112 Stufen 33: Beschimpfen (Arthur Schopenhauer)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Warum beginnt jemand zu schimpfen und seinen Gesprächspartner zu beleidigen? Darüber belehrt uns Schopenhauer, selbst ein Meister-Beleidiger, und er gibt gute Tipps, wie man seinen Gegner durch Beleidigungen und Beschimpfungen außer Gefecht setzt. Beispiel gefällig? Schopenhauer nannte seinen Kollegen Hegel einen Unsinnschmierer, seine auf den Kopf gestellte Welt…  eine philosophische Hanswurstiade. Für ihn war die Hegelsche Philosophie der hohlste, der sinnleerste Wortkram , an welchem jemals Strohköpfe ihr Genüge gehabt, ein Wischiwaschi, das ans Tollhaus erinnert. Ich vermute mal, dass die, die je einen Satz von Hegel gelesen und nicht verstanden haben, nun zustimmend mit dem Kopf nicken. Denn jeder fühlt sich gern bestätigt, besonders auch in seinem Vorurteil.

Worum also geht es in Schopenhauers Büchlein „Die Kunst zu beleidigen“? (Beck-Verlag)

„Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Das Persönlichwerden besteht darin, daß man von dem Gegenstand des Streitens (weil man da verlornes Spiel hat) abgeht auf den Streitenden und seine Person irgend wie angreift: man könnte es nennen argumentum ad personam, zum Unterschied vom argumentum ad hominem: dieses geht vom rein objektiven Gegenstand ab, um sich an das zu halten, was der Gegner darüber gesagt oder zugegeben hat. Beim Persönlichwerden aber verläßt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit“.

O ja, man kennt das! Denn bis heute ist „diese Regel … sehr beliebt, weil jeder zur Ausführung tauglich ist, und (sie) wird daher häufig angewandt“. Wer hat es nicht schon selbst erlitten oder auch getan?  „Eine Grobheit besiegt jedes Argument und eklipsiert allen Geist“.

Gibt es Gegenmaßnahmen, durch die man Beschimpfungen durch Rüpel, die einem geistig nicht gewachsen sind, vermeiden kann und nicht selbst zum Rüpel wird?

Das sicherste Mittel empfahl Aristoteles, der sich seinerzeit über die Sophisten auf der Athener Agora aufregte (zu denen übrigens auch Sokrates gehörte):  Lass dich nicht mit beliebigen Dummquasslern auf Debatten ein, sondern wähle deine Gesprächspartner sorgfältig aus. Die heutige Agora sind die social media, und das Beschimpfen ist hier schon wegen der gebotenen Kürze, die es kaum erlaubt, ein Argument zu entwickeln, allgegenwärtig. Die Regierenden bemühen die Justiz, um die empfundene Schmäh in klingende Münze zu verwandeln („Schwachkopf“-Urteil), der einfache Bürger kann die Kommentarfunktion außer Kraft setzen oder sich gleich ganz in Schweigen hüllen ….

Aber ach, das ist auch keine gute Lösung! Denn ab und zu hat man doch das Bedürfnis, seine Weisheiten oder meinetwegen auch nur seine Ansichten unters Volk zu bringen, und dann wird man beleidigt und muss zurückschlagen, da man sonst seinen guten Ruf verliert. Und endet in einer Schlammschlacht, wo der zuerst aufgibt, der, wenngleich womöglich argumentativ überlegen, die schwächeren Nerven hat.

Wahrheit, Kenntnis, Verstand, Geist, Witz müssen einpacken und sind aus dem Felde geschlagen von der göttlichen Grobheit“.

 

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Der Juli und der Bube der Münzen: meine Ressourcen in Augenschein nehmen

In der Raunacht vom ersten zum zweiten Januar zog ich die Tarotkarte „Bube der Münzen“ und überlegte, welche Aufgabe da wohl im Juli auf mich zukommen würde? Denn jede Raunacht entspricht ja einem Monat, und jede Karte gibt mir einen Fingerzeig, worauf ich in dem jeweiligen Monat besonders achten sollte.

