Heute wurde eines der früheren Aquarelle nachgefragt, und ich freute mich. Es handelt sich um das Aquarell (mit Feder) „Familienausflug“, das Eva sich aussuchte.
Kunst hilft: „Familienausflug“ wechselte die Besitzerin
112 Stufen, 83. Terror (Maximilien de Robespierre, Joseph-Ignace Guillotin)
Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Robespierre:
„Die Triebfedern der Volksregierung im Stadium der Revolution sind Tugend und Terror zugleich: die Tugend, ohne die der Terror unheilvoll wäre, und der Terror, ohne den die Tugend machtlos ist“.
„Terror ist nichts anderes als rasche, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit. Er ist eine Offenbarung der Tugend. Der Terror ist nicht ein besonderes Prinzip der Demokratie, sondern er ergibt sich aus ihren Grundsätzen, welche dem Vaterland als dringendste Sorge am Herzen liegen müssen.“ (5.2.1794)
Danton:
„Seien wir schrecklich, damit es das Volk nicht zu sein braucht! Dies ist ein Gebot der Humanität.“

(Legebild zu Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“)
La Terreur – die letzte Phase der Französischen Revolution – war wohl der erste Versuch, große gesellschaftliche Umwälzungen durch Staatsterror zu erzwingen. Auch der Monarchie wurde zuvor, etwa durch Voltaire, Herrschaft par la terreur vorgeworfen, und in den frühen Phasen der Revolution fehlte es nicht an Schrecken, aber erst nach der Hinrichtung Ludwigs XVI (1793) wurde der Terror durch Robespierre institutionalisiert und ideologisch begründet.
Wer war dieser erste große Staats-Terrorist Maximilien de Robespierre (1758–1794), der schließlich selbst Opfer der von ihm errichteten Tötungsmaschinerie wurde? Begonnen hatte er als „Advokat der Armen“, hatte sich gegen die Todesstrafe gestellt und sich den Ruf eines „Unbestechlichen“ erworben. Er wurde Mitglied der 1789 ausgerufenen Nationalversammlung, wo er sich u.a. für Pressefreiheit, Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien und Aufhebung der Todesstrafe einsetzte.
Nach dem Fluchtversuch des Königs – was als Verrat an Frankreich angesehen wurde – stimmte auch er für dessen Tod durch die Guillotine.
Diese Köpfmaschine („Rasiermesser der Nation“) hatte der Arzt Joseph-Ignace Guillotin 1789 als gegenüber der Enthauptung durchs Schwert humanere Tötungsart empfohlen. Ab 1793 wurde sie in immer rasanterem Tempo eingesetzt, um der „Tugend“ zur Herrschaft zu verhelfen. Und da die Revolutionäre nach Robespierres richtiger Erkenntnis durchaus nicht tugendhaft waren, wurden auch sie und schließlich er selbst geköpft. Insgesamt kamen zwischen März 1793 und August 1794 16.594 Menschen durch die Guillotine ums Leben. Als Robespierre und 21 seiner Anhänger am 28. Juli 1794 zur Guillotine gebracht wurden, versammelte sich Tout-Paris, um dem Spektakel jubelnd und lachend beizuwohnen.
Diejenigen, die Robespierre köpfen ließen und damit seiner Schreckensherrschaft ein Ende bereiteten, waren natürlich ihrerseits keineswegs tugendhaft, sondern eifrig bemüht, sich an dem enteigneten Besitz von Klerus und Adel zu bereichern. Und die Guillotine wurde erst 1981 mitsamt der Todesstrafe abgeschafft. (Letzte Hinrichtung per Guillotine: 10. September 1977).
112 Stufen: Sechs Treppenabschnitte im Rückblick
Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Der sechste Treppenabschnitt ist genommen. Der nächste Abschnitt ist dann wieder voller Schrecknisse. Bevor ich mich dem zuwende, mache ich eine Verschnaufpause und blicke zurück auf die 82 Stufen, die ich hinter mir gelassen habe. Es waren diesmal schwergewichtige hochklingende Wörter zu passieren: Würde, Treue, Tiefe, Güte, Klärung, Ausdauer – standhaft, göttlich – überwinden, beistehen – und die Autoren, die ich zu Rate zog, reichten erneut von den Wurzeln unserer abendländischen Kultur bis ins 20. Jahrhundert, d.h. von der griechisch-römischen Epoche (Aristoteles und Cicero) und der Bibel (Evangelien und Paulus) über die deutschen Klassiker (Schiller und Goethe) bis hin zu Nietzsche, Lassalle und Einstein, Brecht und Bachmann. Auch die Musik war wieder vertreten mit Gustav Mahler, Carl Orff und Kurt Weill.
