112 Stufen, 37: beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Drunter und Drüber (Schnipsel von Marie Mandarin)

Dieser Treppenabschnitt geht mir grad ziemlich gegen den Strich: lauter negative Gefühle wollen da bedient sein, bisher schon „bösartig – Drohung – beschimpfen – Wut – Neid – Vorwurf“.  Und nun also „beleidigt sein“. In meinem privaten Bereich spielen alle diese Emotionen eine geringe bis gar keine Rolle, im literarischen Gedächtnis zu graben, bringt auch nichts zum Vorschein. Also wende ich mich der politischen Gegenwart zu, in der all das leider böse grassiert.

Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, aber mir scheint, dass die politische Sprache sich arg vergröbert hat, und zwar ausgehend von der Spitze der Pyramide („der Fisch stinkt vom Kopf“). Drohungen wechseln ab mit Beleidigungen, Beschimpfungen mit Lobhudeleien. Von den Drohungen und Beleidigungen wird dann auch schon mal übergegangen zu Bombenabwürfen und persönlichen Morden, wodurch sich die Atmosphäre nicht etwa bereinigt. Kaum schweigen die Waffen, gleich beginnt der Reigen von Beleidigungen und Drohungen von vorn.

Ist das klug? Der sonst durchaus nicht zimperliche italienische Staatstheoretiker Niccolò Macchiavelli (1469 – 1527) sagt: Nein. Klug ist, wer seinem Feind weder droht noch ihn beleidigt. Daran gemessen sind der heutige US-Präsident und die meisten der europäischen Politiker tatsächlich sehr dumm. Denn unablässig reizen sie ihre Gegner durch Drohungen und Beleidigungen, ohne sie schwächen zu können.

Ich halte es für einen der größten Beweise menschlicher Klugheit, sich in seinen Worten jeder Drohung oder Beleidigung zu enthalten. Weder das eine noch das andere schwächt den Feind, vielmehr machen ihn Drohungen nur vorsichtiger, und Beleidigungen steigern seinen Haß gegen dich und beflügeln ihn, nachhaltiger auf dein Verderben zu sinnen.

(zitiert nach Aphorismen.de)

Wie war das doch gleich? Der geistliche Führer der Iran wurde durch den US-Präsidenten beleidigt (fühlte sich beleidigt), und umgehend wurden zwei Fatwas aufgelegt, die jedem Gläubigen erlauben, den Beleidiger zu ermorden.

Und wie war das in Bezug auf den russischen Präsidenten? Haben die gegen ihn ausgestoßenen Drohungen und Beleidigungen ihn etwa eingeschüchtert? Ganz im Gegenteil: sie haben ihn gewarnt und haben ihn beflügelt…

Der chinesische Präsident …. dito.

Wenn man mich beleidigt – ja, das ist auch schon mal vorgekommen -, wie ist dann meine Reaktion? Bin ich beleidigt? Nein, ich bin wütend und denke darüber nach, wie ich es dem Beleidiger heimzahlen kann. Oder ich zucke die Achseln und sage: was geht es mich an. Das ist übrigens die einfachste Lösung im privaten Bereich, im beruflichen und politischen aber wohl eher nicht. Denn lässt man sich da eine Beleidigung gefallen, finden andere den Mut, es ebenso zu halten. Der erfahrene Macchiavelli stellt fest:

Wer zu Unrecht jemand beleidigt, gibt anderen Anlaß, ihn zu Recht zu beleidigen.

(zitiert nach Aphorismen.de)

Die christliche Ermahnung ist freilich die, die am weitesten führt, wenn man sie denn beherzigen könnte. Denn dann würde Frieden auf Erden möglich sein.

Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.

Das Evangelium nach Lukas (Lk 6,27f), Bergpredigt

Zerreiße die Beleidigungen, mache einen Friedensvogel draus (Schnipsel von Marie Mandarin)

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Früh morgens Tanzen und Schwimmen

Unsere Paneurythmie-Tanzgruppe, die auf acht Frauen angewachsen ist, trifft sich jetzt ein-zweimal in früher Morgenstunde am Strand. Da wirft die Überdachung der Plattform vor dem Hotel noch Schatten, und die Zahl der Badenden ist gering. Als Erstes legen wir mit dort gefundenen und unterwegs gesammelten Steinen und Blüten einen Kreis und in dessen Mitte die Musikquelle, sammeln uns, verbinden uns mit der Erde und dem All, tanzen unsere Runden, machen unser „Familienfoto“ und gehen schwimmen.

