112 Stufen, 62: Kränkung (Dieter Bonhoeffer)

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und doch wird sie immer und immer wieder angetastet, mit Füßen getreten, zu Boden gestampft. Jeder Gefangene, insbesondere aber der politische, muss diese Kränkung, die über die Entziehung der Freiheitsrechte weit hinaus geht, erdulden. Auch heute! Auch in Deutschland! Sicher, das Maß der Entwürdigung ist in demokratisch verfassten Gesellschaften ein anderes als in totalitären Regimen, aber die Zielrichtung dieselbe: es geht immer darum, den Menschen innerlich zu brechen, indem man seine Würde antastet.

Der Text ist von Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), verfasst während seiner Inhaftierung in Berlin. Bonhoeffer war ein tiefgläubiger evangelisch-lutherischer Theologe, kämpferisches Mitglied der „Bekennenden Kirche“ und des Widerstands gegen das NS-Regime. Er wurde im April 1943 wegen „Wehrkraftzersetzung“ inhaftiert, ihm wurde Teilnahme an der Verschwörung zur Ermordung Hitlers vorgeworfen, und im April 1945, also kurz vor Kriegsende, wurde er im KZ Flossenburg nach einem Scheinverfahren ermordet. Dass sich die Todeskandidaten nackt zum Galgen begeben mussten, ist Teil der dem Menschen zusätzlich zugefügten „Kränkung“. Es reicht eben nicht, sie zu ermorden, man muss sie außerdem demütigen, solange noch ein Lebenshauch in ihnen ist.

Veröffentlicht wurde der Text in „Widerstand und Ergebung“ – eine Sammlung von Briefen und Aufzeichnungen aus Bonhoeffers letzten beiden Lebensjahren (Quelle). Gespalten zwischen äußerlicher Ruhe und innerer Verzweiflung versucht er, sich die Frage zu beantworten: Wer bin ich?  „Kränkung“ ist nicht der zentrale Begriff, aber ein zentrales Empfinden: Die Würde des Menschen wird durch das, was ihm angetan wird, zutiefst gekränkt. Seine Selbstdarstellung nach außen ist der Versuch, diese Würde als unangetastbar hinzustellen. Das ist seine Rüstung, mit der er dem Feind begegnet. Sein Inneres aber weiß von der tiefen Verletzung, „zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung“.

„Gekreuzigter“ von Rosy Lilienfeld. um 1928. Jüdisches Museum Frankfurt/Main

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest,

wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

 

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

 

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

 

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

 

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Die Richter des Standgerichts wurden übrigens von nachkriegsdeutschen Gerichten freigesprochen. 1956 urteilte der BGH, dass das Urteil des SS-Standgerichts dem damaligen Recht entsprochen habe und daher auch weiterhin gültig sei.  Entschädigungsleistungen für die Angehörigen seien daher nicht fällig. Erst durch das „Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege und von Sterilisationsentscheidungen der ehemaligen Erbgesundheitsgerichte“ von 1998 wurde Bonhoeffer nicht mehr als verurteilter Straftäter geführt. 

 

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Der Juli, der Bube der Münzen und was aus ihnen wurde

In den Raunächten des vergangenen Winters zog ich jede Nacht eine Tarotkarte, die ich als besondere Aufgabenstellung für den damit korrespondierenden Monat interpretierte. In der 7. Raunacht zog ich die Karte „Bube der Münzen“ für den Juli. Als Aufgabe ersah ich daraus: Meine Ressourcen – die körperlichen, finanziellen und gesundheitlichen ebenso wie Begabungen, Beziehungen und Qualifikationen – sorgfältig in Augenschein zu nehmen. Sind sie den gesetzten Zielen angemessen? Reichen sie aus? Brauche ich noch weitere Ressourcen, oder sollte ich meine Ziele besser nach unten korrigieren?

Ende Juni begann ich mich mit diesen Fragen zu quälen und machte eine neurografische Zeichnung. Die stellte meine Zuversicht wieder her. Ich interpretierte sie so: Da sieht man mich, wie ich im linken Kreis meine Kräfte sortiere, um zum rechten Kreis – im Zentrum steht „Kreativität“ – vorzustoßen. Dafür musste ich zunächst einen Fluß überqueren („Vertrauen in die eingeborenen Kräfte“), den ich in eine grüne Wiese verwandelte, um leichten Fußes hinüberzuschreiten.