Der sechste Treppenabschnitt im Rückblick:
82 Würde (Friedrich Schiller, Bertold Brecht et al, Verfassungen) – 81 standhaft (Friedrich Schiller, die Glocke, Bürgertum) – 80 Treue (Carl Orff, Die Kluge) – 79 Tiefe (Friedrich Nietzsche, Gustav Mahler, O Mensch gib Acht!) – 78 göttlich (Johann Wolfgang von Goethe, Edel sei der Mensch) – 77 Güte (Bibel, Bertold Brecht, Ein guter Mensch sein…) – 76 Klärung (Ingeborg Bachmann, Erklär mir, Liebe) – 75 überwinden (Rainer Maria Rilke, Der Schauende) – 74 beistehen (Paulus, Galater, einer trage des anderen Last) – 73 Ausdauer (Albert Einstein, Ausdauer und wegwerfen) –
Der fünfte Treppenabschnitt im Rückblick:
71 verlassen (Eichendorff, „Das zerbrochene Ringlein“) – 70 Enttäuschung (Luise Büchner, „Höchstes Leid“) – 69 Verzweiflung (Kierkegaard, „Krankheit zum Tode“, Nietzsche) – 68 Weinen (Goethe, „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“) – 67 Hass (Ricarda Huch, „Mein Herz, mein Löwe“, Heinrich Heine, „Diesseits und jenseits des Rheins“) – 66 Kurzschluss (Heinz Ehrhardt, „Kurz vor Schluss“, Bertold Brecht „Matrosentango“ aus „Happy End“) – 65 Zweifel (Aristoteles, Buridans Esel, Enzensberger, „Entschlusslosigkeit“) – 64 Panik (Carl-Christian Elze, „PanikParadies“, Pandemie) – 63 Liebeskummer (Nietzsche, „theokritischer Ziegenhirt“) – 62 Kränkung (Dieter Bonhoeffer, „Wer bin ich?“) – 61 Eifersucht (Tolstoi „Kreutzersonate“, Shakespeare „Othello“)
Der vierte Treppenabschnitt im Rückblick:
60 lieben (Paulus, Petros Gaitanos, Korinther, „Hohelied der Liebe“) – 59 zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Hugo „Zufall oder Fügung?“) – 58 verführen (Don Juan, Bertold Brecht) – 57 schmachten (Matthias Claudius, „Regenlied“) – 56 verlieben (Eichendorff) – 55 Zuneigung (Ringelnatz, „Ich hab dich so lieb“) – 54 tanzen (Kinderlied, „Wanze“) – 53 Handkuss (Rotter, Erwin, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“) – 52 Verehrer (Homer „Penelope“, Stefan George „Jean Paul“) – 51 überschwenglich (Grimms Märchen vom süßen Brei, Rilke, Wedekind) – 50 kribbeln (Fontane, „Natur“) – 49 Leidenschaft (Ebner-Eschenbach, „Uhren“ , Stefan Zweig, Lasker-Schüler) – 48 Anziehung (Droste-Hülshoff Mann-Frau, „Magnet“) – 47 Aufblühen (Anais Nin, weibliche Emanzipation) – 46 erlauben (Verschnaufpause)
Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick
45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma („Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, Verliebtsein) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „ohne Schuld“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, Poseidon, Odysseus) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)
Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick
30 Aggressiv (F.T.Marinetti, „Futuristisches Manifest“) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel, Rede zum Büchner-Preis) – 28 friedlich (Bertold Brecht, „Friedenslied“)) – 27 beruhigen (Natur, erleben) – 26 Freude (Friedrich Schiller, „An die Freude“) – 25 Verbot (Anatole France, Gleichheit vorm Gesetz) – 24 wappnen (Martin Luther, „Ein feste Burg“) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh, Vormärz „Wiegenlied“) – 22 Zorn (Roman Herzog „Aguirre“, Georg Trakl „Grodeck“) – 21 Begeisterung (Hegel, Definition) – 20 Bruder (Karl König, „Bruder Tier“) – 19 Nähe (Christian Morgenstern, „Näherin“) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz „Mächtig ist die Ehrlichkeit“) – 17 Lachen (Günter Grass „Hier wird nicht mehr gelacht“) – 16 Sprechen (Schiller, „Die Bürgschaft“) –
Der erste Treppenabschnitt im Rückblick
15 Vergeben (Ricarda Huch „Mein Herz, mein Löwe“, Leo Tolstoi „Auferstehung“, Matthäus-Evangelium) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt, „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“) – 13 beschützen (Hermann Hesse, „Stufen“, Hölderlin „Hyperions Schicksalslied“) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach, „Weihnachtsoratorium“) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe, Valentin im „Faust“) – 10 Familie (David Cooper, „Tod der Familie“) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium „Verkündigung“) – 8 Angst (Mascha Kaléko, „Jage deine Ängste fort“) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche „Im Süden“) – 6 Heimat (Theodor Fontane „Graf Douglas“) – 5 Liebkosen (Aischilos „Gefesselter Prometheus“, Selbst „Schwanenwege“ // Leo Tolstoi „Anna Karenina“) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert, „Die Küchenuhr“) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky „Mutters Hände“) – 2 Streicheln (John Steinbeck „Of Mice and Men“) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe „Willkommen und Abschied“).
112 Stufen, 82: Würde (Schiller, Brecht, Lassalle, Kant, Aristoteles und ich selbst)
Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Der als unverbesserlicher Idealist verschrieene Friedrich Schiller hat etwas zur Würde des Menschen gesagt, das eines Bertold Brecht würdig gewesen wäre. Er sagte es nicht in langatmigen Ergüssen, sondern kurz und bündig, in einem berühmten Distichon (Musen-Almanach für das Jahr 1797):
Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen
Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.
