Tagebuch der Lustbarkeiten: In schlafloser Nacht aus dem Fenster schauen

Das schwere Gewitter ist vorbei, der Regen hat aufgehört. Still und geheimnisvoll ist mein Garten in der Nacht, wenn er, von einer Straßenlaterne und dem zwischen wildem Gewölk ziehenden Mond beleuchtet, vor sich hinträumt.

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Welttheater, 4. Akt, Szene 43b: Domna zu Wilhelms Geschichte (Wilhelm Meister, der Harfner)

Was zuletzt geschah: Wilhelm hat seine Geschichte erzählt. Jenny und Abud sind beeindruckt, weil er reich und angesehen war.

Wilhelm:

Ja,  Jenny, ich war ziemlich weit bekannt

und hatte einen guten Ruf in meinem Land

weil ich die Reichen immer reicher machte

so dass man mich auch reichlich mitbedachte.

Auf Truds Nachfrage hin rührt er an das Trauma seiner Kindheit: seelische und körperliche Misshandlung durch den allmächtigen Vater-Richter, dem er den Tod wünscht. Er führt ein Doppelleben zwischen angesehenem Anwaltsberuf und heimlicher Unterstützung einer revolutionären Bewegung, der dann sein Vater zum Opfer fällt (Ödipus-Analogie). Er flieht aus seinem Land (Peru) und sucht Frieden in der Einsamkeit der Berge. Die Wunde heilt langsam.

Wenn ich allein war hier in der Natur

da sprach ich oft mit ihm, damit er mal erfuhr

was er mir angetan. Und wie ich ihn gehasst.

Doch jetzt nicht mehr, denn die Erinnerung verblasst.

Domna (rezitiert)

„Wer sich der Einsamkeit ergibt,

Ach! der ist bald allein;

Ein jeder lebt, ein jeder liebt,

Und lässt ihn seiner Pein.“*

 

Wilhelm (rezitiert)

„Ja! lasst mich meiner Qual!

Und kann ich nur einmal

Recht einsam sein,

Dann bin ich nicht allein.“*

Domna (rezitiert)

„Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.“*

Wilhelm (rezitiert)

„Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein;
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden“.*

(*Es handelt sich um die ersten und letzten Strophen vom Lied des Harfners, J.W.Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre)

Domna:

Gerührt hast du sehr tief an mein Empfinden

denn so wie dir erging es auch der Blinden

als sie noch sah, und doch nichts recht erkannte.

und alles Schmerzliche ins Unbewusste bannte.

 

Erblinden musste sie, auf dass sie sah

was in dem Inneren der Seele spielte

und sie bemerkte das, was nah,

während ihr Geist ins Weite zielte.

 

Du, Lieber, hast Vergangnes schwer durchlitten

und hast den Kreis der Sühne abgeschritten.

Nun kannst du abtun von der müden Seele

die alte Schuld, auf dass sie dich nicht quäle

 

und dich behindre auf dem neuen Pfad

den du nun hast betreten grad.

Wilhelm

Du sprichst es aus, was ich nur matt empfunden:

Ich habe einen neuen Weg gefunden.

Noch weiß ich nicht, wohin er mich wird führen.

Doch kann ich ihn schon untern Füßen spüren.

Fotis

So willst du gehn? Ach bleib doch noch zur Nacht!

Was willst du draußen jetzt in der Natur?

Weißt du nichts Spaßiges? Ich hätte gern gelacht.

Wie spät ist’s wohl? Ich habe keine Uhr.

Wilhelm:

Sehr gerne bleib ich und hör mehr Geschichten

von diesen Menschen, die ich wenig kenne.

Mich drängt ja nichts, ich habe keine Pflichten,

Isolde ruft nicht mehr, so dass ich renne.

Fotis

Ne Frau? Natürlich, dacht ichs doch

die trieb dich fort aus deinem Loch.

Doch jetzt tut Eile nicht mehr not

Kommt schon von selbst ins rechte Lot.

 

Wie ists mit dir, du schwarzer Mann

Ich finde, jetzt bist du mal dran,

Ganz sicher kommst du von weit her.

und weißt Geschichten, bitte sehr!

wird fortgesetzt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Regengarten mit Regenkatzen und Abendgold

Nass war unser Erster Mai, nass ist auch der zweite. Der Garten mit weißen und rot-orangen Rosen, weißen und blauen Schwertlilien und unverwüstlichen roten Geranien hält dem Grau stand.