Gegen neun Uhr wieder zu Hause frühstücke ich  – meistens einen Becher Natur-Ziegenjoghurt mit Honig, heute zur Abwechslung eine unterwegs beim Bäcker gekaufte warme Bougatsa mit Zimt und Puderzucker. Nach einer Weile werde ich meist müde und lege ich mich noch mal aufs Ohr, um fehlenden Schlaf nachzuholen.

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112 Stufen, 36: Vorwurf (Wilhelm Busch)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Vorwurf“. Legebild mit Schnipseln von Susanne Haun (Detail)

 

Die Welt der Menschen besteht zu großen Teilen aus gegenseitigen Vorwürfen. Sie sind überall. Gelegentlich schauen mich sogar Erde und Himmel vorwurfsvoll an, sei es, weil ich als Mensch an ihrer Zerstörung mitwirke, sei es, weil ich ihre Schönheit nicht ausreichend würdige, sei es, weil ich trotz all ihrer Angebote unzufrieden bin und sie eigentlich mehr Dankbarkeit erwartet hätten…

Vieles könnte ich über den Mechanismus des Vorwurfs schreiben, denn ich habe ihn in unzähligen Therapiestunden erlebt – aber ich habe keine Lust dazu. Stattdessen stelle ich nur eine Frage, die auch eine wissenschaftliche Studie beschäftigte: Ist es ein Beweis für die Schuld des Angeklagten, wenn er lauthals seine Unschuld beteuert? Viele, die einen Vorwurf erheben, und der andere wehrt sich lautstark, sehen darin einen Beweis für seine Schuld, ich aber nicht, denn ich habe schon früh meinen Wilhelm Busch verinnerlicht:

„Laut ertönt sein Wehgeschrei,

denn er fühlt sich schuldenfrei“

 „Max und Moritz“ kann ich auswendig. Doch diese Passage habe ich von wilhelm-busch.de übernommen.

Als die gute Witwe Bolte
Sich von ihrem Schmerz erholte,
Dachte sie so hin und her,
Daß es wohl das beste wär,
Die Verstorbnen, die hienieden
Schon so frühe abgeschieden,
Ganz im stillen und in Ehren
Gut gebraten zu verzehren.
Freilich war die Trauer groß,
Als sie nun so nackt und bloß
Abgerupft am Herde lagen,
Sie, die einst in schönen Tagen
Bald im Hofe, bald im Garten
Lebensfroh im Sande scharrten.

Ach, Frau Bolte weint aufs neu,
Und der Spitz steht auch dabei.
Max und Moritz rochen dieses:
„Schnell aufs Dach gekrochen!“ hieß es.

Durch den Schornstein mit Vergnügen
Sehen sie die Hühner liegen,
Die schon ohne Kopf und Gurgeln
Lieblich in der Pfanne schmurgeln.

Eben geht mit einem Teller
Witwe Bolte in den Keller,

Daß sie von dem Sauerkohle
Eine Portion sich hole,
Wofür sie besonders schwärmt,
Wenn er wieder aufgewärmt.
Unterdessen auf dem Dache
Ist man tätig bei der Sache.
Max hat schon mit Vorbedacht
Eine Angel mitgebracht.

 

 

Schnupdiwup, da wird nach oben
Schon ein Huhn heraufgehoben!
Schnupdiwup, jetzt Numro zwei!
Schnupdiwup, jetzt Numro drei!
Und jetzt kommt noch Numro vier:
Schnupdiwup, dich haben wir!
Zwar der Spitz sah es genau
Und er bellt: Rawau, rawau!

 

 

Aber schon sind sie ganz munter
Fort und von dem Dach herunter.
Na, das wird Spektakel geben,
Denn Frau Bolte kommt soeben;
Angewurzelt stand sie da,
Als sie nach der Pfanne sah.

