Archivbild der Woche, 1.6.2016: Lichtstrahl

An einem Tag wie heute: 1. Juni 2016.

„Geometrie des Lichts“ nennte ich dieses Bild, das ich für Heides Projekt „Archivbild der Woche“ aus dem Archiv nach oben befördert habe.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Noch einmal Spiegelungen am Segelhafen

Der letzte Tag im Mai. Wolken ziehen über den Himmel, das Wasser kräuselt sich leicht im leichten Wind. Wenn die Sonne durch die Wolken bricht, ist es sehr heiß. Die Spiegelungen magisch.

Sehr weich verschwimmen die Formen (anklicken zum Vergrößern)

die leichte Bewegung der Oberfläche zeichnet die Dinge in weichen Wellenlinien nach.

Warum zeict sich das Wasser in diesen matten Grüntönen? Es ist, als verdampfe eine hauchdünne Wasserschicht unter der Sommerhitze.

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Der Mai und die Zehn der Kelche: Was aus ihnen wurde.

Manc4her erinnert sich vielleicht? Ich zag in der 5. Raunacht am 30, Dezenber des vorigen Jahres die herrliche Karte „Zehn der Stäbe“ für den Monat Mai.

„Das einfache Glück eines Paares mit zwei spielenden Kindern, sie breiten weit ihre Arme aus, umarmen Himmel und Erde……..

Und was bedeutet das für mich? Ich lebe auch in einem Paradies. Über uns wölbt sich Tag für Tag der blaue und Nacht für Nacht der sternenfunkelnde Himmel Griechenlands (außer es regnet, was ebenfalls gut ist).

Was also gibt es für mich bei dieser Karte zu bedenken? …

Nichts gibt es zu bedenken. Freu dich einfach, von Herzen und ohne Wenn und Aber! Kannst du nicht? Dann lerne es im Mai!“

So schrieb ich und nahm mir vor, im kommenden Mai zu lernen, mich dem Glück des einfachen Lebens in der Familie anzuvertrauen. So einfach! und doch so schwer.

In jener Raunacht Ende Dezember näherte ich mich dem Thema mit einer neurografischen Zeichnung.

Ich meinte zu sehen, dass sich aus dem Gewirr der Linien die Gestalt eines Ölbaumes herausschälte – Symbol für tiefe irdische Verwurzelung, für Fruchtbarkeit auch aus steinigem Boden und in dürren Zeiten, für schwarze Bitternis, aus der köstliches goldenes Öl gepresst werden kann, das uns Menschen ernährt. Ölbäume – das bedeutet materielle Sicherheit, Heim, Familienglück. 10 Kelche eben.

Und was ist nun aus dem Mai und den zehn Kelchen geworden? Tatsächlich wurde es ein geruhsamer familienbezogener Monat, mit Besuch des Sohnes, Geburtstagsfeiern, Besuch bei Verwandten, Ausflügen, Spaziergängen, gemeinsamem Essen mit lebhaften Unterhaltungen.  Sicherheit, Heim und Familienglück.

Eine neue neurografische Zeichnung zur Tarotkarte „Familienglück“ machte ich heute.

Im Vergleich zur Dezemberzeichnung fällt das Maienlicht auf. Dort Olivenbaum – hier Aprikosenbaum. Nicht mehr geht es um die Mühen, das Olivenöl zu gewinnen – das ist Dezemberarbeit -, sondern die Früchte entwickeln sich jetzt wie von selbst in der hellen Sonne. Was dann auch reifen wird? Das wird sich zeigen.

Schön wars, aber nun ist Zeit für Öffnungen, das spüre ich. Die Familie ist wichtig, aber jeder sollte doch darüber hinausgehen, sich eigene Aktionsfelder erobern, finde ich. Gestern machte ich mich auf den Weg, um einen Ausstellungstermin für Juli festzumachen, heute kamen Leute zum Aufstellen. Und so gehe ich mit guten Kräften in den Juni.

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Gingernillis 31: Bötchen, Eulen und Engel

An einer unserer Deckenlampen hängen gleich fünf Gingernillis. Und da heute der letzte Tag vom Krimskrams-Challange von Juzicka-Jess (Amorak) ist, habe ich sie alle fotografiert, wie sie da hangen.

