Junges Grün unter alten Oliven (zu „Winter“ bei Steinegarten)

Der Impuls, den „Steinegarten“ mit ihrem Winter-Projekt setzt, ist persönlicher Art. „Was ist Winter für mich?“ Mir fällt dazu ein: Der Herbstregen, wenn auch recht spärlich, hat frisches Grün auf den Terrassen der Olivenhaine hervorgetrieben. Der junge Klee leuchtet smaragden im Licht und bildet einen schönen Kontrast zum Oliv-Silvergrün der Bäume. Der lichtblaue Winterhimmel gehört natürlich auch unbedingt dazu.

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Welttheater 2023 (2.Januar, Debüt fortgesetzt)

Auch die übrigen Darsteller sollen ihre Chance für ein Debüt bekommen, wünschen einige Leser. „Mal sehen, wie wir’s am besten machen. Wir wäre es, wenn wir immer zwei auf die Bühne bringen?“, schlägt Dora vor. „Wer war denn als nächste dran?“ –

Diaphania, die Transparenz, tritt auf.

Unter dicken Schichten der Täuschung

liegt Wahrheit verborgen,

Kratzt du, riskierst du Enttäuschung

und ernsthafte Sorgen.

 

Doch das soll dich nicht erschrecken

die Wahrheit ist’s wert

Zu suchen, was sie verstecken

ist niemals verkehrt.

Schurigel, der Angstmacher, erscheint.

Schurigel:

„Der Mensch versuche die Götter nicht
und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen“.

So sprach schon Schiller, so spreche auch ich!

Was hinter dem Vorhang, ist fürchterlich

Was kommt, ist schrecklich, ist Krankheit und Not,

 Und wenn du nicht aufpasst, dann holt dich der Tod!

 

Diaphania hebt ihre Lupe und beäugt Schurigel:

Du bist ein aufgeblasener Wicht,

das seh ich klar

Du glaubst selbst deine Worte nicht

sie sind nicht wahr.

Diaphania geht ab. Wilhelm, der Überlebenskünstler, erscheint.

Wilhelm:

Ich hört dich reden, guter Mann, und dank dir sehr!

Zwar gibt es Leut, die ungern hören, was du sagst,

Doch ich bin hier und hörte sehr gern mehr

So fahr nur fort, Verehrter, wenn du reden magst.

Schurigel:

Klug bist du, Gesell, und ich schätze dich sehr

ich wollt es gäb deiner Sorte weit mehr

du hörst auf die Zeichen, du kennst die Gefahr

du rüstest dich aus für zumindest ein Jahr.

Wilhelm:

Genau, genau! Ich bin gut vorbereitet

und wenn die dumme Menschheit auch bestreitet

dass Unheil kommt und Hungersnot

Ich kenne der Vernunft Gebot.

Schurigel geht ab. Danai, die Bittstellerin, erscheint.

Wilhelm: 

Was willst denn du? Wir haben nichts zu geben.

Danai:

Ach Herr, ich fürchte um mein Leben!

Erst wars das Haus, das ich verlor, und auch den Schatz

den ich gesammelt hab für schlimme Zeiten

Doch dann begann die große Hatz

und ach, das große Streiten.

So musst ich fort,

von meinem Ort

Bin hier

Dank dir

für ein Stück Brott.

Vergelts dir Gott.

Wilhelm.

Na gut, so nimm ein halbes Brot

Und dann zieh weider

Weil hier jetzt auch der Hunger droht

So ist das leider.

Wilhelm geht ab. Spaziergänger ziehen vorbei: Mann, Frau, Kind und Hund. Sie sind im Stück nur als Statisten vorgesehen und haben auch weiter nichts zu sagen.

Danai geht ab. Clara, das spielende Kind, erscheint.

Clara:

Grüß Gott, ihr lieben Leut!

Ein schöner Tag ist heut!

und euer Hund,

der Kunderbunt,

erfreut.

