Legebild des Tages: Altern im Kata-Strophen-Modus (abc-etüden aus dem Archiv)

Als Ergänzung zum Eintrag AGEing anlässlich der Ausstellung „Back in Athens“ haben Myriade, Bruni und Christiane eigene Beiträge verlinkt. Herzlichen Dank euch! Um das Thema noch ein bisschen abzurunden, habe ich ein paar Legebilder übers Altern und alte Leute zusammengestellt, dazu auch die Texte (abc-etüden).

Life can be easy, befand ich im ersten Mai 2015 und finde ich auch heute noch:

Ja, das Leben kann auch leicht sein. Die Sonne gleicht dann einem Spiegelei und die Hunde machen Bekanntschaft. Die junge Frau fühlt sich jung und sympathisch, weil sie mit der komischen Alten ein Wörtchen wechselt und das Söhnchen ihr noch, wenngleich widerstrebend, folgt. Die Alte ist froh, dass ihr der Ausgang auf ihren mürben Beinen noch möglich ist, und der Alte schiebt sich und seine Gedankenwelt im Gefühl der Überlegenheit durch die Kleinstadtstraße.

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Manche Alten machen das beste aus den Umständen und lassen sich die Tage nicht vermiesen: Wenn es heißt: heute wird getanzt, dann heben auch sie das Bein.

Aber nicht jede Alte nimmt ihr bescheidenes Altersleben klaglos hin. So die Alte dieser Etüde

Lebenslust und Abschiedsfurcht

„Schon ins Land der Pyramiden

Flohn die Störche übers Meer…“

Ach, wo war das Lied geblieben

Sie erinnert sich nicht mehr.

Da war was von Vogelflügen

Die den kalten Winter scheun

Und sich deshalb nach dem Süden

sehnen wo die Blumen bläun.

 

Doch sie hockt hier hoch im Norden

Wo die Sonne selten scheint

Ach was ist aus mir geworden

Spricht sie leise, weint und  greint.

Ängstlich lauscht sie nach dem Sturme

Der das Haus umrauscht und saust,

fühlt sich fast  verwandt dem Wurme

der im Wurzelballen haust.

 

Würd sie doch auf Vogelschwingen

Sich erneut ins Himmelslicht

Aufwärts schrauben, kräftig singen

der Lerche gleich, die Herzen bricht.

Doch schwingen tuts nur in dem Kopfe

Und singen in den Ohren nur

Wenn ihr beim Rühren in dem Topfe

Die Äuglein tränen, denn die Kur

 

Die ihr verschrieben die Doktoren

Hat nicht geholfen ihr zu dem

Was sie, als sie noch neu geboren

Erwartete an Glück. Doch wem

Kann, wenn das Leben währet länger,

Nur Glück beschieden sein, o weh!

So wird ihr täglich bang und bänger

Und immer fürchtet sie das: Geh!

 

Dieser Würdenträger ist zwar auch vom Alterstrübsinn befallen, aber noch nicht ganz so klapprig. Er hat nicht vergessen, was ihm einst Freude machte, und gönnt es der Jugend.

Klage eines Würdenträgers

„Ich ahnt es nicht, dass meine Würde
Mir einmal würd zur schweren Bürde!“
Der Würdenträger seufzte
Und in sein Taschentuch sich schnäufzte.
„Als ich noch jung und lustig war,
so zwischen zehn und zwanzig Jahr
da nahm ich jede Hürde
ganz ohne jede Bürde.
Doch nun, ihr Werten, Lieben,
müsst ihr mich vorwärts schieben,
und in dem speckigen Talar
steh ich gebeugt an dem Altar
und red von würde und von sollte,
weil sonst der liebe Herrgott grollte.
Viel lieber würd ich mit euch tanzen
Und nochmals schultern meinen Ranzen
Ganz ohne Pflicht und Amtstalar
Doch nie kommt wieder, was einst war.“

 

Geballte „Altersweisheit“  zum Abschluss:

Altersweisheit

Wenn halbherzig du nur und wegen der Rolle

Die einmal dir zufiel – den Grund hast längst du vergessen

sie fiel dir halt zu -, und also erfüllst du

was sie von dir so verlangt hat

halbherzig zwar, doch treu und ergeben,

dann war dein Leben zwar fad, doch so ist das Leben

nun mal, man würde dich später belohnen

im Alter, wenn deine Kräfte erlahmten,

dann wärest du sicher vor Unbill.

So hast du gedacht, so lebtest du auch.

Doch bist du nun fröhlich? Was war dein Gewinn?

Weit besser wäre gewesen, du hättest

vollherzig getan, was dir im Leben so zufiel!

Und tatest du’s nicht: tu’s heute! Zu spät ist es nie.

So sprach, eh sie starb, eine Alte.

 

Selbstverständlich gibt es noch viele viele andere Legebilder mit Alten. Aber für heute sei es genug! Prost! Es möge nützen. …

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Dinge im Raum (tägliches Zeichnen)

Einen „Schwarzen Sessel im Raum“ hatte ich, wie du dich vielleicht erinnerst, auf einen großen Zeichenkarton gemalt. Einen Tag später hatte ich Lust „Farbe aufs Bild zu bringen“.

