3 x Vollmond mit Spiegelung (kleine Beobachtungen, Foto und Wahrnehmung)

Dreimal habe ich heute Nacht – vermutlich gegen drei – den vollen Mond über dem Meer fotografiert. Vor allem die wundervolle Lichtpfütze hatte es mir angetan. Wie aber sah sie „wirklich“ aus?

Beim ersten Bild funktionierte das Blitzlicht, beim zweiten habe ich den Blitz ausgestellt, beim dritten habe ich ohne Blitz gezoomt. Aus den drei unbearbeiteten Fotos habe ich das zentrale Motiv herausgeschnitten, um das Ergebnis zu vergleichen. Zum besseren Sehen bitte anklicken.

Wenn ich die Fotos in Helligkeit und Farbe automatisch korrigiere, sehen sie so aus:

 

Meines Erachtens trifft es No 2 dieser Reihe am besten. Was mich verwundert, ist, dass der Mond bei 1 und 2 unterschiedlich groß erscheint.

Die Fotos 1 und 2, unbeschnitten und automatisch korrigiert (Helligkeit, Farbe).

Man sieht, dass nicht nur der Vordergrund, sondern auch das in der Tiefe liegende Motiv unterschiedlich ausgeleuchtet wird. Wiederum überzeugt mich No 2 am meisten. Denn anders als beim Blitz (No 1) geht die Ausleuchtung in die Tiefe und differenziert auch die Himmelsfarben. Dennoch ist auch No 2 weit von der „Wirklichkeit“ entfernt, die von mir sowohl „dunkler“ als auch „strahlender“ wahrgenommen wurde. Für mein Auge war das Meer mit seiner Lichtpfütze viel näher gerückt, als es auf dem Foto den Anschein hat.

Das menschliche Auge fokussiert eben je nach Interesse und Sentiment. Anders als bei der Fotolinse, die nur das ganze Bild heranzoomen oder entfernen kann, geschieht es beim Auge je nach Interesse und Sentiment gleitend oder hin- und herhüpfend. Einige Abschnitte werden „herangezoomt“, andere ins Dunkle oder in die Ferne gerückt oder ganz ausgeblendet. Die vielen Einzelbilder setzen sich dann im Hirn zu einem dynamischen Gesamteindruck zusammen: Das ist dann das „Bild“, das wir uns von der Realität machen und im Gedächtnis aufbewahren.

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Dem Blau zuliebe (mit Dora)

Einen neuen Anstrich hat das Geländer zur Turmterrasse bekommen. Es war grau und ist jetzt blau. Zu den alten Steinen passt das Blau ja nicht besonders, dafür aber zum Himmel und zu unseren Blusen.

Also will ich nicht meckern, obgleich mir das Grau besser gefiel. Dora aber hat Einwände: „Grau war blöd. Blau geht. Am besten wäre Gelb gewesen!“ behauptet sie und schwenkt ihre Latüchte, die sie zum Superpinsel umgestaltet hat.

„Darf ich gelbe Streifen reinmalen?“ fragt sie.  „Nee, nee“, wehre ich ab, „das wäre denn doch zu …, wie soll ich sagen, also Blau und Gelb zusammen und dann auch noch gestreift, nein, das geht nicht. Mein Geländer wird mir nicht politisiert. So weit kommt es noch!“

 

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Dora zum ZwölftenSiebten: Kunst und Identifikation (Spraybilder, tägliches Zeichnen)

Die Straßen von Kalamata sind eine Open-Air-Galerie: An den Wänden haben einige Künstler und viele Möchtegerne ihre Farbspuren hinterlassen.  Leerstehende Häuser gibt es nämlich genug, auch zahlreiche zerfallende Gemäuer.  Das ist hier so Usus. Geht ein Haus kaputt – zum Beispiel durch ein Erdbeben -, bleibt es so lange stehen, bis sich Feigen und Brennesseln das Objekt einverleibt haben oder sich ein Käufer findet, der es abreißt und ein Hochhaus baut – sofern er das darf. Denn so manches dieser Häuser steht unter Denkmalschutz und sollte eigentlich renoviert werden. Eigentlich. Aber wo ist das Geld?