Auch ich bin herzlich froh

grad jetzt und sowieso

und wenn ihr wollt

mein Ball der rollt

hallo!

Wie heißt denn euer Kind?

Mag es wohl Pfeffermint?

Ich habe was

drum sag ich das.

Wer wagt, gewinnt!

Die Spaziergänger samt Hund gehen ab, ohne Clara zu beachten. Jenny, TheKid, taucht auf.

Clara:

Magst du mit mir spielen?

Jenny:

Ach du? Warum nicht?

Bist zwar ein Leichtgewicht,

ich gewinne dich glatt

gleich biste schachmatt.

Los, schmeiß schon mal her

ich schmeiß gleich zurück

Hast du vielleicht ein Frühstück?

Mein Magen ist scheißleer.

Clara: 

Da haste mal Glück!

Komm her, ich hab noch ne halbe Banane

und einen Becher Joghurt mit Sahne.

Meine Mama gibt mir immer was mit

auch doppelt, wenn ich sie drum bitt.

Die beiden hocken sich zusammen, essen, reden und spielen mit Claras Ball.  Als Jenny aufbrechen will, erscheinen: Jonas, der Weltraumforscher, die Spirits Ma, Lu, Ro und Wa, der neue Mensch Humunkulus und Hera, die Göttin.

Hera:

Guten Morgen, Jenny, schon gefrühstückt?

Humunkulus:

Warte mal, Jenny, ich kann nicht so schnell, bin erst im Werden!

Jonas:

Rat mal, was ich dir von der Beteigeuze mitgebracht habe, Jenny!

Spirits (im Chor):

Wir sind auch da! Ma-Lu-Ro-Wa hurra!

Man sieht, Jenny ist ziemlich populär und hat viele Helfer. Also brauchen wir uns um sie keine Sorgen zu machen.

Nun haben alle ihren ersten Auftritt gehabt, und der Vorhang kann fallen. Gute Nacht!

O, auf der jetzt leeren Bühne erscheint doch noch eine Gestalt: Luise, das Traumwesen! Natürlich, ich habe es glatt vergessen.

Luise:

Träume sind Schäume

Schäume und Tand

träume und schaue

was unter dem Strand

unter den Wellen

dem Strauch und dem Sand.

Jenseits nun baue

vergiss jetzt, du Schlaue

mal deinen Verstand

Traue dem Schäumenden

vertraut nur dem Träumenden

lass dich versorgen

wenn du dann ausgeträumt

ist dein Haus aufgeräumt

und es ist Morgen.

 

Der Vorhang fällt. Gute Nacht für heut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Welttheater 2023: Die ersten sieben Auftritte plus ein vermasselter Auftritt

Auftritt Domna, die blinde Poetin.

Das Alte Jahr, ganz pünktlich ist es um

Auf ging der Vorhang für das Neue Jahr

Und in dem Saal sitzt stumm das Publikum

Was wird? Ist jetzt gebannt wohl die Gefahr?

 

So fragt es sich. Doch wer spielt auf den Bühnen

Wenn nicht du selbst, die dieses Spiel ja schreibt?

Bist du’s nicht selbst, der unsre Welt lässt grünen

Der Frieden schafft und uns in Kriege treibt?

 

O Freund, o Freundin, lass uns all zusammen

das Neue Jahr in Frieden schön gestalten

dass es nicht gar verbrennt in Krieges Flammen

und nicht regiert wird von den Nachtgewalten.

Domna tritt ab.

Auftritt Ungur, die Fragende:

Was soll mir Hoffen, warum sollt ich bangen?

Die Wahrheit such ich hinter der Erscheinung.

Wenn du nicht suchst, zur Wahrheit zu gelangen

Bleibt alles Spuk und subjektive Meinung.

Drum hör nie auf, all das, was dir geschieht

Mit Fragen nach dem Wo und Wann, Warum

Und Wer das tat und Wer ihm dazu riet

Zu löchern, denn sonst bleibst du dumm.

