Tagebuch der Lustbarkeiten: Ausblick, Malerei und Atelierbesuch

Hell und durchwindet war der heutige Nachmittag, und ich genoss es, vor meinem Atelier zu sitzen und ins Land zu schauen. Es war sehr still, nur ab und zu erklangen fern die Trauerglocken. Karfreitag ist heute.

Ich ging dann ins Atelier und überwand meine Malhemmung insoweit, als ich den Kleistertopf und die Pigmentdosen aufmachte, einen dicken Pinsel ergriff und einen ersten noch unschlüssigen Farbauftrag auf eine Landwand aufbrachte.

Dann kam meine junge Freundin O, die in dem kleinen Hafenort Ag. Demetrios in der Mani ein Kafeneion betreibt. Sie möchte unser Hilfsprojekt unterstützen und mir helfen, meine Bilder unter die Leute zu bringen. Wir suchten 14 Bilder aus – Landschafts-Aquarelle und abstrakte Klebe-Ölkreiden-Bilder -, von denen ich ein paar habe neu rahmen lassen. Für sich selbst erbat sie sich die kleine Federzeichnung mit dem gestorbenen Vogel.

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Hier habe ich einige der neu gerahmten Aquarelle auf dem Flokati ausgebreitet. Sie wählte vier davon aus (3, 5-7). Nun bin ich gespannt, ob es bei ihren Besuchern – darunter viele Ausländer – Interesse gibt.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Gründonnerstag mit Schwimmen und Katern

Das Wasser ist noch kalt, aber ist man erst mal drin, kann man es gut aushalten. Und so schwamm ich heute ein paar Runden in „meiner“ Bucht. Niemand sonst war da. Schön wars.

Das verfallende Haus (hallo, Ulli!) ist noch ein bisschen mehr renoviert worden, der kleine Vorbau wurde aufgemauert.

Der Rasen auf dem Landsockel vor dem Geröllstrand ist mit einer einfachen Sitzgruppe bestückt. Sehr freute ich mich, dass ein Streifen mit hohen Zwiebelpflanzen nicht abgemäht und eine große Artischocke mit einem Steinkranz geschmückt wurde.

Die „Zwiebeln“ (Knoblauchknospen?) standen hoch und wiegten sich in der leichten Meeresbrise. Es sah reizend aus.

Im übrigen war ich auch heute faul – genauso wie unsere beiden nun kastrierten Katerchen Lin und Lan, die nur ein wenig mit den blauen Augen blinzelten, als ich heimkam und den nassen Badeanzug zum Trocknen aufhing. Sie haben sich von dem kleinen Eingriff, vor allem aber von den Schlägereien mit anderen Katern erholt, die Hals und Kopfwunden sind verheilt.

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Erster Mai!

Am 1. Mai wird hier gestreikt.  Da will ich kein Streikbrecher sein und wünsche allen hier Mitlesenden einen wunderschönen Start in den bekanntlich schönsten Monat des Jahres! Möge er halten, was er verspricht!

Das Rosinenmännchen schwenkt seine Blattfahne

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Dienstags-Drabble: Kinder stellen Fragen

Ein Text aus hundert Wörtern, darunter: Treppe  – überrascht – schweben. Das ist ein Drabble, die Wörter sind von Grinsekatz. Die Überschrift und die Legebilder zählen nicht mit.

 

Kinder stellen Fragen

Katrin tut den lieben langen Tag nichts als sich zu wundern und Fragen zu stellen. Alles überrascht sie.  

 

Wie machst du das und bist so dick?

fragt sie erstaunt den dicken Mann.

 

Was hast du, Katz, für einen Trick

und kommst da rauf, was ich nicht kann,

so ohne Treppe ohne Leiter,

und sitzt da oben still und heiter?

Du Vogel droben, du kannst schweben

Warum muss hier hier unten leben?

Und du, Frau, bist schon groß und hoch

Ein Bein steht auf dem Boden noch.

