In der Zeichenschule 39: Modellzeichnen, Portrait

Gestern war ich wieder beim Modellzeichnen in der Zeichenschule. Ein neues Modell – für mich reizvoll. Zuerst zeichnete ich die gesamte Figur im Raum.

Nun hätte ich noch zwei Posen von je 30 Minuten zur Verfügung, um die Zeichnung zu verbessern und zu vervollkommnen. Mich aber reizte das Gesicht, und das in einer solchen Zeichnung kleinteilig auszuarbeiten, ist wenig sinnvoll. Also nahm ich mir ein neues Blatt und zeichnete in den folgenden Posen das Portrait.

Hier ein Vergleich mit dem Portrait der vorigen Sitzung, wo ich drei Posen a 30 Minuten zur Verfügung hatte, um die Zeichnung zu vollenden. Ich mag beide, auch wenn bei der zweiten ein paar Korrekturen (zB Schattierung des Halses) am Platz wären.

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112 Stufen, 57: Hass (R. Huch, H. Heine)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Schwer zu entziffern, als versuchten Regen und Sonne es auszulöschen, steht das Wort „Hass“ auf der heutigen Stufe der Holsteiner Treppe. Sofort fällt mir wieder das Gedicht von Ricarda Huch ein – „Mein Herz, mein Löwe“ -, das ich schon auf der Stufe „Vergeben“ zitiert und kommentiert habe (hier).

Ricarda Huch

Mein Herz, mein Löwe

Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest,
Sein Geliebtes fest in den Fängen,
Aber Gehaßtes gibt es auch,
Das er niemals entläßt
Bis zum letzten Hauch,
was immer die Jahre verhängen.
Es gibt Namen, die beflecken
Die Lippen, die sie nennen,
Die Erde mag sie nicht decken,
Die Flamme mag sie nicht brennen.
Der Engel, gesandt, den Verbrecher
Mit der Gnade von Gott zu betauen,
Wendet sich ab voll Grauen
Und wird zum zischenden Rächer.
Und hätte Gott selbst so viel Huld,
zu waschen die blutrote Schuld,
Bis der Schandfleck verblaßte –
Mein Herz wird hassen, was es haßte,
Mein Herz hält fest seine Beute,
Daß keiner dran künstle und deute,
Daß kein Lügner schminke das Böse,
Verfluchtes vom Fluche löse.

Fällt mit sonst nichts zum Hass ein?

Hm, das finstere Doppelgestirn „Hass und Hetze“ leuchtet ja anscheinend wieder über Deutschland – jedenfalls kommt man zu diesem Eindruck, wenn man die Verlautbarungen der Regierungsverantwortlichen und ihrer Medien verfolgt. Sollte es wahr sein, was der hämische Heinrich Heine über „uns Germanen“ sagt? Ich will es nicht glauben, denn ich, ebenfalls eine Deutsche, habe so gar keine Neigung zum Hassen. Andererseits, wenn ich die Kriegshetze und den Russenhass in Betracht ziehe, der sich neuerdings in Deutschland ausbreitet ….Sollte doch was dran sein?

Was Heines geliebte Franzosen anbetrifft, so bin ich mir wiederum nicht sicher, ob sie nicht mindestens ebenso viel Talent zum Hassen haben wie „wir Germanen„. Jedenfalls begegnete mir der Hass in der Nachkriegszeit jenseits der deutschen Grenzen häufig, nicht weil ich irgendetwas verschuldet hätte, sondern weil ich eine Deutsche war. Beispielsweise weigerte sich der französische Koch auf dem Handelsschiff, das mich 1963 nach Algerien brachte, mir Essen zu geben, weil Deutsche seinen besten Freund erschossen hatten. Dass „die Franzosen“ Algerier massakrierten, beunruhigte ihn hingegen nicht. In Norwegen, Holland, Israel hatte ich in den Jahren zwischen 1959-67 ähnliche Erlebnisse, in Griechenland aber nie, obgleich Griechen Schreckliches durch die deutsche Besatzung erlitten haben. „Aber du bist doch nicht schuld!“ sagten sie fast verständnislos, wenn ich bei Erzählungen über deutsche Gräuel in Tränen ausbrach.

Mögen alle Kollektivzurechnungen, egal in welche Richtung und mit welchen persönlichen Erlebnissen begründet, der Vergangenheit angehören!

Heinrich Heine

Diesseits und jenseits des Rheins

Sanftes Rasen, wildes Kosen,
Tändeln mit den glühnden Rosen,
Holde Lüge, süßer Dunst,
Die Veredlung roher Brunst,
Kurz, der Liebe heitre Kunst –
Da seid Meister ihr, Franzosen!

Aber wir verstehn uns baß,
Wir Germanen, auf den Haß.
Aus Gemütes Tiefen quillt er,
Deutscher Haß! Doch riesig schwillt er,
Und mit seinem Gifte füllt er
Schier das Heidelberger Faß.

Das rote Herz und die goldene Sonne stammen von Bruni, die anderen Schnipsel kamen mir von Jürgen Küster, Susanne B u.a. zu.

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112 Stufen, 56: Kurzschluss (Heinz Ehrhardt und Bertold Brecht)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Immer noch steige ich brav die Holsteiner Treppe hoch, auch wenns manchmal schwerfällt. Und so lande ich nun auf der Stufe mit der Aufschrift „Kurzschluss“. Bei solcher Gelegenheit hauts dann sämtliche Sicherungen durch.