Eine Verwandtschaft mit Brechts Diktum aus dem Schlussgesang der Dreigroschenoper ist unverkennbar:
„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“*
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Seit Beginn der abendländischen Philosophie wird dem Menschen eine besondere „Würde“ zugesprochen, weil er ein vernunftbegabtes Wesen sei. Diese Auffassung ist unterschwellig bis heute vorhanden, und auch dazu hat Brecht einen deutlichen Ausspruch getan:
Ein Mensch ist kein Tier!**
Und er ist auch kein „Objekt“ – wie Kant formulierte. Wegen der NS-Geschichte heißt es im Grundgesetz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, sie ist also als Abwehrrecht gegen die Übergriffigkeit des Staates garantiert. Insbesondere ist es nicht gestattet, Menschen als Objekte des staatlichen Handelns zu instrumentalisieren.
Die Weimarer Verfassung hatte noch den sozialen Aspekt („menschenwürdiges Dasein“) deutlicher im Blick:
„Die Ordnung des Wirtschaftslebens muss den Grundsätzen der Gerechtigkeit mit dem Ziele der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle entsprechen“ – eine Formulierung, die auf Ferdinand Lassalle (1825-1864) zurückging.
Schon die erste Verfassung des neugriechischen Staates, die aus der Revolution 1821-29 hervorging, bestimmte übrigens:
„Der Respekt und Schutz der Würde (des Wertes) des Menschen ist die erste Pflicht des Gemeinwesens.“
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Doch daneben gab es immer schon einen anderen Aspekt der „Würde“, der nicht von einem Geburtsrecht auf Würde ausging, sondern sie an das Verdienst für die Gemeinschaft band. Beginnend mit Aristoteles konnte man sich Würde (αξία = Wert/ αξιοπρέπια = Würde) verdienen und man konnte sie bei verächtlichem oder verräterischem Verhalten auch wieder verlieren. Dieser Würde-Begriff klingt bis heute im Ausdruck „in Amt und Würden“ nach.
Dass Würdenträger ihre Würde manchmal auch als Bürde erleben, habe ich mal im Kontext der abc-etüden bereimt:
Klage eines Würdenträgers
„Ich ahnt es nicht, dass meine Würde
Mir einmal würd zur schweren Bürde!“
Der Würdenträger seufzte
Und in sein Taschentuch sich schnäufzte.
„Als ich noch jung und lustig war,
so zwischen zehn und zwanzig Jahr
da nahm ich jede Hürde
ganz ohne jede Bürde.
Doch nun, ihr Werten, Lieben,
müsst ihr mich vorwärts schieben,
und in dem speckigen Talar
steh ich gebeugt an dem Altar
und red von würde und von sollte,
weil sonst der liebe Herrgott grollte.
Viel lieber würd ich mit euch tanzen
Und nochmals schultern meinen Ranzen
Ganz ohne Pflicht und Amtstalar
Doch nie kommt wieder, was einst war.“

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*Der Liedtext (aus der Dreigroschenoper)
Ihr Herren, die ihr uns lehrt, wie man brav leben
Und Sünd‘ und Missetat vermeiden kann
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an
Ihr, die ihr euren Wanst und uns’re Bravheit liebt
Das Eine wisset ein- für allemal
Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral
Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten
Vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden
Denn wovon lebt der Mensch?
Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist
Chor:
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein
Der Mensch lebt nur von Missetat allein
Ihr lehrt uns, wann ein Weib die Röcke heben
Und ihre Augen einwärts drehen kann
Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben
Dann könnt ihr reden, damit fängt es an
Ihr, die auf uns’rer Scham und eurer Lust besteht
Das Eine wisset ein- für allemal
Wie ihr es immer schiebt und wie ihr’s immer dreht
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral
Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden
Denn wovon lebt der Mensch?
Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist
Chor:
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein
Der Mensch lebt nur von Missetat allein!
Text: Bertolt Brecht
Musik: Kurt Weill
** Der Liedtext (aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, 1930)
Meine Herren, meine Mutter prägte Auf mich einst ein schlimmes Wort: Ich würde enden im Schauhaus Oder an einem noch schlimmern Ort. Ja, so ein Wort, das ist leicht gesagt, Aber ich sage euch: Daraus wird nichts! Das könnt ihr nicht machen mit mir! Was aus mir noch wird, das werdet ihr schon sehen! Ein Mensch ist kein Tier! Denn wie man sich bettet, so liegt man Es deckt einen da keiner zu Und wenn einer tritt, dann bin ich es Und wird einer getreten, dann bist’s du. Meine Herren, mein Freund, der sagte Mir damals ins Gesicht: „Das Größte auf Erden ist Liebe“ Und „An morgen denkt man da nicht.“ Ja, Liebe, das ist leicht gesagt: Aber wenn man täglich älter wird Da wird nicht nach Liebe gefragt Da muß man seine kurze Zeit benützen Ein Mensch ist kein Tier!