 

Und was ist nun aus alldem geworden? Ich bereitete die 2. Ausstellung der Reihe „Kunst hilft“ vor und führte sie auch mit recht gutem Erfolg durch. Die häufigen Fahrten über die kurvenreiche Strecke nach Kardamili bewältigte ich gut. Die nötigen „Ressourcen“ standen mithin alle zur Verfügung, und eine weitere, die ich gar nicht bedacht hatte – Familie – erwies sich als sehr hilfreich.

Das Ergebnis: Die Hilfskasse weist 905 E mehr auf, einige meiner Bilder werden nun in Paris, London, Genf und Kardamili an freundlichen Wänden hängen, ich kann Menschen in dieser und jener Notlage ein wenig unter die Arme greifen, ohne meine normalen Ressourcen zu strapazieren, und ich habe Mut und Lust, im September noch eine dritte Aktion „Kunst hilft“ zu machen, dieses Mal in Koroni auf dem anderen Finger der Peloponnes, wo ich schon manches Mal ausgestellt habe. Darum werde ich mich jetzt kümmern.

Meine Ressourcen reichten also trotz etlicher Bedenken aus für dieses nicht zu hoch gesteckte Ziel.

Bei alledem blieb sogar noch Zeit für andere Aktivitäten: Erstens habe ich täglich tapfer eine Stufe der Holsteiner Treppe erklommen. Das klingt vielleicht nach wenig, aber wegen der selbstgestellten Aufgabe, die literarischen oder anderen biografischen Erinnerungen abzufragen, die sich bei jedem Wort einstellten, wurde es zu einer echten kleinen Recherche. Außerdem gab es auch Zeit für die sommerlichen Lustbarkeiten, für Schwimmen, Tanzen, Zeichnen, Lesen, Tavernenbesuche, Katzen, Garten, abendliches Zusammensein, Zuschauen, wie der Mond sich rundete, abnahm, verschwand und wieder als feine Sichel erschien, auch fürs Drabbeln und für den sonntäglichen Abstieg ins Archiv. Allerdings kam ich nicht dazu, ein Sommerpausen-Intermezzo zu schreiben, noch nahm ich die Impulse von Myriades Werkstatt auf. Ich hoffe sehr, das im August nachzuholen.

Und so schaue ich ganz optimistisch in den kommenden Monat und sage: Danke, Juli! Sei mir willkommen, August!

 

 

 

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112 Stufen, 61 Eifersucht (Tolstoi, Shakespeare)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

Ach und weh! Kaum habe ich die Stufe der „Liebe“ erklommen, muss ich schon weiter und das Lied der „Eifersucht“ singen! Da fallen mir sogleich zwei Texte ein: den einen, Die Kreutzersonate (1889), las ich erst kürzlich, er ist von Tolstoi. Den anderen kenne ich seit meiner frühen Jugend, als ich Shakespeares Dramen verschlang: Othello – der Mohn von Venedig (1604).  Der Grund für die Eifersucht könnte nicht unterschiedlicher sein, doch gibt es auch eine Ähnlichkeit: die Frau wird Opfer einer Intrige.

Der Ich-Erzähler der „Kreutzersonate“ ist ein komplizierter psychologischer Fall: er hasst sich selbst, weil er seine Frau sexuell begehrt. Frauen sexuell zu begehren, bedeutet für ihn, sich selbst zu beschmutzen. Und Eifersucht ist ein schmähliches Gefühl, das er würdelos findet. Also schmiedet er eine Intrige, die ihm den Vorwand bietet,  sich von der ihn quälenden Geilheit und Eifersucht zu befreien, indem er seine Frau tötet.

Und wer ist schuld an seinen Qualen? Ja, lach nur!

