112 Stufen, 57: schmachten (Matthias Claudius)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Gestern öffnete der verhinderte Dichter Balduin Bählamm spaltbreit ein Erinnerungskästchen, heute darf er das Wort „schmachten“ vertreten. Wilhelm Buschs Dichter-Kreatur, der arme Poet, dem die krude Realität so böse Streiche spielt und der seine heilige Pflicht dennoch keinen Augenblick verrät, muss hier einfach einmal in Erscheinung treten. Denn um Dichtung handelt es sich ja bei diesem Treppenaufstieg vor allem. Möge der Mond der Poeten auch mir die Stufen beleuchten!

Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich,
So treffend, weil es rund und weich –
Wer wäre wohl so kaltbedächtig,
So herzlos, hart und niederträchtig,
Daß es ihm nicht, wenn er es liest,
Sanftschauernd durch die Seele fließt? –

Das Dörflein ruht im Mondenschimmer,
Die Bauern schnarchen fest, wie immer.
Es ruhn die Ochsen und die Stuten,
Und nur der Wächter muß noch tuten,
Weil ihn sein Amt dazu verpflichtet,

Der Dichter aber schwärmt und dichtet.

 

Illustration der Szene durch Wilhelm Busch

O weh! Balduin Bählamm schwärmt, aber er schmachtet nicht! Da hat mich mein Gedächtnis doch glatt betrogen. Wieder muss ich Balduin zurück in den Erinnerungskasten sperren (ja, dem Armen gelingt wirklich gar nichts!) und jemand anderen hier hersetzen. Doch wen?

Da fällt mir ein: Es gibt doch noch andere als die ewig unglücklich-glücklich verliebten Poeten, die schmachten! Die Erde! Das Vieh! Sie schmachten nach Regen. Ich weiß, ihr schmachtet grad nach Sonne, bei uns aber, hier im mediterranen Raum, ist es der Regen, der fehlt. Und so singe ich auf dieser Stufe aus vollem Halse das Regenlied von Matthias Claudius (1740-1815). Der Dichter stammte aus Holstein, starb schließlich in Hamburg – dürfte sich also mit Regen bestens auskennen. Und doch!

Christiane hat dies Lied auch schon mal veröffentlicht, und zwar am 25. Juli 2022 (hier), denn vor drei Jahren jammerten sogar die Hamburger, dass es zu trocken sei. Ich sags ja: Das Wetter ist mal so, mal anders!

Ein Lied um Regen

Der Erste:
Regen, komm herab!
Unsre Saaten stehn und trauern,
Und die Blumen welken.
Der Zweite:
Regen, komm herab!
Unsre Bäume stehn und trauern!
Und das Laub verdorret.
Der Erste:
Und das Vieh im Felde schmachtet,
Und brüllt auf zum Himmel.
Der Zweite:
Und der Wurm im Grase schmachtet,
Schmachtet und will sterben.
Beide:
Laß doch nicht die Blumen welken!
Nicht das Laub verdorren!
O, laß doch den Wurm nicht sterben!
Regen, komm herab!

 

 

„Schamanischer Regen“, neurografische Zeichnung

 

Das Gedicht steht im „Wandbecker Boten“. Ich zitiere nach dem wunderbaren Projekt Gutenberg, das mir viele mir sonst schwer zugängliche Texte frei Haus liefert. Für die literaturgeschichtlichen Hintergrundinformationen verlasse ich mich mal wieder auf Wikipedia:

„Der Wandsbecker Bothe war die von Heinrich Carl von Schimmelmann in Wandsbeck (bis zum Jahre 1879 noch mit „ck“ geschrieben, heute: Wandsbek) herausgegebene Zeitung, die als Nachfolgerin des populären Wandsbecker Mercurius von 1770 bis 1775 von Matthias Claudius als einzigem Redakteur geschrieben wurde.“ 

 

 

 

 

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Archivbild der Woche: Kleiner Harfe Zitterklänge (27.7.2017)

Am 27.7.2017 machte ich eine Zeichnung, die ich langsam verwandelte und dazu auch einen kleinen Text schrieb. Den Eintrag fand ich heute, als ich, der Aufforderung von Heide von der Puzzleblume folgend, mich hinab in die Archive begab. Ich weiß, es soll immer nur ein Bild veröffentlicht werden – aber wäre es nicht schade um die Verwandlungen und den Text, an den sich nach acht Jahren sicher niemand mehr erinnert? Hier also: Es beginnt mit einer Kohlezeichnung auf Papier von der Rolle.

