(abc-etüde, kata-strophisch)
Gewohnheitstier
absichtlich
einsetzen.
Das sind die drei Wörter, die Christiane uns für die erste abc-etüde des Jahres 2026 ausgesucht hat. Danke, Christiane. Ich habe sie zum Anlass genommen, mir ein paar Kata-Strophen zusammenzureimen, verbunden mit einer Vornahme fürs laufende Jahr: nicht auf jedes rote Tuch zu reagieren, nicht in jedes Messer zu rennen. Kurzum: mich nicht wie ein Stier zu verhalten, während die, die die Welt regieren, den Matador spielen.

Geboren bin ich zwar im Sternbild Stier,
der stets, so sagt man, gegen rote Tücher rennt
doch bin ich deshalb ein Gewohnheitstier
das unbeirrt stets folgt dem gleichen Trend?
*
Als Kind, gewiss, da konnte es geschehen
Dass wenn man mir ein rotes Tuch gezeigt
Ich gleich, geblendet wütend unbesehen
Protest erhob dort, wo man besser schweigt.
*
Nachdem ich mir den Kopf oft eingerannt
Und nichts erreichte, als ne blutge Stirn
Und man mich einen Dickkopf nur genannt
Da endlich fing zu denken an mein Hirn.
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Wär es nicht besser, selbst sein Ziel zu suchen
Als reagieren auf das Tuch, das andre schwenken?
Was nützte es, der Übeltat zu fluchen
Wärs besser nicht, sich selbst zum Guten lenken?
*
Absichtlich hält man uns oft Themen hin
Die uns erregen, kränken, was uns wütend macht
Und wer hat, bitte schön, davon Gewinn?
Der Tücherschwenker wohl, der hinterhältig lacht.
*
Der lacht, weil wir in unsrem Zorne übersehen
Die wahren Pläne, die im Hintergrunde reifen
Ach, könnten wir die endlich gut verstehen
Ach könnten wir den Zeitgeist recht begreifen!
*
Den Zeitgeist, der mit Macht schon eingesetzt
Als Spielfiguren uns hat auf dem Weltenbrette.
Der eine schießt bereits, der andre wird zerfetzt
Gibt es denn nichts, was uns vorm Zeitgeist rette?
*
Wie wärs, wenn ich, anstatt dem Matador
Weil er ein Tuch hält, hilflos meine Flanken
Zur Schlachtung anzubieten, ach, ich Tor,
ganz bei mir bliebe und bei dem Gedanken:
*
Ich bin ein freier Mensch und niemand
Ist schuld an dem, was mir zuletzt geschieht
Nur ich allein, es liegt in meiner Hand
Welch Schicksal mir am Lebensende blüht.
*
Mich kümmern eure roten Tücher nicht
Ich renne nicht, nur weil ihrs wollt, ins Messer,
und wenns mir auch an Tapferkeit gebricht:
der wer zuletzt lacht, lacht noch immer besser
Mein „Griechisches Alphabet des freien Denkens“, das ich im Dialog mit Ullis „Alphabet des mutigen Träumens“ entwickelte, beginnt mit dem Buchstaben A (Anthropos = Mensch). Der Buchstabe stellte ursprünglich einen Stierkopf dar, wurde dann aber umgedreht und so zum Anfangsbuchstaben des Wortes Anthropos = Mensch. Ich schrieb damals (hier):
Beginnen wir mit A – Alpha – Aleph. Aleph hieß der erste Buchstabe bei den Phöniziern. Aleph nannten die Phönizier den Stier, und so sah auch der Buchstabe aus: ein Stierkopf mit Hörnern.
Die Hellenen stellten es entschlossen auf die Füße: A. Und da steht es bis heute, kein Stierkopf mehr, sondern ein Mensch.
Picasso war bis ins hohe Alter vom Minotaurus fasziniert, der die menschliche Gestalt mit einem Stierkopf verband und so zu einem traurigen Monster wurde. Auch mich beschäftigte das Thema, zB hier.
Die umgekehrte Tier-Mensch-Kreatur ist der Zentaur, dessen Leib dem Pferd, dessen Kopf dem Menschen zugehört. Auch er ist ein wüster Geselle, kann aber, wie im Kentaur Chiron, auch zur höchsten Weisheit gedeihen.
