112 Stufen, 4: Wärmen (Wolfgang Borchert)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

Beim Wort „Wärmen“ fallen mir spontan Kälte und Frieren ein, in realem und übertragenem Sinne. Und meine Gedanken wandern in die schwere Nachkriegszeit, und zu Wolfgang Borchert, der mir in meinen frühen Jahren viel Trost gab. Denn die tiefe Menschlichkeit dieses jungen Dichters (er starb 1947 mit nur 24 Jahren) wärmte mir das Herz. Und so suche ich eine seiner Erzählungen raus, die an das Mutter-Motiv der dritten Stufe anschließt.

Wolfgang Borchert

Die Küchenuhr.

Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er fiel auf. Er hatte ein ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran sah man, daß er erst zwanzig war. Er setzte sich mit seinem alten Gesicht zu ihnen auf die Bank. Und dann zeigte er ihnen, was er in der Hand trug.

Das war unsere Küchenuhr, sagte er und sah sie alle der Reihe nach an, die auf der Bank in der Sonne saßen. Ja, ich habe sie noch gefunden. Sie ist übriggeblieben.

Er hielt eine runde tellerweiße Küchenuhr vor sich hin und tupfte mit dem Finger die blaugemalten Zahlen ab.

Sie hat weiter keinen Wert, meinte er entschuldigend, das weiß ich auch. Und sie ist auch nicht so besonders schön. Sie ist nur wie ein Teller, so mit weißem Lack. Aber die blauen Zahlen sehen doch ganz hübsch aus, finde ich. Die Zeiger sind natürlich nur aus Blech. Und nun gehen sie auch nicht mehr. Nein. Innerlich ist sie kaputt, das steht fest. Aber sie sieht noch aus wie immer. Auch wenn sie jetzt nicht mehr geht.

Er machte mit der Fingerspitze einen vorsichtigen Kreis auf dem Rand der Telleruhr entlang. Und er sagte leise: Und sie ist übriggeblieben.

Die auf der Bank in der Sonne saßen, sahen ihn nicht an. Einer sah auf seine Schuhe und die Frau sah in ihren Kinderwagen. Dann sagte jemand:

Sie haben wohl alles verloren?

Ja, ja, sagte er freudig, denken Sie, aber auch alles! Nur sie hier, sie ist übrig. Und er hob die Uhr wieder hoch, als ob die anderen sie noch nicht kannten.

Aber sie geht doch nicht mehr, sagte die Frau.

Nein, nein, das nicht. Kaputt ist sie, das weiß ich wohl. Aber sonst ist sie doch noch ganz wie immer: weiß und blau. Und wieder zeigte er ihnen seine Uhr. Und was das Schönste ist, fuhr er aufgeregt fort, das habe ich Ihnen ja noch überhaupt nicht erzählt. Das Schönste kommt nämlich noch: Denken Sie mal, sie ist um halb drei stehengeblieben. Ausgerechnet um halb drei, denken Sie mal.

Dann wurde Ihr Haus sicher um halb drei getroffen, sagte der Mann und schob wichtig die Unterlippe vor. Das habe ich schon oft gehört. Wenn die Bombe runtergeht, bleiben die Uhren stehen. Das kommt von dem Druck.

Er sah seine Uhr an und schüttelte überlegen den Kopf. Nein, lieber Herr, nein, da irren Sie sich. Das hat mit den Bomben nichts zu tun. Sie müssen nicht immer von den Bomben reden. Nein. Um halb drei war ganz etwas anderes, das wissen Sie nur nicht. Das ist nämlich der Witz, daß sie gerade um halb drei stehengeblieben ist. Und nicht um viertel nach vier oder um sieben. Um halb drei kam ich nämlich immer nach Hause. Nachts, meine ich. Fast immer um halb drei. Das ist ja gerade der Witz.

