112 Stufen, 27: beruhigen (Natur)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Blicke in die schöne Natur und beruhige dein Gemüt über das Müssende“ (Beethoven)

Es gibt so viele Arten, sich zu beruhigen, aber nur eine, die wirklich hilft: Die Natur selbst.“ (Rilke)

Die NATUR beruhigt das Gemüt – ich glaube, das braucht keinerlei weitere Belege.

Die Natur selbst, die mit ihrer wunderbaren Sprache auch auf mich seit je beruhigend wirkt, soll für die 27. Stufe sprechen. Ein kleiner Text von mir begleitet die sich öffnende Zwiebelblüte.

Erste Zwiebelblüte geöffnet

 

Ist das eine Meldung wert?

Für mich schon. Denn nichts ist beruhigender für die durch allzu viele üble Nachrichten geplagten Nerven und gesünder für das aufgewühlte Gemüt, als einer Pflanze beim Erblühen zuzusehen.

Warum es grad eine Zwiebel ist? Nun, das hat sich so ergeben, und ich bedaure es nicht. Im Gegenteil, ich gratuliere mir jeden Tag zu dieser Wahl.  Denn womit ist die Zwiebel assoziiert? Mit Tränen. Weg damit! Eine Rehabilitation der Zwiebel ist dringend geboten.

Nun also ist die erste Knospe dieses doldenartigen Blütenstandes aufgegangen und zum sechsstrahligen Stern geworden.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: noch ein Lieblingsplatz

Ich habe einen neuen Lieblingsplatz vor meinem Atelier bezogen, der sich besonders für Vormittagsstunden anbietet, denn der vorige liegt jetzt im Juni in der Sonne. Die Blickrichtung ist dieselbe wie zuvor, aber der Bildausschnitt ein wenig anders. Und schon ist es eine andere Welt.

 

 

 

 

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112 Stufen, 26: Freude (Friedrich Schiller)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die von Beethoven vertonte Schillersche Ode „An die Freude“ – wer kennt sie nicht? Ich weiß nicht, wann ich sie zuerst hörte. Und die ich, obgleich sie inzwischen zum EU-Anthem heruntergekommen ist und bei den unpassendsten Anlässen aufgeführt wird, nicht aufhöre zu lieben.

 

Die Musik entbehrt selbst in dieser kastrierten Form nicht ihrer befeuernden Wirkung, der Text ist freilich soundso, und selbst Schiller fand ihn „schlecht“. Die erste Strophe hieß in der ursprünglichen Fassung (1785):

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
was der Mode Schwerd getheilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.

Die Bettler, die durch Freude Brüder von Fürsten werden, hat Schiller dann wohl doch zu peinlich gefunden und durch die heute gültige, 1808 posthum veröffentlichte Fassung ersetzt:

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng getheilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Im Grunde aber mochte Schiller das inzwischen sehr populäre Gedicht nicht gelten lassen. So schrieb er im Oktober 1800 an Theodor Körner:

„Die Freude hingegen ist nach meinem jetzigen Gefühl durchaus fehlerhaft und ob sie sich gleich durch ein gewißes Feuer der Empfindung empfiehlt, so ist sie doch ein schlechtes Gedicht und bezeichnet eine Stufe der Bildung, die ich durchaus hinter mir lassen mußte um etwas ordentliches hervorzubringen. Weil sie aber einem fehlerhaften Geschmack der Zeit entgegenkam, so hat sie die Ehre erhalten, gewissermaaßen ein Volksgedicht zu werden. Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen; aber diese giebt ihm auch den einzigen Werth, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt noch für die Dichtkunst.“ (zitiert nach Wikipedia)

Dieses Urteil des Verfassers bremste freilich die Komponisten nicht, sich des Stoffs zu bemächtigen. Schubert vertonte es 1815, Beethoven erst 1824, als die durch die Französische Revolution und Napoleons Code Civil erzeugte euphorische Stimmung längst verflogen und tiefste Reaktion in Deutschland herrschte.  Neben vielen weniger bedeutenden zeitgenössischen Komponisten griff auch Tschaikovsky den Text 1865 auf.