Meine Überlegungen, die ich am zweiten Januar anstellte, waren die folgenden: „Den Buben der Münze lese ich als Aufforderung, meine Ressourcen – die körperlichen, finanziellen und gesundheitlichen ebenso wie Begabungen, Beziehungen und Qualifikationen – sorgfältig in Augenschein zu nehmen. Sind sie den gesetzten Zielen angemessen? Reichen sie aus? Brauche ich noch weitere Ressourcen, oder sollte ich meine Ziele besser nach unten korrigieren?

Das sind Fragen, denen ich nicht gern systematisch nachgehe. Aber es sind gute Fragen, nützliche Fragen. Denn was nützt es, großartige Pläne zu haben, wenn man sich nicht der Ressourcen versichert, um sie zu realisieren? Ja, ja, auch ich bin schon so manches Mal auf die Nase gefallen.

Hm, jetzt also ist der Juli angekommen, und ich empfinde, dass es für diesen Monat keine besseren Fragen geben könnte. In zwei Wochen soll eine Ausstellung stattfinden, und dieser Ausstellung sollen andere folgen. Dafür wäre einiges zu tun. Aber irgendwie fehlt mir der Elan. Zwar habe ich nicht zu klagen, was die körperlichen, finanziellen und gesundheitlichen Ressourcen anbetrifft, was aber ist mit den Begabungen, Beziehungen und sonstigen Qualifikationen?  Werde ich, wie schon so manches Mal auf die Nase fallen? Lohnen sich die Anstrengungen überhaupt?

Zur neurografischen Zeichnung, die ich am 2. Januar machte, stellte ich fest: Sie entbehrt der Leichtigkeit. Ich bin ja auch kein Jungspund mehr wie der Bube. Aber das will nichts bedeuten. Im Juli wird man sehen, was mit ihr noch weiter anzustellen ist und ob ich ein Stückchen mit der Selbstvergewisserung weitergekommen bin. Wenn nicht, kann ich ja dran arbeiten.

Bemerkenswert finde ich, dass mich genau diese Fragen gegen Ende Juni zu quälen begannen, so dass ich sie zum Thema einer neurografischen Zeichnung machte. Da sieht man mich, wie ich im linken Kreis meine Kräfte sortiere, um zum rechten Kreis – im Zentrum steht „Kreativität“ – vorzustoßen. Dafür musste ich zunächst einen Fluß überqueren („Vertrauen in die eingeborenen Kräfte“), den ich in eine grüne Wiese verwandelte, um leichten Fußes hinüberzuschreiten. Nach dem Zeichnen fühlte ich mich sehr zuversichtlich, aber inzwischen bin ich schon wieder ermattet.

Werde ich mich aufraffen – oder werde ich meine Ziele herabsetzen müssen und die Ausstellungen absagen? Das ist arg verführerisch, denn wer arbeitet schon gern bei der Julihitze, die man ja auch auf der Tarotkarte glühen sieht? Andererseits: Ich habe gute und gar nicht mal egoistische Gründe, diese Anstrengung zu unternehmen….Also sollte ich vielleicht an der Selbstvergewisserung arbeiten und Mut fassen?

Das wäre immerhin ein guter Vorsatz. Und so ermuntere ich mich mal wieder mit meiner Lebensdevise:

„Mut hat auch der kleine Muck“ (Wilhelm Hauff)

 

 

 

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112 Stufen, 32: Drohung (Goethe: Erlkönig, Heideröslein)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Der Zorn Gottes wird dich treffen, wenn du nicht ….“ sprach der Hohepriester

Zum Wort „Drohung“ fällt mir spontan der schreckliche Satz des Erlkönigs ein:

„Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!“

Es ist die kürzeste mir bekannte Formel für das, was auf allen Ebenen der Macht, die über Gewaltmittel verfügt, passiert: der Mächtigere zwingt dem weniger Mächtigen seinen Willen auf, egal ob es sich um ein Imperium, Nachbarland, einen Arbeitgeber, Mafiosi, Ehemann, eine Mutter, ein Schulkind…handelt. Finden sie einen Schwächeren, und er hat etwas, was ihnen gefällt (was sie „begehren“),  werden sie versucht sein, ihn ihrem Willen zu unterwerfen, notfalls mit brutaler Gewalt.

