Nachtrag zu „Vielschichtigkeit“. Wie in einem Spiegel.

Mich plagte die Neugierde: was spiegelt sich denn nun wirklich in meinem Fenster? Also bat ich meine gute Freundin E, die mich heute besuchte, doch bitte mal von außen an meiner Fensterfront vorbeizuspazieren, und wenn sie im Spiegelbild auftauchte, würde ich Halt! schreien und auf den Auslöser drücken. Dann würden wir ja sehen, wo und wie. Eine einfache Versuchsanordnung …

Hier noch mal die Fensterfront von Innen.

E spazierte also draußen vorbei, von ganz links bis ganz rechts und wieder zurück. Ich stand derweil in Lauerstellung drinnen vor der Außenseite der offenen Fenstertür. War sie da? Nein? Schon wieder weg. Halb verdeckt, verzerrt. Warum so dunkel?

Und ich dachte an Ulli Gaus Kommentar, der mir in der Mailbox angezeigt wurde, aber nicht im Kommentarstrang auftauchte und weder als „pending“ noch als „Trash“ aufzufinden ist (wo steckt er denn bloß?). Sie schreibt:

Ziemlich komplex und nicht wirklich durchschaubar, wenigstens nicht für mich, aber ich lese ja, dass selbst du rätselst, was sich wo und wie spiegelt.
Ein wunderbares Synonym auch für das eigene Sein im Spiegel des Gegenübers oder das Gegenüber im eigenem Spiegel, oder dem Ich im Spiegel der Welt … da wird es manchmal auch rätselhaft!

Et voila!

Ich musste ein wenig suchen, bis ich sie neben den Büchern entdeckte: das Gesicht verzerrt, die Figur eingekastelt, aber am gepunkteten Kleid kann man sie erkennen. Du kennst solche Dialoge: „Wer war denn die Frau im gepunkteten Kleid?“ – „Welches gepunktete Kleid? Du meinst die Frau vom XY, ach, die hatte ein gepunktetes Kleid an? Ist mir gar nicht aufgefallen“.  Das Gegenüber im eigenen Spiegel  – wie Ulli so treffend sagt. Der eine sieht das Kleid, der andere sieht den Status der Trägerin. Wer sieht den Menschen?

Hier noch zwei Bild-Ausschnitte, diesmal mit der Fotografin und dem Modell, die eine von Innen in den offenen Flügel der Glastür schauend, die andere von außen durch den geschlossenen Flügel. (Diesen zweiten Tür-Flügel hatte ich gestern ganz übersehen. Er ist es, der die meiste Außen-Spiegelung vollbringt.)

Ja, sie schaut von rechts, aber sie spiegelt sich zusammen mit den Büchern, die links auf dem Regal an der Wand stehen. Da sage mir noch jemand, er wisse, was rechts was links, was vorn was hinten sei!

Wie dunkel sie ist! Es ist wohl der Schatten des Fenstertür-Rahmens, der dort in der Luft schwebt und das είδωλο (Idol, Scheinbild) meiner Freundin verschluckt. Ob das wohl auch im Leben so ist? Dass plötzlich ein Schatten aus dem Nirgendwo auf einen Freund fällt, und wir können ihn nicht mehr erkennen?

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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7 Antworten zu Nachtrag zu „Vielschichtigkeit“. Wie in einem Spiegel.

  1. Pega Mund schreibt:

    krass! und schön. spannend.

    Gefällt 1 Person

  2. kowkla123 schreibt:

    super schön, ich wünsche eine entspannte sorgenfreie Woche.

    Gefällt 1 Person

  3. www.wortbehagen.de schreibt:

    Ein toller Versuch mit der Freundin. Sie machte total gut mit.
    Hättest Du nicht den Hinweis auf das getupfte Kleid gegeben, hätte ich sie nicht so schnell gesehen.
    Der Schatten aus dem Nirgendwo? Oh ja, das denke ich auch oder auch ein Licht, das aus dem Nirgendwo spricht. Oft erkennen wir die Schatten aber auch, die uns die Sicht auf Licht versperren, die sich kaum ausblenden lassen. Sind es Erinnerungen, Gedanken, die das Unterbewußtsein einblendet?

    Gefällt 3 Personen

  4. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, erst einmal ist es doch seltsam, dass der Kommentar verschwand, aber nun, es ist was und wie es ist.
    Und so ist es wohl auch mit den Spiegelungen, den Überlagerungen, den Schatten und dem was wirklich ist. Letztlich ist das Ganze wirklich und darum manchmal umso schwieriger zu druchdringen. Ich frage mich auch, ob es immer notwendig ist, ob es manchmal nicht auch darum geht mit dem Ganzen und der entsprechenden Wirkung auf das Selbst zu sein, statt immer wieder dem Impuls von Analyse und Zerpflückung eines Ganzen in seine Einzelteile zu folgen.
    Ich habe in den letzten 10 Tagen viele neue Gedanken und Impulse sammeln dürfen und dabei auch immer mal wieder an dich und deine Übung des wertfreien Aufnehmens und Beobachtens gedacht.
    Herzlichste Grüße vom heißen Berg an dich, Ulli

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