Kurzschluss ist sicher ein modernes Wort, nicht älter als der elektrische Strom, der uns auch andere neue Redensweisen beschert hat, zB „auf der Leitung stehen“. Oder betrifft das den Fernsprechapparat? Nun, egal. Ich rede ja nur drumrum, weil mir nichts Literarisches zu „Kurzschluss“ einfällt. Aber vielleicht darf es „Kurz vor Schluss“ sein? Dann könnte ich mit einem Blödel-Gedicht von Heinz Ehrhardt (1909 –1979) dienen.

Heinz Ehrhardt

Kurz vor Schluss

Schön ist der Wein, bevor er getrunken,
schön ist das Schiff, bevor es gesunken,
schön ist der Herbst, solange noch Mai ist,
schön ist der Leutnant, solang er aus Blei ist.
Schön ist das Glück, wenn man es nur fände!
Schön ist das Buch, denn gleich ist’s zu Ende.

Ein anderes Gedicht fällt mir ebenfalls ein, das auch von „kurz vorm Schluss“ handelt. Ich habe es schon öfter in diesem Blog erwähnt, denn es gehört zu meinen Lieblings-Brecht-Gedichten.

Ja das Meer ist blau, so blau
und das geht alles seinen Gang
und wenn die Chose aus ist
dann fängt’s von vorne an –

Der Matrosen-Tango aus „Happy End“  ist etwas länger als das Gedicht von Ehrhardt, aber was tuts? Wenn das Ende droht, ist es gut, die letzten Minuten auszukosten. Pardon, das ist schwarzer Humor, denn den ganzen Tag denke ich schon an die Atombombe, die  vor 80 Jahren auf die nichts ahnenden Menschen von Hiroschima abgeworfen wurde, und daran, dass sich die Herren und Damen der Politik neuerdings einen Scherz daraus machen, die Menschheit mit Atombomben-Einsatz-Drohungen zu erschrecken.

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Bertold Brecht

Matrosen-Tango 

Hallo, jetzt fahren wir nach Birma hinüber.
Whisky haben wir ja noch genügend dabei
und Zigarren rauchen wir, „Henry Clay“,
und die Mädels sind mir ja auch schon über
na, da sind wir eben jetzt so frei –
ja, da sind wir eben jetzt so frei!
Denn andere Zigarren, die rauchen wir nicht
und weiter wie Birma, reicht dem Kasten der Rauch nicht
und einen lieben Gott, den brauchen wir nicht
und einen Anstand, den brauchen wir auch nicht –
Na also, good-bye!
*
Und das segelt so hin – und das kommt auch mal an
und ein lieber Gott lässt sich nicht blicken
und dem lieben Gott, dem liegt vielleicht auch gar nichts daran
na und wenn, dann muss er sich drein schicken –
Na also, good-bye!
*
Mit „Mensch bei mir nicht!“ und „Na wat denn, mein Sohn!“
und „Fehlt’s wo, dann lass mich’s mal wissen!“
Und ’ne feinere Regung nicht um ’ne Million –
Da wird eben auf alles gepfiffen
*
Ja das Meer ist blau, so blau
und das geht alles seinen Gang
und wenn die Chose aus ist
dann fängt’s von vorne an –
Ja das Meer ist blau, so blau
und das geht ja auch noch lang!
Ja das Meer ist blau, so blau
das Meer ist blau.
x
Hallo, da könnten wir zum Beispiel mal ins Kino gehn,
das kostet Geld das hat doch kein Gewicht.
Ja graue Haare wachsen lassen wir uns nicht.
Leute wie wir, die müssen sich auch mal amüsieren.
Denn für sie, da gibt es keine Pflicht.
Zigarren unter fünf Cents, die rauchen wir nicht
und Schwarzbrot verträgt doch ihr Bauch nicht,
und für’s andere sorgen, das brauchen sie nicht
und mal in sich gehen, brauchen die auch nicht,
das hat sein Gewicht.
x
Und das lebt so dahin – und das stellt sowas an
und ein lieber Gott lässt sich nicht blicken,
und dem lieben Gott, dem liegt vielleicht auch gar nichts daran
und wenn, dann muss er sich drein schicken –
Na also, good-bye!
x
Mit „Mensch bei mir nicht!“ und „Na wat denn, mein Sohn!“
und „Fehlt’s wo, dann lass mich’s mal wissen!“
Und ’ne feinere Regung nicht um ’ne Million –
Da wird eben auf alles gepfiffen
x
Ja das Meer ist blau, so blau
und das geht alles seinen Gang
und wenn die Chose aus ist
dann fängt’s von vorne an –
Ja das Meer ist blau, so blau
und das geht ja auch noch lang!
Ja das Meer ist blau, so blau
das Meer ist blau.
x
Jetzt braucht da nur einmal ein Sturm zu kommen
na ja, da ist’s ja schon das Dock von Birma –
Halt du, das ist doch nur ’ne schwarze Wolkenwand
Mensch und die Wellen, ’s ist ja allerhand!
Mensch, das verschlingt uns ja die ganze Firma –
Ja, da sind wir jetzt glatt am Rand
ja, da sind wir eben jetzt am Rand!
Bald sinkt das Schiff zu Grund, das Meer geht drüber
Und die versunken sind, sieht nur der Hai im See –
Da hilft kein Whisky mehr und keine „Henry Clay“!
Wo’s jetzt hingeht, da geht kein Mädchen mehr mit rüber –
Ja, da heißt’s auf einmal jetzt, good-bye!
Ja, da heißt es eben jetzt, good-bye!
x
Und das Wasser, das steigt, und das Schiff, das versinkt
und ein rettender Strand lässt sich nicht blicken.
Nur ein Schiff, das nicht schwimmt, nur ein Strand, der nicht winkt,
na, da muss jeder sich dreinschicken –
na also, good-bye!
x
Da hört man auf einmal keine großen Reden mehr
da sind sie auf einmal alle ganz klein
da plappern sie plötzlich alle ein Vaterunser her
da will’s plötzlich keiner mehr gewesen sein!
denn jetzt ist’s vorbei.
x
Und jetzt will ich mal was sagen: Das kennen wir schon!
Da wird ein Leben lang das Maul aufgerissen
und steht so was dann vor Gottes Thron
dann wird in die Hosen geschissen.
x
Ja das Meer ist blau, so blau
und das geht alles seinen Gang
und wenn die Chose aus ist
dann fängt’s von vorne an –
Ja das Meer ist blau, so blau
und das geht auch nicht mehr lang!
Ja das Meer ist blau, so blau
das Meer ist blau.