Text: Bertolt Brecht
Musik: Kurt Weill
112 Stufen, 81: Standhaft (Schiller)
Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Das Lied von der Glocke gehörte zu meiner Schulzeit noch unangefochten zum Bildungskanon, und so fielen mir bei „standhaft“ die Anfangszeilen ein:
Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Für mich ist dieses Großgedicht der Inbegriff des deutschen Bürgertums, das sich zu der Zeit, als Schiller es (1799) veröffentlichte, aus dem zerfallenden feudalen Staat herauslöste und eine eigene unverwechselbare Physiognomie ausbildete. Nun ist auch dieses Bürgertum längst im Zerfall begriffen. Meine Generation („68er“) arbeitete fleißig daran mit, ihm weitere Risse zuzufügen, und ich kann immer noch nur einzelne Züge der sich daraus hervorarbeitenden Form erkennen.
Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat’s erfüllt,
…
Der Meister kann die Form
zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Das Gedicht ist zweigeteilt: Da gibt es einerseits die Arbeitsstrophen, in denen Schiller die vorindustrielle Technik des Glockengießens liebevoll und kenntnisreich beschreibt – da gibt es andererseits die Betrachtungsstrophen, in denen er die jeweilige Phase des Glockengießens ins Allgemein-Menschliche erweitert. Während die erste Abteilung wenig beachtet wurde, vermutlich, weil schon bald niemand mehr am Glockengießen interessiert war, wurde die zweite Abteilung zur Bibel der Bourgoisie und zum Spott so mancher Zeitgenossen. So mokierte sich Friedrich Schlegel (1772-1829): „Ach wie gefällt die „Glocke“ dem Volk und „die Würde der Frauen“! Weil im Takt da klingt alles, was sittlich und platt.“
Wenn ich an die „Glocke“ denke, denke ich an meine Oma Martha („Martha, Martha, du entschwandest, und mit dir mein Portemonnaie“), die voller Kalauer war, die an ihrem Mädchen-Lyzeum zirkulierten (sie wurde 1885 geboren). „Die Glocke“ bot sich mit ihren platt verallgemeinernden Sittensprüchen herrlich für derlei Verballhornungen an. „Er zählt die Häupter seiner Lieben /und sieh, es sind statt sechse sieben / das siebte hat vergangne Nacht / der Klapperstorch dazu gebracht.“ Im Grunde aber teilten die bürgerlichen Mädchen und Frauen durchaus das Menschenbild, das Schiller in dem Gedicht entwickelt.
Das Gedicht ist zu lang, um es hier ganz zu zitieren, aber die in meiner Schulzeit zirkulierende Kurzform reicht mir auch nicht.
Loch in Erde,
Bronze rin.
Glocke fertig,
bim, bim, bim.
Ein paar charakteristische Stellen, die in meiner Kindheit quasi zu Alltags-Sprüchen gehörten und teilweise wohl immer noch gehören, müssen noch sein.
Wohlthätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht…
Gefährlich ist’s den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis,
Ehrt den König, seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.
Wo rohe Kräfte sinnlos walten / da kann sich kein Gebild gestalten.
Da werden Weiber zu Hyänen / und treiben mit Entsetzen Scherz
Oder auch die Einzeiler:
- „Denn das Auge des Gesetzes wacht“
- „Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben“
- „Ach! die Gattin ist’s, die Theure!“
- „Die Jahre fliehen pfeilgeschwind“
- „Doch der Segen kommt von oben“
- „Es schwelgt das Herz in Seligkeit“
- „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken“
- „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, der ersten Liebe goldne Zeit“
- „Von der Stirne heiß rinnen muß der Schweiß“
- „Wehe, wenn sie losgelassen!“
- „Wo rohe Kräfte sinnlos walten“
- „Drinnen waltet die züchtige Hausfrau“
- „Errötend folgt er ihren Spuren“
- „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet“
- „Der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang“
- „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten“
Im Jahre 1966 – ich war damals 24 – erschütterte Hans Magnus Enzensberger die Gemüter: er hatte „Die Glocke“ aus der Insel-Edition einer Auswahl von Schillers Gedichten verbannt. Seine Begründung: „Zwischen dem eigentlichen Glockengießerlied und jenem Teil des Gedichts, den ich ‚Kommentar‘ nenne, zeigt sich, formal und substantiell, ein extremes Niveaugefälle. Auf der einen Seite äußerste Ökonomie, auf der anderen uferlose Sprüche; feste rhythmische Form, lustlose Reimerei; strikte Kenntnis der Sache, unverbindliche Ideologie; verschwiegene Einsicht, plakatierte Trivialität; Größe in der Beschränkung, aufgehäufter Plunder. An der Unvereinbarkeit des einen mit dem andern scheitert das Gedicht.“ (zitiert nach Wikipedia)
Nun, wie auch immer. Es gibt kaum ein deutsches Gedicht, das dem deutschen Gemüt und Sprachgefühl des 19. Jahrhunderts so gut gedient hat wie dieses Gedicht. Und so möchte ich Reich-Ranicki Recht geben, wenn er Enzensbergers Wahl kritisierte: „‚Die Glocke‘ oder ‚die Bürgschaft‘, Dichtungen also, aus denen das deutsche Bürgertum seine Lebensmaximen anderthalb Jahrhunderte lang zu beziehen gewohnt war, haben es – wie immer man diese Verse beurteilen mag – auf jeden Fall verdient, dem zweiten oder, meinetwegen, dem hundertsten Blick ausgesetzt zu werden. Ein Herausgeber, der diese und ähnliche Balladen kurzerhand entfernt, macht sich, befürchte ich, seine Aufgabe zu leicht: Statt das überkommene Schiller-Bild zu korrigieren, ignoriert er es. Statt zu revidieren, liquidiert er.“
112 Stufen, 80: Treue (Carl Orff)
Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Als ich heute das Auto durch den dichten Autobahn-Verkehr Richtung Athen steuerte, wurde mir langweilig, und so sang ich mir etwas vor. Was war es, das mir einfiel?
