Dienstags-Drabble: Aufforderung

 

Strand-ideal-leuchten sind die drei sommerlichen Wörter, die Heide von der Puzzleblume fürs heutige Drabble vorgegeben hat. Ich habe sie in einem gereimten Text von genau 100 Wörtern untergebracht.

Aufforderung

 

Kannst du den kühlen Abendhauch wohl spüren

während helle Wellen leicht den Strand berühren

und die Wellenzungen deinen Zeh befeuchten

während Sonnenstrahlen dir noch wärmend leuchten?

 

Bleib so liegen, lass das Grübeln mal

schließ die Augen, denke ideal.

Denke, dass die Welt im Wechselspiel

Stets bewegt ist und gar nie am Ziel.

 

Ganz wie immer schon Gezeiten

Flut dem einen bringt, während die weiten

Küsten sich der andern plötzlich leeren

Und die Menschen leiden und entbehren.

 

Bald schon zieht die Welle sich zurück

Lässt am Strande Schwemmgut nur zurück

Dann steh auf und denk der andern

Die an Wellenrändern wandern.

 

 

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112 Stufen, 9: Erschrecken (Lukas)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Der Evangelist Lukas schildert in einer eindrucksvollen Szene, wie der Erzengel Gabriel zu einer jungen Frau namens Maria tritt und ihr verkündet, dass sie den Thronfolger von König David zur Welt bringen wird. „Wie soll das zugehen“, fragt sie, „da ich doch von keinem Manne weiß?“

Maria erschrickt.  Das kann ich gut verstehen. Ich stelle mir vor, wie ich das aufgenommen hätte als junge Frau, wenn plötzlich ein gewaltiger Engel in meinem Zimmer stünde und mir Ungeheuerliches verkündete. Ich werde schwanger, aber nicht von meinem Mann? Mein Sohn soll das Erbe des Throns eines Königreiches antreten, das es längst nicht mehr gibt? Palästina steht ja seit sechzig Jahren unter römische Herrschaft. Der von Rom eingesetzte Statthalter, König Herodes, der das Gebiet mit eiserner Faust regierte, ist tot. Überall gärt es, es kommt zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen werden. Die wildesten Prophezeiungen machen die Runde… Und nun erfahre ich, eine junge Frau, dass ich demnächst schwanger sein werde und Mutter des Königs und Reichserben….

Das Erschrecken dieser jungen Frau steht am Anfang dessen, was wir unser „christliches Abendland“ nennen und in dessen Tradition auch ich stehe. Und so habe auch ich in meiner Kindheit diesen Text immer wieder gehört und in mir aufbewahrt.

(Ich nehme den Text in der Übersetzung von Luther, der sich mir tief eingeprägt hat. Die neueren Übersetzungen mag ich nicht so.)

Verkündigung von Ustjug. Russische Ikone, 12. Jahrhundert.

Russische Ikone, anonym. Tretyakov Gallery, Wikimedia

Die Ankündigung der Geburt Jesu

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Leonardo da Vinci, um 1472–1475, Uffizien (Wikipedia)

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Früchte aufsammeln

Wie in vielen der hiesigen Gärten fallen auch in unserem Garten Früchte zu Boden und bleiben unbeachtet liegen. Dies sind wilde Orangen, die wir nicht ernten, weil sie bitter und voller Kerne sind.

Als ich diese Bescherung nun sah, überlegte ich, ob ich nicht doch einen Kompott aus den Schalen und dem Saft zubereiten könnte, und sammelte sie ein.

Der Aprikosenbaum trägt nie viele Früchte, die wenigen aber sind unvergleichlich köstlich, wenn man sie sonnenreif isst. Der Baum wirft die Früchte einzeln ab, manche zerplatzen, und ich bin sogleich da, um sie aufzulesen, denn auch die Ameisen lieben sie sehr.

Die Granatäpfel, die zu Boden fallen, sind irgendetwas auf dem Weg von der Blüte zur Frucht. Sie sind sehr hübsch, finde ich, aber für die Küche weiß ich keine Verwendung.