Lotte Lenya interpretiert das Lied kongenial:

 

Nun bleibt mir nur noch der fromme Wunsch, dass die Damen und Herren Politker nicht in einer Kurzschluss-Handlung auf den Roten Knopf drücken!

Ja, das Meer ist blau, so blau…, Foto-Legebild-Collage

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Kaffeepäuschen in Kalamata

Bei den hochsommerlichen Temperaturen vermeide ich es, nach Kalamata zu fahren, aber manchmal sind ja doch Besorgungen zu machen. Und so saß ich heute auf dem zentralen Platz der Altstadt und beguckte mir die x-mal beguckten Häuser, die Menschen und die Hüte gegenüber, während ich einen doppelten Espresso genoss. Eine Flasche Wasser und ein Glas mit Eisstückchen wurde dazu serviert, und die Lokalzeitung lag griffbereit auf dem Tischchen.

Der Platz mit dem Hutgeschäft, den von Skitsofrenis gesprayten Revolutionshelden an der Wand, den Bougainvileas und anderem Grün  und der historischen Kirche, in der einst die „Revolution“ (sprich: Beginn der Befreiungskämpfe gegen das Osmanische Reich, die schließlich zur neuen Staatsgründung führten) ausgerufen wurde, gehört zu den schönsten und geschichtsträchtigsten der Stadt. Und so vermute ich, dass die junge Dame, die mit ausgestrecktem Arm eifrig in ihr Handy sprach und sich mal vor-, mal zurück gewegte, eine kleine Reportage über die Kirche machte, die sich in ihrem Display zeigte.

Übrigens hat es wenig später angefangen, leicht zu regnen. Und als wir wieder daheim waren, fanden wir unser Lager auf der Turmterrasse durchnässt vor. Das aber ist nicht weiter schlimm und wird durch die Freude über den Regen gutgemacht.

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112 Stufen, 65: Zweifel (Aristoteles, Johannes Buridan und Hans Magnus Enzensberger)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 

eine philosophische Streitfrage zirkuliert durch die Jahrhunderte (Legebild-Zeichnung)

Zweifel ist ein zweischneidiges Schwert, das jede Initiative zerstören, aber auch Schneisen ins Gefängnis der Dogmen und falschen Gewissheiten hauen kann. Wenn er sich in zwischenmenschliche Beziehungen einnistet, wirkt er als zehrendes Gift. Genauso schlimm aber ist es, wenn der Zweifler die eigene Existenz in Frage stellt.

Auf Griechisch heißt das Wort „αμφιβολία“ (amphivolia) – und das heißt, mein Pfeil richtet sich auf zwei unvereinbare Ziele gleichzeitig, ich schwanke, komme zu keinem Entschluss. Aristoteles fragte sich in der „Nikomachischen Ethik“: „Wäre der Wille, vor zwei vollständig identische Alternativen gestellt, in der Lage, eine Alternative der anderen vorzuziehen?“ Johannes Buridan, scholastischer Philosoph des 14. Jahrhunderts, antwortete: Nein! Unmöglich! Ein Esel zwischen zwei gleichartigen Heuhaufen würde unweigerlich verhungern.

Seither spricht man von „Buridans Esel“. Dabei ist Buridan an dem Eselsgleichnis ganz unschuldig, denn das stammt von dem persischen Gelehrten Al-Ghazālī (1058–1111) und wurde ideengeschichtlich recyclet, weil es so hübsch ist.

Logisch gesehen mögen die Philosophen recht haben (außer den genannten haben noch etliche mehr das Thema gewälzt), und die seelische Beschaffenheit des ewigen Zweiflers beschreibt das Gleichnis auch recht gut, aber der veritabler Esel würde angesichts zweier gleich leckerer Heuhaufen ganz sicher nicht verhungern, sondern sich sehr schnell für einen entscheiden.

Aber der Mensch? Da bin ich mir nicht so sicher! Wie oft steht er sich mit seiner Zweifelsucht selbst im Weg! Gleicht nicht so mancher Zeitgenosse der Morgensternschen Hausschnecke, die ich hier kürzlich zitierte? Schon bei der Geburt zweifelt so mancher: soll ich – oder soll ich nicht? Ists hier nicht besser als dort? Ists dort nicht besser als hier? Ist es besser, jung zu sterben oder gar nicht geboren zu werden, wie sich Aristoteles fragte? Ist es besser, zu leben oder sich den „stings and arrows of outraged fortune“ entschlossen durch Selbstmord zu entziehen, wie Shakespeares Hamlet sinniert?

Möge der zeitgenössische Philosoph und Dichter Hans Magnus Enzensberger (1929-2022) uns das Thema weiter beleuchten!

