112 Stufen, 21: Begeisterung (Hegel)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

Begeisterung (vom Geist beseelt), auch Enthusiasmus (vom Gott bewohnt) sind merkwürdige Wörter in einer Zeit, in der die meisten weder an Gott noch an den Geist glauben. Und doch ist der Ausdruck sehr im Schwange. Alle Welt ist ständig von irgendetwas begeistert: von einem Rezept, einem neuen Freund, einem gadget, einem Krieg, einer Reise…. Ohne Begeisterung komme kein bedeutendes Werk zustande, heißt es, der Begeisterte sei dem nur Tüchtigen überlegen, ohne Begeisterung sei man ein Philister und eigentlich schon halbtot undsoweiter.

Was ist das überhaupt: Begeisterung? Wie entsteht Begeisterung? Worin besteht sie? Kommt sie von außen auf mich zu oder entsteht sie im Innern? Was geschieht einem Menschen, wenn ihn die Begeisterung packt? Ist Begeisterung immer begrüßenswert? Wann wird sie gefährlich?

Da ich vor sehr langer Zeit Filosofie studierte, erinnerte ich mich heute auf der Suche nach einem Text daran, dass Friedrich Hegel in seinen Vorlesungen zur Ästhetik einiges dazu gesagt hat. Ich schaute nach, und tatsächlich, der Abschnitt C1c ist mit „Begeisterung“ überschrieben.  Quelle: Textlog.de. 

von sich selbst begeisterter Künstler

Friedrich Hegel

Die Begeisterung oder „Champagner gibt noch keine Poesie“

Die Tätigkeit der Phantasie und technischen Ausführung nun, als Zustand im Künstler für sich betrachtet, ist das, was man drittens Begeisterung zu nennen gewohnt ist.

α) In betreff auf sie fragt es sich zunächst nach der Art ihrer Entstehung, rücksichtlich welcher die verschiedenartigsten Vorstellungen verbreitet sind.

αα) Insofern das Genie überhaupt im engsten Zusammenhange des Geistigen und Natürlichen steht, hat man geglaubt, daß die Begeisterung vornehmlich durch sinnliche Anregung könne zuwege gebracht werden. Aber die Wärme des Bluts macht’s nicht allein, Champagner gibt noch keine Poesie; wie Marmontel z. B. erzählt, er habe in der Champagne in einem Keller bei sechstausend Flaschen vor sich gehabt, und es sei ihm doch nichts Poetisches zugeflossen. Ebenso kann sich das beste Genie oft genug morgens und abends beim frischen Wehen der Lüfte ins grüne Gras legen und in den Himmel sehen und wird doch von keiner sanften Begeisterung angehaucht werden.

ββ) Umgekehrt läßt sich die Begeisterung ebensowenig durch die bloß geistige Absicht zur Produktion hervorrufen. Wer sich bloß vornimmt, begeistert zu sein, um ein Gedicht zu machen oder ein Bild zu malen und eine Melodie zu erfinden, ohne irgendeinen Gehalt schon zu lebendiger Anregung in sich zu tragen, und nun erst hier und dort nach einem Stoffe umhersuchen muß, der wird aus dieser bloßen Absicht heraus, alles Talentes unerachtet, noch keine schöne Konzeption zu fassen oder ein gediegenes Kunstwerk hervorzubringen imstande sein. Weder jene nur sinnliche Anregung noch der bloße Wille und Entschluß verschafft echte Begeisterung, und solche Mittel anzuwenden beweist nur, daß das Gemüt und die Phantasie noch kein wahrhaftes Interesse in sich gefaßt haben. Ist dagegen der künstlerische Trieb rechter Art, so hat sich dies Interesse schon im voraus auf einen bestimmten Gegenstand und Gehalt geworfen und ihn festgehalten.