„Ja, so wurden also diese englischen Taillen, diese Locken und Tornüren für mich sozusagen zu Fallen. Mich zu fangen, war übrigens leicht. weil ich unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen war, bei denen die verliebten Gefühle wie Gurken im Warmhause aufschießen. Unsere aufreizende, überreichliche Kost bei völliger Enthaltung von körperlicher Arbeit ist ja schließlich nichts anderes als eine systematische Aufreizung unserer Sinnlichkeit.“ 

Kurzum: Schuld daran, dass er zum Mörder an seiner Frau wird, ist, dass er sie begehrt, und er begehrte sie, weil sie eine „englische Taille“ trug. Schon in der Hochzeitsnacht erkennt er seinen Irrtum, was ihn aber nicht hindert, ihr ein Kind nach dem andern zu machen und jeden ihrer Schritte zu überwachen. Schließlich geht es um seine „Ehre“!

Sexualität zum Zwecke der Fortpflanzung ist erlaubt. Verhütungsmethoden sind von Übel, denn dadurch wird die unnatürliche Dauererregung des sexuellen Triebs gefüttert. Der geistige Mensch ekelt sich vor sich selbst und bringt schließlich die Erregerin seiner Geilheit um. Seine Gerichtsstrafe hat er abgesessen (sie war gering, weil er aus „verletzter Ehre“ gehandelt hat). Nun ist er frei!

Othello ist ein Krieger, sehr männlich-stolz, vertrauensvoll und ehrbewusst, und er ist schwarz. Schwer genug hatte er es, sich trotz seiner Hautfarbe zum Befehlshaber der venetianischen Flotte hochzudienen. Er glaubt, er sei durch seine Taten und seine Stellung berechtigt, eine angesehene Venetianerin zu ehelichen, die ihn ihrerseits wegen seines Mutes und seiner Leiden liebt. Die Weißen aber sehen das ganz anders: der Vater der Desdemona, Brabantio, verwünscht seine Tochter, der Rivale Rodrigo lässt sich in eine Intrige einspannen, um die Frau doch noch zu ergattern,  der Untergebene Jago, geldgieriger Intrigant und Rassist reinsten Wassers, hasst und verachtet den „Mohren“ aus ganzem Herzen. Unter Ausnutzung des Charakters und der Herkunft Othellos wird die Falle gebaut, in die Othello blind hineintappt, und als er die Wahrheit erkennt, tötet er sich selbst.

In beiden Fällen, so unterschiedlich sie sind, hat die Frau keine Möglichkeit, sich der Opferrolle zu entziehen. Egal was sie tut: es wird ihr als Beweis ihrer „Verderbtheit“ angerechnet. Dass Frauen (wie übrigens auch die Männer) „verderbt“ sind – das ist aus der Sicht Jagos überhaupt keine Diskussion wert. Also wird er das Gift dieser Vorstellung auch dem harmlosen Othello einflößen.

Jago im Dialog mit dem in Desdemona verliebten Rodrigo:

JAGO
…Es ist undenkbar, daß Desdemona den Mohren auf die Dauer lieben sollte – tu Geld in deinen Beutel! – noch der Mohr sie; es war ein gewaltsames Beginnen, und du wirst sehn, die Katastrophe wird eine ähnliche sein. Tu nur Geld in deinen Beutel; so ein Mohr ist veränderlich in seinen Neigungen; fülle deinen Beutel mit Geld; die Speise, die ihm jetzt so würzig schmeckt wie Süßholz, wird ihn bald bittrer dünken als Koloquinten. Sie muß sich einem Jüngeren zuwenden; hat sie ihn erst satt, so wird sie den Irrtum ihrer Wahl einsehn. Sie muß Abwechslung haben, das muß sie; darum tu Geld in deinen Beutel! Wenn du durchaus zum Teufel fahren willst, so tu es auf angenehmerem Wege als durch Ersäufen. Schaff dir Geld, soviel du kannst! Wenn des Priesters Segen und ein hohles Gelübde zwischen einem abenteuernden Afrikaner und einer überlistigen Venezianerin für meinen Witz und die ganze Sippschaft der Hölle nicht zu hart sind, so sollst du sie besitzen….

Beide Legebilder sind aus Schnittresten, die mir Jürgen Küster zukommen ließ.

