Tagebuch der Lustbarkeiten: Mittagstaube (kleine Beobachtungen)

Ich hatte heute nachmittag ein großes Kunst-Programm – werde berichten, sobald ich die Fotos gesichtet habe. Vorher aber saß ich  in der mittaglichen Stille auf dem Balkon und schaute einer Ringeltaube zu. Sie putzte sich eifrig. Ihre dunkle Silhouette zwischen den dunklen Zweigen, Zapfen, Nadeln reizte mich zu einem Foto.

Ich lauere dann, noch ein besseres Foto zu machen, aber es scheint, als sei sie in mittäglichen Schlummer verfallen. Der Kopf bleibt eingezogen und sie rührt sich nicht. Nun gleicht sie tatsächlich einem Blatt oder Pinienzapfen.

Als ich schon aufgeben will, beginnt sie, ihre Flügel zu strecken und sich erneut zu putzen.

Schließlich posiert sie so, wie ich sie haben will: in klassischer Ringeltaubenhaltung mit rundem Plusterleib und feinem Hals und Köpfchen.

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, kleine Beobachtungen, Leben, Natur, Tagebuch der Lustbarkeiten, Tiere | Verschlagwortet mit , , , , , | 3 Kommentare

Tagebuch der Lustbarkeiten: Malen (Raum mit schwarzem Sessel)

Meine Tage sind grad nicht besonders lustbar, alldieweil ich mit Rückenschmerzen rumlaboriere. Aber weil ich die empfohlene Tatenlosigkeit nicht akzeptieren mag, habe ich mir eine Platte auf einen Stuhl und darauf ein großes Zeichenblatt gelegt und mit einem langen kohleähnlichen Stift ein paar Linien drauf gezeichnet. Die Linien fand ich im Raum.  Dann nahm ich eine gelbe Pastellkreide und ließ Spuren davon auf dem Papier zurück. Mehr schaffte ich gestern nicht. (Das Blatt ist weiß, der Blauton des Fotos kommt vom Himmel)

Heute wurde ich wütend über meinen Zustand. Ich nahm eine Tube mit schwarzer Akryllfarbe, drückte etwas davon auf das Papier und verteilte sie mit einem dicken langen Pinsel. So!

Der Raum, in dem das stattfand, war ziemlich duster, die Jalousien sind wegen der Hitze tagsüber geschlossen (mit Weitwinkel aufgenommen).

Eigentlich sind es zwei Räume, getrennt durch einen Rundbogen, unter dem der schwarze Sessel steht. Das Bild rechts auf dem Schränkchen malte mein Sohn, als er drei oder vier Jahre alt war.  Ach ja! Wer so malen könnte!  Wie sagte doch Picasso beim Besuch einer Ausstellung von Kinderzeichnungen, die das British Council 1945 in Paris veranstaltete? „Als ich so alt war wie diese Kinder, da konnte ich zeichnen wie Raffael. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich zeichnen konnte wie diese Kinder.“

Ich habe es leider nicht gelernt – weder das eine (wie Raffael) noch das andere (wie Kinder). Aber dennoch gefällt mir meine heutige kleine Malerei ganz gut. Nur vergleichen darf ich mich nicht.

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, Fotografie, Kinderzeichnung, Kunst, Leben, Malerei, Meine Kunst, Tagebuch der Lustbarkeiten | Verschlagwortet mit , , , , , | 10 Kommentare

Myriades Impulswerkstatt: Bild 2, irgendwann, ein Schiff (Glas)

Klar, weiß doch jeder, dachte ich, als ich den Text las. Leben setzt sich überall durch. Wenn wir dem Leben eine Extrachance geben, gehts noch besser, aber auch ohne unser Zutun: Das Leben, irgendwann einmal auf diesem Erdball entstanden, lässt sich nicht unterkriegen.

Müll macht da keine Ausnahme. Jeder Müllplatz ist auch ein Recycleplatz, denn die Materialien zersetzen sich, werden überwuchert … , ohne dass wir Menschen irgendetwas dazu tun. Wie zB diese auf dem Müll gelandete Fotoserie: https://gerdakazakou.com/2021/10/16/haende-fuesse-kleine-beobachtungen/

 

Recyclen hat jedoch noch einen spezielleren Sinn, wie mir scheint, nämlich „Wiederverwenden“. Das ist was anderes, als „in den natürlichen Kreislauf zurückgehen“. Letzteres geschieht, ersteres setzt menschliche Tätigkeit voraus.