γγ) Die wahre Begeisterung deshalb entzündet sich an irgendeinem bestimmten Inhalt, den die Phantasie, um ihn künstlerisch auszudrücken, ergreift, und ist der Zustand dieses tätigen Ausgestaltens selbst – sowohl im subjektiven Innern als auch in der objektiven Ausführung des Kunstwerks; denn für diese gedoppelte Tätigkeit ist Begeisterung notwendig. Da läßt sich nun wieder die Frage aufwerfen, in welcher Weise solch ein Stoff an den Künstler kommen müsse. Auch in dieser Beziehung gibt es mehrfache Ansichten. Wie oft hört man nicht die Forderung aufstellen, der Künstler habe seinen Stoff nur aus sich selber zu schöpfen. Allerdings kann dies der Fall sein, wenn z. B. der Dichter »wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet«. Der eigene Frohsinn ist dann der Anlaß, der auch zugleich aus dem Innern heraus sich selbst als Stoff und Inhalt darbieten kann, indem er zum künstlerischen Genuß der eigenen Heiterkeit treibt. Dann ist auch »das Lied, das aus der Kehle dringt, ein Lohn, der reichlich lohnet«. Auf der anderen Seite jedoch sind oft die größten Kunstwerke auf eine ganz äußerliche Veranlassung geschaffen worden. Die Preisgesänge Pindars z. B. sind häufig aus Aufträgen entstanden, ebenso ist den Künstlern für Gebäude und Gemälde der Zweck und Gegenstand unzähligemal aufgegeben worden, und sie haben sich doch dafür zu begeistern vermocht. Ja, es ist sogar eine vielfach zu vernehmende Klage der Künstler, daß es ihnen an Stoffen fehle, die sie bearbeiten könnten. Eine solche Äußerlichkeit und deren Anstoß zur Produktion ist hier das Moment der Natürlichkeit und Unmittelbarkeit, welche zum Begriff des Talents gehört und sich in Rücksicht auf den Beginn der Begeisterung daher gleichfalls hervorzutun hat. Die Stellung des Künstlers ist nach dieser Seite hin von der Art, daß er eben als natürliches Talent in Verhältnis zu einem vorgefundenen gegebenen Stoffe tritt, indem er sich durch einen äußeren Anlaß, durch ein Begebnis, oder wie Shakespeare z. B. durch Sagen, alte Balladen, Novellen, Chroniken in sich aufgefordert findet, diesen Stoff zu gestalten und sich überhaupt darauf zu äußern. Die Veranlassung also zur Produktion kann ganz von außen kommen, und das einzig wichtige Erfordernis ist nur, daß der Künstler ein wesentliches Interesse fasse und den Gegenstand in sich lebendig werden lasse. Dann kommt die Begeisterung des Genies von selbst. Und ein echt lebendiger Künstler findet eben durch diese Lebendigkeit tausend Veranlassungen zur Tätigkeit und Begeisterung – Veranlassungen, an welchen andere, ohne davon berührt zu werden, vorübergehen.

β) Fragen wir weiter, worin die künstlerische Begeisterung bestehe, so ist sie nichts anderes, als von der Sache ganz erfüllt zu werden, ganz in der Sache gegenwärtig zu sein und nicht eher zu ruhen, als bis die Kunstgestalt ausgeprägt und in sich abgerundet ist.

γ) Wenn nun aber der Künstler in dieser Weise den Gegenstand ganz zu dem seinigen hat werden lassen, muß er umgekehrt seine subjektive Besonderheit und deren zufällige Partikularitäten zu vergessen wissen und sich seinerseits ganz in den Stoff versenken, so daß er als Subjekt nur gleichsam die Form ist für das Formieren des Inhaltes, der ihn ergriffen hat. Eine Begeisterung, in welcher sich das Subjekt als Subjekt aufspreizt und geltend macht, statt das Organ und die lebendige Tätigkeit der Sache selber zu sein, ist eine schlechte Begeisterung. – Dieser Punkt führt uns zu der sogenannten Objektivität künstlerischer Hervorbringungen hinüber.

Künstler als Form für das Formieren von Inhalt

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Wie Katzen ruhen

Wie Katzen zu ruhen, das ist eines der Ideale, die ich nicht leicht erreiche. Heute aber war ich nahe daran. Ich hatte nämlich recht früh mein luftiges Lager auf der Turmterrasse geräumt – eine Fliege und etliche Mücken hatten sich unter das Moskitonetz geschmuggelt und wollten nicht weichen, also wich ich . Auf das abgehakte Netz legten sich sogleich drei meiner Katzen, um zu ruhen.

Ich aber ging ins Haus, legte mich aufs Sofa und schlief selig bis zum Mittag.