Als die Treue ward geborn
kroch sie in ein Jägerhorn,
der Jäger blus sie in den Wind
daher man keine Treu mehr find.
Das Lied ist ein echter Ohrwurm. Es stammt aus dem Einakter „Die Kluge“ von Carl Orff (1895-1982), der 1943 in Frankfurt am Main uraufgeführt wurde. Das Libretto geht auf ein bekanntes Grimmsches Märchen zurück.
Die kleine Oper war sofort ein Riesenerfolg. Merkwürdig mutet es an, dass die Verulkung der „Treue“, die den Nazis ein so hehres Wort war (u.a. der SS-Treueschwur „Meine Ehre heißt Treue“), dem Komponisten keinen Ärger einbrachte. Auch andere Textstellen waren brisant, etwa diese: „Denn wer viel hat, hat auch die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch! Denn über allem steht Gewalt.“ oder „Veritas ist gen Himmel flogen, Treu und Ehr sind übers Meer gezogen, Tyrannis führt das Szepter weit“ oder „Tugend ist des Lands vertrieben, Untreu und Bosheit sind verblieben“.
Vielleicht hatten die Nazi-Bonzen anderweitig zu tun, vielleicht wollten sie das Volk, das dringend etwas zum Lachen brauchte, nicht frustrieren, vielleicht verstanden sie den Mutterwitz nicht….Vielleicht war ihnen auch daran gelegen, den von den Nazis hoch geschätzten Komponisten nicht zu vergrämen. Jedenfalls gab es keinerlei Beanstandungen. Und auch im Nachkriegs-Deutschland erfreute sich die kleine Oper großer Beliebtheit.
Im internet fand ich eine hübsche Inszenierung mit Marionetten. Das Lied findet sich bei 52.14 des Videos.
112 Stufen, 79: Tiefe (Friedrich Nietzsche, Gustav Mahler)
Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen. |
Friedrich Nietzsche (1844-1900)
Also sprach Zarathustra.
Oh Mensch! Gieb Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief —,
„Aus tiefem Traum bin ich erwacht: —
„Die Welt ist tief,
„Und tiefer als der Tag gedacht.
„Tief ist ihr Weh —,
„Lust — tiefer noch als Herzeleid:
„Weh spricht: Vergeh!
„Doch alle Lust will Ewigkeit —,
„— will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
Das „Nachtwandler-Lied“ (1883) und die kongeniale Vertonung (1893) durch Gustav Mahler (1860-1911) – wer kennte es nicht?
Nachtwandler – das ist zweideutig: der in der Nacht wandelt und der die Nacht wandelt. Denn darum geht es: der Nacht, dem Schmerz die Lust abzugewinnen, so dass die Seele am Ende des Lebens sagt: „Noch einmal!“ und „in alle Ewigkeit!“. Das Lied steht in „Also sprach Zarathustra – Ein Buch für Alle und Keinen“ (1883–1885), ein Text, das mich, als ich jung war, faszinierte und verwirrte. Ganz las ich ihn nie, ich vertrug und vertrage ihn immer nur ausschnittweise. Nietzsche sagte zum hymnischen Sprache des Textes bzw der erfundenen Gestalt des Zarathustra, der den Namen des persischen Religionsstifters trägt: „Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungswürdig Unrecht zu tun“ (zu: halkyonisch siehe hier).
Vielleicht möchtest du die Textstelle nachlesen?
Inzwischen aber war Einer nach dem Andern hinaus getreten, in’s Freie und in die kühle nachdenkliche Nacht; Zarathustra selber aber führte den hässlichsten Menschen an der Hand, dass er ihm seine Nacht-Welt und den grossen runden Mond und die silbernen Wasserstürze bei seiner Höhle zeige. Da standen sie endlich still bei einander, lauter alte Leute, aber mit einem getrösteten tapferen Herzen und verwundert bei sich, dass es ihnen auf Erden so wohl war; die Heimlichkeit der Nacht aber kam ihnen näher und näher an’s Herz. Und von Neuem dachte Zarathustra bei sich: „oh wie gut sie mir nun gefallen, diese höheren Menschen!“ — aber er sprach es nicht aus, denn er ehrte ihr Glück und ihr Stillschweigen. —
Da aber geschah Das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das Erstaunlichste war: der hässlichste Mensch begann noch ein Mal und zum letzten Mal zu gurgeln und zu schnauben, und als er es bis zu Worten gebracht hatte, siehe, da sprang eine Frage rund und reinlich aus seinem Munde, eine gute tiefe klare Frage, welche Allen, die ihm zuhörten, das Herz im Leibe bewegte.
