Tagebuch der Lustbarkeiten: Wählen gehen

Heute sind Parlamentswahlen in Griechenland. Wegen eines komplizierten Analog-Wahlrechts, das uns der Syriza („Allianz der radikalen Linken“) eingebrockt hat, werden wir im Juli und womöglich auch im August nochmals wählen müssen, damit eine Regierung zustande kommt.

Ich komme gern meinem Wahlrecht nach, das in Griechenland eigentlich eine Wahlpflicht ist. Doch auch hier hat die Zahl derer, die nicht mehr hingehen, stark zugenommen. Sanktionen für Nichtwählen gibt es schon lange nicht mehr.

Bis vor wenigen Jahren hatte jeder Bürger ein „Wahlbuch“, ein mit Linien bedrucktes und mit einem Photo geschmücktes Heftchen, das man bei sich haben musste, wenn man zur Wahl ging. Nach absolviertem Wahlvorgang bekam man einen Stempfel und eine Unterschrift hinein. Mir gefiel das. Ich war stolz darauf, solch ein Büchlein mein eigen zu nennen. Es war ein wichtiges Dokument, das mir meine Bedeutung für den Fortbestand der Demokratie sinnlich erfahrbar machte.

Heute reicht ein Personalausweis und die physische Anwesenheit des Bürgers im Wahllokal – gemeinhin eine Schule. Briefwahl gibt es nicht.

Hier die Grundschule, in der ich heute wählen ging.

Du suchst das für dich zuständige Klassenzimmer auf einem Aushang, trittst an die aus Bänken zusammengeschobene Barriere, hinter der die Wahlhelfer sitzen, reichst deinen Personalausweis hin, ein Wahlhelfer blättert im großen Buch und findet deinen Namen. Er nimmt ein Lineal, platziert es ordentlich über der Zeile mit deinem Namen und streicht ihn durch. Dann reicht dir ein anderer Wahlhelfer einen leeren abgestempelten Umschlag, du trittst an einen weiteren langen Tisch und lässt dir die Wahlzettel – für jede Partei oder Parteiengruppierung einen – aushändigen. Mit denen schreitest du zur Wahlkabine – ein mit einem Vorhang zu schließendes Kabuff, darin eine Ablage und ein Stift an einer Schnur. Nun suchst du aus dem Stapel der Wahllisten die der Partei, die du unterstützen willst. Diesmal waren es echt viele Wahllisten – wenn ich mich nicht verzählt habe: 33! Ein weißer Zettel für Wahlenthalter war auch dabei. Ich nahm die Listen anschließend mit nach Hause, um ihre Rückseiten wie schon einmal als Zeichenpapier zu verwenden (vergl. hier oder hier).

Die jetzigen Wahlzettel habe ich auf dem häuslichen Teppich zum Kreis geordnet, um mich inspirieren zu lassen.

Ein Zettel fehlt natürlich – die Liste der Partei meiner Wahl. Auf der stand eine Kolonne von Namen, von denen ich bis zu vier ankreuzen durfte. Nach weidlichem Überlegen hatte ich drei Kreuze gesetzt, faltete den Zettel, steckte ihn in den Umschlag, entfernte das Klebeband, um ihn zu schließen, schritt aus der Wahlkabine zur hölzernen Urne. Ein Helfer schob das den Schlitz der Urne bedeckende Dossier beiseite, mein Umschlag glitt hinein ins Dunkel des „Wahlkörpers“ (εκλογικό σώμα), aus dem heute Abend, hoffentlich, das Baby einer neuen Regierung entbunden wird. 

Ich nahm meinen Personalausweis und ein paar freundliche Lächler in Empfang, grüßte und schritt hinaus, um vielleicht noch einen Frühlingsspaziergang zu machen…

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Schlumpftheater, die Orphika und die Zipfelmütze

Als ich eben den Eintrag übers Legebild-Puppentheater beendete, wanderte mein Blick über den Schreibtisch und bemerkte ein Schlumpftheaterstückchen. Das Schiff steckte ursprünglich in einer Flasche, die irgendwann zerbrach. …

Die Lustbarkeit betrifft eine Entdeckung: Oben links auf dem Foto erscheint zufällig das Wort “ TA ΟΡΦΙΚΑ“ (Orphika), es steht auf dem Rücken eines dicken Buches über die orphischen Geheimlehren, in dem ich zuvor las. Dazu gehören auch die „Argonautika“ – die Reise der Argonauten nach Kolchis, um das Goldene Flies zu holen. Das in diesem Mythos geschilderte Geschehen wird weit vor dem Trojanischen Krieg datiert und ist der Auftakt zu einem immer noch nicht beendeten kriegerischen Hin und Her zwischen Europa und Asien.