Andere Häuser wiederum stehen leer, weil Kleinhandel und Kleinindustrie seit Jahren schrumpfen. Am Besten fürs Sprayen geeignet sich die hohen Brandmauern, womit ich die leeren Wände meine,  die die Häuser an den Grenzen zum Nachbargrundstück zeigen. Da stört kein Fenster und auch kein Balkon.

Dora mag die Spraykunst. Ich mag sie gelegentlich. „Guck mal“ kräht sie, als wir an einem Seeräuber vor dramatischem Himmel vorbeikommen. „Nicht schlecht gemacht“, sage ich mit einem Blick über die Schulter …

denn ich stehe vor der gegenüberliegenden Wand, die eine Mona Lisa mit eingeschriebenem Engel zeigt. „Guck mal!“ rufe ich meinerseits.

Dora guckt und kräht: „Nicht schlecht gemacht! Aber der Seeräuber gefällt mir besser. Ich will Seeräuber werden! Werd du meinetwegen Mona Lisa oder ein Engel oder auch beides.“

Hej! Das ist ja eine ganz neue Art der Kunstbetrachtung: Mir gefällt, was ich werden will? Natürlich weiß ich, dass beim Lesen,  im Theater, vor dem Bildschirm immer auch die Identifikation mit den Helden eine Rolle spielt. Wozu sonst lesen die Menschen Romane oder sehen Netflix? Sie möchten in der Fantasie Rollen durchspielen, die sie im wirklichen Leben nicht haben können. Aber bei der Malerei? Will ich etwa ein Bierglas werden, und zeichne es deshalb?

Vielleicht findet Dora meine Zeichnungen langweilig, weil es da nichts gibt, mit dem sie sich identifizieren könnte? Nichts zum Träumen, zum Mitleiden, zum Wünschen?

Aber ist es so?  Dieses Bierglas, das ich heute Nacht zeichnete, transportiert doch auch Seelenstoff, oder? Fühle nur ich die Nacht und das Licht der Stehlampe in dem goldenen Getränk, das leise sprudelt, höre nur ich das Konzert, das aus dem Radio zu mir heraus in die Nacht klingt? Weiß nur ich das halbvolle Glas und die Dose am entgegengesetzten Ende des Tisches zu deuten? Und verbinde nur ich eine Lächeln und Wundern über die fantastische Zeichenkunst in dem Buch („Orwell“, eine Comic-Biographie von Pierre Christin und Sebastien Verdier), das neben mir liegt und das ich gerade zugemacht habe?

 

 

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Montag ist Fototermin: Mond-Sonne-Vergleich

Als ich heute Nacht den Mond über dem Meer fotografierte, hatte ich die Absicht, ein Gleiches am Tage zu tun – natürlich nicht den Mond, stattdessen die Sonne an etwa demselben Ort über dem Meer abzulichten. Ich wollte nämlich zeigen, dass diese beiden Himmelskörper von der Erde aus gesehen den gleichen Durchmesser haben  – eine Tatsache, die mich immer wieder staunen lässt und die merkwürdigerweise ziemlich unbekannt ist. Die riesenhafte Sonne und der recht kleine Mond sind so an unserem Himmel platziert, dass sie uns gleich groß erscheinen.  Für mich ist das eines der schönsten Geheimnisse unserer irdischen Existenz.

Der 3/4 Mond nach Mitternacht

Ja, mach nur einen Plan…. Die Sonne blieb hinter fusseligen Wolken verborgen.

Die Sonne um 19 Uhr

Natürlich ist es nicht genau derselbe Ort – aber immerhin ist es dieselbe Bucht und dieselbe Landzunge gegenüber. So weit, so gut. Aber was wollte ich doch gleich demonstrieren?

Macht nichts – ich schaue einfach mal im Archiv nach, da wird sich schon ein passendes Vergleichsfoto finden. Dachte ich.