 

Beim Zwerg fiel ihr nichts andres ein,

als nur zu sagen: du bist klein.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: neue Fischtaverne ausprobieren

An der langen Küstenpromenade von Kalamata reihen sich die Tavernen. Eine scheint wie die andere zu sein, mit nur kleinen Variationen im Dekor. Die Küche liegt auf der Stadtseite der Fahrbahn, der offene Gastbereich auf der Meeresseite. Die Kellner müssen also für jede Bestellung die Fahrbahn überqueren. Eine Tafel am Eingang informiert, was es zu speisen gibt. Diese Tafeln sind bisweilen bebildert und ausgedruckt, öfter aber handschriftlich mit Kreide, wodurch der Eindruck erzeugt wird, dass sich das Angebot täglich ändert. Der Hauptteil der Taverne – der eigentliche Essbereich – ist auf Pfeilern und Holzböden über den Strand hinausgebaut. Aber man kann auch auf den Liegestühlen direkt am Strand Platz nehmen und sich auf kleinen Tischchen Getränke servieren lassen. 

Ein paar dieser Tavernen haben wir schon getestet. Die eine war besser im Service, die andere in den Speisen, die dritte im Preis. Heute suchten wir eine weitere auf. Da bei uns die Karwoche begonnen hat, bestellten wir Fisch und Salat. Und waren sehr zufrieden mit der Qualität, dem Preis und dem Service. Und natürlich mit der Mischung aus Sonne und Wind, Wärme und Kühlung, Fischgeschmack und Meeresluft.

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Schnipseln und zeichnen (Gutelaunekunst)

Auf meinem Schreibtisch in Athen lagen einige Schnipsel rum. Als ich in den trübseligen Tag schaute – der Saharastaub beherrschte die Stadt -, begannen meine Finger, diese Schnipsel in eine ungefähre Ordnung zu bringen.

Dann nahm ich einen Filzstzift und umrandete sie blau, füllte die Zwischenräume mit Gelb und Gelbgrün.

Eine Bande von Zipfelmützenträgern 

Ich mag solche Spielereien und schäme mich kein bisschen, es Kunst zu nennen. Dieses Kunstwerk lag noch dort, wo ich es erschaffen hatte, als ich mich für die Abfahrt in die Mani fertigmachte. Ich sammelte die Schnipsel ein. Die nun nackten Zipfelmützenträger verlangten dringend nach Bekleidung. Gut gelaunt, strickte ich ihnen auf die Schnelle rote, gelbe, rosa und blaue Ganzkörperkostüme.

Die Wollknäuel darüber malte ich auch. Doch was gehört zu wem? Immer diese Fragen nach der Identität!

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Faulenzen mit Fritzi

Um von Herzen zu faulenzen, ist es gut, eine Katze zu haben. Diese Einsicht kam mir heute.

Wir sind gestern nach einwöchiger Abwesenheit wieder in der Mani gelandet. Fritzi, meine Hauskatze, meldete sofort Bedarf an zusätzlichen Streicheleinheiten und gemeinsamem Ruhen auf dem Sofa an. Ich konnte ihr nicht Unrecht geben, denn eine Hauskatze ist eben was anderes als eine frei lebende Katze, und es reicht nicht, sie zu füttern.

Also ruhten wir auf dem Sofa, sie auf meinem Bauch, den ich mit einer ausreichend dicken Decke schützte, denn ihre Milchtritte sind nicht ohne.

Erstaunlich, wie lang eine entspannte Katze ist!  Hier siehst du, dass sich Fritzi bemüht, ihre Krallen nicht ungebührlich an mir auszuprobieren. Sie hat inzwischen gelernt, dass ich es nicht mag, wenn sie ihre Krallen in meine Haut gräbt, und hält ihre Pfötchen weitgehend unter Kontrolle. 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Winkewinke weißes Wolkentier!

Der Himmel ist, wie du siehst, jetzt wieder blau gefegt, der Saharasand hat sich gesenkt und  niedergelegt. Die Wolke winkt uns in Tieresgestalt ein fröhliches „Gute Reise!“  Nun sind wir zurück in der Mani, unsrer bevorzugten Lebensweise.

 

 

 

 

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Ausstellungsbesuch 2 (Michalis Oikonomou bei Theodohakis-Stiftung, Athen)

Kann die zuvor besprochene Ausstellung von Margielas Werken als Beispiel für intellektuelle „postmoderne“ Kunst gelten, so ist die von Michalis Economou (1888–1933) am andern Ende – am Beginn der griechischen Moderne angesiedelt. 