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Archivbild der Woche 23, 8. Juni 2019: Synchrones

Mein heutiger Beitrag zu Heides Projekt „Archivbild der Woche“:

Dazu schrieb ich an einem Tag wie diesem vor sechs Jahren:

„Die Kombination Zeichnen und mich gleichzeitig politisch Bilden hat mir heute wieder ein doppeltes Ergebnis beschert: einerseits brachte ich eine recht komplexe, geduldige Zeichnung meines Schreibtisches mit Tischlampe und Zimmerecke zustande, andererseits ließ ich mir meine Ansichten über die Unrechtmäßigkeit von Kriegen im allgemeinen und des US-gestützten Yemenkriegs der Saudis im besonderen bestätigen. Der Redner, Dr. Daniele Ganser, Schweizer Historiker und Friedensforscher, ist natürlich allen Kriegstreibern ein Dorn im Auge, mir aber Labsal. Wer ihn nicht kennt: einfach mal reinschauen.“

Und heute? Die wachsende Bereitschaft, Kriege jedweder Art nicht mehr als unrechtmäßig, sondern als eine irgendwie unausweichliche Fortsetzung der Politik anzusehen, macht mir zu schaffen. In diesen Strudel werden immer mehr Staaten hineingerissen, obgleich sie als Mitglieder der UNO jeder Gewaltanwendung gegen andere Staaten abgeschworen haben. Die meisten Menschen meinen, Partei ergreifen zu müssen für die eine oder andere Seite in den endlosen Kriegen, die auf der Erde wüten. Sie fühlen sich gut und im Recht, wenn sie die einen als Helden und Opfer, die anderen als Schweine und Verbrecher bezeichnen. Sie streiten sich wie die Kinder auf dem Schulhof über die Frage: wer hat angefangen? Der da? Dann hau ihn in die Fresse. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.

Wer aber ergreift Partei gegen den Krieg und sorgt für Frieden?

Fast unhörbar im lauten Kriegsgeschrei ist heute die Stimme derjenigen, die blutige Tränen weinen über das, was sich die Menschen gegenseitig antun.

(Das Legebild „Gib dem Frieden eine Chance“ ist 2015 entstanden)

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112 Stufen, 8: Angst (Mascha Kaléko)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 „German Angst (englisch, etwa: „typisch deutsche Zögerlichkeit“) und German assertiveness (etwa: „typisch deutsches Hereinreden“) sind zwei komplementäre Stereotypen, die als charakteristisch empfundene, gesellschaftliche und politische, kollektive Verhaltensweisen der Deutschen bezeichnen.“ (Wikipedia). Mag sein, dass da was dran ist. Schon als kleines Kind wurde mir klar, dass ich die Angst, die ich auch in mir entdeckte, überwinden musste, um meiner Freiheit willen. Ich beschloss daher, mir die Angst abzutrainieren: In finsterer Nacht wanderte ich die unbeleuchtete Straße hinauf in die Felder. Wenn die Angst unerträglich wurde, drehte ich mich um und rannte zurück und rettete mich zur Mutter und in den warmen Lampenschein. Jeden Abend schaffte ich es ein bisschen weiter. Ich jagte die Angst fort. Manchmal kommt sie wieder, aber ich gestatte ihr nicht, mein Verhalten zu bestimmen. 

Als ich gestern über einen geeigneten Text nachdachte, fiel mir in Sandras Blog „Denkzeiten“ das wunderbare Gedicht von Mascha Kaléko ins Auge: „Und halte dich an Wunder! Sie sind lang schon verzeichnet
 im großen Plan.
 Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mascha Kaléko

Jage deine Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.“

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112 Stufen, 7: Unschuld (Friedrich Nietzsche)

„Schön ist der freie Flug im ätherischen Blau des attischen Himmels, und wenn die Nacht kommt, die Hitze weicht und die Düfte des Jasmin hinaufsteigen in den Himmelsbau, dann schwankt der Sinn fürs Reale, da will der Traum regieren.“ So schrieb ich am 9. Juli 2019 hier im Blog und garnierte dies Lebensgefühl des Südens mit einem Legebild und einem Gedicht von Friedrich Nietzsche.

Friedrich Nietzsche

Im Süden.

So häng’ ich denn auf krummem Aste
Und schaukle meine Müdigkeit.
Ein Vogel lud mich her zu Gaste,
Ein Vogelnest ist’s, drin ich raste.
Wo bin ich doch? Ach, weit! Ach, weit!