Das brachte nicht unbedingt eine Verbesserung, wohl aber eine Veränderung mit sich, die nun nach weiterer Veränderung schrie. Jedenfalls meinte ich diese Schreie zu vernehmen. Also trug ich das Blatt auf den Balkon, griff zum Kuli und zeichnete Gegenstände in den nun waagrecht liegenden Raum: eine schwarze Vase, einen schwarzen runden Aschenbecher, ´einen angeschlagenen Hermeskopf aus Ton und Pflanzen gegen das Licht.

Ziemlich verloren und sinnlos treiben sie in dem großen Raum herum. Jedoch: wie ist es, wenn ich den Raum um das Objekt herum verkleinere? Die schwarze Vase nimmt Form und Bedeutung an, Lichter und Schatten lassen sie plastisch aus dem Sesselschwarz hervortreten.

Der kleine Aschenbecher wird zu in einer mächtigen Schatten werfenden Kugel, wer weiß für welchen dunklen Gebrauch gelagert in dieser Halle.

Hermes blinzelt, in Rosa, Blau und Grün gebettet, in den Himmel von Attika und träumt vielleicht von Zeiten, als er noch Flügel an den Füßen hatte.

Mir aber gibt dieses kleine Experiment Anlass für etliche Gedanken, die ich in mein privates Tagebuch notiere. Ich setze die mal hier herein, um zu zeigen, wie eine kleine unscheinbare Zeichnung Gedänkengänge in Bewegung setzen kann. Für mich ist das Zeichnen ein wichtiges Hilfsmittel, damit mein Denken in Bewegung bleibt.

Gemalt habe ich nicht, nur ein bisschen gezeichnet auf der Oberfläche, die ich zuvor bemalt hatte. Ich finde ganz interessant, wie ich die „Gegenstände“ hineinzeichnete, und was diese mit dem undefinierten Raum drumrum dann anstellen. Wie Gegenstand und Raum zu kommunizieren beginnen. Die Kugel, der Hermes, die schwarze Vase setzt sich in Beziehung zu dem, was jetzt als Hintergrund dient.

Was will ich damit zeigen? Dass die Gegenstände den Raum (den Nichtgegenstand) strukturieren.

Nicht ganz so, wie ein geistbegabtes lebendes Wesen den geistigen Raum um sich strukturiert. Vergleiche: Das geistbegabte Wesen, also Ich, hat einen noch unstrukturierten Raum um sich, und indem es sich in Beziehung zu diesem Raum setzt, beginnt es ihn zu strukturieren. – Moment. Ist der Raum denn „unstrukturiert“? Nein, er hat schon eine Struktur, aber die ist nicht bezogen auf mich, das Individuum. Diesen Bezug muss ich erst herstellen.

„Der einzelne Mensch strukturiert den Raum, in den er eintritt,“ denke ich. Moment, da habe ich doch schon mal was zu geschrieben, hinsichtlich des Raums, den jeder mit sich herumträgt (hier). Stimmt nicht ganz: Er trägt ihn nicht mit sich herum, er durchschreitet ihn mit seinem Ich, und indem er ihn durchschreitet, baut er ihn auf und strukturiert ihn.

Ich habe Gegenstände in einen Raum gesetzt. Die haben weder Eigenbewegung noch Bewusstsein. Ich kann den Zusammenhang Gegenstand-Raum von einer Beobachterposition aus betrachten. Begäbe ich mich selbst in den Raum, wäre alles anders. Dann geriete der Raum in Bewegung, die „Ortsmarken“ (Jürgen Küster), verschöben sich abhängig von meiner Bewegung im Raum.

Wenn ich auf demselben Platz sitze und mich auch geistig kaum bewege, verdichtet sich der Raum um mich, er erstarrt und beginnt, mich zu erdrücken. Ich muss mich in Bewegung setzen, um ihn lebendig zu machen. Reisen, gehen spazieren. Es geht auch geistig. Ich kann geistig spazieren gehen und damit den Raum verlebendigen, neu strukturieren, mir zu eigen machen, ohne dass er erstarrt.

Es geht beim Gehen gar nicht so sehr um „Neues beobachten“, sondern viel mehr um Veränderung der Beziehungen von Ich und Raum durch Bewegung. Der Bewegung ist die Zeit eingeschrieben, und durch sie öffnet der Raum seine Zeitdimension.

Gegenstand und Raum. Überschneidung von Raum und Räumen (dazu auch Dilettant, Architektur redet mit sich selbst) in Abhängigkeit von mir, dem bewegten, beteiligten Beobachter.

Wozu all dies Denken gut ist? Keine Ahnung. Mir ist es ein Bedürfnis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Rote Tomaten

Vielleicht erinnerst du dich: Ende März legte ich, die nichtsahnende Möchtegern-Gärtnerin,  mit Christinas Hilfe eine Pflanzschule an, die Anfang Mai zum Gemüsegarten wurde. Und damit die ganze Mühe nicht umsonst sei, verlegte Sotiris am 10. Mai eine Gießanlage. Ende Mai konnte ich nach längerer Athenpause, frohes Wachstum vermelden, dazu auch weitere Hilfe, diesmal durch meine angereiste Nichte Mirja. Nun also bin ich nach einem weiteren Athen-Aufenthalt zwecks Wiederholung der Parlamentswahlen zurück in der Mani und kann die ersten roten Tomaten besichtigen. Es sind zwar nicht die aus der Pflanzschule, sondern die mit Sotiris Anfang Mai zugekauften Pflanzchen, die nun tüchtig tragen. Ein Tusch für die fleißigen Stauden!