Die Katzen haben sich endlich im neu angeschafften Hundehaus einquartiert. Sie kommen freilich sofort heraus, wenn sich die Haustür öffnet – so wie hier Frieda. Sicher ist sicher.

Die Jüngste von Prinkipessas Töchtern, Beatrix, gleicht ihrer Mutter aufs Haar: dieselben Farben, dasselbe sprungbereite kratzbürstige Misstrauen. Sie ist die einzige aus dem vorletzten Wurf, die sich bei uns eingefunden hat und geblieben ist.

Gestern riss der Himmel noch rechtzeitig auf, um einen glühenden Sonnenuntergang zu produzieren.

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Lustbarkeiten zum ersten Mai: Für Bienen ein Werktag wie jeder andere

Die Forderung nach einer Verringerung der Arbeitszeit – wichtigstes Ziel der Gewerkschaften zum 1. Mai – wird begründet mit einem Zugewinn an Freizeit. Dadurch wird der Gegensatz Arbeit-Freizeit auf die Spitze getrieben. Wäre es nicht wichtiger, die Arbeit zu humanisieren, etwa dadurch, dass der Arbeitende mehr Ruhe und Zeit hat für das, was er tut? Der Pflegende für jeden seiner Pfleglinge, der Lehrer für jeden einzelnen Schüler und für gemütliche Schwätzchen im Lehrerzimmer, die Verkäuferin für ihre Kunden oder für ein Schwätzchen mit der Kollegin … kurzum: wäre es nicht wichtiger, den Teil des Lebens, den wir mit Arbeit verbringen, lebenswert zu machen, als das Leben erst zu beginnen, wenn die Arbeit endet?

Das sind so Fragen, die ich heute, zum 1. Mai, bei „Roter Baron“ unter der Überschrift „Erhöhung des Zeitkontingents für die zu leistende Arbeit“ las und ein wenig weiterdachte.

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Übers Lesen, Erzählen und Erinnern (Kapuscinskis Reisen mit Herodot, und mein Welttheater)

Gestern suchte ich in den Regalen im Keller nach einem bestimmten Buch, das, so erinnerte ich mich, einen gelben Umschlag hat. Ich fand es nicht, dafür aber ein anderes mit gelbem Schutzumschlag: Ryszard Kapuscinski, Meine Reisen mit Herodot, Eichborn Verlag 2005.  Das nahm ich mit und begann zu lesen über die Reisen des polnischen Journalisten Kapuscinski in Indien und China (so weit bin ich grad) in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als in Polen die Kommunistische Partei herrschte, in Indien die Unabhängigkeit Nehru an die Macht brachte und in China Mao 1000 Blumen blühen lassen wollte.

In dem Buch gibt es Anstreichungen mit Bleistift, die von mir stammen, aber ich erinnere mich an nichts. Das Buch ist voll von Geschichten, die mir völlig neu zu sein scheinen, und andere, die ich von irgendwoher kenne. Aber aus diesem Buch?

Eine merkwürdige Sache ist es mit dem Erinnern, Manches geht einfach ins „Wissen“ über, ohne dass ich mich an die Quelle erinnere, anderes „weiß“ ich, weil ich es gelesen oder gehört habe, und ich erinnere mich auch, wo, und sehr vieles vergesse ich einfach.

Zum Glück gibt es ja das Buch, denke ich, dann lese ich es eben noch mal. Auf S. 101-103 stoße ich auf eine Passage mit vielen Anstreichungen (kursiv):

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„Herodot bekennt, dass er an einer Obsession der Erinnerung litt – er wusste, dass die Erinnerung etwas Flüchtiges, Brüchiges, nicht Dauerhaftes, ja Trügerisches ist. Dass sich das, was in ihr ist, was sie in sich bewahrt, verflüchtigen, spurlos verschwinden kann. Seine ganze Generation, alle Menschen, die damals auf Erden lebten, litten unter dieser Angst: Ohne Erinnerung kann man nicht leben, denn sie ist es, die den Menschen über die Welt der Tiere erhebt, die die Gestalt seiner Seele ausmacht, gleichzeitig ist sie jedoch so irreführend, ungreifbar, trügerisch. Das hat zur Folge, dass sich der Mensch seiner selbst so wenig sicher ist. Halt, das war doch…! Na, denk nach, wann war denn das? Das war doch dieser …? Also, versuche, dich zu erinnern, wer das war! Wir wissen es nicht, und hinter diesem „wir wissen es nicht“ erstreckt sich ein riesiges Gebiet des Unwissens oder – des Nichtexistierens. 