„Meine Freunde insgesammt, sprach der hässlichste Mensch, was dünket euch? Um dieses Tags Willen — ich bin’s zum ersten Male zufrieden, dass ich das ganze Leben lebte.
Und dass ich so viel bezeuge, ist mir noch nicht genug. Es lohnt sich auf der Erde zu leben: Ein Tag, Ein Fest mit Zarathustra lehrte mich die Erde lieben.
„War Das — das Leben?“ will ich zum Tode sprechen. „Wohlan! Noch Ein Mal!“
Meine Freunde, was dünket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode sprechen: War Das — das Leben? Um Zarathustra’s Willen, wohlan! Noch Ein Mal!“ — —
Also sprach der hässlichste Mensch; es war aber nicht lange vor Mitternacht. Und was glaubt ihr wohl, dass damals sich zutrug? Sobald die höheren Menschen seine Frage hörten, wurden sie sich mit Einem Male ihrer Verwandlung und Genesung bewusst, und wer ihnen dieselbe gegeben habe: da sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend, liebkosend, ihm die Hände küssend, so wie es der Art eines Jeden eigen war: also dass Einige lachten, Einige weinten. Der alte Wahrsager aber tanzte vor Vergnügen; und wenn er auch, wie manche Erzähler meinen, damals voll süssen Weines war, so war er gewisslich noch voller des süssen Lebens und hatte aller Müdigkeit abgesagt. Es giebt sogar Solche, die erzählen, dass damals der Esel getanzt habe: nicht umsonst nämlich habe ihm der hässlichste Mensch vorher Wein zu trinken gegeben. Diess mag sich nun so verhalten oder auch anders; und wenn in Wahrheit an jenem Abende der Esel nicht getanzt hat, so geschahen doch damals grössere und seltsamere Wunderdinge als es das Tanzen eines Esels wäre. Kurz, wie das Sprichwort Zarathustra’s lautet: „was liegt daran!“
2.
Zarathustra aber, als sich diess mit dem hässlichsten Menschen zutrug, stand da, wie ein Trunkener: sein Blick erlosch, seine Zunge lallte, seine Füsse schwankten. Und wer möchte auch errathen, welche Gedanken dabei über Zarathustra’s Seele liefen? Ersichtlich aber wich sein Geist zurück und floh voraus und war in weiten Fernen und gleichsam „auf hohem Joche, wie geschrieben steht, zwischen zwei Meeren,
— zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelnd.“ Allgemach aber, während ihn die höheren Menschen in den Armen hielten, kam er ein Wenig zu sich selber zurück und wehrte mit den Händen dem Gedränge der Verehrenden und Besorgten; doch sprach er nicht. Mit Einem Male aber wandte er schnell den Kopf, denn er schien Etwas zu hören: da legte er den Finger an den Mund und sprach: „Kommt!“
Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam langsam der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte darnach, gleich den höheren Menschen; dann aber legte er zum andern Male den Finger an den Mund und sprach wiederum: „Kommt! Kommt! Es geht gen Mitternacht!“ — und seine Stimme hatte sich verwandelt. Aber immer noch rührte er sich nicht von der Stelle: da wurde es noch stiller und heimlicher, und Alles horchte, auch der Esel, und Zarathustra’s Ehrenthiere, der Adler und die Schlange, insgleichen die Höhle Zarathustra’s und der grosse kühle Mond und die Nacht selber. Zarathustra aber legte zum dritten Male die Hand an den Mund und sprach:
Kommt! Kommt! Kommt! Lasst uns jetzo wandeln! Es ist die Stunde: lasst uns in die Nacht wandeln!
3.
Ihr höheren Menschen, es geht gen Mitternacht: da will ich euch Etwas in die Ohren sagen, wie jene alte Glocke es mir in’s Ohr sagt, —
— so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie jene Mitternachts-Glocke zu mir es redet, die mehr erlebt hat als Ein Mensch:
— welche schon eurer Väter Herzens-Schmerzens-Schläge abzählte — ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht! die alte tiefe tiefe Mitternacht!
Still! Still! Da hört sich Manches, das am Tage nicht laut werden darf; nun aber, bei kühler Luft, da auch aller Lärm eurer Herzen stille ward, —
— nun redet es, nun hört es sich, nun schleicht es sich in nächtliche überwache Seelen: ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht!
— hörst du’s nicht, wie sie heimlich, schrecklich, herzlich zu dir redet, die alte tiefe tiefe Mitternacht?
Oh Mensch, gieb Acht!
4.
Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die Welt schläft —
Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben, sterben, als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.
Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich? Willst du Blut? Ach! Ach! der Thau fällt, die Stunde kommt —
— die Stunde, wo mich fröstelt und friert, die fragt und fragt und fragt: „wer hat Herz genug dazu?
— wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen: so sollt ihr laufen, ihr grossen und kleinen Ströme!“
— die Stunde naht: oh Mensch, du höherer Mensch, gieb Acht! diese Rede ist für feine Ohren, für deine Ohren — was spricht die tiefe Mitternacht?
5.