Aus dem Samen gezogen ist eine andere Frucht, die ich heute erstaunt besichtigte. Eine Riesengurke? Ein überdimensioniertes Zucchini? Ein Kürbis der besonderen Art?

Ist der, die oder das nun reif? Überreif vielleicht? Oder braucht es, er, sie noch Zeit? Und wie kann man es, ihn, sie zubereiten? Gerne nehme ich Rezepte und sonstige Ratschläge entgegen.

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Ausstellungsbesuch „Back to Athens“ 6: Materielose Kunst

Einige wenige Künstler und Werke nur der Ausstellung „Back in Athens“ habe ich in fünf Einzelbeiträgen gezeigt. Die Zahl der Aussteller – 165, so viel ich weiß – ist natürlich viel viel größer. Dennoch komme ich mit diesem 6. Eintrag zum Abschluss. Dieses Mal geht es um Kunst, die verschwindet, sobald man die Projektoren abschaltet. Materielose Kunst.

Αυλο μνημειο – materieloses Denkmal nennt sich der Ausstellungsbeitrag von Nikos Giavropoulos.

 

Der Anblick, der sich dem Beschauer bietet, ist etwa folgender: Eine schöne antik anmutende Vase steht auf einem hohen Sockel. Sie wird von einem Projektor angestrahlt, durch den die Vase und zugleich bewegte Schnipsel an die dahinter liegende Wand projiziert werden. Die Schnipsel tanzen wie die schwärzliche Spitze der Rauchfahne einer schlecht geschneuzten Kerze über der dunklen Schattenform der Vase.

Immateriell ist dieses Denkmal natürlich nicht wirklich, denn Vase, Projektor, projizierte Bilder sind feste Materie. Der Effekt freilich, das Bild an der Wand, ist „materielos“. Ich starre auf dieses Bild an der Wand, auf den tänzelnden Rauch. Ich denke an die Mysterien der Kabiren, die auf Samothrake vollzogen wurden: Die Kabiren wurden als Krüge vorgestellt. In den Krügen verbrannte man eine bestimmte Mischung aus Kräutern. Sie stiegen als duftender Rauch aus den Krügen hinauf zum Himmel. In den aufsteigenden Rauch sprach der Priester rhythmisch uralt-heilige Worte. Die Worte prägten sich ein in den Rauch, sie formten ihn zur Sprache. Auf diese Weise – durch das Sprechen von Worten in den Rauch der Krüge – trat der Mensch in Kontakt mit den Göttern. Aber hier? Heute? Wo sind die Großen Götter, wo ist der Duft der verbrannten Kräuter, wo das Feuer? Es ist nichts mehr davon da, nur das sinnentleerte Imago ist geblieben. Die Vase ist wohl geformt, aber frei von brennbaren Substanzen. Der Rauch ist Illusion. Ein Denkmal eben, das erinnert an etwas, was lang schon tot und vorbei ist.

Noch näher an den Begriff  „materielos“ kommt eine andere Projektion. In einen Winkel des Raums werden geometrische Formen projiziert, die wie bei einem Kalaidoskop ständig wechseln.

Das ist hübsch, aber auch ein wenig ermüdend, denn Auge und Hirn können den steten schnellen Wechsel nur oberflächlich verarbeiten. Die „Stills“ der Fotos hingegen können den bewegten Wechsel mit immer neuen Überscheidungen nicht zeigen. Und so bleibt dieses Kunstwerk eigentlich un-be-greifbar.

Manches schaue ich dann noch an und fotografiere es, aber irgendwann ist Schluss mit der Aufnahmefähigkeit. So bin ich froh, endlich einen leeren Raum zu finden. „Das ist mein Raum“, sage ich lachend zu Slobodanka Stupar, die mich auf dem Streifzug begleitet.  „Den gestalte ich jetzt mal!“

Und schon lasse ich meine Hände Schattenbilder an die leere Wand malen. „Komm, mach mit!“ bitte ich Slobodanka, und schon werden aus unseren zwei Händen …  o Wunder, vier Schattenhände, die über die Wand huschen: zwei zeigen sich in gehörigem Abstand zueinander oben, zwei andere, dunklere bilden sich weiter unten ab und berühren sich leicht wie, na du weißt schon, Michelangelo hat es gemalt.

Das ist spannend. Schon zücke ich mein Handy und fotografiere, was die Hände da treiben. Materielose Kunst!

Es gefällt mir, unsere Hände, die diese Schatten-Kunst hervorbringen, mit aufs Bild zu bringen und nicht zu verstecken. Damit klar ist: Materielos ist nur das geistige Bild, das wir uns von einer Sache machen. Sobald wir dieses Bild ins Sichtbare bringen wollen, sind wir an die Bedingungen der materiellen Welt gebunden. Das rein Geistige ist unsichtbar, das elektronisch erzeugte Sichtbare ist nicht materielos. Es ist höchstens materiearm, entblösst von den Düften, dem Gewicht, der Ertastbarkeit der natürlichen Welt, die uns zu unserem Glück immer noch umgibt.