Der moderne Mensch sorgt sich nicht um seine Erinnerung, denn er ist umgeben von aufbewahrten Erinnerungen. Er hat alles in Reichweite – Enzyklopädien (…) das Internet. (…) Wenn er ein Kind ist, sagt ihm die Lehrerin in der Schule alles (…)

Zur Zeit des Herodot gab es keine oder fast keine dieser Institutionen, Einrichtungen und Techniken. Der Mensch wusste das, und nur das, was er in seinem Gedächtnis gespeichert hatte. Einzelne Menschen lernten, auf Papyrusrollen und Tontafeln zu schreiben. Doch die übrigen? Die Beschäftigung mit der Kultur war stets eine aristokratische Domäne. Wo die Kultur von diesem Prinzip abweicht – geht sie zugrunde

In der Welt Herodots ist der Mensch beinahe der einzige Bewahrer der Erinnerung. Um zu erfahren, was erinnert wurde, muss man daher zu einem Menschen gehen, und wenn er weit weg wohnt, müssen wir zu ihm wandern, uns auf den Weg machen, und wenn wir ihn treffen, müssen wir uns zu ihm hinsetzen und hören, was er uns zu sagen hat, zuhören, es uns einprägen (….)

Herodot wandert also durch die Welt, er trifft Menschen und hört zu, was sie erzählen. Sie sagen ihm, wer sie sind, sie erzählen ihre Geschichte. Aber woher wissen sie, wer sie sind, von woher sie kommen? Ach, antworten sie, wir haben es von anderen gehört, vor allem von unseren Vorfahren. (…) Dieses Wissen hat die Form von Erzählungen. Die Menschen sitzen ums Lagerfeuer herum und erzählen. Später einmal wird man das Legenden und Mythen nennen, doch im Augenblick, während sie das sagen oder hören, glauben sie, es handle sich um die heilige Wahrheit, die wirklichste der Wirklichkeiten.“

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Soweit das Zitat.

In meinem Welttheater treffen sehr verschiedene Menschen aufeinander, die durch die Gegend wandern, Grüppchen bilden und immer wieder Orte finden, wo sie zusammensitzen, um sich gegenseitig ihre Geschichten zu erzählen:  in der Bucht, in Danais Höhle, in Wilhelms Lager, in Fotis‘ Haus sitzen sie wie in alten Zeiten zusammen und erzählen. Woher habe ich dieses Konzept? Ist mir vielleicht doch in Erinnerung geblieben, was ich hier, in diesem Buch, las, und es tritt nun, beim Schreiben der Szenen des Welttheaters, wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins?

Das Motiv des Erzählens, das dem Prinzip von Geben und Nehmen im Ausgleich folgt, wird zu Beginn des Welttheaters, in der dritten Szene, von Domna, der blinden Dichterin, formuliert und von den anderen aufgegriffen :

Domna:

Wir setzen uns im Kreise, so,

Ich habe Brot, die Trud hat Fragen.

Und was hast du? Und was gibst du?

Jenny, Trud, Domna und Danai im Wechselgesang

Ich erzähl euch eine Geschichte                                Und ich stelle Fragen  

Ich rezitier euch Gedichte                                          Ich weiß alte Sagen

Ich weiß was von Witzen                                           Und ich, ich kann lachen

Komm her, bei uns sitzen                                          Bring mit deine Sachen

Komm her, dich zu wärmen                                     Bring mit deinen Kummer

Wer wird sich denn härmen?                                   Ich sing dich in Schlummer.

 

Ich gebe, so gib schon,  er gibt und sie gibt           Ich lebe, ich liebe, du liebst und sie liebt.

 

In Danais Höhle kommt zum Austausch von Nahrung, Gefühlen und Erzählungen die Magie des Ortes hinzu:

Domna:

Es träumen vielhundert Gedichte

in der Höhle seit altersher.

Sie träumen im schummerigem Lichte

und wissen den Ausgang nicht mehr.