Kleiner Harfe Zitterklänge …

wuchsen Flügel, wollten fliegen …

fielen auf das Wasser nieder …

trübten es mit feinen Rinnen

Kam ein Schneider, trug sie fort.

Dachte sich ein Kleid zu machen

aus den Zitterharfen-Klängen

doch in seinen groben Händen

klumpten sie und welkten hin

Rötlich wurde das Gewebe

wie die Blätter, wenn im Herbste

in das Laub die Stürme fegen

und es von den Bäumen reißen

hierhin, dorthin, zu dir hin.

Lieber Random, du hast am 13. Juli dieses Jahres unter https://randomrandomsen.wordpress.com/2025/07/13/ eine  „Wassermusik“ gepostet, die mir gerade recht kommt.

Algues
Bernard Andrès

Ich fand noch eine andere, sehr kraftvolle Interpretation der Suite durch Oboe und Harfe.

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112 Stufen, 56: Verlieben (Joseph Freiherr von Eichendorff)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Verliebtsein ist fast wie das Zahnweh des verhinderten Dichters Balduin Bählamm, nur schöner

Wilhelm Busch:

Und aus ist’s mit der Weltgeschichte,
Vergessen sind die Kursberichte,
Die Steuern und das Einmaleins.
Kurz, jede Form gewohnten Seins,
Die sonst real erscheint und wichtig,
Wird plötzlich wesenlos und nichtig.

Joseph Freiherr von Eichendorff hat den Zustand der Verliebtheit wunderbar in Worte gefasst: die Welt ist ganz und gar verzaubert, wenn das Herz verliebt ist, und nichts, nichts anderes als das geliebte Du kann Anspruch auf Aufmerksamkeit erheben.

 

Sehnsucht nach dem Geliebten (Legebild mit Ulli Gaus Schnipseln)

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)

Glück

„Wie jauchzt meine Seele
Und singet in sich!
Kaum, dass ich’s verhehle
So glücklich bin ich.

Rings Menschen sich drehen
Und sprechen gescheut,
Ich kann nichts verstehen,
So fröhlich zerstreut. –

Zu eng wird das Zimmer,
Wie glänzet das Feld,
Die Täler voll Schimmer,
Weit herrlich die Welt!

Gepresst bricht die Freude
Durch Riegel und Schloss,
Fort über die Heide!
Ach, hätt ich ein Ross! –

Und frag ich und sinn ich,
Wie so mir geschehn?: –
Mein Liebchen herzinnig,
Das soll ich heut sehn.“

fröhlich-verliebtes Scherbenmännchen

Dieses Gedicht führt zurück auf die erste Stufe der Holsteiner Treppe: „Glück“. Das war Goethe der glücklich Verliebte (hier). Aber halt! Ich werde doch nicht etwa wieder zum Anfang zurückkehren? Was wartet denn auf der nächsten Stufe auf mich?

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Ausstellung fortgesetzt (2)

Auch heute wechselte ein großes Bild die Besitzerin, und ich eilte hocherfreut zur Ausstellung, um Ersatz zu bringen. Witzig und irgendwie auch typisch war, dass sich eine Frau, die mich die Tänzerinnen zum Auto tragen sah, anhielt und hoch interessiert war, es zu erwerben… Dasselbe ist mir bei anderen Ausstellungen passiert: kaum verkauft man mal was, gibt es Anwärter auf dasselbe Bild.

Die Tänzerinnen gehen nach Paris, das Männerportrait geht nach England. Als Ersatz brachte ich ähnliche Motive aus der gleichen Epoche in gleicher Größe mit. Nun bin ich gespannt. ob sich dafür auch noch Liebhaber finden…

 

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112 Stufen, 55: Zuneigung (Joachim Ringelnatz)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Michael Lentz (Bachmann-Preisträger von 2001) : „Zuneigung ist das Wort. Das lange gesuchte. Das verlorene. Zuneigung ist eine verkürzte Zueignung. Ich neige dir zu, könnte auch ein Schiefstand sein. …Ich empfinde unter dem Wort Zuneigung etwas Umfassendes. Ganz zugeneigt. Unberührbar und triebhaft zugleich.“ (Quelle)

Goethe oder Ringelnatz? „Zueignung“ oder „Ich hab dich so lieb“?

