Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und doch wird sie immer und immer wieder angetastet, mit Füßen getreten, zu Boden gestampft. Jeder Gefangene, insbesondere aber der politische, muss diese Kränkung, die über die Entziehung der Freiheitsrechte weit hinaus geht, erdulden. Auch heute! Auch in Deutschland! Sicher, das Maß der Entwürdigung ist in demokratisch verfassten Gesellschaften ein anderes als in totalitären Regimen, aber die Zielrichtung dieselbe: es geht immer darum, den Menschen innerlich zu brechen, indem man seine Würde antastet.
Der Text ist von Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), verfasst während seiner Inhaftierung in Berlin. Bonhoeffer war ein tiefgläubiger evangelisch-lutherischer Theologe, kämpferisches Mitglied der „Bekennenden Kirche“ und des Widerstands gegen das NS-Regime. Er wurde im April 1943 wegen „Wehrkraftzersetzung“ inhaftiert, ihm wurde Teilnahme an der Verschwörung zur Ermordung Hitlers vorgeworfen, und im April 1945, also kurz vor Kriegsende, wurde er im KZ Flossenburg nach einem Scheinverfahren ermordet. Dass sich die Todeskandidaten nackt zum Galgen begeben mussten, ist Teil der dem Menschen zusätzlich zugefügten „Kränkung“. Es reicht eben nicht, sie zu ermorden, man muss sie außerdem demütigen, solange noch ein Lebenshauch in ihnen ist.
Veröffentlicht wurde der Text in „Widerstand und Ergebung“ – eine Sammlung von Briefen und Aufzeichnungen aus Bonhoeffers letzten beiden Lebensjahren (Quelle). Gespalten zwischen äußerlicher Ruhe und innerer Verzweiflung versucht er, sich die Frage zu beantworten: Wer bin ich? „Kränkung“ ist nicht der zentrale Begriff, aber ein zentrales Empfinden: Die Würde des Menschen wird durch das, was ihm angetan wird, zutiefst gekränkt. Seine Selbstdarstellung nach außen ist der Versuch, diese Würde als unangetastbar hinzustellen. Das ist seine Rüstung, mit der er dem Feind begegnet. Sein Inneres aber weiß von der tiefen Verletzung, „zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung“.

„Gekreuzigter“ von Rosy Lilienfeld. um 1928. Jüdisches Museum Frankfurt/Main
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!
Die Richter des Standgerichts wurden übrigens von nachkriegsdeutschen Gerichten freigesprochen. 1956 urteilte der BGH, dass das Urteil des SS-Standgerichts dem damaligen Recht entsprochen habe und daher auch weiterhin gültig sei. Entschädigungsleistungen für die Angehörigen seien daher nicht fällig. Erst durch das „Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege und von Sterilisationsentscheidungen der ehemaligen Erbgesundheitsgerichte“ von 1998 wurde Bonhoeffer nicht mehr als verurteilter Straftäter geführt.
In den Raunächten des vergangenen Winters zog ich jede Nacht eine Tarotkarte, die ich als besondere Aufgabenstellung für den damit korrespondierenden Monat interpretierte. In der 7. Raunacht zog ich die Karte „Bube der Münzen“ für den Juli. Als Aufgabe ersah ich daraus: Meine Ressourcen – die körperlichen, finanziellen und gesundheitlichen ebenso wie Begabungen, Beziehungen und Qualifikationen – sorgfältig in Augenschein zu nehmen. Sind sie den gesetzten Zielen angemessen? Reichen sie aus? Brauche ich noch weitere Ressourcen, oder sollte ich meine Ziele besser nach unten korrigieren?



Gestern habe ich die letzte Stufe des vierten Abschnitts der Holsteiner Treppe erklommen, und heute habe ich verschnauft. Aber zurückblicken will ich doch noch auf die Schnelle.