Ganz oben, gleich neben der Lampe, das bescheidene Bötchen.

Darunter eine sehr fotogene kleine Eule.

Darunter eine größere Eule in Knüpftechnik

Schräg darunter eine klitzekleine Eule,die ich beinahe übersehen hätte.

Den krönenden Abschluss macht ein reizender Engel mit goldenen Flügeln, den mir eine Freundin zum letzten Weihnachtsfest schenkte.

Womit sich der Kreis schließt: die Serie begann mit einem Weihnachtsmann und endet mit einem Weihnachtsengel. Frohe Weihnachten allseits! Und frohe Tage dazwischen!

Danke, Juzicka-Jess, für deinen witzigen Einfall, unseren Gingernillis ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken!

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Sonnenuntergang oder: Jeder ist ein Zentrum

Nach einem schönen Ausflug (dazu mehr morgen) hielt ich ein Weilchen am Meer, um die Sonne untergehen zu sehen. Wie immer machte es mir Eindruck, dass die Sonnenbahn genau auf den Betrachter, in diesem Fall mich, zuläuft. Ich fühlte mich gestärkt und richtig am Ort, an meinem Platz: Ja, jeder ist das Zentrum seines Lebens, das Zentrums der Welt.

Wäre ich eine andere, an einem anderen Ort – wieder liefe die Sonnenbahn auf mich zu. Niemand steht mehr oder weniger im Licht. Jeder steht im Zentrum, ist ein Zentrum. Da gibt es kein „am Rande Rumstehen“. Die Sonne gestattet dir nicht zu sagen: „auf mich kommt es nicht an“. Sie zeigt geradewegs auf mich, auf dich, auf einen jeden.

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Bewegung im Still (Kleine Beobachtungen)

Kürzlich (hier) stellte ich anlässlich von Myrades Foto einer Läufergruppe ein paar Gedanken über Bewegung an. Ich illustrierte diese Gedanken u.a. mit Fotos, die ich durch Bewegung des Handys künstlich verwischt hatte. Die Dinge im Raum waren tatsächlich unbeweglich, doch erschienen sie wie bewegt.

Gestern nun fotografierte ich mit meinem Handy die Katze, die durch den Raum zwischen den unbewegten Füßen meines Mannes und dem bewegten Bild auf dem TV-Screen hindurchlief. Da es ziemlich dunkel war, benutzte das Handy eine längere Belichtungszeit. Und so entstand ein Bild, das ich „Bewegung im Still“ nennen möchte.


Der Raum und das Bein stehen still, wie es sich für ein ordentliches Foto gehört, aber die Katze und das Fernsehbild bewegen sich. Beide sind daher unscharf abgebildet. Der Grund ist aber ganz verschieden. Das Fernsehbild verschiebt sich „mechanisch“ durch die Bewegung der Kamera …

die Katze aber bewegt sich selbständig, denn sie ist lebendig! Sie ist tatsächlich beweglich, ganz anders als die Akropolis auf dem Fernsehschirm.

Banal? Nun, ich finde es eine höchst interessante Beobachtung, wie sich in einem Foto drei verschiedene Bewegungsformen gleichzeitig abbilden: die fotografische Fixierung eines Beins, so dass es wie der Stuhlbein, der Boden, das Bild erstarrt, die Scheinbewegung eines Gebäudes durch Kameraschwenk, und die durch Eigenbewegung unscharf gewordene Abbildung einer bewegten Katze, die damit klar zum Ausdruck bringt: ich bin kein Gegenstand!

 

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Gingernilli 30: Biene Maja und Glasvase mit Glasblumen

Das Wort „Gingernillis“ – wie ich las, in der Schweiz sehr gebräuchlich, mir bis dato unbekannt – ist mir lieb geworden, seit ich seit nunmehr 30 Tagen jeden Tag ein Kinkeritzchen, Krimskrams oder eben Gingernilli für das Challange von Juzicka-Jess (Amorak) poste.

Gingernilli klingt in meinen Ohren angemessener für diese liebenswerten Dingerlinge, die still und bescheiden auf den Regalen und Tischen, in den Kästen und und Dosen vor sich hinleben und einem, nimmt man sie wahr, freundliche Gefühle vermitteln. Wie dieser nette Blumen-Übertopf mit der Biene Maja, die ein anderes Insekt begrüßt. Weiß jemand ihren Namen?

