Tagebuch der Lustbarkeiten: Kunst am Bau

Schön sind sie ja nicht, diese Wellblech-Absperrungen vor ewigen Baustellen. Die Eigentümer sichern damit ihr Gelände, damit niemand in die Baugrube, die langsam von Unkraut überwuchert wird, hineinfällt. Jugendliche finden freie Flächen, um ihre Farbspuren drauf zu hinterlassen: Namenszüge, Fußballvereins-Logos, Anarcho-A’s im Kreis oder andere Kritzeleien.

Als ich gestern an solcher Absperrung vorbeikam, fiel das Sonnenlicht drauf und hob die Wellen des Blechs weich hervor, …

und ein Bauzaun malte ein sehenswertes Streifenmuster auf den Gehweg.

Seltsame Muster waren durch Witterungseinflüsse aus irgendwann aufgeklebter Reklame – vermutlich für Kücheneinrichtungen …

und aus Sprühfarbenspuren entstanden.

So wird jeder Spaziergang, auch der an Bauzäunen entlang, zur künstlerischen Entdeckungsreise.

 

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Fensterblick als „konkrete Kunst“

Eben sah ich in Olas Universe zwei ansprechende Blicke aus dem Fenster, die sie mithilfe einer KI erstellt hat, wie sie schreibt. Ich habe vorhin etwas Ähnliches gemacht und nutze den Impuls, auch das noch zu zeigen.

Von meinem Arbeitszimmer aus blicke ich auf eine doofe Wand, seit das baufällige alte Haus mit dem großen Garten verschwunden ist und durch ein Mehrfamilienhaus ersetzt wurde. Kein Vorhang schönt den Ausblick, den ich durch eine Jalousie zum Verschwinden bringen kann. Gestern nun blickte ich trübselig auf diese Szenerie und dachte darüber nach, wie ich sie ein bisschen aufhübschen könnte.

Doch dann meldete sich mein künstlerisches Interesse, das gar nicht an Aufhübschen gelegen ist. Ich fotografierte das Fenster und fand, das es fast als Beispiel für „konkrete Kunst“ durchgehen könnte.   

Vielleicht ein wenig digital bearbeiten, um Kunstwerke draus zu machen? Hier zwei Ergebnisse: oben beschnitten, begradigt und farbverstärkt, unten schwarz-weiß abstrakt-aquarellartig mit zugefügtem Schattenrand.

 

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Tägliches Zeichnen: vom Bett aus skizzieren

Schon lange ist der Ausdruck „tägliches Zeichnen“ ein Euphemismus. Heute nacht – ich lag schon im Bett- überkam mich das schlechte Gewissen. Zeichne gefälligst, egal was! befahl ich mir, angelte aus meiner Handtasche einen Winzlings-Zeichenblock und einen Stift und sah mich um. Neben mir der Nachtisch mit dem Durcheinander, das zum Glück durch die Anwesenheit eines fast leeren Weinglases etwas gehoben wurde, war mein erstes Motiv. Die Skizze überblendete ich mit einem Foto, das ich ein bisschen auseinanderschnitt. Das Ergebnis: ein bisschen mehr Durcheinander, ein bisschen mehr Pepp und verkürztes Format.

Das Fußende der Bettdecke, die Kommode mit abgelegter Kleidung und ein Bild an der Wand waren mein nächstes Motiv. Auch hier überblendete ich die dürftige Skizze mit dem Ausschnitt eines Fotos und finde, sie hat durch die Farben gewonnen.

Noch eine dritte Skizze: das bewährte Motiv der Hand mit dem Weinglas, im halben Liegen gezeichnet, sehr nah und ein bisschen verzerrt. Keine Überblendung, dafür  „Weichzeichnung“ mithilfe eines Fotoshop-Filters (Ölmalerei).

Ich nahm mir vor, dies tägliche Zeichnen nun wieder ernster zu nehmen. Danach schlief ich beruhigt ein.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Titelbild

Das neueste Buch meines Mannes ist gerade herausgekommen. Es geht um die Überlagerungen und Konflikte zwischen traditionellen Wertvorstellungen und Moderne, in Politik und Ökonomie.  Der Verlag hat eine Collage von mir als Vorlage fürs Titelbild akzeptiert: durch das zerbrochene Fenster einer aufgegebenen Fabrik, in dem sich der Himmel spiegelt, blickt man auf den Platz der Akademie in Athen (Zeichnung) und auf ein Stillleben mit der unvermeidlichen Eule.