Alle Hühner waren fort,
„Spitz!“ das war ihr erstes Wort.

„O du Spitz, du Ungetüm!
Aber wart, ich komme ihm!“

 

 

Mit dem Löffel groß und schwer
Geht es über Spitzen her;
Laut ertönt sein Wehgeschrei,
Denn er fühlt sich schuldenfrei.

Max und Moritz im Verstecke
Schnarchen aber an der Hecke.
Und vom ganzen Hühnerschmaus
Guckt nur noch ein Bein heraus.

Dieses war der zweite Streich,
Doch der dritte folgt sogleich.

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Spiegelungen, immer wieder schön

Still und faul lag der Segelhafen in der Mittagshitze da, der Anblick der Boote war der gewohnte, aber ihre Spiegelungen sind immer ein wenig anders und wollten daher auch heute fotografiert werden.

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Archivbild der Woche 6.7.2016: Sommerfarben

Vor neun Jahren an einem Tag wie diesem, am 6/7/2016 also, postete ich das Foto einer sorgfältigen Farb-Studie a la Paul Klee, die ich „Sommerfarben“ nannte. Das Aquarell selbst ist freilich weit älter. Es möge heute als „Archivbild der Woche“, zu dem uns Heide von Puzzleblume aufgefordert hat, noch einmal hier erscheinen.

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112 Stufen, 35: Neid (allerlei Mythen, Friedrich Schiller)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Als ich eben Cynthias heutigen Eintrag zu NEID las (hier), dachte ich: dieser „Neid“ klingt ja fast „NIEDlich“ und wird böse erst, wenn er sich mit Mißgunst verbindet. Allein und für sich könnte er ein Stachel sein, um sich mehr anzustrengen und die bisher anerkannten Grenzen des eigenen Wachstums zu sprengen. Nach einer „Todsünde“ klingt das eher nicht.

Dagegen das griechische Wort für Neid, ΦΘΟΝΟΣ (Phthonos), bei dem sich das dumpf zischende Θ/Th (wie im englischen „Thank you“) ins Wort ΦΟΝΟΣ (Mord) eingeschlichen hat. Da ist Neid ein böses, die Eingeweide zerschNEIDendes, mörderisches Gefühl, das erst nach der Vernichtung des Beneideten zur Ruhe kommt. Die erste uns davon erzählte Geschichte ist die von Evas Erstgeborenem Kain, der seinen jüngeren Bruder Abel erschlug.

Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom Herrn erworben.

Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer.

Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar;

auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer,

aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich.

Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?

Der Bruder wird von mörderischem Neid gegen den Bruder ergriffen, sowie er sich mit diesem vergleicht und dabei den kürzeren zieht. Der Vergleich ist es, der tötet. Auch Götter ermorden Menschen, wenn diese erfolgreich mit ihnen konkurrieren („Neid der Götter“). Mythologische Erzählungen dafür gibts zu Hauf. Vom Unglück der schönen Arachne, die wundervoll weben konnte und mit Athene in einen Wettstreit trat, erzählt Ovid in seinen Metamorphosen (den Text kannst du bei mir hier nachlesen). Auch eine abc-etüde habe ich der schönen Weberin gewidmet (hier), die sich, um dem mörderischen Neid der Athene zu entkommen, aufhängt – vergeblich. sie wird in eine Spinne verwandelt.

Arachne, Detail

Arachne vor ihrer Verwandlung. Gemälde von Nikolaos Gyzi, Ausschnitt, gesehen 2018 in Athen

Noch schauerlicher ist das Martyrium des Marsyas, dem ich auch schon einen Beitrag gewidmet habe (hier): Er, der große Flötenspieler, wird von Apoll persönlich kopfüber aufgehängt und bei lebendigem Leib gehäutet, weil er im musikalischen Wettkampf gleichzog und Apoll das nicht dulden konnte.