Es trägt mich dahin, meine Seele tanzt. Tagewerk! Tagewerk! Wer soll der Erde Herr sein?
Der Mond ist kühl, der Wind schweigt. Ach! Ach! Flogt ihr schon hoch genug? Ihr tanztet: aber ein Bein ist doch kein Flügel.
Ihr guten Tänzer, nun ist alle Lust vorbei, Wein ward Hefe, jeder Becher ward mürbe, die Gräber stammeln.
Ihr flogt nicht hoch genug: nun stammeln die Gräber „erlöst doch die Todten! Warum ist so lange Nacht? Macht uns nicht der Mond trunken?“
Ihr höheren Menschen, erlöst doch die Gräber, weckt die Leichname auf! Ach, was gräbt noch der Wurm? Es naht, es naht die Stunde, —
— es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es gräbt noch der Holzwurm, der Herzenswurm. Ach! Ach! Die Welt ist tief!
6.
Süsse Leier! Süsse Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen Unken-Ton! — wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her, von den Teichen der Liebe!
Du alte Glocke, du süsse Leier! Jeder Schmerz riss dir in’s Herz, Vaterschmerz, Väterschmerz, Urväterschmerz, deine Rede wurde reif, —
— reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem Einsiedlerherzen — nun redest du: die Welt selber ward reif, die Traube bräunt,
— nun will sie sterben, vor Glück sterben. Ihr höheren Menschen, riecht ihr’s nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,
— ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger brauner Gold-Wein-Geruch von altem Glücke,
— von trunkenem Mitternachts-Sterbeglücke, welches singt: die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht!
7.
Lass mich! Lass mich! Ich bin zu rein für dich. Rühre mich nicht an! Ward meine Welt nicht eben vollkommen?
Meine Haut ist zu rein für deine Hände. Lass mich, du dummer tölpischer dumpfer Tag! Ist die Mitternacht nicht heller?
Die Reinsten sollen der Erde Herrn sein, die Unerkanntesten, Stärksten, die Mitternachts-Seelen, die heller und tiefer sind als jeder Tag.
Oh Tag, du tappst nach mir? Du tastest nach meinem Glücke? Ich bin dir reich, einsam, eine Schatzgrube, eine Goldkammer?
Oh Welt, du willst mich? Bin ich dir weltlich? Bin ich dir geistlich? Bin ich dir göttlich? Aber Tag und Welt, ihr seid zu plump, —
— habt klügere Hände, greift nach tieferem Glücke, nach tieferem Unglücke, greift nach irgend einem Gotte, greift nicht nach mir:
— mein Unglück, mein Glück ist tief, du wunderlicher Tag, aber doch bin ich kein Gott, keine Gottes-Hölle: tief ist ihr Weh.
8.
Gottes Weh ist tiefer, du wunderliche Welt! Greife nach Gottes Weh, nicht nach mir! Was bin ich! Eine trunkene süsse Leier, —
— eine Mitternachts-Leier, eine Glocken-Unke, die Niemand versteht, aber welche reden muss, vor Tauben, ihr höheren Menschen! Denn ihr versteht mich nicht!
Dahin! Dahin! Oh Jugend! Oh Mittag! Oh Nachmittag! Nun kam Abend und Nacht und Mitternacht, — der Hund heult, der Wind:
— ist der Wind nicht ein Hund? Er winselt, er kläfft, er heult. Ach! Ach! wie sie seufzt! wie sie lacht, wie sie röchelt und keucht, die Mitternacht!
Wie sie eben nüchtern spricht, diese trunkene Dichterin! sie übertrank wohl ihre Trunkenheit? sie wurde überwach? sie käut zurück?
— ihr Weh käut sie zurück, im Traume, die alte tiefe Mitternacht, und mehr noch ihre Lust. Lust nämlich, wenn schon Weh tief ist: Lust ist tiefer noch als Herzeleid.
9.
Du Weinstock! Was preisest du mich? Ich schnitt dich doch! Ich bin grausam, du blutest —: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?
„Was vollkommen ward, alles Reife — will sterben!“ so redest du. Gesegnet, gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will leben: wehe!
Weh spricht: „Vergeh! Weg, du Wehe!“ Aber Alles, was leidet, will leben, dass es reif werde und lustig und sehnsüchtig,
— sehnsüchtig nach Fernerem, Höherem, Hellerem. „Ich will Erben, so spricht Alles, was leidet, ich will Kinder, ich will nicht mich,“ —
Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder, — Lust will sich selber, will Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich.
Weh spricht: „Brich, blute, Herz! Wandle, Bein! Flügel, flieg! Hinan! Hinauf! Schmerz!“ Wohlan! Wohlauf! Oh mein altes Herz: Weh spricht: „vergeh!“
10.
Ihr höheren Menschen, was dünket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein Träumender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?
Ein Tropfen Thau’s? Ein Dunst und Duft der Ewigkeit? Hört ihr’s nicht? Riecht ihr’s nicht? Eben ward meine Welt vollkommen, Mitternacht ist auch Mittag, —
Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch eine Sonne, — geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.
Sagtet ihr jemals Ja zu Einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet ihr Ja auch zu allem Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfädelt, verliebt, —
— wolltet ihr jemals Ein Mal Zwei Mal, spracht ihr jemals „du gefällst mir, Glück! Husch! Augenblick!“ so wolltet ihr Alles zurück!