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Vier Treppenabsätze im Rückblick

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

IMG_7903Gestern habe ich die letzte Stufe des vierten Abschnitts der Holsteiner Treppe erklommen, und heute habe ich verschnauft. Aber zurückblicken will ich doch noch auf die Schnelle.

Der vierte Treppenabschnitt im Rückblick (mit Stichwort zum Inhalt):

60 lieben (Paulus, Petros Gaitanos, „Hohelied der Liebe“) – 59 zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Hugo „Zufall oder Fügung?“) – 58 verführen (Don Juan, Bertold Brecht) – 57 schmachten (Matthias Claudius, „Regenlied“) – 56 verlieben (Eichendorff) – 55 Zuneigung (Ringelnatz, „Ich hab dich so lieb“) – 54 tanzen (Kinderlied, „Wanze“) – 53 Handkuss (Rotter, Erwin, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“) – 52 Verehrer (Homer „Penelope“, Stefan George „Jean Paul“) – 51 überschwenglich (Grimms Märchen vom süßen Brei, Rilke, Wedekind) – 50 kribbeln (Fontane, „Natur“) – 49 Leidenschaft (Ebner-Eschenbach, „Uhren“ , Stefan Zweig, Lasker-Schüler) – 48 Anziehung (Droste-Hülshoff „Mann-Frau, Magnet“) – 47 Aufblühen (Anais Nin, „weibliche Emanzipation“) – 46 erlauben (Pause)

Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick

45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma (selbst „Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, „Verliebtheit“) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „Unschuldig“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, „Poseidon“) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel) – 28 friedlich (Bertold Brecht) – 27 beruhigen (Natur) – 26 Freude (Friedrich Schiller) – 25 Verbot (Anatole France) – 24 wappnen (Martin Luther) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh) – 22 Zorn (Roman Herzog/Georg Trakl) – 21 Begeisterung (Hegel) – 20 Bruder (Karl König) – 19 Nähe (Christian Morgenstern) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz) – 17 Lachen (Günter Grass) – 16 Sprechen (Schiller) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch, Leo Tolstoi, Matthäus) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt) – 13 beschützen (Hermann Hesse) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe) – 10 Familie (David Cooper) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium) – 8 Angst (Mascha Kaléko) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche) – 6 Heimat (Theodor Fontane) – 5 Liebkosen (Leo Tolstoi) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky) – 2 Streicheln (John Steinbeck) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe).

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In der Zeichenschule: Portraitieren

Heute war in der Zeichenschule wieder Modellzeichnen, und ich sagte alle anderen Termine ab, denn das sind leider seltene Gelegenheiten.

Stavroula. große Kohlezeichnung, 31.7.2025

 

 

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112 Stufen, 60: Liebe (Paulus, Petros Gaitanos)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Nun bin ich auf der letzten Stufe des vierten Abschnitts der Holsteiner Treppe angekommen, und das dort eingravierte Wort heißt „LIEBE“.  Tausende von Texten fallen mir da ein, aber zuerst und an oberster Stelle steht der 1. Paulus-Brief an die Korinther, dessen Kernstück als Hohelied der Liebe bezeichnet wird.

Am schönten ist natürlich der Urtext. In der Luther-Übersetzung (die ich der sogenannten „Einheitsübersetzung“ vorziehe) heißt es:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Die Liebe höret nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1 Kor 13,1ff. LUT)

Landschaft bei Korinth (Fehlfarben)

Einmal, viele Jahre sind seither vergangen, lauschte ich im Stadion außerhalb von Korinth Petros Gaitanos, dem großen Psalten, der das „Hohelied der Liebe“ vortrug – eine Vertonung des Briefes, den Paulus an die  frühchristliche Gemeinde von Korinth, die er persönlich gegründet hatte, schrieb: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle….“. An diesem Ort!! Ich werde es nie vergessen.

Die eigentliche Botschaft des Christentums ist die allumfassende, bedingungslose, Leben spendende und erhaltende, den Tod überwindende Liebe. Alles andere wird vergehen, die Liebe aber wird bleiben.

