Kessanlis“, benannt nach dem langjährigen sehr aktiven Dekan und ausgezeichneten Künstler, über den ich schon einmal wenig berichtet habe (vergleiche hier)

In der zentralen U-Bahnstation Omonoia (und leider nicht in der ASKT)  kann man eines seiner Werke betrachten: Schatten hinter Tüchern. (das Foto habe ich einem Bericht in der Zeitung Avgi entnommen)

Aber da fängt dann schon die „Kunst“ an – und die hebe ich mir für morgen auf.

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Was ich im EMST sah (3) : Botschaften von Maria Lai und Maria Ender

(Documenta 14 in Athen)

Nach dem für mich und vielleicht auch für dich beschwerlichen Bericht über „the Greek way“ möchte ich mit einer Künstlerin weitermachen, die mir sehr gefiel. Vielleicht warst du mal in Sardinien und kennst das Dorf mit dem blauen Band? Es heißt Ulassai und war Heimat einer bedeutenden Frau und Künstlerin. Maria Lai, 1919-2013. Ich war leider nie dort und traf erst jetzt auf ihr Werk, im EMST (Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst).

Ihre Botschaften hat sie oft mit Garn auf ungefärbtes Linnen geschrieben, ganze Bücher und Wandzeitungen voll, Blatt für Blatt. Mir ist, als hätte sie eine internationale Schrift entwickelt, die jeder Mensch versteht – nicht so urtümlich und gewaltig freilich wie die purpurrote Knotenschrift der Chilenin Cecilia Vicuña, sondern moderner, komplizierter, intellektueller.

Manchmal scheinen sich die Botschaften zu verheddern, weit über das individuelle Wort hinaus werden sie zu einem Abbild der sprachlichen Verwirrung, zu Landkarten des Missverstehens….

Trotz aller planenden Vernunft verknäulen sich die Stränge an einem Punkt, unauflöslich scheint das Gewirr der durcheinanderlaufenden Fäden.

Wie schwer ist Verständigung! Wie schmerzhaft oft. Doch der sich immer wieder verheddernde rote Faden läuft hinüber auf die andere Seite, erreicht sie schließlich doch.

Nun, das sind so Gedanken, die mir beim Betrachten kamen. Die ästhetische Wirkung dieser Arbeiten ist ganz unabhängig davon. Schau einmal diese hier an: auf bemalter Holzplatte sind Fäden verspannt und erzeugen bezaubernde Bilder. Man mag an  Webstühle denken und an die Arbeit der Frauen, an ihre Gedanken und Gespräche, die sie beim Weben miteinander tauschen, die sich verwirren und wiederfinden, verknäulen und glätten…

,, 

Eine Art Webstuhl war auch zu betrachten, und er gefiel mir und tat mir wohl, obgleich er  ganz und gar untauglich zum Weben ist.  Vielleicht ist gerade das sein Charme? dass er so ganz aus der Zeit gefallen ist und nun all die Geschichten erzählen kann, die jemals an Webstühlen erzählt wurden?

Und dann dieses Instrument mit seinen blau gefärbten Hölzern, erinnernd an das blaue Band, das die Menschen und Häuser ihres Heimatortes miteinander verband, um alten  Streit zu begraben und sie miteinander zu versöhnen.

Wie sehr mir diese Kunst gefällt! Sie ist freilich nicht eigentlich zeitgenössisch, sondern modern. Sie gehört einer anderen Zeit an, gehört zum Ausdruckswillen des 20. Jahrhundert.

Und so zeige ich hier noch die kleine feine Arbeit einer anderen Künstlerin, die am Beginn des 20. Jahrhunderts steht, dieses einläutend: Maria Ender, geboren 1897 in St. Petersburg, verhungert 1942 in Leningrad (Hunger-Blockade durch die deutsche Wehrmacht). Sie gehört zur „russischen Avangarde“, deren Arbeiten dankenswerterweise von dem in Moskau lebenden Griechen Giorgos Kostakis gesammelt, gerettet und dem Museum für Moderne Kunst in Thessaloniki vermacht wurden.

Dieses kleinformatige Aquarell von Maria Ender, 1921 entstanden, trägt den Titel „Transkription eines Lauts“. Es ist das einzige Werk jener Epoche, das ich im EMST sah.