Und jetzt gehe ich mal auf den Balkon, an meiner Rose schnuppern. Es ist zwar nur eine armselige Lidl-Rose, doch blüht sie ununterbrochen und verströmt einen feinen Duft.

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Ausstellungsbesuch „Back in Athens“ 5: Bildhaftes (Sonnenuntergang, Vögel und Madonnen)

In Großausstellungen zeitgenössischer Kunst führt herkömmliche Malerei ein Schattendasein. Und so ist auch meine Ausbeute an Werken, die der Rubrik „Malerei“ zuzuordnen wären, gering. Da kommt es mir entgegen, dass es das griechische Wort εικαστικά (ikastika, Bildhaftes, vergl. Ikone) – gibt. Ein Ikastikos ist ein Maler oder Bildhauer, der etwas „abbildet“. Da wird sich doch etwas finden lassen, oder?

Das Werk einer „echten“ Malerin zeigte ich schon: Irene Diadou. „Nachdenkliches angesichts eines Sonnenuntergangs“. Das Karminrot brandet gegen den schwachen Zaun, der die Bewegung abbremst. Und drüber ein rötlicher Streifen im nächtlichen Blau. 

Groß und luftig kommen die Gemälde der griechischen Künstlerin Nana Seferli daher

Schlecht zu erkennen? Ja, leider. Die Hängung im Flur erlaubt zwar einen ordentlichen Abstand, aber die Beleuchtung ist eher schäbig, und das Menschentreiben rundum hinderlich. Da ist es hilfreich, im Nachhinein jedenfalls noch das Foto betrachten und sich an den zarten Farbgebungen erfreuen zu können. („Vogelvase“ der Titel)

An einen Vogel dachte ich auch bei diesem sehr großen und eindrucksvollen Gemälde „Blue“ (leider habe ich den Namen der Künstlerin nicht notiert)

Vögel sind es auch, die den bulgarischen Künstler Kiril Cholakov inspirieren.

Ein Reiher dient dem Wanderer als Haupt, und auf einem langen Draht von hier bis zum „Haus jenseits der Welt“ (so der Titel) aufgereihte Schwalben weisen ihm den Weg. „Gemalt“ ist es mit Akryllfarben, Asche, Bleistift auf Leinwand. Bei meiner Suche im Internet fand ich noch andere seiner enigmatischen Vogelbilder (hier).

Das Bild ist, warum auch immer, thematisch den „Reflexionen: Christliche Tradition in der bildenden Kunst“ zugeordnet. An der Rückwand des Raumes dominiert ein Madonnenbild, und ich strebe drauf zu. Dabei trete ich, wie vor mir schon so mancher andere Besucher, auf ein großes mit Sand auf den Boden „gemaltes“ byzantinisches Kreuz (byzantinisch, weil das Kreuz an seinen Enden in Blüten übergeht)

Der Künstler Dimitris Skourogiannis, mit dem ich ins Gespräch komme, findet das in Ordnung. So sei es gemeint gewesen, drum habe er das Kreuz mitten im Raum platziert.

Die Madonna („Mutter und Kind“ ist der Titel) beschaue ich mir genauer. Sie ist  doppelbödig gearbeitet. Die Zeichnung befindet sich auf einer Folie, und darunter, mit etwas Abstand, gibt es einen festen Boden, auf den die Farben großflächig und ohne Schattierungen aufgetragen sind. Die Madonna ist mit militärischem Kaki bekleidet. Das Jesuskind ist durch eine Puppe ersetzt. Der bei orthodoxen Ikonen übliche Goldboden wird durch Bonbonpapier, Aluminium und Draht kunstvoll imitiert.

Der Archetyp Mutter und Kind, der in der christlichen Tradition bestimmte Formen angenommen hat, wird hier perfekt nachgebildet und spricht all die heiligen Gefühle an, die die „Madonna mit Kind“ eben seit Jahrhunderten anspricht: Mütterlichkeit, Leid, Hingabe, Bitte um Schutz. Zugleich aber wird der Archtyp in Frage gestellt, destruiert: Kaki und Bonbonpapier und statt Kind eine Puppe. Das Heilige entpuppt sich als Kitsch und Täuschung. Diese Mutter im militärischen Look stellt traditionelle Mütterlichkeit perfekt dar, aber es ist nur eine Pose.

Zugleich aber ist es ein Bild der Mütterlichkeit, immer und überall. Denn der Archetyp wird nicht nur destruiert, er wird auch kunstvoll von neuem konstruiert und bleibt, o Wunder, im Gemüte des Beschauers wirksam.

Ich vermute, die wenigsten Besucher haben die Ironie und den Witz dieser „Ikone“ wahrgenommen. Ich weiß auch nicht, was der Künstler selbst hat ausdrücken wollen. Das ist das Wunderbare an Kunst: Sie ist ambivalent, offen für Interpretation, und jeder ist seiner Interpretation Meister.

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Ausstellungsbesuch „Back to Athens“ 4: Griechischer Witz

Meine bisherigen Beiträge zu dieser großen Ausstellung – Altern (1), Was vom Leben bleibt (2), Grauzone (3) – befassten sich schwerpunktmäßig mit nicht-griechischen Künstlern (Serbien, Schweiz, Österreich). Und die Griechen? werdet ihr fragen. Haben die nichts beizutragen? O doch! Ein paar ihrer Werke traf ja schon mein Streiflicht im Themenraum „AGEing“ (1), Werke der Künstlerinnen und Künstler Anthi Paraskeva Veloudogianni und Dimitris Halatsis, Elena Stigka und Giorgos Lintzeris.