Er sah die anderen an, aber die hatten ihre Augen von ihm weggenommen. Er fand sie nicht. Da nickte er seiner Uhr zu: Dann hatte ich natürlich Hunger, nicht wahr? Und ich ging immer gleich in die Küche. Da war es dann fast immer halb drei. Und dann, dann kam nämlich meine Mutter. Ich konnte noch so leise die Tür aufmachen, sie hat mich immer gehört. Und wenn ich in der dunklen Küche etwas zu essen suchte, ging plötzlich das Licht an. Dann stand sie da in ihrer Wolljacke und mit einem roten Schal um. Und barfuß. Immer barfuß. Und dabei war unsere Küche gekachelt. Und sie machte ihre Augen ganz klein, weil ihr das Licht so hell war. Denn sie hatte ja schon geschlafen. Es war ja Nacht.

So spät wieder, sagte sie dann. Mehr sagte sie nie. Nur: So spät wieder. Und dann machte sie mir das Abendbrot warm und sah zu, wie ich aß. Dabei scheuerte sie immer die Füße aneinander, weil die Kacheln so kalt waren. Schuhe zog sie nachts nie an. Und sie saß so lange bei mir, bis ich satt war. Und dann hörte ich sie noch die Teller wegsetzen, wenn ich in meinem Zimmer schon das Licht ausgemacht hatte. Jede Nacht war es so. Und meistens immer um halb drei. Das war ganz selbstverständlich, fand ich, daß sie mir nachts um halb drei in der Küche das Essen machte. Ich fand das ganz selbstverständlich. Sie tat das ja immer. Und sie hat nie mehr gesagt als: So spät wieder. Aber das sagte sie jedesmal. Und ich dachte, das könnte nie aufhören. Es war mir so selbstverständlich. Das alles war doch immer so gewesen.

Einen Atemzug lang war es ganz still auf der Bank. Dann sagte er leise: Und jetzt? Er sah die anderen an. Aber er fand sie nicht. Da sagte er der Uhr leise ins weißblaue runde Gesicht: Jetzt, jetzt weiß ich, daß es das Paradies war. Das richtige Paradies.

Auf der Bank war es ganz still. Dann fragte die Frau: Und Ihre Familie?

Er lächelte sie verlegen an: Ach, Sie meinen meine Eltern? Ja, die sind auch mit weg. Alles ist weg. Alles, stellen Sie sich vor. Alles weg.

Er lächelte verlegen von einem zum anderen. Aber sie sahen ihn nicht an.

Da hob er wieder die Uhr hoch und er lachte. Er lachte: Nur sie hier. Sie ist übrig. Und das Schönste ist ja, daß sie ausgerechnet um halb drei stehengeblieben ist. Ausgerechnet um halb drei.

Dann sagte er nichts mehr. Aber er hatte ein ganz altes Gesicht. Und der Mann, der neben ihm saß, sah auf seine Schuhe. Aber er sah seine Schuhe nicht. Er dachte immerzu an das Wort Paradies.

Nun stehe ich auf der vierten Stufe und schaue zurück auf die dritte, die „Mutter“, und auf die zweite, das „Streicheln“. Ja, der junge Mann mit dem uralten Gesicht streichelt die Uhr: er „tupfte mit dem Finger die blaugemalten Zahlen ab“, er „machte mit der Fingerspitze einen vorsichtigen Kreis auf dem Rand der Telleruhr entlang“. Auch die erste Stufe, das „Glück“, erkenne ich von hier aus wieder, nun abgewandelt im Lächeln und Lachen und im Wort „Paradies“.

 

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112 Stufen, 3: Mutter (Tucholsky)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die dritte Stufe ist: Mutter. Ich zögere, wähle schließlich ein Gedicht von Tucholsky, das, ganz ohne sentimentalen Unterton, die enorme Leistung der Mutter preist, die in schweren Zeiten ihre Kinder großzieht. „Großkriegt“, wollte ich schreiben, aber Tucholsky veröffentlichte sein Gedicht 1929 (siehe Kommentar von Gachmuret weiter unten) und also vor dem zweiten großen Krieg. Ich verneige mich vor den Müttern, die mit ihrer Liebe und Arbeit mich und meine Generation über den fürchterlichen Krieg hinweg- und ins Leben retteten.