Nein, es fand .sich keins. Sonnenuntergänge gibt es da natürlich en masse. Aber die Sonne steht hinter Wolken oder ist bereits zu tief gesunken, der Landschaftsausschnitt ist in jedem Foto anders, bisweilen habe ich gezoomt, dann wieder nicht und dergleichen. Die Äthetik von Sonnenuntergangsfotos verlangt wohl, dass da etwas Rot-Glühendes oder Sanft-Rosig-Verlöschendes passiert, sie verlangt Dramatik und nicht eine einfache runde Scheibe über dem Meer.

 

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Ein paar Daten für Nachrechner:

Durchmesser Sonne :         1.391.400 km

Durchmesser Mond :                 3.476 km

Abstand Erde-Sonne :  149.600.000 km (Mittelwert)

Abstand Erde-Mond :           384.400 km (Mittelwert)

Für Nicht-Nachrechner: Der Sonnendurchmesser ist ca 400 mal größer als der des Mondes. Der Abstand Sonne-Erde ist ebenfalls ca 400 mal größer als der Abstand Mond-Erde. Der Abstand Sonne – Erde geteilt durch 108 ergibt den Sonnendurchmesser, und der Abstand Mond – Erde geteilt durch 108 ergibt den Monddurchmesser.

 

 

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Dora zum ZehntenSiebten: Sokratische Fragetechnik (Tägliches Zeichnen und Collage)

„Findest du nicht, das du jetzt übertreibst?“, kräht mir Dora mit Blick auf meine letzte Zeichnung ins Ohr. Sie – also die Zeichnung – ist heute Nacht entstanden, auf der Turmterrasse unter dem angedickten gelben Halbmond, der sich im Meer spiegelte. Vor dem Schlafen genehmigte ich mit eine Dose Bier. Ich bin ja eigentlich kein Fan von Bier, aber im Hochsommer … Nun, wie auch immer.

Ich sitze also dort am Holztisch, vor mir nichts als eben diese Bierdose. Und eine Tischlampe, die den Tisch, das beiseite gelegte Buch und die Dose beleuchtet. Gelesen habe ich genug. Geguckt auch. Also bleibt noch das Zeichnen.

„Findest du nicht, das du jetzt übertreibst?“, hat Dora soeben gefragt.

„Was meinst du mit Findest du nicht, das du jetzt übertreibst??“ frage ich zurück.

Rückfragen sind eine clevere Strategie. Das hat schon Sokrates herausgefunden, und nach ihm hat sich die ganze Meute der Sprachakt-Theoretiker und Kommunikationswissenschaftler dran gehängt*. Die Sache ist ganz einfach: Wer fragt, beherrscht das Feld. Als Befragte/r befindest du dich hingegen automatisch in abhängiger Position, du musst  „Rede und Antwort stehen“ und dabei die Struktur, die in der Frage vorgegeben ist, korrekt ausfüllen.  Du kannst die Frage, wenn du kein abhängig Beschäftigter oder Schüler, sondern eine Autorität bist,  natürlich auch rüde zurückweisen. oder dich elegant zurücklehnen und …. zurückfragen.

„Was ich damit meine?“ Dora rennt direkt in die aufgestellte Fragefalle. „Ich meine damit, dass immer nur leere Dosen zu zeichnen, langweilig ist.“ – „Und was wäre deiner Meinung nach spannender?“ frage ich zurück.

Dora stutzt. Sie denkt nach. „Den Mond über dem Meer vielleicht?“ – „Und was wäre am Mond über dem Meer spannender als an der Dose auf dem Tisch?“ frage ich zurück.

Jetzt ist Dora sprachlos. Anstatt mich zu verteidigen, muss sie ihren Vorschlag begründen. Ich lehne mich bequem zurück. Dora wird mir das Denken abnehmen. In der Zwischenzeit kann ich meine Zeichnung zu Ende bringen.

