112 Stufen, 52: Verehrer (Penelopes Freier und Stefan George)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Ein griechisches Sprichwort besagt: „Möchtest du jemanden verehren, halte sich fern von ihm“. Das heißt ja wohl nichts anderes als: Mach dir was vor! Denn siehst du jemanden aus der Nähe, wirst du aufhören, ihn zu verehren. Du wirst ihn sehen,wie er in seinem Alltag ist. Vielleicht wirst du ihn lieben, vielleicht wird er dich enttäuschen, vielleicht ist er dir unverständlich oder auch gleichgültig.

Ich suche Nähe, nicht Ferne. Mich zieht es zum wirklichen Menschen, nicht zum idealen. Verehren ist nichts für mich.

Etwas anderes ist es, jemanden zu ehren. Da ist Nähe erwünscht. Ich ehre die gebrechliche Frau, indem ich ihr unter den Arm greife und ihr über die stark befahrene Straße helfe. Ich ehre den Lehrer, der Geduld mit mir hatte und meine kindliche Schutzlosigkeit nicht missbrauchte, durch meine Erinnerung. Ich ehre die Natur um mich, indem ich sie von Unrat befreie.

Verehrung braucht und erzeugt Abstand. „Verehrer“ einer Frau andererseits suchen nicht Abstand, sondern, in kaschierter Form, eine Nähe zu ihr, die ihrer „Ehre“ den Garaus machen soll, egal wie hübsch ihre verliebten Verse klingen mögen. Ein Klassiker: Faust verehrt Gretchen.

Während ich über „Verehrer“ sinniere, fallen mir die Verehrer der Penelope ein, die man gemeinhin die „Freier“ nennt: μνηστήρες (mnistires) auf griechisch. Verehrten sie die Frau des Odysseus? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ehrten sie sie? Nein. Sie schlemmten, verbrauchten ihr Erbe und bedrängten sie. Sie umwarben sie, um sie zu erwerben. Denn sie wollten sich die Königskrone von Ithaka aufsetzen – und das ging nur, wenn sie Penelopes „Ja“ erhielten.

Und die Dichter? Da fällt mir ein Buch ein, das mir einst ein Freund verehrte und das ich in Athen aufbewahre. Es ist hübsch aufgemacht und trägt den Titel: „Jean Paul – Ein Stundenbuch für seine Verehrer“. Stefan George (1868 – 1933) und Karl Wolfskehl (1869 – 1948) haben es 1901 herausgegeben und bevorwortet, Melchior Lechter (1865 – 1937) hat die grafische Gestaltung besorgt.

Abb aus dem internet

Stefan George verehrte nicht nur, er schuf vor allem einen Dunstkreis der Verehrung um sich selbst, der andere unterwarf, ausbeutete oder auf Distanz hielt.  Bei aller Hochachtung vor seiner dichterischen Leistung – ja, viele seiner Gedichte sind vortrefflich! – und seiner konsequenten Ablehnung der Verführungen durch die neue Machtelite Deutschlands bleibt mir sein elitärer Anspruch auf Verehrung zutiefst suspekt.

Nein, ich eigne mich nicht zum Verehren. Die Sehnsucht vieler Menschen nach verehrungswürdigen Vorbildern ist mir fremd. Ich bin, wie jedermann, von einer Mutter geboren, bin gut und schlecht. Menschen werde ich nie verehren, immer aber ehren, wie ich mich selbst ehre, in dem Maße wie ihnen und mir Ehre gebührt. („Die Würde des Menschen ist unantastbar“.)


Nun noch ein vortreffliches Gedicht von Stefan George, um ihn zu ehren. Freilich, auch hier wird seine Selbsterhöhung spürbar: er ist anders, feinsinniger als all die anderen, die nichts verstehen, nichts sehen und daher armselig dahinvegetieren.


Stefan George
Alles habend alles wissend seufzen sie:
>Karges leben! drang und hunger überall!
Fülle fehlt!<
Speicher weiss ich über jedem haus
Voll von korn das fliegt und neu sich häuft –
Keiner nimmt ..
Keller unter jedem hof wo siegt
Und im sand verströmt der edelwein –
Keiner trinkt ..
Tonnen puren golds verstreut im staub:
Volk in lumpen streift es mit dem saum –
Keiner sieht.

Der Stern des Bundes . 1. Auflage 1914

 

 

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Dienstags-Drabble: Der Stärkere hat immer recht (eine kata-strophische Fabel)

Dienstags-Drabble bei Heide von der Puzzleblume: Ein Text von hundert Wörtern –  unter Verwendung der Wörter waschen, Ungnade, fieberhaft und um es schwerer zu machen, kunstvoll gereimt -, das war die heute zu lösende Aufgabe. Ich machte daraus eine Fabel.

