112 Stufen, 78: göttlich (Goethe, Das Göttliche)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Schon wieder Goethe? Ja. Die gestrige „Güte“-Stufe führt folgerichtig zum „Göttlichen“, wie Goethe es sah:

Edel sei der Mensch, hülfreich und gut

Dies forderte Goethe in jenem frühen Gedicht, das er mit „Das Göttliche“ überschrieb und das seither so manches Poesiealbum ziert. Darin macht er den Versuch, den Pantheismus des Spinoza, den er für sich adaptierte, in Worte zu fassen.

Warum soll der Mensch „edel, hülfreich und gut“ sein? Weil „das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen„.

Wörtlich genommen, ist diese Begründung kühn, denn soweit ich die Menschheit kenne, ist sie höchst selten oder, wie ich gestern ausführte, überhaupt nie wirklich „gut“. Goethe wird das nicht anders gesehen haben. Daher wohl setzt er die behauptete Exzeptionalität des Menschen in den Konjunktiv der Forderung: Er sei! Er soll sein!

Und warum, bitte schön, sollen wir gut und edel sein? Weil wir „göttliche Wesen“ erahnen, und diese Ahnung ist wie ein Aufruf, ihnen zu gleichen.

Das Streben nach einem Höheren, dem wir gleichen möchten, ohne es doch zu kennen, ist also das „Göttliche“ im Menschen. Wir übersetzen uns dieses Streben in den Satz: „Sei edel, hilfreich und gut“.

Die Natur ist gleichgültig gegenüber Gut und Böse, sie ist den eisernen Gesetzen der Notwendigkeit unterworfen. Nur der Mensch ist ein moralisches Wesen, da er einen freien Willen und Urteilskraft hat: Er „vermag das Unmögliche: Er unterscheidet, wählet und richtet.“  Und genau das täten auch „die Unsterblichen, als wären sie Menschen“, sie tun das „im Großen, was der Beste (unter den Menschen) im Kleinen tut oder möchte“.

Diese Verschränkung zwischen Erahnen eines Höheren & Nachahmen des Erahnten ist etwas anderes als pure Projektion. Es ist ein selbsterzieherischer Prozess der Menschheit, in dessen Verlauf der Mensch die angenommenen Tugenden der Unsterblichen immer mehr in sich entwickelt. Vergleichen ließe sich das vielleicht mit der Arbeit des Künstlers, dem ein Bild „vorschwebt“ und der sich nun bemüht, dies nur Erahnte real in die Welt zu setzen. Ebenso vergöttlicht der Mensch, dem eine von guten Göttern gewollte Welt vorschwebt, allmählich auch in der Wirklichkeit diese Welt. Das, so Goethe, sei der Menschheitsauftrag.

Der ganze Text lautet:

Johann Wolfgang von Goethe

Das Göttliche

Edel sei der Mensch,
Hülfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr’ uns
Jene glauben.

Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös’ und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen, wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.

Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.

Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.

Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.

Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im Großen,
Was der Beste im Kleinen
Tut oder möchte.

Der edle Mensch
Sei hülfreich und gut!
Unermüdet schaff’ er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen!

 

Eine Nachbemerkung: Heutige Leser dieses Gedichts werden sich vermutlich an der Frage festbeißen, ob der Mensch anders als das Naturreich sei, und fragen: ist es so? ist es nicht so? Darum aber geht es gar nicht. Es geht darum anzuerkennen, dass wir Menschen die Erde entsprechend unseren moralischen Standards, Einsichten und Urteilen umgestalten in Richtung Paradies oder Hölle, je nachdem.  Nehmen wir die erahnten odergeglaubten „göttlichen Wesen“ uns zum Vorbild, dann arbeiten wir in die Richtung der Vergöttlichung der Erde und des Menschen.

Es versteht sich, denke ich, von selbst, dass mit Vergöttlichung des Menschen im Sinne Goethes das genaue Gegenteil von „homo deus“ gemeint ist, wie er Yuval Noah Harari vorschwebt.

(Die Legebilder sind mit Marie Mandarins weißen Schnipseln gemacht, ein kleiner Besucher hat sie eingefärbt.)

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112 Stufen, 77: Güte (Die Bibel und Bertold Brecht)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Bei dem Wort „Güte“ fallen mir spontan das „Täglich Brot“, die Bibel und …. Bertold Brecht ein.