Ungur tritt ab.

 Auftritt Tschinn, der Macher:

Ich bin der Tschinn, der Macher

Ich packe an, ich schaffe, tu

Auf meiner Seite sind die Lacher

Wie ich es mache, mach’s auch du!

 

Wer zu viel fragt, wer immer wartet

Dass alles sich von selbst erledigt

Wer niemals selbst zu Taten startet

Stattdessen Ruh und Frieden predigt

 

Den wird es balde kalt erwischen

Der wird verlassen sein und arm

Du musst schon selbst die Karten mischen

Sonst Gnade dir und Gott erbarm! 

Tschinn tritt ab

Auftritt das Paar, Yin und Yang.

Du weisst, wir bleiben einsam: du und ich,
Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
Mit freien Kronen, die der Seewind streift;
So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
Und zwischen beiden webt ein feines Licht
Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin.

(Dies ist kein eigenes Gedicht, es stammt von Paul Wertheimer, Seelen, aus: Neue Gedichte, 1904. Yin und Yang sahen es heute bei Christiane und fanden es für ihren ersten Auftritt passend.)

Yin undYang treten ab

Auftritt Isolde, die Hedonie.

Freude, Wonne, in der Liebe

In dem Spiegel deiner Augen

Funkelt mir das All entgegen

Eine bin ich mit dem Ganzen

Nichts kann mich von dir entfernen

Denn Eins sind ich, du und alle

Meine Lippen wolln dich küssen

Meine Schenkel dich umfassen

Und mein Herz will nur dich schlürfen

 Diesen reinen süßen Trank

Deinen Atem will ich trinken

Will in deinem Hauch versinken

„Sind es Wogen
wonniger Düfte?
Wie sie schwellen,
mich umrauschen,
soll ich atmen,
soll ich lauschen?
Soll ich schlürfen,
untertauchen?
Süss in Düften
mich verhauchen?
In dem wogenden Schwall,
in dem tönenden Schall,
in des Welt-Atems
wehendem All —
ertrinken,
versinken —„
unbewusst —
höchste Lust!“

(Wie du vielleicht erkannt hast, geht der Gesang der Hedonie in den der Isolde über, als sie sterbend hinsinkt. Libretto von Richard Wagner )

Isolde tritt ab

Auftritt Jerma, die Sowiedu.

Wo seid ihr, ihr andern? Ich bin so allein!

Wer bin ich, wenn ich euch nicht hab?

Ich möchte so gerne geliebt von euch sein

Ihr seid mir der Trost, ihr seid mir der Stab!

 

Sehr gern werd ich grün, wenn das Grün euch behagt

Was zählt ist allein, dass ihr andern mich liebt

Ich werde auch blau oder rot, wenns gefragt

Denn ihr seid mein Alles, so wahr es mich gibt!

Jerma tritt ab

Auftritt Hera, die Göttin.

Friede sei an allen Küsten

lasst uns die Welt von Krieg befrein!

Kommt her und saugt an meinen Brüsten

die euch Unsterblichkeit verleihn!

Ich geb euch Nahrung, geb euch Quellen

denn darben sollt ihr wirklich nicht.

Doch dürft ihr nicht die Bäume fällen

Auch fordere ich Fleischverzicht.

 

Die Tiere sind mir tief verbunden

Sie schütze ich, sowie auch dich

Ich mag es nicht, wenn sie geschunden

Wenn du sie tötest, triffst du mich!

 

Ich bin die Göttin, die vor Zeiten

ihr habt von ihrem Thron gestürzt

Die Rückkehr sollt ihr mir bereiten

sonst wird das Leben euch verkürzt

 

Ich geb dir alles, doch verlange

ich stets Respekt vor Baum und Tier

so du den hast, sei dir nicht bange:

Mit Gotteskraft steh ich bei dir.

Hera  tritt ab

Auftritt Diaphania, die Transparenz

….