Kurt Tucholsky

Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt un jenäht
un jemacht un jedreht …
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält …
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßem Schkandal
auch’n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben …
Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wir nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Das Gedicht endet mit dem Wort der zweiten Stufe: streicheln. Trotz aller Bedrängnis und Not, das materielle Überleben zu sichern, gaben die Mütter ihren Kindern fast immer auch genügend Zärtlichkeit, damit die nächste Generation leben konnte und nicht den Verstand verlor. So konnte sie auch ihren Müttern Zärtlichkeit zurückgeben – und sei es auch spät oder erst im Augenblick des Sterbens.

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Chronis Botzoglou: „Zwei Generationen“, Wasserfarben, 1045 x 75 cm, 1988

 

 

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112 Stufen 2: Streicheln (Steinbeck)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

John Steinbeck: Von Mäusen und Menschen

Kaum las ich das Wort „streicheln“, fiel mir Steinbecks Erzählung „Of Mice and Men“ ein. Ich habe das Buch vor etwa 65 Jahren gelesen und es jetzt nicht vorliegen. Aber ich erinnere mich sehr genau an den ungeschlachten, geistig behinderten und an seinem unerfüllten Bedürfnis nach Zärtlichkeit zugrundgehenden Lennie, der zusammen mit seinem Kumpel und Aufpasser George in der Zeit der Depression durch Kalifornien zieht, sich auf Bauernhöfen verdingt und in seinen Taschen kleine Tiere herumträgt, die er streichelt.  Mit seinen gewaltigen Händen streichelt er Mäuse, Kaninchen und später auch einen geschenkten Welpen und bringt sie dabei versehentlich um.

Als er einer Frau, die sich ihm anbietet, zu heftig das Haar streichelt und sie sich zu wehren versucht, bricht er ihr versehentlich das Genick. ….

Sein Kumpel George erschießt Lennie, damit er nicht gelyncht wird.

—————–

Als ich vorhin die erste Stufe betrat, leuchtete in meinem Gedächtnis auf: das selige Glück der Liebe zwischen Willkomm und Abschied.

Nun betrat ich die zweite, und da leuchtete auf das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit, dessen Erfüllung für jeden Menschen und auch für die meisten warmblütigen Tiere lebensnotwendig ist.

“A guy needs somebody―to be near him. A guy goes nuts if he ain’t got nobody. Don’t make no difference who the guy is, long’s he’s with you. I tell ya, I tell ya a guy gets too lonely an‘ he gets sick.”
John Steinbeck, Of Mice and Men

(Jeder braucht jemanden, der ihm nahe ist. Wer niemanden hat, verliert den Verstand. Egal wer der andere ist: Hauptsache, er ist bei dir. Ich sag dir, sag dir: Man wird zu einsam, man wird krank. )

 

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112 Stufen 1: Glück (Goethe)

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Stufe 1: Glück Johann Wolfgang von Goethe

Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht; Schon stand im Nebelkleid die Eiche Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel Sah kläglich aus dem Duft hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite Und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter! Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden Und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!

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Dienstags-Drabble: Unsichtbare Artisten (kata-strophisch)

Ein Drabble ist ein Text von genau hundert Wörtern. Drei Wörter hat Heide (Puzzleblume) vorgegeben: Erleichterung – neugierig – klettern. Schwierigkeitsgrad und Vergnügen steigere ich, indem ich den Text kata-strophisch reime.

 

Unsichtbare Artisten

Der Hans und Heinrich schwitzten sehr

Im schwarzen Beingewand

„Ich knicke ein, ich kann nicht mehr“

Sprach Heinrich und er seufzte schwer

Die Kraft ihm fast entschwand.

 

Neugierig ist der dicke Klaus

Er klettert ins Gehege

Und kneift das Bein als wär’s ne Laus

Und macht sich einen Spaß daraus;

Ob es sich wohl bewege?

 

Das Bein schlägt aus, die Tänz’rin wankt

Und rettet sich mit einem Sprung

Doch was den Heinrich anbelangt

So hat er sich beim Klaus bedankt

Das schaffte ihm Erleichterung,

 

Sein Dank der war

Recht schmerzhaft zwar:

Er gab Klaus auf der Stelle

ne saftige Maulschelle.