Schulkind: Gib mir dein Handy! – Nein, das ist meins! – …..

Weißer in Afrika: „Gib mir deine Bodenschätze, ich sags dir im Guten. Ich bezahl auch!“  – „Nein! Hau ab!“ – „Ich nehm sie mir sowieso, und du wirst in den Minen schuften, du Kaffer!“ ….

USrael in Gaza: „Gib mir dein Land, es gefällt mir, und Gott hat es für mich vorgesehen!“ – „Nein, was fällt dir ein!“ – „Ich mach eine Riviera draus, da kannst du viel Geld verdienen“ -„Vielen Dank, aber ich habe hier schon meine Leute wohnen. Wo sollen die hin?“ – „Du willst nicht? Wer nicht hören will, muss fühlen.“   ….

Wer droht, ohne die Machtmittel zu haben, seinen Willen durchzusetzen, ist freilich eine lächerliche Figur „Ich werd es dir zeigen!“ – „Hahaha, du Dickwanst! Komm her, versuchs!“

Die „Überzeugungsarbeit“ des Erlkönigs ist mehrschichtig, und auch in der Wirklichkeit spielen sich solche Dialoge meist in Phasen ab.

Ehemann: „Komm. Liebling, ab ins Bett! -„Nein, nicht jetzt“ -„Hab dich nicht so. Liebst du mich nicht mehr?“ – „Doch, aber ich mag jetzt nicht“ – „Ich aber mag jetzt, komm gefälligst!“ – „Nein, lass mich in Ruh“ – „Wenn du nicht sofort freiwillig kommst, wirst du es bereuen“ – „Du kannst mich mal“ – „Ich werds dir zeigen“….

USkraine: „Mir gefallen deine Bodenschätze! ich helfe dir, sie abzubauen.“ – „Nein danke! Ich mach das lieber selbst.“ – „Ich bezahle dir auch deine Waffen, damit du meinen Krieg führen kannst.“ – „?“ – „Wenn du sie mir nicht gibst, überlasse ich dich deinen Feinden“. – „Ich habe noch andere Freunde, die werden mir helfen“ – „Dass ich nicht lache! Deine Freunde haben Angst vor mir. Also gib schon her, zwing mich nicht, härtere Mittel zu verwenden, um dich zur Raison zu bringen.“ etc pp

Erlkönig tritt zunächst als Verführer mit hübschen Versprechen an den Knaben heran:

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir…“ 

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön …“

Erst als die Verführung nichts fruchtet, geht er in die offene Drohung über:

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“

Das Schicksal des Kindes ist besiegelt, so sehr es auch den Vater um Hilfe anfleht und so sehr der Vater es auch zu schützen versucht.

Der Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“ –

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ –

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ –
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Goethe hat dies Thema immer mal wieder, zB auch im äußerst populären „Heideröslein“ aufgegriffen. Tut mir leid, ihr Frauen und Mägdelein! Wehrt euch nur! Es wird euch nichts nützen.

Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell es nah zu sehn,
Sahs mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich wills nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach
’s Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Meditation über eine abgeschnittene Rose (drei Kugelschreiber-Zeichnungen)

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Dienstags-Drabble: luftig-schuftige Reimereien

Für Heides Dienstags-Drabble (exakt 100 Wörter) habe ich heute ein paar Kata-Strophen mit nur zwei Endreimen (auf -acht und -ingen) erdichtet. Zu verwenden waren die Wörter Violine-verharren-versalzen. ich gebe zu,dass die selbst gestellte Aufgabe eine akrobatische Leistung ware. Trotz des Anklangs an den gestrigen Abend ist übrigens das geschilderte Drama durchaus nicht autobiographisch! Weder gab es Life-Musik, noch aß ich Fisch, auch musste ich die Rechnung nicht selbst bezahlen. 🙂

Die Violinen süß erklingen

In dieser lauen Sommernacht

Und ein Sopran beginnt zu singen

Mein Appetit ist aufgewacht.