Das „Wiederverwenden“ kann künstlerisch-spielerisch oder ökonomisch-zielgerichtet erfolgen. Dadurch werden neue Artefakte (vom Menschen Hergestelltes) geschaffen, die ihrerseits irgendwann recycled werden – sei es durch Naturprozesse oder durch erneutes  Umformen durch Menschen.

Irgendwann also. Irgendwann, oder genauer: am 29. November 2018, nahm ich dieses Schiff in die Hand und zeichnete es. Schifflein Ahoi! Das Schiff legte ab.

Zerbrochen war die Flasche, die womöglich jemand weggeworfen hatte und die am Strand rumlag, bist ein alter Seemann,  den niemand mehr brauchte, sie aufgesammelte und das zusammenklappbare Schifflein hineinbugsierte, um sich ein Extrageld zu seiner kleinen Rente zu verdienen. Irgendwann wechselte es in meinen Besitz über, irgendwann zerbrach die Flasche.

Die Flasche ist aus Glas. Und das Glas, woraus ist das, und seit wann kennt man das Rezept? Wer fand es zuerst heraus?

„Das erste bekannte Rezept für Glas stammt aus dem Jahr 658 vor Christus und wurde aus der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal überliefert: „Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche aus Meerespflanzen und 5 Teile Kreide und du erhältst Glas.“ (zitiert nach printplanet.de)

Aha. Damals also – und tatsächlich schon lange bevor das Rezept aufgeschrieben wurde (die ältesten Glasfunde stammen von 3500 v.Chr.) – verwandelte man eine Mischung aus Sand, Pflanzenasche und Kreide unter Zusatz starker Hitze in Glas. Die Glasmanufaktur und die Herstellung von Glasuren für Tongefäße entwickelte sich zuerst in Ägypten und Mesopotamien – nun ja, in China gabs auch schon dieses Wissen. Die Glasbläserei erfanden wohl die Syrer kurz vor der Zeitenwende, und 100 Jahre später schaffte man es dann in Ägypten, farbloses Glas herzustellen – das Fensterglas für die römischen Villen war geboren.

Doch wie kam man überhaupt darauf, Sand etc in Glas zu verwandeln? Gab es Vorläufer in der Natur, von denen man abschreiben konnte? O ja. Obsidian entstand aus abkühlender Lawa, Gesteine schmolzen durch Meteoriteneinschlag „und wandelten sich zu glasigen Geschossen“, Gewitter kamen und schmissen diese glasigen Geschosse auf sandige Gebiete, Blitze schlugen ein und „machten draus Quarzglas, sogenannte Fulgurite.“ (zitiert nach printplanet.de. Auch die anderen Informationen stammen aus diesem Artikel)

Als diese wilden Zeiten der Erdgeschichte sich ausgetobt hatten und Menschen auf der sich beruhigenden Kruste erschienen (woher nur? Wann? Nun, irgendwann halt), sammelten sie das Quarzglas ein und machten daraus Speerspitzen, Amulette und Schmuck, später auch Werkzeuge. Wir wissen das, weil einige solcher Artefakte von Archäologen gefunden und „einsortiert“ wurden.

Glasgefäß, archäologisches Museum Kalamata

Wieviele dieser Artefakte durch spätere Generationen recyclet wurden, um kunstvollere Gegenstände herzustellen – zB die obige Vase – wissen wir nicht. Was wir hingegen wissen, ist, wann und wo die vollautomatische Glasherstellung begann: Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA. Innerhalb einer Minute konnten jetzt schon neun Flaschen produziert werden! Die massenhafte Flachglasherstellung gelang freilich erst ein halbes Jahrhundert später, 1917, wiederum in den USA. Die Verfahren wurden seither immer mehr beschleunigt und verbessert, die Anwendungsbereiche vermehrt, gläserne Türme entstanden und beherrschen nun die Skyline der Großstädte…

Und irgendwo in diesem Prozess fand sich auch eine Gelegenheit für die Herstellung der Flasche, in die ein nicht mehr gebrauchter Seemann ein Boot einbrachte. Sie zerbrach und ich zeichnete es. Und formte es elektronisch um. Schifflein ahoi! Und schon legt das Schiff ab, einer weiteren Verwandlung entgegenträumend.

Dies ist ein Beitrag zum zweiten Foto von Myriades Impulswerkstatt  unter Verwendung der Mosaiksteine „irgendwann“ und „das Schiff legte ab“.