Hier schaltet sich Dora ein. „Sag mal, spinnst du? Willst du alle 17 Typen auftreten lassen, damit sie ihr Sprüchlein daherbeten? Die Zuschauer – und sicher auch die Zuschauerinnen – werden sich zu Tode langweilen, wenn das so weiter geht. Sie verlangen Handlung, Action! Also lass dir was einfallen, ja?“

Erschrocken lasse ich den Vorhang fallen, bevor Diaphania ihr Sprüchlein loswerden kann. Dora hat wahrscheinlich recht.  Ich werde mich mit ihr beraten müssen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jahresbeginn zwischen gestern und morgen.

Am Ersten Januar ist, seit ich hier lebe, immer Wunderwetter. So auch heute. Das Meer durchscheinend klar und nur geringfügig bewegt, sehr leichtes Geplätscher, dann absolute Stille. Sogar das Meer hält den Atem an vor so viel lichter Schöne.

Auf der lichtvollen Fläche schaukeln sich Schatten, leichte und schwere.

Es sind Zypressen und andere Bäume, die von hoch oben ihren Schatten hinab aufs Meer werfen.

Hat sich Alfred Böcklin von einem solchen Motiv zu seiner „Toteninsel“ inspirieren lassen? Es gibt viel Spekulation um den Ort, der Böcklin vor Augen geschwebt haben könnte.

 

Dritte Version der „Toteninsel“, Öl auf Holz, 1883, Alte Nationalgalerie in Berlin

Zurück gehe ich über einen Pfad, den ich oft mit Tito trottete. Ach, Tito, denke ich, nicht mit Schmerz, aber mit einer Melancholie, die einen befallen kann, wenn jemand, den man lieb hat, nicht mehr da ist, um die Schönheit des Tages mit einem zu teilen. Und schon ist er da, springt vor mir her, und bei ihm ist eine andere…

Da also, denke ich. Sie sind alle da, auch wenn wir sie nicht sehen.

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Das Welttheater bekommt eine Regieassistentin

Es ist weit nach Mitternacht – Silvester ist vorbei und alle Feuerwerke, die über Kalamata hochgingen, sind erloschen. Auch ich bin entschlossen, ins Bett zu gehen und das Neue Jahr erst mal Neues Jahr sein zu lassen …, da höre ich ein leises „pssst“ und „hej du!“. Dora! Das kann nur Dora sein.

Aber wo ist sie? Ich sehe sie nicht.  „Ich soll nicht mehr auf die Bühne“, flüstert ihr Stimmchen nun. „Der olle Chronos, der die Jahreszahlen verwaltet, sagt: Deine Zeit ist um und basta! Aber von unten, von der Erde, kam ein Geheul und mächtiges Feuerwerk: ‘Wir wollen Geschenke! Wir wollen Dora!’ Da lässt er sich erweichen und spricht zu mir (pardon, er kann nicht anders, er muss immer reimen)*:

Du bist ja nun sehr welterfahren

Und gereift in deinen Jahren

So geh nur hin als Assistent

Für die sich Dramaturgin nennt

Des Welttheaters, welches dort

Auf Erden spielt in einem fort.

Geh hin und hilf ihr, dass die Sachen

Welchselbe manche Menschen machen

Nicht etwa gar den großen Plan

Ganz werfen raus aus seiner Bahn.

Denn Freiheit, die der Gott gegeben

damit die Menschen selbst erleben

was Wille und was Tugend ist

hat im Gefolge manchen Mist.

So pass du auf, dass alles geht

wie es korrekt im Drehbuch steht.

„Ich höre also“, fährt Doras Stimmchen fort, „dass ich wieder runter darf zu dir, und zwar als deine Regieassistentin. Auf die Bühne darf ich nicht mehr, sagt der Alte. Aber weißt du was? Nicht nur die Jahreszahlen ändern sich, auch die Machtverhältnisse bleiben nicht immer die gleichen. Man wird sehen, was noch kommt. Was meinst du? Willst du mich engagieren?“

Natürlich will ich, zumal Dora in der Zeit ihrer kurzen Abwesenheit einen echten Entwicklungssprung gemacht zu haben scheint. Sie war halt bei den Göttern, da lernt man schneller als hier auf Erden.