Marsyas mit der Pansflöte

Solche Schrecknisse erwartet die Menschen, wenn sie mit den Göttern gleichzuziehen oder sie gar zu übertrumphen versuchen. Für ihre „Hybris“, was wörtlich „Beleidigung“ bedeutet, werden die besonders Begabten und/oder Strebsamen, die sich hohe Ziele setzen, fürchterlich bestraft. Diese Ansicht ist Allgemeingut und erfreut sich bis heute hoher Zustimmung. Akuell: Ich las „Musk, ein verglühender Ikaros“? Die neidische Menschheit reibt sich die Hände, weil dieser Überflieger sich womöglich-hoffentlich die Flügel verbrannte und abstürzt.  Wer war Ikaros? dazu hier.

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Herodot (5. Jh v.Chr) erzählte eine Anekdote zum „Neid der Götter“, die bei den antiken Autoren sehr beliebt war und die Schiller in seiner Ballade „Der Ring des Polykrates“ wortgewaltig ausgemalt hat. Die entscheidenden Zeilen der Ballade weiß ich bis heute auswendig:

Mir grauet vor der Götter Neide,
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zuteil.

Doch hatt ich einen teuren Erben,
Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,
Dem Glück bezahlt ich meine Schuld….

Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
So flehe zu den Unsichtbaren,
Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.
Noch keinen sah ich fröhlich enden,
Auf den mit immer vollen Händen
Die Götter ihre Gaben streun….

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
„So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein,
Die Götter wollen dein Verderben,
Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“
Und sprachs und schiffte schnell sich ein.

Früh werden wir gewarnt, immer schön bescheiden zu sein. Wer allzu hoch strebt und sein Glück allzu sehr genießt, den strafen die Götter. Auch Polykrates fand ein schreckliches Ende – wie jederman wusste bzw sich zusammenreimen konnte. Herodot erzählt davon: Nachdem Oroites ihn „eines Todes hatte sterben lassen, den ich nicht erzählen mag, hängte er ihn ans Kreuz.“ Recht ist ihm geschehen – dem Glückspilz!

In dem Fall war der Vollstrecker, der Polykrates‘ Glücksserie beendete,  freilich kein Gott, sondern ein verräterischer Vasall. Und so ist es wohl meistens – um nicht zu sagen: in der Regel. Das Ergebnis aber schrieb und schreibt man den Göttern zu. Der „Neid der Götter“ ist – wie so manches andere – eine Projektion menschlicher Eigenschaften an den Himmel, der sich geduldig über uns ausspannt und als Projektionsfläche für all unsere frommen und bitterbösen Gedanken dient.

Die ganze Ballade lautet:

Friedrich Schiller

Der Ring des Polykrates

Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.
„Dies alles ist mir untertänig“,
Begann er zu Ägyptens König,
„Gestehe, daß ich glücklich bin.“

„Du hast der Götter Gunst erfahren!
Die vormals deinesgleichen waren,
Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.
Doch einer lebt noch, sie zu rächen,
Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
So lang des Feindes Auge wacht.“

Und eh der König noch geendet,
Da stellt sich, von Milet gesendet,
Ein Bote dem Tyrannen dar:
„Laß, Herr! des Opfers Düfte steigen,
Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
Bekränze dir dein festlich Haar.

Getroffen sank dein Feind vom Speere,
Mich sendet mit der frohen Märe
Dein treuer Feldherr Polydor.“
Und nimmt aus einem schwarzen Becken
Noch blutig, zu der beiden Schrecken,
Ein wohlbekanntes Haupt hervor.

Der König tritt zurück mit Grauen.
„Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen“,
Versetzt er mit besorgtem Blick.
„Bedenk, auf ungetreuen Wellen,
Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen,
Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“

Und eh er noch das Wort gesprochen,
Hat ihn der Jubel unterbrochen,
Der von der Reede jauchzend schallt.
Mit fremden Schätzen reich beladen
Kehrt zu den heimischen Gestaden
Der Schiffe mastenreicher Wald.

Der königliche Gast erstaunet:
„Dein Glück ist heute gut gelaunet,
Doch fürchte seinen Unbestand.
Der Kreter waffenkundge Scharen
Bedräuen dich mit Kriegsgefahren,
Schon nahe sind sie diesem Strand.“

Und eh ihm noch das Wort entfallen,
Da sieht mans von den Schiffen wallen,
Und tausend Stimmen rufen: „Sieg!
Von Feindesnot sind wir befreiet,
Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,
Vorbei, geendet ist der Krieg.“

Das hört der Gastfreund mit Entsetzen:
„Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen,
Doch“, spricht er, „zittr ich für dein Heil.
Mir grauet vor der Götter Neide,
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zuteil.