Natürlich ist das Ambiente der riesigen Ausstellung durch das geprägt, was die griechischen Ausstellenden bewegt.

Und was ist das?

Mein Eindruck ist: Sie wollen Spaß haben. Sie wollen spielen. Die große Ernsthaftigkeit und die Bemühung um „Tiefe“ der nördlich geprägten Künstler ist ihnen eher fremd. Ausgeprägt ist ihre Neigung zu Spott, Ironie,  surrealistischem Witz, Pointe. Man sieht Videos mit böse-augenzwinkernden Botschaften, politische Flankenangriffe, Installationen, die Lacher und witzige Kommentare herausfordern…  Kunst ist, so die message, in erster Linie Spiel und Spaß, Leben und Kommunikation, Anekdote und Kommentar und seltener tiefgründige Weltbetrachtung und leidvolle Selbstbespiegelung.

Deine Aufmerksamkeit wird zum Beispiel angezogen durch eine große Installation von Babis Karalis mit dem chinesischen Titel Ni hao HCN, bestehend, so liest du, aus 60o Handschuhen zum einmaligen Gebrauch, 600 Plastikflaschen mit Blausäure gefüllt, Tisch und Stühlen.

Du bleibst davor stehen, die weißen Handschuhe auf ihren blau-flüssigen Sockeln winken dir lustig zu, du fragst dich, was der Titel wohl bedeutet, du hast allerlei Assoziationen, wenn du diese aufgeblasenen chirurgischen Handschuhe siehst und das Wort Cyanid (Blausäure) liest  – es sind keine schönen Assoziationen. Die weißen Handschuhe winken dir zu, sie sind aufgeblasen, ein bisschen albern, ein wenig erschreckend, einladend, abwehrend, vor allem aber lächerlich. Der Witz überwiegt, du lächelst und runzelst die Stirn und es beschäftigt dich, doch nicht ernsthaft. Und du gehst weiter. Etwas rührt sich in dir, doch was?

Cyanid -Blausäure. Früher gewann man es aus dem Pigment Berliner Blau, daher der Name. In diesen Plastikflaschen ist natürlich keine Blausäure, es ist blaues Wasser.  Aber da ist das Wort. Als Deutscher fällt mir dazu nicht nur die bittere Mandel ein, sondern das bittere Leid, das schändliche Verbrechen, zu dem es benutzt wurde, unter dem Namen Zyklon B in Auschwitz-Birkenau und in Majdanek oder schon vorher in Fort Posen zur Tötung „psychisch Kranker“, quasi ein Vorlaufexperiment, ob es sich zur Massentötung eigne. Denn eigentlich brauchte man es zur Entlausung. In Auschwitz probierte man es zunächst an 500 sowjetischen Kriegsgefangenen und 250 Kranken aus, und als es sich als „effektiver“ als Kohlenmonoxyd erwies, wurde es zum Favoriten der Tötungsmaschinerie.

Und der chinesische Titel? Du schaust nach, was “ Ni hao HCN“ wohl bedeutet. Aha: Ni hao ist eine chinesische Grußformel, vergleichbar unserem „hallo!“, und HCN ist die chemische Formel für Blausäure.

„Lustig, lustig, trallala!“ winken dir die weißen chirurgischen Handschuhe zu, und es schaudert dich.  Wüsstest du doch nichts! so wärest du unschuldig und lächelnd vorbeigegangen und hättest zurückgewinkt. 

Ein anderes Beispiel:

Am Fuße einer engen Stiege begrüßen dich duftende Kerzen, in deren Dunkel allerlei Puppen und trockene Kräuterbündel hängen.

Wohlgemut und neugierig steigst du hinauf, wirfst auch noch einen Blick zurück in den engen Gang davor. Rätselst vielleicht ein bisschen, was dieses Netz bedeutet und beinhaltet…Unschuldig und lächelnd, wie eine Gestalt aus dem Märchenbuch, begrüßt dich die junge Künstlerin, die diese Räumlichkeiten gestaltet hat. Unmöglich, all die kleinen Dinge in Augenschein zu nehmen, die sich an den Wänden, am Boden, in den dunklen Ecken befinden.

Erinnerungsstuben des Unterbewussten, in denen Altes, Verworfenes aufbewahrt wird? Ein bisschen Mythos, ein bisschen Magie, Puppen und alter Hausrat. Eine Puppe in einer Ecke macht mir Eindruck. „Und die?“ fragst du. „Penelope“ sagt sie und lächelt.

Penelope also, die Frau des Odysseus, Archetyp der wartenden Frau. 10 Jahre wartete sie und webte und entwebte und wartete, belagert von Freiern, die auf ihren Königsthron scharf waren. Und als der Gatte dann kam und alle umgebracht hatte, blieb er etwa? Oder ging er von Neuem auf Reisen? Es wird berichtet, dass er wegging. Und Penelope sitzt auf der felsigen Inseln und wartet immer noch, das fertige Gewebe über die Schulter gelegt. Was bleibt ihr auch anderes über?