Ob’s passt? Ein Hingucker ist es auf jeden Fall, und ich freu mich über die Kooperation.

 

 

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Eigentlich. (Anna Eulenschwinges Fotoprojekt)

Dies ist ein Beitrag zu Anna Eulenschwinges Fotoprojekt. Durch ein Verfahren, das du bei Anna nachlesen kannst, hat sie aus dem Meer der Wörter eines herausgefiltert: „eigentlich“.

Ein vielversprechendes und zugleich furchterregendes Wort, das sich hartnäckig einnistet zwischen Wollen und Tun. Es weist offenbar auf etwas Wichtiges hin, aber niemand kann Auskunft darüber geben, was das sei, dies Eigentliche, das angerufen und zugleich verneint wird. Es tritt nie in Erscheinung, es lauert im Hintergrund, es verweist auf etwas, das man verfehlt hat – wie der Mann vom Lande in Kafkas Geschichte „Vor dem Gesetz“ es verfehlte: Das Eigentliche. Nicht mal am ersten Türhüter kam er vorbei.

Und so stehe auch ich vor diesem unerkennbaren Eigentlichen, die Spitze meines Stiefels ragt ins Bild, aber weiter kann ich nicht vordringen. Das Eigentliche bleibt mir verschlossen. Und mich beschleicht ein leichter Zweifel: Gibt es das Eigentliche eigentlich?

 

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Erinnerung an Tito (abc-etüde)

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Dies ist ein Beitrag zu Christianes abc-etüden.

Bei dem Wort „Stellschraube“ sah ich sofort das riesige Ding vor mir, mit dem der Tierarzt Titos Bein zusammengeschraubt hatte, nachdem ein Nachbarshund es ihm durchgebissen hatte. Es war grausam. Die Knochen wuchsen nicht richtig zusammen. Ein späterer Versuch bei einem anderen renommierten und sehr kostspieligen Arzt brachte auch keine Hilfe. Am besten, meinte dieser, sei es, das Bein zu amputieren. Das würde dem Hund das Leben erleichtern. Ich lehnte diese Lösung entrüstet ab, und so erklärte er sich leutselig bereit, es mit einer oder vielleicht auch zwei weiteren Operationen zu versuchen. Einen Erfolg könne er freilich nicht garantieren. Kostenpunkt so um die 2000 Euro.

Ich winkte ab. Es war nicht wegen des Geldes, sondern wegen der düsteren Aussicht, dass Tito all diese OPs ertragen sollte, um am Ende womöglich mit drei Beinen herumzulaufen. Nein danke.

Tito war damals noch jung, vielleicht drei Jahre alt. Tatsächlich gelang es ihm mit der Zeit recht gut, das schief zusammen gesetzte Bein in seinen Bewegungsablauf zu integrieren. Und so lebte er noch viele Jahre vergnügt und frei. In Kämpfen mit anderen Hunden, in die er sich tapfer stürzte, hatte er freilich meistens das Nachsehen. Und so wurde er noch oft zusammengebissen, und ich litt mit ihm. Auch ihr, meine lieben Leserinnen und Leser, habt bisweilen mit ihm leiden müssen (hier).

Nun ist mein Liebling schon seit drei Jahren in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Oft fühle ich seine Anwesenheit neben mir. Manchmal erscheint er mir im Traum. Und immer noch kommen mir Tränen der Rührung, wenn ich an ihn denke.

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Eulenspaß

Wohin ich auch blicke, sie sind überall – die Eulen. Zum Beispiel dieses ungleiche Paar, das sich vor mir aufgebaut hat:

Angefangen hat es mit einer Eule, die ich meinem neuen Freund schenkte, der später mein geliebter Mann und Lebenspartner wurde. „Wir werden schon noch Eulen nach Athen tragen“, versicherte ich ihm. Das war 1967, als das Militär die Regierungsgeschäfte in Griechenland übernahm und er nicht mehr nach Hause konnte. Als sich 1974 die Diktatur verabschiedete, war schon eine ganz stattliche Eulensammlung zusammengekommen.