Auch mir ist alles wohlgeraten,
Bei allen meinen Herrschertaten
Begleitet mich des Himmels Huld,
Doch hatt ich einen teuren Erben,
Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,
Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.

Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
So flehe zu den Unsichtbaren,
Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.
Noch keinen sah ich fröhlich enden,
Auf den mit immer vollen Händen
Die Götter ihre Gaben streun.

Und wenns die Götter nicht gewähren,
So acht auf eines Freundes Lehren
Und rufe selbst das Unglück her,
Und was von allen deinen Schätzen
Dein Herz am höchsten mag ergetzen,
Das nimm und wirfs in dieses Meer.“

Und jener spricht, von Furcht beweget:
„Von allem, was die Insel heget,
Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
Ihn will ich den Erinnen weihen,
Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“
Und wirft das Kleinod in die Flut.

Und bei des nächsten Morgens Lichte
Da tritt mit fröhlichem Gesichte
Ein Fischer vor den Fürsten hin:
„Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,
Wie keiner noch ins Netz gegangen,
Dir zum Geschenke bring ich ihn.“

Und als der Koch den Fisch zerteilet,
Kommt er bestürzt herbeigeeilet
Und ruft mit hocherstauntem Blick:
„Sieh, Herr, den Ring, den du getragen,
Ihn fand ich in des Fisches Magen,
O, ohne Grenzen ist dein Glück!“

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
„So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein,
Die Götter wollen dein Verderben,
Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“
Und sprachs und schiffte schnell sich ein.

 

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112 Stufen 34, Wut (Homer)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Das erste große Epos von Homer, die Iliada, beginnt mit dem „Zorn des Achill“, im zweiten Epos wird Odysseus durch den „wütenden Poseidon“ zehn Jahre lang übers Meer getrieben. Wut/Zorn ist die Kraft, die die Geschichte in Gang setzt. Das griechische Wort für Zorn ist οργή, (orge), das du in anderen Zusammenhängen kennst – als Orgasmus und Organismus, Organ, organisch und Organisation… Wilhelm Reich entdeckte eine  „Lebenskraft“, die er Orgon nannte.

Achills Zorn lässt sich besänftigen, denn er ist ja nur ein Mensch (nun ja, auch ein Halbgott), die Wut des Gottes Poseidon aber ist unerbittlich, abgrundtief, gefährlich, tödlich. Und was ist der Grund, Anlass oder Auslöser für Poseidons Wut?

Ulisses and the Cyclop

Die Tat eines listenreichen Menschen, Odysseus genannt. Der stach Poseidons Sohn,dem Zyklopen Polyphem (dem „Weitberühmten“),  sein großes leuchtendes kreisförmiges Auge aus und machte sich dann mit seinen Genossen auf die Flucht. Der Schlauberger verbarg seinen Namen – er nannte sich κανένας / niemand, und als Poseidon seinen jammernden Sohn fragte, wer ihn so zugerichtet habe, schrie dieser: „Niemand hat es getan!“

Poseidon aber kennt seine Pappenheimer, und er war sehr sehr ergrimmt, so ergrimmt, wie nur er es vermag. Er, der Erderschütterer, der das Meer in Aufruhr versetzt und die Erde beben lässt, blieb unversöhnlich. Bis zuletzt verfolgte er den beklagenswerten Odysseus. Um zur Ruhe zu kommen, so erzählt man, sei er von Ithaka aufs Festland übergesetzt und so weit gegangen, bis man das Ruder seines Bootes für einen Dreschflegel hielt, weil man noch nie etwas vom Meer gesehen und gehört hatte. Dort hauchte er schließlich seine Seele aus.

Reise

Ich habe diese Geschichte (auf die Gegenwart bezogen) in zwei Legebild-Leporellos erzählt. Bei Interesse findest du sie unter dem Stichwort „Die Heimkehr des Odysseus“.