***

Beethoven verwendete für die Neunte nur Teile des Gedichts der letzten Fassung, die er zudem anders arrangierte. Und in dieser Form ist das Lied „An die Freude“ Teil unserer europäischen Kultur geworden. Es fehlen darin die „Tyrannenketten“ und der „Untergang der Lügenbrut“, gestrichen sind auch die Hinweise auf Leiden und Tod.

„Auferstehung“ mit Maries Schnipseln

Die Texte im Vergleich (Quelle: Wikipedia)

Schiller (1785)

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
was der Mode Schwerd getheilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.
C h o r.
Seid umschlungen Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur  e i n e  Seele
 s e i n  nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!
C h o r.
Was den großen Ring bewohnet
huldige der Simpathie!
Zu den Sternen leitet sie,
Wo der  U n b e k a n n t e  tronet.

Freude trinken alle Wesen
an den Brüsten der Natur,
Alle Guten, alle Bösen
folgen ihrer Rosenspur.
Küße gab sie  u n s  und  R e b e n ,
einen Freund, geprüft im Tod.
Wollust ward dem Wurm gegeben,
und der Cherub steht vor Gott.
C h o r.
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahndest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn überm Sternenzelt,
über Sternen muß er wohnen.

Freude heißt die starke Feder
in der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
in der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
die des Sehers Rohr nicht kennt!
C h o r.
Froh, wie seine Sonnen fliegen,
durch des Himmels prächtgen Plan,
Laufet Brüder eure Bahn,
freudig wie ein Held zum siegen.

Aus der Wahrheit Feuerspiegel
lächelt  s i e  den Forscher an.
Zu der Tugend steilem Hügel
leitet sie des Dulders Bahn.
Auf des Glaubens Sonnenberge
sieht man ihre Fahnen wehn,
Durch den Riß gesprengter Särge
 s i e  im Chor der Engel stehn.
C h o r.
Duldet mutig Millionen!
Duldet für die beßre Welt!
Droben überm Sternenzelt
wird ein großer Gott belohnen.

Göttern kann man nicht vergelten,
schön ists ihnen gleich zu seyn.
Gram und Armut soll sich melden
mit den Frohen sich erfreun.
Groll und Rache sei vergessen,
unserm Todfeind sei verziehn.
Keine Thräne soll ihn pressen,
keine Reue nage ihn.
C h o r.
Unser Schuldbuch sei vernichtet!
ausgesöhnt die ganze Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
richtet Gott wie wir gerichtet.

F r e u d e sprudelt in Pokalen,
in der Traube goldnem Blut
trinken Sanftmut Kannibalen,
Die Verzweiflung Heldenmut – –
Brüder fliegt von euren Sitzen,
wenn der volle Römer kraißt,
Laßt den Schaum zum Himmel sprützen:
Dieses Glas dem guten Geist.
C h o r.
Den der Sterne Wirbel loben,
den des Seraphs Hymne preist,
Dieses Glas dem guten Geist,
überm Sternenzelt dort oben!

Festen Mut in schwerem Leiden,
Hülfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königstronen, –
Brüder, gält’ es Gut und Blut –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!
C h o r.
Schließt den heilgen Zirkel dichter,
schwört bei diesem goldnen Wein:
Dem Gelübde treu zu sein,
schwört es bei dem Sternenrichter!

Rettung von Tirannenketten,
Großmut auch dem Bösewicht,
Hoffnung auf den Sterbebetten,
Gnade auf dem Hochgericht!
Auch die Toden sollen leben!
Brüder trinkt und stimmet ein,
Allen Sündern soll vergeben,
und die Hölle nicht mehr seyn.
C h o r.
Eine heitre Abschiedsstunde!
süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Todtenrichters Munde!

 

Beethoven, 9. Sinfonie

O Freunde, nicht diese Töne!
sondern laßt uns angenehmere anstimmen,
und freudenvollere.