Der Kater Lin (sterilisiert) und die Katze Mamsell (schwanger) sind dicke Freunde.

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Sonnenaufgangs- und -untergangspunkt (Kleine Beobachtungen)

Gestern zeigte ich ein Foto vor dem Sonnenaufgang. Am Abend fotografierte ich vom selben Standpunkt aus den Himmel kurz nach Sonnenuntergang.

Vor allem interessierte mich, wie weit der Aufgangs- und Untergangspunkt der Sonne jetzt, an den längsten Tagen des Jahres, auseinanderliegt. Daher machte ich am Abend noch eine Panoramaaufnahme des Küstenstreifens.

Wie man sieht, liegen die am Morgen und am Abend geröteten Himmelsbereiche sehr nah beieinander: am Morgen im Einschnitt zwischen dem Vorland und dem ansteigenden Taygetos-Gebirge, am Abend über der Landzunge des ersten „Fingers“ der Peloponnes.

Falls ich dieser Tage genau bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf der Turmterrasse bin, mache ich noch mal Vergleichsfotos. Der sehr rote Sonnenball wirkte übrigens gestern abend extrem groß, als ich ihn über dem Meer untergehen sah. Mir scheint, Joachim, du hast mal etwas über diese optische Täuschung geschrieben? Falls du das hier liest, lass einen link da, bitte.

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112 Stufen, 20: Bruder Tier (Karl König)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Beim Lesen des Wortes „Bruder“ fiel mir als erstes ein Buch von Karl König mit dem Titel „Bruder Tier“ und dem Untertitel „Mensch und Tier in Mythos und Evolution“ ein. Leider habe ich das schöne Buch nicht hier, sondern in Athen, und kann daher nicht draus zitieren. Doch weiß ich, dass es auch schöne Illustrationen enthält. Ersatzweise meine Fotocollage mit einem mythologischen Seepferdchen, das ich im archäologischen Museum von Kalamata sah.

IMG_3667 Collage

„Karl Königs auf Brüderlichkeit begründetes Denken und Sinnen galt neben dem Menschen gleichermaßen den Tieren. Seine Tierbetrachtungen erlauben einen imaginativen Zugang zur Tierwelt und ein vertieftes Verständnis des Evolutionsgeschehens. Letztlich zeigt sich die unzertrennliche Verbundenheit von Mensch und Tier sowie die Notwendigkeit, das gegenwärtige Schicksal der Tiere in den Blick zu nehmen und deren Würde zu wahren. Daneben bieten die naturnahen Zeichnungen dieser Neuausgabe reichlich Stoff und Motive, Bruder Tier zu begegnen.“ – so der Verlangstext (Verlag Freies Geistesleben, Neuauflage 2021).

Wand in Athen, Monastiraki

Zum Autor: Karl König (1902-1962), in Wien gebürtig, jüdischer Kinderarzt und Heilpädagoge, Anthroposoph und Begründer der internationalen Camphill-Bewegung. Durch Österreichs „Anschluss“ 1938 zur Flucht gezwungen, gelangte er mit Frau und vier Kindern sowie einigen Mitstreitern über die Schweiz und Italien 1939 nach Schottland, wo die Männer bei Kriegsbeginn als „feindliche Ausländer“ interniert wurden. Die Frauen siedelten in Camphill bei Aberdeen, wo nach der Freilassung der Männer im Juni 1940 die erste Camphill Community for Children in Need of Special Care als Arbeits- und Lebensgemeinschaft, und, ab 1955, im nordenglischen Yorkshire, die erste Camphill-Dorfgemeinschaft Botton Village für ältere Pflegebedürftige entstanden. 1964 ging Karl König zurück nach Deutschland (Dorfgemeinschaft bei Überlingen).

„Die für ein Camphill village typische, von Karl König beförderte Lebensform basiert auf dem engen Bezug zur Natur über die gemeinsame Arbeit in Landwirtschaft, Garten, Bäckerei und Küche sowie weiteren Werkstätten…. Die erbrachte Arbeit soll so hochwertig sein, dass sie auf dem Markt bestehen kann.“

Die ideale Haltung der heilpädagogisch Tätigen, so Karl König, „kommt erst dort zustande, wo eine neue Demut im Herzen zu wachsen beginnt, die in jedem Menschenantlitz den Bruder sieht.“

Diese und weitere Informationen fand ich hier: AnthroWiki

mythologisches Haartierchen (eigene Produktion)

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Vor Sonnenaufgang

Seit ich wieder draußen auf der Turmterrasse schlafe, wache ich kurz vor Sonnenaufgang auf, das kommende Licht über den Bergen zu begrüßen.