Mein Schiffchen ist dann also wohl die Argo, und der Schlumpf heißt Jason? Seine Zipfelmütze ist, wie ich schon mal ausführte, ein später Abkömmling der phrygischen Mütze, die aus Stierhoden gefertigt wurde und mit der Orpheus meist abgebildet wird.

Orpheus im Kreis der wilden Tiere. Skulptur im Byzantinischen Museum Athen. Meine Zeichnung:

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Legebild des Tages: Puppentheater (aus dem Archiv)

Es ist mein Lieblingstheater: das mit Puppen. Es begann in der Kindheit, als das Ehepaar Frey mit dem Pferdewagen undden Marionetten ankam. Anderes Theater gab es nicht und brauchte es auch nicht zu geben: mit Fiedje Appelsnut, Skuksfru, Gundregubbe, Skärfrü und wie sie alle hießen war ich vollauf zufrieden. 

Zu gerne hätte ich meine eigenen Puppen gemacht und wäre Puppenspielerin geworden: Aber daraus wurde nichts. Und so begnüge ich mich damit, anderen beim Puppenspiel zuzuschauen oder Bilder zu legen.

Wer ist die Puppe, wer der Spieler? Die Puppen scheinen so viel lebendiger zu sein als die, die sie, verborgen im Hintergrund, spielen. Hier stehen die Puppenspieler, die selbst … Puppen sind, mit auf der Bühne. Vermutlich werden sie ihrerseits von verborgenen Puppenspielern über die Bühne bewegt. (Wir kennen das aus der Politik). 

Hier ziehen sie durch die Gegend – Puppenspieler und ihre Puppen – zum Vergnügen der Kleinen und bisweilen auch der Großen.

Alle meine Legebild-Figuren sind ja eigentlich Puppen. Doch manchmal kann man es vergessen. Dora zum Beispiel: ist sie eine Puppe oder ein höchst lebendiges Wesen, das mich im vergangenen Jahr so fröhlich stimmte? Hier wurde sie selbst zur Puppenspielerin und ließ die Stockpuppen am Strand ihre Dialoge abspulen.

Zum Puppentheater gehören natürlich nicht nur Puppen, sondern auch eine Bühne und eine Geschichte. Einmal zeichnete ich eine Puppenbühne und wartete darauf, welche Figuren sich darauf zeigen würden. Es waren dann ein Prinzessin und ein mysteriöser alter Mann, und die Geschichte stellte sich auch gleich ein:

„Und nun sag mir schon das Geheimnis, wie man unsichtbar wird!“ …

Mit vollen Händen wirft er die funkelnden Farben über die Prinzessin und sagt: „Das Geheimnis ist einfach: Damit du unsichtbar wirst, musst du dich an die Umgebung anpassen. Oder du passt die Umgebung an dich an. Das ist sogar noch viel besser.Ich bin dunkel, drum siehst du mich nicht, wenn Nacht und Dunkel herrschen. Du aber, liebes Kind, bist hell wie die Sonne. Wenn du dein Licht erstrahlen lässt, wird alles hell um dich.  Alle werden geblendet die Augen schließen vor deinem Licht. Und keiner kann dich anstarren“ –

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Nicht immer muss man die Geschichte selbst erfinden. Schließlich gibt es ja genug fertige. Zum Beispiel die vom Stiefel und seinem Knecht, die Christian Morgenstern für uns aufschrieb und ich bebilderte:

Ein anderer Morgenstern -Erin und weiblich – hat mit dem „Nachtzirkus“ gleich eine Menge von Geschichten erschaffen. Bruni schenkte mir das Buch und ich machte Illustrationen dazu. Zum Beispiel dieses

Willi.e, Vertreterin des Jahres 2021, hatte wie ich ihre Freude am Puppenspiel. Und so beobachtete ich sie einmal, als sie zwischen Judasbaum und Feigenkaktus eine Bühne aufbaute und große Figuren draufstellte. Ihre Figuren blieben freilich stumm – die einzige, die sprach, war Willi.e, die zugleich den Text erfand, deklamierte und Regie führte (hier).