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
||: Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt;
alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weilt. :||

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu sein,
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
||: Ja, wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund. :||

Freude trinken alle Wesen
an den Brüsten der Natur;
alle Guten, alle Bösen
folgen ihrer Rosenspur.
||: Küsse gab sie uns und Reben,
einen Freund, geprüft im Tod;
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott! :||

Froh, wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmels prächt’gen Plan,
||: laufet, Brüder, eure Bahn,
freudig, wie ein Held zum Siegen. :||

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
||: Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt;
alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weilt. :||

||: Seid umschlungen Millionen.
Diesen Kuß der ganzen Welt! :||
||: Brüder! überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen :||
Ihr stürzt nieder Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn über’m Sternenzelt!
||: Über Sternen muß er wohnen. :||

||: Freude schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligtum! :||
Seid umschlungen Millionen!
||: Diesen Kuß der ganzen Welt! :||

||: Freude, Tochter aus Elysium! :||
||: Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt. :||
||: Alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weilt. :||

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder! über’m Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.
Seid umschlungen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Freude schöner Götterfunken!
Tochter aus Elysium!
Freude, schöner Götterfunken! Götterfunken!

 

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112 Stufen, 25: Verbot (Anatole France)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

In seinem fin-de-siecle-Roman Le lys rouge (Die rote Lilie), 1894 als Fortsetzungsroman in der Revue de Paris erschienen, führt der französische Philosoph und Romancier Anatole France (1844 – 1924)* die elegante und gelangweilte Pariser Gesellschaft vor, wie sie sich mit ästhetischen Finessen, politischem Small-talk, Kunstgenuss und Liebes- und Eifersuchtsdramen den Anschein von Lebendigkeit gibt.

Was geht uns das heute noch an? Nun, so manches hat sich seither nicht geändert. Aus diesem Roman stammt ein auch im Deutschen sehr bekanntes Aperçu, das an Zynismus schwer zu übertreffen ist.

Cela consiste pour les pauvres à soutenir et à conserver les riches dans leur puissance et leur oisiveté. Ils y doivent travailler devant la majestueuse égalité des lois, qui interdit au riche comme au pauvre de coucher sous les ponts, de mendier dans les rues et de voler du pain.

(Für die Armen handelt es sich darum, die Reichen in ihrer Macht und Muße zu erhalten. Sie müssen arbeiten angesichts der majestätischen Gleichheit vor dem Gesetz, die es Reichen wie Armen verbietet, unter den Brücken zu schlafen, in den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen)

Meist wird der Satz verkürzt zitiert als:

Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen, auf Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.

Obdachlose tafeln am Brückepfeiler

Mich erinnert das an eine Passage aus der Biografie Heinrich Heines, von Ludwig Marcuse, die ich kürzlich las (hier).  Die Forderung nach „Egalité„, also nach Gleichbehandlung vor dem Gesetz, stand während der Napoleonischen Zeit und den nachfolgenden Feiheitskämpfen im Zentrum, da es darum ging, dem Bürgertum gleiche Rechte wie dem Adel zu verschaffen. Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit spielte dagegen kaum eine Rolle. Zwar gab es ein paar rhetorische Attacken gegen die Entwurzelung, Verarmung und Ausbeutung der Massen, aber erst gegen Mitte des Jahrhunderts, als die Industrialisierung große Fortschritte machte,  begann auch die „soziale Frage“ die Gemüter ernsthaft zu beschäftigen.

Nun, heute interessiert man sich in politischen, akademischen und literarischen Kreisen kaum noch dafür. „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ („Bundeslied“ von Georg Herwegh, ich zitierte es gestern) – einst Kampflied der SPD  – wirkt heute total überholt. Der „Kommunismus“ ist sowieso erledigt, und vergessen ist die soziale Frage….

***

Anatole France (1844 – 1924), eigentlich François Anatole Thibault, französischer Erzähler, Lyriker, Kritiker und Historiker, Nobelpreisträger für Literatur 1921

Für die Legebilder verwendete ich Schnipsel, die mir Bruni, Ule, Ulli, Susanne B und Jürgen Küster zukommen ließen, sowie ein paar eigene.

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Dienstags-Drabble: Für alles gibts Lösungen (kata-strophisch)

Für das heutige Drabble hat Heide von Puzzleblume die Wörter Kleid – verdorben – verkaufen vorgegeben.