Zu Beginn rezitiert Gaitanos den Text. Der Gesang beginnt bei 4.01

https://youtu.be/pa_oRcWPjbU

 

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112 Stufen, 59: zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Victor Hugo)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

Zusammenkommen? Automatisch fallen mir die drei Hexen aus Shakespeares Macbeth ein – und damit zugleich auch Fontanes „Die Brück‘ am Tay“ mit dem hämmernden Resümee:

Tand Tand ist das Gebilde von Menschenhand

Ihr kennt diese Ballade sicher alle, und auch die Entstehungsgeschichte ist hier im Blog und anderswo schon erzählt worden. Christiane hat sie in ihrer Balladenwoche von 2017 besprochen (hier). Ich erspare mir daher weitere Ausführungen und erinnere nur noch mal an die ersten Verse:

„Wann treffen wir drei wieder zusamm?“
„Um die siebente Stund, am Brückendamm.“
„Am Mittelpfeiler.“
„Ich lösche die Flamm.“
„Ich mit.“
„Ich komme vom Norden her.“
„Und ich vom Süden.“
„Und ich vom Meer.“
„Hei, das gibt einen Ringelreihn,
Und die Brücke muß in den Grund hinein.“
„Und der Zug, der in die Brücke tritt
Um die siebente Stund?“
„Ei, der muß mit“
„Muß mit.“
„Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand!“

Zusammentreffen ist etwas anderes als Zufall – im Griechischen σύμπτωση („Zusammenfall“) – insofern, als beim Zusammentreffen eine Absicht unterstellt wird, die dem Zufall fehlt. Und doch ist dieser Unterschied bei genauerem Hinsehen nicht wirklich aufrechtzuerhalten. Denn ist es nicht oft genug das unkontrollierbare „Zusammenkommen“ von Umständen, das den Gang der Geschichte bestimmt?

Gerade lese ich „Les miserables“ (die Elenden) von Victor Hugo und dort seine Beschreibung der Schlacht von Waterloo. Der Ausgang war für Napoleon bekanntlich katastrophal. Doch warum fiel ihm der Sieg nicht zu? Wegen des Zusammentreffens verschiedener kleiner, unbedeutender Umstände – beginnend mit dem für die Jahreszeit ungewöhnlichen Regen über das Vorhandensein einer zugewachsenen Mauer und einen nicht beachteten Hohlweg bis hin zur Wegweisung der Blücherschen Heers durch einen Hirtenknaben. War’s der „Zufall“, die „Vorsehung“ oder der „Herrgott“ persönlich, der die Dinge und Menschen so und nicht anders zusammentreffen ließ? Hugo kann sich nicht entschließen, wie er dieses Phänomen benennen soll. Er spricht auch vom „Gott gesandten Zufall“ oder auch vom „Odem Gottes“ (S.299 bzw 298 meiner Ausgabe). Die Niederlage Napoleons, so Hugo, kann man zwar als eine Reihe von Begebenheiten – Begegnungen, Täuschungen, Zufällen – beschreiben, wie es die Geschichtswissenschaft tut, aber seine Niederlage lasse sich so nicht erklären, denn sie habe einen anderen Grund:

„War es möglich, dass Napoleon die Schlacht gewann? Wir antworten: Nein! Nicht weil er Wellington oder Blücher, sondern weil er Gott zum Feinde hatte. – Ein Sieg Bonapartes bei Waterloo hätte zu einer Entwicklung und Umwälzung, die das neunzehnte Jahrhundert bringen sollte, nicht gepasst. Es war Zeit, dass der Ungeheure fiel. Er wog zu schwer in der Waagschale der Weltgeschichte… Der höchste Richter musste Abhilfe schaffen. Wahrscheinlich beschwerten sich die Mächte, von denen die moralische Ordnung abhängt, über das viele Blutvergießen. Auf diese Anklage hin wurde Napoleons Sturz beschlossen. Er fiel, weil er dem Herrgott im Wege war.“ (S. 287-8)

Diese Vorstellung, dass unsichtbare Mächte – seien es Hexen wie in der Ballade von der „Brück am Tay“, seien es geistige Hüter der Weltentwicklung oder der Herrgott höchstpersönlich – das Zusammenkommen von Menschen und Ereignissen arrangieren, ist offenbar weit verbreitet, und auch ein Aufklärer wie Hugo mag nicht an das blinde Walten des Zufalls glauben.