„Ja!“ rufe ich also begeistert und schlage mein Auge dankbar zu Gott Chronos auf.  „Dora, hilf mir bei dieser Regie! Werd meine Regieassistentin!“

Über die Begegnung Doras mit den Göttern versuchte ich mir ein Bild zu machen (ich weiß, ich weiß, das soll man ja eigentlich nicht). Ich hoffe, du siehst Dora rechts unten zu Füßen von Gott Hermes.

In den Hallen des Chronos (ΧΡΟΝΟΣ) ist nicht alles auf dieselbe Weise durchgetaktet wie bei uns Menschen. Zeit ist eben ein kompliziertes Ding, und der göttliche Chronometer geht anders als unser irdischer.

Chronos (ΧΡΟΝΟΣ) nimmt ein menschliches Gesicht an, als er mit Dora spricht. Warum er mit einer  Karte mit kyrillischen Ortsbezeichnungen maskiert ist? So waren die Schnipsel halt, die mir Susanne Berkenkopf im Mai 2020 schenkte. Es wird schon nichts bedeuten.

Auf jeden Fall bin ich erleichtert, dass ich nun eine Regie-Assistentin habe, mit der ich gern zusammenarbeiten werde. Gute Beziehungen unter Kolleg*innen sind doch das A und O.

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*Anm.: Die hier regelmäßig Mitlesenden wissen, dass Geschenke auf Griechisch Dora (δώρα) heißen. Und da Chronos ein griechischer Gott ist, sprechen die beiden natürlich Griechisch miteinander. Die wörtliche Rede von Gott Chronos ist daher eine etwas unbeholfene Übersetzung ins Deutsche.

 

 

 

 

 

 

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Schnipsel von Lisa: Artistenfamilie

Als ich heute, am letzten Tag des Jahres, nichts ahnend unsere Taverne betrat, die uns als Postadresse dient, wurde mir ein schön frankiertes Mini-Päckchen aus Berlin ausgehändigt, Darin eine Tüte mit bunten Schnipseln und ein Büchlein der Autorin selbst, Ruth Lisa Knapp. Freude! Zumal ich überhaupt nicht mehr damit gerechnet hatte, noch einmal neue Schnipsel zu erhalten.  Danke, Lisa!

Kaum hatte ich die Schnipsel auf dem schwarzen Eisentischchen ausgebreitet, ordneten sie sich wie von selbst zu einer kunterbunten Artistenfamilie, die Silvester-Ausgang hat. Ob sie wohl das Feuerwerk anschauen werden, das Punkt Mitternacht über Kalamata aufgehen wird?

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Zum Jahreswechsel: Dora segelt durch die Symplegaden

Mit Dora an Bord wird das Schifflein namens 2022 sicher durch die Symplegaden und ins unbekannte Meeresgebiet von 2023 gelangen. So denke ich, so hoffe ich.

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Du weißt nicht, was die Symplegaden sind? Nun, es sind die „Zusammenstoßenden“. In alten Zeiten nannte man so die zwei Felsen vor dem Bosporos, die nicht wie andere Felsen am Boden festsaßen, sondern frei beweglich waren. Wenn sie aufeinander zutrieben, schwollen die Wellen dazwischen gewaltig an und es bildeten sich Studel, die die Schiffe verschlangen. Manchmal trieben sie auseinander, dann war ein Durchkommen zwar möglich, aber immer noch brandgefährlich. Die Symplegaden sorgten dafür, dass Europa und Asien getrennt blieben, soweit es den Schiffsverkehr betraf.