— Alles von neuem, Alles ewig, Alles verkettet, verfädelt, verliebt, oh so liebtet ihr die Welt, —
— ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht ihr: vergeh, aber komm zurück! Denn alle Lust will — Ewigkeit!
11.
Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will trunkene Mitternacht, will Gräber, will Gräber-Thränen-Trost, will vergüldetes Abendroth —
— was will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger, schrecklicher, heimlicher als alles Weh, sie will sich, sie beisst in sich, des Ringes Wille ringt in ihr, —
— sie will Liebe, sie will Hass, sie ist überreich, schenkt, wirft weg, bettelt, dass Einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie möchte gern gehasst sein, —
— so reich ist Lust, dass sie nach Wehe durstet, nach Hölle, nach Hass, nach Schmach, nach dem Krüppel, nach Welt, — denn diese Welt, oh ihr kennt sie ja!
Ihr höheren Menschen, nach euch sehnt sie sich, die Lust, die unbändige, selige, — nach eurem Weh, ihr Missrathenen! Nach Missrathenem sehnt sich alle ewige Lust.
Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid! Oh Glück, oh Schmerz! Oh brich, Herz! Ihr höheren Menschen, lernt es doch, Lust will Ewigkeit,
— Lust will aller Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!
12.
Lerntet ihr nun mein Lied? Erriethet ihr, was es will? Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen, so singt mir nun meinen Rundgesang!
Singt mir nun selber das Lied, dess Name ist „Noch ein Mal“, dess Sinn ist „in alle Ewigkeit!“, singt, ihr höheren Menschen, Zarathustra’s Rundgesang!
Oh Mensch! Gieb Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief —,
„Aus tiefem Traum bin ich erwacht: —
„Die Welt ist tief,
„Und tiefer als der Tag gedacht.
„Tief ist ihr Weh —,
„Lust — tiefer noch als Herzeleid:
„Weh spricht: Vergeh!
„Doch alle Lust will Ewigkeit —,
„— will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
zitiert nach Quelle
Drabble: Die Sprache der Gesten (gereimt)
Handbewegung – verlassen – anderslautend sind die Wörter, die Heide fürs heutige Drabble vorgegeben hat.
Eine Handbewegung kann weit mehr ausdrücken als hundert Wörter. 100 Wörter sind andererseits wenig, um Schlüssiges über die Sprache der Gesten zu sagen. Ich habs trotzdem versucht und sogar noch einen Zweifel eingebaut: ist die Gestensprache wirklich international eindeutig, wie manche meinen? Oder kann es da zu erheblichen Mißverständnissen kommen?
Winkewinke! spricht die Mama, wünsch der Oma gute Fahrt!
Pst! der Finger auf den Lippen sagt dem Kind: der Papa denkt.
Und so lernt das Kind von frühauf: Sprache gibt’s von mancher Art,
Und der Ausdruck meiner Wünsche ist nicht auf Geschrei beschränkt.
Doch kann eine Handbewegung, die man so von Muttern lernt
Wirklich jeden Sinn vermitteln, kann man sich darauf verlassen,
dass die Menschen aus Ägypten, aus Tirol und weit entfernt
diesen Sinn nicht missverstehen und ihn wirklich klar erfassen?
Hand-aufs-Herz bedeutet „ehrlich“
Oder heißt es: „mein Respekt?“
Dem einen ist es unentbehrlich
Dem andern ist es gleich suspekt.
Impulswerkstatt: Wolken (2), Wolkenzeichnen
Noch mehr Wolken, liebe Myriade, für deine Impulswerkstatt. Dieses Mal habe ich gezeichnete aus dem Archiv herausgesucht.
Das Grau des Bleistifts rückt sie dem Betrachter bedrohlich näher.

Das Foto der Zeichnung habe ich farbverstärkt, was die Illusion hoher Farbigkeit erzeugt.

Noch eine Kohlezeichnung:

Die folgende Zeichnung (Kohle, weißes Pigment, Leim auf grauer Pappe, 70 x 50 cm) nannte ich „Wolken ziehen drüber hinweg“: Ich blicke quasi von einer himmlischen Position aus hinab auf die Erde.

Die folgenden Kugelschreiberzeichnungen zeigen die Bergkulisse, die ich von meiner Turmterrasse aus erblicke, samt Wolken, die sich darüber türmen.

Ich fand die Wiedergabe der unterschiedlichen Struktur und Festigkeit von Wolken- und Steinbergen schwierig und machte eine zweite stärker abstrahierende Skizze:

Gewölk über dem Meer

Auch Willi, der Jahresbegleiter von 2022, versuchte sich im Wolkenzeichnen. Den Zeichenprozess beschrieb ich in einer abc-etüde (hier), darin auch die folgenden Zeilen:
Doch nun
wechselt die Farbe.
Ein dunkles Grün, ein bläuliches Lila
fügt er hinzu
lässt laufen den Stift
in krausem Gewirr von Wolken,
und punktet die Wolken als hätten
sie Regen gespeichert.