Wo viel Geld ist, sagt man, kommt immer neues hinzu. Ob das bei Geld so ist, weiß ich nicht, aber bei Eulen ist es sicher so: Hast du, sagen wir mal, 20 Eulen, dann kommt der nächste Besucher auf die Idee, dir die 21. zu schenken. Und so fort. Du selbst siehst unterwegs auf Reisen natürlich auch überall Eulen und willst jedenfalls eine als Andenken mitnehmen. So werden es schnell hunderte, und keine gleicht der anderen.

Die meisten sitzen auf den diversen Bücherregalen und bewachen, wie es ihnen zukommt, die Bücher. Diese hier haben sich eine schwergewichtige Lektüre ausgesucht (von links nach rechts): Plato, ein Buch über die Odyssee, Thukydides „Geschichte“, Homer, gefolgt von Adorno-Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“,  „Uno guardino delle idee“ „Per una Italia possibile“ und Konfuzius. Das Buch mit dem kaputten Rücken ziehe ich heraus, um zu sehen, worum es sich handelt. Es stellt sich als „Schillers gesammelte Werke“ heraus, die mir Onkel und Tante zur Konfirmation schenkten, wie ich der säuberlichen handschriftlichen Widmung entnehme. 

Nicht nur die Bücher bilden eine etwas bunte Reihe, auch zwischen die Eulen haben sich ein paar Nicht-Eulen gemischt: auf dem oberen Foto ist es die steinerne graue Frau aus Afrika, die mit dem Stößel die Körner zerkleinert und auf dem mageren Rücken ihr Kind im Tuch trägt. Auf dem nebenstehenden ist es eine Elfenbeinschnitzerei, ebenfalls aus Afrika. Was die Herkunft der Eulen betrifft, so ist sie multui-kulti wie die von ihnen bewachte Bücherwelt. 

Natürlich gibt es außer den sitzenden Eulen ein Menge hängender oder auf Taschen, Rücksäcke (links), Trinkbecher oder Postkarten aufgedruckte Eulen, es gibt Eulenbehältnisse, Gebrauchsgegenstände, Mobiles, es gibt gehäkelte und fellige, metallene, steinerne, stoffige, ulkige, ernste, antike, verrückte, gläserne Eulen… 

und eine fliegt sogar zwischen den Zimmerpflanzen herum.

So kamen wir auf die Eule, so wie andere auf den Hund….

 

 

 

 

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Impulswerkstatt: Die Maske

Dies ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt.


Masken: ein Thema, das mich, liebe Myriade, ein Leben lang schon beschäftigt und fasziniert. Die von dir gezeigte Maske ist von einer Art, die mich zutiefst erschreckt. Sie macht einen Menschen gesichtslos – als Strafmaßnahme. Er darf nicht mehr er selbst sein. Aus den leeren Höhlen der Schandmaske starren die verängstigten Augen einer Frau. Sie möchte schreien, sich verständlich machen, aber ihr Mund wurde ihr verschlossen. Sie ist dem Spott und den Misshandlungen ihrer Mitmenschen ausgeliefert.

Da lobe ich mir die Theatermasken, hinter denen menschliche Schauspieler zu Göttern werden.

Eine kleine Revue zu dem, was ich schon mal zu Masken gezeigt habe, soll mir das spannende Thema anwärmen. Auf geht’s!

Dies Bild von abgelegten Masken habe ich vor Jahren gemalt, mit Pigmenten und Kleister auf Leinwand, mit aufgeklebten Pappen und Netz.

Wo immer eine Ausstellung mit Masken angekündigt wird, versuche ich hinzugehen, so wie hier in Kalamata, als traditionelle afrikanische Masken aus einer privaten Sammlung gezeigt wurden.

Einige Masken haben wir auch in unserem Haushalt integriert – so wie diese Eulenmaske, die ich gelegentlich in Stillleben integrierte und zeichnete.

Einmal sah ich an einer Mauer mit Graffitis gegen die illegale Mülldeponie im Waldgebiet ein tottrauriges zorniges Kind mit einer grinsenden Maske. Das konnte ich nicht mehr vergessen.

