112 Stufen, 16: Sprechen (Schiller)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Fünfzehn Stufen habe ich bereits erklommen und der erste Treppenabsatz ist erreicht. Aufatmend schaue ich zurück. Das war ein spannender Weg, auf dem ich sehr Unterschiedliches in meinem Gedächtnis fand. Merkwürdig war mir, wie sich die einzelnen Stücke trotz aller Verschiedenheit lebensgeschichtlich verbanden.

Ich rekapitulierere, hinabblickend: Vergeben (Ricarda Huch, Tolstoi) – Gewissen (Degenhardt) – beschützen (Hesse) – Jauchzen (Johann Sebastian Bach) – Ehre (Goethe, Faust) – Familie (Cooper) – Erschrecken (Lukas-Evangelium) – Angst (Kaléko) – Unschuld (Nietzsche) – Heimat (Fontane) – Liebkosen (Tolstoi) – Wärmen (Wolfgang Borchert) – Mutter (Tucholsky) – Streicheln (Steinbeck) – Glück (Goethe).

Und nun gehts zur nächsten Stufenfolge, beginnend mit dem Wort „Sprechen“. Als erstes  kommt mir Schillers Ballade „Die Bürgschaft“  in den Sinn. Hier wird das Sprechen zum mutigen Geständnis (ja, ich war’s) und zugleich zum Versprechen, zum Schwur der Freundestreue, die der Todesdrohung standhält.

Wann gilt es zu sprechen, wann ist das Schweigen die stärkste Antwort? Wann steigert sich das Sprechen zum Rufen, zum flehenden Gebet, wann wird es zum beiläufigen Sagen? Auch die Natur spricht, es donnern die Wogen, die geschwätzige Quelle murmelt…

Der Tyrann Dionys


Friedrich Schiller, Die Bürgschaft (1798)

1. Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
«Was wolltest du mit dem Dolche, sprich
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
«Die Stadt vom Tyrannen befreien!»
«Das sollst du am Kreuze bereuen!»


2. «Ich bin», spricht jener, «zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.»


3. Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
«Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muss er statt deiner erblassen;
Doch dir ist die Strafe erlassen


4. Und er kommt zum Freund:«Der König gebeut,
Dass ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.»


5. Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.


6. Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen.
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.


7. Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land;
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

8. Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
«O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muss der Freund mir erbleichen.»

9. Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet;
Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom – und ein Gott hat Erbarmen.

10. Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

11. «Was wollt ihr?», ruft er vor Schrecken bleich,
«Ich habe nichts als mein Leben,
Das muss ich dem Könige geben!»
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
«Um des Freundes willen erbarmet euch!»
Und drei mit gewaltigen Streichen
Erlegt er, die andern entweichen.

12. Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet, sinken die Knie:
«O, hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!»

13. Und horch! da sprudelt es silberhell
Ganz nahe wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen.
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

14. Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn
Will eilenden Laufes vorüberfliehn.
Da hört er die Worte sie sagen:
«Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.»

15. Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus
Und entgegen kommt ihm Philostratus
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

16. «Zurück! Du rettest den Freund nicht mehr
So rette das eigene Leben! Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr;
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.»

17. «Und ist es zu spät und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,
Dass der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht;
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue.»

18. Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
«Mich, Henker», ruft er, «erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!»

19. Und Erstaunen ergreifet das Volk umher;
In den Armen liegen sich beide
Und weinen vor Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär;
Der fühlt ein menschliches Rühren
Lässt schnell vor den Thron sie führen.

20. Und blicket sie lange verwundert an;
Drauf spricht er: «Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn;
So nehmet auch mich zum Genossen an.
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte.»

Zuschauer der abgesagten Kreuzigung

 

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112 Stufen, 15: Vergeben (Ricarda Huch, Tolstoi, Matthäus-Evangelium)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Das erste, was mir zu diesem Wort „Vergeben“ einfiel, war das Gedicht von Ricarda Huch: „Mein Herz, mein Löwe“, wo sie schwört, niemals zu vergeben und zu vergessen, sondern weiter zu hassen das Böse, das Verfluchte, das sie nicht benennt, das ich aber stets mit den Verbrechen des Nationalsozialismus assoziiert habe. Das Gedicht wurde 1944 im Band „Herbstfeuer“ veröffentlicht. Ricarda Huch lebte von 1864-1947.

Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest,
Sein Geliebtes fest in den Fängen,
Aber Gehaßtes gibt es auch,
Das er niemals entläßt
Bis zum letzten Hauch,
was immer die Jahre verhängen.
Es gibt Namen, die beflecken
Die Lippen, die sie nennen,
Die Erde mag sie nicht decken,
Die Flamme mag sie nicht brennen.
Der Engel, gesandt, den Verbrecher
Mit der Gnade von Gott zu betauen,
Wendet sich ab voll Grauen
Und wird zum zischenden Rächer.
Und hätte Gott selbst so viel Huld,
zu waschen die blutrote Schuld,
Bis der Schandfleck verblaßte –
Mein Herz wird hassen, was es haßte,
Mein Herz hält fest seine Beute,
Daß keiner dran künstle und deute,
Daß kein Lügner schminke das Böse,
Verfluchtes vom Fluche löse.

Dieses Gedicht hat mich schon früh fasziniert und erschreckt. Nein, mein Herz ist kein Löwe, das empfand ich. Ich wollte den blutigen Fetzen nicht im Maul herumtragen, aber ausspucken konnte ich ihn auch nicht. So würgte es mich und würgt mich bis heute. Natürlich hatte ich eigentlich nichts zu vergeben, denn mir war ja nichts Böses geschehen, nicht wahr? Ich persönlich hatte auch nichts Böses getan, da war ja „die Gnade der späten Geburt“, die mich exkulpierte. Und doch, es war „im Namen des deutschen Volkes“ geschehen, und es nutzte gar nichts zu behaupten, ein solches Volk sei eine Fiktion und sogar etwas, dessen Erwähnung der Verfassungsschutz neuerdings als rechtsextrem einstuft….

Ich möchte dem Gedicht von Ricarda Huch, das mich in seiner Radikalität nicht nur fasziniert, sondern auch verstört hat, einen anderen Text entgegensetzen: Tolstois „Auferstehung“, 1899 erschienen.  Diesen dritten großen Roman Tolstois beendete ich gestern abend.

Katjuscha und Matrjana, die alte Dienerin der Tanten, während der Ostermesse in Panowo (Illustration von Leonid Pasternak)

Ich beziehe mich auf die letzten Seiten des Romans. Der Protagonist, Fürst Nechliudow, der einem Zug von Strafgefangenen nach Sibirien gefolgt ist, da er sich an dem Schicksal der Gefangenen Katjuscha schuldig findet, ist verzweifelt über die Einrichtung der Welt, die dazu führt, dass das Böse sich immer fortpflanzt und vermehrt. Die Strafjustiz hilft nicht nur nicht, dass es weniger Verbrechen gibt, sondern sie bringt das Verbrechen oft erst hervor, indem sie straffällig gewordene Menschen durch die Bedingungen der Haft zu Schwerverbrechern macht.

Nach einem schrecklichen Besuch im Gefängnis schlägt er das Evangelium auf, das er gerade geschenkt bekommen hat, und liest bei Matthäus: „21 Da trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist es genug siebenmal? 22 Jesus sprach zu ihm: ich sage dir, nicht siebenmal, sondern siebenzig siebenmal.“

Nun folgt das Gleichnis: „Darum ist das Himmelreich gleich einem Könige, der mit seinen Knechten rechnen wollte.“ Als erstes kommt ein Knecht, der schuldet zehntausend Pfund, und der Herr befiehlt ihm, Haus und Hof und seine Frau und Kinder zu verkaufen, um die Schulden zu begleichen.  Der Mann fleht um Aufschub und Schuldenerlass und erhält sie auch. So von seiner Schuldenlast befreit, geht er hinaus zu einem Mitknecht, der ihm hundert Groschen schuldet. Er erhört nicht das Flehen des Schuldners, sondern lässt ihn ins Gefängnis werfen. Der König ist sehr erzürnt, als er davon hört. . . „32 Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du mich batest. 33 Solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe?“