Das Brot des Bäckers, Kugelschreiber-Zeichnung

Da ist als erstes das Vaterunser, dem, so erinnere ich mich aus meiner Kindheit, ein Satz nachgestellt wurde, der eigentlich nicht dahin gehört, sondern aus einem Psalm** stammt:

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.

Martin Luther liebte die Psalmen, und diese Stelle liebte er wohl ganz besonders, denn in seinen Anweisungen zu täglichen Gebeten ist die „Güte“ des Vaters ein zentrales Motiv.

Der Vater ist gut – und nur der Vater. Als ein Mann Jesus mit „guter Meister“ ansprach, antwortete er:

Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein!

***

Der Satz von Gottes Güte ist für mich eng verbunden mit der Bitte um „unser täglich Brot“, und das ist auch die Brücke zu Bertold Brecht, dem dieses „täglich Brot“ und die „fehlende Güte“ der Menschen sehr am Herzen lag. In seinem Werk kehrt dieses Motiv immer wieder, beginnend mit der 3-Groschen-Oper, wo der Bettlerkönig Peachum singt:

Peachum (mit der Bibel in den Händen)

Das Recht des Menschen ist’s auf dieser Erden
Da er doch nur kurz lebt, glücklich zu sein
Teilhaftig aller Lust der Welt zu werden
Zum Essen Brot zu kriegen und nicht einen Stein.
Das ist des Menschen nacktes Recht auf Erden.
Doch leider hat man bisher nie vernommen
Dass einer auch sein Recht bekam – ach wo!
Wer hätte nicht gern einmal Recht bekommen
Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

(…)

Ein guter Mensch sein! Ja, wer wär’s nicht gern?
Sein Gut den Armen geben, warum nicht?
Wenn alle gut sind, ist Sein Reich nicht fern
Wer sässe nicht sehr gern in seinem Licht?
Ein guter Mensch sein? Ja, wer wär’s nicht gern…

 

 

***

Das Drama „Der gute Mensch von Sezuan“ schrieb Brecht zwischen 1938-40. Als eine der Quellen benutzte er den griechischen Mythos von Philemon und Baucis, nachzulesen in Schwabs Sagen des klassischen Altertums, in der Ausgabe von 1881, wo der herausgeber Gotthold Klee auch diese Sage hinzufügte. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Philemon und Baucis (nacherzählt nach Ovids Darstellung in den „Metamorphosen„)

Auf einem Hügel im Lande Phrygien steht eine tausendjährige Eiche (….) Einst kam in diese Gegend Vater Zeus mit seinem Sohne Hermes (…). In menschlicher Gestalt wollten sie die Gastlichkeit der Menschen versuchen; darum klopften sie an tausend Türen, um ein Obdach für die Nacht bittend. Aber hart und selbstsüchtig war der Sinn der Bewohner, so daß die Himmlischen nirgends Einlaß fanden. Siehe, da stand ein Hüttchen am Ende des Dorfes, niedrig und klein nur, mit Stroh und Sumpfrohr gedeckt; aber im ärmlichen Hause wohnte ein glückliches Paar, der biedre Philemon und Baucis, sein gleichaltriges Weib. (…)

 

In aller Ausführlichkeit wird beschrieben, wie die Alten bemüht sind, den Gästen alles zum Besten zu richten (sehr lesenswert, besonders die Jagd auf die Gans! Leider muss ich hier kürzen). Das Ende vom Lied: die ganze Ebene wird von Zeus überschwemmt, aber das Häuschen der Alten wird auf den Berg versetzt und zu einem prächtigen Tempel, wo die beiden nun Priester werden. Ihr Wunsch, einst am selben Tag zu sterben, wird ihnen gnädig erfüllt. Den guten Menschen gegenüber sind auch die Götter gütig.

***

Im Lehrstück „Der gute Mensch von Sezuan“, das ebenfalls mit der Suche der Götter nach einem „guten Menschen“ beginnt,  legt Brecht dar, wie die „Verhältnisse“ die Güte zum Scheitern bringen. Warum helfen die Götter nicht?  „Wir sind nur Betrachtende“, sagen sie, die Kraft des guten Menschen „wird wachsen mit der Bürde“. Das aber funktioniert nur, indem sich das Individuum aufspaltet in eine gute, hilfsbereite und eine harte, brutale Persönlichkeit. Das Ende vom Lied ist in diesem Fall: der Anspruch der Götter, „gut zu sein und doch zu leben“, ist in dieser Welt nicht erfüllbar.