 

 Es schweben die Traumgestalten

in der Höhle dunkelndem Raum

Sie wollen die Nacht verwalten

bis alles wird zum Traum.

Weiter geht es in Wilhelms Lager. Wilhelm, ein Einzelgänger, wird durch die Gruppe hineingezogen in den Erzähl- und Austauschprozess. Auch die beiden Afrikaner kommen dazu –  das „Symposion“ kann sich aber wegen eines aufkommenden Streits zwischen dem Lager-Besitzer und den Fremden noch nicht als Erzählform ausgestalten.

 Domna

Ihr lieben Frauen setzt euch nieder

und setz auch du dich, liebes Kind.

Wie schön, dass wir auch heute wieder

so friedlich hier zusammen sind.

 

In unsrer Runde sei willkommen

auch Wilhelm, der in seinen Raum

uns einlud, wie es ziemt dem Frommen,

auch wenn den Gast er kennt noch kaum.

 

Die Götter habens so befohlen:

dem Fremdling öffne deine Tür

dass er sich von der Fahrt erholen

und essen kann, er dankt dafür.

 

Es freut der Hausherr sich der Gäste

denn statt zu essen ganz allein

wird ihm das Mahl nunmehr zum Feste

mit Reden und mit gutem Wein.

Erst als der Hirte Fotis die Gruppe in sein Haus einlädt, entsteht eine „klassische“ Erzählsituation, so dass sich die Geschichten in voller Länge entfalten können. Es ist jetzt der Gastgeber, der die anderen, als Gegengabe für Speis und Trank, um Erzählungen bittet:

Fotis

Seit ihr nun satt? Dann möcht ich fragen

woher ihr kommt und wer ihr seid

Ich mag Geschichten und auch Sagen,

Erzählt sie mir, ich bin bereit.

 

 

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Welttheater, 4. Akt, Szene 43a: Wilhelms Geschichte (Ödipus)

Was zuletzt geschah: Danai ging zu Domna hinaus. Sie fand sie zwischen den Häusern des Dorfes und hörte sie ein Gedicht von Hilde Domin rezitieren.

Jetzt betreten sie wieder das Haus des Hirten Fotis, wo Wilhelm begonnen hatte, seine Geschichte zu erzählen.

Fotis:

Hallo die Damen, kommt nur schnell herein!

Was haltet ihr von einem Gläschen Wein?

Den keltere ich selbst, hab ihn im großen Fass

Es redet sich viel leichter, hält man die Kehle nass.

 

Nimm, Wilhelm, einen großen Schluck

das nimmt vom Herzen dir den Druck

und rück hierher, an meine Seite

so ist es recht, zum Wohle, Leute!

 

Jetzt bin gespannt ich, was ich hören werde

geschieht ja ziemlich viel auf dieser Erde

von dem ich gar nichts weiß, in meiner Ecke.

Wird Zeit, dass ich ein Stückchen Welt entdecke.

Wilhelm:

Ich dank euch sehr, dass ihr ein offnes Ohr

mir leihen wollt, doch muss ich warnen euch, bevor

ich euch erzähl, wie es mir ist ergangen.

Ich weiß nicht recht, wo soll ich nur anfangen?

Fotis

Na, fang doch einfach mal am Anfang an.

Was war dein Vater für ein Mann?

Mein Vater der war Hirte so wie ich

das war schon immer so, gehörte sich.

Wilhelm

So hat es sich dann auch für mich gehört.

und das war es, was mich schon früh gestört.

Mein Vater war ein Richter und so sollte ich

auch Recht studieren, aber wollte ich?

 

Ich liebte schon als Kind die hohen Berge

und liebte es, im Wald mich rumzutreiben.

Ich glaubte damals an die sieben Zwerge

und wollt am liebsten immer draußen bleiben

 

Doch zwang man mich, dem Walde abzuschwören

und in Klausur zu gehn in dunkler Kammer.

Und später musst ich Straf- und Steuerrecht anhören

und anderes trocknes Zeug, es war ein Jammer

 

So wurde ich Jurist, ganz wie mein Vater

und in ner großen Firma Rechtsberater.

Abud

Du warst wohl reich und hattest Geld?

Jenny

Warst was man nennt ein Mann von Welt?

Wilhelm

Ja,  Jenny, ich war ziemlich weit bekannt

und hatte einen guten Ruf in meinem Land

weil ich die Reichen immer reicher machte

so dass man mich auch reichlich mitbedachte.

