112 Stufen, 5: Liebkosen, 2. Anlauf (Aischilos)

Kaum hatte ich den heutigen Beitrag zu Reiners „Mitmachding“ 112 Stufen veröffentlicht, fiel mir ein, woher mir das Wort „liebkosen“ so vertraut ist und ich doch nichts in meinem Gedächtnis finden konnte.  Ich hatte bei den Romantikern gesucht anstatt bei …. mir selbst.

Ein zentrales Zitat meines Roman-Projekts „Schwanenwege“, das ich der alten „Mutter Io“ in den Mund lege, enthält dieses altertümlich klingende Wort.  Es stammt aus Aischilos‘ Drama „Der gefesselte Prometheus“.

Aus Kapitel 4 meines Roman-Fragments „Schwanenwege“ (hier):

Io stammt vom Inachos, den sie ihren Vater nennt. Der Inachos ist ein Fluss bei der griechischen Stadt Argos. Auf den Wiesen von Lerna weidet sie ihres Vaters Kühe. Wenn man ihr zuhört, kann man glauben, sie spreche vom Beginn aller Zeiten…

In jenen Zeiten gibt es nur Vater Inachos und einen schönen ruhigen See. Halkyonisch ist der See, glatt und friedlich und abgrundtief. An seinen steilen Ufern nisten Halkyone, Eisvögel, die eigentlich verzauberte Liebende sind.

Vielleicht sind es diese Zaubervögel, die in Io die Liebes-Sehnsucht wecken? Jedenfalls beginnt sie zu träumen.

„Nächtige Traumgestalten schwebten still in meine Kammer herein und liebkosten mich mit leisen Worten, erzählt Io, die Alte. ‘O du glückseliges Mädchen’, flüsterten die Stimmen, ‚was bleibst du jetzt noch Jungfrau, da dich die höchste Brautschaft erwartet? Zeus erglüht in Liebe zu dir’.

 

Legebild zu Io bei Prometheus, Bildausschnitt

Die Textstelle ist dem Dialog von Io und dem Chor bei Prometheus im Drama von Aischilos (525– 456 v. Chr.) entnommen. Io, von Hera in die Gestalt einer Kuh gebannt und von einer Bremse verfolgt, ist bis zum Kaukasus geflohen, wo sie Prometheus trifft, der von Zeus an einen Felsen geschmiedet wurde.

Auch weiß ich nicht, warum ich euch es weigern soll;
In klaren Worten sollt ihr alles, was ihr wünscht,
Vernehmen. Freilich auch zu sagen schäm ich mich,
Von wannen dieses gottverhängte Wetter mir,
Der einstgen Schönheit grauser Tausch mir Armen kam.

Denn immer schwebten nächtige Traumgestalten still
Herein in meine Kammer und liebkosten mich
Mit leisen Worten: „O du vielglückselge Maid,
Was bleibst du jetzt noch Mädchen, da dir werden kann
Die höchste Brautschaft? Zeus erglüht in Liebe dir
Vom Pfeil der Sehnsucht; nach der Kypris süßem Kampf
Verlangt’s ihn; du, Kind, weise von dir nicht den Kuß
Kronions; geh nun nach der tiefen Wiesenau,
Gen Lerna, nach des Vaters Herden und Gehöft,
Daß seiner Sehnsucht ruhn des Gottes Auge mag.“