 

„Wasch mich, doch mach den Pelz mir nicht nass

Denn werde ich nass, darauf ist Verlass

So werd ich dich fressen

Hab eh nichts gegessen

Am heutigen Morgen.“

„Ich werde dich waschen mit trockenem Schwamm

ich werde dich kämmen mit goldenem Kamm

Ich bitte zum Bade

Nur keine Ungnade!

Werds dir schon besorgen.“

Sie kämmte und bürstete fieberhaft

Verbrauchte dabei ihre restliche Kraft

Der Pelz war zerzaust

Und übel verlaust

Sie machte ihn glatt.

Die Bepelzte beschaute stolz sich im Spiegel

Bestaunte sich selbst als bezaubernder Schniegel

Doch knurrte der Magen

Und ohne zu nagen

Verschlang sie gierig die Ratt.

 

Wer wars? Eine Bärin, eine Löwin, eine Katze? eine Eule? eine Hündin? eine Menschin? Wer weiß! Die Gesetze des Fressens und Gefressenwerdens sind im Tier- und Menschenreich so verschieden nicht.  „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, dichtete Bertold Brecht.

Die Schnipsel stammen von Jürgen Küster und Ulli Gau. Das zweite Legebild habe ich digital invertiert.

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112 Stufen, 51: überschwänglich (Gebrüder Grimm, R. M. Rilke, F. Wedekind)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Zu „überschwänglich“ oder „Überschwang“ wollte mir nichts Literarisches einfallen – nur Literatur- und Kunstkritik fiel mir ein. Es gibt da die, die erwähnen, dass xy ein literarisches Werk „überschwänglich gelobt“ habe (zu Recht? zu Unrecht?) und andere, die voll des Lobes für Künstler sind, deren Ausdruck einfach, sachlich und nicht „überschwänglich“ sei. Überschwänglich ist zwar was Gutes, aber auch und vor allem: zu viel des Guten. ..

Ich sah mich bemüßigt nachzusehen, woher dies Wort eigentlich stammt. Ich vermutete eine Eindeutschung von „enthusiastisch“, aber weit gefehlt! Es ist ein urdeutsches Wort, schon im Mittelalter nachgewiesen, damals aber wohl eher im Zusammenhang mit der Milchwirtschaft. Es hat den Beiklang von überfließen, überborden, Fülle.

Da fiel mir das Märchen vom süßen Brei ein, der „überschwänglich“ wurde und die ganze Stadt nährte – ob diese es wollte oder nicht.

Der süße Brei

Ein Märchen der Brüder Grimm
Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: „Töpfchen, koche“, so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: „Töpfchen, steh“, so hörte es wieder auf zu kochen.
Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, sooft sie wollten.
Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter: „Töpfchen, koche“, da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie, daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt’s die ganze Welt satt machen, und ist die größte Not, und kein Mensch weiß sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: „Töpfchen, steh“, da steht es und hört auf zu kochen, und wer wieder in die Stadt wollte, der mußte sich durchessen. (Quelle)
#

Die kommentierte und bebilderte Langfassung des Märchens findest du in diesem Blog unter dem Titel https://gerdakazakou.com/2015/07/27/ueberfluss/“Überfluss&#8220;.

***

Hier nun könnte der Eintrag enden. Aber der „Überschwang“ ist eben ein Zuviel-des- Guten, und so kann ich mich nicht stoppen. Und wenn du magst, frisst du dich bis zum Ende durch den süßen Brei hindurch.

***

Insgeheim hatte ich Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) im Verdacht, dass bei ihm das Wort „Überschwang“ vorkommen müsse. Und tatsächlich, ich wurde fündig.

Ach in der Kindheit, Gott: wie warst du leicht:
du, den ich jetzt von nirgend wiederbringe.
Man lächelte nach seinem Lieblingsdinge;
es rollte zu: da warst du schon erreicht.
Und nun mein Herr, wo reis‘ ich hin zu dir?
Wo fahr ich ein? Auf was für Berge steig ich?
Fragt einer dich: nach welcher Stelle zeig ich.
Wo weht dein Hain? Wo geht dein Tier?
Wo ist das Wasser neu, daß ich mir wasche
Gesicht, Geschlecht: ich war noch niemals rein.
Wo wandelst du Geweihtes um in Asche
mit deinem feuerigen Augenschein.
Reizt der Geruch von allen unsern Lastern
nicht deines Zornes Brunst. Was wartest du?
Was machst du nicht die Dringendsten zu Fastern
und schleuderst ihnen erst den Engel zu
wenn sie sich winden unter ihrem Blut?

