Was ich im EMST sah (3) : Botschaften von Maria Lai und Maria Ender

(Documenta 14 in Athen)

Nach dem für mich und vielleicht auch für dich beschwerlichen Bericht über „the Greek way“ möchte ich mit einer Künstlerin weitermachen, die mir sehr gefiel. Vielleicht warst du mal in Sardinien und kennst das Dorf mit dem blauen Band? Es heißt Ulassai und war Heimat einer bedeutenden Frau und Künstlerin. Maria Lai, 1919-2013. Ich war leider nie dort und traf erst jetzt auf ihr Werk, im EMST (Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst).

Ihre Botschaften hat sie oft mit Garn auf ungefärbtes Linnen geschrieben, ganze Bücher und Wandzeitungen voll, Blatt für Blatt. Mir ist, als hätte sie eine internationale Schrift entwickelt, die jeder Mensch versteht – nicht so urtümlich und gewaltig freilich wie die purpurrote Knotenschrift der Chilenin Cecilia Vicuña, sondern moderner, komplizierter, intellektueller.

Manchmal scheinen sich die Botschaften zu verheddern, weit über das individuelle Wort hinaus werden sie zu einem Abbild der sprachlichen Verwirrung, zu Landkarten des Missverstehens….

Trotz aller planenden Vernunft verknäulen sich die Stränge an einem Punkt, unauflöslich scheint das Gewirr der durcheinanderlaufenden Fäden.

Wie schwer ist Verständigung! Wie schmerzhaft oft. Doch der sich immer wieder verheddernde rote Faden läuft hinüber auf die andere Seite, erreicht sie schließlich doch.

Nun, das sind so Gedanken, die mir beim Betrachten kamen. Die ästhetische Wirkung dieser Arbeiten ist ganz unabhängig davon. Schau einmal diese hier an: auf bemalter Holzplatte sind Fäden verspannt und erzeugen bezaubernde Bilder. Man mag an  Webstühle denken und an die Arbeit der Frauen, an ihre Gedanken und Gespräche, die sie beim Weben miteinander tauschen, die sich verwirren und wiederfinden, verknäulen und glätten…

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Eine Art Webstuhl war auch zu betrachten, und er gefiel mir und tat mir wohl, obgleich er  ganz und gar untauglich zum Weben ist.  Vielleicht ist gerade das sein Charme? dass er so ganz aus der Zeit gefallen ist und nun all die Geschichten erzählen kann, die jemals an Webstühlen erzählt wurden?

Und dann dieses Instrument mit seinen blau gefärbten Hölzern, erinnernd an das blaue Band, das die Menschen und Häuser ihres Heimatortes miteinander verband, um alten  Streit zu begraben und sie miteinander zu versöhnen.

Wie sehr mir diese Kunst gefällt! Sie ist freilich nicht eigentlich zeitgenössisch, sondern modern. Sie gehört einer anderen Zeit an, gehört zum Ausdruckswillen des 20. Jahrhundert.

Und so zeige ich hier noch die kleine feine Arbeit einer anderen Künstlerin, die am Beginn des 20. Jahrhunderts steht, dieses einläutend: Maria Ender, geboren 1897 in St. Petersburg, verhungert 1942 in Leningrad (Hunger-Blockade durch die deutsche Wehrmacht). Sie gehört zur „russischen Avangarde“, deren Arbeiten dankenswerterweise von dem in Moskau lebenden Griechen Giorgos Kostakis gesammelt, gerettet und dem Museum für Moderne Kunst in Thessaloniki vermacht wurden.

Dieses kleinformatige Aquarell von Maria Ender, 1921 entstanden, trägt den Titel „Transkription eines Lauts“. Es ist das einzige Werk jener Epoche, das ich im EMST sah.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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12 Antworten zu Was ich im EMST sah (3) : Botschaften von Maria Lai und Maria Ender

  1. Ulli schreibt:

    Ich sag einfach nur DANKE…

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Ich freu mich Ulli, dachte an deine Schnittmuster, an deine Hoffnung auf gute Verbindungen, an gescheiterte Kommunikation…. Kurzum, du warst bei mir, als ich diese Arbeiten sah.

      Gefällt 1 Person

      • Ulli schreibt:

        Oh, das ist natürlich noch viel wunderbarer, dass ich dir dabei so nah war- ich hatte so viele Assoziationen, ich konnte sie gar nicht so schnell fassen, ausserdem fand ich, dass du schon alles gesagt hattest 🙂

        bei dem anderen Beitrag hat es mir dann ganz die Sprache verschlagen, mich macht solcherlei fassungslos und auch wenn ich das vielleicht nicht sagen sollte, aber Solcherlei geht fpr mich gar nicht und wenn, dann nur mit vielen Texten anbei, um Missverständnissen vorzubeugen-

        aber zurück zu den Fäden der Kommunikation, die Hoffnung liegt ja bei allem Verknoten und Verknäulen auf dem roten Faden, der dann doch irgendwo eine Lücke findet, um weiter zu mäandern, wie gerne ich das Ganze einmal sehen würde!

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    • gkazakou schreibt:

      Falls diese Arbeiten im EMST bleiben – was ich nicht weiß – , gehen wir im Herbst hin.

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  2. afrikafrau schreibt:

    wunderbare Arbeiten, bin begeistert, herzlichen Dank Gerda, wie du das für uns hier aufbereitest
    und vermittelst

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, liebe Afrikafrau. Es ist tatsächlich nicht leicht, in dem Gewusel solcher großen zeitgenössischen Kunstschauen den roten Faden zu finden. Insofern ist Maria Lais Arbeit mir eine Hilfe gewesen. 🙂

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  3. tolle Bilder, die gesticktem!!!!!

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  4. Pingback: Griechische Reiseandenken | Philea's Blog

  5. Pingback: Mit Nadel und Faden |

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