Besuch im EMST – eine Einleitung zur documenta 14 in Athen

Das EMST ist das im Rahmen der Documenta 14 Athen endlich fürs Publikum geöffnete „Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst“. Es war das Hauptgebäude der Brauerei FIX, wurde entkernt und mit einem breiten Trakt von Rolltreppen versehen. Da ich mir immer erst die Örtlichkeit zu Gemüte ziehen muss, bevor ich mich den Exponaten zuwenden kann, ließ ich mich von den Rolltreppen bis in die Höhen der Aussichtsterrasse tragen.

Oben angelangt, schaust du über die Straßenschluchten ….


und das moderne Athen hinweg auf die Akropolis (links) und den Lykabettos (rechts)

oder auch auf den Musenhügel mit dem Grabmahl des Philopappus (1. Jh. n.Chr.).

(von Nahem sieht es so aus. Foto aus dem Netz)

Was es in den Sälen zu sehen gibt? Nun. vieles. Ich werde es langsam, Stück für Stück, vorstellen. Geduld!

Von dem Gebäude selbst und wie es langsam umgestaltet wurde, findest du interessante Abbildungen hier.

Zur Geschichte des Gebäudes: Johannes Fuchs aus Bayern besucht im Jahre 1850 seinen Vater Georg in Athen. Der ist, wie viele andere Techniker, Wissenschaftler und Handwerker vom ersten griechischen König, dem Bayern Otto I, nach Athen gerufen worden, um das Land aufzubauen.  Nach dem Tod des Vaters beschließt der Sohn, in Athen zu bleiben, arbeitet zunächst im Palast und, als der König 1862 gestürzt wird, beim Bierbrauer Melcher. 1864 geht die Brauerei Melcher in den Besitz von Johannes Fuchs über – griechische Aussprache: Fix – und wird unter seiner Leitung die erste große Bierbrauerei Griechenlands. Sie besteht bis heute. Manches ist doch beständig in dieser schnelllebigen Zeit.

Ende des 19. Jahrhunderts zieht das Unternehmen in das Gebäude um, in dem heute das Museum für Zeitgenössische Kunst untergebracht ist.

Damals ist die Gegend an der Avenue Syngrou noch unbebaut. Das große Fabrikgebäude entsteht am Ufer des Flusses Ilissos, den es heute nicht mehr bzw nur mehr als traurige Rinne und unterirdischen Kanal gibt.  …. 1957, nach den Verwüstungen des WWII, als die Wirtschaft erneut boomt, wird das Gebäude von Grund auf überholt, und zwar durch den Architekten Takis Zenetos, der als einer der Hauptvertreter des Nachkriegs-Modernismus gilt.  Dabei werden, ohne dass die Produktion unterbrochen werden muss, sämtliche inzwischen entstandenen Nebengebäude in eins zusammengefasst. Klare Linien, große Fensteröffnungen, eine einfache geschlossene Form, die Maschinen sichtbar im Erdgeschoss – das ist die Idee, die 1961 fertig ist als eine Art Gegenentwurf zum chaotischen Wachstum der Stadt.  Da die Fabrik Tag und Nacht arbeitet, bietet sie mit ihren Lampen und kupfernen Kesseln einen fantastischen Anblick. Sie wird zur Attraktion für Nachtbummler und Schulklassen. Die Nachbarschafft füllt sich mit mehrstöckigen eleganten Wohnhäusern….

Ende der 70er Jahre zieht die Fabrik weg ins Athener Umfeld, seit 1982 steht das Gebäude leer. 1994 wird es enteignet und der Nordteil abgerissen, um Platz für eine Metro-Station zu machen, die im Jahr 2000 in Betrieb genommen wird. Das noch bestehende Gebäude wird gleichzeitig zum Sitz eines noch zu gründenden „Museums für Zeitgenössische Kunst“ bestimmt.  Seither wird das Erdgeschoss für Ausstellungen genutzt, während Stück für Stück die oberen Geschosse für den neuen Zweck hergerichtet werden. Im April dieses Jahres ist es endlich soweit. Die Türen stehen offen, und du kannst hineinspazieren, empfangen vom „Chor“ der documenta – jungen Athenerinnen und Athenern, die den Besucher beraten und, falls er das wünscht, auch begleiten.

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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6 Antworten zu Besuch im EMST – eine Einleitung zur documenta 14 in Athen

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Das klingt mächtig interessant. So eine detaillierte Geschichtsforschung anhand eines Gebäudes finde ich spannend.
    Athen scheint ja zu boomen.
    Wir wollten ja immer wieder mal hin – vor 6 Jahren gefiel es meiner Partnerin ausnehmend dort.

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    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank! „Boomen“ würde ich den hiesigen Zustand allerdings nicht nennen. Zwar hat der Tourismus schon wieder kräftig angezogen, auch wegen der documenta, aber das ändert nichts Grundsätzliches an der Misere einer Wirtschaft, die in den letzten Jahren ein Viertel ihrer Aktivitäten verloren hat und weiter schrumpft. Nun ja, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
      ,

      Gefällt 1 Person

  2. bruni8wortbehagen schreibt:

    Ein wunderbarer Artikel, der auch die interessante Geschichte des heutigen Museumsbaus zeigt, liebe Gerda. Nur so macht es Freude, durch ein neu konzipiertes Gebäude mit viel Hintergrund zu gehen.
    Der Blick zu den alten Hügeln und den antiken Stätten zeigt mir wieder mal deutlich, daß im Alten/lange Vergangenen meine Liebe liegt. wobei ich natürlich sehr gerne in der Gegenwart lebe und die moderne Kunst, bzw. die Kunst der Gegenwart mag. Aber die Faszination zieht mich schon hinüber, dorthin, wo zuallererst meine Fantasie hinfliegt, bevor sie zurückeilt und sehen möchte, was heute in der Kunstwelt geschaffen wird

    Lächelnde Sonntagsgrüße von Bruni an Dich

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    • gkazakou schreibt:

      O ja, liebe Bruni, die Altertümer retten uns immer noch! Ohne die sähe es finster aus in der Hauptstadt der Hellenen…. Ich bin immer wieder glückselig, wenn mein Auge die Akropolis erfasst, dieses harmonische Bauwerk, das über allem thront. (Es ist verboten, höher zu bauen, die Akropolis muss überall sichtbar sein).

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  3. bruni8wortbehagen schreibt:

    So, jetzt werde ich mal weiter wandern …

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