Das weisse Meer liegt eingeschlafen,
Und purpurn steht ein Segel drauf.
Fels, Feigenbäume, Thurm und Hafen,
Idylle rings, Geblök von Schafen, –
Unschuld des Südens, nimm mich auf!

Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben,
Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.
Ich hiess den Wind mich aufwärts heben,
Ich lernte mit den Vögeln schweben, –
Nach Süden flog ich über’s Meer.

Vernunft! Verdriessliches Geschäfte!
Das bringt uns allzubald an’s Ziel!
Im Fliegen lernt’ ich, was mich äffte, –
Schon fühl’ ich Muth und Blut und Säfte
Zu neuem Leben, neuem Spiel …

Einsam zu denken nenn’ ich weise,
Doch einsam singen – wäre dumm!
So hört ein Lied zu eurem Preise
Und setzt euch still um mich im Kreise,
Ihr schlimmen Vögelchen, herum!

So jung, so falsch, so umgetrieben
Scheint ganz ihr mir gemacht zum Lieben
Und jedem schönen Zeitvertreib?
Im Norden – ich gesteh’s mit Zaudern –
Liebt’ ich ein Weibchen, alt zum Schaudern:
„Die Wahrheit“ hiess diess alte Weib  . . .

(Quelle: hier)

Ich stehe nun auf der 8. Stufe der „Holsteiner Treppe„, schaue zurück auf die vorige Stufe  „Heimat“ mit seinen ambivalenten Gefühlen, und singe fröhlich mit den Luftspaziergängern:

Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben,
Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.
Ich hiess den Wind mich aufwärts heben,
Ich lernte mit den Vögeln schweben, –
Nach Süden flog ich über’s Meer.

Werde ich es die noch vor mir liegenden 106 Stufen hinaufschaffen? Ich bleibe stehen und blicke hinab zu den Stufen, die ich nun schon hinaufgestiegen bin: zur sechsten, der „Heimat“-Stufe, zur fünften (Liebkosen), vierten (Wärmen), dritten (Mutter), zweiten (Streicheln) und zur allerersten (Glück). Schritt für Schritt… deutsch und schwer bin ich die Holsteiner Treppe hochgestiegen, wie es das von Reiner initiierte Mitmachdings vorsieht. So bin ich nun mal. Fliegen kann ich immer noch nicht. Also atme ich noch einmal tief durch und steuere die nächste Stufe an, die da lautet: „Angst“. Ein Wort, das mit dem Deutschsein ja international konnotiert ist als „German Angst“.

 

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Das verkannte Genie (abc-etüden, kata-strophisch)

 

Die Juni-Runde von Christianes abc-Etüden ist angelaufen. Myriade hat diesmal die Wörter gespendet. Sie lauten Begeisterung – lauwarm – greifen. Ich habe dazu ein paar Kata-Strophen über die Qualen eines verkannten Genies zusammengereimt.

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 Das verkannte Genie

Er kam heut gar nicht recht in Schwung

Ihm fehlte die Begeisterung

Die er sonst immer gleich gespürt

Sobald den Pinsel er berührt.

 

Was saß ihm quer? Was war heut los?

War es ne schlechte Phase bloß?

Er seufzte schwer

Er fühlt’ sich leer

 

Da war nichts in ihm, das raus wollte

Wars, weil die Margaret ihm grollte?

War es, weil Freund Iwan ihm neulich

Was sagte, was sehr unerfreulich?

#

Wars, weil das Lob, das er so hörte

Recht lauwarm klang, was ihn doch störte

Wenngleich er stets vor sich beteuert

Dass fremdes Lob ihn nicht befeuert

 

Dass er als Maler radikal

Und die Kritik ihm scheißegal

Und hirnverbrannt und abgeschmackt

Die meisten sind ja eh beknackt.

 

Er nahm den dicken Pinsel her

Und strich die Farbe kreuz und quer

Und schmiss mit Wucht paar Tropfen drauf

Beobachtete den Farbverlauf

Und atmet’ schwer und keuchte heftig

Und schrie auch Wörter, die warn deftig

 

Dann nahm er Abstand und besah

Was ohne jeden Plan geschah

Auf seiner Leinwand: Hach, wie wild

Und leidenschaftlich war das Bild!