„Empfange hier, was ich dir lang bestimmt!

Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,

Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:

Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,

Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.“

(aus Johann Wolfgang von Goethe, „Zueignung“, Gedichte, Ausgabe letzter Hand 1827)

oder

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Dazwischen scheinen Welten zu liegen. Doch ist es die Dame Poesie, die beiden die Worte eingibt, um ihrer Zuneigung bzw Zugeneigtheit Ausdruck zu geben: Die aber ist „unberührbar und triebhaft zugleich“, wie Michael Lentz sagt (s.o.), gedeiht am besten bei zugeneigter Distzanz. Das Geliebte wird umso liebenswerter, als es in der Ferne verschwindet. Was bleibt? Joachim Ringelnatz sagt es: „Wir können nicht bleiben“.

Joachim Ringelnatz

Ich habe dich so lieb (1928)

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zumut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
an einem Sieb

Ich habe dich so lieb.

Eine eindrucksvolle Rezitation fand ich hier!

Malerei mit Pigmenten und Kleister auf Pappe, Bildausschnitt.

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Neues von der Ausstellung

Vorgestern war ich erneut nach Kardamili gefahren, um nach dem Rechten zu sehen. Ich brachte ein großes vielfigüriges Frauenbild und zwei Dossiers mit – eins enthielt Zeichnungen, das andere frühe Aquarelle, die ich im Stauraum deponierte. Für alle Fälle, man weiß ja nie.

Gestern nun wurde ich gleich fünf Blätter aus den Dossiers und das große Gemälde los! Und ich erfuhr so ein weiteres Mal, dass für die meisten Menschen Bilder in Mappen leichter zugänglich sind als die an der Wand.

Es gab auch für das Männerportrait eine ernsthafte Nachfrage. Vielleicht wirds ja auch damit noch was.

Heute fahre ich wieder hin, um Ersatz für die nun fehlenden Bilder hinzubringen. Man muss das Glück am Schwanze packen, so wie hier Meister Tschinn, der Kairos (den Gott der Gelegenheit) am Schwanze packt.

Szene aus dem „Kleinen Welttheater“, Legebild auf Aquarell,

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: der Feigenkaktus

Diese Rubrik kommt momentan viel zu kurz. Dabei ist die sommerliche Zeit reich an Lustbarkeiten, und sei es nur, im Schatten des riesigen Feigenkaktus‘ zu sitzen und seinen Verzweigungen mit dem Blick zu folgen. Da entdeckt man nämlich eine Menge witziger Figuren, Männlein, Weiblein und Kinder – ganz ähnlich denen, denen ich in meinen Legebildern Gestalt gebe.

Man sieht die Figuren besser, wenn man sich auf kleinere Abschnitte der Gesamtskulptur konzentriert.

Zwei habe ich digital grob ausgeschnitten, das macht sie erkennbarer, aber im Grunde gefallen sie mir besser, wenn sie nicht so nackt und „ohne was darum“ herumstehen.

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112 Stufen, 54: tanzen (Kinderlied, anonym)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 \language "deutsch" \relative f' {\key f \major \time 2/4 \autoBeamOff f8 f f g a a a a g f g a f4 f \break a8 a a b c c c c b a b c a4 a \break c8 c c c d d d4 b8 b b b c c c4 \break f,8 f f g a a a a g f g a f4 f \bar "|." } \addlyrics { Auf der Mau -- er, auf der Lau -- er sitzt ’ne klei -- ne Wan -- ze. Auf der Mau -- er, auf der Lau -- er sitzt ’ne klei -- ne Wan -- ze. Seht euch nur die Wan -- ze an, wie die Wan -- ze tan -- zen kann! Auf der Mau -- er, auf der Lau -- er sitzt ’ne klei -- ne Wan -- ze. }

Foto-Zeichnung-Collage von Wanzen

Sicher kennst du das Lied und warst wie ich als Kind eifrig bemüht, ja keinen Fehler beim obligatorischen Weglassen des jeweils wegzulassenden Buchstabens zu machen. Wenn du es trotzdem verpatzt hast: musstest du dann ein Pfand rausrücken?

Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine Wanze.
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine Wanze.
Seht euch nur die Wanze an,
wie die Wanze tanzen kann!
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine Wanze.

Am Ende wurden die Wanze und das Tanzen vom Schweigen verschluckt. Und wehe, du platztest da mit einem fröhlichen „tanzen“ rein!

Auf der Mauer, auf der Lauer
Sitzt ’ne kleine –
Auf der Mauer, auf der Lauer
Sitzt ’ne kleine –
Seht euch nur die – -,
wie die – – -!
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine –

Wikipedia informiert uns, woher es stammt: „Der älteste bekannte Druck des Liedes steht bei Georg Lehmann: Nürnberger Kinderlieder in der Zeitschrift Das Bayerland (Jahrgang I, 1890).“

Natürlich gäbe es noch Vieles mehr zum Tanzen zu sagen – und Vieles wurde auch hier im Blog gesagt und gezeigt.

IMG_1542 Variante 3

Auch heute in der Früh war ich wieder am Meer Paneurhythmie tanzen und danach schwimmen und hatte meine Freude.

 

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112 Stufen, 53: Handkuss (Fritz Rotter, Ralph Erwin)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Wer kennt ihn nicht, den Tango-Schlager Ich küsse Ihre Hand, Madame, zumindest die erste Strophe? Das Lied war, als ich es zuerst hörte, so herrlich aus der Zeit gefallen und klang zutiefst wienerisch in meinen Ohren. Niemand küsste jetzt mehr die Hand der Frauen, die die Trümmer beiseiteschaufelten, auf dem Kartoffelacker schufteten und versuchten, mitsamt ihren Kinder zu überleben. 

Ich küsse Ihre Hand, Madame, und träum’, es war Ihr Mund.
Ich bin ja so galant, Madame, und das hat seinen Grund.
Hab’ ich erst Ihr Vertraun, Madame, und Ihre Sympathie,
wenn Sie erst auf mich bau’n, Madame.
Ja, dann werden Sie schau’n, Madame
Küss’ ich statt Ihrer Hand, Madame,
nur Ihren roten Mund.

Wer diesen Schlager erdichtete und komponierte? Keine Ahnung! Ich finde es immer interessant, den persönlichen und geschichtlichen Hintergrund von Allerwelts-Phänomenen mit zu erfassen. Ein Schlager wie dieser, immer wieder umgedichtet und neu interpretiert: wer hatte ihn ursprünglich verfasst? Und wie waren seine Lebensverhältnisse? Zum Glück weiß Wikipedia solche Sachen:

Der Erdichter der Schnulze hieß Fritz Rotter (1900-1984), ein Wiener Jude, der schon mit 17 begann, Texte fürs Kabarett und Chansons zu schreiben. In den 20er Jahren ging er nach Berlin. Die Zahl der von ihm getexteten Schlager ist riesig (es sollen ca 1200 sein), darunter Ohrwürmer wie  Wenn der weiße Flieder wieder blüht – Veronika, der Lenz ist da – Ich hab’ mich so an dich gewöhnt – Immer wenn ich glücklich bin muß ich weinen – und eben auch dies Ich küsse ihre Hand, Madame. Auch seine Unsinnsgedichte waren höchst populär, etwa Was macht der Maier am Himalaya? – Heut war ich bei der Frieda (das tu ich morgen wieder) – Heut ist die Käthe etepetete – Wieso ist der Walter so klug für sein Alter.

Und was wurde aus ihm? Klar, er musste 1933 emigrieren, zunächst nach Österreich, dann nach England und in die USA, wo viele seiner Lieder – nun englisch-sprachig – einen Riesenerfolg hatten. Nach dem Krieg kam er zurück nach Europa, und zog sich zuletzt in die Schweiz zurück.