Tolstoi beschreibt nun die Wirkung dieser Lektüre auf Nechliudow. „Und es geschah mit Nechliudow, was oft geschieht mit Menschen, die ein geistiges Leben leben. Es geschah, dass der Gedanke, der ihm erst als eine Absonderlichkeit, als ein Paradox, sogar als ein Scherz erschienen war, plötzlich, nachdem er ihn häufiger im Leben bestätigt gefunden hatte, als ganz einfache, unzweifelhafte Wahrheit vor ihm stand. …… Es wurde ihm jetzt klar, dass all das fürchterliche Übel, dessen Augenzeuge er in den Gefängnissen und Kerkern gewesen, und die ruhige Selbstgewissheit derjenigen, die dies Übel hervorbrachten (die Gerichte, Strafverfolgungsbehörden etc), nur daher rührte, dass die Menschen eine unmögliche Sache wollten. Lasterhafte Menschen wollten lasterhafte Menschen bessern und wähnten, es auf mechanischem Wege zu erreichen. ….. Die Antwort, welche er nicht finden konnte, war dieselbe, die Christus dem Petrus gegeben: sie bestand darin, dass man immer allen unendlich verzeihen soll, weil es niemand gibt, der selber unschuldig wäre und darum die anderen strafen und bessern könnte.

Das doppelte Gitter zwischen den Gefangen und ihren Besuchern

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Tanzplatz

Am Strand vor dem Hotel, wo wir uns bisher zum paneurhythmischen Tanzen trafen, ist es jetzt zu voll von Badenden und Ball Spielenden. Also sind wir zum Park des Eisenbahnmuseums zurückgekehrt. Die Bäume spenden Schatten. Der Boden unter den Bäumen ist mit blauen Blüten übersät, die die Bäume herunterregnen ließen.

Ich sammle Blüten und bilde daraus den kleinen Kreis, der die Mitte des Kreistanzes bilden soll.

Die Fontänen des Teichs spenden Kühle und Feuchtigkeit.

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Archivbild der Woche: Emanzipation und Wehrtüchtigkeitserziehung der Frauen

An einem Tag wie heute – am 15. Juni 2017 – besuchte ich die „documenta“, die damals nicht nur in Kassel, sondern auch in Athen ausgerichtet wurde. In einem der Säle wurden Gemälde albanischer Künstler zur Zeit der kommunistischen Arbeiter- und Bauerndiktatur unter Enver Hoxhas (Hodschas) gezeigt.*

Sie geben propagandistischen Ausdruck einem Frauenbild, das die „gleichberechtigte“ Ausbeutung, Instrumentalisierung und Militarisierung der Frauen zu ihrem „Recht“ erklärt.  Die Frauen, vormals durch den Islam ans Haus gebunden, im „atheistischen“ Albanien nun aber unverzichtbar in der Arbeitswelt, wurden zwangs-„emanzipiert“.

 

 

 

Schon als Kinder durften auch die Mädchen die „Verteidigung des Sozialismus“ mit der Waffe üben.

Na, wäre das nicht ein Vorbild für deutsche Verhältnisse? Früh übt sich, wer ein Soldätchen werden will.

Dies ist ein Beitrag zu Heides Blogprojekt „Archivbild der Woche“.


 

*Hoxha war von 1946 bis zu seinem Tod 1985 ununterbrochen Alleinherrscher in dem von der Außenwelt vollkommen isolierten Land: 1948 brach er mit Tito und folgte Stalin, dessen brutale Methoden der „Säuberung“ politischer Gegner er übernahm. Mit Beginn der Entstalinisierung der SU (1961), die er nicht mitzuvollziehen gedachte, erklärte er den Maoismus zur Staatsdoktrin und unterbrach die Beziehngen zu den „sozialistischen Brudervölkern“ Europas. Zugleich intensivierte er den Kult um seine eigene Person. 1978, nach Maos Tod (er hatte zuletzt auch Mao in schärfster Weise kritisiert), sagte er sich auch von China los. Das nun vollkommen isolierte Land ließ der paranoide Diktator durch 750 000 Bunker „schützen“. Flucht aus dem verelendeten Land war kaum möglich. Erst 1981 brach die Arbeiter- und Bauern-Diktatur a la Hoxha und brachen die Grenzen, über die nun die Menschen, oftmals barfuß, drängten. Viele kamen über die Berge nach Griechenland, das im selben Jahr Mitglied der EU wurde. Die Strukturfonds der EU und die billigen willigen Arbeitskräfte aus Albanien halfen,  Griechenlands im Krieg zerstörte Infrastruktur weiter auf- und auszubauen.