Natürlich ist Poseidon viel größer, als ihn die Odyssee erscheinen lässt. Seine Wut ist eben nur eine seiner vielen Eigenschaften – freilich seine gefürchtetste.

aus der Ausstellung „Odysseen“ im Archäologischen Nationalmuseum Athen, 2017

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Besuch einer Gottesanbeterin

Nach Sonnenuntergang, wenn die Tischlampe auf dem Tischchen der Turmterrasse brennt, kommt allerlei Geflügeltes angesaust. Das meiste verscheuche ich schleunigst, aber über diese winzige Gottesanbeterin, die sich auf meinem Knie niederließ, mich mit ihren dunklen Augen neugierig betrachtete und grüßend ihr Füßchen hob, freute ich mich.

Sie drehte und wendete sich ein bisschen, auf dass ich sie von allen Seiten betrachte,  wobei ihr Schatten gewaltig wuchs, und machte sich dann wieder auf den Weg.

Die Kleine war offenbar ein Jungtier. Zum Vergleich ein früheres Foto vom Besuch eines adulten Tieres.

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112 Stufen 33: Beschimpfen (Arthur Schopenhauer)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Warum beginnt jemand zu schimpfen und seinen Gesprächspartner zu beleidigen? Darüber belehrt uns Schopenhauer, selbst ein Meister-Beleidiger, und er gibt gute Tipps, wie man seinen Gegner durch Beleidigungen und Beschimpfungen außer Gefecht setzt. Beispiel gefällig? Schopenhauer nannte seinen Kollegen Hegel einen Unsinnschmierer, seine auf den Kopf gestellte Welt…  eine philosophische Hanswurstiade. Für ihn war die Hegelsche Philosophie der hohlste, der sinnleerste Wortkram , an welchem jemals Strohköpfe ihr Genüge gehabt, ein Wischiwaschi, das ans Tollhaus erinnert. Ich vermute mal, dass die, die je einen Satz von Hegel gelesen und nicht verstanden haben, nun zustimmend mit dem Kopf nicken. Denn jeder fühlt sich gern bestätigt, besonders auch in seinem Vorurteil.

Worum also geht es in Schopenhauers Büchlein „Die Kunst zu beleidigen“? (Beck-Verlag)

„Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Das Persönlichwerden besteht darin, daß man von dem Gegenstand des Streitens (weil man da verlornes Spiel hat) abgeht auf den Streitenden und seine Person irgend wie angreift: man könnte es nennen argumentum ad personam, zum Unterschied vom argumentum ad hominem: dieses geht vom rein objektiven Gegenstand ab, um sich an das zu halten, was der Gegner darüber gesagt oder zugegeben hat. Beim Persönlichwerden aber verläßt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit“.

O ja, man kennt das! Denn bis heute ist „diese Regel … sehr beliebt, weil jeder zur Ausführung tauglich ist, und (sie) wird daher häufig angewandt“. Wer hat es nicht schon selbst erlitten oder auch getan?  „Eine Grobheit besiegt jedes Argument und eklipsiert allen Geist“.

Gibt es Gegenmaßnahmen, durch die man Beschimpfungen durch Rüpel, die einem geistig nicht gewachsen sind, vermeiden kann und nicht selbst zum Rüpel wird?

Das sicherste Mittel empfahl Aristoteles, der sich seinerzeit über die Sophisten auf der Athener Agora aufregte (zu denen übrigens auch Sokrates gehörte):  Lass dich nicht mit beliebigen Dummquasslern auf Debatten ein, sondern wähle deine Gesprächspartner sorgfältig aus. Die heutige Agora sind die social media, und das Beschimpfen ist hier schon wegen der gebotenen Kürze, die es kaum erlaubt, ein Argument zu entwickeln, allgegenwärtig. Die Regierenden bemühen die Justiz, um die empfundene Schmäh in klingende Münze zu verwandeln („Schwachkopf“-Urteil), der einfache Bürger kann die Kommentarfunktion außer Kraft setzen oder sich gleich ganz in Schweigen hüllen ….

Aber ach, das ist auch keine gute Lösung! Denn ab und zu hat man doch das Bedürfnis, seine Weisheiten oder meinetwegen auch nur seine Ansichten unters Volk zu bringen, und dann wird man beleidigt und muss zurückschlagen, da man sonst seinen guten Ruf verliert. Und endet in einer Schlammschlacht, wo der zuerst aufgibt, der, wenngleich womöglich argumentativ überlegen, die schwächeren Nerven hat.