Komm Lieselotte, lass dich herzen

Ich bring dir selbst gemachte Kerzen

Und wünsch dir Frohsinn allezeit

Von Gram und Trübsal sei befreit.

 

Ach Theodor, siehst du denn nicht

Dass es mir grad an Spaß gebricht?

Verdorben ist die gute Laune

Mein Kleid blieb hängen an dem Zaune

 

Nun ist es voller Löcher, grässlich

Es war so hübsch, nun ist es hässlich

 

Ach was, komm her, ich werd es flicken

Mit tollen kunterbunten Stücken

Das wird noch hübscher als es war

Es steht dir ja ganz wunderbar.

 

Wenn du’s nichτ magst, werd ich’s verkaufen

Das Geld werd’n wir dann gleich versaufen.

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112 Stufen, Wappnen (Martin Luther)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Ich bin evangelisch-lutherisch getauft, und obgleich ich schon längst aus der Kirche ausgetreten bin, fühle ich mich dem lutherischen Geist immer noch stark verbunden. Luthers Sprachgewalt und sein „Hier stehe ich und kann nicht anders, Gott helfe mir“ haben noch dieselbe starke Wirkung auf mich, und besonders das Lied „Ein feste Burg“ ist engstens mit meiner Kindheit verbunden insofern, als Mutter und Großmutter und natürlich auch wir Kinder dieses Lied von Herzen mitsangen, wenn die Gemeinde es, unterstützt von der Barockorgel unserer schönen alten Kirche, anstimmte.

Marin Luther

Ein feste Burg

Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind
mit Ernst er’s jetzt meint,
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Mit unsrer Macht ist nichts getan,
wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann,
den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
und kein’ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan
mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin,
sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.

***

Zur Wirkungsgeschichte des Liedes wusste ich nicht viel, ich las es eben bei Wikipedia nach: Heinrich Heine bezeichnete es als „Marseiller Hymne der Reformation“, Friedrich Engels als „Marseillaise der Bauernkriege“. Auch während der sog. Befreiungskriege gegen die napoleonische Besatzung wurde es als Kampflied benutzt, zB beim Wartburgfest 1817. Während des 1. Weltkriegs wurde es dann vollends national-militaristisch umgedeutet: Das von allen Seiten bedrohte Deutschland wappnete sich gegen die Welt mit „Vertrauen auf Gott und den Kaiser“.

Doch wie dem auch sei: Auch wenn die Welt voll Teufel wäre, lasse ich mir das Lied nicht rauben.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Brotback-Frauenverein besuchen

Gestern machten wir einen Ausflug ins Dorf einer Bekannten. Sie hatte zu einem Brotbackfest eingeladen. Es hieß, man würde zusammen mit Sensen Getreide ernten, es ausdreschen, mahlen, Brotteig kneten und das Brot backen. Also fuhren wir hin. Nun, alles war bereits fertig, und wir durften nur den Grußworten der diversen Veranstalter und Honoratioren lauschen, mit Bekannten plaudern und herum gehen, um zu fotografieren. Später würde es Musik und Volkstänze geben und das gebackene Brot würde an die Besucher verteilt werden. Aber da waren wir schon nicht mehr da, denn die Rückfahrt war recht lang.

Es war also nicht das, was ich mir erhofft hatte, aber trotzden ganz nett. Beeindruckend war die Zahl der Menschen, die zu diesem Fest geeilt war. Autos waren kilometerlang an der Dorfstraße geparkt, und wir fanden mit Mühe ein abenteuerliches Plätzchen auf einem Privatgelände. Die vielen ausgestellten Brotlaiber waren sehr liebevoll dekoriert, die Köche mit hohen weißen Mützen und die in Trachten gekleideten Tänzerinnen ansehnlich… Ich bin zufrieden, mich aufgerafft und diesen Ausflug gemacht zu haben.

