112 Stufen: Fünf Treppenabschnitte im Rückblick

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Wieder lasse ich ein schwieriges Stück der Holsteiner Treppe hinter mir. Und blicke zurück in die Tiefe, bis hinunter zur ersten Stufe, von wo ich am 3. Juni aufbrach. Die erste Stufe trug das verheißungsvolle Wort „Glück“. Und nun, am Ende des 5. Aufstiegs, steht „verlassen“. Vom Glück verlassen? Das Glück verlassen? Goethes Gedicht der ersten Stufe heißt prophetisch „Willkommen und Abschied“.

Ist das den ganzen mühsamen Aufstieg wert? Ich finde, ja. Denn das Leben besteht nicht nur aus Glücksmomenten. Und es ist gut, sich zu vergewissern, was man durchgemacht und hinter sich gelassen hat und warum. Ich schaue also zurück und blicke dann wieder vorwärts, gespannt, was mir zum nächsten Treppenabschnitt einfallen wird, der mit der erforderlichen „Ausdauer“ beginnt und bei der zu erreichenden „Würde“ endet.

(Ich habe hinter die Autoren ein Stichwort oder einen Titel geschrieben, um die Orientierung zu erleichtern)

Der fünfte Treppenabschnitt im Rückblick:

71 verlassen (Eichendorff, „Das zerbrochene  Ringlein“) – 70 Enttäuschung (Luise Büchner, „Höchstes Leid“) – 69 Verzweiflung (Kierkegaard, „Krankheit zum Tode“, Nietzsche) – 68 Weinen (Goethe, „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“) – 67 Hass (Ricarda Huch, „Mein Herz, mein Löwe“, Heinrich Heine, „Diesseits und jenseits des Rheins“) – 66 Kurzschluss (Heinz Ehrhardt, „Kurz vor Schluss“, Bertold Brecht „Matrosentango“ aus „Happy End“) – 65 Zweifel (Aristoteles, Buridans Esel, Enzensberger, „Entschlusslosigkeit“) – 64 Panik (Carl-Christian Elze, „PanikParadies“, Pandemie) – 63 Liebeskummer (Nietzsche, „theokritischer Ziegenhirt“) – 62 Kränkung (Dieter Bonhoeffer, „Wer bin ich?“) – 61 Eifersucht (Tolstoi „Kreutzersonate“, Shakespeare „Othello“)

Der vierte Treppenabschnitt im Rückblick:

60 lieben (Paulus, Petros Gaitanos, Korinther, „Hohelied der Liebe“) – 59 zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Hugo „Zufall oder Fügung?“) – 58 verführen (Don Juan, Bertold Brecht) – 57 schmachten (Matthias Claudius, „Regenlied“) – 56 verlieben (Eichendorff) – 55 Zuneigung (Ringelnatz, „Ich hab dich so lieb“) – 54 tanzen (Kinderlied, „Wanze“) – 53 Handkuss (Rotter, Erwin, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“) – 52 Verehrer (Homer „Penelope“, Stefan George „Jean Paul“) – 51 überschwenglich (Grimms Märchen vom süßen Brei, Rilke, Wedekind) – 50 kribbeln (Fontane, „Natur“) – 49 Leidenschaft (Ebner-Eschenbach, „Uhren“ , Stefan Zweig, Lasker-Schüler) – 48 Anziehung (Droste-Hülshoff Mann-Frau, „Magnet“) – 47 Aufblühen (Anais Nin, weibliche Emanzipation) – 46 erlauben (Verschnaufpause)

Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick

45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma („Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, Verliebtsein) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „ohne Schuld“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, Poseidon, Odysseus) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti, „Futuristisches Manifest“) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel, Rede zum Büchner-Preis) – 28 friedlich (Bertold Brecht, „Friedenslied“)) – 27 beruhigen (Natur, erleben) – 26 Freude (Friedrich Schiller, „An die Freude“) – 25 Verbot (Anatole France, Gleichheit vorm Gesetz) – 24 wappnen (Martin Luther, „Ein feste Burg“) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh, Vormärz „Wiegenlied“) – 22 Zorn (Roman Herzog „Aguirre“, Georg Trakl „Grodeck“) – 21 Begeisterung (Hegel, Definition) – 20 Bruder (Karl König, „Bruder Tier“) – 19 Nähe (Christian Morgenstern, „Näherin“) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz „Mächtig ist die Ehrlichkeit“) – 17 Lachen (Günter Grass „Hier wird nicht mehr gelacht“) – 16 Sprechen (Schiller, „Die Bürgschaft“) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch „Mein Herz, mein Löwe“, Leo Tolstoi „Auferstehung“, Matthäus-Evangelium) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt, „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“) – 13 beschützen (Hermann Hesse, „Stufen“, Hölderlin „Hyperions Schicksalslied“) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach, „Weihnachtsoratorium“) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe, Valentin im „Faust“) – 10 Familie (David Cooper, „Tod der Familie“) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium „Verkündigung“) – 8 Angst (Mascha Kaléko, „Jage deine Ängste fort“) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche „Im Süden“) – 6 Heimat (Theodor Fontane „Graf Douglas“) – 5 Liebkosen (Aischilos „Gefesselter Prometheus“, Selbst „Schwanenwege“ // Leo Tolstoi „Anna Karenina“) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert, „Die Küchenuhr“) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky „Mutters Hände“) – 2 Streicheln (John Steinbeck „Of Mice and Men“) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe „Willkommen und Abschied“).

 

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Dienstags-Drabble: Namensqualen kata-strophisch

Das Drabble ist ein Text von genau hundert Wörtern. Die diesmal von Heide vorgegebenen Wörter waren Küchengerät – fahren – hartnäckig. Beim Wort Küchengerät fiel mir gleich ein, dass die in den 50er Jahren Gerda hießen, was ich ziemlich blöd fand. Dennoch ist die folgende Geschichte erdichtet und keinesfalls autobiografisch. Denn niemand hat mich deswegen aufgezogen.

Als Küchengeräte GERDA hießen.

 

Ich glaub, ich war so an die zehn

Als dieser Spuk begann

Wollt nicht mehr in die Schule gehn

War schlimm, o Manno Mann!

 

Die eine grinst, fragt mich bescheiden

Ob sich der Mixer wirklich lohnt?

Die andre will mich fast beneiden

Weil ich von einem Quirl bewohnt.

 

Hartnäckig in den fünfzger Jahren

Solang die Gerda-Werbung lief…

Es war um aus der Haut zu fahren

Wenn einer mich beim Namen rief

 

Und alles das, weil ein Halunke

Den Namen schick fand zum Gebrauch

Für Küchen, Löffel, Bratentunke

Er dacht nicht dran: so heiß ich auch!

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Archivbild der Woche (10.8.2018, nachgetragen) 

Jeden Sonntag ins Archiv hinabsteigen und ein Bild hervorholen – das ist Heides (Puzzleblume) Vorschlag. Ich habs an diesem Sonntag nicht geschafft, meinen Fund zu posten. Hier ist er: Am 19. August 2018 lag ich auf dem Sofa herum und fotografierte, was mir ins Auge fiel, ohne zu fokussieren. Und so entstand ein Mosaik von Raumeindrücken, die sich zum Eindruck eines faulen Sommernachmittags ergänzen.

Heute war wieder ein zehnter August, und wieder lag ich zur Siestazeit auf einem Sofa und guckte in die Gegend, nahm auch wieder das Handy und nahm auf, was mir in den Blick fiel. Der Raum ist derselbe, aber Blickwinkel, Beleuchtung und damit der Gesamteindruck sind ganz anders. Die erste Gruppe wirkt sehr atmosphärisch, wie verzaubert, die heutige sachlich. Habe ich mich so verändert? Oder liegt es am Raum?

 

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Etüdensommerpausenintermezzo (leicht-fertig, kata-strophisch)

Aus den folgenden zwölf Wörtern habe ich sieben für meine leicht-fertige Reimerei benutzt und damit die eine Regel, die Christiane aufgestellt hat, erfüllt.