 

 

 

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Ausstellungsbesuch „Back in Athens“ 3: Grauzone (Mensch und Natur)

Altern (1) und Was vom Leben bleibt (2) sind die thematischen Einheiten, die ich bisher besprach. Nun nähere ich mich der „Grauen Zone“ österreichischer Künstler. Ein erklärtes gemeinsames Thema haben sie nicht, aber mir scheint, es ist das Verhältnis von Mensch und Natur, das sie alle drei beunruhigt und inspiriert.

Es sind drei Künstler: Michael Goldgruber, Jeremias Altmann und Andreas Tanzer.

Michael Goldgruber, Jg. 1965,

Michael Goldgruber ist, so lese ich (hier) „auf der Spur der Domestizierung und Vereinnahmung von Natur und der Medialisierung von Landschaftswahrnehmung. Dabei findet er Konstruktionen aus Stahl, Beton oder Holz vor, die als Blickdirektiven die Wahrnehmung von Landschaften steuern sowie Apparate und Architekturen, die der Kontrolle, dem Beherrschen und der Regulation von Naturkräften dienen, oder aber auch durch wirtschaftliche Nutzung veränderte Vegetation und Tektonik.“

Entrance (Eingang) heißt eine seiner Arbeiten, die er in Athen zeigt.

Ein Schock, ein Schmerz, ein Fragezeichen. Was heißt hier „Eingang“? Vielleicht doch eher ein Ausgang, der verstopft wurde mit einem Stöpsel, der sich lösen wird, so dass herausfluten wird mit zerstörerischer Kraft das Zurückgestaute?

Unbeherrschbar ist die Natur, egal welche Eingriffe du vornimmst, Menschlein, sie wird dich überwältigen. Das Klügste ist immer noch, sich demütig ein- und unterzuordnen den Gesetzen, die der großen Natur innewohnen.

 Jeremias Altmann und Andreas Tanzer

Diese beiden österreichischen  Künstler sind, wie ich bei meiner kleinen Recherche im Internet feststelle, sehr verschieden in ihrem Ausdruckswillen. Dennoch arbeiten sie seit ein paar Jahren in einem gemeinsamen Projekt zusammen, das sie „grey time“ nennen. Eine erste Präsentation fand 2019 im Kunsthistorischen Museum Wien statt, wo sie ein synchron gemaltes Diptychon Bruchteile präsentierten (bei Interesse hier nachzulesen). 

Von Andreas Tanzer ist die nachstehende Gravour, die eine Thematik andeutet, die er  in seinem sehr farbigen Hauptwerk ausarbeitet. Ich erkenne eine Berglandschaft, die von allerlei zerstörerischen Wesen heimgesucht wird – oder sind diese Wesen aufgeschreckte Naturgeister, die dem Zerstörungswerk des Menschen nichts als Kopflosigkeit und Chaos entgegenzusetzen wissen?

Jeremias Altmann ist  fasziniert von Maschinen und vom Verfall dessen, was der Mensch als industrielle Strukturen in die Welt gesetzt hat. Anders als die Natur verwandelt es sich nicht nach einem innewohnenden Plan, es folgt nicht den ehernen Gesetzen des Wachsens, sich Entfaltens, Verdorrens, Sterbens und sich Verwandelns in der Erde zu neuem Wachstum – nein! Es verfällt, es wird Schrott, aber es bleibt, es geht nicht weg. Es ist Ausdruck des Bemühens des Menschen, Haltbares, Unsterbliches zu schaffen, indem er der Erde das Leben austreibt.

Die folgenden beiden Arbeiten aus dem Gemeinschaftswerk Altmann-Tanzer sind die für mich interessantesten. Die beiden Künstler, deren Grundimpuls und Ausdruckswillen sehr verschieden ist, malen gleichzeitig an ihrem Werk. Und es ist erstaunlich, was dabei herauskommt: Es verbinden sich die erstarrten mechanischen Welten (Altmann) mit der Lebendigkeit der Naturprozesse (Tanzer). Überwältigt vom Licht geraten die Maschinenwelten in Bewegung, lösen sich aus ihrer Erstarrung wie eisige Gletscher aus Ersatzteilen und Schrott, beginnen zu fließen.

Diese Schein-Verlebendigung führt dazu, dass die tote industrielle Welt, als dessen Erbauer sich der Mensch rühmt,  sich des hilflosen Beschauers bemächtigt. Er wird ergriffen von dem Alptraum einer Welt, in der das einzig Lebendige das Licht ist, das die von totem Stoff ausgefüllte Erde bescheint.

 

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Ausstellungsbesuch „Back in Athens“ 2: Was von einem Leben bleibt

Ich möchte noch von ein paar weiteren Eindrücken vom gestrigen Besuch in der „Back-in-Athens“-Ausstellung berichten. Der erste Eintrag kreiste um das Thema „Altern, Alter“, im zweiten lautet das Thema:  „Was von einem Leben bleibt“. Beide Thematiken sich eng verwandt, und so ist es ein kluges Arrangement, dass  der vom Schweizer Künstler Werner Widmer gestaltete Raum „Remains of Life“ gleich neben dem schon beschriebenen liegt. Werner Widmer stellt schon seit einiger Zeit in Athen aus. Im internet fand ich eine Besprechung einer früheren Arbeit mit vergänglichen Zuckerstücken und biografische Angaben (hier).