Hans Magnus Enzensberger

zweifel

bleibt es, im großen und ganzen, unentschieden
auf immer und immer, das zeitliche spiel
mit den weißen und schwarzen würfeln?
bleibt es dabei: wenig verlorene sieger,
viele verlorne verlierer?

ja, sagen meine feinde.

ich sage: fast alles, was ich sehe,
könnte anders sein. aber um welchen preis?
die spuren des fortschritts sind blutig.
sind es die spuren des fortschritts?
meine wünsche sind einfach.
einfach unerfüllbar?

ja, sagen meine feinde.

die sekretärinnen sind am leben.
die müllkutscher wissen von nichts.
die forscher gehen ihren forschungen nach.
die esser essen. Gut so.

indessen frage ich mich:
ist morgen auch noch ein tag?
ist dies bett eine bahre?
hat einer recht, oder nicht?

ist es erlaubt, auch an den zweifeln zu zweifeln?
nein, euern ratschlag, mich aufzuhängen,
so gut er gemeint ist, ich werde ihn nicht befolgen.
morgen ist auch noch ein tag (wirklich?),
die augen aufzuschlagen und zu erblicken:
etwas gutes, zu sagen: ich habe unrecht behalten.

süßer tag, an dem das selbstverständliche
sich von selber versteht, im großen und ganzen!
was ein triumph, kassandra,
eine zukunft zu schmecken, die dich widerlegte!
etwas neues, das gut wäre.
(das gute alte kennen wir schon…)

ich höre aufmerksam meinen feinden zu.
wer sind meine feinde?
die schwarzen nennen mich weiß,
die weißen nennen mich schwarz.
das höre ich gern. es könnte bedeuten:
ich bin auf dem richtigen weg.
(gibt es einen richtigen weg?)

ich beklage mich nicht. ich beklage die,
denen mein zweifel gleichgültig ist.
die haben andere sorgen.

meine feinde setzen mich in erstaunen.
sie meinen es gut mit mir.
dem wäre alles verziehen, der sich abfände
mit sich und mit ihnen.

ein wenig vergeßlichkeit macht schon beliebt.
ein einziges amen,
gleichgültig auf welches credo,
und ich säße gemütlich bei ihnen
und könnte das zeitliche segnen,
mich aufhängen, im großen und ganzen,
getrost, und versöhnt, ohne zweifel,
mit aller welt. 

(zitiert nach: Universität des Saarlandes, Gedicht des Monats)

philosophische Streifrage, Schnipsel von Susanne Haun

 

 

 

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Dienstagsdrabble: Fata Morgana, kata-strophisch und sehr fraglich

 

Raum – sich (ein)fügen – lustig sind die Wörter, die Heide von der Puzzleblume dieses Mal fürs Dienstags-Drabble ausgesucht hat. Gefragt ist, einen Text von genau 100 Wörtern um diese drei herum zu bauen. Ich reimte wie üblich Kata-Strophen, dieses Mal aber gab ich mir noch eine weitere Regel: Jede zweite Zeile sollte mit einem Fragezeichen enden. Und das kam dabei heraus:

Fata Morgana

                 Als ich durch die Straßen schlurfte,

spät des Nachts – ob ich das durfte?

                 Sah ich ein beleuchtet Fenster

Und dahinter – warns Gespenster?

                 Aus dem Raum ertönte Lachen

Was die wohl für Sachen machen?

                 Als ich lauschte, hört ich Worte

erst leise, doch dann wurd es forte?

                „Lustig, lustig! trallala

Ist bald  Niklausabend da?“

                Zwischendrin, in einer Pause

Kam das wirklich aus dem Hause?

                Hört ich auch noch  andre Laute

Was sich da wohl zusammenbraute?

                 Es ließe sich hier wohl einfügen

Doch sagt ihr dann, ich würde lügen?

                Dass es August war und sehr heiß

Ne Fata Morgana wars, wer weiß?

Das erste Legebild ist aus Hannahs Schnipseln gemacht, das zweite aus irgendwelchen.

 

 

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112 Stufen, 64: Panik in den Zeiten der Cholera (Carl-Christian Elze)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Panik – das Wort entstammt der griechischen Hirtenmythologie: Die Herde rast los, kopflos, selbstzerstörerisch, wenn der Gott Pan sich den Spaß erlaubt, sie zu erschrecken.  Die Herde dreht und wendet sich unruhig, eins beginnt zu rennen, das andere folgt, eine Massenbewegung entsteht, man drängt und drängelt und brüllt, eins bricht zusammen,  die anderen trampeln drüber hinweg, es gibt kein Halten und Erbarmen mehr.

Die Überschrift zu diesem Eintrag habe ich dem Romantitel „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ von Gabriel García Márquez entliehen.

Heute neigen die Medien dazu, den Gott Pan nachzuahmen. Tagtäglich werden die Menschen mit Warnungen vor Katastrophen geängstigt, eine Dunstschicht latenter Panik hat sich über die Gesellschaft gebreitet. Und wie funktioniert das? Frühere traumatische Erfahrungen (oft vorangegangener Generationen) werden zum Echoraum und verstärken das Gewisper und Geflüster über drohende Gefahren in der Gegenwart, bis es in den Ohren dröhnt. Manchmal droht der Zusammenbruch der Gesundheitsdienste, dann wieder der Banken, dann der Wirtschaft, dann der Demokratie, dann des Friedens und der staatlichen Existenz überhaupt, dann des Klimas, dann der westlichen Allianz, dann der menschlichen Arbeit durch KI und Roboter … Und immer ist es der Tod, der unausweichliche, der unter wechselnden Namen auftritt.