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Ökonomie, Fotografie, Geschichte, Glasscherbenspiel, Impulswerkstatt, Meine Kunst, Natur, Technik, Trnsformation, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 8 Kommentare

Kleine Beobachtungen: Wasserfarben

Eben las ich bei Joachim Schlichting einen Eintrag über die Farben des Wassers. Und so kam mir eine eigene Beobachtung in den Sinn, die ich vor ein paar Tagen machte und mir nicht erklären konnte. „Joachim fragen“, dachte ich.

Worum es geht, ist schnell gesagt und gezeigt: Das Meer nimmt ja oft unerwartete Farben an, je nachdem, wie Wind und Wetter einwirken. Wie aber kommt es, dass es sich plötzlich bei strahlend blauem Tag mit weißen Wolken zweiteilt in eine dunkelblaue und eine hellere Fläche? Und die Teilung wie mit dem Lineal gezogen wirkt?

Hier habe ich den Horizont herangezoomt:

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, kleine Beobachtungen, Natur, Vom Meere | Verschlagwortet mit , , , , | 14 Kommentare

Tagebuch der Lustbarkeiten: Müde schöne Kaktusblüte

Grad rechtzeitig kam ich in Maroussi und auf unserem Balkon an, um einer müden schönen Kaktusblüte beim Aushauchen ihres kurzen Lebens zuzuschauen. Es war schon später Nachmittag, aber sie hatte auf mich gewartet, mir ihr Wunder vorzublühen.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Kaktus royal oder rustikal – ob es also eine „Königin der Nacht“ oder ein „Bauernkaktus“ ist.  Die einzige sanfte Blüte, die aus dem harten stacheligen Korpus an langem Kelch hervorwächst, schaut hinunter in den grünen Garten. Ich nehme sie sacht in die Hand, um ihr müdes Angesicht zu fotografieren. 

In Maroussi bin ich erneut wegen der Parlamentswahlen, die, wie ich früher mal berichtete (hier), wiederholt werden müssen, damit eine Regierung zustande kommt.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Natur, Reisen, Tagebuch der Lustbarkeiten | Verschlagwortet mit , , , , , | 10 Kommentare

Tagebuch der Lustbarkeiten: Gartenszenen

Zu größeren Eskapaden reichts momentan nicht, also treibe ich mich in Haus und Garten herum, wenn die Hitze nachlässt. Was macht der Gemüsegarten? Wie gehts den Tomaten, der Gurke, den Kürbissen?

Die Inspektion ist beendet: Alles gedeiht. wie es soll. Also kann ich mich ruhigen Gewissens auf einem Gartenstuhl niederlassen und den Banditen aka Katzen zuschauen, die unseren Vorgarten belagern. Gefüttert wollen sie werden, aber wehe, du versuchst, in ihre Nähe zu kommen. Hier sieht man Prinkipessa, ihre Tochter Theo und die Enkel Lin und Lan, die den ganzen Garten und herumstehende Kisten und Kasten für ihre Fang- und Versteckspiele nutzen.

Sobald sich etwas ändert – hier bildete sich eine kleine Pfütze, denn ich goss die Sträucher -,  sind die Kleinen da, um die Erscheinung zu überprüfen und zu erfahren, was es damit auf sich hat. Ständig sind sie am Lernen. Und das ist auch nötig, denn so wachsen ihre Überlebenschancen.

Ansonsten bietet der Garten jetzt nicht viel mehr als trockene Kräuter, blütenlose Rosensträucher und verwelkte Schwertlilien unter dem Aprikosenbaum.

Nur der Hibiskus treibt täglich neue Blüten hervor. Heute zählte ich acht rote Blüten.

Obgleich also der Garten keine besonderen Highlights zu bieten hat, liebe ich ihn zu jeder Tag und Nachtzeit. Schon freue ich mich auf die Mondsichel, die gestern und vorgestern in Begleitung der hellstrahlenden Venus am Westhimmel erschien. Werden sie nicht auch heute noch einmal gemeinsam erscheinen? Oder wird die Venus bereits untergegangen sein, wenn die Sichel erscheint? Sie wird ja täglich etwa eine Stunde später sichtbar.

Ich schau mal nach.

Guten Abend allseits!

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Natur, Psyche, Tagebuch der Lustbarkeiten, Tiere | Verschlagwortet mit , , , | 15 Kommentare

Impulswerkstatt, Bild 4: Aufgegeben

Alltagspsychologie: Was hat der Mensch sich wohl gedacht, als er diese verrostete Eisentüre neu strich (dass er strich, vermute ich aufgrund der Farbspuren auf dem Papier) und dafür das hinter dem Gitter steckende Papier nicht entfernte? War es derselbe wie der mit der weißen Farbe, die er leicht spritzend auf dieses halb fertige Werk der Malerkunst aufbrachte, wahrscheinlich mit einer Sprühdose? Kann aber auch ein breiter Pinsel gewesen sein….