 

Dann kam ein Tag, mir ist, als wär es heute

da fielen Schüsse und Geschrei der Leute

Der Vater brach zusammen, war getroffen,

und meine Zukunft war nun wieder offen.

Abud

Wie war das, bitte? hab ichs recht verstanden?

Dein Vater wurd erschossen von den Banden?

So wie der von Hawi? von meinem weiß ichs nicht.

Und du hast sie bestraft dann vor Gericht?

Wilhelm

Die ihn erschossen, waren auf der Siegerseite

Ich selber suchte vorsichtshalber schnell das Weite.

und brach mit allem, was ich vorher kannte

Ich war nun frei und hatte Null Verwandte.

 

Ließ hinter mir, was ich zutiefst verfluchte

So kam ich her in dieses Land und suchte

mir diesen Ort, um endlich frei zu leben

und mich nicht mehr für andere herzugeben.

Trud

Du hast verlassen alles Alte und Gewohnte?

Hast du gefunden dann, was sich zu leben lohnte?

Wilhelm

Das dachte ich, bis ihr zum Lager kamt

und mir auch diese Illusion noch nahmt.

Da merkte ich, die Berge um mich her

sie fülln mich nicht, denn inseits bin ich leer.

Fotis

Nimm noch nen Schluck, das hilft die Leere füllen!

Was soll schon sein, nicht immer gehts nach Willen.

Trud

Darf ich dich fragen, ob das alles ist?

erzählst du wirklich ehrlich, wer du bist?

Wilhelm

Du fragst mich Trud, so will ich Antwort geben:

Was ich erzählt, war nur mein halbes Leben.

Denn ich war dort erfolgreich, wo der Rubel rollte

doch traf ich mich geheim mit Menschen der Revolte. 

 

Ich fands gerecht, dass sie den Aufstand schürten

damit die Reichen mal den Zorn der Armen spürten.

Ich war es selbst, der ihnen gab die Waffen

damit sie auf der Welt Gerechtigkeit mir schaffen.

Trud

So bist dem Ödipus du wohl verwandt

der in der Wut den Vater nicht erkannt?

Du hattest nicht den Mut, ihn zu erschlagen

und hast es andern Männern aufgetragen?

Wilhelm

Nein, nein, ich hab …, ich wollte … wusste nicht

Trud

Hast du gesehen ihm ins Angesicht?

Wilhelm (weint wie ein Kind)

Er war so streng, er hat mich oft geschlagen

ich musst ihm immer, was ich dachte, sagen

dann straft er mich, weil ich was andres dachte

als was er wollte, und was andres machte.

 

Wenn ich was liebte, wars für ihn gestorben

Er hat mein Leben mir zutiefst verdorben

Kein Tier war mir erlaubt, um es zu lieben.

Für jede Unart straft er mich mit Hieben.

(ruhiger)

Auch vor Gericht war er sehr streng mit allen.

Ich glaub er fand am Strafen groß Gefallen.

Und manchmal träumt ich, dass ich ihn erwürge

Doch seinen Tod befahl ich nicht, Gott ist mein Bürge.

 

Wenn ich allein war hier in der Natur

da sprach ich oft mit ihm, damit er mal erfuhr

was er mir angetan. Und wie ich ihn gehasst.

Doch jetzt nicht mehr, denn die Erinnerung verblasst.

wird fortgesetzt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Katzen-Nachwuchs mit Fragezeichen

Heute vormittag kam ein graues Jungkätzchen jammernd angewackelt und suchte seine Mama. Die potentiellen Mamas aber – immerhin fünf an der Zahl – stellten sich taub. Sie wollten fressen, tranken auch den Topf mit Milch leer, den mein Mann für alle Fälle hingestellt hatte. Als ich wenig später nachsah, waren alle Katzen verschwunden.

Eben, kurz vor acht, kam ein weißes Jungkätzchen angewackelt, schreiend auch dieses, und suchte seine Mama. Bei Fritzi versuchte es zu saugen, aber Fritzi tat, als hätte sie keine Ahnung, wozu sie Zitzen hat. Theo kam hinzu, schnupperte ein bisschen an dem Kleinen, wohl um festzustellen, ob es aus ihrem Wurf ist.