Herr, sei nicht gut: sei herrlich; widerleg
das Hörensagen, das sie an dir rühmen:
zerbrich das Haus zerstör den Steg
und wälz ein Nest von Ungetümen
dem Flüchtling an den Nebenweg.

Denn so sind wir verkauft an kleine Nöte,
daß alle meinen Jahr um Jahr
wenn einer ihnen beide Hände böte
so wär ein Gott. Du Notnacht voller Röte,
du Feuerschein, du Krieg, du Hunger: töte:
denn du bist unsere Gefahr.

Erst wenn wir wieder unsern Untergang
in dich verlegen, nicht nur die Bewahrung,
wird alles dein sein: Einsamkeit und Paarung,
die Niederlage und der Überschwang.
Damit entstehe, was du endlich stillst,
mußt du uns überfallen und zerfetzen;
denn nichts vermag so völlig zu verletzen
wie du uns brauchst, wenn du uns retten willst.

Aus: Die Gedichte 1906 bis 1910 (Paris, Sommer 1909)

(Quelle: rilke.de)

Etwas Jugendbewegtes scheint mir dem „Überschwang“ anzuhaften. Bestätigt wurde dies durch ein Gedicht von Frank Wedekind (1864 – 1918) – dem Autor von „Frühlings Erwachen“ – das ich, wie das von Rilke, nicht in meinem Gedächtnis, sondern im internet fand.

Frank Wedekind

Auf eigenen Füßen – Donnerwetter

In der Jugend früh’ster Pracht
Tritt sie einher – Donnerwetter,
Nur von Eitelkeit erfüllt,
Das Herz noch leer – Donnerwetter,Ganz mit frühlingsfrischen Reizen
Angetan – Donnerwetter,
Und erblickt in allen Männern
Nur den Mann – Donnerwetter!Donnerwetter, zeigt der Gang,
Donnerwetter, Überschwang!
Donnerwetter, diese Glieder,
Donnerwetter, welch ein Fang!

Donnerwetter, erst im Traum,
Donnerwetter, gibt sie kaum
Ihrer Neigung hin und wieder
Etwas Raum – Donnerwetter!

Donnerwetter, aber plötzlich
Drängt die Leidenschaft zum Ziel.
Donnerwetter, hochergötzlich,
Donnerwetter, wird das Spiel!

Donnerwetter, sinkt zurück,
Donnerwetter, voller Glück
Sie zum ersten Male nieder,
Welch ein Blick – Donnerwetter!

Juchhei, hallo,
Wie fühlt die Maid sich froh!
Hallo, juchhei,
In ihres Lebens Mai!

Wenn auch der Mai mit Sturm begann,
Lustig geht’s fortan:
Heute mit den Fürstenkindern,
Morgen mit den Bürstenbindern.

Wild saust sie durchs Leben dann,
Donnerwetter, unter Jubel und Geschrei –
Juchhei!
Wie kühn sie’s ersann,
Wie klug sie’s gewann,
Voll Grauen erzählt’s so mancher Mann –
Donnerwetter!

Zitiert nach Gutenberg-DE

 

 

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Archivbild der Woche: 20. Juli 2019 (Schwager Dimitris, Nea Chalkidon, Julia)

Gestern kam ich nicht dazu, das Archivbild der Woche, das ich auf Anregung von Heide (Puzzleblume) jeden Sonntag heraussuche, zu posten. Tatsächlich fand ich so viele wichtige Erinnerungen unter diesem Datum, dass ich nicht weiß, was ich wählen soll. Am aufregendsten und vollgestopft mit Begegnungen und Erinnerungen war der 19. Juli 2019, den ich am 20. Juli dokumentierte.

Vormittags besuchten wir zum letzten Mal die Wohnung meines ein halbes Jahr zuvor verstorbenen Schwagers Dimitris: es galt, seine riesige Büchersammlung aufzulösen. Vorher war es die Wohnung meiner Schwiegermutter, die ich bei meinem ersten Besuch in Athen im Jahr 1970 kennengelernt hatte. Auch der kleine Bruder meines Mannes, mein damals 19jähriger Schwager Dimitris, wohnte dort und bereitete sich auf die Uni-Aufnahmeprüfungen vor …. Beim Sortieren seiner Hinterlassenschaften fand ich ein gefaltetes Blatt mit einem Portrait, dass ich von ihm gezeichnet hatte.