Wo du diese Aufnahme gemacht hast, liebe Myriade, weiß ich nicht. Vielleicht ist es ein Geschäft an einer Hafenstraße, das aufgegeben wurde. Reparaturen von irgendwas. Seile, Säcke, Segelzubehör, was weiß ich. Dann könnte die Geschichte so lauten:

Irgendwann wollte ich hier ja mal richtig streichen, aber was soll’s. Lohnt sich sowieso nicht mehr. Und den Farbtopf, was mache ich mit dem? Noch ne kleine Streicheleinheit in Weiß, zum Andenken? Ich hau nämlich ab. Hab die Nase voll. Die Schlüssel häng ich hier mal ans Gestänge, die kann sich nehmen wer will. Tschüß!“. Er schulterte seinen Seesack, rannte rüber zur Mole, sprang an Deck, und schon legte das Schiff ab.

Dies ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt, Bild 4, mit zwei „Mosaikstücken“ (kursiv) am Beginn und Ende der „Geschichte“.

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Impulswerkstatt, Materialien, Psyche, Reisen, Spuren, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 11 Kommentare

abc-etüde: Das Gespenst der Freiheit (Kata-Strophen, Luis Bunuel gewidmet)

abc.etüden 2023 23+24+25+26 | 365tageasatzaday

abc-etüde im Kata-Strophen-Stil.

Am Anfang dieser Katha-Strophen, die sich an den drei Katha-Wörtern

Örtlichkeit
unkonventionell
sausen

entlanghangeln, spiele ich mit der Neigung des „zivilisierten Menschen“, den Ort seiner Notdurft mit fremdländischem Vokabular zu bekleiden. Von da ist es dann nicht mehr weit  zu Luis Bunuels Filmen vom „diskreten Charme der Bourgoisie“ bis hin zum „Gespenst der Freiheit“.

 

Bei exklusiven Örtlichkeiten

Verbieten sich die Wörtlichkeiten.

So mancher schleicht sich aufs WC

Als täten ihm die Zehen weh

Was aber keineswegs beweist,

Dass drum das Örtchen WC heißt.

 

Ich forschte und kam zu dem Schluss

Dass WC sagt man, wenn man muss,

Denn das ist kurz, es spricht sich flott

Und man kommt schneller auf den Pott

 

Das „water closet“ ist viel länger

Und den Benutzer macht es bänger

Ob er das Ziel rechtzeitig schafft

Auch wenn er schon die Hosen rafft.

 

Doch wie wär es denn mit Klosett?

Das klingt doch, mein ich, ziemlich nett.

Es zeigt auch Bildung, dem Lateiner

Klingt Lokus freilich noch viel feiner.

 

Du weißt nicht, was der locus sei?

Es ist der Ort, wo man ganz frei

von Schicklichkeiten, die einzwängen

gehorchen darf dem inn’ren Drängen.

 

In einem Film vom Bunuel

“Gespenst der Freiheit“ hieß er, gell?

Kam dieser Ort zu hohen Ehren:

Dort musste sich der Mensch bewähren.

 

Dort wurden alle wichtgen Sachen

Die uns als Menschen Sorge machen

In Ruh und Freundlichkeit besprochen

Die Lösung hat man schon gerochen.

 

Das Essen? Ja, das ging sehr schnell

Und heimlich, unkonventionell

An einem abgeschiednen Ort.

Erwähn ihn ja mit keinem Wort!

 

Denn Essen ist zutiefst unschicklich

Man tuts, doch tut man es unglücklich

Verbirgt sein Tun vor fremden Blicken

Wenn Zähne sich ins Huhnfleisch klicken.

 

Der Sinn wird schwer, man wird erst heiter

Wenn diese Nahrung etwas weiter

Hinunterrutscht, und man ist froh

Wenn man dann sausen kann aufs Klo.

 

Dort sitzt man dann in Freundesrunde,

bespricht genüsslich die Befunde

Des gut verdauten Hühnerbeins

Und freut sich wieder seines Seins.