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Die Maske ist das, was wir der Welt zeigen. Da bleibt alles unter der Kontrolle der Gesetze, die die Menschen unter sich ausgemacht haben: dies ist erlaubt, jenes verboten. Unterhalb dieser Kommunikation zwischen Masken läuft manchmal eine viel lebendigere, spontanere Form der Verständigung ab: das blicken sich die „inneren Kinder“ an und verstehen sich auf Anhieb.

Alle Kulturen haben Masken hervorgebracht. In vielen rituellen Zusammenhängen ist sie unentbehrlich. Warum? Was zeichnet sie aus? Das fragte ich mich, als ich im Museum für Zeitgenössische Kunst Athen, im Rahmen der vorletzten Dokumenta, die Masken eines Kwakwaka’wakw-Künstlers aus British Columbia, im Westen Kanadas betrachtete.

Beau Dick hieß er, lebte von 1955 bis zum März 2017. Damals schrieb ich: „Es bedarf schon eines genaueren Hinschauens, um diese Maskenwelt in der zeitgenössischen Kunst zu verorten. Beau Dick dekonstruiert die Welt seiner Ahnen nicht, sondern er überformt sie, macht sie geradezu global. Er lässt sich beeinflussen durch älteste und gegenwärtigste Ausdrucksweisen, seien es die Noh-Masken der Japaner oder die kommerziellen Halloween-Masken in den USA, die afrikanischen Tiermasken oder die Masken expressionistischer Künstler des 20. Jahrhunderts. Sucht er das Verbindende in all diesen Gebilden? Aber was ist das Verbindende? …Der Künstler hat, so scheint mir, etwas wie die Maske geschaffen, die befreit ist von den speziellen orts- und zeitgebundenen Inhalten. Die Maske an sich.

Genau das ist aber auch ihre Schwäche. Denn es fehlt seinen Masken das, was eine Maske von einem anderen Kunstgegenstand unterscheidet:  Magie, Beschwörung, Transzendenz. Beau Dicks Masken wirken auf mich wie leere Formeln, die nichts mehr beschwören. Sie sind eindrucksvoll, aber nicht „faszinierend“ (Faszination bedeutet Behexung, Verzauberung).

Sein, was man nicht ist. Sich verstecken, verbergen. Sich mit einem anderen Wesen identifizieren: einer Eule, einer Schlange… Das sind Wünsche eines jeden, und man kann sie in der Kunsttherapie sehr schön nutzen.

Herrscher brauchen Masken, das ist klar. Sie können nicht mit ihrem normalen, banalen Gesicht unter die Menge treten, denn dann würde niemand auf die Idee kommen, sie als Herrscher anzuerkennen. Das dachte ich, als ich die Tarot-Karte des „Herrschers“ kreierte. Doch wie müssen die Masken sein? Furchteinflößend, rätselhaft, bieder? Es kommt wohl auf die Umstände und das Publikum an, selche Maske den größten Erfolg verspricht.

 

Mir persönlich liegt die Clownsmaske am meisten. Allerdings setze ich mir ungern eine Maske auf, lieber male ich sie mir direkt aufs Gesicht, so wie hier, wo ich in einem „Doppelgesicht“ mich ohne und mit Maske zeige.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Kleingärtnerei

Gestern, nach dem Wählen, machte ich noch einen Bummel zu einer Kleingärtnerkolonie, um zu sehen, was aus ihr geworden ist. Die Gemeinde hatte vor ein paar Jahren ein Stück verwildertes Brachland für kleingärtnerisch motivierte Bürger zur Verfügung gestellt. Auf Antrag erhielt man eine Parzelle zugewiesen. Und so entstand eine hübsche Anlage mit einem gekiesten Zugangsweg, einem Rondell mit Springbrunnen, einem Wasserspeicher, einigen Schuppen und einer größeren Zahl von Gärtchen – alles in Eigeninitiative.

Heute lässt sich von diesen Gemeinschaftsformen kam noch etwas entdecken. Das unterschiedliche gärtnerische Engagement der diversen neuen Gärtner hat zu einer großen Diversifizierung geführt,  von 1a gepflegten bis hin zu vollkommen verwilderten Gärten. DasRondell ist verwildert, der Springbrunnen versiegt.