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In der Zeichenschule. Ausstellung der Schülerzeichnungen, Umgebung

Gestern abend versammelten sich Schüler und Freunde der Zeichenschule, in der die Zeichnungen des letzten Semestern ausgehängt waren. Man wollte ein wenig zusammen feiern. Die Wände waren mit Zeichnungen gepflastert (darunter auch vier von mir), der Raum eng und schweißtreibend, aber gefreut hat es mich trotzdem.

Zeichenlehrer und Modell vor einer Bilderwand.

Besucher und Bilderwände

 

Wir machten dann noch einen Spaziergang durch die Umgebung.  Witzig fand ich, wie der Wein und andere Gewächse bis auf die Terrassen hochgezogen wurden, um ein bisschen Grün sein eigen zu nennen.

 

 

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112 Stufen,14: Gewissen (Degenhardt)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die Zeit der sogenannten „Studentenbewegung“ der 68er Jahre war ein Anfang a la Hesse (siehe hier), dem ein Zauber innewohnte. Die „bleiernen Jahre“ der Nachkriegsjahre waren vorbei, und die ideologischen Grundlagen der Wirtschaftswunderjahre, die die Bundesrepublik in die Spitzengruppe der Industrienationen katapultiert hatten, wurden nun heftig in Frage gestellt. Militarismus, Neokolonialismus und Imperialismus mit ihren verheerenden Folgen für Afrika, Asien und Südamerika rückten ins Zentrum der Kritik, die Befreiungsbewegungen ins Zentrum der Hoffnung. Schluss mit den Kriegen und der Ausplünderung der sogenannten „Dritten Welt“. Hồ Chí Minh, Che Guevara, Mao Tse-tung  waren die neuen Helden.

Das  gesellschaftlich vorgegebene „gut und böse“, „erlaubt und verboten“ wurde massiv hinterfragt, als verlogen und scheinheilig verworfen. Neue Lebenskonzepte, neue Formen des Zusammenlebens und des Lernens wurden ausprobiert.

Es war die große Zeit der politischen Barden. Einer der bekanntesten war Franz Joseph Degenhardt. Auch in unserer Kinderladenwelt war er ein Star,  „Rumpelstielzchen“ oder „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ oder „Wenn der Senator erzählt“  waren hits.

Seine „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ von 1972 habe ich in einem Fache meines Gedächtnisses gefunden und hervorgeholt. Es klingt immer noch frisch und neu und aktueller denn je.

Dies ist eine life-Aufzeichnung von 2018.

 

 

 

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112 Stufen, 13: beschützen (Hermann Hesse – Friedrich Hölderlin)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

Hermann Hesse

Stufen

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 

der uns beschützt und der uns hilft zu leben. 

Diese Zeilen des berühmten Hessegedichts sind zuerst erschienen im Rahmen des Glasperlenspiels. Sie wurden seither endlos zitiert.

Wieso beschützt uns der Zauber des Anfangs? Und wovor?

Die Hoffnung, dass in jedem Vergehen, in jeder Katastrophe und auch im eigenen Sterben ein Keim zu neuem Leben verborgen liegt, und dass dieser Keim sich wird entwickeln können zu neuer schöner Form, beschützt uns vor der Verzweiflung, so dass wir leben können. (Verzweiflung – so Kierkegaard – sei „die Krankheit zum Tode“).

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden…

 

Nichts als eine tröstliche Illusion, die uns über die Tatsache hinweghelfen soll, dass es mit uns Sterblichen rettungs- und hoffnungslos abwärts und zuende geht?

Friedrich Hölderlin

Hyperions Schicksalslied

….