 

 

Veröffentlicht unter abc etüden, Allgemein, Dichtung, die schöne Welt des Scheins, Erziehung, Katastrophe, Leben | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 12 Kommentare

Froschkönig und Luigi Galvani (tägliches Zeichnen)

Gestern begab ich mich zu einem Physiatros (Physio-Arzt, ich glaube, früher nannte man sie Orthopäden, nur dass sie jetzt auch Physiotherapeuten mit einem großen Arsenal an Übungsgeräten beschäftigen). Der bestätigte mir, was ich schon ahnte: Mich plagt ein Lumbago, vulgär Hexenschuss. Zum Glück scheint der Scheitelpunkt des Leidens überschritten…

Vor jedem Treffen mit einem Arzt ist geduldiges Warten angesagt. Dafür gibt es sogenannte Wartezimmer, in diesem Fall war es ein zur Straße hin offener und daher angenehm durchlüfteter Raum mit zwei Damen am Empfang, einer gepolsteten Sitzreihe für die Patienten und einer großen TV-Scheibe, auf der ein Luxushotel an einem mexikanischen Sandstrand beworben wurde. Darunter befand sich ein Bord mit zwei Figürchen. Hübsch waren sie, kostbar gearbeitet. Was sie bedeuteten, war sofort klar: Froschkönig mit seiner Bedienung.

Doch was für eine Rolle war ihnen in dieser Praxis zugedacht? Während ich sie zu zeichnen versuchte, dachte ich über mögliche Verbindungen zwischen Physiatro und Fröschen nach. Sind sie mit ihren langen kräftigen Schenkeln, ihrer Sprungkraft ein Vorbild für unsereinen? Dieser Froschkönig hockte allerdings trotz bemühter Dienerschaft recht trostlos und zusammengefaltet auf seiner Unterlage. Über irgendein an ihm begangenes Unrecht schien er mir nachzudenken.

Als Zwischenstopp zwischen diesem angenehmen Warteraum und dem ersehnten Treffen mit dem viel beschäftigtern Arzt wurde ich dann in einen mit allerlei Gerätschaften, Computern, Kaffeemaschine, Lampen … vollgestopften Raum gebeten, saß auf einem Stuhl in der Ecke und sah nichts als Kabel.

Da ging mir ein Licht auf. Den Fröschen war im Warteraum ein Ehrenplatz zugefallen, weil es ihre Schenkel waren, die den Strom zu uns Menschen brachten! Diese (die Froschschenkel, nicht die Menschen) zuckten nämlich, als Luigi Galvani sie im Jahre 1780 mit Nadeln aus Eisen und Kupfer berührte, die ihrerseits durch einen Draht miteinander verbunden waren. Er hatte mithilfe der „tierischen Elektrizität“ den ersten Stromkreislauf gebaut. Dies Wissensbröckchen aus meiner Schulzeit fiel mir ein, und dann kam auch schon die Aufforderung, in den Untersuchungsraum hinüberzuwechseln.alt

Keine Sorge, die Untersuchung blieb harmlos. Keine Kabel und Verdrahtungen wie beim Galvanischen Frosch, nur ein Hämmerchen, das zuckende Reflexe meiner Beine und Füße hervorrief. Zum Glück, möchte ich sagen. Denn dies Zucken sagte mir: alles in Ordnung so weit.

Was es mit dem Galvanismus genau auf sich hat, kannst du bei Spektrum,de nachlesen (hier).

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Leben, Meine Kunst, Natur, Technik, Therapie, Tiere, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , | 11 Kommentare

Widderkopf, 5. Version (tägliches Zeichnen)

Der „Widderkopf  in Kohle“ steht immer noch auf der Staffelei. Er schaut mich jedes Mal vorwurfsvoll an, wenn ich vorbeikomme, Wie war das doch gleich – sagt er -, wolltest du nicht noch ein bisschen dran arbeiten?

Ja, und gestern nahm ich tatsächlich ein Stück Kohle, nahm auch ein Radiergummi, eine Tube mit weißer Akryllfarbe und einen dicken Pinsel zur Hand und „arbeitete ein bisschen dran“.  Es war übrigens Nacht draußen wie im ersten Entwurf.

Erster Entwurf

Dieser Erstentwurf ist längst von weiteren Lagen überdeckt,

und so musste ich mit der letzten Version weitermachen:

Die neueste Variante sieht nun so aus.

Als ich das Atelier von außen abschloss, warf ich noch einen letzten Blick zurück und sah die Zeichnung inmitten des sich an der Tür spiegelnden Gartens. Das gefiel mir: eine natürliche Überblendung, die den toten Kopf in die Spiegelung einer Welt versetzt, in der er sich zu Hause fühlen könnte. 

Veröffentlicht unter Allgemein, die schöne Welt des Scheins, Fotografie, Leben, Meine Kunst, Natur, Tiere, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , | 9 Kommentare