 

Drum zu dem Kellner sag ich: Bringen

Sie mir vom Fisch, und er gebracht

So frisch wie sie ihn grade fingen

und goldgebraten, reinste Pracht!

 

Der Liebste brummt: Kannst du erschwingen

Den Preis, so zahle, abgemacht!

So ist er, bei den schönsten Dingen

Zerstört er sie mit Vorbedacht.

 

Ich wollte schon den Fisch verschlingen.

Doch nun verharr ich, aufgebracht

Gebrochen hat er mir die Schwingen

Versalzen was mir Freude macht.

 

Ich muss mit meinen Tränen ringen

Der Schuft, er hat mich ausgelacht.

 

die Schnipsel des obigen Bildes sind von Uhle Rohlfs, Ulli Gau und Susanne Haun

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten und Impulswerkstatt: auf/in dem „Felsen“

In der Bucht vor unserem Dorf hat sich ein gepflegtes Lokal angesiedelt, ΒΡΑΗΟΣ (vrachos, Felsen) genannt. Die Tische und Stühle stehen auf einer durch Planken erweiterten natürlichen Felsenplattform. Wir waren schon ein paar Mal dort, und gestern abend nun wieder, um dem wunderschönen Juni Adieu zu sagen.

Bei den früheren Besuchen waren wir fast die einzigen Gäste, doch gestern abend, obgleich Montag, war es sehr gut besucht. Anscheinend hat es sich rumgesprochen, denn es gab mehrere „parees“ (Gruppen) auch ganz junger Leute.

Ich schwamm eine Runde um den Felsen herum, bevor wir uns an einem Tisch niederließen, eine nette Kleinigkeit aßen und einen guten Wein tranken, eingewoben in eine leise Geräuschkulisse aus Meeresrauschen, dezenter Musik, Gläserklirren und verhaltener Gespräche und der Sonne und der Mondsichel beim Untergehen zusehend.

Danke, lieber Juni! Friedlich und heiter warst du, und das Kriegsgrollen hinter dem Horizont kam uns nicht nahe.

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112 Stufen 31: bösartig (George W Bush jr)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Nachdem ich mich auf dem zweiten Treppenabsatz etwas ausgeruht und zurückgeschaut habe, wende ich mich gestärkt der dritten Stufenfolge zu. Doch o weh! Was haben wir da? „Bösartig“. Und da dachte ich schon, mit 30 aggressiv die negativen Assoziationen hinter mir gelassen zu haben.

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Der Mensch ist gar nicht gut, drum hau ihn auf den Hut, und ist er auf den Hut gehaut, dann wird er vielleicht gut (Bertold Brecht)

Meine erste Assoziation ist mal wieder Goethes Faust mit der berühmt-berüchtigten Selbstbeschreibung des Mephisto:

Ich bin ein Teil von jener Kraft, 

die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Doch sogleich geht mein Denken weiter zu der Kraft, die stets behauptet, das Gute zu wollen, aber leider gerade dadurch das Böse schafft: die USA. Mit seiner Rede an die Nation vom Januar 2002 beschwor Präsident George W Bush eine „Achse des Bösen“ und versprach, sie zu zerschlagen. Dabei bezog er sich einerseits auf den Anschlag vom 11/9 2001 und benannte andererseits einige „bösartige“ Staaten, die den Terrorismus fördern und Massenvernichtungswaffen produzieren.

Mit leichten Retuschen wird dieselbe Rede auch heute gehalten. Die Argumentation ist dieselbe geblieben: Wir sind die Guten, die die Schurkenstatten (rogue states), welche (wie der Irak, der Iran, Nord-Korea) ihre Bürger unterdrücken, den Terrorismus exportieren und Massenvernichtungsmittel produzieren, bestrafen werden.