Doch uns ist gegeben,
   Auf keiner Stätte zu ruhn,
     Es schwinden, es fallen
       Die leidenden Menschen
         Blindlings von einer
           Stunde zur andern,
            Wie Wasser von Klippe
              Zu Klippe geworfen,
               Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Friedrich Hölderlin, Hyperions Schicksalslied, aus: „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“, 2. Band, erschienen 1799.

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Vielleicht handelt es sich aber bei Hesse nicht nur um Hoffnung und Illusion, sondern um den allem Lebendigen eingeborenen Willen, immer wieder hinaufzusteigen und Gipfel zu erklimmen, egal, wie oft es uns schon hinabgeschleudert hat…

 

 

 

 

 

 

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Impulswerkstatt: Bild 4 (Geheimschrift der Natur)

„Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehn; Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen und in Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern, im Innern und Äußern der Gebirge, der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, in den Lichtern des Himmels, auf berührten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas, in den Feilspänen um den Magnet her, und sonderbaren Konjunkturen des Zufalls, erblickt. In ihnen ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift, die Sprachlehre derselben, allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen, und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen. Ein Alkahest scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu sein. Nur augenblicklich scheinen ihre Wünsche, ihre Gedanken sich zu verdichten. So entstehen ihre Ahndungen, aber nach kurzen Zeiten schwimmt alles wieder, wie vorher, vor ihren Blicken.“

So beginnt der unvollendete Roman „Die Lehrlinge zu Sais“ von Novalis, entstanden am Ende des 18. Jahrhunderts (1798-1799) und posthum 1802 erstmals veröffentlicht. Immer kommen mir diese Sätze in den Sinn, wenn ich die Rätselschrift der Natur zu entziffern versuche, wie hier auf Myriades Foto 4 zur Impulswerkstatt.

Überall stoßen wir auf die Wunderschrift der Natur, aber vergeblich suchen wir sie zu entziffern. Und da heißt es dann oft: es gibt nichts zu entziffern, irgendwelche Insekten haben sich hier durch den Bambus, den Granatapfel gefressen und etwas hinterlassen, was Schriftzeichen ähnelt, aber ein Sinn steckt nicht dahinter.

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Und doch ziehen mich – und viele andere – die Zeichen der Natur magisch an, als verberge sich dahinter eine Chiffrenschrift, die, wenn wir sie nur verstünden, uns Auskunft geben würde über all die Geheimnisse der Natur und unserer Existenz als Menschen.

So sammelte ich erstarrte Schlänglein aus dem Staub meines Ateliers und betrachtete sie lange.

Ich legte mir die Schlänglein zu immer neuen Sätzen zusammen:

Dieses bildet das Ewigkeitszeichen nach.

Und jene?

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Würde sie mir ihr Geheimnis offenbaren, wenn ich sie in ein Lichtzeichen verwandelte?

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In einem Text deutete ich die nun immer mehr anwachsende Reihe der Schlänglein als „Geheimschrift der Toten“.

Vermögt ihr, Verstorbene, uns eure Gedanken zu schicken?

Eine Geheimschrift vielleicht, in der ihr uns sagt,

was uns erwartet, was wir dann endlich erblicken

und kennenlernen, wonach wir vergebens gefragt?

Wie ist eure Sprache, und wie sind die Zeichen

Die ihr uns, den Lebenden, sendet, von dort?

Sinds Blumen? Sinds Wolken? Oder die bleichen

Gesichter der Menschen, die vernommen das Wort?

Ich fand einst im Staube zehn Schlänglein, erstarrten,

was brachte sie um? Was wars für ein Gift?

Und aus ihren Leibern, den wundervoll zarten

Da formte sich mir eine heilige Schrift.

Darin kann ich lesen

Was wird und gewesen.

(Dienstags-Drabble vom 8.4.2025)

In allen Kulturen werden Formen der Natur als Zeichen gedeutet. Der Ouroboros („Schwanzverschlinger“, also die Schlange, die sich vom Schwanz her selbst verschlingt) gilt als Zeichen der Einheit des Alls: Werden und Vergehen, Individualisierung und All sind nur verschiedene Zustände ein und desselben. Alles ist eins. Oder richtiger: Eins ist alles, „Eins das All“.  Ἓν τὸ πᾶν

(Illustration aus der „Chrysopoeia der Kleopatra“. Ἓν τὸ πᾶν ((Wikipedia: Uroboros)

„Lichtschrift“ ist die wörtliche Übersetzung von „Photografie“ aus dem Griechischen: ich schreibe mit Licht. Richtiger aber wäre zu sagen: das Licht schreibt sich ein in die Dinge, manchmal spielerisch, dann wieder hart und genau, enthüllend, verhüllend.