Wer ist Zuschauer, wer Spieler, wer Puppe? Man weiß es nicht….

 

(https://gerdakazakou.com/2021/03/26/26-3-2021-warten-auf-nachricht-von-will-ie-was-ist-los-in-agadez-legebild-collage/)

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Zeiten überblicken (Fotini-Hekate, Athene-Maria, Jakobs Brunnen-Ilissos)

Was mich an Städten wie Athen fasziniert, ist die Gleichzeitigkeit von Zeugnissen zeitlich weit auseinander liegender Epochen. Und jede dieser Epochen hat ihre Gottheiten, die entweder friedlich nebeneinander hausen oder ineinander übergehen, sich ineinander verwandeln. 

So kam ich gestern an einer schönen Kirche des 19. Jahrhunderts vorbei, wo zuvor ein Tempel der Hekate stand. Die Kirche heißt „Heilige Fotini von Ilissos“. Im Hintergrund wird der Felsen der Akropolis mit dem Parthenon sichtbar. (Parthenonas: das Haus der Jungfrau. Gemeint ist Athene, deren Stadtbild in diesem Tempel wohnte. Die frühen Christen bauten eine Kirche hinein, die sie einer anderen Jungfrau namens Maria widmeten. )

Fotini wurde durch die Christen an die Stelle der uralten Göttin Hekate gesetzt. Wie die Heilige zu dieser Ehre gekommen ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht fällt dir etwas dazu ein?

Fotinis Geschichte ist im Lukas-Evangelium nachzulesen: Jesus kommt mit seinen Jüngern durch Samarien und setzt sich an einen Brunnen, um sich zu erfrischen („Jakobs Brunnen“ –  eine andere Zeiten übergreifende Geschichte).  Eine Frau aus der nahen Stadt kommt zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen. und die beiden beginnen eine Unterhaltung – was eigentlich unschicklich ist, denn Juden reden nicht mit Samariern.

Sie sprechen über das Wasser, das die Frau jeden Tag schöpft und nach Hause schleppt und wenn man es getrunken hat, wird man wieder durstig, und über das Wasser, das ER zu spenden weiß, und wer davon getrunken hat, ist nie mehr durstig. Die Frau wird neugierig und will von diesem Wasser haben. Jesus sagt: Hol deinen Mann! Sie: Ich hab keinen Mann. Er: Das ist wahr, du hattest fünf und jetzt hast du keinen. Die Frau ist baff, denn es stimmt. Also rennt sie in ihre Stadt und redet mit den Einwohnern: da ist einer, der mein ganzes Leben kennt und sagt, er sei der Christus. Und sie kommen heraus zu ihm, und viele werden überzeugt.

Diese Frau wird in der christlichen Tradition Fotini (die Erleuchtete) genannt, sie gilt als die erste „Missionarin“. Wieso  sie an die Stelle der dunklen Göttin Hekate, der Hüterin des Dreiwegs tritt? KeineAhnung. (Zu Hekate hier und hier)

der dunkle Engel

Nyx, die Nacht. Elektronisch bearbeitetes Legebild

 

Die Kirche liegt in einer Senke, durch die früher der Fluss Ilissos floss:

Ilissos mit Zeustempel, Edward Dodwell 1821

Und dem Fluss war natürlich ein Gott zugeordnet.

Dem Flusse wird sein Gott geraubt,
Sein Bett mit Häusern überbaut,
auf Straßen rast darauf Verkehr
man sieht den Fluss schon lang nicht mehr.
Und nimmst du dann ein Aeroplan
Und kommst vielleicht in London an
Dann findest du den Gott verstaubt
Denn hierher wurde er geraubt.

Flussgott Ilissos, Parthenon-Fries, British Museum

Das Verschen ist aus einer abc-Etüde, hier nachzulesen.

 

 

 

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Welttheater: Zwischenakt. Domna und die Spirits

Was zuletzt geschah: Alle haben sich zur Ruhe gebettet. Abud und Jenny können gegen Mitarbeit beim Hirten bleiben, die anderen sollten am nächsten Tag weiterziehen. Die blinde Dichterin ist allein hinausgegangen.