Und der Komponist des Liedes? Das war Ralph Erwin (1896-1943), eigentlich Erwin Vogl, Pseudonym Harry Wright – auch er Jude und Kind der Habsburger Monarchie, allerdings der Peripherie (Österreich-Schlesien): Sein Leben war noch weit turbulenter als das des Texters: Er wurde als jugendlicher Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, studierte dann Musik in Wien, ging Ende der 20er Jahre nach Berlin, wo er die Musik für die bekanntesten damaligen Filme schrieb – und eben auch dies „Ich küsse ihre Hand, Madame“  für den gleichnamigen Stummfilm von 1929 mit Marlene Dietrich. Richard Tauber sang darin das Lied für den Hauptdarsteller. Er schrieb für zahlreiche deutsch-französische Koproduktionen vor allem Tango und Foxtrott. 1933 musste auch er die Koffer packen. Er emigrierte nach Frankreich, wurde nach dem deutschen Einmarsch interniert und nach Dancy verschleppt. Seine Frau konnte ihn befreien. Er versteckte sich, starb 1943 an einem Bauchschuss (von wem?).

undefinedUnd der Sänger des Liedes, Richard Tauber (1891-1948)? Auch er war Österreicher, in Linz unehelich geboren von einer römisch-katholischen Soubrette, deren Namen Denemy er zunächst trug. Sein Vater Richard Tauber, zum Katholizismus konvertierter Jude und Intendant an der Oper von Chemnitz legalisierte ihn später. Gefördert von seinem Vater, bei dem er seit 1903 lebte, studierte er Musik und hatte sein Debüt 1913 in Chemnitz mit dem Tamino (Zauberflöte)…..Mit dem Lied „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehárs Operette Das Land des Lächelns wurde Tauber zum Weltstar. … 1933 wurde er von SA-Horden in Berlin als „Ludenlümmel“ angegriffen. 1938 nach dem Anschluss Österreichs machte eine Welttournee und ließ sich schließlich in London nieder, wo er sich vor allem dem Komponieren und Dirigieren widmete und häufig in der Truppenbetreuung auftrat. Er erhielt die britische Staatsbürgerschaft und starb 56jährig, hoch geehrt, 1947 an Lungenkrebs.

Das also waren sie, deren Wiener Charme die „leichte Muse“ der 20er Jahre in Berlin so wunderbar befruchtete zu einer Zeit, als sich über dem Kontinent bereits eine dunkle Wolke des Hasses zusammenzog.

 

Von den im Netz verfügbaren Interpretationen wählte ich die von Fritz Wunderlich (1930-1966), denn er hatte (wie Richard Tauber) sein Operndebüt mit dem Tamino (Zauberflöte), und auch er war ein Star der Wiener Staatsoper und der Salzburger Festspiele. Ein durch einen Treppensturz verursachter Schädelbruch beendete sein Leben, als er gerade dem Höhepunkt seiner Karriere mit einem Auftritt an der Metropolitan Opera in New York zustrebte.

(Die in den Bildern verwendeten Schnipsel entstammen größtenteils einer Spende von Hannah)

 

 

 

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Archivbild der Woche 2: sieben Jahre wie ein Tag

Das „Archivbild der Woche“ hat es an sich, Erinnerungen wachzurufen.  So ging es mir mit dem gestern veröffentlichten vom 20.7.2019 (hier). Manchmal aber treffen diese Erinnerungen wie magisch mit der Gegenwart zusammen, so dass der frühere und der jetzige Moment vollkommen ineinanderklingen. Das geschah bei einem Fund vom 20.7. 2018, den ich gerne mitteilen möchte.

Da war ich nämlich mit einer lieben Freundin und unseren Hunden am Flüsschen Nedona, im Taygetos-Gebirge. Mein lieber Tito war zwölf.

Die aus England mitgebrachten Hunde waren damals 8 (die Schwarze) und 3 (ihre Tochter). Tito starb im Juni 2020. Danach verloren wir uns weitgehend aus den Augen. Am vergangenen Freitag nun traf ich sie wieder: die Freundin, ihren  Partner und die nun 16 und 10 Jahre alten Hunde. Sie kamen mich in der Ausstellung in Kardamili besuchen. Sieben Jahre wie ein Tag.

 

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