Der Sonnenaufgangspunkt ist jetzt weit Richtung Norden gewandert. Und da das Land dort recht flach bzw weiter entfernt ist, sind die Tage extralang. Im Winter geht die Sonne hinter dem nahen Vorgebirge des Taygetos auf und bleibt daher länger unsichtbar.

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112 Stufen, Nähe (Christian Morgenstern)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Zum Wort „Nähe“ fällt mir ein tiefsinniges genderndes Spaßgedicht von Christian Morgenstern ein.

Legebild mit bemalten zerkratzten Glasscherben

 

Christian Morgenstern

Nähe

Die Nähe ging verträumt umher.

Sie kam nie zu den Dingen selber.

Ihr Antlitz wurde gelb und gelber,

und ihren Leib ergriff die Zehr.

 

Doch eines Nachts, derweil sie schlief,

da trat wer an ihr Bette hin

und sprach: »Steh auf, mein Kind, ich bin

der kategorische Komparativ!

 

Ich werde dich zum Näher steigern,

ja, wenn du willst, zur Näherin!« –

Die Nähe, ohne sich zu weigern,

sie nahm auch dies als Schicksal hin.

 

Als Näherin jedoch vergaß

sie leider völlig, was sie wollte,

und nähte Putz und hieß Frau Nolte

und hielt all Obiges für Spaß.

 

Legebild mit Brunis Schnipseln

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Tolstoi lesen (Vorrede zu „Hadschi Murat“)

Seit ich ein Lesegerät habe, das mir gestattet, auch dicke Bücher zu lesen, ohne zu ermüden, zumal ich die Schriftgröße einstellen kann, habe ich mich wieder an große Romane gewagt. Es begann, angeregt durch die Besprechungen von Alexander Carmele und Xeniana, mit den „Projektoren“ von Clemens Meyer. Dann erstand ich auch die Gesammelten Werke von Tolstoi als e-book und habe schon die drei Romane „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“ und „Auferstehung“ verschlungen. Wer der Übersetzer ist, weiß ich leider nicht.

Ganz und gar fasziniert bin ich von Tolstois Landschaftsschilderungen. Genaueste Beobachtung und Beschreibung treffen da zusammen mit leidenschaftlichem Mitfühlen und erzeugen mit den Mitteln einer ganz unverstellten Sprache eine geistige Atmosphäre, die schon alles enthält, was in der Menschenhandlung dann zur Ausführung kommt.

Und so will ich heute hier einen solchen Text abschreiben, den ich gerade las. Es ist die Vorrede zur Erzählung „Hadschi Murat“.

Leo Tolstoi

Hadschi Murat.

Vorrede

Ich ging quer über die Felder nach Hause. Es war mitten im Hochsommer: Das Heu auf den Wiesen war bereits abgeerntet, und man ging daran, den Roggen zu mähen.

Es gibt um diese Zeit eine köstliche Auswahl von Feldblumen: da sind die in Rot, Weiß oder Rosa prangenden, duftigen, flaumig-weichen Kleeblüten, und die milchweißen, angenehm herb riechenden Sterne der Kamille mit dem grellgelben Kreis in der Mitte, und der gelbblühende Ackersenf mit seinem Honiggeruch, die schlanken, tulpenartigen, lila und weiß gefärbten Glockenblumen, die kriechenden Wicken, die gelben, roten und rötlichen Skabiosen, der ins Bläuliche spielende kolbenförmige Wegerich mit dem leicht rosig angehauchten Flaum und dem kaum merklichen feinen Aroma, die anfänglich,zumal in der Sonne, hellblauen, später nachdunkelnden und zuletzt ins Rötliche übergehenden Kornblumen und die zarten, nach Mandeln duftenden, rasch welkenden Winden.