Das blieb so, bis die Argonauten kamen, um das Goldene Vlies aus Kolchis am Schwarzen Meer zu rauben. „Zurückzuholen“, sagten sie, aber ich bin mir da nicht so sicher. Die Westler haben eine manchmal sehr merkwürdige Auffassung von Reconquista, „Rückeroberung“.

Wie dem auch sei.

Jedenfalls schickten die Argonauten klugerweise eine Taube los, um zu testen, ob ein Durchkommen durch die Symplegaden möglich sei. Die Taube schaffte es, unter Zurücklassung von ein paar Schwanzfedern. Also trauten sich auch unsere Helden und schafften es, mit ein wenig Anschupsen durch Athene, ihr Boot sicher hindurchzubringen. Mit List, Verrat und Mord setzten sie sich dann in den Besitz des Goldenen Vlieses. Die Helios-Tochter Medea half ihnen dabei, weil sie Jason liebte. Als er diese Liebe verriet, brachte sie die gemeinsamen Kinder um.

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Immer noch, bis heute, ist das Verhältnis zwischen Asien und Europa schwierig. Wieder einmal trennen sie sich und stehen sich verständnislos-feindselig gegenüber.  Schön wäre es ja, wenn im kommenden Jahr Friedenstauben hin und herflögen, unbehindert und ohne den Hintergedanken, dass sie den Weg freimachen für Eroberung, Plünderung und „Werteexport“. Um diesen Wunsch zu unterstreichen, gieße ich Friedenstauben aus dem Blei, dass die Kriegsherren viel lieber in menschliche Körper versenken würden.

Ein frohes friedliches Neues Jahr 2023!

 

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Ein Jahr mit Dora …

Noch nie wurde mir der Abschied von einem Jahr so schwer wie dieser. Schuld ist Dora. Ein Jahr lang hat Dora mich begleitet, beglückt und beschenkt. Um sie zu ehren, gehe ich die zwölf Monate und 365 Tages des Jahres noch einmal durch. Wer war sie? Was hat sie mir gebracht?

Unmöglich kann ich all das wiederholen, was Dora mir brachte. Nur eine winzige Stichprobe aus jedem Monat werde ich nehmen und sie mir anschauen.

Am 1.1.2022 tritt Dora in mein Leben. Ich bin noch zögerlich, weiß sie nicht recht einzuschätzen. Aber euer Zuspruch, liebe Kommentierende, ist eindeutig: Dora ist ein Schatz.

8.1.2022. Eine Woche später ist mein Dora-Verständnis mächtig gewachsen. Auch im Kleinen liegt Größe! So lehrt sie mich.

Und so wächst von Tag zu Tag mein Verständnis, wer oder was Dora ist. Dennoch gibt es auch immer wieder Überraschungen.  So, als sie mir – es ist der 21.2. – deutlich macht, dass auch eingefleischte Schenkerinnen für ihre Gaben gelobt und gepriesen werden möchten.  „Und ich?“ schreit sie empört, weil ich es versäumt habe, ihr für ihre grandiosen Geschenke gebührend zu danken. Das tue ich dann geflissendlich – und sie hüpft zufrieden auf meine Schulter.

Manchmal begreift Dora nicht sofort, was ich mit meinem Gerede meine, aber dann verarbeitet sie es auf ihre einzigartige Weise und hilft mir, meine eigenen Worte besser zu verstehen. So wie hier nach einem Gespräch darüber, was Einzigartigkeit bedeutet.

28.4.22. Doras Vertrautheit mit Tieren ist für mich immer wieder eine schöne und verblüffende Erfahrung. So hat die scheue Prinkipessa kein Thema mit Dora: sie darf ihr und ihren Kleinen nahekommen, ich aber nicht. Warum wohl? Diese Kleinen sind übrigens inzwischen die Großen, und neue Kleine wurden geboren – ts, ts, wie schnell die Zeit vergeht.