Die Rede im Wortlaut:

“Our second goal is to prevent regimes that sponsor terror from threatening America or our friends and allies with weapons of mass destruction. Some of these regimes have been pretty quiet since September the 11th. But we know their true nature.”

“North Korea is a regime arming with missiles and weapons of mass destruction, while starving its citizens.”

“Iran aggressively pursues these weapons and exports terror, while an unelected few repress the Iranian people’s hope for freedom.”

“Iraq continues to flaunt its hostility toward America and to support terror. The Iraqi regime has plotted to develop anthrax, and nerve gas, and nuclear weapons for over a decade. This is a regime that has already used poison gas to murder thousands of its own citizens – leaving the bodies of mothers huddled over their dead children. This is a regime that agreed to international inspections – then kicked out the inspectors. This is a regime that has something to hide from the civilized world.”

“States like these, and their terrorist allies, constitute an axis of evil, arming to threaten the peace of the world.”

In deutscher Übersetzung:

„Unser zweites Ziel ist es, Regimes, die den Terrorismus unterstützen, davon abzuhalten, Amerika oder unsere Freunde und Verbündeten mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen. Einige dieser Regimes haben sich seit dem 11. September recht ruhig verhalten. Aber wir kennen ihre wahre Natur.“

„Das Regime in Nordkorea rüstet mit Raketen und Massenvernichtungswaffen auf, während es seine Bürger verhungern lässt.“

„Iran strebt aggressiv nach diesen Waffen und exportiert Terror, während einige wenige, die niemand gewählt hat, die Hoffnung des iranischen Volkes auf Freiheit unterdrücken.“

„Der Irak stellt weiterhin seine Feindseligkeit gegenüber Amerika offen zur Schau und unterstützt den Terrorismus. Schon seit über einem Jahrzehnt versucht das irakische Regime insgeheim, Milzbranderreger, Nervengas und Atomwaffen zu entwickeln. Dieses Regime hat bereits Giftgas eingesetzt, um tausende seiner eigenen Bürger zu ermorden – und ließ danach Leichen von Müttern zurück, zusammengekauert über ihren toten Kindern. Dieses Regime hat in internationale Inspektionen eingewilligt – und dann die Inspektoren hinausgeworfen. Dieses Regime hat etwas vor der zivilisierten Welt zu verbergen.“

„Staaten wie diese, und die mit ihnen verbündeten Terroristen, bilden eine Achse des Bösen, die aufrüstet, um den Frieden der Welt zu bedrohen.“

Es ist offenkundig, dass die genannten Staaten keine „Achse“ bildeten („Achse“ wurde zuerst auf das Kriegsbündnis Deutschland-Italien-Japan im WWII angewendet) und überhaupt wenig miteinander gemein haben. Der schreckliche achtährige „Erste Golfkrieg“ zwischen Irak und Iran (1980-88) war kaum vorbei. Nord-Korea hatte und hat keinerlei Beziehungen zu Irak und Iran. Von „Achse“ kann mithin keine Rede sein. Das einzige, was alle drei Staaten miteinander gemein haben, ist: sie waren bzw sind den USA und ihren Vasallen ein Dorn im Auge. Dieses Kriterium macht jeden Staat potentiell zu einem „bösen“ Staat.

Wie wir wissen, hat es nach dieser Rede noch so manchen anderen Staat erwischt (Afganistan, Syrien, Lybien), andere stehen schon in der Warteschleife (Russland, China).

Natürlich stimmt dasselbe Gut-Böse-Denken auch für die Gegenseite. So ist für den Iran klar, wer die Verkörperung des Bösen und wer seine Helfershelfer sind.

Zum Abschluss mein Drabble zur Relativität von Gut und Böse (hier):

Der eine findet es ergötzlich

Der andre aber höchst entsetzlich

Was doch dasselbe ist vor Gott.