Und solche Träume kamen mir Vieltraurigen
In allen Nächten, bis dem Vater ich zuletzt
Zu sagen wagte meine Träume, meinen Gram.
Der sandte nun gen Pytho, gen Dodonas Wald
Vielfache Frage, zu erkunden, was er tun,
Was sagen müßte, das die Götter gerne sähn.
Bald kamen seine Boten mit vieldeutigen,
Mit unerklärlich rätselhaften Sprüchen heim;
Dann aber endlich kam an Inachos ein Spruch,
Der unverkennbar uns gebot und anbefahl,
Mich auszustoßen aus dem Haus, dem Vaterland,
Verstoßen fern zu schweifen bis zum Saum der Welt;
Und wollt er nicht, glutzückend fahre dann des Zeus
Blitzstrahl herab, all sein Geschlecht hinwegzutun.
Von diesen Sprüchen so belehrt des Loxias,
Stieß er mich von sich, schloß des Vaterhauses Tor
Mir Zögernden zögernd; doch es zwang allmächtig ja
Ihn wider Willen Zeus‘ Gebot zu solchem Tun.
Und alsobald war Leib und Seele mir verkehrt;
Die Stirn, ihr seht es, stiergehörnt, endlos gequält
Vom Stich der Bremse, irren Sprungs, wahnsinnverwirrt,
So floh ich rastlos gen Kechreias klarem Quell,
Zum Hügel Lerna. Und ein Riesenhirte kam,
Der erdgeborne, wilde Argos hinter mir,
Zahllosen Auges spähend, hütend meine Spur;
Doch unerwartet, eines schnellen Todes Raub
Sank hin der Leib des Riesen. Wahnsinnaufgepeitscht
Jagt nun der Göttin Geißel mich von Land zu Land. –
Du hast vernommen, wie’s geschehn; doch so du weißt,
Was mein noch wartet, sag es mir, versüße nicht
Mitleidig mir mit falschem Wort, was doch mich trifft.
Denn kluggewandte Worte sind das schlimmste Gift.

Hervorhebung von mir. Zitiert nach der Veröffentlichung im Projekt Gutenberg, vermutlich in der Übersetzung von Johann Gustav Droysen (1808-1884)

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112 Stufen, 5: Liebkosen (Tolstoi)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Altertümlich klingt das Wort „liebkosen“, und so suchte ich in meiner Erinnerung nach einem Gedicht der Romantiker, sei es Heine, sei es Eichendorff oder Möricke. Aber mir wollte keins einfallen. Etwas frustriert griff ich zu meiner aktuellen Lektüre „Anna Karenina“ von Leonid Tolstoi, das in den Jahren 1873 bis 1878 entstand. Und schon auf der zweiten Seite sprang mir das Wort entgegen. Und es scheint mir passend, um das Altertümliche dieses Wortes besonders zu unterstreichen.

Tolstois „Gesammelte Werke“ habe ich für knapp 3 E für mein Lesegerät erworben. Wer der Übersetzer ist, verrät mir die Ausgabe nicht, und auch nicht, von wann sie stammt. Aber einige Eigentümlichkeiten der Wortwahl und Orthographie lassen mich auf Ende 19. Jahrhundert tippen. Sicher gibt es inzwischen bessere Übersetzungen. Und ob das Wort „liebkosen“ in deiner Übersetzung vorkommt, kann ich nicht wissen. Es passt dem Gefühl nach aber auch zu vielen anderen Passagen. Falls du das Buch nicht kennst: Schau doch mal in diese sehr schöne Besprechung hinein: https://youtu.be/85WnHRuc-Ks

Das große Haus mit den altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegeltenoder unsauberen, sondern ehrerbietige alte Diener, offenbarnoch aus der Zeit der ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert hatten; eine wohlbeleibte, ;gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen und einem türkischen Spitzenshawl, welches ihr liebes Enkelchen, die Tochter ihrer Tochter liebkoste;  ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küsste;  die ermahnenden freundlichen Reden und Gebährden des Hausherrn;  alles dies hatte in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt. Jetzt schien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen.

„Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden“, sprach er. 

„Kaum“, versetzte jener, erschreckt aufblickend, „ich bin abgespannt, schon alt;  es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun dienen“, und der Vorsteher verschwandt durch eine Seitentür.

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Baustellen

Die ökonomische Lage der Griechen hat sich etwas verbessert. Und das bedeutet vor allem: die Bautätigkeit boomt. Überall entstehen neue Gebäude oder werden alte erweitert und renoviert. Dabei handelt es sich vor allem um Quartiere, die an Urlauber vermietet werden sollen.