IMG_5698qNehmen wir ein Beispiel von vielen:

Corona wurde propagandistisch zur Wiederholung der „(s)panischen Grippe“ hochgepeitscht, so dass sich die Herde ängstlich verkroch und sich mit allerlei nutzlosen Hilfsmitteln gegen den bösen „Virus“ verbarrikadierte. Schon den Kleinen wurde eingeimpft, dass jede Annäherung an den Artgenossen todbringend sein könnte. Die Panik brach schließlich nicht nach außen, sondern nach innen aus und setzte sich dort fest. Das Herz verengte sich (Angst kommt von Enge), die Arterien verschlossen sich, Herzrhythmusstörungen und Infarkte nahmen zu.

Bei meiner heutigen Recherche stieß ich auf einen Gedichtband von Carl-Christian Elze (*1974), der mich neugierig machte. Gelesen habe ich bisher freilich nicht die Gedichte, sondern nur einige Rezensionen. Über den Autor erfuhr ich:

Zur Person_Carl-Christian Elze studierte Medizin, Biologie und Germanistik, außerdem von 2004 – 2009 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2022 erschien sein Roman »Freudenberg« bei Voland & Quist / Edition Azur. Im Verlagshaus Berlin erschienen zuletzt »langsames ermatten im labyrinth« (2019) und »diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde« (2016). Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit einem Stipendium im Deutschen Studienzentrum in Venedig (2016), dem Rainer-Malkowski-Stipendium (2014) und dem Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreis (2014). Elze ist Mitbegründer der Leipziger Lesereihe »niemerlang«, Monatsjuror bei »lyrix«, dem Bundeswettbewerb für junge Lyrik, und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Der Klappentext des Verlags verrät nicht allzu viel:

Carl-Christian Elze sucht in seinen Gedichten die großen Schauplätze menschlicher Erfahrung auf und nimmt die Leser*innen mit auf diese Expedition. Es ist ein Kampf zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Panik und Produktion, zwischen Glauben und (Ver-)Zweifeln. »panik/paradies« eröffnet uns ein überbordendes Spektrum an Auseinandersetzungen: Kindheit und Kindheitserinnerung, Familie und Ehe, Liebe und Entfremdung, Tier-Mensch-Beziehungen, Geschichte und wie wir sie erzählen, Politik und ihre Auswirkung auf unser Selbstbild und die Bilder, die wir von anderen haben.
*
Elzes Gedichte sind immer auch Spiegel unserer Empfindungen: Wie begegnen wir dem Schmerz, wie dem Tod?, wie der Trauer?, wie dem immer wiederkehrenden Gefühl der Ohnmacht, der Angst. Es muss doch eine Sprache geben, die die existentiellen Fragen zu fassen vermag? Terzinen, Sonette, Balladen, Zyklen, Listen, Gebete, Beschwörungen – Elze breitet das Besteck des Dichters in fast verzweifelter Vielfalt aus. Gerade in der Vielstimmigkeit, die im Band hörbar und spürbar wird, liegt eine Möglichkeit, eine Sagbarkeit. Es ist Elzes unverwechselbarer Ton, sein Flow, sein Atem. Präzise, aber nie pedantisch – spielerisch, aber nie verspielt – wütend, aber nie verachtungsvoll. »panik/paradies« ist nichts weniger als eine unbedingte, eine schonungslose Hingabe an die Existenz und an die scheinbar unendlichen Fragen, die sie aufwirft.

***

Eine Rezension von Ralf Julke in der Leipziger Zeitung geht da schon dichter an den Inhalt und den Alptraum der Entstehungszeit heran. Ich gebe sie hier in voller Länge wieder

Cover des Gedichtbandes.panikparadies: Gedichte wie eine irre Fahrt durch drei verstörende Jahre

Panikparadies ist natürlich auch Leipzig. Aber nicht nur. Es sind alle diese kleinen und großen Welten, in denen Menschen an ihre Grenzen kommen und nur zu bereit sind, völlig außer Rand und Band zu geraten. Panikparadies waren auch diese zwei, drei Corona-Jahre, die auch Eltern und ihre Kinder an die Grenzen des Kontrollierbaren gebracht haben. Auch Dichter-Väter wie Carl-Christian Elze.

Davon erzählt er gleich im ersten Kapitel: Mysophobia, der Angst vor Deck und Verunreinigung. In dem es eigentlich darum geht, wie ein kleiner Junge versucht, mit den ganzen Alarmmeldungen aus der frühen Corona-Zeit umzugehen, wo alle Kanäle voll waren mit Warnungen vor Ansteckungen und Schmierinfektionen. Ja nicht anfassen!

Carl-Christian Elze sucht in seinen Gedichten die großen Schauplätze menschlicher Erfahrung auf und nimmt die Leser*innen mit auf diese Expedition. Es ist ein Kampf zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Panik und Produktion, zwischen Glauben und (Ver-)Zweifeln. »panik/paradies« eröffnet uns ein überbordendes Spektrum an Auseinandersetzungen: Kindheit und Kindheitserinnerung, Familie und Ehe, Liebe und Entfremdung, Tier-Mensch-Beziehungen, Geschichte und wie wir sie erzählen, Politik und ihre Auswirkung auf unser Selbstbild und die Bilder, die wir von anderen haben.

Andere Menschen meiden, auf jedes Anzeichen der Ansteckung achten. Angst vor einem Virus, das so unbarmherzig tödlich ist. Das überfordert selbst den studierten Vater, der ja eigentlich Naturwisschaftler ist und die Welt nur zu gern rational erklärt.

