… und die Arbeit unserer Hände

Das Motto der Ausstellung, die ich gestern besuchte, ist von Hanna Arendt inspiriert: „the labour of our bodies and the work of our hands“. Gezeigt wird die Arbeit von fünf jungen griechischen Künstlern, deren gemeinsames Merkmal die obsessive Wiederholung ist: ob Linien oder Pinselstriche, winzige Schnitte mit dem chirurgischen Messer oder kilometerlange Aufwicklung von Silberfäden, bei allen geht es um mühsame, geduldige Intervention des Künstlers als lebendem Organismus ins Sosein der Welt. Wenn Ameisen, Bienen, nestbauende Vögel sich „Welt zu ihrem Brauch“ (Morgenstern) erschaffen, so materialisieren Künstler durch ihrer Hände Arbeit ihre Imaginationen zu niemandes Gebrauch. Es sind feine Gespinste, fragile Gebilde, pure Objekte der Anschauung. Vier der sensiblen Arbeiten stammen von Männern, eine von einer Frau.

Vasilis Botoulas. Ausschnitt aus einem Blatt mit Linien, die mithilfe einer Pinzette und Kohlepapier erzeugt wurden. Es entsteht der Eindruch eines lockeren Gewebes, aus dem Fäden gezogen werden. Ich habe schon einmal über diesen Künstler berichtet (hier).

IMG_0690IMG_0691Panos Famelis, „Almost“ (2015) – eine großformatige Arbeit (150×300) mit Feder, Pinsel und Tusche auf Papier. Das freie Muster entwickelt sich auf einem sorgfältig eingetragenen Raster.

Maria Mavropoulou, No 5 der Serie „Geometrie des Chaos“ (2014), 150×150, Ausschnitt, digital print.

Stratis Tavlarides, Vorhänge (2014), 2 Bögen feiner handgeschöpftes Papier, jeweils 150×260 cm. Die Muster sind mit einem chirurgischen Messer hineingeschnitten.

Panagiotis Voulgaris: Installation „Monument for the Engaged Touches“, 100 x 600 x 100 cm. Hier wurden 9 km Silberfaden hin und her gespannt. Dafür war nötig: 1500 mal den Weg zurückzulegen, 13 500 Schritte zu machen.

Die Ausstellung findet bis morgen in der kleinen feinen von Künstlern betriebenen Galerie „The Artwall“ im Zentrum Athens statt.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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22 Antworten zu … und die Arbeit unserer Hände

  1. Myriade schreibt:

    Das „Sosein der Welt“, ganz buddhistisch …..

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    • gkazakou schreibt:

      Ja? Gut. Und der Künstler, der voll bewusst interveniert, auf seine Art, voller Respekt seinen eigenen footprint gestaltend.

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      • Myriade schreibt:

        Ja, ich finde Künstler, die mit diversen Materialien experimentieren auch sehr interessant. Derzeit muss es ja in Athen ohnehin künstlerisch paradiesisch zugehen … Fein, dass man auch alles fotografieren darf. Oder darf man etwa eh nicht ?

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  2. Ulli schreibt:

    Ich dachte auch an Marie und ihre feinen Scherenschnitte – sehr gefällt mir das zweite Bild und die Silberfädenarbeit, unglaublich wieviel Arbeit solcherlei macht und dann die Wirkung, die ich ja nur erahnen kann!
    Hab vielen Dank fürs Teilen, liebe Grüsse sende ich dir
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  3. bruni8wortbehagen schreibt:

    oh, was für feine Feinstarbeiten, mit großem Fleiß und Kunstverstehen gefertigt.
    Ich kann gar nicht sagen, welches der Kunstwerke mir hier am besten gefällt, sie sind alle so einzigartig. Ich blieb ja schon beim ersten hängen und bewunderte dieses *Gewebe* auf Papier, das so locker wirkte und so wie Du es beschreibst, wirkt es auch auf mich.
    Nein, ich kann keines dem anderen vorziehen, alle sind gleichermaßen schön und besonders.

    Liebe späte Grüße von Bruni

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Bruni, ich war mir sicher, sie würden dir gefallen. Alle. beim Fotografieren faszinierte mich besonders das Durchscheinende. „Jetzt siehst du alles wie durch einen Schleier…“ Es gab übrigens noch einen „Vorhang“, den konnte ich nicht fotografieren, er war zu fein: er bestand aus kristallinem Kleber, der in feinsten Fäden von der Decke bis zum Boden herabgetropft und erkaltet war. Man ahnte ihn mehr als dass man ihn sah, doch alle respetierten ihn und vermieden, dort durchzugehen, wo er hing.

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        Oh ja,eine Ausstellung, in der meine Fantasie bis zur Decke gehüpft wäre, liebe Gerda!
        Zuerst hab ich nur erstaunt geguckt *g*, aber dann öffnete sich all das Feine und Fantasievolle

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        Wäre es nicht mit einer Gegenlichteintellung gegangen, liebe Gerda?
        Den würd ich ZU GERNE mal sehen. Klingt hoch interessant.

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    • gkazakou schreibt:

      wie wahr! die feinen kleinen Bewegungen, die in allem liegen, die sieht man erst beim wiederholten Hingucken. Leider wird heute abgeräumt. Aber die Werke des Zweiten gibt es, noch mehr davon sogar, in einer bekannten Athener Galerie zu beschauen. Und die des ersten, meines Neffen, kann ich in der Entstehung sehen. LG Gerda

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    • gkazakou schreibt:

      Liebste Bruni, ich hab ein paar Fotos davon gemacht, aber sie geben den Eindruck nicht wieder, der gerade durch die Fast-Unsichtbarkeit erzeugt wird.

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  4. mmandarin schreibt:

    Oh, oh, oh ….wie aufregend….und das so großformatig. Wunderbar…ich gerate ins Schwärmen….kannst du dir ja denken. Danke, Marie

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  5. kopfundgestalt schreibt:

    Ganz aussergewöhnlich!
    Welche Ideen!
    Mir hat auch eingangs das Motto „obsessive Wiederholung“ gefallen. Das ist ja auch vom Minimalismus in der Musik bekannt.
    In letzter Zeit nehme ich Gegenwartskunst viel ernster als früher und so manche Klassiker haben ihren Reiz für mich verloren.
    Durch die Arbeit an meinem Blog habe ich auch selbst wieder angefangen, kreative Ideen ausser in Keramik und Zeichnung in weiteren Materialien künstlerisch umzusetzen und auch von solchen zu berichten.
    Etwa in
    https://wordpress.com/post/kopfundgestalt.com/2117

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  6. kowkla123 schreibt:

    Ideen muss man haben, wünsche einen schönen ersten freien Tag von drei

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  7. afrikafrau schreibt:

    vielen dank, wunderbar faszinierend und anregend……..und motivierend……

    Gefällt 1 Person

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  9. Pingback: Kunst am Sonntag: Verkohlter Wald und der künstlerische Umgang damit (2) | GERDA KAZAKOU

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