Das wäre eigentlich genug für einen Tag gewesen, doch gelangten wir auf der Suche nach  einem geeigneten Lokal, um zu Mittag zu essen, in die Wohngegend, in der wir nach meiner Übersiedlung nach Athen 1979 lebten. Der kleine Rundbalkon des Fotos verzauberte mich, als ich ihn eines Nachts bei der Wohnungssuche erblickte. Wenig später zogen wir ein. Wir bewohnten zuerst das Erdgeschoss, nach einem schweren Erdbeben zogen wir ins Oberstock. Insgesamt elf Jahre verbrachten wir hier.

IMG_8980An diesem 19. Juli 2019 bebte die Erde erneut, als wolle mich alles ans Vergangene erinnern.

Nach dem Essen machte ich mich auf den Weg nach Monastiraki, wo ich mit Julia vom „Athenmosaik“ verabredet war. Unterwegs zur U-Bahn beschaute ich ausgiebig meine alte Wohnumgebung. In einer Gasse versuchte ein Motorradfahrer, mir meine Umhängetasche zu entreißen…

Ich fuhr dann mit der Metro nach Monastiraki, war aber zu früh dran und suchte schattige Zuflucht in einer Kirche, die ich zeichnete…

wanderte dann zum „Turm der Winde,“ erinnerte mich an Ulli Gaus Besuch (Ullis Beschreibung hier) und zeichnete eine Ruine, bis Julia auftauchte.

Nach unserem gemeinsamen Bummel machten wir für Bloghausen ein Handyfoto. Damals, 2019, war Julia noch recht neu in Athen, inzwischen ist sie Mutter von zwei Kindern…

All dies und mehr erzählte ich in drei Blogeinträgen, am 20. Juli 2019 (hier, hier und hier). Was für ein Tag!

Und nun erinnere ich mich an diesen Tag, der selbst so viele Erinnerungen barg, und denke dankbar und bedauernd:  tempi passati.

 

 

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112 Stufen, 50: kribbeln (Theodor Fontane)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Kribbeln? na klar, das ist der Ton von Theodor Fontane. Er schrieb dieses famose Endzeitgedicht 1889, als das vorletzte Jahrhundert sich langsam zum Sterben hinlegte und die Menschen sich Sorgen machten, dass es nach dem Jahr 1900 nicht weitergehen würde. Keine Sorge! Es ist bisher immer weitergegangen, so Fontane: Nach jeder Katastrophe rappelt sich das Leben wieder auf und kribbelt und wibbelt weiter. Das finde ich eine recht tröstliche Einstellung, die jeder Endzeitstimmung den Garaus macht.

Ritter und Tod, Kugelschreiber-Kopie von Dürers „Ritter, Tod und Teufel“, digital bearbeitet

Theodor Fontane (1819-1898)

Es kribbelt und wibbelt weiter

Die Flut steigt bis an den Arrarat
Und es hilft keine Rettungsleiter,
Da bringt die Taube Zweig und Blatt –
Und es kribbelt und und wibbelt weiter.

Es sicheln und mähen von Ost nach West
Die apokalyptischen Reiter,
Aber ob Hunger, ob Krieg, ob Pest,
Es kribbelt und wibbelt weiter.

Ein Gott wird gekreuzigt auf Golgatha,
Es brennen Millionen Scheiter,
Märtyrer hier und Hexen da,
Doch es kribbelt und wibbelt weiter.

So banne dein Ich in dich zurück
Und ergib dich und sei heiter;
Was liegt an dir und deinem Glück?
Es kribbelt und wibbelt weiter.

Der Blumennarr und Dürers „Ritter, Tod und Teufel“ – Legebild-Collage

Die Tarotkarte des Narren symbolisiert den kribbelnden Neubeginn. Er marschiert nach rechts, Richtung Zukunft. Ritter-Tod-und-Teufel reiten nach links und werden in der Vergangenheit verschwinden…. bis sie erneut am rechten Bildrand auftauchen und uns entgegenreiten….

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112 Stufen, 49 Leidenschaft (Marie von Ebner-Eschenbach)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Sehr zwiespältig stehen die Dichter den Leidenschaften gegenüber. Sie fürchten sie und sie rufen sie an, als seien es Geister aus der Unterwelt. So dichtete Stefan Zweig in seiner Novelle „Der Amokläufer“ (1922), die 1931 als Volksausgabe im Inselverlag eine Auflage von 150 000 erreichte (und wenig später verbrannt wurde):

Isolde (Hedonie), Luise (Traumwesen), Danai (kniend) und Wilhelm (gestürzt) – Szene aus dem „Kleinen Welttheater“, Legebild

Stefan Zweig

Tu auf dich, Unterwelt der Leidenschaften:
Gestalten ihr, geträumt und doch empfunden,
lasst eure Lippen heiß an meinen haften,
trinkt Blut von Blut und Atem mir vom Munde!