 

Auch wenn er selbst es nicht begriffen

Es würde alle Welt verblüffen

Schon morgen würd der Rubel rollen

Und Margaret würde nicht mehr grollen.

 

Und Iwan würd vor Neid vergehn

Das würde ihm ganz recht geschehn.

Und alle riefen: Schaut, Magie!

das ist nicht Kunst, das ist Genie!

 

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Die beiden digital bearbeiteten Legebilder stammen aus der Geschichte von „John der Maler“, die ich auf Anregung durch Juttas Geschichtengenerator schrieb und illustrierte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: 5 mal Sch…

Nein, nicht was du womöglich denkst! Sondern Schwimmen, Schauen, Schmausen, Schwelgen, Schmökern war mein heutiges Programm. Schwatzen wäre auch nett gewesen, aber ich war allein zum Schwimmen gefahren und speiste danach allein in einer Taverne namens βραχος (Felsen). Als Lektüre hatte ich die „Anna Karenina“ auf dem Lesegerät dabei, und so befand ich mich abwechselnd im umtriebigen St. Petersburg und im leeren Felsen-Lokal in meinem Mani-Dorf.

Als Appetitanreger gab es drei Tomatenscheiben, ein Schälchen mit Olivenöl und frisches Bauernbrot.

Dann kam frisch zubereiteter Tintenfisch mit einem fein gewürzten Linsenbrei. Ein kühler Weißwein dazu – perfekt.


Das Lokal ist relativ neu. Früher war hier ein Cafe, das eine Freundin betrieb. Ich habe dort schöne Abende verbracht und im großen Saal gelegentlich Aufstellungen gemacht. Sie zog dann in eine Gegend westlich von Messene und betreibt dort eine therapeutische Pferdefarm. Auch daran dachte ich, und dass es Zeit wäre, sie einmal zu besuchen….

 

 

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112 Stufen, 6: Heimat (Theodor Fontane)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Als ich das Wort „Heimat“ las, fiel mir sofort die Ballade von Theodor Fontane „Archibald Douglas“ ein, die ich in meiner Schulzeit vor ca 70 Jahren auswendig lernte. Sie gehörte zum“Bildungskanon“ der Gymnasien, und wie all diese auswendig zu lernenden Balladen hatten wir Spaß an ihnen und Spott für sie übrig. Wir änderten den Titel in „Das Hemd“ und trugen kichernd und in tragischem Tonfall vor: „Ich hab es getragen sieben Jahr und ich kann es nicht tragen mehr…..“

Damals waren wir uns unserer „Heimat“ sicher. Selbst die, die als Flüchtlinge zu uns kamen (und das war die überwiegende Zahl meiner Mitschüler), litten kaum unter Heimatverlust. Dafür waren sie zu klein.  Inzwischen aber hat sich mir der Assoziationshof des Wortes  „Heimat“ doch stark gewandelt.

Foto: Johanna Benseler-Reid.

Theodor Fontane

Archibald Douglas

»Ich hab‘ es getragen sieben Jahr,
und ich kann es nicht tragen mehr,
wo immer die Welt am schönsten war,
da war sie öd‘ und leer.

Ich will hintreten vor sein Gesicht
in dieser Knechtsgestalt,
er kann meine Bitte versagen nicht,
ich bin ja worden alt,

Und trüg‘ er noch den alten Groll,
frisch wie am ersten Tag,
so komme, was da kommen soll,
und komme, was da mag.«

Graf Douglas sprichts. Am Weg ein Stein
lud ihn zu harter Ruh‘,
er sah in Wald und Feld hinein,
die Augen fielen ihm zu.

Er trug einen Harnisch, rostig und schwer,
darüber ein Pilgerkleid, –
da horch, vom Waldrand scholl es her
wie von Hörnern und Jagdgeleit.

Und Kies und Staub aufwirbelte dicht,
herjagte Meut‘ und Mann,
und ehe der Graf sich aufgericht’t,
waren Roß und Reiter heran.