Zusammen mit dem Goldenen, der am 12.4. auftauchte und wieder verschwand, haben sich nun drei Neugeborene gemeldet: ein goldenes, ein graues, ein weißes. Ich habe Fritzi im Verdacht, dass die beiden letzten aus ihrem Wurf stammen und das erste von Theo. Wenn sich keine Mutter outet, haben sie wenig Chancen zu überleben. Andererseits: sie haben es bis hierhin gebracht…..

Ich schaute auch im Heizungskeller nach, wo Prinkipessa ihre drei untergebracht hatte – aber die hat die fürsorgliche Mutter wohl weggetragen. Wahrscheinlich kommt da auch noch das eine und andere angewackelt.

Die Frage, die sich mir nun wieder mit aller Macht stellt, ist: die Natur machen lassen oder sterilisieren? und wenn ja wann? Fürs Einfangen würde ich die Hilfe des Tierschutzvereins brauchen, denn außer Fritzi sind sie alle sehr scheu, und es ist ausgeschlossen, dass ich sie in den Transportbehälter reinbekomme. Prinkipessa faucht und haut mich sogar, wenn ich sie füttern will. Zweimal hat sie schon meine Wade erwischt und ihre Krallen reingeschlagen.

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Welttheater, 4. Akt, 43. Szene: Domna zitiert „Wen es trifft“ von Hilde Domin

Was zuletzt geschah: Wilhelm ist bereit, über sich und sein Leben zu sprechen, und was ihn in die Einsamkeit getrieben hat. Danai will vorher Domna holen, die beim Streit zwischen Jenny und Abud rausgegangen war.

Wilhelm

Das alles ging mir durch den Sinn

als ich von Trud die Sage hörte

Weiß ich denn wirklich, wer ich bin?

Bin ich’s vielleicht gar selbst, der sich zerstörte?

Danai:

Die Frage treibt mich um, …

Doch fang ich an, die Domna zu vermissen.

Ich denk ich hol sie grad herein, dann hörn wir mehr.

Domna geht zwischen den niedrigen Häusern des Dorfes umher….

Domna spricht ein Gedicht von Hilde Domin*. Ihre Stimme ist mal lauter, mal leiser zu hören. Ab und an wird sie ganz unhörbar (markiert als … ). Danai lauscht. Stille Tränen laufen ihr übers Gesicht.

Wen es trifft*,
der wird aufgehoben
wie von einem riesigen Kran
und abgesetzt
wo nichts mehr gilt,
wo keine Straße
von Gestern nach Morgen führt.
(…)
Er wird durch die feinsten
Siebe des Schmerzes gepresst
und durch die umbarmherzigen
Tücher geseiht,
die nichts durchlassen
und auf denen das letzte Korn
Selbstgefühl
zurückbleibt.
So wird er ausgesucht
und bestraft
und muss den Staub essen
auf allen Landstraßen des Betrugs
von den Sohlen aller Enttäuschten,

(…)

Manchmal jedoch
wenn er Glück hat,
aber durch kein kennbares
Verdienst,
so wie er nicht ausgesetzt ist
für eine wissbare Schuld
sondern ganz einfach weil er zur Hand war,
wird er
von der unbekannten
allmächtigen Instanz
begnadigt
solange noch Zeit ist.
Dann wird er wiederentdeckt
wie ein verlorener Kontinent
oder ein Kruzifix
nach dem Luftangriff
im verschütteten Keller.
Es ist als würde eine Weiche gestellt:
sein Nirgendwo
wird angekoppelt
an die alte Landschaft,
wie man einen Wagen
von einem toten Geleis
an einen Zug schiebt.
Unter dem regenbogenen Tor
erkennt ihn und öffnet die Arme
zu seinem Empfang
ein zärtliches Gestern
an einem bestimmbaren Tag des Kalenders,
der dick ist mit Zukunft.