Abenteuer – Badelatschen – Festival – Imbibition – Luft – Motor – Sandengel – Schnorchelkonzert – Sommergrippe – Starkregen – Zahnstocher – Zusammenhalt

Die andere Regel: Die Etüde soll von Liebe handeln! Und das tut sie.

 

Etüdensommerpausenintermezzo

Schritt der kleine Gernegroß,

Kam der Sommer, einfach los,

mit der Nase in der Luft

folgt er jedem süßen Duft.

 

Ja, er folgt dem Duft, dem süßen,

Badelatschen an den Füßen

Schiebermütze auf dem Kopf

Und das Kraushaar in nem Zopf

 

In dem Rucksack einen Kocher

Und im Munde ’nen Zahnstocher

Für den Fall, dass er ihn braucht

Statt dem Pfeifchen, das er schmaucht.

 

Lässt sich treiben von den Winden

Abenteuer will er finden!

Schon weht es ihn hinab ins Tal

Und mitten in ein Festival

 

Das find‘ er lustig! und der Kleine

Hüpft erfreut auf einem Beine

In ein Zelt, allwo man singt

Und vom süßen Weine trinkt.

 

Wo so heller Singsang schallt

Schafft das gleich Zusammenhalt

Unser Kleiner folgt dem Duft

Einer Schönen, und er rufft:

He, du Schöne, lass dich riechen

Will mich ganz in dich verkriechen

Du duftest wie der Sommerwind

Komm her, ich liebe dich, mein Kind!

 

Die Schöne schaut ihn huldvoll an

Und denkt bei sich: das ist ein Mann

Der ist so anders als die andern

Mit dem würd ich ins Leben wandern.

 

Dem würd ich folgen, selbst wenn draußen

Gewitter und Starkregen braußen

Der krause Zopf, der macht mich an,

ich geh mit ihm, das ist mein Mann!

 

Gesagt, getan. Nun leben sie

Gemeinsam schon, ich weiß nicht wie,

Es geht mich ja auch nichts mehr an

Was sie da tun als Frau und Mann.

 

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112 Stufen, 71: verlassen (Eichendorff)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Ein Gedicht von Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857) über das Verlassenwerden wurde zum deutschen Volksliedgut und ist daher auch mir aus meiner Kindheit wohlvertraut: „In einem kühlen Grunde“ wurde 1813 unter Pseudonym als „Lied“ veröffentlicht. Eichendorff nahm es dann in seinen 1812 geschriebenen und 1815 veröffentlichten Roman „Ahnung und Gegenwart“ auf. 1826 erschien es erneut im Anhang der Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“.

 

Joseph von Eichendorff 

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will –
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!

Häufig finden sich unerwartete Übergänge zwischen den Einträgen der Treppenstufen, so auch in diesem Fall: Vorgestern postete ich das Nietzsche-Gedicht „Verzweiflung“, und heute entdeckte ich Nietzsches Vertonung des Eichendorff-Gedichts als „Melodram für Sprechstimme und Klavier“ (1863)! Hier das erste Blatt der Handschrift:

7.2_GSA_71_240,10_Seite1_klein.pngQuelle hier

Bekannt aber wurde das Gedicht vor allem durch die erste Vertonung durch den Zeitgenossen Eichendorffs, den Pfarrer und Komponisten Friedrich Glück (1793-1840), die auch einer Interpretation von 1905 durch Franz Porten zugrundeliegt. Die seltene Original-Tonaufnahme fand ich, wie auch viele andere Informationen, bei Wikipedia.