Es ist eben eine menschliche Eigenschaft, im Chaos Sinn stiften zu wollen, und was vor Ort oft nicht gelingen will, gelingt doch fast immer post hoc (nachdem etwas eingetreten ist). Da sagt man dann: „Es musste so kommen!“ Und vielleicht ist es ja auch so.

Beide Bilder sind mit Schnittresten gelegt, die mir Jürgen Küster einst schenkte.

 

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Dienstags-Drabble: nomen est omen?

Lanze – erwidern – streng sind die drei Wörter, die Heide von der Puzzleblume fürs heutige Drabble ausgesucht hat. In den dazu erdichteten Kata-Strophen spiele ich mit Namen: Gerda ist zusammengesetzt aus Ger und da bedeutet ungefähr: „die mit der Lanze Dastehende“, Germanen sind die Lanzenträger und die Deutschen sind, ausgehend vom englischen Wort Germans, das, was man heute ein „kriegstüchtiges Volk“ nennt.

Der folgende Dialog spielt sich zwischen einer griechischen Pygmalia (Faustkämpferin) und mir (Gerda) ab.

Legebild mit Leelas Schnipseln

 

„Hej Gerda, alte Lanzenträgerin,

Hast du Lust auf einen Streit?

Ich bin’s, Pygmalia, mit Fäusten Schlägerin,

Stell dich zum Kampf bereit!“

 

Doch ich erwiderte ihr ganz gelassen

Versuchte auch, Pygmalias Hand zu fassen:

 

„Nicht Lanzenträger waren die Germanen

Sie trugen Gere, die man warf

Das Wort ererbte ich von meinen Ahnen

Und man verwendet es noch heute nach Bedarf

 

Für Namen, auch für Völkerschaften

Für Gerhard, Gerda, Gertrud und Gerlinde

Der Ger blieb uns im Namen seither haften

Doch gibt man ihn nur selten noch dem Kinde.

 

Heut ruft man: Waffen nieder!

Der Krieg ist aus! und: Krieg nie wieder!

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112 Stufen, 58: Verführen (Don Juan, Bertold Brecht)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Legebild mit Schnipseln von Ulli Gau

Natürlich kam mir als erster wieder Faust in den Sinn, der Gretchen verführt. Doch eine andere Figur wird dem Archetypen des Verführers noch mehr gerecht: Don Juan. Er ist (wie Faust) weder ein Autor noch eine literarische Gestalt noch eine eindeutige historische Person. Don Juan ist ein Archetyp, eine Sage, ein Mythos. Und was ist ein Mythos? Eine Erzählung mit einem unveränderlichen Kern, die an den Rändern immer wieder variiert werden kann.

Don Juan existierte schon lange, bevor er im frühen 17. Jahrhundert (1613) durch den spanischen Mönch Gabriel Tellez (1579 – 1648), der sich Tirso de Molina nannte, zur literarischen Gestalt wurde.  „El burlador de sevilla et convidado de piedra“ (Der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast) war eines von 400 Stücken von de Molinas Hand. 82 Stücke sind noch vorhanden, und etliche werden weiterhin auf den Bühnen der Welt gespielt.

Worum geht es? Um die Verführung von Frauen, natürlich. Nur darum? Nein, vor allem geht es um Tugend und Gotteslästerlichkeit („Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt“, sagt Iwan, einer der Karamasov-Brüder).  Der erklärte Atheist Don Juan testet die Werte der Gesellschaft bis zum Extrem aus. So ziemlich jedes Tabu seiner Zeit tritt er mit Füßen: Ehe? Nonnengelöbnis? adliger Verhaltenskodex? Treue? Wahrheitsliebe? Kirche? Glauben? – ihm gelten sie nichts. Das einzige, was für ihn zählt, ist die Befriedigung seiner egoistischen Impulse.  Sein Ende wird ihm schließlich nicht von einem der aufgebrachten männlichen Verwandten der verführten Damen bereitet, sondern durch überirdisches (bzw unterirdisches) Eingreifen eines „steinernen Gastes“, der ihn mit sich in die Hölle zieht.