Sie geht vorbei an den Kindern Clara und Hawi, die bei den Schafen in Danais Schoß schlafen.

 Domna singt Brentanos Wiegenlied:

Singet leise, leise, leise,
singt ein flüsternd Wiegenlied;
von dem Monde lernt die Weise,
der so still am Himmel zieht.

Singt ein Lied so süß gelinde,
wie die Quellen auf den Kieseln,
wie die Bienen um die Linde
summen, murmeln, flüstern, rieseln.

Sie geht weiter und weiter, tastet sich voran.

Müssen wir immer weiterfliehen

woher, wohin treibt es uns fort?

Wir lagen flehend auf den Knien

entrannen bösem Brand und Mord.

 

Das Meer verschlang uns und die Berge

sie warfen uns in ihre Klüfte

In Höhlen fanden wir Herberge

und wankten traumlos durch die Grüfte.

 

Wir teilten Speise mit den Toten

und nährten uns von Milch und Kraut

Das Leben wollten wir ausloten

Die Sonn verbrannte uns die Haut.

 

Der Himmel über uns erbleichte

es wurde Licht, es wurde Nacht

Wir nahmen das, was man uns reichte

wir schliefen und sind aufgewacht.

 

Da war ein Mensch, er stand bescheiden

mit seinem Hund und sprach uns an.

Wollt ihr mit mir die Schafe weiden?

Denn Hilfe brauch ich, sprach der Mann.

 

Wenn ihr mir helft, habt ihr zu essen

und habt ein Dach, das euch beschützt

hier könnt ihr eure Flucht vergessen

und tun, was euch und andern nützt.

 

Doch fort, o fort die Wogen rollen

wir müssen immer weiter fliehn

in uns ist Flucht, in uns ein Wollen

ein Jagen, Stoßen, Vorwärtsziehn.

 

Wär ich ein Baum, ich könnte wurzeln

im tiefen Grund und stark und still

die Äste breiten, statt zu purzeln

und stolpern zwischen Soll und Will.

Da erscheinen die Spirits und flüstern, zischeln, lachen:

Ho: 

Hoho, ei do! was soll denn das Klagen?

Ro:

Du wirst doch nicht mitten im Stücke verzagen?

Lu: 

Der Himmel ist weit,

die Erde ist breit

Wa:

Die Welle treibt fort,

von hier gehts nach dort!

 

Lu-Wa

Das Leben ist Wechsel, es steht niemals still

Mal sehen auch Blinde, nach Mai kommt April!

Ho-Ro

Die Toten erwachen,

die Lebenden ruhn

die Traurigen lachen,

die Faulen wolln tun

Lu-Ho-Wa-Ro

Das Oben sinkt runter,

was kraftvoll wird matt

was grün war wird bunter,

die Knospe wird Blatt

 

was jung ist, will werden,

was stillsteht verdirbt

und fällt auf die Erden,

was reif ist, das stirbt.

 

Domna

Ihr freundlichen Geister, ich höre euch raunen und lachen

mein Herz wird mir leichter, das eben noch schwer in der Brust.

Auch mein Gesang schweig, ich mag nun länger nicht wachen

und grübeln nicht über: du sollst, du willst und du musst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Licht und Schatten

Der Geburtstag meines geliebten Lebenspartners und die Beerdigung des Lebenspartners seiner Schwester fielen am gestrigen Tag zusammen. Im Zentrum das traurige Abschiednehmen auf dem Ersten Friedhof von Athen (siehe auch hier) – drum herum allerlei Lustbarkeiten: Wanderung durch den ehemals königlichen Park zwischen Parlament und Zappeion (Foto) …

man begrüßt die Trauernden und lange nicht gesehene Verwandten, nimmt Abschied vom Verstorbenen in seinem Sarg – da wirds dann doch sehr eng ums Herz… In der prächtigen Friedhofskirche erklingen feierliche Gesänge, die von Tod und Auferstehung reden   … Wir wandern hinter den Sargträgern her durch die Alleen des Friedhofs mit seinen steinernen Monumenten, Zypressen, Pinien und blühenden Büschen…