König Jakob saß auf hohem Roß,
Graf Douglas grüßte tief,
dem König das Blut in die Wange schoß,
der Douglas aber rief:

»König Jakob, schaue mich gnädig an
und höre mich in Geduld,
was meine Brüder dir angetan,
es war nicht meine Schuld.

Denk nicht an den alten Douglas-Neid,
der trotzig dich bekriegt,
denk lieber an deine Kinderzeit,
wo ich dich auf den Knieen gewiegt.

Denk lieber zurück an Stirling-Schloß,
wo ich Spielzeug dir geschnitzt,
dich gehoben auf deines Vaters Roß
und Pfeile dir zugespitzt.

Denk lieber zurück an Linlithgow,
an den See und den Vogelherd,
wo ich dich fischen und jagen froh
und schwimmen und springen gelehrt.

O denk an alles, was einsten war,
und sänftige deinen Sinn,
ich hab‘ es gebüßet sieben Jahr,
daß ich ein Douglas bin.«

»Ich seh‘ dich nicht, Graf Archibald,
ich hör‘ deine Stimme nicht,
mir ist, als ob ein Rauschen im Wald
von alten Zeiten spricht.

Mir klingt das Rauschen süß und traut,
ich lausch‘ ihm immer noch,
dazwischen aber klingt es laut:
Er ist ein Douglas doch.

Ich seh dich nicht, ich höre dich nicht,
das ist alles, was ich kann,
ein Douglas vor meinem Angesicht
wär‘ ein verlorener Mann.«

König Jakob gab seinem Roß den Sporn,
bergan ging jetzt sein Ritt,
Graf Douglas faßte den Zügel vorn
und hielt mit dem Könige Schritt.

Der Weg war steil, und die Sonne stach,
und sein Panzerhemd war schwer;
doch ob er schier zusammenbrach,
er lief doch nebenher.

»König Jakob, ich war dein Seneschall,
ich will es nicht fürder sein,
ich will nur warten dein Roß im Stall
und ihm schütten die Körner ein.

Ich will ihm selber machen die Streu
und es tränken mit eigner Hand,
nur laß mich atmen wieder aufs neu
die Luft im Vaterland.

Und willst du nicht, so hab‘ einen Mut,
und ich will es danken dir,
und zieh dein Schwert und triff mich gut
und laß mich sterben hier.«

König Jakob sprang herab vom Pferd,
hell leuchtete sein Gesicht,
aus der Scheide zog er sein breites Schwert,
aber fallen ließ er es nicht.

»Nimm’s hin, nimm’s hin und trag es neu,
und bewache mir meine Ruh‘,
der ist in tiefster Seele treu,
wer die Heimat liebt wie du.

Zu Roß, wir reiten nach Linlithgow,
und du reitest an meiner Seit‘,
da wollen wir fischen und jagen froh
als wie in alter Zeit.«

Foto: Johanna Benseler-Reid

Diese und andere Fotos von meiner alten Heimat fand ich heute im Blog von Gisela Benseler.

 

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112 Stufen, 5: Liebkosen, 2. Anlauf (Aischilos)

Kaum hatte ich den heutigen Beitrag zu Reiners „Mitmachding“ 112 Stufen veröffentlicht, fiel mir ein, woher mir das Wort „liebkosen“ so vertraut ist und ich doch nichts in meinem Gedächtnis finden konnte.  Ich hatte bei den Romantikern gesucht anstatt bei …. mir selbst.

Ein zentrales Zitat meines Roman-Projekts „Schwanenwege“, das ich der alten „Mutter Io“ in den Mund lege, enthält dieses altertümlich klingende Wort.  Es stammt aus Aischilos‘ Drama „Der gefesselte Prometheus“.

Aus Kapitel 4 meines Roman-Fragments „Schwanenwege“ (hier):

Io stammt vom Inachos, den sie ihren Vater nennt. Der Inachos ist ein Fluss bei der griechischen Stadt Argos. Auf den Wiesen von Lerna weidet sie ihres Vaters Kühe. Wenn man ihr zuhört, kann man glauben, sie spreche vom Beginn aller Zeiten…

In jenen Zeiten gibt es nur Vater Inachos und einen schönen ruhigen See. Halkyonisch ist der See, glatt und friedlich und abgrundtief. An seinen steilen Ufern nisten Halkyone, Eisvögel, die eigentlich verzauberte Liebende sind.