Die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration, die Brecht 1938 schrieb, beginnt mit den wunderbaren Zeilen:

Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.

Und so zieht sich das Thema der fehlenden oder falsch eingesetzten „Güte“ des Menschen durchs ganze Brechtsche Werk. Das Vertrauen, dass der „gütige Gott“ die Dinge zum Guten der Menschen regeln wird (wie im Psalm 107** besungen), fehlt ihm. Es bleibt nichts anderes übrig, als dass die Menschen selbst für eine „gute Welt“ kämpfen. In „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“, in dem Brecht die Zustände wärend der Weltwirtschaftskrise 1929/30 thematisiert, klagt die Titelheldin sterbend:

„Wie gerufen kam ich den Unterdrückern / O folgenlose Güte, Unmerkliche Gesinnung / Ich habe nichts geändert / Schnell verschwindend aus dieser Welt ohne Frucht / Sage ich euch: / Sorgt doch, dass Ihr die Welt verlassend / Nicht nur gut ward, sondern verlasst / Eine gute Welt.“

Was also tun? Gut sein in einer schlechten Welt oder mit „schmutzigen Händen“* für eine gute Welt kämpfen? Das war Brechts Dilemma, das er sein Leben lang nicht auflösen konnte.


*Die schmutzigen Hände (fr. Les mains sales), Drama von Jean-Paul Sartre, 1948.

** Psalm 107 (in Luthers Übersetzung, 1545)

Danket dem HERRN, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich./ So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat / und die er aus den Ländern zusammengebracht hat vom Aufgang, vom Niedergang, von Mitternacht und vom Meer. / Die irregingen in der Wüste, in ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, da sie wohnen konnten, / hungrig und durstig, und ihre Seele verschmachtete; / die zum HERRN riefen in ihrer Not, und er errettete sie aus ihren Ängsten / und führte sie einen richtigen Weg, daß sie gingen zur Stadt, da sie wohnen konnten: / die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut,/ daß er sättigt die durstige Seele und füllt die hungrige Seele mit Gutem. / Die da sitzen mußten in Finsternis und Dunkel, gefangen in Zwang und Eisen, / darum daß sie Gottes Geboten ungehorsam gewesen waren und das Gesetz des Höchsten geschändet hatten, / dafür ihr Herz mit Unglück geplagt werden mußte, daß sie dalagen und ihnen niemand half; / die zum HERRN riefen in ihrer Not, und er half ihnen aus ihren Ängsten / und führte sie aus der Finsternis und Dunkel und zerriß ihre Bande: / die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die an den Menschenkindern tut, / daß er zerbricht eherne Türen und zerschlägt eiserne Riegel. / Die Narren, so geplagt waren um ihrer Übertretung willen und um ihrer Sünden willen, / daß ihnen ekelte vor aller Speise und sie todkrank wurden; / die riefen zum HERRN in ihrer Not, und er half ihnen aus ihren Ängsten, / er sandte sein Wort und machte sie gesund und errettete sie, daß sie nicht starben: / die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, / und Dank opfern und erzählen seine Werke mit Freuden. / Die mit Schiffen auf dem Meer fuhren und trieben ihren Handel in großen Wassern; / die des HERRN Werke erfahren haben und seine Wunder im Meer, / wenn er sprach und einen Sturmwind erregte, der die Wellen erhob, / und sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund fuhren, daß ihre Seele vor Angst verzagte, / daß sie taumelten und wankten wie ein Trunkener und wußten keinen Rat mehr; / die zum HERRN schrieen in ihrer Not, und er führte sie aus ihren Ängsten / und stillte das Ungewitter, daß die Wellen sich legten / und sie froh wurden, daß es still geworden war und er sie zu Lande brachte nach ihrem Wunsch: / die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, / und ihn bei der Gemeinde preisen und bei den Alten rühmen. / Er machte Bäche trocken und ließ Wasserquellen versiegen, / daß ein fruchtbar Land zur Salzwüste wurde um der Bosheit willen derer, die darin wohnten. / Er machte das Trockene wiederum wasserreich und im dürren Lande Wasserquellen / und hat die Hungrigen dahingesetzt, daß sie eine Stadt zurichten, da sie wohnen konnten, / und Äcker besäen und Weinberge pflanzen möchten und die jährlichen Früchte gewönnen. / Und er segnete sie, daß sie sich sehr mehrten, und gab ihnen viel Vieh. / Sie waren niedergedrückt und geschwächt von dem Bösen, das sie gezwungen und gedrungen hatte. / Er schüttete Verachtung auf die Fürsten und ließ sie irren in der Wüste, da kein Weg ist, / und schützte den Armen vor Elend und mehrte sein Geschlecht wie eine Herde. / Solches werden die Frommen sehen und sich freuen; und aller Bosheit wird das Maul gestopft werden. / Wer ist weise und behält dies? So werden sie merken, wie viel Wohltaten der HERR erzeigt.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Siesta mit Fritzi