Wahrheit, Kenntnis, Verstand, Geist, Witz müssen einpacken und sind aus dem Felde geschlagen von der göttlichen Grobheit“.

 

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Der Juli und der Bube der Münzen: meine Ressourcen in Augenschein nehmen

In der Raunacht vom ersten zum zweiten Januar zog ich die Tarotkarte „Bube der Münzen“ und überlegte, welche Aufgabe da wohl im Juli auf mich zukommen würde? Denn jede Raunacht entspricht ja einem Monat, und jede Karte gibt mir einen Fingerzeig, worauf ich in dem jeweiligen Monat besonders achten sollte.

Meine Überlegungen, die ich am zweiten Januar anstellte, waren die folgenden: „Den Buben der Münze lese ich als Aufforderung, meine Ressourcen – die körperlichen, finanziellen und gesundheitlichen ebenso wie Begabungen, Beziehungen und Qualifikationen – sorgfältig in Augenschein zu nehmen. Sind sie den gesetzten Zielen angemessen? Reichen sie aus? Brauche ich noch weitere Ressourcen, oder sollte ich meine Ziele besser nach unten korrigieren?

Das sind Fragen, denen ich nicht gern systematisch nachgehe. Aber es sind gute Fragen, nützliche Fragen. Denn was nützt es, großartige Pläne zu haben, wenn man sich nicht der Ressourcen versichert, um sie zu realisieren? Ja, ja, auch ich bin schon so manches Mal auf die Nase gefallen.

Hm, jetzt also ist der Juli angekommen, und ich empfinde, dass es für diesen Monat keine besseren Fragen geben könnte. In zwei Wochen soll eine Ausstellung stattfinden, und dieser Ausstellung sollen andere folgen. Dafür wäre einiges zu tun. Aber irgendwie fehlt mir der Elan. Zwar habe ich nicht zu klagen, was die körperlichen, finanziellen und gesundheitlichen Ressourcen anbetrifft, was aber ist mit den Begabungen, Beziehungen und sonstigen Qualifikationen?  Werde ich, wie schon so manches Mal auf die Nase fallen? Lohnen sich die Anstrengungen überhaupt?

Zur neurografischen Zeichnung, die ich am 2. Januar machte, stellte ich fest: Sie entbehrt der Leichtigkeit. Ich bin ja auch kein Jungspund mehr wie der Bube. Aber das will nichts bedeuten. Im Juli wird man sehen, was mit ihr noch weiter anzustellen ist und ob ich ein Stückchen mit der Selbstvergewisserung weitergekommen bin. Wenn nicht, kann ich ja dran arbeiten.

Bemerkenswert finde ich, dass mich genau diese Fragen gegen Ende Juni zu quälen begannen, so dass ich sie zum Thema einer neurografischen Zeichnung machte. Da sieht man mich, wie ich im linken Kreis meine Kräfte sortiere, um zum rechten Kreis – im Zentrum steht „Kreativität“ – vorzustoßen. Dafür musste ich zunächst einen Fluß überqueren („Vertrauen in die eingeborenen Kräfte“), den ich in eine grüne Wiese verwandelte, um leichten Fußes hinüberzuschreiten. Nach dem Zeichnen fühlte ich mich sehr zuversichtlich, aber inzwischen bin ich schon wieder ermattet.

Werde ich mich aufraffen – oder werde ich meine Ziele herabsetzen müssen und die Ausstellungen absagen? Das ist arg verführerisch, denn wer arbeitet schon gern bei der Julihitze, die man ja auch auf der Tarotkarte glühen sieht? Andererseits: Ich habe gute und gar nicht mal egoistische Gründe, diese Anstrengung zu unternehmen….Also sollte ich vielleicht an der Selbstvergewisserung arbeiten und Mut fassen?

Das wäre immerhin ein guter Vorsatz. Und so ermuntere ich mich mal wieder mit meiner Lebensdevise:

„Mut hat auch der kleine Muck“ (Wilhelm Hauff)

 

 

 

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