Kaum hatte ich den heutigen Beitrag zu Reiners „Mitmachding“ 112 Stufen veröffentlicht, fiel mir ein, woher mir das Wort „liebkosen“ so vertraut ist und ich doch nichts in meinem Gedächtnis finden konnte. Ich hatte bei den Romantikern gesucht anstatt bei …. mir selbst.
Ein zentrales Zitat meines Roman-Projekts „Schwanenwege“, das ich der alten „Mutter Io“ in den Mund lege, enthält dieses altertümlich klingende Wort. Es stammt aus Aischilos‘ Drama „Der gefesselte Prometheus“.
Aus Kapitel 4 meines Roman-Fragments „Schwanenwege“ (hier):
Io stammt vom Inachos, den sie ihren Vater nennt. Der Inachos ist ein Fluss bei der griechischen Stadt Argos. Auf den Wiesen von Lerna weidet sie ihres Vaters Kühe. Wenn man ihr zuhört, kann man glauben, sie spreche vom Beginn aller Zeiten…
In jenen Zeiten gibt es nur Vater Inachos und einen schönen ruhigen See. Halkyonisch ist der See, glatt und friedlich und abgrundtief. An seinen steilen Ufern nisten Halkyone, Eisvögel, die eigentlich verzauberte Liebende sind.
Vielleicht sind es diese Zaubervögel, die in Io die Liebes-Sehnsucht wecken? Jedenfalls beginnt sie zu träumen.
„Nächtige Traumgestalten schwebten still in meine Kammer herein und liebkosten mich mit leisen Worten, erzählt Io, die Alte. ‘O du glückseliges Mädchen’, flüsterten die Stimmen, ‚was bleibst du jetzt noch Jungfrau, da dich die höchste Brautschaft erwartet? Zeus erglüht in Liebe zu dir’.

Legebild zu Io bei Prometheus, Bildausschnitt
Die Textstelle ist dem Dialog von Io und dem Chor bei Prometheus im Drama von Aischilos (525– 456 v. Chr.) entnommen. Io, von Hera in die Gestalt einer Kuh gebannt und von einer Bremse verfolgt, ist bis zum Kaukasus geflohen, wo sie Prometheus trifft, der von Zeus an einen Felsen geschmiedet wurde.
Auch weiß ich nicht, warum ich euch es weigern soll;
In klaren Worten sollt ihr alles, was ihr wünscht,
Vernehmen. Freilich auch zu sagen schäm ich mich,
Von wannen dieses gottverhängte Wetter mir,
Der einstgen Schönheit grauser Tausch mir Armen kam.
Denn immer schwebten nächtige Traumgestalten still
Herein in meine Kammer und liebkosten mich
Mit leisen Worten: „O du vielglückselge Maid,
Was bleibst du jetzt noch Mädchen, da dir werden kann
Die höchste Brautschaft? Zeus erglüht in Liebe dir
Vom Pfeil der Sehnsucht; nach der Kypris süßem Kampf
Verlangt’s ihn; du, Kind, weise von dir nicht den Kuß
Kronions; geh nun nach der tiefen Wiesenau,
Gen Lerna, nach des Vaters Herden und Gehöft,
Daß seiner Sehnsucht ruhn des Gottes Auge mag.“
Und solche Träume kamen mir Vieltraurigen
In allen Nächten, bis dem Vater ich zuletzt
Zu sagen wagte meine Träume, meinen Gram.
Der sandte nun gen Pytho, gen Dodonas Wald
Vielfache Frage, zu erkunden, was er tun,
Was sagen müßte, das die Götter gerne sähn.
Bald kamen seine Boten mit vieldeutigen,
Mit unerklärlich rätselhaften Sprüchen heim;
Dann aber endlich kam an Inachos ein Spruch,
Der unverkennbar uns gebot und anbefahl,
Mich auszustoßen aus dem Haus, dem Vaterland,
Verstoßen fern zu schweifen bis zum Saum der Welt;
Und wollt er nicht, glutzückend fahre dann des Zeus
Blitzstrahl herab, all sein Geschlecht hinwegzutun.
Von diesen Sprüchen so belehrt des Loxias,
Stieß er mich von sich, schloß des Vaterhauses Tor
Mir Zögernden zögernd; doch es zwang allmächtig ja
Ihn wider Willen Zeus‘ Gebot zu solchem Tun.
Und alsobald war Leib und Seele mir verkehrt;
Die Stirn, ihr seht es, stiergehörnt, endlos gequält
Vom Stich der Bremse, irren Sprungs, wahnsinnverwirrt,
So floh ich rastlos gen Kechreias klarem Quell,
Zum Hügel Lerna. Und ein Riesenhirte kam,
Der erdgeborne, wilde Argos hinter mir,
Zahllosen Auges spähend, hütend meine Spur;
Doch unerwartet, eines schnellen Todes Raub
Sank hin der Leib des Riesen. Wahnsinnaufgepeitscht
Jagt nun der Göttin Geißel mich von Land zu Land. –
Du hast vernommen, wie’s geschehn; doch so du weißt,
Was mein noch wartet, sag es mir, versüße nicht
Mitleidig mir mit falschem Wort, was doch mich trifft.
Denn kluggewandte Worte sind das schlimmste Gift.
Hervorhebung von mir. Zitiert nach der Veröffentlichung im Projekt Gutenberg, vermutlich in der Übersetzung von Johann Gustav Droysen (1808-1884)