(…)
kein zerschnittener Wurm
ist so zäh wie der Mensch,
den man in die Sonne
von Liebe und Hoffnung legt.
Mit den Brandmalen auf seinem Körper
und den Narben der Wunden
verblasst ihm die Angst.
Sein entlaubter
Freudenbaum
treibt neue Knospen,
selbst die Rinde des Vertrauens
wächst langsam nach.
Er gewöhnt sich an das veränderte
gepflügte Bild
in den Spiegeln,
er ölt seine Haut
und bezieht den vorwitzigen
Knochenmann
mit einer neuen Lage von Fett,
bis er für alle
nicht mehr fremd riecht.
Und ganz unmerklich,
vielleicht an einem Feiertag
oder an einem Geburtstag,
sitzt er nicht mehr
nur auf dem Rande
des gebotenen Stuhls,
als sei es zur Flucht
oder als habe das Möbel
wurmstichige Beine,
sondern er sitzt
mit den Seinen am Tisch
und ist zuhause
und beinah
sicher
und freut sich
der Geschenke
und liebt das Geliehene
mehr als einen Besitz,
und jeder Tag
ist für ihn
überraschendes Hier,
so leuchtend leicht
und klar begrenzt
wie die Spanne
zwischen den ausgebreiteten
Schwungfedern
eines gleitenden Vogels.
Die furchtbare Pause
der Prüfung
sinkt ein.
Die Schlagbäume
an allen Grenzen
werden wieder ins Helle verrückt.
Aber die Substanz
des Ich
ist so anders
wie das Metall, das aus dem Hochofen kommt.

(….)
Doch eine gewisse Leichtigkeit
ist ihm
wie einem Vogel
geblieben.
*
Du aber
der Du ihm
auf jeder Straße begegnest,
der Du mit ihm
das Brot brichst,
(…)

oder ein kleines Tier,
ohne dass es zuckt
vor deiner Hand.
Lege sie schützend
auf den Kopf eines Kinds,

(….)

und gänzlich untauglich
zu jedem Handgriff
beim Bau
von Stacheldrahthöllen,
öffentlichen
oder intimen,
und damit sie nie,
wenn die Panik
ihre schlimmen Waffen verteilt,
„Hier“ ruft
und nie
die große eiserne
Rute zu halten bekommt,
die durch die andere Form
hindurchfährt
wie durch Schaum.
Und dass sie Dir nie,
an keinem Abend,
nach Hause kommt
wie ein Jagdhund
mit einem Fasan
oder einem kleinen Hasen
als Beute seines Instinkts
und Dir die Haut
eines Du
auf den Tisch legt.

Damit,
wenn am letzten Tag
sie vor dir
auf der Bettdecke liegt
wie eine blasse Blume
so matt

(…)


Du ihr dankst
und sagst:
Lebe wohl,
meine Hand.
Du warst ein liebendes
Glied
zwischen mir und der Welt.

Danai

Komm Domna, komm ins Haus zu uns herein

der Streit der Kinder ist ja längst beendet.

Sehr schwer bedrückt war dieser Kinder Sein

doch jetzt ist Zeit, dass sich ihr Schicksal wendet.

 

Groß ist der Gedanke, den die Poetin ausspricht

von Unheil und Gnade in ihrem Gedicht.

Des Menschen Herz wird immer zu neuem Leben erregt

wird er in die Sonne von Liebe und Hoffnung gelegt.

 

 

 

*Hilde Domin, Wen es trifft, 3. Fassung aus „Gesammelte Gedichte“ 1987, zitiert nach „Deutsche Lyrik“.

Copyright
S. Fischer Verlag
Frankfurt am Main

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Welttheater, 4. Akt, 42. Szene: Über vorschnelles Urteilen.

Was zuletzt geschah: Trud erzählt von dem Beginn des Fragens im Mythos (das Rätsel der Sphinx) und führt von dort weiter zur grundsätzlicheren Frage: Was ist der Mensch? Sie endet mit der Gegenüberstellung von physischem Sehen durch die Augen und dem geistig-seelischen Sehen mit dem Herzen (kleiner Prinz):

Er lernt es schließlich unter großen Schmerzen:

Für unsere Augen ist so manches unsichtbar.

Gut sieht man nur mit einem offnen Herzen

und was verworren war, das wird dann klar.

Wilhelm:

Der  Typ hat sich die Augen ausgestochen

damit er besser sehen kann?

Vielleicht hab ich mir ja das Bein gebrochen

damit ich ankomm irgendwann?

Jenny:

Wie meinst du das? Ich kann es nicht verstehen.

Ich brauch gesunde Augen, um zu sehen

und brauch auch heile Beine, um zu gehen.

Wilhelm

Ich mein, ich bin wohl immer weggerannt

von allem, was mir übel aufgestoßen.