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In dieser Form fand es auch Eingang in die „Kommersbücher“, also die speziell für studentische Verbindungen zusammengestellten Liederbücher, seit diese aufkamen. Die Geschichte dieser Liederbücher für Studenten ist übrigens auch von historischem Interesse und bei Wikipedia nachzulesen. Da mein Vater Mitglied in einer studentischen Verbindung war und das Lied (so sagte man mir) mit großer Freude sang, vermute ich, dass es auf diese Weise in unsere Familie gelangte. So richtig glaubwürdig fand ich den Text jedoch nie, denn waren es nicht die Männer, die ihre treu zu Hause bleibenden Frauen und Kinder verließen, um in den Krieg zu ziehen? Und mir schien, dass sich auch dieser Mann da, der sich beklagte, schon längst getröstet hatte, indem er lustig hinauszog in die Welt und nun, zurückblickend, die vergangene Idylle noch ein wenig sentimental betrauert. Wie auch immer… Jedenfalls hatten die Männer einen Ausweg, die verlassenen Frauen aber nicht. Das empfand ich als Mädchen sehr deutlich, und es erbitterte mich. Mir sollte das nicht passieren, schwor ich mir. Ehe ein Mann mich verließ, würde ich ihn verlassen! Ob das nun klug war?

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Männerportrait hängt in London

Heute freute ich mich sehr über eine Nachricht und ein Foto. Die männliche Figur, die bei der kürzlichen Ausstellung „Kunst hilft“ in Kardamili wegging, ist gut beim neuen Besitzer in London angekommen und hängt nun in einem Raum, in dem offenbar viel Musik gemacht wird. Das inspiriert mich, das Kaufgeld entsprechend zu verwenden: ein Musikinstrument für ein musikalisches Kind, dem die finanziellen Mittel dazu fehlen, zu beschaffen. Win-win-win.

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112 Stufen, 70: Enttäuschung (Luise Büchner)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Luise Büchner (1821-1877), eine Schwester der berühmten Büchner-Brüder Georg, Wilhelm, Ludwig und Alexander, ist vor allem als Frauenrechtlerin und Förderin der Mädchen- und Frauenbildung in die Geschichte eingegangen. Dass sie auch schriftstellerte und dichtete, versteht sich fast von selbst. Denn wie sonst hätten die gebildeten Damen des 19. Jahrhunderts ihre Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen sollen? Und gebildet war Luise, die sich ein umfangreiches Wissen in Selbstunterricht aneignete. Wegen einer schweren Rückenverkrümmung konnte sie auf keine glückliche Ehebeziehung hoffen und ging wohl auch deshalb entschlossen den Weg, anderen Frauen und Mädchen Alternativen zum Leben als Ehefrau und Mutter aufzuzeigen.

Luises Dichtung reicht bei weitem nicht an die ihres Bruders Georg heran, aber ihr Lebenwerk, das mit dem Frauenberufsbildungswerk der Großherzogin Alice von Hessen eng verbunden war (Alice-Hospital Darmstadt, Alice-Verein für Frauenbildung und -Erwerb, Alice-Basar, Alice-Berufsfachschule, Alice-Lyceum), ist bedeutend und wird an ihrem Geburts- und Lebensort Darmstadt bis heute geehrt. Über ihre persönlichen Lebens- und Liebesenttäuschungen weiß ich nichts, doch spricht ihr Gedicht „Höchstes Leid“, das 1862 in der Sammlung „Frauenherz“ erschien, eine deutliche Sprache.

Luise Büchner

Höchstes Leid

Hart ists an dem Grab zu stehn

Derer die du heiß geliebet,

Hart auch, wie am Fels der Zeit

Traum um Traum am Nichts zerstiebet.

 

Bittrer als des Todes Raub

Und was kalt die Zeit entwendet,

Ιst’s, wenn du dein best’ Gefühl

An Unwürdige verschwendet.

 

Wie ein Bettler stehst du da,

Der alles hingegeben

Dem nichts blieb von seinem Schatz,

Als das nackte arme Leben.

 

Wie von roher Hand gestürzt,

liegt ein Götterbild im Staube,

Also ist ein Trümmerhauf’

Deines Herzens schönster Glaube!

 

Neue Rosen bringt die Zeit,

Frisches Grün das Grab umkleidet,

Aber öd bleibt dieser Platz

Und kein Thau drauf niedergleitet.