„Mond über dem Meer ist auch blöd,“ meint Dora schließlich kleinlaut. Um gleich lebhaft hinzuzufügen: „Du könntest ja mich mal zeichnen!“ – „Und du meinst, das würde die Kunstwelt mehr interessieren als die Dose?“

„Die Kunstwelt vielleicht nicht!“ kräht Dora nun in alter Selbstherrlichkeit. „Aber mich! Und deine Leserinnen und Leser bestimmt auch!“

„Na, geht doch!“ meint sie zufrieden, die fertige Zeichnung betrachtend. „Mit Farbe wäre es freilich besser.“

 

 


*Ich habe nach einer zeitgenössischen Darstellung der sokratischen Fragetechnik gegoogelt und fand das folgende in einem Bank-Blog  ganz aufschlussreich:

 Die Grundmuster:

1. Klärendes Denken und Verstehen

  • Können Sie mir ein Beispiel geben?
  • Könnten Sie das weiter erklären?
  • Meinten Sie X?
  • Was ist das Problem, das Sie zu lösen versuchen?

2. Anspruchsvolle Annahmen

  • Ist das immer so?
  • Setzen Sie X voraus?
  • Stimmen Sie dem X zu?
  • Wenn das für ein X gilt, gilt das für alle X?

3. Untersuchen von Beweismitteln und Gründen

  • Warum sagen Sie das?
  • Woher wissen Sie das?
  • Welche Daten unterstützen dies? Warum?

4. Berücksichtigung alternativer Standpunkte und Perspektiven

  • Gibt es Alternativen?
  • Wie sieht die andere Seite des Arguments aus?
  • Was macht Ihre Sichtweise besser?
  • Was würde X dazu sagen?
  • Können Sie an Fälle denken, in denen das nicht stimmt?

5. Berücksichtigung von Folgen und Konsequenzen

  • Was wären die Folgen?
  • Gibt es irgendwelche Nebenwirkungen?
  • Was, wenn Sie falsch liegen?
  • Wie können wir es herausfinden?
  • Wenn das wahr ist, bedeutet das, dass X auch wahr ist?
  • Was sollten wir dazu noch überlegen?

6. Meta-Fragen

  • Was denken Sie, warum ich diese Frage gestellt habe?
  • Was bedeutet das?
  • Was könnte ich sonst noch fragen?
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Impulswerkstatt Bild No 1: Rom brennt

Einladung zur Impulswerkstatt Juli-August

Sie stehen ruhig da, gebannt von einem schaurig-schönen Anblick: Rom brennt.

Nein. Das war damals, zu Neros Zeiten. Der Kaiser selbst habe die Stadt angezündet, hieß es, um sich an den Flammen zu delektieren und die Schuld den Christen zuzuschieben. Die alte Welt ging zugrunde, Stück für Stück, Brand für Brand, und es dauerte Jahrhunderte, bis sich eine neue aus der Asche erhob.

Nein. Es ist heute. Rom brennt. Ein Park sei es, der brennt, und der Anblick ist verstörend. Dicker schwarzer Rauch füllt den zartblauen römischen Himmel. Mich schaudert es wie immer, wenn ich Brände sehe. Nun aber gerade in Rom. War ich nicht eben noch dort, unter diesen Bäumen? Sagte ich nicht: solange diese Bäume stehen, diese hochstämmigen Pinien mit den breiten Kronen, diese Alleen mit den Magnolien in voller Blüte, diese hochragenden Zypressen, diese zartnadligen breit ausschwingenden Zedern …  ist Rom schön und bewohnbar?

Betrachtet das Paar auf dem Bild den Weltenbrand, dessen Vorboten, wie jetzt auch in Rom,  hier und da und überall aufflammen und züngeln?

***

Ich weiß, liebe Myriade, dass dein Foto keinen Weltenbrand zeigt und auch kein brennendes Rom. Du hättest es so nicht aufgenommen, und das Paar hätte auch nicht so ruhig einander zugewandt, so liebevoll in der Nacht gestanden und geschaut. Vielmehr wäret ihr alle gerannt, um zu helfen, den Brand zu löschen, bevor er euer Haus verzehrt. Was sich da unten abspielt, dies feurige Inferno, ist nur eine Vorspiegelung, eine Inszenierung, ist Schein. Wir brauchen nicht zu rennen und zu retten. Alles wird gut.

 


Dies ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt.