Und hab auch Menschen schon, bevor ich sie gekannt,

verflucht im Ganzen und im Großen.

 

Nun sitz ich hier, weil ich das Bein gebrochen.

Ich kann nicht weg, und höre staunend zu

und will verstehn, was eure Trud gesprochen

von Dingen, die für mich stets war’n tabu.

 

Wollt ihr denn wissen, warum ich bisher

so einsam wie ein Wolf in Bergen hauste?

Warum ich Dinge häufte mehr und mehr

und mir vor großem künftgem Unheil grauste?

Fotis

Du hattest Angst vor Unheil? wovor denn genau?

Ich kenne viel Gefahr, die Wölfe sind nur eine.

Die andren sind Gewitter, Hagel, eine böse Frau

die einen kommandiert, viel besser hat man keine.

Abud:

Genau! Die Frauen sind zum Grausen

da ists schon besser, ganz allein zu hausen.

Jenny:

Ich bleib allein! Ein Mann will stets befehlen

und tun was ihm beliebt und Frauen quälen!

Trud

Was ist denn nun? Was wollte Wilhelm sagen?

Wolln wir ihn nicht nach seiner Ansicht fragen?

Wilhelm:

Du, Fotis, sagst, die Frauen sind beschwerlich

und Abud sagt es auch, obgleich begehrlich

nach einer Frau, und Jenny flucht auf Männer

als wäre sie schon alt und großer Kenner.

 

Ihr alle seid wie ich, grad so war meine Meinung

ich urteil schnell, kaum tritt was in Erscheinung.

Da kommt ein Schwarzer, schon sag ich: ein Dieb,

ein hübsches Mädchen kommt, da sag ich, die ist lieb.

 

Der eine sagt: die Männer sind so so

Der andere sagt, die Frauen sowieso.

Der sagt, die Schwarzen sind Halunken,

und was sie dir erzählen, ist erstunken.

 

So urteiln wir, bevor wir jemand kennen,

sehr grob und feindlich und ganz allgemein,

ob wir die andern heilig oder grässlich nennen,

wir urteiln nach dem ersten Augenschein.

 

So war auch jener Mann, von dem die Trude sprach.

Er sah nen fremden Mann, und der gefiel ihm nicht.

Fragt er den andern denn, bevor er ihn erstach.

wer er wohl sei, sah ihm ins Angesicht?

 

Was wissen wir vom andern?  Jeder ist verschieden

und ist sich selbst nicht gleich, mal ist er schlecht

dann wieder gut, mal wünscht er sich nur Frieden

dann wieder wütet er und ihm ist gar nichts recht.

 

Das alles ging mir durch den Sinn

als ich von Trud die Sage hörte

Weiß ich denn wirklich, wer ich bin?

Bin ich’s vielleicht gar selbst, der sich zerstörte?

Danai:

Die Frage treibt mich um, und ich möcht gerne wissen

wie es dir ging im Leben und wo du kommst her.

Doch fang ich an, die Domna zu vermissen.

Ich denk ich hol sie grad herein, dann hörn wir mehr.

Danai geht raus, die Kulisse ändert sich, wir sehen Domna zwischen den Häusern wandeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gartenstück (tägliches Zeichnen)

Am Vormittag setzte ich mich ein wenig in den Garten. Eine milde Sonne spielte über die Stämme der Bäume, das Laub und die winzigen Blüten der Oliven, die Geranien und Rosensträucher. Im Dreieck zwischen Oliven- und Aprikosenbaum zeigte ich ein Stück Blauhimmel samt einem weißen Wolkenberg.

Da ich Lust auf Farbe hatte, nahm ich Ölkreiden und legte damit die Zeichnung an. Doch fehlte mir die Präzision, und so arbeitete ich mit schwarzem Kugelschreiber nach.

Originalzeichung:

Sehr leicht mit dem Ölmalerei-Filter überarbeitete Fassung:

Ich fotografierte die Szene …

und legte Zeichnung und Foto digital übereinander (50% Transparenz)…

wollte dann wissen, wie das Ergebnis bei einer Schwarzweiß-Zeichnung wäre, und entfärbte die Zeichung: links überwiegt die Zeichnung mit 70%, so dass das Foto nur schwach durchschimmert, rechts haben Zeichnung und Foto je 50% Anteil am Ergebnis.

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