Der Spiegel des Narziss

Spiegel, noch einmal.

Narziss stürzt in sein Spiegelbild (c) Gerda Kazakou

Ihr kennt den griechischen Mythos von Narkissos? Narziss der Schöne schlug die Liebe der anderen aus, denn er liebte nur sich selbst. Unstillbar war seine Selbstliebe. Sie endete tödlich. Narziss ertrank in seinem eigenen Spiegelbild. Das war die Strafe der Nemesis dafür, dass er sich den anderen verweigerte.

Liebte er sich? Oder liebte er nur das Bild, das er im Spiegel des Sees sah? Nachdem er sein Spiegelbild gesehen hatte, konnte er sich nicht mehr von ihm trennen. Eine unstillbare Sehnsucht hielt ihn fest. Er starrte und starrte hinab. Er sah das Wunder seiner eigenen Vollkommenheit. Er wollte es begreifen, anfassen, umarmen. Da verlor er das Gleichgewicht und stürzte in sein eigenes Bild. Die klare Oberfläche des Sees zersprang, und Narziss versank in sich selbst.

IMG_4907aEr versank in sich selbst? Oder nur in dem Bild, das er dort, im Spiegel des Sees, gesehen hatte? Versank in einer Schimäre, in einer Illusion von Großartigkeit und Glanz?

Liebe dich selbst! Wer hat diese Aufforderung nicht schon gehört, wenn er sich mit Selbstzweifeln herumplagte. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! fordert die Bibel. Manche sagen: Zuerst musst du dich selbst lieben – erst dann hast du die Kraft, auch deinen Nächsten zu lieben. Doch leider vergessen viele in ihrem Eifer, sich selbst zu lieben, dass es ja eigentlich um die Liebe zum Nächsten geht.

In meinem Bild ist Narziss ein traurig anzusehender Bursche, der eine große Sehnsucht in sich trägt. Er sehnt sich nach seinem Höheren Selbst, diesem göttlichen Wesen, das er irgendwie ja auch ist.IMG_4907 Die Welt ist ihm zu dürftig. Die Menschen sind ihm zu klein. Es ist ihm zu anstrengend zu bauen, zu kämpfen, zu leben, zu lieben. IMG_4908Er zieht es vor, in seine eigenen Tiefen zu steigen, die ihm golden aus der Dunkelheit des Sees, der Seele entgegenleuchten.

IMG_4907aΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ. Erkenne dich selbst! forderte eine Inschrift über der Orakelstätte von Delphi. Und wahrhaftig, sich selbst soll man erforschen.

Mir scheint, am meisten erfährt man über sich selbst, wenn man sich den Mitmenschen zuwendet. Suchst du das Selbst in dir selbst – dann läufst du Gefahr, in deinem eigenen Spiegelbild zu ertrinken.

IMG_4907aa

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Leben, Mythologie, Psyche abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Der Spiegel des Narziss

  1. Tausend schreibt:

    Danke, das gefällt mir sehr gut. Ich interessiere mich für Mythologie (u.a. Bezüge auf Mythos in Gegenwartsliteratur). Es freut mich sehr, diese Gedanken hier mit Bildender Kunst in Verbindung zu sehen.

    Gefällt mir

  2. nomadenseele schreibt:

    Die Welt ist ihm zu dürftig. Die Menschen sind ihm zu klein. Es ist ihm zu anstrengend zu bauen, zu kämpfen, zu leben, zu lieben.

    – Das war eine ziemlich gute Beschreibung von mir selbst.

    Gefällt mir

  3. gkazakou schreibt:

    ganz so schlimm scheint es ja nicht zu sein, Nomadenseele! Immerhin machst du dir die Mühe, mit mir zu reden.🙂

    Gefällt mir

  4. mmandarin schreibt:

    ja, das ist so eine Sache mit dem selbst lieben, dem sich nicht lieben, den anderen lieben, wie sich selbst. Ein dicker Brocken Arbeit, dann wieder nur ein Bröckchen … es hört eben nie auf, daran zu arbeiten – danke für die Anregung, kann ich gerade jetzt gut gebrauchen.

    Gefällt 2 Personen

  5. ingrid schreibt:

    Im Spiegel des Narziss wird mir bewusst, dass auch mir sein Spiegel vorgehalten wird.
    Das kann wohl nicht oft genug geschehen.
    Nun versuche ich „Mir selbst den Spiegel vorzuhalten“ zu legen, Gerda mou. Bin gespannt!
    Ingrid

    Gefällt 1 Person

  6. gkazakou schreibt:

    Na dann! Viel Spaß und Einsicht dabei.

    Gefällt mir

  7. agnes p. schreibt:

    Das sind sehr interessante Gedanken, liebe Gerda!

    Hier in der Klinik wurde mir gerade heute wieder anderes gesagt: ja, es ist schon gut, wenn Sie sich um Ihre Mitmenschen sorgen, sich über andere Gedanken machen. Aber jetzt bitte denken Sie die nächsten Wochen erst einmal vorrangig an sich selbst! Und denken Sie über sich, ihre Gefühle, Wünsche usw. nach.

    Ich fürchte, bei vielen Menschen gibt es da ein Ungleichgewicht – die einen haben es gelernt, egoistisch zu sein (eigentlich geht das ja in einem Wirtschaftssystem wie dem unseren gar nicht anders, uns wurde nach der Wende in der Schule gesagt: nun packt mal Eure Ellbogen aus!).

    Die anderen aber hingegen verurteilen sich für jeden Gedanken an sich selbst und erreichen damit das Gegenteil: denn wem ist damit geholfen, wenn man seine eigenen Bedürfnisse missachtet und sich selbst zugrunde richtet?

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Agnes, ich habe schon in einem anderen Kommentar gelesen, dass du in einer Klinik bist und versuchst, doch vor dem allzu starken Mitfühlen mit dem Unglück anderer Menschen zu schützen. Du hast vollkommen recht, dass du zuerst Fürsorge selbst sorgen musst. Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Man kann nur für andere nützlich sein, wenn man selbst einigermaßen stabil und mit sich selbst in Übereinstimmung ist. wenn man sich selbst verliert – an andere oder durch Mitleid mit dem Unglück der Welt – tut man nichts. Also schon dich, tue Dinge, die gut für dich sind, freu dich an allem, was du tust, auch an den Kleinigkeiten. Freude bringt Kräfte zurück! LG und alles Liebe! Gerda

      Gefällt mir

  8. Pingback: Mirror of the Mind, 2. Nachtrag: Die Liebe des Polyphem | GERDA KAZAKOU

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s