tauschen Geschichten aus, nehmen mehr Rücksicht aufeinander als sonst, trinken im dafür vorgesehenen Saal, an runden Tischen sitzend, griechischen Kaffee aus kleinen Tassen, wer mag, trinkt auch Kognak, das ist so Sitte, damit wir, die noch Lebenden, gut zurückfinden zu unserem Tagesgeschäft…. Mit der engeren Familie nehmen wir dann in einer Taverne Platz und speisen, das Menü ist reichhaltig, beginnend mit Fischsuppe, Gemüsen und Salaten über den gebratenen Fisch bis zur Süßspeise …. Schwerer Schlaf zu Hause, um am Abend dann noch einmal in nun engstem Familienkreis auf dem Balkon zusammenzusitzen und auf das Geburtstagskind anzustoßen, dazu auch auf den Sohn, der am nächsten Tag abreisen wird.  Eine Amsel singt uns das Abendlied,  eine schwarze Katze klettert auf die Pinie vor dem Balkon – doch die Amsel erwischt sie nicht, sie muss unverrichteter Dinge den Rückweg antreten.

Dunkel und Licht, Willkommen und Abschied in engster Verzahnung. Das war der gestrige Tag. Aber das Licht überwog.

 

 

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Welttheater, 4. Akt, 47. Szene: Man richtet sich für die Nacht ein.

Was zuletzt geschah: Fotis fordert Abud auf, von seinem Vater zu erzählen. Seine tragische Geschichte, von Jenny ironisch kommentiert, weckt in Fotis Vatergefühle: er bietet Abud Unterkunft und Lohn an, zumal Abud sich mit Tieren auskennt und er einen Helfer braucht. Die vaterlose Jenny möchte an dieser Entwicklung teilhaben und bietet sich als Köchin an. Fotis „adoptiert“ daraufhin auch sie.

Jenny:

Ein Vater so wie du, der käm mir grade recht.

Mit so nem Vater wär mein Leben am Ende gar nicht schlecht.

Fotis

Nun haben wir genug gesprochen.

Der Philo kommt schon angekrochen

so bäuchlings und auf allen Vieren

Er will jetzt raus und zu den Tieren

 

Der Philo ist ein kluger Hund.

Er tut mir stets die Stunde kund

wann ich hinaus muss zu den Ställen

tu ichs nicht, fängt er an zu bellen.

 

Abud, komm mit, ich zeig dir gleich

wo du in Zukunft hast dein Reich.

Ist eine Kammer ohne Licht

ich hoffe sehr, es stört dich nicht.

 

Ihr andern tut, was euch behagt.

Könnt bleiben hier, bis dass es tagt.

S’gibt Felle, Bretter und ein Bett

und morgen früh ein Omelett.

Jenny

Das mach dann ich, wo sind die Eier

für eine dufte Frühstücksfeier?

Fotis

Die findest du mit etwas Glück

im Hühnerstall noch vorm Frühstück.

Dann streu den Hühnern auch gleich Futter.

Im Butterfass gibt es noch Butter.

 

Der Herd braucht Holz, ist im Verhau

Das findst du schon, du bist ja schlau.

Das Feuer solltest du anfachen

bevor die anderen aufwachen.

 

Und jetzt Gut Nacht, ich hab zu tun

Ihr Wandrer möget friedlich ruhn

damit ihr dann mit frischer Kraft

und Frohsinn euren Aufbruch schafft.

Fotis und Abud gehen hinaus.

Trud

Kann ich dort schlafen in der Ecke?

Mir reicht zum Schlafen eine Decke.

Jenny

Ich seh da drüben ein Gestell

Drauf leg ich mir ein weiches Fell.

Wilhelm

Mir wär das Bett jetzt wirklich recht.

Am Boden schlafe ich sehr schlecht.

Domna

Ich geh hinaus, die Sterne sehn

Gut Nacht allseits, Auf Wiedersehn!


Vorhang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Blumenkohldampf, alchemisch

Nicht die Blumen schoben Kohldampf, sondern ich. Also wollte ich den Blumenkohl kochen, den ich zuvor gekauft hatte. Doch es erwies sich, dass die Explosion, die ich, vom Einkauf heimkommend, gehört hatte, das Stromnetz betraf – und so war die Stromversorgung unterbrochen. Den Blumenkohl aber wollte ich trotzdem kochen.