Auch unsere bisher weitgehend intakte Olivenlandschaft weist nun ein paar Löcher auf. Ich verfolge sie mit Argwohn. Natürlich habe ich kein gutes Argument, da wir ja selbst inmitten der Oliven gebaut haben. Aber nun, was man sich selbst gestattet, mag man ja anderen nicht so gern zugestehen.

Unterhalb unseres Hauses ist man schon mit dem Mauern recht weit gekommen. Ich schaue jetzt, wenn ich auf der Turmterrasse sitze, angestrengt an dieser Baustelle vorbei, die mir den freien Blick aufs Meer behindert.

An der engen kurvenreichen Asphaltstraße, die ins Bergdorf führt, haben sich gleich drei Löcher in der Landschaft aufgetan. Ich verstehe sehr wohl, dass die Bauern einen Teil ihres Olivenlandes gewinnbringend verkaufen wollen, ich verstehe auch die, die mit herrlicher Aussicht aufs Meer ein Haus errichten, aber nun …. es ist halt so, dass man das Paradies gern allein bewohnt. Und je mehr Menschen sich das Paradies teilen wollen, desto weniger gleicht es

einem Paradies…. Die Zersiedelung ist ein großes Problem in Griechenland.

 

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Im Junilicht

Das Junilicht hat das lebhafte farbsatte Maienlicht abgelöst. Die Erde ist ausgedörrt, das Blau intensiver, die Landschaft ist ockrig eingefärbt, und es ist mir nicht mehr möglich, in der Sonne spazierenzugehen. Die Katzen suchen träge den Halbschatten.

Diesen steil zum Meer abfallenden Weg ging ich oft mit meinem geliebten Hund Tito.

In vielen früheren Landschaftsaquarellen, so scheint mir, habe ich diese Farben eingefangen – nicht hier, sondern auf Samothrake, wo wir die Sommer verbrachten. Ich schaue also nach und finde dieses Aquarell am ähnlichsten. Das Licht ist auf der nordöstlich gelegenen Ägäis-Insel allerdings auch im Hochsommer heller, lebhafter und nicht so ockrig wie hier auf der südlichen Peloponnes.

Den abschüssigen, gerölligen Feldweg benutze ich jetzt kaum noch, stattdessen die asphaltierte Straße hinunter ans Meer.

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112 Stufen, 4: Wärmen (Wolfgang Borchert)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

Beim Wort „Wärmen“ fallen mir spontan Kälte und Frieren ein, in realem und übertragenem Sinne. Und meine Gedanken wandern in die schwere Nachkriegszeit, und zu Wolfgang Borchert, der mir in meinen frühen Jahren viel Trost gab. Denn die tiefe Menschlichkeit dieses jungen Dichters (er starb 1947 mit nur 24 Jahren) wärmte mir das Herz. Und so suche ich eine seiner Erzählungen raus, die an das Mutter-Motiv der dritten Stufe anschließt.

Wolfgang Borchert

Die Küchenuhr.

Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er fiel auf. Er hatte ein ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran sah man, daß er erst zwanzig war. Er setzte sich mit seinem alten Gesicht zu ihnen auf die Bank. Und dann zeigte er ihnen, was er in der Hand trug.

Das war unsere Küchenuhr, sagte er und sah sie alle der Reihe nach an, die auf der Bank in der Sonne saßen. Ja, ich habe sie noch gefunden. Sie ist übriggeblieben.

Er hielt eine runde tellerweiße Küchenuhr vor sich hin und tupfte mit dem Finger die blaugemalten Zahlen ab.