Ich hatte große Freude an den unterschiedlichen Pflegegraden der Gärten, die einem richtigen Kleingärtner wohl eher ein Graus wären. Denn wie soll er seine Tomaten ziehen, wenn der Nachbar den wilden Hafer wuchern lässt? Es scheint, die Kleingärtnerei ist mir trotz meiner diesbezüglichen Versuche noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen.

Vielleicht gelänge es mir, auch eine nette Kürbispflanze wie die unten links im Bild, die einsam auf einem sonst vernachlässigten Feld wuchs, bis zur Reife zu bringen, wahrscheinlicher aber ist doch, dass mein Garten am Ende mehr dem auf dem rechten Bild ähneln würde, auf dem sich wilder Hafer und Disteln wohlfühlen. Oder schaffe ich es, einen Garten wie den im mittleren Bild zustande zu bringen?

Übrigens: Meine Saubohne auf dem Balkon hat schon 3 (drei) dicke grüne Bohnenschoten hervorgetrieben. Ich staunte nicht schlecht, als ich sie entdeckte. Vielleicht werde ich doch noch eine Kleingärtnerin.

 

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Welttheater, 10. Zwischenbilanz 25.4.-21.5.2023

Der 12-Tage-Rhythmus der Zwischenbilanzen ließ sich diesmal nicht einhalten. Fast ein Monat ist seit der letzten am 24.4. vergangen.

In der ersten Zwischenbilanz  (12.1.) findest du ein Personenverzeichnis und eine Revue, „wie alles begann“: Die „blinde Poetin“ (Domna) ist der spiritus rector dieses „Welttheaters“. Mithilfe von Eichendorffs „Wünschelrute“ (Zauberwort) findet sie das Leitmotiv des Stücks: „Geben und Nehmen im Ausgleich“.

Die Handlung des Welttheaters beleuchtet dieses zentralen Thema in jeder Szene anders.  Die auftretenden Figuren stehen in unterschiedlicher Weise  in diesem Spannungsfeld. Etwas mehr über ihre Schicksale und Charaktere erfuhren wir nun durch ihre eigenen Erzählungen, nachdem Hirt Fotis sich als Gegenleistung fürs Essen Geschichten erbat.

Seit ihr nun satt? Dann möcht ich fragen

woher ihr kommt und wer ihr seid

Ich mag Geschichten und auch Sagen,

Erzählt sie mir, ich bin bereit.

Die folgenden Szenen enthalten Märchen, Mythen, Lebensgeschichten, Historie, sowie Lyrik. Angesprochen werden Fragen nach dem Wesen des Menschseins, nach dem Verhältnis zum Vater und zur Mutter (Väterlichkeit-Mütterlichkeit), zu Schuld und Schicksal, zu anonymen Kräften und Selbstverantwortlichkeit, zu seelischer Blindheit und Klarsicht des Herzens.

Clara beginnt mit dem Märchen „Der Hirte“, Trud kennt den Mythos von Ödipus,  Wilhelm erzählt seine eigene Lebensgeschichte, Abud berichtet vom Mali-König Mansa Musa, Hawi vermischt das Märchen „Der Zauberkrug“ mit dem eigenen Leben, Jenny gibt einen kurzen Abriss ihrer schlimmen Kindheit, Abud kommt auf seinen Vater und das Drama seiner Flucht zu sprechen. Domna rezitiert Gedichte, die das Geschehen interpretieren und vertiefen. Zum Schluss schlafen die Kinder Clara und Hawi im Schoß von Danai, die anderen rüsten sich zum Schlaf in der Wohnstube. Abud und Jenny können bei Fotis bleiben und ihm bei seiner Arbeit helfen.

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Hier nun eine etwas ausführlichere Zusammenfassung:

Das Kind Clara beginnt mit einem Märchen von einem Hirtenkind, das zum König wird. Jenny macht sich darüber lustig, sie hat unmittelbarere Gelüste (Brathuhn). Ihr „Brathuhn-Wunsch“ ist eine Herausforderung der „veganen“ Clara. (Die Beziehung zwischen Jenny und Clara bleibt ungeklärt. Domna vermutet, Clara sei Jennys Kind).