Die kleine blaue Glasvase dahinter ist nicht nur besonders hübsch, sondern wärmt mich auch mit der Erinnerung an eine alte Dame, die sie mir – einfach so, und weil sie aus irgendeinem Grunde Sympathie für mich empfand – schenkte. Die Vase war hübsch verpackt, und als ich sie samt den kunstvollen gläsernen Blumen aus dem Papier wickelte, konnte ich kaum glauben, dass das für mich sein sollte. So etwas Zierliches hatte ich noch nie besessen. Das ist viele Jahre her, ich bin jetzt selbst alt, aber die Vase ist geblieben wie sie war und die Blumen sind nicht verwelkt.

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Gingernillis 29: Streitwagen

Für das Krimskrams-Challange von Juzicka-Jess (Amorak) heute etwas vordergründig Martialisches. Keine Ahnung, wie es dieser altgriechische Krieger auf dem Kampfwagen (Biga, Zweispänner) auf das Bücherregal im Flur geschafft hat. Vielleicht hat er sich diesen Platz mit blanker Klinge erstritten. Hinter ihm die Reiseführer der (mit einer Ausnahme) tatsächlich besuchten Orte – von der Agia Petropoli (St. Petersburg) über Sevilla und die Spanier, Assisi, Napoli (Neapel), Lissabon, Mexiko und Cordoba bis Rom, wohin schließlich alle Wege führen. Im Vordergrund ein Zettel mit der Aufschrift „MΕΓΑ“ – der Großmächtige.

In der hinduistischen Symbolik repräsentiert der Streitwagen den menschlichen Körper, die Pferde die Sinne und der Wagenlenker das höhere Selbst. Diese Symbolik, die auf die kosmische Ordnung mit der Sonne als lenkender Kraft anspielt, ist auch im Griechischen zu finden. Einen großartigen Ausdruck fand sie im „Wagenlenker“, einer lebensgroßen Bronzestatue, die im Apollonheiligtum von Delphi gefunden wurde.

Die Hethiter, die den Streitwagen im 13. vorchristlichen Jahrhundert erfolgreich in Eroberungskriegen in Syrien einsetzten, waren Vorbild für die Entwicklung von Streitwagen für Kriegszwecke auch in Griechenland. Voraussetzung dafür war neben der Domestizierung von Pferden die Erfindung des leichten Speichenrads. Die Perser führten ihre Kriege mithilfe von Sichel-bewehrten Streitwagen, doch Alexander bewies die Überlegenheit der beweglicheren Reiter – und so kamen die Streitwagen aus der Mode.

Ihr Nachfolger – der Panzer – wird wohl auch vor der beweglicheren Drohne das Feld räumen müssen…

Doch immer wirksam bleibt das ursprüngliche Symbol, das sich in den Quadrigen und Bigen der Götterwelten zeigt: die Kontrolle des Geistes über die physische Welt (Kosmos) oder, beim Menschen, des Ich über den Körper und seine Schmerzen und Freuden.

Und so möchte ich auch ganz unkriegerisch das heutige Gingernilli interpretieren: das Schwert (Intelligenz, Unterscheidungsvermögen) in der einen Hand, das Schild (Abgrenzung, Schutz) in der anderen, die Pferde (Sinne, Leidenschaften) im schönen kräftigen Gleichgang, der Körper (Wagen) leicht und doch stabil – so kann der Mensch sein Leben „meistern“.

 

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Impulswerkstatt: das Zitat von Schnitzler

Arthur Schnitzler

Jedes Wort hat fließende Grenzen. Diese Tatsache zu ästhetischer Wirkung auszunützen ist das Geheimnis des Stils.

Du hast, liebe Myriade, in deinem Eintrag zu diesem Zitat, auf „die zeitliche Komponente dieses Fließens in Richtung der Grenzen der Bedeutung eines Wortes und darüber hinaus“ abgehoben, wobei dich weniger die Folgen für den Stil als die gesellschaftlichen Implikationen interessierten. Richtig?