 

Der Wurm im Apfel lebte glücklich

Der Bauer findet dies nicht schicklich:

„Was willst du Wurm in dem Kompott?“

 

Die Küche ist ein Ort des Grauens

Fürn Hahn, der voll des Urvertrauens

Dem Schlächter folgte auf den Block.

 

Die Oma aber hofft auch heute

Dass die von ihr geliebten Leute

Sie loben für den leckren Gock.

 

Wie soll ich nur dies Rätsel lösen

Dass von den Guten und den Bösen

Ein jeder Recht hat, wie er meint –

und einer lacht, der andere weint?

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112 Stufen: Die ersten beiden Treppenabschnitte im Rückblick

Treppe in Anafiotika, Akropolis, Athen (Bleistift)

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Nun also habe ich den zweiten Treppenabschnitt und die dreißigste Stufe erklommen -Zeit, Atem zu holen, zurückzuschauen und mich zu besinnen.

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel) – 28 friedlich (Bertold Brecht) – 27 beruhigen (Natur) – 26 Freude (Friedrich Schiller) – 25 Verbot (Anatole France) – 24 wappnen (Martin Luther) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh) – 22 Zorn (Roman Herzog/Georg Trakl) – 21 Begeisterung (Hegel) – 20 Bruder (Karl König) – 19 Nähe (Christian Morgenstern) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz) – 17 Lachen (Günter Grass) – 16 Sprechen (Schiller) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch, Leo Tolstoi, Matthäus) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt) – 13 beschützen (Hermann Hesse) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe) – 10 Familie (David Cooper) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium) – 8 Angst (Mascha Kaléko) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche) – 6 Heimat (Theodor Fontane) – 5 Liebkosen (Leo Tolstoi) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky) – 2 Streicheln (John Steinbeck) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe).

Es ist eine merkwürdige Ansammlung von Zitaten und Ereignissen, die Quellen reichen von biblischen Zeiten bis in die Gegenwart. Ganz zufällig scheint die Auswahl zu sein, und dennoch: jedesmal, wenn ich eine neue Stufe erklomm, war mir, als gäbe es eine geheime Beziehung zur vorangegangenen und zu meinem eigenen Leben in Deutschland. Wäre es nicht so, würde ich dieses Experiment wohl schon aufgegeben haben. So aber scheint es mir, als hälfe es mir, über meinen Bildungs- und Lebens-„Background“ – also den Resonnanzraum in der Tiefe, in dem immer noch auch die Gegenwart echot – größere Klarheit zu gewinnen.

Ob es tatsächlich so ist, werde ich am Ende dieser Treppenbesteigung wissen. Jetzt ist nur eines schon überdeutlich: dass meine „geistige Welt“, und vermutlich auch meine moralische zusammenstückelt ist aus lauter Versatzstücken der sogenannten abendländischen Kultur.  All diese Stücke haben sich in mir herumgetrieben und dann abgelagert. Die meisten stammen aus der Zeit, als ich noch zur Schule ging, manche kamen in den Studentenjahren und in den Jahren danach dazu. Von christlichen über bürgerlich-liberale, radikal-aufklärerische, faschistische und kommunistische Motive ist alles dabei.

In diesen Bruchstücken, so will mir scheinen, bricht sich wie in dem Haufen Glasscherben, den ich gestern hervorkramte, die Geschichte Deutschlands, soweit sie etwas mit mir und meinem Leben zu tun hat. Ich betrachte neugierig jede einzelne Scherbe und versuche, sie einzupassen in das ursprüngliche Ganze. Manche Scherben passen nicht, sie scheinen zu einem anderen Ganzen zu gehören – sind nur zufällig auf dem Haufen gelandet, wie die beiden Tolstoi-Zitate und das Gedicht von Mascha Kaléko, die zu meinem Jetzt gehören. Die anderen aber scheinen einen gemeinsamen Ursprung in meinem „Bildungsgang“ zu haben, und den werde ich versuchen zusammenzusetzen.