Brecht vor aus euren Zwielichtfinsternissen
und schämt euch nicht der Qual, die euch umschattet!
Wer Liebe liebt, will nicht ihr Leiden missen,
was euch verstört, ists, was mich zu euch gattet.

Nur Leidenschaft, die ihren Abgrund findet,
lässt deine letzte Wesenheit entbrennen,
nur der sich ganz verliert, ist sich gegeben.

So flamm dich auf! Erst wenn du dich entzündet,
wirst du die Welt in deiner Tiefe kennen:
Erst wo Geheimnis wirkt, beginnt das Leben.

Tatsächlich können große Leidenschaften … Krankheiten ohne Hoffnung genannt werden. Was sie heilen könnte, macht sie erst recht gefährlich. So urteilte Goethe (Ottilies Tagebuch in Wahlverwandtschaften, 1809).

Wie Stefan Zweig zur geschilderten Leidenschaft seines Helden stand, kann ich nicht wissen. Genauso wenig weiß ich, ob Goethe mit seiner Heldin Ottilie übereinstimmt, vermute es aber, denn die „Wahlverwandtschaften“ schrieb er als abgeklärter Mann, der den Tollheiten des Werther höchst kritisch gegenüber stand. Ganz anders steht es mit Else Lasker-Schüler (1869 – 1945), die ihre eigenen Leidenschaften unermütlich in großartig-unterweltlichen Bildern vor unserer erstaunten Seele entfaltet.

Else Lasker-Schüler

Sinnenrausch

Dein sünd’ger Mund ist meine Totengruft,
betäubend ist sein süßer Atemduft,
Denn meine Tugenden entschliefen.
Ich trinke sinnberauscht aus seiner Quelle
und sinke willenlos in ihre Tiefen,
verklärten Blickes in die Hölle.

Mein heißer Leib erglüht in seinem Hauch,
er zittert, wie ein junger Rosenstrauch,
geküsst vom warmen Maienregen.
– Ich folge dir ins wilde Land der Sünde
und pflücke Feuerlilien auf den Wegen,
– wenn ich die Heimat auch nicht wiederfinde…

Nun habe ich aber weder Stefan Zweig noch Goethe noch auch Else Lasker-Schüler gewählt, um die Stufe „Leidenschaft“ zu vertreten. Stattdessen wählte ich eine Frau, die, unendlich weit vom unterweltlichen Irrsinn der Leidenschaften entfernt, sich im Leben und in der Dichtung um schönes Gleichmaß bemühte. Soviel ich weiß, fröhnte sie nur einer Leidenschaft: dem Sammeln von Uhren.

Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), wie Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) aus altem Adelsgeschlecht, beschritt ihren eigenen Weg in die Emanzipation und schaffte es schließlich, als „Dichter“ anerkannt zu werden. Schon mit 18 Jahren heiratete sie ihren 15 Jahre älteren Vetter – da blieb für Elses „Sinnenrausch“ nicht viel Raum. Aber sie blieb auch nicht, wie Annette, in der familiären Abhängigkeit stecken. Dafür sorgte sie, indem sie, gegen den Zeitgeist, eine Ausbildung zur Uhrmacherin absolvierte und in ihrer ersten großen Erzählung  „Lotti, die Uhrmacherin“ (1880) ein Handwerk und technische Wunderwerke zu Helden erhob.

Zum Glück ist diese Novelle im Projekt Gutenberg erschienen, und so kann ich euch Fräulein Lotti im Originalton vorstellen, genauso wie sie Marie von Ebner-Eschenbach damals, im Jahr 1880, vor Augen stand. Schon in diesem ersten Abschnitt wird klar, welcher Art Lottis Leidenschaft (und die der Autorin) ist:

Fräulein Lotti war soeben erwacht. Die Repetieruhr, die an einem zart geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des altertümlichen, reich geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem Klange sechsmal an. Gleich darauf begann die deutsche Stockuhr, eine solide Arbeit Meister Anton Schreibelmeyers, von der Kommode am Pfeiler aus, die Morgenstunde zu verkünden. – Auf! auf! befahl ihre gebieterische Stimme, an die Arbeit! der Tag beginnt! – Ihre Glocken hatten kaum ausgezittert, als auch schon die französische Wanduhr, in aller Bescheidenheit, eilig und leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig ich’s an.

Eine kleine Pause – und am linken Kopfende des Bettes erhob das Seitenstück der Repetier-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein Schäferliedchen zum besten, so lieblich, als hätten kleine Engel es gesungen.

Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Konzerte, das ihre Uhren abhielten, und hätte in den Schlußgesang beinahe mit eingestimmt, so fröhlich war ihr zumute. An dem Lichte, das durch die herabgelassenen Vorhänge in das Zimmer drang, erkannte sie, daß es heute einen schönen Tag gebe – war das nicht genug, um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum Überströmen zu bringen?

Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfältig zwar, aber ohne dabei mehr, als durchaus nötig war, in den Spiegel zu sehen, denn – sie war sich kein angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie ihren Mangel an Schönheit gar schmerzlich und fast wie eine Schmach empfunden, war freilich vorbei. Jetzt, mit fünfunddreißig Jahren als ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie längst aufgehört, ihr Äußeres gehässig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte Fünkchen Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur in dem Gedanken aussprach: Es ist ein Glück, daß ich anderen anders vorkomme als mir selbst, sonst könnte mich niemand leiden.

Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf- in das Wohnzimmer. Es war ein trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen kleinen Platz sah – einen sehr kleinen, denn er wurde von nur vier Häusern gebildet; doch war er luftig und hell und gewährte den Anblick eines beträchtlichen Stückes Himmel, was gewiß kein geringer Vorzug war. Es will etwas heißen, im Herzen der Zivilisation zu wohnen, im Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom Dome, den zu sehen viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und dabei von seinem Fenster aus Wetterbeobachtungen fast wie Knauer und das Studium des Sternenlaufes fast wie ein Chaldäer betreiben zu können, Wolken und Vögel ziehen und der Sonne und dem Mond ins Gesicht zu sehen….

Ja, ja, es liest sich gut, man möchte weiterlesen und nicht aufhören und erfahren, wie diese durchaus unschöne Jungfer ihr Herz gelehrt hat, das Leben auf eine solid-leidenschaftliche Weise zu lieben und ihm eine stabile Basis zu geben, weit stabiler, als es der vorübergehende Sinnesrausch vermag.

Bleistiftzeichnung mit Uhr und Eulen

 

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112 Stufen, 48: Anziehung (Annette von Droste-Hülshoff)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Vorhin zitierte ich Anais Nin: „Die stummen Frauen der Vergangenheit, die sich wortlos hinter ihren unausgesprochenen Gefühlen verbergen, und die Frauen von heute, die ganz in der Aktion aufgehen und den Mann kopieren. Und dazwischen: ich.“  

Waren sie aber alle so wortlos, die Frauen von damals? O nein. Es gab kräftige Stimmen, die in schwachen Körpern und unter schwierigen Familien- und Zeitverhältnissen lebten. Das Handeln war ihnen versagt, nicht aber die Stimme – zumindest nicht vollkommen.

Annette von Drosten-Hülshoff (1797-1848) war eine von diesen Stimmen, die sich beharrlich und gegen Widerstände zu Worte meldete und sich schließlich auch Gehör verschaffte. Berühmt würde sie zu Lebzeiten nicht werden, das war ihr klar, und es kümmerte sie wenig. In „hundert Jahren“ aber, da war sie sich sicher, würde man ihre Dichtung noch lesen.

Hundert Jahre nach ihr lebte Anais Nin, die ohne diese klaren Stimmen früherer Frauen niemals hätte hinaufgelangen können zu ihrer Form der Selbstverwirklichung, in der sie sich distanziert von den Frauen von heute, die ganz in der Aktion aufgehen und den Mann kopieren; und Anais, in den zwanziger Jahren mit ihrer radikalen sexuellen Befreiung, ist wiederum eine Stufe, die uns im folgenden Jahrhundert zu der Stufe weitertrug, auf der wir Heutigen immer noch mit denselben Dämonen um ein selbstverwirklichtes Leben ringen.

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An ***
Kein Wort, und wär’ es scharf wie Stahles Klinge,
Soll trennen, was in tausend Fäden Eins,
So mächtig kein Gedanke, daß er dringe
Vergällend in den Becher reinen Weins;
Das Leben ist so kurz, das Glück so selten,
So großes Kleinod, einmal sein statt gelten!


Hat das Geschick uns, wie in frevlem Witze,
Auf feindlich starre Pole gleich erhöht,
So wisse, dort, dort auf der Scheidung Spitze
Herrscht, König über Alle, der Magnet,
Nicht frägt er ob ihn Fels und Strom gefährde,
Ein Strahl fährt mitten er durchs Herz der Erde.


Blick’ in mein Auge – ist es nicht das deine,
Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich?
Du lächelst – und dein Lächeln ist das meine,
An gleicher Lust und gleichen Sinnen reich;
Worüber alle Lippen freundlich scherzen,
Wir fühlen heilger es im eignen Herzen.