Sie hat weiter keinen Wert, meinte er entschuldigend, das weiß ich auch. Und sie ist auch nicht so besonders schön. Sie ist nur wie ein Teller, so mit weißem Lack. Aber die blauen Zahlen sehen doch ganz hübsch aus, finde ich. Die Zeiger sind natürlich nur aus Blech. Und nun gehen sie auch nicht mehr. Nein. Innerlich ist sie kaputt, das steht fest. Aber sie sieht noch aus wie immer. Auch wenn sie jetzt nicht mehr geht.

Er machte mit der Fingerspitze einen vorsichtigen Kreis auf dem Rand der Telleruhr entlang. Und er sagte leise: Und sie ist übriggeblieben.

Die auf der Bank in der Sonne saßen, sahen ihn nicht an. Einer sah auf seine Schuhe und die Frau sah in ihren Kinderwagen. Dann sagte jemand:

Sie haben wohl alles verloren?

Ja, ja, sagte er freudig, denken Sie, aber auch alles! Nur sie hier, sie ist übrig. Und er hob die Uhr wieder hoch, als ob die anderen sie noch nicht kannten.

Aber sie geht doch nicht mehr, sagte die Frau.

Nein, nein, das nicht. Kaputt ist sie, das weiß ich wohl. Aber sonst ist sie doch noch ganz wie immer: weiß und blau. Und wieder zeigte er ihnen seine Uhr. Und was das Schönste ist, fuhr er aufgeregt fort, das habe ich Ihnen ja noch überhaupt nicht erzählt. Das Schönste kommt nämlich noch: Denken Sie mal, sie ist um halb drei stehengeblieben. Ausgerechnet um halb drei, denken Sie mal.

Dann wurde Ihr Haus sicher um halb drei getroffen, sagte der Mann und schob wichtig die Unterlippe vor. Das habe ich schon oft gehört. Wenn die Bombe runtergeht, bleiben die Uhren stehen. Das kommt von dem Druck.

Er sah seine Uhr an und schüttelte überlegen den Kopf. Nein, lieber Herr, nein, da irren Sie sich. Das hat mit den Bomben nichts zu tun. Sie müssen nicht immer von den Bomben reden. Nein. Um halb drei war ganz etwas anderes, das wissen Sie nur nicht. Das ist nämlich der Witz, daß sie gerade um halb drei stehengeblieben ist. Und nicht um viertel nach vier oder um sieben. Um halb drei kam ich nämlich immer nach Hause. Nachts, meine ich. Fast immer um halb drei. Das ist ja gerade der Witz.

Er sah die anderen an, aber die hatten ihre Augen von ihm weggenommen. Er fand sie nicht. Da nickte er seiner Uhr zu: Dann hatte ich natürlich Hunger, nicht wahr? Und ich ging immer gleich in die Küche. Da war es dann fast immer halb drei. Und dann, dann kam nämlich meine Mutter. Ich konnte noch so leise die Tür aufmachen, sie hat mich immer gehört. Und wenn ich in der dunklen Küche etwas zu essen suchte, ging plötzlich das Licht an. Dann stand sie da in ihrer Wolljacke und mit einem roten Schal um. Und barfuß. Immer barfuß. Und dabei war unsere Küche gekachelt. Und sie machte ihre Augen ganz klein, weil ihr das Licht so hell war. Denn sie hatte ja schon geschlafen. Es war ja Nacht.

So spät wieder, sagte sie dann. Mehr sagte sie nie. Nur: So spät wieder. Und dann machte sie mir das Abendbrot warm und sah zu, wie ich aß. Dabei scheuerte sie immer die Füße aneinander, weil die Kacheln so kalt waren. Schuhe zog sie nachts nie an. Und sie saß so lange bei mir, bis ich satt war. Und dann hörte ich sie noch die Teller wegsetzen, wenn ich in meinem Zimmer schon das Licht ausgemacht hatte. Jede Nacht war es so. Und meistens immer um halb drei. Das war ganz selbstverständlich, fand ich, daß sie mir nachts um halb drei in der Küche das Essen machte. Ich fand das ganz selbstverständlich. Sie tat das ja immer. Und sie hat nie mehr gesagt als: So spät wieder. Aber das sagte sie jedesmal. Und ich dachte, das könnte nie aufhören. Es war mir so selbstverständlich. Das alles war doch immer so gewesen.