Also nahm ich den kleinen Gaskocher, auf dem wir den griechischen Kaffee zubereiten, stellte den großen Kochtopf drauf und beobachtete ihn misstrauisch, während das Wasser langsam zu dampfen und dann zu kochen begann: Würde er auch nicht wackeln und womöglich runterfallen?

Auch die Blumenkohlstücke nahm er auf und dampfte friedlich vor sich hin…

aber ich traute mich nicht, ihn aus den Augen zu lassen. Und so begann ich, den Dampf zu beobachten: Welche Farbe hat Blumenkohldampf? Und welche Form? Sieht man dem Dampf an, was im Wasser, dem er entsteigt, gekocht wird? Manifestiert sich im Dampf gar die Seele des Blumenkohls? („Diesen ‚Geist‚ aber und diese ‚Seele‘ haben die Philosophen als ‚Dampf‚ bezeichnet…“, zitiert nach Turba philosophorum – The Alchemy Website)

Während ich diesen schwierigen Gedanken nachhing, bemerkte ich zunächst nicht, dass die Herdplatte glühte: Der Strom war zurückgekehrt! Aufatmend beförderte ich den Topf dorthin, wo er seinen stabilen Platz hat, und ließ ihn den Blumenkohl zu Ende kochen…

Der schmeckte, mit Olivenöl und Zitrone angemacht, ausgezeichnet.

Ist das nun eine Lustbarkeit? Ich denke, es sind sogar drei, zumal die Spiegelungen des Topfes mir eine geheime Welt offenbarten, die mich an Bilder erinnerten, die ich gemalt habe. Oder habe ich sie nur geträumt?

 

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Welttheater: Über Väter (Abud, Jenny, Fotis)

Was zuletzt geschah: Jenny erzählt ihre Geschichte. Abud bezweifelt den Wahrheitsgehalt. Jenny nutzt die Gelegenheit, sich von ihrer eigenen Geschichte zu distanzieren und sich – ironisch – in eine Märchenwelt zu versetzen. Die Wichtigkeit des Vaters, den sie nicht hatte, relativiert sie: besser keiner als ein schlechter Vater. Der Hirt Fotis möchte nun wissen, was Abud zum Vater-Thema meint.

Fotis

So ohne Vater leben finde ich nicht gut.

Wie war es denn bei dir, Abud?

 

Abud

Bei mir? Mein Vater war mein Held.

Er war mein alles, meine Welt.

Er nahm mich mit, wenn er die Kühe hütete

und gab zu trinken mir, wenn schwer die Hitze brütete.

 

Die Kalebasse gab er mir, mit Wasser drin dem kalten

Pass auf, sagt er, verschütt es nicht, ich durft sie halten.

Er wusste viel, er hatt es von den Vätern

du hüte es, so sagt er mir, und wehe den Verrätern.

 

Der Vater ging, als sie das Dorf verbrannten,

er ging mit allen männlichen Verwandten,

Ich durft nicht mit, ich blieb zu Mutters Schutze

doch als der Feind dann kam, war ich von keinem Nutze.

 

So ging ich fort, und traf noch manchen andern

mit dem konnt ich ein Weilchen weiterwandern

durch Wüsten gings und manchmal gabs auch Straßen.

Wir zahlten Händlern dann mit dem, was wir besaßen.

 

Noch glaub ich, dass der Vater lebt.

Drum bin ich weiterhin bestrebt

noch mal ins Dorf zurückzukehren.

So würde ich den Vater ehren.

Fotis

So ist es recht. Man muss die Väter ehren,

denn sie sind es, die ihre Söhne lehren.

Jenny

So wurd dein Dorf wohl abgebrannt?

und du bist feige weggerannt?

Und deine Mutter haben sie genommen

doch selber konntest du entkommen?

 

Dein Vater hat euch nicht beschützt.

Er hat euch also nichts genützt.

Abud

Musst du jetzt Pfeffer in die Wunde reiben?

Der Vater wollte gerne bei uns bleiben,

doch konnt er nicht, man rief ihn zu den Waffen.

Er dachte wohl, ich würds alleine schaffen.

 

Doch konnt ichs nicht, was sollte ich denn machen?

Ich bin nicht feig, und du hör auf zu lachen!

Die Mutter hör ich schrein in jeder Nacht.