 

 

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112 Stufen, 69: Verzweiflung (Kierkegaard, Nietzsche)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Verzweiflung“ ist das heutige Wort – und sofort fällt mir Sören Kierkegaards „Die Krankheit zum Tode“ ein (Sygdommen til Døden, 1849 unter Pseudonym veröffentlicht). Und als zweites fällt mir Friedrich Nietzsche ein, der in mancher Hinsicht wie ein lebender Beispielsfall für Kierkegaards Erörterungen gelten kann. Kierkegaard (1813-1855) starb, als Nietzsche (1844-1900) elf Jahre alt war und der christliche Glaube im Gefolge der Aufklärung in ärgste Bedrängnis geraten war. Inzwischen gehört die Nichtgläubigkeit zur Normalität des aufgeklärten Menschen – was, nach Kierkegaard, die Stufe der tiefsten Verzweiflung ist, da das Bewusstsein nicht einmal mehr erkennt, was ihm fehlt.

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Die Eingangssätze zu Kierkegaards Schrift sind berühmt geworden:

„Der Mensch ist Geist. Aber was ist Geist? Geist ist das Selbst. Aber was ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist das am Verhältnis, dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält. Der Mensch ist eine Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit, von Zeitlichem und Ewigem, von Freiheit und Notwendigkeit, kurz, eine Synthese.“ 

Als die drei Hauptverhältnisse des Selbst zu sich selbst, die mit dem Bewusstsein seiner selbst zu tun haben, benennt Kierkegaard: a) Ich will verzweifelt ich selbst sein (ich empfinde, nicht authentisch zu sein; „eigentlich“ bin ich nicht ich selbst) – b) Ich will verzweifelt nicht ich selbst sein (ich wehre mich dagegen, das erfahrene Selbst als wirklich anzuerkennen; ich lehne mich selbst ab, ich hasse mich selbst) – c) Ich verzweifele mir nicht bewusst zu sein, ein Selbst zu haben (ich weiß nichts von einem Selbst, und das heißt: weiß nichts von Gott, der das Selbst gesetzt hat; ich bin ohne Bezug zu meiner Quelle).

Im Grunde beschreibt Kierkegaard mit den beiden ersten Hauptverhältnissen das, was man heute „misslingende Identitätsbildung“ nennt:  Ich möchte der sein, der ich eigentlich bin, doch gelingt es mir nicht // Ich will nicht der sein, der ich bin, kann mir aber nicht selbst entfliehen. Im dritten Hauptverhältnis ist die Verzweiflung unbewusst und daher am tiefsten, denn die Verbindung zum Selbst, also zu Gott, der das Selbst gesetzt hat, kann gar nicht realisiert werden. Bei Camus, der sich im Gegensatz zum christlichen Philosophen Kierkegaard als Atheist versteht, heißt es später entsprechend: „Das Absurde ist die Verzweiflung ohne Gott.“

Und Friedrich Nietzsche, der verkündete und zugleich beklagte, dass „Gott tot“ sei? „Gott ist tot. Gott bleibt tot: Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab?“ ( aus: „Die fröhliche Wissenschaft“, 1881).

Verzweiflung

Friedrich Nietzsche

Von Ferne tönt der Glockenschlag,

Die Nacht, sie rauscht so dumpf daher.

Ich weiß nicht, was ich tuen mag;

Mein Freud‘ ist aus, mein Herz ist schwer.

 

Die Stunden fliehn gespenstisch still,

Fern tönt der Welt Gewühl, Gebraus.

Ich weiß nicht, was ich tuen will:

Mein Herz ist schwer, mein‘ Freud‘ ist aus.

 

So dumpf die Nacht, so schauervoll

Des Mondes bleiches Leichenlicht.

Ich weiß nicht, was ich tuen soll…

Wild rast der Sturm, ich hör‘ ihn nicht.

 

Ich hab‘ nicht Rast, ich hab‘ nicht Ruh,

Ich wandle stumm zum Strand hinaus,

Den Wogen zu, dem Grabe zu…

Mein Herz ist schwer, mein Freud‘ ist aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Vollmond und Sonnenglanz

Heute Morgen gegen 9 Uhr erreichte der Augustmond seine volle Rundung. Ich hatte ihm in der Nacht bei seiner Wanderung über den Nachthimmel zugeschaut und auch gegen Morgen, als er goldrot über dem Meer stand und sich in den Fluten spiegelte. Die helle Linie einer Sternschnuppe blitzte daneben auf und verlosch. Es ist Persidenzeit.