 

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112 Stufen, 23: sich-zur-Wehr-setzen oder doch lieber schlafen? (Georg Herwegh)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Der Freiheit eine Gasse!“ Georg Herwegh, 1841

Der Schwerpunkt in Germanistik, den ich für die Magisterprüfung im Jahre 1970 wählte, war der „Vormärz“, so benannt nach der Märzrevolution von 1848. Einer der bekanntesten dieser Poeten und Vorkämpfer gegen den Feudalismus in Deutschland war Georg Herwegh (1817-1875), Sohn Badener Gastwirte, Zögling im Kloster Heilbronn und Stipendiat des Tübinger Stifts. Da flog er aber bereits 1836 raus, was mir im Gedächtnis blieb, weil ich selbst mein Studium 1961 im Tübinger Leibniz-Kolleg begann, es aber  mitsamt fünf anderen unangepassten Kollegiaten im selben Jahr wieder verlassen musste.

Mit 22 floh Herwegh erstmals Richtung Schweiz, um einer Zwangsrekrutierung zu entgehen. Drei Jahre später erschien der erste Band seiner „Gedichte eines Lebendigen“ (1841), dem auch das nachfolgende Gedicht entnommen ist. Es war ein durchschlagender Erfolg und öffnete ihm die Türen zu den Größen des vorrevolutionären Deutschen, darunter Heinrich Heine und Karl Marx.

Das „Wiegenlied“ aus der Sammlung „Gedichte eines Lebendigen“ nimmt als Refrain eine Zeile von Goethes „Nachtgesang“ (s.u.) auf.

Georg Herwegh

Wiegenlied (1841)

Deutschland – auf weichem Pfühle
Mach’ dir den Kopf nicht schwer
Im irdischen Gewühle!
Schlafe, was willst du mehr?

Laß’ jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr,
Du behältst ja den christlichen Glauben;
Schlafe, was willst du mehr?

Und ob man dir alles verböte,
Doch gräme dich nicht zu sehr,
Du hast ja Schiller und Göthe:
Schlafe, was willst du mehr?

Dein König beschützt die Kameele
Und macht sie pensionär,
Dreihundert Thaler die Seele:
Schlafe, was willst du mehr?

Es fechten dreihundert Blätter
Im Schatten, ein Sparterheer;
Und täglich erfährst du das Wetter:
Schlafe, was willst du mehr?

Kein Kind läuft ohne Höschen
Am Rhein, dem freien, umher:
Mein Deutschland, mein Dornröschen,
Schlafe, was willst du mehr?*

***

Goethes „Nachtgesang“ (1804), das Herwegh ironisch umdichtete, lautet:

O gib vom weichen Pfühle
Träumend, ein halb Gehör
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe! was willst du mehr?

Bei meinem Saitenspiele
Segnet der Sterne Heer
Die ewigen Gefühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Die ewigen Gefühle
Heben mich, hoch und hehr
Aus irdischem Gewühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Vom irdischen Gewühle
Trennst du mich nur zu sehr,
Bannst mich in diese Kühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Bannst mich in diese Kühle,
Gibst nur im Traum Gehör.
Ach, auf dem weichen Pfühle
Schlafe! was willst du mehr?

***

Der deutschjüdische Literaturkritiker Alfred Kerr nahm das Motiv dann in seinem Hoffmann von Fallersleben nachgedichteten bekannten Kinderlied „Wer hat die schönsten Schäfchen“ erneut auf („Diktatur des Hausknechts“, 1931)

Alfred Kerr (1931) „Wer hat die schönsten Schäfchen? und klassische Musik? Wer schläft das tiefste Schläfchen? Eine gewisse, eine gewisse, eine gewisse Republik“. Daher stammt dann auch der zeitgenössische Ausdruck „Schlafschafe“.

***

Nach der Februarrevolution 1848 bildete Herwegh in Paris die „Deutsche Democratische Gesellschaft“, die sich sogleich in drei Richtungen aufspaltete: eine nationalistische um Venedy, eine kommunistische um Karl Marx und eine freiheitlich-republikanische, die er selbst vertrat. Diese Aufspaltung ist bis heute nicht überwunden, denn immer noch heißt es,man müsse sich entscheiden, entweder freiheitlich oder sozial oder national gesinnt zu sein. Herwegh ging es vor allem um Freiheit….