Ich wollt, man hätt mich damals umgebracht.

Abud weint.

Fotis

Mach dir das Herz nicht schwer, du hast ja nichts verbrochen.

Du kehrst bestimmt zurück, hast es dem Vater ja versprochen.

Inzwischen kannst du, wenn du willst, gern bei mir leben.

Ich kann, wenn du mir mit den Tieren hilfst, auch einen Lohn dir geben.

Abud

Ich kann hier bleiben? Und bekomm auch einen Lohn?

Die Arbeit mit den Tieren kenn ich wahrlich schon.

Ich hüte, schere, melke sie, und wenn sie Junge kriegen

dann helf ich, kenn mich aus mit Schafen und mit Ziegen. 

Fotis

Dann sind wir topp. Ich freu mich, brauch schon lange

nen Helfer, bin schon alt. Nun ist mir nicht mehr bange.

Jenny

Ich kann auch was, ich kann zum Beispiel kochen

ich mach dir gute Suppen für deine alten Knochen.

Ich will kein Geld, den Lohn kannst du vergessen.

ich hab nur einen Wunsch, ich möchte täglich essen.

Fotis

Warum denn nicht? Such dir nen Platz zum Schlafen

Wenns drin dir nicht gefällt, dann schlafe bei den Schafen.

Jenny

O, Fotis, danke dir, das ist ja furchtbar nett

Zum Frühstück mach ich morgen dir ein dickes Omelett.

Ein Vater so wie du, der käm mir grade recht.

Mit so nem Vater wär mein Leben am Ende gar nicht schlecht.

wird fortgesetzt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Saubohne und Blumen auf dem Balkon

Mein Balkon ist wegen der langen Abwesenheiten normalerweise in einem eher traurigen Zustand. Meine Versuche, dort jedenfalls ein wenig Grünendes und Blühendes zu erhalten, waren stets von nur bescheidenem Erfolg gekrönt. Mal war die Batterie der Gießanlage am Ende und alles vertrocknet, mal hatte ein Wind die Yukka umgeschmissen, mal gabs eine Überschwemmung… Diesesmal aber ist alles in bester Ordnung. Auch dies ist der liebenswerten Putzfrau zu verdanken, die nicht nur die Massen an Piniennadeln vom Boden und aus den Töpfen entfernte, sondern auch einiges umpflanzte und neu anordnete. Und da auch die Gießanlage vorbildlich funktionierte, haben sich die bescheidenen Pflänzchen und Blumen prima entwickelt.

Als erstes möchte ich die Saubohne erwähnen, die ich, nachdem ich sie am 10. Februar geschenkt bekommen hatte …

IMG_8743 in einen Blumentopf versenkte (hier). Die sich daraus entwickelnde Pflanze – hier am 24.März aufgenommen ….

reiste dann mit mir von der Mani nach Maroussi, wo sie sich gut weiter entwickelte, wie hier am 1. März gezeigt.

Als wir am 20. März erneut in die Mani aufbrachen, vertraute ich das nun schon prächtige Gewächs der Gießanlage an und nahm Abschied (hier).

Heute, am 15. Mai, konnte ich sie wieder begrüßen.

In drei Monaten, vom 10. Februar bis zum 15. Mai, hat sie sich von einer Bohne zu einer stattlichen Pflanze entwickelt, ohne dass ich etwas dazu getan hätte. Wasser, Luft und Sonne haben ihr gereicht.

Unter den Blumen des Balkons ist erwähnenswert eine gelbe Rose, die ich vor langer Zeit, als ich gelegentlich noch bei Lidl einkaufte, dort für einen lächerlichen Betrag erstand. Das kümmerliche Pflänzchen hat seither alle Schicksale der Balkonpflanzen lebend überstanden. Manchmal schien sie schon abgestorben zu sein – aber nein! Immer wieder trieb sie aus und hat sich nun zu einem hübschen Rosenstock ausgewachsen.

Die Blüten wirken ein bisschen papieren, aber sie duften, und das Eidottergelb ihres Inneren kann sich durchaus sehen lassen.

Zusammen mit ein paar anderen Überlebenden und einem Neuzugang (die Nelke ist ein Geschenk unserer freundlichen Hausputzerin) sieht der Balkon nun ganz präsentabel aus.

 

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