 

Ich finde diesen Ansatz interessant, hatte aber beim Schnitzler-Zitat ganz andere Assoziationen. Für mich bedeuten „fließende Grenzen eines Wortes“ in etwa das, was man den Assoziationshof nennt. Der ist von Sprecher zu Sprecher, von Sprache zu Sprache verschieden, variiert über die Zeit und ist eine Herausforderung für jeden Übersetzer.

Ich möchte das an einem willkürlichen Beispiel exemplifizieren: Nehmen wir das Wort „Brücke“. Zur Auflockerung füge ich in den langen Text ein paar meiner Brückenbilder ein.

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Jeder weiß, was eine Brücke ist: ein Bauwerk, das von Menschen errichtet wurde, um ein Gewässer oder einen Abgrund zu überqueren. Das also ist die „Kernbedeutung“ von „Brücke“. Darum herum aber liegt ein weiter Hof, liegen viele Schleier von Sub-Bedeutungen, Gefühlen, Geschehnissen, Erinnerungen, Bildern…, durch die das Wort quasi ins Schwingen gerät und lebendig wird.

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Bei Schnitzler selbst fand ich folgenden Gebrauch: … Dann saßen wir einmal im Theater, ich weiß nicht mehr, bei welchem Stück, da sprach irgendeiner auf der Bühne von Kolumbus. Es war ein Stück in Jamben, und ich entsinne mich des Verses: »– und da Kolumbus auf die Brücke trat…« (aus: Amerika)

Hm. Da meint er offenbar nicht das „Bauwerk…“, sondern die „Kommandobrücke“ oder „das Deck auf einem Seeschiff, auf dem die Seewache gegangen wird“ (Wikipedia)

Auch der Zahnarzt meint etwas anderes mit „Brücke“, oder der Sportlehrer, der den Schüler auffordert, eine solche zu machen. Oder der Teppichhändler, der dir eine anbietet. Dem Kunsthistoriker fällt bei „Brücke“ Schmidt-Rottluff, Heckel und Kirchner ein. Der Brückentag zwischen Himmelfahrt und dem Wochenende meint auch kein Bauwerk. Oder nimm den Steg der Geige, den man auch Brücke (bridge) nennt.

Meist gilt es, etwas zu „überbrücken“, manchmal geht es nur um die Form, die „brückengleich“ ist.

Aber gut. Lassen wir das. Damit mögen sich die Übersetzer abplagen. Hier soll es nicht um Definitionen, sondern um „ästhetische Wirkung“ gehen, die durch die fließenden Wortgrenzen erzeugt wird.

Also suchte ich Dichter, die über „Brücken“ schreiben, und sortierte sie nach Geburtsjahrgang, um eventuelle Veränderungen des Wortgebrauchs mit einzubeziehen. Der älteste von mir zitierte Dichter ist Goethe, der jüngste Georg Heym.

Die Frage geht nach dem Assoziationshof des Wortes „Brücke“, den der jeweilige Dichter evoziert. Ich kann die Interpretations-Arbeit hier nicht leisten, nur anregen, dass sich jeder, der sich dafür interessiert, einmal eines der Gedichte genauer anschaut und sich fragt: Welchen „Assoziationshof“ hat das Wort „Brücke“ für diesen Dichter in diesem Gedicht?

Dasselbe lässt sich mit jedem x-beliebigen Wort durchführen. Dazu gelegentlich ein weiterer Beitrag.

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Auf großen und auf kleinen Brucken
Stehen vielgestalt´ge Nepomuken
Von Erz, von Holz, gemalt, von Stein,
kolossisch groß und puppisch klein.
Jeder hat seine Andacht davor,
weil Nepomuk auf der Brucken sein Leben verlor.

 

Friedrich Schiller (1759-1805)

Von Perlen baut sich eine Brücke
Hoch über einen grauen See,
Sie baut sich auf im Augenblicke,
Und schwindelnd steigt sie in die Höh.

Der höchsten Schiffe höchste Masten
Ziehn unter ihrem Bogen hin,
Sie selber trug noch keine Lasten
Und scheint, wenn du ihr nahst, zu fliehn.

Sie wird erst mit dem Strom, und schwindet,
Sowie des Wassers Flut versiegt.
So sprich, wo sich die Brücke findet,
Und wer sie künstlich hat gefügt?