Aber unsere Vorstellungswelten sind nicht rational. Und wer sich erinnert, weiß, dass viele Menschen gerade in dieser Zeit völlig irrational reagierten – in die eine Richtung genauso wie in die andere. Vom Leugnen bis zur Panik war alles dabei. Aber wie entfaltete sich das in dem kleinen Kosmos der Familie, die ja erst recht aufs „Homeoffice“ verwiesen war? Draußen das unsichtbare Unheil, von dem sich nicht wirklich einschätzen ließ, wie gefährlich es war.

Drinnen die Eltern, die ihre Sorgen nicht mehr hinter reiner Vernunft verstecken können. Und das Kind, das jetzt auf einmal eine Phobie vor jeder Art Verunreinigung entwickelt. Und der Vater im Luftraum, in seiner eigenen Panik: Wie kann er diesem Kind helfen?

das system muss seine lieferketten retten

So intensiv hat bisher kein Dichter diese beklemmende Zeit und das Erleben der Eltern in Worte gefasst, die damit umgehen mussten, selbst im Grunde genauso hilflos wie die Kinder.

Aber sind wir nicht immer so hilflos? Gerade in den Sphären, in denen andere Menschen dafür sorgen, dass es immerfort irrational zugeht, weil Gier, Geiz und Größenwahn sie antreiben? Ein Großteil der Gedichte, die Elze in zehn Kapiteln versammelt hat, erzählen genau davon. Er weiß, dass der Wahnsinn Methode und einen Namen hat. Das zweite Kapitel (Caput II) beginnt er gleich mit einer fast kompletten Systembeschreibung.

Nur dass er mit „System“ nicht das meint, was deutsche Verschwörungstheoretiker in ihre Bärte murmeln, weil sie lieber finstere Kräfte vermuten, wo es um knallharte Profite geht. „das system muss seine lieferketten retten“.

Denn wer die Irrationalität der frühen Corona-Zeit verstehen will, wird nicht mit dem Finger auf „die Politik“ zeigen, sondern sehen, wer da tatsächlich geschont und gehätschelt werden sollte: „das system muss seine lieferketten retten / das system muss sein wachstum retten / das system muss seine investitionen retten / das system muss seinen cashflow retten …“ usw.

Elze liebt dies langen Reihen, in denen er – wie in einer Beschwörung – alles herauskitzelt, was der erste Vers an Möglichkeiten bietet. Ihm werden die Dinge selbst klarer, wenn er schreibt. Jeden Tag schreibt er.

Manchmal voller Trauer, wenn er dem Sterben des Familienhundes zuschaut. Manchmal voller Wärme, wenn er das Kind zu Bett bringt: „er hebt das kind hoch, hält es in die luft / winzig und wunderschön wie es ist“. Nur um dann gleich wieder einen dieser fast automatisch aufploppenden Gedanken hinterher zu schieben: „und spricht vom ende des menschen“. Im nächste Gedicht dann gar schon beginnend mit „die angst kippt ihre eimer“ aus.

Damals, als es noch Menschen gab

Man fühlt sich mit ihm direkt zurückversetzt in alle diese bangen Monate, die Zeit von Ungewissheit, Hoffen und Lakonie. Denn dass es nicht nur um dieses eine Virus geht, das da in Windeseile um die Erde flog (natürlich in vollbesetzten Flugzeugen, wie denn sonst?), das ist dem studierten Biologen nur zu gewärtig. Denn dahinter steckt der systematische Irrsinn einer Menschenwelt, die sich von Gewinnstreben und Machtgelüsten treiben lässt und nicht fähig ist, in diesem Treiben innezuhalten, das Richtige und das Vernünftige zu tun.

Im Jahr 2077 lässt er gar einen „melancholischen Cyborg“ darüber sinnieren, wie das eigentlich war mit den Gefühlen, damals, als es noch Menschen gab.

Von denen ein paar sich sorgten wegen des ausbleibenden Schnees, der Dürre, der „hassmaschinen / die euch so lang wie freunde schienen …“ und dann, wenn sich die Menschen dort sammeln, anfangen, Schlamm zu produzieren. Wobei so mancher Text von Elze mit dem Maschinenmotiv spielt.

Denn wenn Menschen sich zu Teilen einer wuchernden Maschine entwickeln, beginnen sie auch sich so zu verhalten. Dinge zu produzieren, nur weil es die Serie so verlangt. Getrieben von einer bis ins Unsinnige beschleunigten Maschine, die er in „rhyme machine kann nicht mehr stoppen“ parodiert.

Zumindest weiß er noch, dass alle diese auf Krawall Geölten innendrin in ihren Köpfen noch kleine Kinder sind, vielleicht sogar liebenswert: „komm in den hasserfüllten mann und schau: / der löffel gold, der in den windeln steckt / der schnuller eitelkeit …“

komm in den angstverstopften kiez

Denn genau holt sie das System ab: bei ihren ungelebten, unausgesprochenen Gefühlen, ihrem, Nicht-Erwachsen-Werden-Wollen. Dass dem dann auch noch ein paar deftige Trump-Gedichte folgen, überrascht nicht. Der Man ist der Typ der Zeit, der quengelde, von kindischem Geltungsdrang Getriebene, dem egal ist, was er anrichtet. Scheinbar ein einsamer Typ.

Aber bei genauerem Hinschauen laufen diese Typen in Dutzenden herum, nur zu bereit, die Welt in einen Sandkasten der balgenden Bälger zu verwandeln. Auch dieses Leipzig, von dem Elze besonders den Leipziger Osten genauer betrachtet. Und ihm damit ein Denkmal setzt.