7.5.22. Dora muss in ihrem kurzen Leben vieles lernen, und durch ihren Lernprozess, diesen begleitend, lerne auch ich. Zum Beispiel, was es mit dem Vergleichen und dem Wachstum und der Relativität auf sich hat. Schrumpfe ich etwa, weil ein anderer, mit dem ich mich vergleiche, wächst? Werde ich ärmer, weil ein anderer reicher wird? Werde ich dümmer, weil ein anderer schneller lernt als ich?

26.6.2022. Mit Tieren kann man Dora immer locken, mit Spielen auch. Wenn beides zusammentrifft, ist ihre Aufmerksamkeit gesichert. Und so gelingt es mir, ihr mit dem „Bröckchenspiel“ Kunstwerke, die ich auf meiner Italienreise sah, nahezubringen. Doch Doras eigentliche Liebe gilt dem Lebendigen. Was sind ihr kunstvolle marmorne Hündchen, wenn sie einen lebendigen Hund begrüßen kann?

12.7.22.  Kunst ist Dora im Großen und Ganzen eh ziemlich schnuppe. Es gibt aber Ausnahmen, wie hier, als sie ein Seeräuber-Spraybild deshalb lobt, weil sie selbst den Ehrgeiz hat, Seeräuber zu werden. Dieser Zugang zur Kunst dürfte bei Kindern – und nicht nur – durchaus üblich sein.

27.8.22. Überhaupt ist Dora ziemlich lernresistent, wenn ihr etwas nicht gefällt. Meine geduldigen Versuche, sie zu berichtigen und ihr Zusammenhänge zu erläutern, sind ihr lästig, wenn ihr ihre eigenen Erklärungen besser gefallen.  Sagt sie zu Sonnentalern „Eier“,  dann sind es Eier, basta!

 

26.9.22 „Wenn dir der Krieg nicht gefällt und dir die Laune verdirbt, warum beschäftigst du dich dann damit? Hast du nichts Besseres zu tun?“ fragt Dora, als sie mich über einem kriegerischen Scherbenbild sitzen sieht. Das ist so eine typische Dora-Frage. Um sie zu verstehen, muss man in Doras Köpfchen reinsteigen. Sie hält nichts von folgenloser Grübelei und Wut. „Überleg dir lieber, wie du diese Scherben dazu bringen kannst, mit dem Hauen und Stechen aufzuhören. Das wäre ja schon mal ein Anfang.“ Ja, Dora. Stimmt, Dora. Aber … „Dein Aber kannst du dir sparen!“ (Originalton Dora).

26.10.22 Dora ist gern Maß der Dinge. Wie wir Menschen ja auch. Ich habe dich als Maßstab geliebt, Dora. Woher nehme ich nun, wenn du nicht mehr da bist, einen so erfreulichen Maßstab?

26.11.2022 Nun wäre es aber völlig verkehrt zu meinen, dass Dora überhaupt nicht lernfähig ist. O doch, sie lernt! Nur hat sie eben ihre eigene Art, Anregungen aufzunehmen und kreativ umzusetzen. So wie hier, als sie ein paar Zwergen „interaktiven Kunstunterricht“ gibt und ihnen vorführt, was ein Metaversum ist.

11.12.22. Sind wir schon im Dezember? In diesem letzten Monat ihres Hierseins hat Dora eine neue Fähigkeit an sich entdeckt: die der Reporterin. Alle siebzehn Kandidaten für ihre Nachfolge hat sie aufgesucht und befragt! Jeder ist anders, jede zeigt einen Charakterzug nicht nur des Befragten, sondern auch von Dora. Nehmen wir als Beispiel das Interview mit TheKid. TheKid ist furchtlos – und das ist Dora auch, und so folgt sie TheKid ohne weiteres auf ihren abenteuerlichen Wegen.

Es gibt freilich einen großen Unterschied zwischen den beiden: TheKid verfügt nicht über  göttliche Kräfte, über Magie und eine immer brennende Latüchte, um sich durchzuschlagen. Sie muss auf ihren eigenen Beinen durchs Leben gehen. Und das müssen wir Menschen nun wohl auch lernen, wenn Dora uns verlässt.