Ich hatte einen großen, in allen möglichen Farben prangendenStrauß gesammelt und ging nach Hause, als ich im Graben eine prächtige himbeerfarbene, in voller Blüte stehendeDistel erblickte, von der Art, die man bei uns zu Lande „Tatarendistel“ nennt und beim Mähen vorsichtig umgeht, falls sie jedoch zufällig von der Sense getroffen wird, sorgfältig aus dem Heu aufliest, damit man sich an den Stacheln nicht verwunde. Ich kam auf den Gedanken, diese Distel zu pflücken und mitten in meinen Strauß zu setzen. Ich stieg in den Graben hinab, trieb eine zottige Hummel, die sich in der Distel festgesogen hatte und darin süß und sanft entschlummert war, von ihrem weichen Plätzchen und machte mich daran, die Blüte zu pflücken.

Das war jedoch keineswegs leicht: nicht nur, dass der stachelige Stengel#, selbstnachdem ich meine Hand mit dem Taschentuch umwickelt hatte, nach meinen Fingern stach; er war auch so widerstandsfähig und fest, dass ich wohl fünf Minuten lang förmlich mit ihm kämpfte und jede Faser einzeln durchreißen musste. Als ich die Blume endlich gepflückt hatte, war der Stengel schon ganz zerfetzt und zerfasert, und auch die Blüte selbst schien nicht mehr so frisch und schön, überdies passte sie mit ihrer plumpen groben Form nicht recht unter die übrigen zarten Blüten des Straußes. Ich bedauerte, die Blume, die an ihrem Platze recht schön gewesen war, unnützerweise abgerissen zu haben, und warf sie fort. „Welche Energie, welche Lebenskraft steckte doch in dieser Blume!“ ging es mir durch den Sinn, als ich an die Anstrengungen dachte, die es mich gekostet hatte, sie zu pflücken. „Wie verzweifelt hat sie sich gewehrt, wie teuer ihr Leben verkauft!“

Der Weg zum Hause führte über frisch gepflügtes, schwarzes, fettes Brachland. Ich schritt auf der staubigen, dunklen Straße daher, einen flachen Abhang hinauf. Das gepflügte Land gehörte zum Gute und war sehr groß: zu beidenSeiten, wie auch nach vorn, sah man nichts als schwarzes, gleichmäßig durchfurchtes, noch nicht geeggtes Ackerland. Der Pflug hatte hier gute Arbeit geleistet, nirgends auf dem weiten Felde sah man auch nur ein Pflänzchen, einen Grashalm, alles war gleichförmig schwarz.

„Was für ein zerstörungsüchtiges Wesen ist doch der Mensch, wieviel lebende Organismen mannigfachster Art vernichtet er, um sein eignes Leben zu erhalten!“ dachte ich, während ich unwillkürlich nach irgendeiner Spur von Vegetation inmitten dieses toten schwarzen Feldes ausschaute. Vor mir, rechts vom Wege, erblickte ich etwas wie einen kleinen Strauch. Als ich näher heranging, sah ich. dass es gleichfalls eine Tatarendistel war, von derselben Art wie jene, die ich vorhin um ihren Blütenschmuck gebracht hatte.

Die Sistelstaude bestand aus drei Stengeln. An dem einen war die Blüte abgerissen, und der Stumpf starrte in die Luft wie ein Arm, dessen Hand abgehauen war. Die beiden anderen Stengel trugen jeder eine Blüte. Diese Blüten wareneinstmals rot gewesen, jetzt aber waren sie ganz schwarz. Der eine Stengel war geknickt, und die obere Hälfte mit der unansehnlichen Blüte an der Spitze hing herab; der andere Stengel war zwar von schwarzer Erde beschmutzt, doch ragte er immer noch gerade empor. Man sah, dass ein Rad über den ganzen stacheligen Busch hinweggegangen war, dass er sich dann aber wieder aufgerichtet hatte, wenn auch nicht ganz, denn er stand ziemlich schief, aber er stand doch jedenfalls, wie ein Mensch, dem ein Stück Fleisch aus dem Leibe gerissen, dem die Eingeweide umgekehrt, ein Arm ausgerenkt, ein Auge ausgestochen worden, der aber immer noch dasteht und dem Feinde nicht weicht, dessen Hiebe alle seine Brüder ringsum niedergemäht haben.