Es schreibt sich ein in die leichte Bewegung der Wellen

Gaslampe, Horn des Ziegenschädels, Gläser mit Pinseln werden mir hier zu Chiffren einer noch unentzifferten Schrift.

oder hingeworfene Zeichen und Linien verdichten sich zu menschlichen Figuren, scheinen lesbar zu werden.

Alles ist Zeichen … oder Unsinn.

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112 Stufen, 12: Jauchzen (Johann Sebastian Bach)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
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Matis der Maler, genannt Grünewald: Isenheimer Altar,Engelskonzert

Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage,
rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!

Diese erste Strophe des Weihnachtsoratoriums, die 1743 erstmals in Leipzig erklang, erfüllt mein Herz noch heute mit Jubel. Das liegt natürlich nicht an dem Text selbst, den Bach aus etlichen anderen für diesen Zweck zusammengeschustert hat, sondern an der überwältigenden Freude der Musik.

Als ich eben nach dem genauen Text googelte, sah ich, dass morgen, am 14. Juni, das Weihnachtsoratorium auf dem Spielplan des Leipziger Bachfestes „Transformation“ steht. Und nicht nur das! Ich erfuhr auch, dass

„es wirklich ein außergewöhnliches Orchester (ist), das gemeinsam mit dem GewandhausChor Leipzig die ersten drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach aufführt: Das Galilee Chamber Orchestra, sesshaft in Nazareth, ist das erste professionelle Ensemble in Israel, das sich sowohl aus jüdischen als auch aus arabischen Musiker*innen zusammensetzt. Ein weiteres Markenzeichen des von Saleem Ashkar geleiteten Orchesters ist die gute Mischung aus jungen und aus erfahrenen Musiker*innen, die gemeinsam auf höchstem Niveau spielen. Die Musik von Johann Sebastian Bach führt somit in Leipzig auf ganz besondere Weise jüdische, christliche und arabische Künstler zusammen.

So las ich hier.

Ein wenig Freude in diesen finsteren Zeiten! Sehr gerne möchte ich an ihr teilhaben und auch dich dazu einladen, diese Freude übers Ohr in dein Herz strömen zu lassen!

Hier eine Aufnahme der Netherlands Bach Society, vom 17.12.2024

 

 

 

 

 

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112 Stufen, 11: Ehre (Goethe, Valentin und Gretchen)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Über das Thema der Frauenehre zerriss man sich in meiner Jugend noch die Münder – und tut es in den meisten Kulturen bis heute. Es sind nicht die betroffenen Frauen selbst, sondern ihre Umwelt, um deretwillen Frauen ihre Jungfräulichkeit und danach ihre eheliche Untadeligkeit „wie ihren Aufapfel“ hüten sollen. Denn daran hängt die „Ehre“ der ganzen Sippe. Gerade habe ich „Anna Karenina“ von Tolstoi beendet, die an diesem Konflikt zugrundegeht, und fühle noch den Nachhall in mir.

Den ersten prägenden Eindruck davon, welche Anmaßung im Ehrbegriff, dem die Frauen unterworfen werden, steckt, hinterließ mir in jungen Jahren eine Szene in Goethes Faust:  Gretchens Bruder Valentin beklagt sich bitter, dass Gretchen ihm sein Leben versaut habe: er kann sich beim Wein nicht mehr vor seinen Kumpanen rühmen, das tugendhafteste aller Mädchen zur Schwester zu haben.