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Kaffeemaschine

Als Liebhaberin des „Türkentranks“  konnte ich an dieser Kaffeemaschine aus einer Zeit, als es noch keinen Strom gab (?), nicht vorbeigehen, ohne sie abzulichten. Die Spiegelungen im Schaufenster machen den Gegenstand der Begierde schlecht erkennbar.

Und so traue ich mich kaum zu fragen: Wieviele Tassen gehören zur Maschine und ergo: wieviele Kaffeegetränke kann dieses Wunderwerk gleichzeitig produzieren?

Im Kopfstück mit dem Adler sind es zwei.

Bei diesem Foto ging es mir um die Spiegelungen, Reflexe, Brechung der geraden Linien, die sich aufzulösen scheinen.

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All you need (John Lennon)

Gestern schlich ich ziemlich durchschwitzt und matt von einem Zahnarztbesuch zum Parkplatz. „Ich könnte jetzt ein kühles Getränk in einem schattigen Cafe brauchen“, dachte ich, wenngleich ich mit meinem von der Betäubungsspritze entstellten Mund nicht mal einen Strohhalm würde halten können. Aber wünschen konnte ich es mir doch, oder?

Das  Spraybild an der Wand verwarf meine Wünsche. „Alles was du brauchst, ist Liebe,“ verkündete es apodiktisch.

„Bist du sicher?“ fragte ich ihn. „An Liebe habe ich ja grad keinen Mangel, wohl aber an Kühlung.“

Mit großem klugem Auge schaute er auf mich. Ich schaute zurück. Ich denke, wir haben uns verstanden. Manchmal ist ein Schluck sauberes kühles Wasser wichtiger als alles andere. Liebesbeteueungen machen da keine Ausnahme. …

Was anderes ist es natürlich, wenn aus der Liebesbeteuerung entsprechende Handlungen fließen. Dann ist Liebe tatsächlich nährend … und kühlend oder wärmend, je nachdem.  Imagine!

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Bierdosen etc (Dialog mit Dora über die Gegenstände der Kunst, tägliches Zeichnen)

Dora: „Hast du es nicht irgendwann mal satt, tagtäglich Gläser, Teller, Flaschen und neuerdings auch Bierdosen zu zeichnen?“

Ich: „Nein, ehrlich gesagt habe ich es nicht satt.“

Dora: „Was findest du denn daran so spannend?“

Ich: „Es gibt da eine große Formenvielfalt, Schatten, Spiegelungen – was immer du willst. Ich kann die Dinge so hinstellen, wie es mir gefällt, und habe stets neue Kompositionen vor Augen.“

Dora: „Ich glaube, du machst das nur, weil du keine Lust hast aufzustehen. Du bist zu bequem.“

Ich: „Und was ist schlecht daran, Dora? Soll ich etwa rumrennen auf der Suche nach Motiven, wenn ich sie schon vor mir auf dem Tisch stehen habe? Das Gute ist: sie stehen wirklich und fliehen nicht wie die Katzen, fliegen nicht weg wie die Wespen und Schmetterlinge…“

Dora: „Du kannst eben nur totes Zeug zeichnen. Wenn sich was bewegt, gibst du auf.“ –

Ich: „Na ja, manchmal mag ich tatsächlich gern, dass etwas an seinem Platz bleibt, solange ich es zeichne. Daran ist nichts Verwerfliches. Große Künstler vor mir haben es auch so gemacht. Einer namens Giorgio Morandi (1890-1964), ein Italiener aus Bologna, brachte es fertig, sein Leben lang nur Töpfe und Flaschen und so was zu malen. Dabei folgte er der Auffassung von Paul Cezanne (1838-1906), seinem großen Vorbild: Grundlage der Malerei ist das Zeichnen und Voraussetzung die Unterordnung unter den Gegenstand. Der Gegenstand hat das Sagen – nicht der Künstler. Ihn gilt es zu studieren. Dabei ist es ziemlich egal, um welchen Gegenstand es sich handelt.“ – Dora: „Und? Hast du deine Bierdosen und Plastikflaschen jetzt genug studiert?“ – Ich: „——„.