Mich den Bergen zuwendend, sah ich die beiden hellsten Planeten, Venus und Jupiter, als Doppelerscheinung über den Bergkamm steigen. Merkur, der der Sonne am nächsten stehende Planet, ging fast gleichzeitig mit der Sonne auf und blieb für mein Auge unsichtbar.

Wir waren um halb neun zum Paneurythmie-Tanzen am Meer verabredet, danach gingen wir schwimmen. Das Meereswasser war von der Einstrahlung des Doppelgestirns Sonne und Mond und vielleicht auch der Planeten wie verwandelt: sanft schimmernd und geschmeidig, leicht wogend und klar bis zum Grund. So erlebe ich das Meer immer am Morgen nach Vollmondnächten, aber im August ist die Empfindung am stärksten.

zwei der Mittanzenden beim morgendlichen Schwimmen

Der Augustmond wird auch Erntemond genannt. Und wenngleich wir erst den Höhepunkt des Sommers erreicht haben, mischt sich doch schon die Ahnung des Herbstes ein: die Blätter der Feigenbäume rascheln zu Boden, der Wein, die Pfirsiche, die Feigen, Kürbisse, Melonen reifen. Und so kam mir heute Morgen angesichts der „Feier der Natur“ das schöne Gedicht von Friedrich Hebbel in den Sinn:

Dies ist ein Herbsttag …

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Ein wunderschönes Hochsommer-Wochenende wünsche ich allen hier Mitlesenden!

 

 

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112 Stufen, 68: Weinen (J.W.Goethe, Lied des Harfners)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Schon wieder Goethe? Ja. Kaum las ich das Wort auf der 66. Treppenstufe, fiel mir das Lied des Harfners aus Goethes „Wilhelm Meister“ ein. Es ist einer der Texte, der mich mein Leben lang schon begleitet, ja, er war geradezu eine Grundmelodie meines Aufwachsens in den Nachkriegsjahren. Niemals wurde das schwere Thema von Schuld, Sühne und Reue anrührender formuliert als in diesen wenigen Liedzeilen.

Johann Wolfgang von Goethe

Das Lied des Harfners

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein:
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

Ihm färbt der Morgensonne Licht
Den reinen Horizont mit Flammen,
Und über seinem schuldigen Haupte bricht
Das schöne Bild der ganzen Welt zusammen.

Hugo Wolf, Franz Schubert und Franz Liszt haben das Gedicht vertont, manch anderer hat sich der Anfangszeile bemächtigt, Pasolini hat sie seinem ersten Spielfilm im Titel beigegeben (Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß, 1961). Die Vertonungen sagen mir nicht zu, weil sie die Klage in eine musikalisch überhöhte Selbstbemitleidung verwandeln. Pasolinis Accatone ist ein übler Bursche, ein Zuhälter, Schläger und Dieb, und es fällt mir schwer, seine Nöte mit denen des blinden Harfners gleichzusetzen, der wegen einer verbotenen Liebe zu seiner Schwester (Inzest) ins Unglück geriet. Als Romantitel bezieht sich die Ausgangszeile dann auch auf die NS-Zeit, in der viele „arme Menschen“ schuldig wurden. Und was das bedeutet, begreife ich nur allzu gut.

„Das Böse muss ja in die Welt kommen, aber wehe dem, durch den es kommt!“ So werden verschiedene Wehe-dir-Drohungen im Matthäus-Evangelium paraphrasiert. Er ähnelt der Harfner-Klage, denn auch dies ist ein Satz, der dem Weinen über schuldhafte Verstrickungen einen besonderen, sehr bitteren Beigeschmack gibt.

Ödipus, die Sphinx und das Rätsel, dessen Antwort lautet: „der Mensch“. Legebild

 

 

 

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