Die „Griechische Moderne“ ist freilich kaum mit dem zu vergleichen, was zur selben Zeit etwa in Frankreich und Deutschland vor sich ging. Ein wichtiger Grund sind die vollkommen verschiedenen Lebenswelten des damals noch weitgehend agrarischen Landes, das nur in den Städten elektrifiziert war und wo die Arbeit nicht von Maschinen, sondern von  Tieren und Menschenhänden vollbracht wurde. Ich erwähne das bloß, weil oft übersehen wird, wie stark sich die Lebenswelten auf das künstlerische Schaffen auswirken. 

Economou, ein in Griechenland weithin bekannter Maler, hat wie die meisten seiner Kollegen lange Zeit im westlichen Ausland verbracht (1906-1926 Paris, mit Aufenthalten in Großbritannien). Meistens wird er als „impressionistischer“ Maler bezeichnet, aber die Zuordnung finde ich zweifelhaft. Was er schafft, sind Bilder von Häusern, Booten, Küsten und Spiegelungen, doch fast nie in impressionistischer oder gar pointilistischer Manier, sondern flächig gemalt und manchmal wie gemauert. Wenn man unbedingt vergleichen will, dann vielleicht mit Munchs 1901 gemalten „Mädchen auf der Brücke“.

Doch in der Wirkung sind Economous Bilder ganz anders. Sie wirken wie verzaubert, fast entsubstanzialisiert, als seien diese Landschaften schon nicht mehr wahr. Als seien sie Träume, die sich seiner sehnsuchtsvollen Seele eingedrückt haben.

Das „Haus, das träumt“ ist sein bekanntestes und am öftesten reproduziertes Werk. Ich sah das kleine kostbar gerahmte Bild gestern und begann meinerseits zu träumen von einer heilen Welt von Anno dazumal. Die einfachen Formen, die weichen Konturen, die stille Spiegelung – es ist eine Szenerie, die die Sehnsucht nach einem „ursprünglichen“ harmonischen Leben des Menschen in seiner Umwelt einfängt. In so manchem Foto in euren Blogs finde ich ähnliche Anmutungen, und auch ich habe so meine Ecken, wo der Traum ganz real zu sein scheint. Ihr hier Mitlesenden kennt wohl alle das verfallende Haus in der Bucht, das ich immer wieder fotografierte und zeichnete (mit Kugelschreiber, 2019)

Economou scheint in den Jahren seiner Abwesenheit von Griechenland diesen Traum in sich genährt zu haben, und so fand er ihn nicht nur in seinem Heimatland, sondern überall, wohin er reiste.

Es gibt einige Versuche, sich eine modernere Bildsprache zu erschließen, so wie hier, wo fast abstrakte Landschaftsformationen als Farbflächen gegeneinander gesetzt werden. Aber die Bindung an die natürliche, erlebte Raumarchitektur gibt er niemals auf.

Dämmerig ist seine Welt, träumerisch entrückt, doch immer gebunden an die mit den Sinnen zu begreifende wirkliche Welt.

Wer seine Bilder sieht und sich nicht wehrt, wird hineingezogen in diese Welt der milden Zwischentöne. Eine Welt, die in der Wirklichkeit schon nicht mehr ist, aber immer noch in unserer Seele lebt und sie träumen macht.

Hier noch ein paar Beispiele:

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Ausstellungssbesuch 1 (Martin Margiela bei Bernier-Eliades, Athen)

Gestern. Die feine kleine Galerie Bernier/Eliades befindet sich in einer stillen Straße am U-Bahnhof Theseion. Schon wegen ihrer idyllischen Lage suche ich sie möglichst bei all meinen Athen-Besuchen auf. Der Hauptgrund ist freilich, dass man dort Einzelausstellungen internationaler zeitgenössischer Künstler zu sehen bekommt. Das ist für Athen durchaus keine Selbstverständlichkeit. Denn wir haben zwar seit der Documenta 14 (2017) ein prächtiges Museum für Zeitgenössische Kunst in einem Riesenbau (ehemals Bierfabrik Fix), aber das letzte Mal, dass ich dort war, fand ich es inhaltlich so enttäuschend, dass ich bei meiner sehr begrenzten Zeit keinen Anlauf riskieren wollte. 