Denn solche Gedichte über die Eisenbahnstraße, das Rabet, die ermordete Nicky und Neustadt hat noch keiner geschrieben. Direkt mit Zitaten aus dem wortklingelnden Alltag und dem politischen Tanz ums goldene Kalb. „komm in den angstverstopften kiez und schau“, zitiert er Stefan George und damit auch indirekt den Leipziger Dichterkollegen Thomas Böhme.

Natürlich erwähnt er die Messer,welche die gastweise einfliegenden Medien hier so gern als Angstmacher entdecken. Um dann zu zeigen, was einer sieht, der hier wirklich wohnt. „vergiss auch diese früchteorgien nicht / den zuckerknall in aufgetürmten pyramiden / lebst nicht viel kürzer hier auf eisenschienen / lebst auch nicht länger, pissgesicht!“

Das ist dann deutlich, wird aber die zuständigen Schwarzmaler nicht erreichen. Denn die leben von der Panik und vom Panikmachen. Für die ist eh alles gleich und markiert. Wer die Eisenbahnstraße zur gefährlichsten street in Deutschland erklärt, braucht nichts zu sehen und zu entdecken. Für den ist eh alles gleich.

Nur Menschen wie Elze macht das wütend und deutlich wütender. Denn als dichtender Vater spürt er, was das anrichtet, wie es bis in den Familienalltag hineinwettert und wetterleuchtet, diese künstliche geschürte Unruhe, das Gezeter und Geschrei.

notaufnahme mit herz

Und dabei kann doch schon eine fünftägige Krankheit des Kindes den Vater in die Verzweiflung treiben. Hölle auf Erden. Nur eben real. Die reale Angst, die einen packt, wenn es wirklich um Liebe und Leben geht. Das Mitfiebern, wenn der Junge dann in der Thomaskirche vorsingen darf, weil er sich innigst wünscht, ein Thomaner zu werden. Und dann die Frau, Mutter und Liebste – auf einmal „notaufnahme mit herz“.

So intensiv hat jedenfalls Carl-Christian Elze seine Leser bisher noch nicht an seinem Alltag, seinem Leben und Mitleiden teilhaben zu lassen. Wissend, wie alles Menschsein fortwährend am seidene Faden hängt. So wie 2017, als der Asteroid 2012 TC4 nur „44.000 km an eden vorbei“ raste. Also die Erde nicht traf, dieses Paradies, von dem eine Menge Menschen nicht begriffen haben, dass es das Paradies ist.

Eden ist aber auch der Ort der Kindheit, an den man zwar zurückkehren kann. Aber in der Regel findet man dort nur noch „einen teppich von fliegen im zimmer“. So gesehen geht es die ganze Zeit um ein Behaustsein und einen sicheren Ort in einer Welt, die völlig entgeistert und entfesselt zu sein scheint. Irrelaufend. Als wären sie alle wie aufgezogen und besessen von der Jagd nach irgendwas. „Paläste gefüllt mit wörtern und ängsten / Eine sprache, die die hölle erfindet, möbliert / Abermillionen fiktionen: nationen, religionen, institutionen, geld …“

Das Vergängliche

Da hilft es nichts, wenn man sich absondert. Die Welt ist ja voll davon. Von diesem Gelärme, diesem Rechthabenwollen, dieser Selbstgerechtigeit und diesem verlogenen Bild der Einigkeit: „nirgends einigkeit / einzig der wunsch und alle / kriege des wünschens“. Das Nimmersatte, nimmer zu Sättigende, das nicht Ruhe gibt und immer mehr will. Man ahnt, wie er da am Schreibtisch verzweifelt versucht, diesen Lärm wegzudrücken.

Oder auch auszudrücken, ohne heftig zu werden. Lauschend auf die Nacht und die Atemzüge der Kinder. Denn er weiß ja – und hat selten so intensiv darüber geschrieben – wie sehr einen das Nächste am heftigsten mitreißt und spüren lässt, dass genau das das Leben ist: das Mitfürchten, Mitfühlen und das Gewahrwerden, wie vergänglich alles ist. Auch das eigene Leben.

Da wünscht er sich so sehr, das Kind solle keine Angst haben. Und dann hat es sie doch. Man kann es nicht bewahren vor dieser Welt mit ihren irrationalen Ängsten und der Panik, die überall hervorkriecht, weil Menschen nicht wahrhaben wollen, dass es die ganze Zeit um ihr Leben geht. Nicht um das der anderen. So wie in „hungrige tänze“, wo die Verblüffung den Dichter beim Einatmen der Eisluft geradezu schockt: „mein herz / eine kugel / voller fruchtsaft / die zittert: panik“.

Bis dahin kommen die Meisten noch. Ohne zu merken: Ja, so schockt einen das Leben. Man muss es aushalten wollen und wahrnehmen. Die letzte Zeile also: „paradies“.

Wer das nicht mehr spürt – und Elze weiß das als Dichter nur zu gut – ist tot.

Carl-Christian Elze: „panikparadies“, Verlagshaus Berlin, Berlin 2023, 22,90 Euro.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: gesund schlemmen

Es ist an der Zeit, den sommerlichen Leibesgenüssen etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die habe ich in der letzten Zeit ein wenig vernachlässigt. Und so will ich euch heute mit einem Gericht den Mund wässrig machen, das ich gestern in „unserer“ Taverne verspeiste: mit Reis und Kräutern gefüllte und fein mit Tomatensoße geschmorte Zucchiniblüten! Dieses Gericht gibt es jetzt noch, bald ist die Zeit vorbei. Als sie auf den Tisch kamen, waren es noch mehr, und sie lagen hübsch verschachtelt auf dem Teller. Leider aß ich ein paar, bevor ich dran dachte, ein Foto zu machen.