Pollux und Castor, – wechselnd Glühn und Bleichen,
Des Einen Licht geraubt dem Andern nur,
Und doch der allerfrömmsten Treue Zeichen. –
So reiche mir die Hand, mein Dioskur!
Und mag erneuern sich die holde Mythe,
Wo überm Helm die Zwillingsflamme glühte.

*** Levin Schücking (1814-1883) behauptete, er sei der Addressat dieses Gedichts gewesen, aber das wird heute mit guten Gründen bezweifelt (siehe hier). Es ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich wurscht. Denn es geht im Gedicht ja viel grundsätzlicher um die „Anziehung“ zwischen Mann und Frau. Und die hat diese zarte, kleinwüchsige, durch Zeitumstände, Familientradition und Krankheiten eingeschränkte, aber höchst mutige, klarsichtige Dichterin in überpersönlicher Weise angesprochen: Im Dualismus der Geschlechter lebend, gesellschaftlich auf zwei „starre Pole“ verteilt, gibt es doch eine unwiderstehliche Macht, „König über alle“, „Magnet“, der die Scheidung aufhebt und das Widerstrebende zusammenzwingt. Wenn der „Strahl mitten durchs Herz der Erde fährt“, dann wird der eine zum Zwilling und Spiegelbild des anderen, und anstatt (als Frau oder Mann) zu „gelten“, dürfen wir ganz „sein“. 

Das für mich schönste ihrer Gedichte ist „am Thurme„. Da ist die ganze Sehnsucht nach einer nicht mehr auf die männlich-weiblichen Pole verteilten, sondern in einem freien wilden Sein zusammenklingenden menschlichen Seelenanteile ganz wunderbar zum Ausdruck gebracht worden.

Am Turme

Ich steh’ auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und laß’ gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh’ ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch,
Und glänzende Flocken schnellen.
O, springen möcht’ ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh’ ich ein Wimpel wehn
So keck wie eine Standarte,
Seh auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen,
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöwe streifen.

Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar,
Und lassen es flattern im Winde!

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Geschlechterturm in der Mani

 

zitiert nach wikipedia

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112 Stufen, 47: aufblühen (Anais Nin)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Hedonie“, Legebild

Beim Betreten der ersten Stufe des vierten Abschnitts der Holsteiner Brücke („erlauben“) habe ich mir erlaubt, an anderes zu denken und anderes zu tun. Beherzt steige ich weiter zur zweiten, oder insgesamt 47. Stufe der Treppe: „Aufblühen“. Da kam mir ein viel zitierter Satz von Anais Nin (1903-1977) ins Gedächtnis. Nicht, dass ich eine großartige Kennerin ihrer Tagebücher wäre – nein. Denn die wurden, wenngleich schon ab 1931 datiert, erstmals ab 1971 auf deutsch ediert – und da war ich schon lange keine Knospe  mehr und brauchte keine Hinweise auf die Notwendigkeit aufzublühen. Ich war in der Lebensphase der jungen berufstätigen Ehefrau und Mutter, deren Hauptsorge war, wie sie das alles unter einen Hut bringen konnte.

Das Zitat kursiert bis heute und hat zahlreiche Frauen motiviert, es zu kommentieren und mit Blumenfotos garniert ins Netz zu stellen.

*

Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko, zu blühen.

*

Nun fand ich ein zweites Zitat (hier: Anais Nin), dem ich viel abgewinne, ohne deshalb wie die Anais leben zu müssen.

»Was ich zu sagen habe, unterscheidet sich von Kunst und Künstlertum. Es ist die Frau, die spricht. Und es ist nicht nur die Frau Anais, vielmehr habe ich für viele Frauen zu sprechen. Während ich mich selbst entdecke, fühle ich, daß ich nur eine von vielen bin … Die stummen Frauen der Vergangenheit, die sich wortlos hinter ihren unausgesprochenen Gefühlen verbergen, und die Frauen von heute, die ganz in der Aktion aufgehen und den Mann kopieren. Und dazwischen: ich.«

„Hedonie“, interviewt von Dora, Legebild auf Gemälde, digital bearbeitet

 

 

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Ausstellung in Yioryitsa’s Backyard, Kardamili: Aufbauen, Eröffnen

Geschafft! Die Ausstellung ist aufgebaut und eröffnet, und geschafft bin auch ich, denn der gestrige Tag war zwar sehr schön, aber auch anstrengend.