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Bougainvillea mit Blauhimmel

Diese starken Farben – das Rot der Bougainvillea und das Himmelsblau, dazu auch das Grün der Oliven und das Ocker der Wände – stimmen mich immer freudig. Sie wachsen in fast allen Vorgärten. Diese nahm ich in unserem Dorf auf.

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Kunst hilft II: Neue Ausstellung in Planung.

Für den Juli habe ich eine weitere Ausstellung mit älteren Bildern geplant, um die Hilfskasse unserer Gruppe zu füllen. Sie wird diesmal in unserer hübschen „Kreisstadt“ Kardamili, in der Taverne „Hof der Giorgitsa“ stattfinden, die laufend Events beherbergt. Dann wimmelt es von Menschen und Farben, es wird Musik gespielt und auf enger Fläche getanzt. Aber es gibt auch ruhige besinnliche Zeiten, wo man einfach nur da sitzt, sich unterhält und  die liebevoll bereiteten Speisen genießt.

Als Ausstellungsflächen stehen ein paar Meter gemauerte Wände im Hof und am gegenüberliegenden Gebäude der Gasse zur Verfügung. Außerdem können kleinere Bilder hier und da hingestellt und -gelegt werden. Da diese Voraussetzungen nicht ganz einfach sind, habe ich bereits begonnen, mir ein mögliches Konzept zu überlegen und einige meiner Bilder in die Kulisse hineinkopiert. Beispiele;

Eine Wand im Hof: Bunte Lämpchen, Bänder, ein Tisch zum Essen und Trinken davor.

Was kann da standhalten und Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Es müssen starke Farben her, denke ich mal. Und probiere zwei Varianten aus.

Die lange, mehrmals unterbrochene Mauer draußen könnte ich mit schmalen hohen Figurenbildern behängen. Doch wie und mit welchen?

Diese oder jene?

zwei oder drei?

Männlein oder Weiblein?

Querformate?

Oder vielleicht doch keine Figuren, sondern eine fantastische Fassade wie diese?

Ich könnte natürlich auch eine Wand mit Portraits pflastern …

oder mit anderen Motiven

Nun, es hat ja noch Zeit. Ich werde mir den Laden noch öfter von Nah betrachten und mich inspirieren lassen.

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Der Juni und der Bube der Kelche

Den Buben der Kelche zog ich für den Monat Juni in der sechsten Raunacht. Es war die Silvesternacht. Sie hatte sich schon chaotisch angekündigt, und als dann die Glocken das Neue Jahr verkündeten und wir uns zuprosteten, bemerkten wir einen schweren Geruch nach Abgasen. Der Grund war der Verbrenner der Zentralheizung, die Wirkung verheerend für mein Atelier. So begann das Jahr.

Doch das ist nun schon längst vergangener Schnee. Das Atelier ist renoviert, die Feste sind gefeiert. Und wir sind im Juni gelandet, der bei mir vom Buben der Kelche regiert wird. Was bedeutet das für mich?

Ich lese nach, was ich am 1. Januar dazu schrieb: „Dem Gerücht nach wird er mir im Juni des nun gerade begonnenen Jahres seine Weisheiten zuflüstern und mich auffordern, mich dem Wasser, der Kreativität und Sinnlichkeit sanft und widerstandlos hinzugeben.“ Ich freute mich, dass mir der Juni in so hübscher Gestalt entgegentrat.

Zum neurografischen Zeichnen kam ich in der Silvesternacht nicht, ich holte es am Tage drauf nach und es entstand dies:

Ich schrieb dazu: „Blaues Wasser und feurige Sonnenkraft halten sich die Waage. Die Beine stehen fest im Wasser, der Kopf ist klar und leer von Grübeleien. Was sich zwischen Fuß und Kopf abspielt, ist fast schon ein bisschen zu viel. Genau das wird meine Aufgabe sein: wieviel freies Spiel, wieviel anstrengende Kreativität tun mir gut. So jedenfalls lese ich die Karte. Und wenn der Juni kommt, hole ich sie hervor und finde das rechte Gleichgewicht heraus.“

Ich finde, das ist ein ausgezeichnetes Programm: Herauszufinden, wieviel freies Spiel, wieviel anstrengende Kreativität mir gut tun. Jedenfalls fühle ich in mir einen ziemlichen Kreativitätsstau, nachdem ich mich in den vergangenen Monaten der Renovierung, der Organisation, dem Fest und der Familie gewidmet habe. Ideen sind reichlich vorhanden, und ein Termin für eine Ausstellung im Juli steht auch schon fest. Vor allem aber ist der Sommer da, und das Meer ruft, um drin zu schwimmen und die schönen hellen Nächte zu genießen.