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Der Juni, der „Bube der Kelche“, und was aus ihnen wurde.

In den Raunächten des letzten Dezember-Januar zog ich jede Nacht eine Karte, die mir einen Impuls für den entsprechenden Monat des Jahres geben sollte. Es war die Silvester-Raunacht, als ich die Tarotkarte „Bube der Kelche“ für den Monat Juni zog. Am 1. Januar notierte ich: „Dem Gerücht nach wird er mir im Juni des nun gerade begonnenen Jahres seine Weisheiten zuflüstern und mich auffordern, mich dem Wasser, der Kreativität und Sinnlichkeit sanft und widerstandlos hinzugeben.

Ich machte damals gleich auch eine neurografische Zeichnung, um eine innere Beziehung zu der Karte herzustellen. Meine Zeichnung las ich so:

„Blaues Wasser und feurige Sonnenkraft halten sich die Waage. Die Beine stehen fest im Wasser, der Kopf ist klar und leer von Grübeleien. Was sich zwischen Fuß und Kopf abspielt, ist fast schon ein bisschen zu viel. Genau das wird meine Aufgabe sein: wieviel freies Spiel, wieviel anstrengende Kreativität tun mir gut. So jedenfalls lese ich die Karte. Und wenn der Juni kommt, hole ich sie hervor und finde das rechte Gleichgewicht heraus.“

Junikarte, neurografisch: Bube der Kelche (1.1.2025)

Am ersten Juni meinte ich, dass ich nach einer Zeit der Renovierung, Organisation und des Rückzugs auf die Familie wieder vermehrt kreativ werden würde. Vor allem aber ist der Sommer da, schrieb ich, und das Meer ruft, um drin zu schwimmen und die schönen hellen Nächte zu genießen.

Was ist nun daraus geworden? Habe ich herausgefunden, wieviel freies Spiel, wieviel anstrengende Kreativität mir gut tun?

Sicher ist eins: besonders kreativ war ich nicht. Gezeichnet und gemalt habe ich fast gar nicht, fotografiert wenig, dafür aber ungewöhnlich viel gelesen (vor allem Tolstois große Romane und Erzählungen). Auch habe ich mich im Rahmen des Blog-Challenge von Grinsekatz (Holsteiner Treppe) auf eine Art Autobiografie-Reise begeben. Dabei versuchte ich nachzuspüren, welche literarisch-politischen Einflüsse in den frühen Jahren meines Lebens auf mich gewirkt haben. Diese Rekonstruktion war und ist durchaus spannend für mich.

Der anderer Teil – das pure Genießen des schon warmen, aber noch nicht überlaufenen Meeres, die in der Sommerhitze sich entfaltenden Düfte der Kräuter, die grillen-durchzirpten Nächte auf der Turmterrasse, die Gesellschaft der Katzen, die Sonnenauf- und -untergänge, der Wechsel des Mondes, der jetzt beim Untergehen als schmale feurige Sichel über dem Meer erscheint, der kühlende Nachtwind, das Paneurhythmietanzen mit den Freundinnen, das Speisen in Gaststätten am Meer oder am Hafen, die kleinen Ausflüge und Besuche …- all das hat sich höchst erfreulich entfaltet.

Also alles gut? Nun, fast. Gegen Ende des Monats packte mich Entsetzen über meine „Faulheit“ und „Antriebslosigkeit“, und ich fragte mich besorgt, ob meine Kreativität endgültig erschöpft sei. Diese Frage arbeitete ich neurographisch durch und bin mit dem Ergebnis zufrieden: Ich darf durchaus darauf vertrauen, dass meine Kreativität nicht verschwunden ist, sondern ich einfach nur eine Phase der Sammlung und Ruhe brauchte.

Und so machte ich eben voller Zuversicht meine neurografische Abschlusszeichnung für den Juni und den Buben der Kelche. (Eine Erklärung erspare ich euch und mir).

„Bube der Kelche“ am 30. Juni 25

Adieu, schöner Juni! Sei mir willkommen, Juli!