Einen Atemzug lang war es ganz still auf der Bank. Dann sagte er leise: Und jetzt? Er sah die anderen an. Aber er fand sie nicht. Da sagte er der Uhr leise ins weißblaue runde Gesicht: Jetzt, jetzt weiß ich, daß es das Paradies war. Das richtige Paradies.

Auf der Bank war es ganz still. Dann fragte die Frau: Und Ihre Familie?

Er lächelte sie verlegen an: Ach, Sie meinen meine Eltern? Ja, die sind auch mit weg. Alles ist weg. Alles, stellen Sie sich vor. Alles weg.

Er lächelte verlegen von einem zum anderen. Aber sie sahen ihn nicht an.

Da hob er wieder die Uhr hoch und er lachte. Er lachte: Nur sie hier. Sie ist übrig. Und das Schönste ist ja, daß sie ausgerechnet um halb drei stehengeblieben ist. Ausgerechnet um halb drei.

Dann sagte er nichts mehr. Aber er hatte ein ganz altes Gesicht. Und der Mann, der neben ihm saß, sah auf seine Schuhe. Aber er sah seine Schuhe nicht. Er dachte immerzu an das Wort Paradies.

Nun stehe ich auf der vierten Stufe und schaue zurück auf die dritte, die „Mutter“, und auf die zweite, das „Streicheln“. Ja, der junge Mann mit dem uralten Gesicht streichelt die Uhr: er „tupfte mit dem Finger die blaugemalten Zahlen ab“, er „machte mit der Fingerspitze einen vorsichtigen Kreis auf dem Rand der Telleruhr entlang“. Auch die erste Stufe, das „Glück“, erkenne ich von hier aus wieder, nun abgewandelt im Lächeln und Lachen und im Wort „Paradies“.

 

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112 Stufen, 3: Mutter (Tucholsky)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die dritte Stufe ist: Mutter. Ich zögere, wähle schließlich ein Gedicht von Tucholsky, das, ganz ohne sentimentalen Unterton, die enorme Leistung der Mutter preist, die in schweren Zeiten ihre Kinder großzieht. „Großkriegt“, wollte ich schreiben, aber Tucholsky veröffentlichte sein Gedicht 1929 (siehe Kommentar von Gachmuret weiter unten) und also vor dem zweiten großen Krieg. Ich verneige mich vor den Müttern, die mit ihrer Liebe und Arbeit mich und meine Generation über den fürchterlichen Krieg hinweg- und ins Leben retteten.

Kurt Tucholsky

Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt un jenäht
un jemacht un jedreht …
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält …
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßem Schkandal
auch’n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben …
Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wir nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Das Gedicht endet mit dem Wort der zweiten Stufe: streicheln. Trotz aller Bedrängnis und Not, das materielle Überleben zu sichern, gaben die Mütter ihren Kindern fast immer auch genügend Zärtlichkeit, damit die nächste Generation leben konnte und nicht den Verstand verlor. So konnte sie auch ihren Müttern Zärtlichkeit zurückgeben – und sei es auch spät oder erst im Augenblick des Sterbens.

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Chronis Botzoglou: „Zwei Generationen“, Wasserfarben, 1045 x 75 cm, 1988

 

 

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112 Stufen 2: Streicheln (Steinbeck)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

John Steinbeck: Von Mäusen und Menschen

Kaum las ich das Wort „streicheln“, fiel mir Steinbecks Erzählung „Of Mice and Men“ ein. Ich habe das Buch vor etwa 65 Jahren gelesen und es jetzt nicht vorliegen. Aber ich erinnere mich sehr genau an den ungeschlachten, geistig behinderten und an seinem unerfüllten Bedürfnis nach Zärtlichkeit zugrundgehenden Lennie, der zusammen mit seinem Kumpel und Aufpasser George in der Zeit der Depression durch Kalifornien zieht, sich auf Bauernhöfen verdingt und in seinen Taschen kleine Tiere herumträgt, die er streichelt.  Mit seinen gewaltigen Händen streichelt er Mäuse, Kaninchen und später auch einen geschenkten Welpen und bringt sie dabei versehentlich um.