Trittst du in den Raum, siehst du in der Mitte eine Vitrine mit allerlei Kleinkram:  alte Zeitungen, Fotos, Notizen, kleine persönliche Gegenstände. Emotional gesättigte Überbleibsel, wie sie sich in durch Tod verwaisten Wohnungen finden. An den Wänden hängen Rahmen mit Fotos von leeren Wänden. Bei genauerem Hinsehen sind die fotografierten Wandabschnitte nicht ganz leer, sondern es gibt schattenhafte Umrisse ehemaliger Bilder und einsame Bildaufhänger, manchmal auch Löcher dort, wo der Nagel des Bildaufhängers beim Rausziehen Widerstand leistete. Fotos und abgebildete Objekte haben identische Dimensionen, so dass man, gäbe es nicht den Rahmen und das Glas, den Eindruck haben könnte, direkt auf das fotografierte Stück Wand zu schauen. 

Das ist alles. 

Zum Glück gibt es auch den Künstler selbst, der bereitwilligst erklärt, worum es sich handelt: Er betrat die ehemalige Wohnung eines Professors für Byzantologie etwa zwei Jahre nach dessen Tod bzw dem nachfolgenden Tod seiner Witwe. Die Wohnung war nicht leer, sondern voller Möbel und alltäglicher Dinge, aber alles, was eventuell von Wert war, war abgeräumt worden. Dazu gehörten wohl vor allem die Bilder an den Wänden. Der Erbe – so der traurig-empörte Befund des Künstlers – habe keinerlei Interesse an den persönlichen Hinterlassenschaften seiner Eltern gehabt. Er ließ sogar einen rührenden Liebesbrief der alten Leute zurück.

Ich hörte mir seine Klage an, beschwichtigte dann aber entschieden (denn das Thema brennt mir auf der Seele). Das sei doch ganz in Ordnung so: Was der Erbe denn mit dem alten Kram solle? Er habe ja sein eigenes Leben, es sei schwer genug, von Eltern endgültigen Abschied zu nehmen und keineswegs ein Beweis für Kaltherzigkeit, wenn die Überbleibsel ihres Lebens nicht ins eigene überschwappen und sich dort noch eine Weile herumtreiben dürfen. Schließlich sei auch der Erbe sterblich, ihm werde es in absehbarer Zeit gehen wie den Eltern, niemand werde sich wirklich für seine Anliegen und Erinnerungen interessieren… und so immer fort, von Erbe zu Erbe…

Auch einen Stapel Zeitungen vom Februar 1967 – zwei Monate vor dem Putsch der Obristen –  fand er in der Wohnung und überaus wichtig. Warum nur handelten sie vom Mord an J.F.Kennedy, der doch schon dreieinhalb Jahre zurücklag? Oder ging es gar nicht um diesen Mord? Von „εισαγγελεα“ (Staatsanwalt) ist die Rede und dass dieser die Nennung irgendwelcher Namen fordert… Geht es vielleicht um einen anderen Kennedy, oder um die Witwe Jacky, die den Onassis heiratete?…. Was bleibt, denke ich, außer ein paar alten Zeitungen, die ich nicht mal historisch einzuordnen weiß. Und der des Griechischen nicht mächtige Künstler kann es erst recht nicht.

Während wir so hin und herreden, mache ich ein paar Fotos von den Fotos der leeren Wände und von dem Künstler, den diese leeren Wände so barmten, dass er daraus eine Kunstinstallation machte.

Dabei fiel mir auf, dass diese Wände gar nicht mehr leer waren, sondern dass sie gefüllt waren mit unseren Spiegelungen. Geisterhaft waren wir darin gefangen – wie eine Vorahnung darauf, was von unserem Leben einst bleiben wird. Ich bat den Künstler, sich vor das leere Rund zu stellen, um seine Spiegelung zu fotografieren, und ich verstand, glaube ich, warum ihn diese leeren Flächen so verstörten.

Es ist schwer, mit dem Wissen um die eigene Vergänglichkeit zu leben. Man erträumt sich irgendeine Form des Fortbestands, sei es auch nur in den Dingen, die einem mal bedeutsam waren. Wenn  die von „Erben“ in Ehren gehalten werden, so meinen wir vielleicht, seien auch wir noch ein wenig da. In den Dingen suchen wir fortzuleben, weil wir an ein wirkliches persönliches Fortleben nach dem Tode nicht glauben können.

Ich erinnere mich an ein kurzes Gespräch, dass ich gestern mit der befreundeten Künstlerin Irene Diadou hatte: sie fragte nach dem Bild, das wir ihr vor Jahren einmal abkauften und das seither unser Wohnzimmer schmückt.  Das sei an seinem Platz, sagte ich, und so sei auch sie immer bei uns zu Haus präsent. Da lächelte sie und meinte: „Darum malen wir ja.“.

Dies eingedenk, verneige ich mich vor einem Künstler, der nicht das eigene Werk, sondern das vergängliche Leben ihm unbekannter Menschen so wichtig nahm, dass er ihnen seine wehen Gedanken und seine künstlerische Sorgfalt widmete. Werner Widmer der Name des Künstlers.

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Ausstellung besuchen (Back to Athens, AGEing). Machst du mit?