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Documenta in Athen (2): Griechische Kunst am Sonntag. „The Greek Way“

Es ist Sonntag, also Zeit für „griechische Kunst am Sonntag“. Und ich hätte da auch was für euch. Nur, wird es gefallen? Mir gefiel es nicht, nein. Ich fluchte, als ich es im EMST (Museum für zeitgenössische Kunst, Athen) sah, still vor mich hin. Meine Stirn zog sich in abwehrende Falten und meine Mundwinkel senkten sich bis zum Boden.
Wenn eine Installation solchen Widerwillen in mir erzeugt – dann hat sie jedenfalls etwas erreicht. Und ich will drüber berichten. Nach dem Werk von Cecilia Vicuña, das mir außerordentlich gut gefiel, nun eines, was mich „ankotzte“: „The Greek Way“.

Also: Ich betrete einen Saal im obersten Geschoss des EMST, noch freudig bewegt von dem weiten Ausblick über die Stadt, dann schon eingeschüchtert durch eine „Ausgrabung“ in einem ehemaligen Farmhaus bei Wien und eine erschütternde Video-Installation über Leprakranke im Iran („Die Stadt ist schwarz“)

, gehe weiter – und stoße auf protzige Gemälde eines Herrn, dem ich nur in Verliesen hinter dicken Gittern begegnen möchte.

Nicht einmal, nicht zweimal, immer wieder steht er da in herrischer Pose. Sein Konterfei ist mit feinem Sutterlin überschrieben. Was soll das? Wer macht so was und findet das Kunst? frage ich mich einigermaßen verstört.

Nun, wer das macht, ist schnell herausgefunden: ich lese Piotr Uklanski (polnisch, Jg 1968, in den US lebend) und McDermott&McGough (irisch, Jg 1952 und 1958, in Hollywood bzw NY geboren, Photographen). Und auch, worum es geht: Um die Verfolgung der Homosexuellen im sogenannten dritten Reich. Die Beschriftung auf den

Gemälden zeigen Geburts- und Sterbedaten von in Sachsenhausen eingesperrten Homosexuellen an. Auch das wird mir auf begleitenden Texten erklärt. Eigentlich reicht es mir bereits, aber da sind noch viele Tafeln mit griechischen Plastiken, sehen aus wie Fotos, sind aber vielleicht auch kunstvoll in fotorealistischer Manier gemalt. Dazwischen hängen andere Bilder, im gleichen Stil und Format, die zeigen Athleten bei den Olympischen Spielen von München 1936, auch Fotos von Riefenstahls „Triumph des Willens“.


Die ganze Installation inclusive der Hitler-Bilder nennt sich „The Greek Way“, und nachdem ich die diversen begleitenden Texte gelesen habe, verstehe ich: „the Greek way“ nennt (oder nannte?) man die Homosexualität, da sie bei den alten Griechen ein integraler Teil ihrer Kultur gewesen sei. Dafür habe sich zB der deutsche Winckelmann (Jg 1717, er wäre jetzt 300 Jahre alt geworden) begeistert, der – wie ja als allgemein bekannt vorausgesetzt werden darf – homosexuell war und sich daher für die klassischen Körper der Athleten begeisterte…. Und wer begeisterte sich noch? Na, Hitler wohl. Man sehe und staune. Und Riefenstahl natürlich. Und die ganze Bagage der Nazis, die dennoch – oder gerade darum? – die Homosexualität brutal verfolgte (und, nebenbei, Griechenland im WWII beraubte und zu Grunde richtete).  The Greek way?

O jemine, mir drehte sich der Magen um. Arme verfolgte und ermordete Menschen, arme griechische Klassik, du wunderbare Kunst, wie hat man euch hier vereinnahmt – doppelt, dreifach vereinnahmt, um sein Gegenwarts-Kunstsüppchen draus zu brauen. Armer Winckelmann, Kronzeuge mal wieder!  Du hast eine ganze Generation angesteckt mit deiner Begeisterung (Goethe schrieb „Winckelmann und sein Jahrhundert“), hast die Wundertaten der antiken griechischen Künstler im Norden Europas bekannt gemacht, hast Goethe und Schiller, Lessing und Hölderlin inspiriert, und nun musst du herhalten für das übelste deutsche Geschichtskapitel? Reicht es nicht, dass du, jung noch, in einem Triester Hotel wegen ein paar Silberlingen ermordet wurdest?

Vielleicht habe ich hier etwas missverstanden. Verstanden habe ich es jedenfalls nicht, was die Künstler Piotr Uklanski und McDermott&McGough mir sagen wollen und was sie in der Documenta 14 zu schaffen haben, außer vielleicht: man ist in Athen, wo „alles begann“, und also auch dies….

Vielleicht kann mir einer auf die Sprünge helfen?

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