Ich: „Schau mal, ich zeige dir mal ein paar meiner Zeichnungen von Stillleben, wie man das auf Deutsch nennt. Im Griechischen oder Französischen heißt es tote Natur, was mir eher nicht gefällt. Es kommt gar nicht so sehr auf das Was an, viel wichtiger ist, dass man die Gegenstände ernst nimmt, egal was es ist, und dass man an ihnen seine Wahrnehmung und seinen Stil schult. Besser eine gut gezeichnete Wasserflasche als eine schlecht gezeichnete Vollblutstute.“

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Dora: „Schon gut! Ich habe verstanden, was du sagen willst! Zum Glück denken nicht alle so wie du und dein Moretti …“ – Ich: „Morandi, Giorgio Morandi heißt er“ – Dora: „Meinetwegen. Gut, dass nicht alle so gedacht haben wie du und dein Morandi, denn sonst gäbe es auf den Plätzen von Rom nur Wasserflaschen und Bierdosen  und keine Vollblutstuten.“

Ich seufze.  Wie jeder Rom-Besucher weiß, gibt es auf den Plätzen von Rom und am Ufer des Tiber oder sonstwo in den römischen Prachtstraßen weit mehr Wasserflaschen und Bierdosen als edle Perde zu besichtigen. Aber ist das Kunst? Ist das nicht vielmehr Wohlstandsmüll? Oder ist es vielleicht beides, je nachdem?

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Dora zum AchtenSiebten: Im Pantheon (Geschichte)

„Was machst du da?“ fragt Dora, meine Lektüre* unterbrechend, mit etwas quengeliger Stimme und gähnt. „Bist du müde?“ frage ich zurück. – „Ja. All dieses Herumgereise und Herumgelaufe in Museen und Galerien und dies Ach schau mal vor allem, was irgenwie alt ist…“ – „Aber es macht dir doch auch Spaß?“ frage ich. „Ja, schon. Nur weiß ich hinterher nicht, was ich davon halten und behalten soll. Ich bin ja nur ein winziges Jahr …“

Die letzte Reise hat bei Dora eine neue Nachdenklichkeit hinterlassen. Sie wird sich ihres Beginns und Endes bewusst, sie ordnet sich ein und bemerkt, dass ihr Hier und Jetzt nicht alles ist. Kurzum, sie beginnt, ihre Existenz zu relativieren. Solange sie hier bei uns in der ländlichen Provinz, unter Katzen und Blumen, zwischen den erhabenen Bergen und dem ewigen Meer ihre Erfahrungen sammelte, hatte sie nie solche Anflüge von Selbstwert-Unsicherheit. Rom hat für sie erstmals den Sack der menschlichen Geschichte weit geöffnet. Da steht sie nun winzig neben der Übermutter Roma im Pantheon und hält tapfer ihre Fackel hoch. Doch deren Strahl dringt nicht bis in die Höhe der alten Mutter.

im Pantheon, Rom

Was soll ich ihr sagen? Dass Zeit eine Illusion ist, weil alles in der zeitlosen Dauer (Ewigkeit) aufgehoben ist? Dass der gelebte Moment das einzig Wirkliche ist, weil nur er die Kraft hat, etwas zu bewirken? Dass Größe sich bemisst an der Ausdehnung und wohl auch an dem Inhalt, dem Streben, der Helligkeit des Bewusstseins – und nicht an Maß und Zahl?

Du, liebe Dora, bist als Zahl geboren, eine schöne, eine besondere Zahl zwar, Anno Domini 2022, aber eben nur eine Zahl, und so wärest du tatsächlich zu einem kurzen unbedeutenden Leben verdonnert, wenn …. ja wenn du es nicht schaffst, deine eigene Begrenztheit zu transzendieren. Halte nur den Suchscheinwerfer deines Geistes tapfer dem ewigen Licht entgegen, so wird es dir vielleicht gelingen.

im Pantheon, Rom

*Ich lese grad in Umberto Ecos Sulle spalle dei giganti (Auf den Schultern von Giganten), 2017 bei Nave di Teseo (Schiff des Theseus) verlegt und 2018 bei Ellinika Grammata in griechischer Übersetzung erschienen.

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