Die Thematik ist charakteristisch für die Übergangsepoche von Renaissance zu Barock: der selbstbewusste, sich erstmals als Ich hoch aufrichtende Renaissancemensch wird in der Gegenreformation bis zur Karikatur entstellt: er ist nun ein sittenloses zynisches Wesen, dem nichts heilig ist, da es nur an sich selbst und nicht mehr an die liebe Kirche glaubt. Wer sich so als Mensch überhebt, wird übel enden.

Seit 1630, als de Molinas „Verführer von Sevilla und der steinerne Gast“ erstmals im Druck erschien, ist der Stoff endlos variiert worden.  Französisch und „stubenrein“ wurde er in Molieres gleichnamigem Lustspiel (1665 uraufgeführt). Molieres Landsmann und Zeitgenosse Thomas Corneille setzte es in Reime. Carlo Goldoni brachte den Stoff nach Italien zurück (1736 in Venedig uraufgeführt), doch wurde der tödliche „steinerne Gast“ nun zum altbewährten „Blitzstrahl“.  Christoph Willibald Gluck brachte den Stoff als erster mit dem Ballett Don Juan auf die Musikbühne (1761 in Wien uraufgeführt). Es folgten etliche andere, die Krönung war dann Mozarts „Don Giovanni“ (1787).

War damit nun endlich Schluss? Weit gefehlt. Jetzt ging es erst richtig los. Ein paar der vielen Namen seien noch erwähnt, aber ich habe jetzt keine Lust, die Daten nachzuschlagen (die komplette Liste findet sich bei Wikipedia): 19. Jahrhundert: E.T.A. Hofmann, Lord Byron, Grabbes „Don Juan und Faust“,  Alexander Puschkins „Steinerner Gast“, Charles Baudelaires „Don Juan aux enfers“, Richard Strauß‘ Tondichtung „Don Juan“ (nach Nikolaus Lenau, der auch ein Don-Juan-Drama schrieb).

20. Jahrhundert: Shaws „Man and Superman“, Apollinaires Roman Les exploits d’un jeune Don Juan, Alexander Blok, Ödön von Horvarth: Don Juan kommt aus dem Krieg (1937), Max Frisch: Don Juan oder die Liebe zur Geometrie, Henry de Motherlants Roman Don Juan, Gottfried Benns Gedicht Don Juan gesellte sich zu uns, Ernst Bloch: Don Giovanni, allen Frauen und die Hochzeit, George Sand: „Verflucht seist du, Don Juan“, Albert Camus: Der Don-Juanismus.

21. Jahrhundert:  Peter Handtkes Erzählung Don Juan (erzählt von ihm selbst), Jim Jarmushs Film „Broken flowers“ usw, usf.

Zu Don Juan trat Anfang des 19. Jahrhunderts ein anderer selbsternannter Verführer in Konkurrenz: Giacomo Casanova….

Uff! Ich gebe zu, dass mich das Thema der Verführung ohne Liebe im Grunde anwidert.

Und so möchte ich mit einem Brecht-Gedicht von 1925 schließen. Brecht, wie Don Juan Atheist und Hedonist, wird zwar nicht durch einen Glauben an ein „morgen“, wohl aber durch sein soziales Gewissen vor Exzessen des Egoismus geschützt.

Bertold Brecht

Gegen Verführung

Laßt Euch nicht verführen!
Es gibt keine Wiederkehr.
Der Tag steht in den Türen,
ihr könnt schon Nachtwind spüren:
Es kommt kein Morgen mehr.

Laßt Euch nicht betrügen!
Das Leben wenig ist.
Schlürft es in vollen Zügen!
Es wird Euch nicht genügen,
wenn Ihr es lassen müßt!

Laßt Euch nicht vertrösten!
Ihr habt nicht zu viel Zeit!
Laßt Moder den Erlösten!
Das Leben ist am größten:
Es steht nicht mehr bereit.