Vielleicht sind es diese Zaubervögel, die in Io die Liebes-Sehnsucht wecken? Jedenfalls beginnt sie zu träumen.

„Nächtige Traumgestalten schwebten still in meine Kammer herein und liebkosten mich mit leisen Worten, erzählt Io, die Alte. ‘O du glückseliges Mädchen’, flüsterten die Stimmen, ‚was bleibst du jetzt noch Jungfrau, da dich die höchste Brautschaft erwartet? Zeus erglüht in Liebe zu dir’.

 

Legebild zu Io bei Prometheus, Bildausschnitt

Die Textstelle ist dem Dialog von Io und dem Chor bei Prometheus im Drama von Aischilos (525– 456 v. Chr.) entnommen. Io, von Hera in die Gestalt einer Kuh gebannt und von einer Bremse verfolgt, ist bis zum Kaukasus geflohen, wo sie Prometheus trifft, der von Zeus an einen Felsen geschmiedet wurde.

Auch weiß ich nicht, warum ich euch es weigern soll;
In klaren Worten sollt ihr alles, was ihr wünscht,
Vernehmen. Freilich auch zu sagen schäm ich mich,
Von wannen dieses gottverhängte Wetter mir,
Der einstgen Schönheit grauser Tausch mir Armen kam.

Denn immer schwebten nächtige Traumgestalten still
Herein in meine Kammer und liebkosten mich
Mit leisen Worten: „O du vielglückselge Maid,
Was bleibst du jetzt noch Mädchen, da dir werden kann
Die höchste Brautschaft? Zeus erglüht in Liebe dir
Vom Pfeil der Sehnsucht; nach der Kypris süßem Kampf
Verlangt’s ihn; du, Kind, weise von dir nicht den Kuß
Kronions; geh nun nach der tiefen Wiesenau,
Gen Lerna, nach des Vaters Herden und Gehöft,
Daß seiner Sehnsucht ruhn des Gottes Auge mag.“

Und solche Träume kamen mir Vieltraurigen
In allen Nächten, bis dem Vater ich zuletzt
Zu sagen wagte meine Träume, meinen Gram.
Der sandte nun gen Pytho, gen Dodonas Wald
Vielfache Frage, zu erkunden, was er tun,
Was sagen müßte, das die Götter gerne sähn.
Bald kamen seine Boten mit vieldeutigen,
Mit unerklärlich rätselhaften Sprüchen heim;
Dann aber endlich kam an Inachos ein Spruch,
Der unverkennbar uns gebot und anbefahl,
Mich auszustoßen aus dem Haus, dem Vaterland,
Verstoßen fern zu schweifen bis zum Saum der Welt;
Und wollt er nicht, glutzückend fahre dann des Zeus
Blitzstrahl herab, all sein Geschlecht hinwegzutun.
Von diesen Sprüchen so belehrt des Loxias,
Stieß er mich von sich, schloß des Vaterhauses Tor
Mir Zögernden zögernd; doch es zwang allmächtig ja
Ihn wider Willen Zeus‘ Gebot zu solchem Tun.
Und alsobald war Leib und Seele mir verkehrt;
Die Stirn, ihr seht es, stiergehörnt, endlos gequält
Vom Stich der Bremse, irren Sprungs, wahnsinnverwirrt,
So floh ich rastlos gen Kechreias klarem Quell,
Zum Hügel Lerna. Und ein Riesenhirte kam,
Der erdgeborne, wilde Argos hinter mir,
Zahllosen Auges spähend, hütend meine Spur;
Doch unerwartet, eines schnellen Todes Raub
Sank hin der Leib des Riesen. Wahnsinnaufgepeitscht
Jagt nun der Göttin Geißel mich von Land zu Land. –
Du hast vernommen, wie’s geschehn; doch so du weißt,
Was mein noch wartet, sag es mir, versüße nicht
Mitleidig mir mit falschem Wort, was doch mich trifft.
Denn kluggewandte Worte sind das schlimmste Gift.

Hervorhebung von mir. Zitiert nach der Veröffentlichung im Projekt Gutenberg, vermutlich in der Übersetzung von Johann Gustav Droysen (1808-1884)

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