Was ich im EMST sah: (1) Cecilia Vicuña und Chryssa

Da steh ich nun ich arme Eselin zwischen den leckeren Heuhaufen und frage mich: womit beginnen? So geht es halt, wenn man große Museen mit zeitgenössischer Kunst besucht: alles ist neu, alles ist bemerkenswert, manches gefällt, anderes ärgert einen, na und? Auch davon gilt es zu berichten.
Da ich mit irgendetwas anfangen muss, fange ich an mit dem größten Exponat, das mir zudem den größten Eindruck machte. Auch ist es eines der wenigen Werke, die tatsächlich „zeitgenössisch“ sind. Die Künstlerin schuf es 2017 vor Ort aus griechischer unbearbeiteter Schafwolle, gefärbt in einem wunderbar warmen tiefen Rotton, den das Foto ebenso wenig wiedergeben kann wie den Geruch der Wolle und das Gefühl, vor diesem Werk sehr klein zu sein.

Wer ist diese Künstlerin? Vielleicht kennst du sie? Ihr Name ist Cecilia Vicuña (Jg. 1948), sie ist Chilenin, Dichterin, Gestalterin, Kämpferin, vor der Diktatur des Pinochet geflohen nach England, damals, heute in NY lebend. Dieses tiefrote Werk ist ein „quipoem“. Qui-Gedichte erinnern an die vorkolumbianischen quipu-a, die mit kunstvollen Knotenmustern geschrieben wurden. Dieses nennt sich Quipu Womb, also etwa Quipu Gebärmutter. Die rote Farbe verbindet es weltweit mit allen Frühjahrs-Mythen, die von Geburt und Auferstehung reden, also auch mit dem Rot des Osterfestes.

Um die Bilder besser zu sehen, bitte draufklicken.

 

Rot als dominante Farbe fand ich dann bei einer anderen Künstlerin wieder, die unterschiedlicher nicht sein könnte: bei Chryssa (eigentlich Chryssa Vardea Mavromichali, 1931-2013), einer Griechin mit internationaler Karriere. Sie wurde in Athen geboren, studierte in Paris und lebte ab 1957 ebenfalls in NY. Aluminium, Lichtröhren, Neonlicht sind ihre Materialien.

Im EMST wurde dieses Werk von ihr gezeigt.

Ein anderes Werk schmückt die Eingangshalle der Metrostation Evangelismos in Athen. Dort fotografierte ich es kürzlich.

Cecilia Vicuña und Chryssa – zwei Frauen, Künstlerinnen derselben Generation  (Chryssa ist fünzehn Jahre älter), beide nach NY ausgewandert – so viel Gemeinsames, und doch! ihre Kunst könnte nicht verschiedener sein. Beide formen Schriftzeichen in Rot – eine weitere Ähnlichkeit, aber…

Die eine erzählt mit warmer ungestrählter Wolle und Knoten die uralte Geschichte vom Beginn: von der Geburt des Lebens aus dem mütterlichen Leib. Ihre Sprache verstehen wir alle, die wir geboren wurden.

Die andere gestaltet geometrische Formen, Kreise, Winkel und Schriftzüge aus kaltem Material und kaltem Licht, und unterlegt sie mit einem geisterhaften Rot, das sich von den Gegenständen gelöst hat und ein unheimliches Eigendasein zu führen scheint.

Ich finde beide großartig.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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16 Antworten zu Was ich im EMST sah: (1) Cecilia Vicuña und Chryssa

  1. kunstschaffende schreibt:

    Ein sehr interessanter Beitrag, ich kenne beide Künstlerinnen nicht! So konträr und doch verbindendes, kannten sich die Beiden, weißt Du etwas darüber?

    Gefällt 1 Person

  2. kopfundgestalt schreibt:

    Sehr gut.
    Das Werk in der Metrostation Evangelismos in Athen erinnert entfernt an Pierre Soulages. Das ist ein Künstler, den ich vor 25 Jahren schon interessant fand und jetzt immer noch – was reichlich selten sein dürfte.
    Das Weiche und die harten Formen – beides in der Zusammenschau ganz herrlich zusammenklingend.

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    • gkazakou schreibt:

      Mit Soulage hast du nicht Unrecht. Es ist das Eindringen des Maschinenmäßigen ins organische Sein der Erde, das bei Soulage am Menschen, bei Chryssa in seinem Ausdruckswillen gezeigt wird.
      Mich faszinierte die Entdeckung (in den Arbeiten der beiden Frauen) der Ähnlichkeiten bei gleichzeitig stärkstem Kontrast. Das fiel mir erst beim Anschauen der Fotos auf. Es ist für mich, außer einem ästhetischen, auch ein philosophisches Thema.

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      • kopfundgestalt schreibt:

        Es wird ein Zusammenklingen Deines ureigenen Themas mit dem Gesehenen/Vorgefundenen sein. Da die Frauen sich nicht kannten, arbeiteten sie auch nicht an einem Kontrast. Aber vielleicht sah ihn dafür der Kurator – und zumindest eine Besucherin 🙂

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  3. lieberlebenblog schreibt:

    Ganz toll – Danke dir für das Lese- und Schauerlebnis!

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  4. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, spontan ziehen mich die Wollstränge und Knotenpunkte in diesem wunderbaren Rot sehr an, da purzeln die Assoziationen, während Zweiteres „erobert“ werden will, sich erst einmal quer zu mit in den Raum stellt und un sage ich: ja, ich mag auch beides!
    Vielen Dank fürs Teilen, das sind so kostbare Beiträge
    herzliche Nachtgrüsse zu dir hin
    Ulli

    Gefällt 4 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Ja, Ulli, das geht uns wohl allen so, denn diese fabelhafte Arbeit aus purpurfarbener Wolle führt uns zurück zu unseren „Wurzeln“ als Frauen,verbindet uns mit dem Ganzen der lebendigen Erde und ihren warmblütigen Bewohnern. Ich war sehr fasziniert,als mir einfiel, diesen Eindruck mit dem bei Chryssa zu vergleichen. Und so verstand ich Chryssa, die dem von der Natur abgelösten, entfremdeten Zustand, dem Maschinenmäßigen, Ausdruck verleiht – und damit der Gegenwarts- und Zukunftswelt, die wir uns als Menschheit erschaffen.

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  5. Susanne Haun schreibt:

    Guten Morgen, Gerda, danke, dass du uns an der Dokumenta teilhaben lässt! Ich mag besonders die Wolle, das ist aber eher ein subjektives vom Betrachten her gefälltes Urteil.
    Liebe Grüße sendet dir Susanne

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  6. bruni8wortbehagen schreibt:

    Zwei wunderbare Künstlerinnen.
    Die eine spricht mein Weibliches sehr an, wie könnte es anders sein und auch das große sichtbare und ganz und gar eindrucksvolle Objekt bleibt im Gedächtnis haften.
    Dann die andere – Chryssa Vardea Mavromichali und ihre leuchtende Installation in der Metrostation muß eine wahnsinnig bemerkenswerte Frau sein. Sie macht Objekte, die man auf den ersten Blick von einem Mann vermuten würde, aber wie harmonisch sind doch die Formen und das Neonlicht unterstreicht dieses riesige Objekt, bei dem mich noch das Material, aus dem es gefertigt ist, sehr interessieren würde, liebe Gerda.

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