Valentin:

Wenn ich so saß bei einem Gelag,
Wo mancher sich berühmen mag,
Und die Gesellen mir den Flor
Der Mägdlein laut gepriesen vor,
Mit vollem Glas das Lob verschwemmt,
Den Ellenbogen aufgestemmt,
Saß ich in meiner sichern Ruh,
Hört all dem Schwadronieren zu
Und streiche lächelnd meinen Bart
Und kriege das volle Glas zur Hand
Und sage: »Alles nach seiner Art!
Aber ist eine im ganzen Land,
Die meiner trauten Gretel gleicht,
Die meiner Schwester das Wasser reicht?«
Topp! Topp! Kling! Klang! das ging herum;
Die einen schrieen: »Er hat recht,
Sie ist die Zier vom ganzen Geschlecht.«
Da saßen alle die Lober stumm.
Und nun! – um’s Haar sich auszuraufen
Und an den Wänden hinaufzulaufen! –
Mit Stichelreden, Naserümpfen
Soll jeder Schurke mich beschimpfen!
Soll wie ein böser Schuldner sitzen
Bei jedem Zufallswörtchen schwitzen!
Und möcht ich sie zusammenschmeißen
Könnt ich sie doch nicht Lügner heißen.

Die persönliche Kränkung führt ihn dazu, Faust aufzulauern. Er ist bereit, ihm den „Schädel zu spalten“ und täte es auch, wenn Mephisto Faust nicht die Hand führen würde. Und so stirbt er selbst.

Geht es um die Schwester? Fragt er nach ihren Wünschen, ihren Qualen? Bedauert er sie vielleicht gar? O nein, ganz und gar nicht. Es geht nur um ihn selbst und seinen Ruf bei dem Kumpels. Der Tod beeindruckt ihn nicht, nur der Ehrverlust. Sterbend verflucht er sie.

Ich sterbe! das ist bald gesagt
Und balder noch getan.
Was steht ihr Weiber, heult und klagt?
Kommt her und hört mich an! (Alle treten um ihn.)
Mein Gretchen, sieh! du bist noch jung,

Bist gar noch nicht gescheit genung,
Machst deine Sachen schlecht.
Ich sag dir’s im Vertrauen nur:
Du bist doch nun einmal eine Hur,
So sei’s auch eben recht!

Du fingst mit einem heimlich an
Bald kommen ihrer mehre dran,
Und wenn dich erst ein Dutzend hat,
So hat dich auch die ganze Stadt.

Seine männlichen Ehrvorstellungen, die er mit der ganzen Gesellschaft teilt, machen ihn bitter und herzlos. Seine Schwester – eine Hure, eine Metze – verdient nichts als Verachtung, Ächtung und endlosen Jammer.

Ich seh wahrhaftig schon die Zeit,
Daß alle brave Bürgersleut,
Wie von einer angesteckten Leichen,
Von dir, du Metze! seitab weichen.
Dir soll das Herz im Leib verzagen,
Wenn sie dir in die Augen sehn!
Sollst keine goldne Kette mehr tragen!
In der Kirche nicht mehr am Altar stehn!
In einem schönen Spitzenkragen
Dich nicht beim Tanze wohlbehagen!
In eine finstre Jammerecken
Unter Bettler und Krüppel dich verstecken,
Und, wenn dir dann auch Gott verzeiht,
Auf Erden sein vermaledeit!“

Valentins letzte Worte sprechen Gretchen schuldig an seinem Tod. Er selbst fühlt sich im Recht und erwartet, dass Gott es genauso sieht wie er.

Ich sage, laß die Tränen sein!
Da du dich sprachst der Ehre los,
Gabst mir den schwersten Herzensstoß.
Ich gehe durch den Todesschlaf
Zu Gott ein als Soldat und brav.

Die Ehre des Soldaten Valentin


In dieser Welt wuchsen wir heran. Die Männer schlugen sich „ehrenhaft“ in Kriegen die Köpfe ein, und für die Frauen war nichts schlimmer, als mit einem „Liebhaber“ erwischt zu werden oder gar einen „Bastard“ zur Welt zu bringen.

Dieser lächerliche heuchlerische und bösartige Ehrbegriff der patriarchalischen Gesellschaft ist purer Terror und hat uns Frauen schlimmer deformiert als alles, was uns sonst angetan wurde. Denn viele von uns haben ihn verinnerlicht, leiden an ihm und geben ihn dienstbereit weiter an ihre Töchter und Söhne.

 

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