Katzen sind bekanntlich Meister im Entspannen. Fritzi tut es am liebsten an mein Bein geschmiegt, wenn ich mich auf dem Sofa zur Siesta niederlasse. So auch heute. Mir hilft es, zur Ruhe zu kommen. Und so schlummerten wir  für eine kurze Weile gemeinsam.

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Archivbild der Woche: Straßenbauerinnen

Auf Anregung von Heide (Puzzleblume) bin ich auch an diesem Sonntag ins Archiv hinabgestiegen, um ein Foto hervorzuholen. Und so erinnere  ich mich nun, dass wir an einem Tag wie diesem im Jahr 2016 mit Freunden ein Dorf bei Alt-Messene besuchten, in einer ländlichen Gaststätte das beste Omelett aller Zeiten aßen und ich mir die vielen Schwarz-Weiß-Fotos, die die Wände des Schankraums bedeckten, erklären ließ. Es war ein berührender und stolzer Rückblick auf die Lebensbedingungen der Menschen der Nachkriegs-Generation in der griechischen Provinz, die durch Besatzung und Bürgerkrieg schwer gelitten hatte. Ich schrieb über diesen Besuch in meinem Beitrag vom 17.8.2016  „Damit wir Leben haben“.

Die Frauen, mit den Hacken und Spaten in der Hand, manche barfuß, bauten die Straße, die wir gekommen waren, von Alt-Messene zu ihrem Dorf, während ihre Männer irgendwo in Deutschland oder Belgien in den Kohlegruben schufteten, um Geld nach Hause zu schicken.

 

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Impulswerkstatt: Wolken (1)

Deine  sommerliche Impulswerkstatt, liebe Myriade, habe ich leider noch gar nicht bedient. Ich kam einfach nicht dazu. Heute aber möchte ich ein paar Wolkenbilder beitragen, zumal das Beobachten von Wolken zu meinen täglichen Lustbarkeiten gehört… sofern sich welche am Himmel zeigen. Wolken sind hier ja etwas Kostbares, und ich bin froh vermelden zu können, dass sie sich auch in diesem August nach den weitestgehend wolkenlosen Juni-Juli-Himmeln rechtzeitig einstellten.

In der Wolkenparade zeige ich als erstes einige Handy-Fotos, die ich hier in der Mani rund ums Haus aufgenommen habe.

Diese sah ich in einer Vollmondnacht im Februar 2024 :

jene nachmittags im März 2023

und jene rot angestrahlten Wolkenschleier fotografierte ich samt Mond im Mai 2021

Der Sonnenuntergang eines Septemberabends 2023 färbte die Wolken granatapfelrot ein

https://gerdakazakou.com/wp-content/uploads/2023/09/img_1894.jpg

Dieses wolkige Weltallgefährt schwebte am 1. April 2023 über unseren Bergen

und diese El-Greco-Wolken beglückten mich bei Mondaufgang im August 2023

Noch ein Foto, diesmal vom 1. August 2024, zeigt den vielversprechenden Wetterwechsel, der sich zu meiner Erleichterung meist Anfang August einstellt.

Mit den Oktoberwolken, hier aus dem Jahr 2020, können sie freilich nicht mithalten.

Geht es noch wilder? Sicher,  wie hier im Oktober 2018

Das Formen- und Farbenspiel der Wolken zu beobachten werde ich nie müde,  so auch an jenem Märztag 2018.

Fortsetzung folgt

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112 Stufen, 76: Klärung (Ingeborg Bachmann)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

Klärung ist etwas anderes als Erklärung, ich weiß. Erklärung kann Klarheit sogar verhindern, da sie immer Gründe kennt, um Gründe nie verlegen ist. Erklärungen klären nicht, sondern trüben die Klarheit des Seins, die den stillen Blick bis zum Grund der Dinge erlaubt. Und dieser Grund ist die Liebe.

