Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Gestern öffnete der verhinderte Dichter Balduin Bählamm spaltbreit ein Erinnerungskästchen, heute darf er das Wort „schmachten“ vertreten. Wilhelm Buschs Dichter-Kreatur, der arme Poet, dem die krude Realität so böse Streiche spielt und der seine heilige Pflicht dennoch keinen Augenblick verrät, muss hier einfach einmal in Erscheinung treten. Denn um Dichtung handelt es sich ja bei diesem Treppenaufstieg vor allem. Möge der Mond der Poeten auch mir die Stufen beleuchten!
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Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich, Das Dörflein ruht im Mondenschimmer, Der Dichter aber schwärmt und dichtet.
![]() Illustration der Szene durch Wilhelm Busch O weh! Balduin Bählamm schwärmt, aber er schmachtet nicht! Da hat mich mein Gedächtnis doch glatt betrogen. Wieder muss ich Balduin zurück in den Erinnerungskasten sperren (ja, dem Armen gelingt wirklich gar nichts!) und jemand anderen hier hersetzen. Doch wen? Da fällt mir ein: Es gibt doch noch andere als die ewig unglücklich-glücklich verliebten Poeten, die schmachten! Die Erde! Das Vieh! Sie schmachten nach Regen. Ich weiß, ihr schmachtet grad nach Sonne, bei uns aber, hier im mediterranen Raum, ist es der Regen, der fehlt. Und so singe ich auf dieser Stufe aus vollem Halse das Regenlied von Matthias Claudius (1740-1815). Der Dichter stammte aus Holstein, starb schließlich in Hamburg – dürfte sich also mit Regen bestens auskennen. Und doch! Christiane hat dies Lied auch schon mal veröffentlicht, und zwar am 25. Juli 2022 (hier), denn vor drei Jahren jammerten sogar die Hamburger, dass es zu trocken sei. Ich sags ja: Das Wetter ist mal so, mal anders! Ein Lied um Regen
![]() „Schamanischer Regen“, neurografische Zeichnung
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Und der Komponist des Liedes? Das war Ralph Erwin (1896-1943), eigentlich Erwin Vogl, Pseudonym Harry Wright – auch er Jude und Kind der Habsburger Monarchie, allerdings der Peripherie (Österreich-Schlesien): Sein Leben war noch weit turbulenter als das des Texters: Er wurde als jugendlicher Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, studierte dann Musik in Wien, ging Ende der 20er Jahre nach Berlin, wo er die Musik für die bekanntesten damaligen Filme schrieb – und eben auch dies „Ich küsse ihre Hand, Madame“ für den gleichnamigen Stummfilm von 1929 mit Marlene Dietrich. Richard Tauber sang darin das Lied für den Hauptdarsteller. Er schrieb für zahlreiche deutsch-französische Koproduktionen vor allem Tango und Foxtrott. 1933 musste auch er die Koffer packen. Er emigrierte nach Frankreich, wurde nach dem deutschen Einmarsch interniert und nach Dancy verschleppt. Seine Frau konnte ihn befreien. Er versteckte sich, starb 1943 an einem Bauchschuss (von wem?).
Und der Sänger des Liedes, Richard Tauber (1891-1948)? Auch er war Österreicher, in Linz unehelich geboren von einer römisch-katholischen Soubrette, deren Namen Denemy er zunächst trug. Sein Vater Richard Tauber, zum Katholizismus konvertierter Jude und Intendant an der Oper von Chemnitz legalisierte ihn später. Gefördert von seinem Vater, bei dem er seit 1903 lebte, studierte er Musik und hatte sein Debüt 1913 in Chemnitz mit dem Tamino (Zauberflöte)…..Mit dem Lied „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehárs Operette Das Land des Lächelns wurde Tauber zum Weltstar. … 1933 wurde er von SA-Horden in Berlin als „Ludenlümmel“ angegriffen. 1938 nach dem Anschluss Österreichs machte eine Welttournee und ließ sich schließlich in London nieder, wo er sich vor allem dem Komponieren und Dirigieren widmete und häufig in der Truppenbetreuung auftrat. Er erhielt die britische Staatsbürgerschaft und starb 56jährig, hoch geehrt, 1947 an Lungenkrebs.