Jenny und Abud liefern sich einen verbalen Schlagabtausch. Domna verlässt daruafhin den Raum. Danai tadelt die beiden wegen ihres „Übermuts“, der Fotis‘ Gastlichkeit entwerte. Beide entschuldigen sich. Trud erbietet sich, als nächste zu erzählen. Sie wählt den Mythos des Ödipus, der 

schon seit alters her erforscht das Fragen.

Ödipus löste die Rätselfrage der Sphinx (die richtige Antwort ist: der Mensch), aber die tiefere Frage: Was ist der Mensch? wusste er nicht zu beantworten.

Jedoch! „Was ist der Mensch?“ das ist die größre Frage

die bis auf heute schwer die Menschheit quält.

Es ist die große Frage, die ich in mir trage

auf die mir immer noch die Antwort fehlt.

Ödipus stach sich die Augen aus, weil er das Offensichtliche nicht sah.

Für unsere Augen ist so manches unsichtbar.

Gut sieht man nur mit einem offnen Herzen

und was verworren war, das wird dann klar.

 

Wilhelm ergreift als nächstes das Wort, indem er an das Ödipus-Schicksal anknüpft.

Der  Typ hat sich die Augen ausgestochen

damit er besser sehen kann?

Vielleicht hab ich mir ja das Bein gebrochen

damit ich ankomm irgendwann?

Dahinter steht der Gedanke, dass sein Beinbruch eine Aufforderung seines Unbewussten ist, nicht mehr vor sich selbst wegzulaufen. Denn das tat er, wie er nun einsieht.

Bevor er erzählt, geht Danai zu Domna hinaus, die das Gedicht „Wen es trifft“ von Hilde Domin rezitiert. Darin wird die Frage nach der Gerechtigkeit des Schicksals gestellt und verneint. Weder das Unglück noch das Glück sei eine Folge eigenen Handelns, sondern Akte „einer unbekannten allmächtigen Instanz“. Angesichts dieses Ausgesetztseins bleibe nur, die eigene Hand zu hüten, dass sie nichts Übles anrichtet, so dass du zuletzt sagen kannst:

Du warst ein liebendes
Glied
zwischen mir und der Welt.

Danai legt ein gutes Wort für Jenny und Abud ein, deren Leben bisher extrem bedrückt gewesen sei. Liebevolle Zuwendung aber könne auch ihre Verhärtungen lösen.

Des Menschen Herz wird immer zu neuem Leben erregt

wird es in die Sonne von Liebe und Hoffnung gelegt.

Nun erzählt Wilhelm, zuerst zögernd, dann tief bewegt, von seinem strengen Richter-Vater, seiner bedrückten Kindheit, seiner Sehnsucht nach Wärme und Natur, seinem Werdegang als erfolgreicher Anwalt reicher Leute, vom Tod seines Vaters im Verlauf eines Aufruhrs, seiner Flucht. Auf Truds Nachfrage hin räumt er ein, dass er heimlich die Aufrührer bezahlte, also indirekt für den Tod des Vaters, den er sich wünschte, verantwortlich ist (Ödipus) und sich deshalb in die Einsamkeit zurückgezogen hatte.

Wenn ich allein war hier in der Natur

da sprach ich oft mit ihm, damit er mal erfuhr

was er mir angetan. Und wie ich ihn gehasst.

Doch jetzt nicht mehr, denn die Erinnerung verblasst.

Domna spricht mit Wilhelm im Wechselgesang das Lied des Harfners (Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre), in dem es erneut um die Schuld des Unschuldigen geht („ihr lasst den Armen schuldig werden„). Domna deutet an, dass auch sie blind gewesen sei, als sie noch sah. Doch nun sei ein Ende auch seines Leidens abzusehen:

Nun kannst du abtun von der müden Seele

die alte Schuld, auf dass sie dich nicht quäle

und dich behindre auf dem neuen Pfad

den du nun hast betreten grad.