Erklär mir nichts. 

Das Gedicht von Ingeborg Bachman (1926-1973)  lässt diesen Grund für alles und jedes fern aller Erklärungen und „neuer Sprachen“ in herrlichen lebendigen Bildern aufleuchten: im radschlagenden Pfau, im Gurren der Taube, im Überfluss des wilden Honigs und goldenen Blütenstaubs, im errötenden Fisch, in der Silbersandmusik des Skorpions, im Käfer, der die Liebste von Weitem riecht… Wasser und Welle, Trauben und Schnecken leben in der Liebe, und selbst der Stein, hinabsinkend zu diesem Seins-Grund der Liebe erweicht den anderen Stein. Nur Ich, nur Du sind ausgenommen, weil wir das Denken haben?  „Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?“ In einem letzten Bild ruft Bachmann den Salamander an, den nichts mehr berührt. Die Feuer können ihm nichts mehr anhaben, denn er ist durch alle Feuer gegangen. So ist der, der durch das Feuer des Denkens die Natur in sich und um sich überwunden hat. Aber die Liebe?

Ingeborg Bachmann

Erklär mir, Liebe

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –

Erklär mir, Liebe!

Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube schlägt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.

Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!

Erklär mir, Liebe!

Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!

Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn …
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.

© Piper Verlag GmbH, München 1978
Aus: Anrufung des Großen Bären 1956.

Hera schmückt den Pfau mit den Augen des Argos (Szene aus der Legebild-Geschichte um Io)

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Planeten-Konstellation (und ein bisschen Polit-Astrologie)

Am gestrigen Morgen schaute ich kurz vor Sonnenaufgang in Richtung der Berge – und mein Herz schlug freudig. Denn dieses wunderbare Bild hatte ich nicht erwartet: Jupiter und Venus stiegen hellstrahlend eng verbunden in den nicht sehr dunklen Himmel hinauf (der Mond stand noch hoch am Himmel). Merkur blieb, da zu sonnennah, unsichtbar. Ich griff mir mein Handy und machte ein Foto. Eigentlich brauchte ich es nicht, denn dieses Bild werde ich so leicht nicht wieder vergessen. Es hat sich als hoffnungsvolles Symbol in mein Herz eingebrannt.

Lach nicht! Mag sein, dass die irdischen Angelegenheiten den Himmlischen ganz gleichgültig sind, aber uns Menschlein ist es doch ein großer Trost, wenn wir die Himmlischen in so schöner Harmonie erblicken. Dann werden sich vielleicht auch unsere irdischen Dinge harmonisch ordnen und sich dort, wo Krieg war, Frieden einstellen?

Übrigens habe ich bei der Gelegenheit mal nachgeschaut, unter welchen Sternbildern die beiden Protagonisten, die sich heute in Alaska treffen, geboren wurden, und mich kundig gemacht, was die Sternzeichen bedeuten: Der eine ist Zwilling, von Merkur (dem Gott des Handels) regiert, unternehmungslustig und stets für Überraschungen gut, der andere ist Waage, ein ausgleichend-diplomatischer Typ, von Venus regiert. Beide sind „Luftzeichen“, beide (auf sehr verschiedene Weise) kommunikativ, und sie kommen nach Auskunft der Astrologen gut miteinander aus.

Übrigens ist auch der dritte (nicht eingeladene) Protagonist unter einem Luftzeichen, dem Wassermann, geboren, der von Uranos (Himmel) regiert wird. Wassermänner seien sehr freiheitsliebend, spontan und ziemlich unberechenbar, werde ich belehrt.

Jupiter gilt allgemein als Himmelsherrscher und Glücksplanet, und wer ihn am Himmel erblickt, kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass er das auch ist. Möge er einen glücklichen Ausgang fördern!

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112 Stufen, 78: überwinden (Rainer Maria Rilke)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.

Das Wort „überwinden“ schlug in mir – wie ein Klöppel die Glocke – diesen Vers in Rilkes großem Gedicht „Der Schauende“ an. Nicht bekämpfen und besiegen, sondern sich überwinden lassen von seinem Engel, der daherstürmt, alles Abgetragene und Tote davonfegt und den, der sich ihm ganz hingibt, in die Hand nimmt und formt und wachsen lässt.

Rainer Maria Rilke

Der Schauende

Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.

Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen, –
wir würden weit und namenlos.

Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.

Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.

Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.

Aus: Das Buch der Bilder, 1902 zuerst und 1906 in erweiterter Form erscheinen. 

Beide Legebilder mit Schnipseln, die mir Hannah Buchholz (https://hannahbuchholz.wordpress.com) schenkte

 

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Kommentar-Ergänzung zu „Paulus – an die Galater“

Leserin Elsbeth schickte mir ihren Kommentar als Mail, weil es mit dem Kommentieren nicht klappt. Ich kopiere ihn hier rein, denn die Eloge meiner Treppensteigerei hat mir Freude gemacht und die inhaltlichen Erweiterungen zeigen mir ein weiteres Mal, wie sich durchs Bloggen das Denken und Wissen erweitert. Vielleicht seid ihr ja auch an dem weithin unbekannten Kapitel Judenchristen/Heidenchristen des ersten Jahrhunderts interessiert.

Vielleicht weiß auch jemand von Euch Rat in der technischen Frage, wie sich jemand, der selbst keinen Blog hat, zum Kommentieren anmelden kann?


 

Liebe Gerda,

es tut mir Leid, dass ich das nicht auf die Reihe kriege, einen ganz normalen Kommentar in Dein Blog einzugeben. !!
                       ?? Es war ja bisher NIE ein Problem ??

Ich folgte also wiederum brav allen Anweisungen, setze mein Passwort zurück. Das wird dann nicht akzeptiert. Obwohl ich das vorgeschlagene nahm??
Ich solle mein Windwos- passwort eingeben ?? hä–was??Dann plötzlich: meine emailAdresse sei falsch

…and so on…

Da mich Deine Beiträge aber IMMER sehr anregen, möchte dem auch manchmal direkt Ausdruck  geben.
An dem köstlichen Vielerlei Deiner Beiträge Holsteinischen Treppe gefällt mir die breite Palette europäischer Kultur.
Und dann jeweils Deine persönlichen künstlerischen Gestaltungen dazu. Toll!!
Das Wiedersehen mit Bekanntem und Vertrautem—von Homer ..bis Borchert, von Nietzsche bis Mascha Kaleko… 
und immer wieder auch ein Aha…“neuer Blick auf altes Erbe „. Das tut gut und ist wichtig !

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Hier mein Kommentar zu heute :

Danke für den zweiten Ausflug zu Paulus, diesmal zu den Galatern !
Ja, Hilfe zur Selbsthilfe spricht Paulus an !
Keine sich selber aufgebende Helferhaltung—(Helfersyndrom)…sehe ich auch so. !

Die historisch-politische Sachlage hat es allerdings noch in sich !
Liest man weiter, so wird deutlich, wie heftig Paulus jeden Oportunismus, jedes Paktieren mit der römischen Besatzung ablehnt.
Der römische Kaiserkult, der Religions-PFLICHT in allen besetzen Reichsgebieten des Römischen Reiches war —
( d.h.den Cäsar/Kaiser eben als Divinus kultisch zu verehren) .. er galt für alle.
Einzige verbriefte Ausnahme: Die Juden.
Da nun sahen Judenchristen die Möglichkeit, ihre hellinistischen Heidenchristen zu überreden,
sich deshalb beschneiden zu lassen.
DAS sei dann doch die Möglichkeit, dem verhassten und blasphemischen Kaiserkult zu entgehen.
Dies nun sah Paulus als eine Falle an.
Er spricht heftig wie einer der alten Propheten, jetzt für den νόμον τοῦ Χριστοῦ, das „Gesetz Christi“ ,
das das Gesetz des Mose erfüllt und erweitert.
Ich sehe hier einen Aufruf zum Ungehorsam, zur inneren Gradheit
—gegen das Gesetz der Besatzer
 —und gegen oportunistische Vorteile.
Und..so verstehe ich das… sich in diesem Dilemma innerlich beizustehen, klar zu sein.
Vielleicht im gegenseitigen „Augenöffnen“–und miteinander Durchtragen.

Dennoch–hat dieser Brief gleichfalls eine überzeitliche Aussage
 für ein gesellschaftliches Miteinader, einer Brüderlichkeit.

Tja, der Paulus……er war schon eine eminent „moderne“ Gestalt in der Alten Welt. !!