Als er einer Frau, die sich ihm anbietet, zu heftig das Haar streichelt und sie sich zu wehren versucht, bricht er ihr versehentlich das Genick. ….

Sein Kumpel George erschießt Lennie, damit er nicht gelyncht wird.

—————–

Als ich vorhin die erste Stufe betrat, leuchtete in meinem Gedächtnis auf: das selige Glück der Liebe zwischen Willkomm und Abschied.

Nun betrat ich die zweite, und da leuchtete auf das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit, dessen Erfüllung für jeden Menschen und auch für die meisten warmblütigen Tiere lebensnotwendig ist.

“A guy needs somebody―to be near him. A guy goes nuts if he ain’t got nobody. Don’t make no difference who the guy is, long’s he’s with you. I tell ya, I tell ya a guy gets too lonely an‘ he gets sick.”
John Steinbeck, Of Mice and Men

(Jeder braucht jemanden, der ihm nahe ist. Wer niemanden hat, verliert den Verstand. Egal wer der andere ist: Hauptsache, er ist bei dir. Ich sag dir, sag dir: Man wird zu einsam, man wird krank. )

 

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112 Stufen 1: Glück (Goethe)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Stufe 1: Glück Johann Wolfgang von Goethe

Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht. Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht; Schon stand im Nebelkleid die Eiche Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel Sah kläglich aus dem Duft hervor, Die Winde schwangen leise Flügel, Umsausten schauerlich mein Ohr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch frisch und fröhlich war mein Mut: In meinen Adern welches Feuer! In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich; Ganz war mein Herz an deiner Seite Und jeder Atemzug für dich. Ein rosenfarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Gesicht, Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter! Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne Verengt der Abschied mir das Herz: In deinen Küssen welche Wonne! In deinem Auge welcher Schmerz! Ich ging, du standst und sahst zur Erden Und sahst mir nach mit nassem Blick: Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Und lieben, Götter, welch ein Glück!

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Dienstags-Drabble: Unsichtbare Artisten (kata-strophisch)

Ein Drabble ist ein Text von genau hundert Wörtern. Drei Wörter hat Heide (Puzzleblume) vorgegeben: Erleichterung – neugierig – klettern. Schwierigkeitsgrad und Vergnügen steigere ich, indem ich den Text kata-strophisch reime.

 

Unsichtbare Artisten

Der Hans und Heinrich schwitzten sehr

Im schwarzen Beingewand

„Ich knicke ein, ich kann nicht mehr“

Sprach Heinrich und er seufzte schwer

Die Kraft ihm fast entschwand.

 

Neugierig ist der dicke Klaus

Er klettert ins Gehege

Und kneift das Bein als wär’s ne Laus

Und macht sich einen Spaß daraus;

Ob es sich wohl bewege?

 

Das Bein schlägt aus, die Tänz’rin wankt

Und rettet sich mit einem Sprung

Doch was den Heinrich anbelangt

So hat er sich beim Klaus bedankt

Das schaffte ihm Erleichterung,

 

Sein Dank der war

Recht schmerzhaft zwar:

Er gab Klaus auf der Stelle

ne saftige Maulschelle.

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Bougainvillea mit Blauhimmel

Diese starken Farben – das Rot der Bougainvillea und das Himmelsblau, dazu auch das Grün der Oliven und das Ocker der Wände – stimmen mich immer freudig. Sie wachsen in fast allen Vorgärten. Diese nahm ich in unserem Dorf auf.

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