Am Morgen schleppte ich die ausgewählten Bilder aus dem Atelier imUntergeschoss ins Auto, dazu auch Badesachen, Kleidung zum Wechseln und andere Dinge, die womöglich nützlich sein könnten. Dann gings in Begleitung meines Mannes los, über die sehr geliebte Gebirgsstrecke ins etwa 60 km entfernte Kardamili. Die Taverne, wo die Ausstellung stattfindet, liegt in einer engen Gasse – keine Zufahrt. Also galt es, die Bilder vom Auto zur Taverne zu schaffen. Diesmal hatte ich Hilfe.

Und nun: hängen. Doch wo? Nägel gabs nur drei, und neue Nägel sollten auch nicht eingeschlagen werden. Die Wirtin ging sehr kundig und sinnvoll vor, trug selbst Bilder herum, und so brachten wir tatsächlich die meisten Bilder unter. Ein paar blieben als Reserve im Stauraum.

Es ist eine schöne Ausstellung geworden – unkonventionell in der Hängung und passend zum Sammelsurium meiner Bilder, die ja aus ganz verschiedenen Epochen stammen. Jedes Bild hat sein eigenes besonderes Umfeld, das sich mit dem Bild zu einer Einheit verbindet. Die Gäste können die Bilder betrachten, haben eins oder das andere im Blickfeld, sind aber zu nichts gezwungen. Sie kommen ja nicht, um Bilder zu betrachten, sondern um sich mit Freunden zu treffen, gut zu speisen und sich zu unterhalten.

Nach dem Hängen – es war inzwischen zwei Uhr und sommerlich heiß – wollten wir zurück nach Haus fahren, um uns vor der abendlichen Eröffnung auszuruhen. Doch auf dem Weg zum Auto trafen wir einen alten Bekannten, ehemals Prof in Australien, jetzt Betreiber eines kleinen ökologischen Ladens, kamen ins Gespräch und landeten schließlich in seinem Gästezimmer, um dort unsere Siesta zu halten. Eine zauberhafte Wohnung von konsequenter Einfachheit.

Nach der Siesta ging ich schwimmen, duschte, und dann tranken wir noch einen Kaffee auf dem Dorfplatz, gleich neben dem Springbrunnen, der uns und einer Ringeltaube ein wenig Kühlung schenkte.

Dann noch mal umziehen (das Kleid stammt aus einer fair-trade-Fabrik in Nordindien, eine Freundin handelte mit diesen Sachen) und ab zur Ausstellung. Wir setzten uns an einen Tisch in der Gasse und aßen ausgezeichnet. Ein befreundetes Paar kam mit seinen zwei Hunden vorbei, und so war auch für Unterhaltung gesorgt.

Die eigentlich geplante Vorstellung und kleine Ansprache entfiel – vermutlich war zu viel Arbeit in der Küche -, so dass die Idee hinter der Ausstellung nicht erwähnt wurde. Egal. Ich freue mich, dass meine Bilder eine so freundliche Aufnahme gefunden haben und nun für zehn Tage das Licht der Sonne und der elektrischen Beleuchtung auf sie fällt.

Noch ein letztes Abschiedsfoto, und zurück gings über die nächtlichen Berge.

Das wars erst mal. Mal sehen, was sich noch ergibt.

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Portraitieren in der Galerie, Kalamata

Unsere Zeichengruppe traf sich heute anlässlich einer Fotoausstellung eines befreundeten Fotografen in der ausgezeichneten Galerie a49 in Kalamata, um nach Modell zu zeichnen. Als erstes beschaute ich mir die Ausstellung mit eindruckvollen Portrait- und Milieustudien des Fotokünstlers Manolis Jannios.  Obgleich er sich nur im Rollstuhl fortbewegen kann, ist er voll ins Kunstleben der Stadt integriert. Das Portraitfoto zeigt die Galeristin.

Dann machte ich ein paar Lockerungsübungen mit Bleistift im Blog. Niemand saß Modell, also zeichnete ich die anderen Zeichner.

Schließlich begriff ich, dass es in dieser locker unorganisierten Weise weitergehen würde, und setzte das Zeichnen mit Kohle auf großem Zeichenkarton fort. Die drei ersten merkten nichts davon, dass ich sie zeichnete. Die Vierte saß zwar Modell, doch bewegte sie sich nach Belieben und unterhielt sich, was beim Portraitieren eine ziemliche Herausforderung ist.

Es hat mir Freude gemacht, aber ich bin nun doch ziemlich erschöpft. Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden, zumal es meinen Ruf als Zeichnerin in diesem erweiterten Kreis von Künstlern und Kunstbeflissenen gefördert hat. Morgen muss ich nun meine eigene Ausstellung in Kardamili aufbauen, am Abend ist die Eröffnung. Da werde ich kaum zum Bloggen kommen.

 

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