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Theodor Fontane (1819-1898)

Brück am Tai

….

Und unser Stolz ist unsre Brück‘;
ich lache, denk ich an früher zurück,
an all den Jammer und all die Not
mit dem elend alten Schifferboot;

(Tand, Tand, ist das Gebilde aus Menschenhand). Die bekannte Ballade bezieht sich auf den Zusammenbruch der Eisenbahnbrücke Firth-of-Tai in Schottland (1879). Stolze Ingenieurskunst von Menschenhand ist Tand angesichts der Natur- und Geistesgewalten.

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Gottfried Keller (1819 – 1890)

Schöne Brücke, hast mich oft getragen
Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen
und mit dir den Strom ich überschritt.
Und mich dünkte, deine stolzen Bogen
sind in kühnern Schwüngen mitgezogen
und sie fühlten meine Liebe mit.

Weh der Täuschung, da ich jetzo sehe,
Wenn ich schweren Leid’s hinübergehe
Daß der Last kein Joch sich fühlend biegt
Soll ich einsam in die Berge gehen
und nach einem schwachen Stege spähen
der sich meinem Kummer zitternd fügt?

Aber sie, mit anderm Weh und Leiden
und im Herzen andre Seligkeiten:
Trage leicht die blühende Gestalt
Schöne Brücke, magst du ewig stehen
ewig aber wird es nie geschehen
daß hinüber eine Bessre wallt!

 

 

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)

Die alte Brücke

Dein Bogen, grauer Zeit entstammt

Steht manch Jahrhundert ausser Amt;

Ein neuer Bau ragt über dir:

Dort fahren sie! Du feierst hier.

 

Die Strasse, die getragen du,

Deckt Wuchs und rote Blüte zu!

Ein Nebel netzt und tränkt dein Moos,

Er dampft aus dumpfem Reussgetos.

 

Mit einem luftgewobnen Kleid

Umschleiert dich Vergangenheit,

Und statt des Lebens geht der Traum

Auf deines Pfades engem Raum.

 

Das Carmen, das der Schüler sang,

Träumt noch im Felsenwiderklang,

Gewieher und Drommetenhall

Träumt und verdröhnt im Wogenschwall.

 

Du warst nach Rom der arge Weg,

Der Kaiser ritt auf deinem Steg,

Und Parricida, frevelblass

Ward hier vom Staub der Welle nass!

 

Du brachtest nordwärts manchen Brief,

Drin römische Verleumdung schlief,

Auf dir mit Söldnern beuteschwer

Schlich Pest und schwarzer Tod daher!

 

Vorbei! Vorüber ohne Spur!

Du fielest heim an die Natur,

Die dich umwildert, dich umgrünt,

Vom Tritt des Menschen dich entsühnt!

 

 

Alfred Mombert (1872 – 1942)

Plejaden-Gott: du legtest dich zur Ruhe
mitten in die Glut deiner geliebten Gestirne.

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Und jetzt steigt vor mir die große Brücke.
Mein Roß stampft auf dem schallenden Basalt-Pflaster,
es will nicht weiter.
Ich halte und entzäume.


Befreit vom Funkelrubin vor deiner Stirn,
dem Goldgeplätte deiner Lenden:
laufe zur Wiese, zu deiner Heide,
zu Gras und Busch und Bach,
zu den Schwarzamseln,
zu den frischen kühlen Lüften,
zu der Quelle, unter die Schatten-Bäume,
davor die Mücken tanzen in der Sonne.

 

Brücke: Wer dich zeugte, war mein Vater.
Wer dich geboren hat, war meine Mutter.
Und ich habe, das Kind, in Urzeit-Tagen
droben auf deinem lichten Joch gespielt.

 

Morgens lächelnd, abends düster trauernd:
Brücke vor mir mit doppelten Türmen:
Steil schwebst du an, du hebst dich: in einen Himmel
über Abgrund Welten, die so tief sind,
daß nie ein Auge hinunter sah.
Drüben führt aus Strahlungen dein Gesenke
in Hoch-Zeiten, in Feste, in Tanz und Äther:
in die Glück-Hoffnungen, die unendlichen Zukünfte.