Ein kleines Schild mit dem Namen des ausstellenden belgischen Künstlers (Martin Margiela), ein messingner Klingelknopf, den ich drücke, und die schwere Sicherheitstür öffnet sich schnurrend. Im stillen Raum begrüßen mich schwarze und weiße Torsen auf hohen Stelen.

Merkwürdige Torsen sind das. Leicht irritiert betrachte ich sie. Sie wirken körperlich, aber zugleich unbestimmt zerfließend, als wüssten sie nicht so recht, was sie werden wollen oder einmal gewesen sind. Trans-Übergangsgeschöpfe vom hier zum dort, mit frei wandernden Organen. Der weiße lässt sich einigermaßen fotografieren.

Mir fällt eine Szene aus Faust II ein (Klassische Walpurgisnacht): Proteus – der ständig seine Gestalt wandelnde Gott – und Homunculus, der im Reagenzglas steckt und noch keine feste Form gefunden hat*. Max Beckmann hat sie illustriert (Quelle: Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethemuseum)

Klassische Walpurgisnacht. 2. Akt: Proteus: Komm geistig mit in feuchte Weite (Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum RR-F)

In einer Vitrine gegenüber erblicke ich vier Kugeln, die … ja, was? Sie haben Haare und einen Mittelscheitel. Rechts prangt eine große dunkelhaarige, und je weiter der Blick nach links wandert, desto mickriger wird die Kugel, und das Haar färbt sich langsam eisengrau.

Eine Allegorie auf das Altern, so will mir scheinen (merkwürdigerweise in umgekehrter Leserichtung von rechts nach links). Man kennt das ja: wie sich im braunen Haar rund um den Scheitel die Farbe zurückzieht, zumal wenn das Braun nicht ganz echt ist und das Grau nachwächst. Dann heißt es für so manche: Schnell zum Figaro!

Allegorie hin oder her: irritierend makaber finde ich diese behaarten Kugeln mit den Mittelscheiteln.

Im nächsten Raum bleibe ich vor Treppen stehen, die aus rotem Filz gefertigt zweidimensional an der Wand lehnen. Sie wirken, als seien sie noch nicht ganz fertig, denn Spannfäden hängen unordentlich aus dem Gewebe.

Es gibt auch weniger würdevolle Treppen, zum Beispiel solche aus grauem strapazierfähigem Filz…

oder auch solche mit vorsorglich aufgeklebten Signalkanten, damit man beim Runtergehen nicht stolpert.

Die roten sind wohl für die Chefetage, die grauen für die niederen Angestellten und die mit den gelbschwarzen Kanten für die Lieferanten.

Was noch? An einer Wand hängen zahlreiche Plexiglaskästen mit eleganten Schuhen, die bei genauerem Hinschauen keine sind, sondern nichts als Gelumpe und Möchtegern.

und ein Eisengestell an der Wand – unklar zu welchem Behufe – will dem Betrachter suggerieren, ihm sei ein Fell gewachsen.

So ahmt die Kunst nun nicht mehr wie in alten Tagen die Natur nach, sondern unsere zivilisatorischen Errungenschaften, bei denen ja oft genug unklar bleibt, was sie sind und was sie zu sein scheinen. Fake eben.

Mit solche Gedanken trete ich hinaus ins gleißende Mittagslicht und wandere etwas erschöpft zurück zur U-Bahn. Zu mir herunter grüßt die Kulisse der Akropolis, und ich frage sie: bist du, was du scheinst? Eine Antwort gibt sie mir nicht. Über so was wie mich mit meinen komischen Fragen ist sie erhaben.


J.W.Goethe, Faust II, Klassische Walpurgisnacht.

(….)

Thales
Wo bist du, Proteus? –

Proteus
Hier! und hier!

(….)

Thales
Gestalt zu wechseln, bleibt noch deine Lust.

Proteus
Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!

Thales
Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.
Er ist, wie ich von ihm vernommen,
Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch wär‘ er gern zunächst verkörperlicht.

Proteus
Du bist ein wahrer Jungfernsohn,
Eh‘ du sein solltest, bist du schon!

Thales
Auch scheint es mir von andrer Seite kritisch:
Er ist, mich dünkt, hermaphroditisch.

Proteus
Da muß es desto eher glücken;
So wie er anlangt, wird sich’s schicken.

(….)

 

 

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