Es gäbe noch etliches zu erzählen über diesen weitgehend vergessenen Mann, der seinen in der Schweiz gegründeten „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ in den ADAV von Ferdinand Lasalle (Gründungsvater der deutschen Sozialdemokratie) überführte, für den er auch das „Bundeslied“ dichtete (von dem er sich später distanzierte, weil er ihm zu reformerisch-angepasst war).

Georg Herwegh, Bundeslied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (1864)

Bet und arbeit ruft die Welt
bete kurz! denn Zeit ist Geld
An die Türe pocht die Not
bete kurz! denn Zeit ist Brot

Und du ackerst und du säst
und du nietest und du nähst
und du hämmerst und du spinnst –
sag mir doch, was du gewinnst

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht
schürfst im Erz- und Kohlenschacht
füllst des Überflusses Horn
füllst es hoch mit Wein und Korn

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?

Alles ist dein Werk! o sprich
alles, aber nichts für dich
Und von allem nur allein
schmiedest du die Kette dein?

Kette, die den Leib umstrickt
die dem Geist die Flügel knickt
die am Fuß des Kindes schon
klirrt – o Volk, das ist dein Lohn

Menschenbienen, die Natur
gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht
Und erkenne deine Macht
Alle Räder stehen still
wenn dein starker Arm es will

Deiner Dränger Schar erblaßt
wenn du, müde deiner Last
in die Ecke lehnst den Pflug
wenn du rufst: Es ist genug

Brecht das Doppeljoch entzwei
Brecht die Not der Sklaverei
Brecht die Sklaverei der Not
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot

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Archivbild der Woche, 22.6.2015: Der Ring der Herrschaft

Wieder steige ich, wie Puzzleblume anregte. hinab ins Archiv, um ein Bild an die Oberfläche zu holen, das vor zehn Jahren an einem Tag wie diesem entstand. Genau genommen ist es nicht „ein Bild“, sondern eine ganze Legebild-Erzählung, und die Arbeiten stammen aus dem Januar 2015, doch habe ich sie erst am 22. Juni veröffentlicht, da ich vorher keinen Blog hatte.

Mit der Erzählung „Der Volksgeist und der Ring der Herrschaft – eine unendliche Geschichte“ kommentierte ich die politische Situation in Griechenland, im Januar 2015.

Noch ruht der rostige „Ring der Herrschaft“ im Bötchen, in der kleinen Bucht, beschützt vom großen Baum und beleuchtet vom kleinen Mond. Es ist ein Abbild meiner „Lebens-Idylle“.

aus demselben Holz

Die Linke (Syriza) tanzt derweil Tango mit dem „Volksgeist“.

Wahlkampf 3

Mit roten Würmchen wird man das Volk speisen, wie die Vogelmama ihre Kleinen…

Die Linke gewinnt die Wahlen. Welch ein Fest! Der Ring der Herrschaft ist nun in Volkes Hand. Der Volksgeist schwebt hoheitsvoll über der Szene. Doch neben ihm spreizt ein anderer Vogel sein unansehnliches Gefieder. Es ist der Pleitegeier.

Schon hat das Schweizer Taschenmesser seine Klingen ausgefahren! Schneide, schneide, schneide ab, was aus dem Boden sprießt. Das eben noch jubilierende Volk wird böse,  bewaffnet sich mit Knüppeln: „Hej“, ruft es, „so haben wir nicht gewettet!“ Der Regierungsvogel mit den kurzen Beinen (Lügen haben kurze Beine) verliert den Ring der Herrschaft aus dem Schnabel und entflieht.

Was nun folgt, sind schwarze Ahnungen von Aufruhr und Wut, von Brandschatzung und Zerstörung. Die unbarmherzige Kouponschneidemaschine der „Finanzmärkte“ hat sich des Rings der Herrschaft bemächtigt. Sie mäht das Haus des armen Mannes nieder. Der Regierungsvogel, nun ohne rote Schwingen, nimmt fliehend einen Batzen Gold mit. Das Volk tobt und zündelt. Der Volksgeist weint, eine große Träne fällt hinab, tropft ins leere Meer. Die Rättchen reichen sich fröhlich die Hände. Sie werden satt.