 

 

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Archivbild der Woche: Ein schöner Scherbenhaufen

An einem Tag wie diesem, im Jahre 2017, gestaltete ich ein Bild aus Ölkreiden und Klebeband auf Papier …

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Es erinnerte mich an einen Scherbenhaufen, den ich Jahre zuvor im Stadtwald entdeckt und fotografiert hatte. Diese Fotos fischte ich am 29.6.2017 aus dem Archiv und zeige sie nun, acht Jahre danach, erneut.

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Und so dürfen diese längst entsorgten oder überwachsenen Scherben als Bildimpuls weiterleben und noch einmal das Licht des Tages erblicken, dank Heides Projekt „Archivbild der Woche“.

 

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112 Stufen, 30: aggressiv (F.T. Marinetti)

Im Jahre 1909 veröffentlichte der 1876 in Alexandria (Ägypten) geborene Italiener Filippo Tommaso Marinetti in Paris sein Manifesto del Futurismo, das als eine Formulierung des frühen, noch nicht zur Macht gekommenen Faschismus Mussolinis und als künstlerisches Ur-Dokument des deutschen „Nationalsozialismus“ angesehen werden kann.

Der gemeinsame Nenner sämtlicher teils sehr gegensätzlicher antibürgerlicher bzw Anti-Establishment-Bewegungen des Fin de Siecle war die Verherrlichung der Gewalt als wahrer Bewegerin der Geschichte. Ob „Klassenkampf“ oder „Mein Kampf“, ob Krieg oder elan vital (Bergson) oder Übermensch (Nietzsche) – die Zertrümmerung des verachteten Vorfindlichen mit den Mitteln der Gewalt war das Credo einer Avantgarde, die sich zugleich als die neue Jugend verstand, die gegen das Alte rebellierte und ihren Platz in der Weltgeschichte forderte. Ein schwacher Widerschein dieser Zeit lebte in den 68ern wieder auf (siehe „Störfall“ auf der 29, Stufe: Auslöser/Anlass), als man heftig über den Unterschied zwischen „Gewalt gegen Sachen“ und „Gewalt gegen Menschen“ diskutierte, anarchistische Gewalttaten verherrlichte und aus der sich der heutige unverhüllte Militarismus der „Grünen“  gemausert hat. Widersprüche? O ja! Abgründig ist die menschliche Seele.

Das Futuristische Manifest begann mit folgenden elf Thesen (zitiert nach Wikipedia):

  1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
  2. Mut, Kühnheit und Ausdehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
  3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
  4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen …  ist schöner als die Nike von Samothrake.
  5. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer eigenen Bahn dahinjagt.
  6. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein.
  7. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! …  Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.
  8. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt, den Militarismus,  den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
  9. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht (…)
  10. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, welche die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; …. (Auslassungen und Hervorhebungen von mir)

Die hohen Erwartungen, die sowohl Kommunisten als auch Faschisten mit dem technischen Fortschritt verbanden, gipfeln in der sehr aktuell klingenden Forderung nach der „Fusion der Instinkte mit dem, was die Maschine uns geben kann“, um fähig zu werden, „die offenbare Feindschaft, die unser menschliches Fleisch vom Metall der Maschinen“ trennt, zu überwinden. (Manifesto tecnico della letteratura futurista, zitiert nach Wikipedia)

Heute ist man einen großen Schritt auf diesem Weg weitergegangen:  nicht nur mit dem Metall, sondern auch mit dem Denken der Maschine möchte der Mensch fusionieren. In gewisser Weise hat Marinetti auch dies vorausgesehen und begrüßt:

Der Futurismus gründet sich auf die vollständige Erneuerung der menschlichen Sensibilität als Folge der großen Entdeckungen […] Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telephon, Grammophon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograph und große Tageszeitungen, denken nicht daran, daß diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluß auf ihre Psyche ausüben. ( hier )

„Mach kaputt, was dich kaputt macht!“ -Devise der Studentenbewegung der 60er Jahre.

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