Liebe Dora, ich werde noch oft durch diese Seiten blättern, um mich mit dir zu unterhalten. Du warst und bist ein großer Schatz. Danke, mein Liebling. Danke auch dir, Susanne, die du mir vor fast genau fünf Jahren die Schnipsel schenktest, aus denen Dora entstand. Es sind deine sonnigen Farben, die uns alle beglückt haben.

 

 

 

 

 

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Impulswerkstatt: Die blinde Poetin übt für ihren Auftritt

Ihren ersten Auftritt hat sie natürlich erst am ersten Januar. Aber damit alles gut klappt, müssen ein paar Vorbetreitungen getroffen werden. Schließlich ist sie, erstens, blind, und mithin nicht unbedingt in der Lage, sich spontan zwischen Kulissen zu bewegen. Zweitens sind da sehr viele Mitspieler, die unter einen Hut gebracht werden müssen. Und drittens, last not least, geht Myriades Impulswerkstatt am 31.12. zu Ende. Und es wäre doch schade, wenn dieser Beitrag keinen Ort mehr hätte.

Generalprobe: Nun öffnet sich leise der Vorhang zum Jahr 2023. Die blinde Dichterin, die übrigens Domna heißt, betritt die Bühne.

Die Generalprobe ging dann noch eine Weile fort. Jeder Darsteller trat kurz allein auf die Bühne und sagte sein Sprüchlein auf.  Es klappte vorzüglich. Beifall rauschte auf. Nun kann die Theatertruppe getrost die letzten beiden Tage des alten Jahres genießen und ausruhen  – bis zum 1. Januar.

Von den insgesamt 17 Einzelauftritten hier zwei prägnante Beispiele:

 

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Doras Abschiedsgeschenk

Die Haustür geht auf, und herein spaziert Dora, das Katzengewimmel im Gefolge. So viel lebendiges Gold, denke ich: das Licht, die Aprikosenblätter, die Katzen, das Öl in den Kanistern…Wie reich bin ich doch beschenkt worden von Dora, der Immer-Schenkenden!

Das war am Morgen.

„Noch bin ich ja da!“ tröstet sie, als sie mich am Nachmittag betrübt auf das heutige Datum starren sieht. Ja, noch…., aber bald nicht mehr. „Willst du vielleicht ein Abschiedsgeschenk?“

Ich schlucke. „Ja, Dora, das wäre fein.“ – „Und was soll ich dir schenken?“ – Ich betrachte Dora liebevoll und sage: „Wenn du mir Goldgelb schenken könntest? So wie deine Latüchte und deine Geschenkedose und überhaupt?“

„Nichts leichter als das!“ kräht Dora. „Komm!“ 

Wir wandern durch den Olivenhain hinunter zur Uferstraße und weiter zum Nachbardorf.  Überall, wo wir lang gehen, leuchten mir goldene Kugeln* entgegen. Goldene Orangen und Zitronen, goldene kugelige Blüten einer Mimosenart, golden der Sonnenball über dem Meer. 

„Immer, wenn du traurig bist, schicke ich dir son Goldgelb, und dann kannst du an mich denken und dich freuen!“ kräht Dora vergnügt und lässt ihre Latüchte funkeln.

Na, wenn das nichts ist! „Danke, Dora! Welch ein schönes Geschenk! Gold werde ich haben in Hülle und Fülle! Und immer mit Dankbarkeit an dich und an dein Jahr 2022 denken.“ – „Nu heul man nicht!“ sagt Dora, als sie Tränen der Rührung und des Abschieds in meinen Augen sieht. „Noch bin ich ja da“.


*Goldene Kugel: Wir kennen sie aus dem Märchen von Froschkönig. Einer Prinzessin, fast noch ein Kind, rollt das geliebte Spielzeug in den Brunnen. Die goldene Kugel symbolisiert die Vollkommenheit und Unschuld des Kindes. Wie Dora halt.

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