Mein gestriger Ausflug ins Zentrum von Athen galt zwei Freundinnen und einer großen Ausstellung, an der sie teilnehmen. „Back to Athens“ ist der Titel der seit 10 Jahren mit internationaler Unterstützung ausgerichteten Veranstaltung, an der über 150 Künstler teilnehmen, darunter auch etliche Deutsche, Österreicher und Schweizer.  Ausstellungsort ist ein palastartiger, 2006 vollständig revonierter aber inzwischen leider wieder etwas verlotterter Bau an der Patissionstraße, das ISAIAH Mansion (hier), nicht weit vom Archäologischen Nationalmuseum.

Jeder Raum steht unter einem anderen Motto. Zunächst ein Blick in den Raum mit dem Motto AGEing (Altwerden), in dem meine Freundin Slobodanka Stupar zusammen mit anderen Künstlern, darunter auch Freundin Irene Diadou, ihren Beitrag  zeigt.

 

Ich werde gleich von einem merkwürdigen Spiegel angezogen, vor dem ein Stuhl steht. Der Stuhl gehört zu Slobodankas Installation, Sitzen ist leider nicht erlaubt.

Was ist mit dem Spiegel los? Irritiert bleibe ich davor stehen. Aha, in der Mitte fehlt die Spiegelfläche, stattdessen erscheint eine Schrift. Ich entziffere: The world has more than one age. We lack the measure of the measure….

Wenn man genau hinschaut, entdeckt man auch die im Spiegel sich spiegelnde Inschrift auf dem Stuhl: Ηλικια steht da, und das heißt Alter – im neutralen Sinne.

Jedes Ding hat ein Alter, jeder Mensch auch. Wenn der Mensch nach seinem Alter gefragt wird und er ist jung, dann sagt er vielleicht stolz: „schon bald neun!“ Fühlt er aber das Alter wie eine bedrohliche Wetterfront heraufziehen, dann sagt er: „Reden wir besser nicht davon“. Und so nennt Slobodanka denn auch ihr Werk „Spiegel (in dem sie sich selbst nicht gerne sieht“ )

Ich stimme ihr nicht zu: Jedes Alter hat seine Schönheit! Und sie hat auch nichts dagegen, dass wir uns beide in ihrem Werk spiegeln.

Meine Neugier führt mich immer auch „hinter die Kulissen“: Wie hat sie denn ihre Idee technisch umgesetzt? Aha, auf der Rückseite fehlt dem Glas ein Gutteil seiner Spiegelmaterie, sie ist weggekratzt. Und die Schrift befindet sich auf einer Pergamentrolle, die durch diese Lücke lesbar wird. Man kann freilich auch, wenn man sich hinter den Spiegel stellt, ein Stück des Raums sehen. Spiegel ist ja auch nichts weiter als Glas mit einer Beschichtung. Kratzt du die Beschichtung weg, verschaffst du dir Durchblick. Ich überlege, wie die Menschen wohl reagieren würden, denn statt der Schriftrolle die Künstlerin hinter dem Spiegel säße und man nichtsahnend hineinschaut und sie schaut zurück….  eine Variante zu Slobodankas Landsmännin Marina Abramovics „the Artist is present“ (Moma 2010).

Und was sonst ist in diesem Raum mit dem Motto AGEing zu sehen? Ein paar der Werke habe ich etwas länger betrachtet.

„Sunset Contemplations“ von Irene Diadou, einer befreundeten Künstlerin, deren großes blau-gelbes Zypressenbild in unserem Wohnzimmer hängt. Irene ist die einzige dieser Gruppe, die als Malerin zu bezeichnen ist. Alle anderen machen Fotodrucke, Installationen und Konstruktionen aus verschiedenen Materialien, spielen mit Kunstlicht, Spiegeleffekten und mehr. 

Erinnerungshäuser von Giorgos Lintzeris

Ein kunstvolles Vitro „Ageing of Iakovidis‘ painting“ von Elena Stigka (Giorgios Iakovidis, 1853-1932 (hier) war einer der wichtigsten Vertreter der Münchner Schule in Griechenland. Seine Darstellungen des Familienlebens sind bis heute sehr beliebt).

Ein aus verschiedenen Materialien zusammengesetztes Werk, das der Künstler „selbst-bezüglich“ nennt

Figuren aus recyceltem Material, wunderliche Schatten werfend,

Selbstbild in gleicher Positur, mit 30 Jahren Abstand aufgenommen

Ich finde das Thema „AGEing“ – Altwerden, altern – interessant. Es betrifft uns ja alle, mehr oder weniger. Bloggerfreund Pacht hat dazu schon eine Reihe von Beiträgen geliefert (https://einladungzupachtsblog.com/2023/06/28/28-06-23-gedankenspiele-im-alter-mit-worten-anderer-37-235/), vielleicht auch andere? Falls ihr etwas dazu gebloggt habt oder beitragen wollt, wäre es nett, es hier zu verlinken. Danke.

 

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Tägliches Zeichnen: Farbe ins Bild bringen

Das Bild „mit dem schwarzen Sessel“ lag weiterhin auf dem provisorischen Zeichentisch. Es ließ mir keine Ruhe. Und so nahm ich es gestern Nacht noch mal in Angriff, um ihm mit Farben beizukommen. Ich benutzte Pastellkreiden und Wasser.

 

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