Als nächstes erzählt Abud: Er greift eine Geschichte seiner Heimat Mali auf, die früher reich und berühmt war, und deren glänzendster Repräsentant Mansa Musa war, dessen Reichtum bis heute nicht übertroffen wurde. Man spürt, wie sehr Abud unter der heutigen demütigenden Armut leidet. Domna rezitiert Strophen aus Hölderlins Gedicht „Frieden„, in denen ein weiteres Mal nach dem Verschulden und also nach Ursache-Wirkung-Gesetzen gefragt wird:

Wer hub es an? wer brachte den Fluch? von heut
Ists nicht und nicht von gestern, und die zuerst
Das Maß verloren, unsre Väter
Wußten es nicht, und es trieb ihr Geist sie.

Und unstät wehn und irren, dem Chaos gleich,
Dem gärenden Geschlechte die Wünsche noch
Umher und wild ist und verzagt und kalt von
Sorgen das Leben der Armen immer.

Nun fordert Fotis Hawi auf, etwas zu erzählen. Hawi wählt das Märchen „Der Zauberkrug“, das seine Mutter ihm gern erzählte. Wieder ist von einem Hirtenkind die Rede, das durch verschiedene Prüfungen geht und einen Zauberkrug erhält, mit dem es sich Wünsche erfüllen kann. Im Verlauf der Erzählung wandelt sich das Märchen und wird zu Hawis eigener Geschichte: dem Überfall auf sein Dorf, dem vermutlichen Tod seiner Mutter, seiner Flucht.

Die Mama schrie, zerbrecht den Krug mir nicht.

doch diese Männer lachten ihr nur ins Gesicht.

Da schrie die Mama: du musst schnell wegrennen!

und Hawi lief und sah sein Haus noch brennen.

Die Erinnerung hat ihn erschöpft, er möchte nun schlafen gehen.

Jetzt bin ich müde, möchte sehr gern schlafen.

Darf ich mich wieder legen zu den Schafen?

Fotis und Danai begleiten Hawi hinaus, Domna bringt auch Clara. Die beiden Kinder schlafen in Danais Schoß ein. Domna rezitiert die beiden Fassungen von Goethes „Wanderers Nachtlied“.

Der du vom Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest …

und

Über allen Gipfeln ist Ruh…

Nun ermuntert Domna Jenny, etwas von sich zu erzählen. In kurzem ruppigem Stil berichtet sie von ihrer elternlosen Kindheit zwischen Heimen, Gefängnis und sexueller Ausbeutung. Froh ist sie, nun diese Gruppe gefunden und fast täglich etwas zu essen zu haben. Abud stellt ihre Geschichte in Frage, sie kontert  ironisch mit dem Märchen von der schlafenden Unschuld und dem wach küssenden Prinzen.  Es entspinnt sich eine Debatte über Väter. Jenny hätte gern einen Vater, aber die meisten Männer seien eh zum Wegwerfen, da sei es besser, vaterlos zu bleiben.

Gefragt nach seinem Vater, erzählt nun Abud: Der Vater, sein Held und sein Vorbild, dem er nicht gerecht werden konnte, denn er konnte die Mutter nicht schützen. Das ist sein Trauma, in dem Jenny stochert: du warst feige und bist weggerannt. Fotis begreift Abuds Schmerz und lädt ihn ein, sein Gehilfe zu werden – mit Lohn und Logis. Das würde auch ihm helfen, denn er sei schon alt.

Fotis‘ Angebot ist ganz im Sinne des Gebens und Nehmens: Jeder bietet das, was er hat, im Ausgleich zu dem, was er erhält. Jenny möchte auch ins Geschäft einsteigen – als Köchin gegen Essen und Schlafen – was Fotis ihr zusagt. Fröhlich anerkennt Jenny Fotis als brauchbaren Vatertyp:

Ein Vater so wie du, der käm mir grade recht.

Mit so nem Vater wär mein Leben am Ende gar nicht schlecht.

Fotis trägt Jenny die Arbeiten für den nächsten Morgen auf, geht mit Abud zu den Ställen und überlässt den anderen Besuchern den Wohnraum zum Schlafen. Am nächsten Morgen, so seine Annahme, werden sie weiterziehen.

Damit endet der vierte Akt.

In einem Zwischenakt sehen wir Domna, die das weitere Schicksal der Gruppe durchdenkt: Weiterfliehen oder sich verwurzeln? Sie fühlt den Widerstreit. Die Spirits beruhigen sie: alles sei immer im Wandel, sie solle sich einfach dem Strom anvertrauen, anstatt zu grübeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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