Grüße aus einem schwülheißen Berlin !!
   mit sommergrippigem Kopf und Gliedern..“ det janzte Programm..
(aber , es gibt wahrlich Schlimmeres…)

Sehr herzlich,

Elsbeth

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112 Stufen, 74: Beistehen (Paulus, an die Galater*)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

„Beistehen“ ist ein lebenspraktisches Wort und gehört zum alltäglichen Gebrauch vermutlich aller Kulturen. Sicher gibt es auch etliche Bücher, die sich damit befassen, aber mir fällt nun grad nichts ein. Es ist freilich auch ein christliches Gebot. Paulus ermahnte die Gemeinde der Galater*:

„Ἀλλήλων τὰ βάρη βαστάζετε, καὶ οὕτως ἀναπληρώσετε τὸν νόμον τοῦ Χριστοῦ.“

Und das bedeutet wörtlich:

„Einer trage die Lasten des anderen, und so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Wenn man den Kontext hinzunimmt, verschiebt sich die Bedeutung ein wenig, denn bei „Lasten“ geht es um „Verfehlungen“ der Christen, die aus Furcht feige Kompromisse machen. Wenn also jemand schwach wird und sich furchtsam an Verhältnisse anpasst, denen er innerlich widerspricht, so soll einer den anderen unterstützen, und besonders die geistlichen Führer sollen mit Geduld und Sanftmut den Wankenden unter die Arme greifen.**

Was mit dem Satz keinesfalls gemeint ist, ist, dass einer dem anderen die Lasten abnehmen und sich selbst damit beschweren soll. Es geht vielmehr darum, den Strauchelnden nicht zu verurteilen, sondern ihn zu stärken, damit er die Kraft findet, sich trotz Anfeindungen zu seinen Überzeugungen zu bekennen.

Als allgemeine Devise lässt sich der Satz als „Hilfe zur Selbsthilfe“ auslegen. Helfer laufen oft Gefahr, aus dem Helfen für sich selbst Kraft zu ziehen, die dem Geholfenen dann fehlt. Langfristig kann das verheerend sein – für beide Seiten. Es ist ein schmaler Grat zwischen echtem Beistand, der dem anderen hilft, wieder auf die Beine zu kommen, und einer Hilfe, die den Hilflosen schwach und entmündigt hält.

Die Krücke schultern: gelungene Hilfe zur Selbsthilfe, Legebild


 

*Anmerkung: Galatien war eine Region im zentralen Hochland Kleinasiens, die von den Nachfahren keltischer Söldner (Galater=Gallier) besiedelt wurde. Die Söldner,  20 000 an der Zahl, gehörten zu den Horden, die zu Beginn des 3. vorchristlichen Jahrhunderts Griechenland heimsuchten und Delphi plünderten. 278 v. Chr. warb sie König Nikomedes I von Bithynien an, damit sie seinen Bruder in Schach hielten, was sie erfolgreich taten. Nach ihrer Entlassung aus dem Dienst machten sie sich ans Plündern, verwüsteten die Tempel von Didyma und Milet und wüteten in Phrygien. Der Alexander-Nachfolger König Antiochos I besiegte sie mithilfe von Kriegselefanten. Er wies ihnen Siedlungsräume im zentralen Hochland zu und erhob, um sie zu befrieden, sogar eine Keltensteuer. Doch bis in die römische Kaiserzeit kam es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die schließlich Rom für sich entscheiden konnte, 40 000 Sklaven wegschleppte und um 25 v.Chr. die Provinz Galatia bildete, mit der Hauptstadt Ankyra (heute: Ankara).

Römische Provinz Galatia, Quelle: Wikipedia

**Anmerkung: Paulus schrieb den Brief zwischen 55 und 57 n. Chr. nicht an eine bestimmte Gemeinde, sondern als Rundbrief  „an die Galater“, die hellenisierte (griechisch-sprachige) Heidenchristen, also keine Juden waren und sich nicht an die Tora-Gesetze hielten.

Die Juden-Christen mit Sitz in Jerusalem fanden die Heidenmission durch Paulus äußerst problematisch. Sie versuchten durch eigene Missionare die neuen Christen dazu zu bewegen, sich beschneiden zu lassen und die Toragebote einzuhalten. Paulus widersetzte sich dieser seiner Überzeugung nach falschen Auslegung des Christentums und ermutigte die Neuchristen, sich der Judaisierung zu widersetzen. Das also ist der Kontext des Satzes:

Einer trage des anderen Last.

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