Die griechische Küche ist reich an solchen frugalen Leckereien, die gefüllten Wachteln und Nachtigallen bei weitem vorzuziehen sind. Leider gibt es nicht mehr viele Gaststätten, die sich die Mühe machen, die saisonalen lokalen Gerichte auf den Tisch zu bringen. Wir haben mit unserer traditionellen Taverne wahrlich großes Glück.

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112 Stufen, 64: Liebeskummer (Friedrich Nietzsche)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die Schnipsel dieses Bildes spendete mir die Berliner Freundin Ruth Lisa Knapp

Liebeskummer – wer kennt ihn nicht? So mancher Dichter hat sich beklagt, dass die Angebetete nicht zur Verfügung stand. So manche Dichterin fand selbstmitleidige Worte, um den Kummer der Versetzten zu beschreiben. Liebeskummer ist offenbar vor allem dies: Selbstmitleid, Wut und Klage, dass ein Idyll sich zerschlug, eine Hoffnung Lügen gestraft wurde, eine Werbung keinen Anklang fand. Man gab sein Herz und mehr hin und sieht sich nun betrogen, ach betrogen!  Verletzt ist das Herz, verloren die Ehre, und man möchte am liebsten sterben.

Für all die Vielen mag das „Lied des theokritischen Ziegenhirts“ stehen, mit dem Nietzsche den leidigen Liebeskummer besingt. Er zeigt das Tragikomische dieses Gefühls, das dem, der davon befallen wird, bitterste Tränen abpresst.  Das Gedicht, wie alle „Lieder des Prinzen Vogelfrei“, wurde 1887 als Anhang der „Fröhlichen Wissenschaft“ veröffentlicht. Es schildert das Leben des Hirten weit weniger idyllisch als der titelgebende griechische Dichter Theokritos, der zwischen 300-260 v. Chr. in Syrakus, Sizilien lebte und als Schöpfer bukolischer Liebeslieder und Schäferidyllen bekannt wurde. (Das Wort „Idylle“ (ειδύλλιο) in seiner heutigen Bedeutung stammt übrigens von ihm.). Durch das realistisch-derbe Hirtenmilieu gelingt es Nietzsche, dem Liebeskummer etwas Lächerliches zu geben und sich von seinen Qualen zu distanzieren

 

Friedrich Nietzsche

Lied eines theokritischen Ziegenhirten.

Da lieg ich, krank im Gedärm, –

Mich fressen die Wanzen.

Und drüben noch Licht und Lärm!

Ich hörs, sie tanzen…

 

Sie wollte um diese Stund

Zu mir sich schleichen.

Ich warte wie ein Hund, –

Es kommt kein Zeichen.

 

Das Kreuz, als sies versprach?

Wie konnte sie lügen?

– Oder läuft sie jedem nach,

Wie meine Ziegen?

 

Woher ihr seidner Rock? –

Ah, meine Stolze?

Es wohnt noch mancher Bock

An diesem Holze?

 

– Wie kraus und giftig macht

Verliebtes Warten!

So wächst bei schwüler Nacht

Giftpilz im Garten.

 

Die Liebe zehrt an mir

Gleich sieben Übeln, –

Nichts mag ich essen schier.

Lebt wohl, ihr Zwiebeln!

 

Der Mond ging schon ins Meer,

Müd sind alle Sterne,´

Grau kommt der Tag daher, –

Ich stürbe gerne.

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Ziegenherde bei Karitaina/Arkadien, Griechenland

 

 

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Der August und die Buben der Münzen und Kelche

In den 6.-8. Raunächten zog ich nur Buben aus dem Stapel der Tarotkarten. und zwar am 31.12.2024 für den Juni den „Buben der Kelche“ und am 1.1.2025 für den Juli den „Buben der Münzen“, am 2.1. dann erneut den „Buben der Münzen“, der sich aber, nach genauerem Besehen, erneut als „Bube der Kelche“ entpuppte.

Juli, August, November: Bube der Münzen          Juni, August: Bube der Kelche

In der 6. und 7. Raunacht hatte ich zu den beiden Burschen auch neurografische Zeichnungen gemacht, die freilich eher die Stimmung zu Jahresbeginn als die des Sommers spiegelten. Das ist auch nicht verwunderlich, denn dazwischen lag die Silvesternacht, in der der Brenner unserer Heizung kaputt ging, mein Atelier total verrußte und um ein Haar das Haus abgebrannt und/oder wir an Kohlenmonoxid-Vergiftung erstickt wären. Zum Glück bemerkten wir den Geruch, als wir auf der Turmterrasse standen und dem Neuen Jahr zuprosteten, eilten in den Heizungskeller und verhinderten das Malheur.

Und nun beide noch einmal für den August?? Soll ich im August weiterhin prüfen, wie es mit meinen Ressourcen bestellt ist? Oder soll ich mir „die Weisheiten (seines Vetters) zuflüstern lassen, die mich auffordern, mich dem Wasser, der Kreativität und Sinnlichkeit sanft und widerstandlos hinzugeben“, wie ich zur Juni-Karte schrieb?

Ja, warum nicht beide? Ich zeichnete die in der Nacht als „Bube der Münzen“ begonnene Zeichnung am Tage (am 2.1.) als „Buben der Kelche“ zu Ende. Und jetzt hatte sie auch sommerliche Leichtigkeit.

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2025/01/img_0602-2_edited.jpg

Wohlgefällig betrachtete ich die Zeichnung und schrieb: “

Mit gefällt es sehr, dass diese beiden munteren Buben, die auch Pagen genannt werden, mich erst abwechselnd, dann gemeinsam in den drei Sommermonaten von Juni bis August begleiten werden.

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