 

In den Pfeiler-Nischen sitzen Sängerinnen;
Ton-Gewaltige, die singen die Macht;
und die Sage der Gestirne.
Alles schwingt in Hall und Schall.
Einschläfernd! Daß mich Schlaf überwältigt –
mich steinern anlehnt an die Stein-Brücke.

*

Ich höre einen Sturz-Regen aus Wolken.
Das Auge eines Tigers funkelt aus Wäldern.
Um mich treten Gebirge, lagern sich Meere.
– Du im Gewitter droben! –
Mein Haupt schläft zwischen den Blitzen,
meine Füße stehen im gespiegelten Äther.

 

Menschen lagern auf Dächern vergangener Städte,
in Persia, in Gräcia,
in verblichenen Gewändern
strahlend von Juwelen.
Sie schauen mir nach …

* * *

Aus einer Höhe:
Aus einer flimmernden Glanz-Höhe:
Aus strahlenden Spiegeln innerer Kristall-Höhe –:
Geister-Freuden-Ruf erschallt.
Zerrissenes Gewölk! Erschienene Sterne!
Ich! und wach! in Welt!
Hier steh‘ ich: auf hoher Granit-Klippe:
Schicksal-Klippe: Macht-Klippe.
Tief die Erde.
Tief die Brücke.
Tief das hallende Lied der Sängerinnen.

 

Freude der Plejaden
feiert im unermessenen Äther.
Die Erde füllt sich rund mit Tänzern,
Himmelauf schießt ein Farben-Blumenstrauß
in Gläsern, Kelchen, Kronen, Glocken;
darunter lustwandeln kristallhelle Geister.
Smaragdgrün beginnt ein Luna-Falter
himmelüber luftigen Flug.

 

Entfesselung des Geistes!
Alle, die sind, vernehmen meine Worte,
meine Gedanken in meinem Herzen:
Sie vereinigen sich: zum Zug
über die Brücke.

 

Voran im Wind eine goldene Fahne,
die Flatterin halten wunderbare Hände,
sie trägt ein unsichtbarer Geist.
Es folgen in Völkern anschwebend die Vögel des Himmels,
auf purpurnen Gold-Fittichen
mit sich führend Hoch-Äther-Bläue.
Es fluten heran die großen Brandung-Meere
im Trompeten-Schall, mit Pauken-Schlag,
haltend in gläserngrünen Häusern
tauchende Quallen; große Wale; Gewürme.
Es nahen die schweren, asiatischen Gebirge,
blendende Ararate, Himalaya:
unten dunkelblaue Raubtier-Forsten;
oben stille Höhen-Blumen-Welten.
Auf höchstem Silber-Grat klimmen zwei Wanderer
ins Abendrot. Eis-Nacht bricht herein.
Dann wirbeln sechs unnahbare Sand-Wüsten.
Zwischen ihren Gluten irrt die Verzweiflung
verwilderter Diamanten-Sucher:

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Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Da dich das geflügelte Entzücken
über manchen frühen Abgrund trug,
baue jetzt der unerhörten Brücken
kühn berechenbaren Bug.

Wunder ist nicht nur im unerklärten
Überstehen der Gefahr;
erst in einer klaren reingewährten
Leistung wird das Wunder wunderbar.

Mitzuwirken ist nicht Überhebung
an dem unbeschreiblichen Bezug,
immer inniger wird die Verwebung,
nur Getragensein ist nicht genug.

Deine ausgeübten Kräfte spanne,
bis sie reichen, zwischen zwein
Widersprüchen … Denn im Manne
will der Gott beraten sein.

Georg Heym (1887-1912)

Halber Schlaf

Die Finsternis raschelt wie ein Gewand,
Die Bäume torkeln am Himmelsrand.

Rette dich in das Herz der Nacht,
Grabe dich schnell in das Dunkele ein,
Wie in Waben. Mache dich klein,
Steige aus deinem Bette.

Etwas will über die Brücken,
Es scharret mit Hufen krumm,
Die Sterne erschraken so weiß.

Und der Mond wie ein Greis
Watschelt oben herum
Mit dem höckrigen Rücken.

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Blümchen gucken

Viel blüht in unserer Gegend nicht mehr, und das hohe Gras ist gelb und ocker geworden. Wenn man aber genau hinschaut, kann man immer noch kleine Blühwunder betrachten.

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