„Welche Energie!“ dachte ich – „alles hat der Mensch hier besiegt, Millionen von Kräutern und Gräsern ht er vernichtet, und nur dieses eine leistet ihm Widerstand.“ Und ich erinnerte mich einer Geschichte aus vergangener Zeit, aus der Epoche der Kaukasuskämpfe, die ich zum Teil miterlebt hatte, zum Teil aus den Schilderungen anderer Augenzeugen kannte und zum Teil aus der Phantasie ergänzte. Diese Geschichte, wie sie in meiner Erinnerung und meiner Vorstellung sich gestaltet hat, lasse ich nun hier folgen.

Dieses Bild fand ich auf der Seite „Distelblüten – Russenkinder in Deutschland„. Es bezieht sich ausdrücklich auf den oben abgedruckten Text und ist den Kindern deutscher Frauen und russischer Besatzungssoldaten gewidmet. Zur Herkunft des Bildes heißt es erklärend: „Dieses Bild erreichte uns am 4. Mai 2018 als Geschenk von Ursula Scott, Washington State USA.“ Durch diesen Fund erhält der obige Text noch einmal eine neue Deutung.

 

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112 Stufen, 18: Ehrlichkeit (Ringelnatz)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Ehrlich!“, sagen wir oft, um zu betonen, dass wir nicht lügen und täuschen wollen. Wir betonen, dass wir bei der Wahrheit zu bleiben belieben. Doch selbst wenn wir tatsächlich diese Absicht haben – kennen wir denn „die Wahrheit“? Werden wir nicht ständig selbst belogen und betrogen, getäuscht und in die Irre geführt, und wiederholen all die Lügen, die uns aufgetischt werden, gutmütig-ehrlich, weil wir sie für die Wahrheit halten?

Natürlich halten wir nicht alles, was man uns sagt, für die Wahrheit, sondern nur das, was uns „einleuchtet“. Und was leuchtet uns ein? Was unseren Interessen und unserem Lebenskreis entspricht. Diese Wahrheit verkünden wir in ehrlicher Absicht und wundern uns sehr, wenn wir dafür kein Lob ernten. Denn ach, andere kommen zu anderen Wahrheiten, die sie mit gleich ehrlicher Absicht vertreten. Und dann gibts Streit.

Streit.

Joachim Ringelnatz

Mächtig ist die Ehrlichkeit.
Glückt es listigen Gewalten,
Sie im Gradweg aufzuhalten,
Immer nur für kurze Zeit.

Doch die kurze Zeit kann lang sein,
Länger als ein Flügelheben,
Länger als ein wartend Leben,
Und das Ehrliche kann bang sein.

Die um Falsch und Ehrlich deuten,
Ältere mit jüngren Leuten,
Irreleitend, irrgeleitet,
Wie’s um Falsch und Ehrlich streitet – –,

All die Zeit, die sie vergeuden,
Könnte die mit Lustspielfreuden
Besser ausgenossen sein?
Ich sag: Nein!

Wenn ich doch so ehrlich wäre
Wie ein neugebornes Kind,
Und mich trüge dann ein Wind –
Freiballons – ins Ungefähre.

Schlag mich einer flach und breit:
Mächtig ist die Ehrlichkeit.

(zitiert nach: Die deutsche Gedichtebibliothek)

Eigentlich bleibt nur: sich selbst gegenüber möglichst ehrlich zu sein. Ehrlich auch in seiner Kunst sein, die Begrenztheit des eigenen Talents, der eigenen Bedeutung anerkennen, und dennoch fleißg sich bemühen und nicht hochstapeln. Das liegt Ringelnatz am Herzen, auch wenn Flunkereien und Seemansgarn durchaus zu seinem poetischen Arsenal gehörten.

Jener kleinsten ehrlichen Artisten
Denk‘ ich, die kein Ruhm belohnt,
Die ihr Dasein ärmlich, fleißig fristen
Und in denen nur die Zukunft wohnt.

In Programmen stehen sie bescheiden,
Und das Publikum bleibt ihnen stumm.
Dennoch geben sie ihr Bestes und beneiden
Größre nicht. Und wissen nicht, warum.

Grober Dünkel drückt sie in die Ecken.
Ihre Grenze ist der Rampenschein.
Aber nachts vor kleinen Mädchen recken
Sie sich auf in Künstlerschwärmerein.