Laßt Euch nicht verführen
Zu Fron und Ausgezehr!
Was kann Euch Angst noch rühren?
Ihr sterbt mit allen Tieren
und es kommt nichts nachher.

Legebild mit Schnipseln von Jürgen Küster

 

 

 

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112 Stufen, 57: schmachten (Matthias Claudius)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Gestern öffnete der verhinderte Dichter Balduin Bählamm spaltbreit ein Erinnerungskästchen, heute darf er das Wort „schmachten“ vertreten. Wilhelm Buschs Dichter-Kreatur, der arme Poet, dem die krude Realität so böse Streiche spielt und der seine heilige Pflicht dennoch keinen Augenblick verrät, muss hier einfach einmal in Erscheinung treten. Denn um Dichtung handelt es sich ja bei diesem Treppenaufstieg vor allem. Möge der Mond der Poeten auch mir die Stufen beleuchten!

Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich,
So treffend, weil es rund und weich –
Wer wäre wohl so kaltbedächtig,
So herzlos, hart und niederträchtig,
Daß es ihm nicht, wenn er es liest,
Sanftschauernd durch die Seele fließt? –

Das Dörflein ruht im Mondenschimmer,
Die Bauern schnarchen fest, wie immer.
Es ruhn die Ochsen und die Stuten,
Und nur der Wächter muß noch tuten,
Weil ihn sein Amt dazu verpflichtet,

Der Dichter aber schwärmt und dichtet.

 

Illustration der Szene durch Wilhelm Busch

O weh! Balduin Bählamm schwärmt, aber er schmachtet nicht! Da hat mich mein Gedächtnis doch glatt betrogen. Wieder muss ich Balduin zurück in den Erinnerungskasten sperren (ja, dem Armen gelingt wirklich gar nichts!) und jemand anderen hier hersetzen. Doch wen?

Da fällt mir ein: Es gibt doch noch andere als die ewig unglücklich-glücklich verliebten Poeten, die schmachten! Die Erde! Das Vieh! Sie schmachten nach Regen. Ich weiß, ihr schmachtet grad nach Sonne, bei uns aber, hier im mediterranen Raum, ist es der Regen, der fehlt. Und so singe ich auf dieser Stufe aus vollem Halse das Regenlied von Matthias Claudius (1740-1815). Der Dichter stammte aus Holstein, starb schließlich in Hamburg – dürfte sich also mit Regen bestens auskennen. Und doch!

Christiane hat dies Lied auch schon mal veröffentlicht, und zwar am 25. Juli 2022 (hier), denn vor drei Jahren jammerten sogar die Hamburger, dass es zu trocken sei. Ich sags ja: Das Wetter ist mal so, mal anders!

Ein Lied um Regen

Der Erste:
Regen, komm herab!
Unsre Saaten stehn und trauern,
Und die Blumen welken.
Der Zweite:
Regen, komm herab!
Unsre Bäume stehn und trauern!
Und das Laub verdorret.
Der Erste:
Und das Vieh im Felde schmachtet,
Und brüllt auf zum Himmel.
Der Zweite:
Und der Wurm im Grase schmachtet,
Schmachtet und will sterben.
Beide:
Laß doch nicht die Blumen welken!
Nicht das Laub verdorren!
O, laß doch den Wurm nicht sterben!
Regen, komm herab!

 

 

„Schamanischer Regen“, neurografische Zeichnung

 

Das Gedicht steht im „Wandbecker Boten“. Ich zitiere nach dem wunderbaren Projekt Gutenberg, das mir viele mir sonst schwer zugängliche Texte frei Haus liefert. Für die literaturgeschichtlichen Hintergrundinformationen verlasse ich mich mal wieder auf Wikipedia:

„Der Wandsbecker Bothe war die von Heinrich Carl von Schimmelmann in Wandsbeck (bis zum Jahre 1879 noch mit „ck“ geschrieben, heute: Wandsbek) herausgegebene Zeitung, die als Nachfolgerin des populären Wandsbecker Mercurius von 1770 bis 1775 von Matthias Claudius als einzigem Redakteur geschrieben wurde.“ 

 

 

 

 

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