Malerei vom Juni 2024

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Kunst am Sonntag: Periklis und Konstantinos (Dikos) Vyzantios

Bei meinem letzten Athen-Aufenthalt besuchte ich eine große Ausstellung zweier griechischer Maler, Vater und Sohn, für mich sehr interessant anzusehen.

Wie aber kann ich die Masse der Bilder für euch organisieren?  Wie ein Verständnis für diese beiden griechischen Maler wecken? Schwierig, da die Entwicklung der griechischen Malerei nicht unabhängig von den großen Entwicklungen in Europa zu verstehen ist. Das schwache moderne Athen hat es nie zu einer eigenen Kunstrichtung gebracht, die auf andere europäische Länder ausstrahlte, aber sehr viel aus den europäischen Kunst-Hauptstädten, besonders München (19. Jh) und Paris (Beginn 20. Jh) aufgenommen und mit den Farben und Motiven der griechischen Natur verschmolzen.

(Ich bitte die schlechte Qualität der Fotos zu entschuldigen: die Spiegelungen auf dem Glas und die Lichtreflexe auf dem Öl konnte ich leider nicht vermeiden.)

Periklis Vyzantios (1893-1972) studierte, wie viele seiner künstlerischen Mitstreiter, von 1910-1915 in Paris. Er wurde ein in Griechenland hoch angesehener Maler, Illustrator und Bühnenbildner. 1939 wurde ihm die Leitung der Zweige Delphi und Hydra der Athener Kunstakademie anvertraut. Hydra wurde zu seiner zweiten Heimat. Die gezeigten Werke sind vor allem Landschaften, die gelegentlich an Turner erinnern, sowie Portraits und Straßenszenen.

Eines seiner Bilder habe ich bereits im Rahmen von Myriades Impulswerkstatt gezeigt.

Barszene auf Hydra

Der Felsen von Hydra

Küste von Hyra

Attische Landschaft

Dikos (Konstantinos) Vyzantios war sein 1924 geborener Sohn. Er studierte an der Athener Kunstakademie und dann mit Stipendium der französischen Regierung in Paris (1946). Er blieb in Frankreich und starb 2007 in Mallorca (Spanien).

Seine Entwicklung ist für „europäische“ Augen interessanter, vor allem ist sie radikaler: beginnend mit abstrahierenden Landschaften …

geht er über zu großen monochromen Leinwänden, die wegen ihres dickflüssigen Farbauftrags fast wie Basreliefs wirken (leider wegen der Lichtreflexe kaum fotografierbar) und die Assoziationen zu menschlichen Figuren und Landschaften wachrufen (frühe 70er Jahre).

Dieses Bild heißt, nach der Farbe, einfach „bleu“.

Und dieses heißt „ombra“ – nach der Bezeichnung der Malfarbe, in seiner Bedeutung auch „Schatten“.

Aus der ockrigen Farbmasse herausgearbeitete fast monochrome Figur:

Noch einmal ändert sich sein Stil vollkommen: Gegen Ende der 80er Jahre malt er große sehr farbstarke Bilder mit theatralisch arrangierten Figuren („Personnages“), die nichts mehr von seiner Herkunft erkennen lassen.

(Bildausschnitt)

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Archivbild der Woche, 1.6.2016: Lichtstrahl

An einem Tag wie heute: 1. Juni 2016.

„Geometrie des Lichts“ nennte ich dieses Bild, das ich für Heides Projekt „Archivbild der Woche“ aus dem Archiv nach oben befördert habe.

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