Nach der Entdeckung der Strahlen, die unseren Corpus transparent machen (siehe gestrigen Eintrag zu Röntgen), ging es mit der Medizin mächtig aufwärts, mit der Transparenz im Geschäftsgebaren jedoch eher abwärts. Zumindest ist es das, was ich frech behauptet habe.
Aber ist das gerecht? Sind die Arzneimittelhersteller heute nicht gesetzlich zu höchster Transparenz verpflichtet? Warum sonst sind die Beipackzettel der Medikamente heute meterlang? Da steht ja schwarz auf weiß, was du von dem Medikament erwarten, aber auch, was du dir einbrocken kannst, wenn du es nimmst. Und am Ende steht der freundliche Rat: „Frage deinen Arzt“ oder „Frage den Arzt deines Vertrauens“.
„Deinen Arzt“. Lang lang ists her, dass ich einen solchen „meinen Arzt“ hatte. Eigentlich hatte ihn meine Mutter, denn er war der Hausarzt, der uns alle seit unserer Geburt kannte und der wusste, ob der Husten behandlungsbedürftig war. Er wusste auch mit den Tieren Bescheid. Gibt es solche Allgemeinärzte noch? Ich weiß es nicht. Mir scheint, die Ärzteschaft hat sich in tausend Einzelkompetenzen aufgespalten, und einen „Onkel Doktor“, wie wir ihn noch kannten, gibt es nicht mehr. Natürlich lasse ich mich gern eines anderen belehren.
Wenn kein Doktor greifbar ist, geht man schon mal ohne dessen Ratschlag in die Apotheke und lässt sich dort ein Medikament aushändigen, das womöglich gegen den Husten hilft. Oder gegen Blähungen. Oder gegen Sehstörungen, Kopfschmerzen, Rheuma, was weiß ich. Man trägt dann das Medikament nach Hause und liest den Beipackzettel, denn den soll man „sorgfältig lesen“. Der Text ist allerdings sehr lang, und damit er in die Packung passt, müssen die Buchstaben sehr klein sein. Eine Lupe wäre da am Platze. Wenn es einem gelungen ist, den ganzen Text zu entziffern, fragt man sich ängstlich: Soll ich das Zeug tatsächlich nehmen? Weiß ich denn, ob ich gegen A…. allergisch bin? oder ob sich mein anderes Medikament mit diesem verträgt? Falls nicht, soll ich gleich „meinen Arzt aufsuchen“. Aber da waren wir doch schon mal…
Genug des Gemosers. Optimismus ist angesagt. Und so greife ich noch einmal ins Archiv und ziehe eine frühere abc-Etüde heraus, die sich um die Worte „Geheimkünstler“, „suggerieren“ und „sperrig“ rankt ( „Lob der Chemie“)
Lob der Chemie.
Auf dem Beipackzettel steht
Was mit dieser Pille geht:
Du hast dir Kilos angefressen?
Die darfst du heute schon vergessen.
Auch wenn du isst was auf dem Tisch
Bleibst du doch schlank und jugendfrisch
Hast du Ärger mit dem Mann
Weil er was Männliches nicht kann
Gib ihm die Pille nur geschwind
Schon morgen kriegst du dann ein Kind.
Gib dem Kinde, wenn es plärrig
Trotzig oder allzu sperrig
Andres will als du und ich
Eine Pille vorsorglich.
Kommst du leicht schon aus der Puste
Eine Treppe – huste huste
Die Pille hilft, ja, rauche nur
Vom Husten bleibt dir keine Spur.
Wir möchten dir auch suggerieren:
Du brauchst die Pille zum Studieren
Fürs Hirn, fürs Herz und untenrum
Denn ohne Pille bleibst du dumm.
O ja, Chemie mit ihrer Kraft
Hat jede Krankheit abgeschafft.
Hab vor dem Tode keine Bange!
Vertrau nur ihr, so lebst du lange.
Auch wenn du frisst und säufst und rauchst
Und täglich dein Stück Torte brauchst
Wenn du statt draußen zu spazieren
Noch ein Likörchen willst goutieren
Du bleibst doch knackig und gesund
Es reicht, dass du durch deinen Schlund
Alltäglich diese Pillen schickst:
Und dich mit der Chemie beglückst.
Geheimkünstler sind nicht am Werke
Die Transparenz ist unsre Stärke
Wir sagen dir, was in der Pille
Und wie sie alles Übel kille.
Auf dem Beipackzettel steht
Was mit dieser Pille geht.

Wenn du genau hinschaust, siehst du, dass diese Wesen transparent sind. Du siehst die gerauchten Zigaretten im Brustkorb des Mannes, die entzündete Schilddruse und was im Unterleib der Frau vorgeht, und im zentralen Stück kannst du auch einen Blick auf die Vorgänge der Zeugung werfen. Da gibt es nichts Dunkles und Geheimnisvolles mehr um das werdende Leben, denn alles ist transparent, wie es der moderne Mensch verlangen kann.