Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Warum beginnt jemand zu schimpfen und seinen Gesprächspartner zu beleidigen? Darüber belehrt uns Schopenhauer, selbst ein Meister-Beleidiger, und er gibt gute Tipps, wie man seinen Gegner durch Beleidigungen und Beschimpfungen außer Gefecht setzt. Beispiel gefällig? Schopenhauer nannte seinen Kollegen Hegel einen Unsinnschmierer, seine auf den Kopf gestellte Welt… eine philosophische Hanswurstiade. Für ihn war die Hegelsche Philosophie der hohlste, der sinnleerste Wortkram , an welchem jemals Strohköpfe ihr Genüge gehabt, ein Wischiwaschi, das ans Tollhaus erinnert. Ich vermute mal, dass die, die je einen Satz von Hegel gelesen und nicht verstanden haben, nun zustimmend mit dem Kopf nicken. Denn jeder fühlt sich gern bestätigt, besonders auch in seinem Vorurteil.
Worum also geht es in Schopenhauers Büchlein „Die Kunst zu beleidigen“? (Beck-Verlag)
„Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Das Persönlichwerden besteht darin, daß man von dem Gegenstand des Streitens (weil man da verlornes Spiel hat) abgeht auf den Streitenden und seine Person irgend wie angreift: man könnte es nennen argumentum ad personam, zum Unterschied vom argumentum ad hominem: dieses geht vom rein objektiven Gegenstand ab, um sich an das zu halten, was der Gegner darüber gesagt oder zugegeben hat. Beim Persönlichwerden aber verläßt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit“.
O ja, man kennt das! Denn bis heute ist „diese Regel … sehr beliebt, weil jeder zur Ausführung tauglich ist, und (sie) wird daher häufig angewandt“. Wer hat es nicht schon selbst erlitten oder auch getan? „Eine Grobheit besiegt jedes Argument und eklipsiert allen Geist“.
Gibt es Gegenmaßnahmen, durch die man Beschimpfungen durch Rüpel, die einem geistig nicht gewachsen sind, vermeiden kann und nicht selbst zum Rüpel wird?
Das sicherste Mittel empfahl Aristoteles, der sich seinerzeit über die Sophisten auf der Athener Agora aufregte (zu denen übrigens auch Sokrates gehörte): Lass dich nicht mit beliebigen Dummquasslern auf Debatten ein, sondern wähle deine Gesprächspartner sorgfältig aus. Die heutige Agora sind die social media, und das Beschimpfen ist hier schon wegen der gebotenen Kürze, die es kaum erlaubt, ein Argument zu entwickeln, allgegenwärtig. Die Regierenden bemühen die Justiz, um die empfundene Schmäh in klingende Münze zu verwandeln („Schwachkopf“-Urteil), der einfache Bürger kann die Kommentarfunktion außer Kraft setzen oder sich gleich ganz in Schweigen hüllen ….
Aber ach, das ist auch keine gute Lösung! Denn ab und zu hat man doch das Bedürfnis, seine Weisheiten oder meinetwegen auch nur seine Ansichten unters Volk zu bringen, und dann wird man beleidigt und muss zurückschlagen, da man sonst seinen guten Ruf verliert. Und endet in einer Schlammschlacht, wo der zuerst aufgibt, der, wenngleich womöglich argumentativ überlegen, die schwächeren Nerven hat.
„Wahrheit, Kenntnis, Verstand, Geist, Witz müssen einpacken und sind aus dem Felde geschlagen von der göttlichen Grobheit“.


In der Raunacht vom ersten zum zweiten Januar zog ich die Tarotkarte „Bube der Münzen“ und überlegte, welche Aufgabe da wohl im Juli auf mich zukommen würde? Denn jede Raunacht entspricht ja einem Monat, und jede Karte gibt mir einen Fingerzeig, worauf ich in dem jeweiligen Monat besonders achten sollte.
















In den Raunächten des letzten Dezember-Januar zog ich jede Nacht eine Karte, die mir einen Impuls für den entsprechenden Monat des Jahres geben sollte. Es war die Silvester-Raunacht, als ich die Tarotkarte „Bube der Kelche“ für den Monat Juni zog. Am 1. Januar notierte ich: „Dem Gerücht nach wird er mir im Juni des nun gerade begonnenen Jahres seine Weisheiten zuflüstern und mich auffordern, mich dem Wasser, der Kreativität und Sinnlichkeit sanft und widerstandlos hinzugeben.“