Die ihr bleiben sollt, wo wir begonnen,
Mögt ihr ruhmlos sein und unbegabt,
Doch euch tröstet: Uns ist viel zerronnen,
Schönes, was ihr jetzt noch in euch habt.

Ehrlichkeit ist Kunst und derart selten,
Daß es wenig Wichtigeres gibt.
Euer Schicksal wird euch reich vergelten,
Daß ihr euer Schicksal habt geliebt.

(zitiert nach Projekt Gutenberg)

 

 

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Dienstags-Drabble: Heiligsprechung eine*s/r Soldat*en/in (kata-strophisch ungereimt)

Das heutige Dienstags-Drabble von Heide (Puzzleblume) verlangt, die Wörter Kapelle – schicken – endlich in einem Text von 100 Wörtern unterzubringen. Da fiel mir eine Legende aus Arkadien ein. Dort gibt es eine wundersame kleine Kirche, auf deren Dach große Bäume wachsen. Niemand kann sich recht erklären, wie es möglich ist, dass das Dach solche riesigen Bäume tragen kann (mehr dazu  hier).

Die Legende spielt im 12. Jahrhundert zu byzantinischer Zeit, passt aber auch gut in unsere gender-verwirrte, soldatische Epoche. Ob auch die Heiligsprechung von Trans-Soldat*innen reaktiviert wird?

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An dem Bache der durch Wälder

Seine klaren Wasser schickte

Lebte einstens Theodora

Tapfre Tochter armer Leute

 

Um die Ihren zu entlasten

Von dem Strafgeld, weil sie keinen

Sohn zu der Armee konnt schicken

Ließ sie sich als Mann anwerben

 

Doch verliebte sich ein Weibchen

In den zarten Weib-Soldaten.

Und so kams, dass, als es schwanger

diese/n vor Gericht anklagte:

 

Theodora sei der Vater.

Die blieb stumm, zum Tod verurteilt.

Doch sie betet’, dass ihr Leichnam

eine Waldkapelle werde

 

ihre Haare aber Bäume.

So geschahs. Und als man endlich

Sah dass diese hier kein Mann war

Sprach man Theodoren heilig.

Die Schnipsel zu diesem Legebild hat mir Myriade gespendet.

 

 

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112 Stufen, 17: Lachen (Günther Grass)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Vom Sprechen geht es eine Stufe hinauf zum Lachen. Und sofort fällt mir Günther Grass mit seinem bösen „Kinderlied“ von 1958 ein. Es verbindet sich durch „Sprechen und Schweigen“ mit der vorigen Stufe.  Der hämmernde Rhythmus der ersten Strophe hat sich mir tief eingeprägt.

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Alfred Eistenstaedt, Kinder im Puppentheater, 1963

 

Kinderlied

Wer lacht hier, hat gelacht?
Hier hat sich’s ausgelacht.
Wer hier lacht, macht Verdacht,
daß er aus Gründen lacht.

Wer weint hier, hat geweint?
Hier wird nicht mehr geweint.
Wer hier weint, der auch meint,
daß er aus Gründen weint.

Wer spricht hier, spricht und schweigt?
Wer schweigt, wird angezeigt.
Wer hier spricht, hat verschwiegen,
wo seine Gründe liegen.

Wer spielt hier, spielt im Sand?
Wer spielt, muß an die Wand,
hat sich beim Spiel die Hand
gründlich verspielt, verbrannt.

Wer stirbt hier, ist gestorben?
Wer stirbt, ist abgeworben,
Wer hier stirbt, unverdorben
ist ohne Grund verstorben.

Selbstverständlich wurde immer und wird weiterhin gelacht, auch wenn es den Mächtigen nicht gefällt. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ (Otto Julius Bierbaum (1865–1910) .

Nationalmuseum für Anthropologie,  Mexiko City , Vitrine mit „Lachenden“ der aztekischen Kultur (2006)

Über die Kraft des Lachens habe ich im Dezember 2016 einen Blog-Eintrag gemacht, und zwar im „Griechischen Alphabet des freien Denkens“, das ich parallel zu Ulli Gaus „Alphabet des mutigen Träumens“ entwickelte.

Alphabet des freien Denkens: Γ wie γέλιο

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