Eine solche Entwicklung drohte vor zehn Jahren in Griechenland, doch der „EU-Rettungsschirm“ verhinderte sie zunächst. Heute sind alle Länder Europas davon bedroht, und niemand wird einen „Rettungsschirm“ ausspannen können. Die Kriegsgewinnler aber reiben sich die Händchen: die Aktienkurse weisen steil nach oben… Eine unendliche Geschichte.

(Für die, die meine Methode des Legens nicht kennen: Ich benutze Schnipsel aus zerschnittenen Bildern, lege sie zu einem Bild aus, fotografiere das Bild, zerstöre es und lege das nächste Bild mit demselben Material aus. Diese Recycling-Kunstform habe ich damals angesichts der griechischen Finanzkrise entwickelt, um zu zeigen, dass man aus fast nichts eine Welt erschaffen kann.)

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112 Stufen, 22: Zorn (Roman Herzog, Georg Trakl)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Konquista, Erhaengte

Conquista, zeitgenössische Gravour

„Zorn Gottes“ nannte sich einer der bösartigsten spanischen Eroberer von Mittel- und Südamerika, Aguirre. Grausamkeit und Gier trieben in ihm fürchterliche Blüten. Die rechtfertigte er mit dem katholischen „Bekehrungswerk“, das zugleich mit der Eroberung stattfand. „Gott“ wollte, dass sich das Christentum über den Kontinent ausbreitete, er aber begehrte das Gold von El Dorado (Goldland) und die Herrschaft über die eroberten Gebiete.

Die schreckensvolle Geschichte der Eroberung Mittel- und Südamerikas durch die Conquistadores hat sich mir quälender ins Gemüt eingeschrieben als die von Nordamerika, ich weiß nicht warum. Während mich die meisten US-amerikanischen Eroberungsfilme relativ kalt ließen, brannte sich der Film von Roman Herzog „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) mit Klaus Kinsky in mein Gedächtnis ein.  Zum Film hier.

Später, als ich mit dem Malen begann, drangen innere Bilder der Conquista an die Oberfläche. Da war zuerst ein liebliches Bild: Frauen weben im Lichte des vollen Mondes den Lebensteppich.

1 Bild 4

Über dieses Bild legte sich ein feines Licht-Netz, das die Figuren mehr und mehr einspann.

3 Bild 4, am 2.8.

Darüber breiteten sich Ströme von vergossenem Blut

4 Bild 4, Stand 3.8

Immer dichter legten sich Feuer und Blut über die friedliche Szene

5 Bild 4, Stand 3.8

Als sich der Rauch verzog, erschienen hässliche Gestalten gepanzerter Soldaten. Im Zentrum aber stand der grausam ermordete Inka, dessen Seele ihn sanft an der Hand fasst und ins Jenseits führt.

11

11d

Der spanische Mops hat die Sonne gefressen.

Bild 4 Stand 3.8

Einen „zürnenden Gott“ erblickte Georg Trakl im roten Gewölk, als er, Sanitäter in der kuk Armee , im September 1914 Dienst in Grodek/Ostgalizien (heute Ukraine) tat. Unfähig, den Leidenden zu helfen, brach er seelisch zusammen, kam in ein Militärhospital in Krakau und starb im November 1914 an Herzlähmung. Er lebte nur 27 Jahre.

Georg Trakl

Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Offenbar wurde die obige Bildserie zur Conquista von diesem Gedicht, das ich immer in mir trage, inspiriert. Das merke ich eben, während ich schreibe. Es war mir nicht bewusst.

Ich weiß nicht, worüber ich zorniger bin: über die Verbrechen der Kriege selbst, oder über ihre Rechtfertigung durch angebliche göttliche Weisung und zivilisatorische Überlegenheit. Gerade wieder treten wir in einen neuen Kreislauf von Grauen und Zerstörung ein, und beide Seiten berufen sich: auf „Gott“.  Das ist, meine ich, schwerste Gotteslästerung!

 

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