112 Stufen, 55: Zuneigung (Joachim Ringelnatz)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Michael Lentz (Bachmann-Preisträger von 2001) : „Zuneigung ist das Wort. Das lange gesuchte. Das verlorene. Zuneigung ist eine verkürzte Zueignung. Ich neige dir zu, könnte auch ein Schiefstand sein. …Ich empfinde unter dem Wort Zuneigung etwas Umfassendes. Ganz zugeneigt. Unberührbar und triebhaft zugleich.“ (Quelle)

Goethe oder Ringelnatz? „Zueignung“ oder „Ich hab dich so lieb“?

„Empfange hier, was ich dir lang bestimmt!

Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,

Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:

Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,

Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.“

(aus Johann Wolfgang von Goethe, „Zueignung“, Gedichte, Ausgabe letzter Hand 1827)

oder

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Dazwischen scheinen Welten zu liegen. Doch ist es die Dame Poesie, die beiden die Worte eingibt, um ihrer Zuneigung bzw Zugeneigtheit Ausdruck zu geben: Die aber ist „unberührbar und triebhaft zugleich“, wie Michael Lentz sagt (s.o.), gedeiht am besten bei zugeneigter Distzanz. Das Geliebte wird umso liebenswerter, als es in der Ferne verschwindet. Was bleibt? Joachim Ringelnatz sagt es: „Wir können nicht bleiben“.

Joachim Ringelnatz

Ich habe dich so lieb (1928)

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zumut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
an einem Sieb

Ich habe dich so lieb.

Eine eindrucksvolle Rezitation fand ich hier!

Malerei mit Pigmenten und Kleister auf Pappe, Bildausschnitt.

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Neues von der Ausstellung

Vorgestern war ich erneut nach Kardamili gefahren, um nach dem Rechten zu sehen. Ich brachte ein großes vielfigüriges Frauenbild und zwei Dossiers mit – eins enthielt Zeichnungen, das andere frühe Aquarelle, die ich im Stauraum deponierte. Für alle Fälle, man weiß ja nie.

Gestern nun wurde ich gleich fünf Blätter aus den Dossiers und das große Gemälde los! Und ich erfuhr so ein weiteres Mal, dass für die meisten Menschen Bilder in Mappen leichter zugänglich sind als die an der Wand.

Es gab auch für das Männerportrait eine ernsthafte Nachfrage. Vielleicht wirds ja auch damit noch was.

Heute fahre ich wieder hin, um Ersatz für die nun fehlenden Bilder hinzubringen. Man muss das Glück am Schwanze packen, so wie hier Meister Tschinn, der Kairos (den Gott der Gelegenheit) am Schwanze packt.

Szene aus dem „Kleinen Welttheater“, Legebild auf Aquarell,

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: der Feigenkaktus

Diese Rubrik kommt momentan viel zu kurz. Dabei ist die sommerliche Zeit reich an Lustbarkeiten, und sei es nur, im Schatten des riesigen Feigenkaktus‘ zu sitzen und seinen Verzweigungen mit dem Blick zu folgen. Da entdeckt man nämlich eine Menge witziger Figuren, Männlein, Weiblein und Kinder – ganz ähnlich denen, denen ich in meinen Legebildern Gestalt gebe.

Man sieht die Figuren besser, wenn man sich auf kleinere Abschnitte der Gesamtskulptur konzentriert.

Zwei habe ich digital grob ausgeschnitten, das macht sie erkennbarer, aber im Grunde gefallen sie mir besser, wenn sie nicht so nackt und „ohne was darum“ herumstehen.

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112 Stufen, 54: tanzen (Kinderlied, anonym)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

 \language "deutsch" \relative f' {\key f \major \time 2/4 \autoBeamOff f8 f f g a a a a g f g a f4 f \break a8 a a b c c c c b a b c a4 a \break c8 c c c d d d4 b8 b b b c c c4 \break f,8 f f g a a a a g f g a f4 f \bar "|." } \addlyrics { Auf der Mau -- er, auf der Lau -- er sitzt ’ne klei -- ne Wan -- ze. Auf der Mau -- er, auf der Lau -- er sitzt ’ne klei -- ne Wan -- ze. Seht euch nur die Wan -- ze an, wie die Wan -- ze tan -- zen kann! Auf der Mau -- er, auf der Lau -- er sitzt ’ne klei -- ne Wan -- ze. }

Foto-Zeichnung-Collage von Wanzen

Sicher kennst du das Lied und warst wie ich als Kind eifrig bemüht, ja keinen Fehler beim obligatorischen Weglassen des jeweils wegzulassenden Buchstabens zu machen. Wenn du es trotzdem verpatzt hast: musstest du dann ein Pfand rausrücken?

Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine Wanze.
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine Wanze.
Seht euch nur die Wanze an,
wie die Wanze tanzen kann!
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine Wanze.

Am Ende wurden die Wanze und das Tanzen vom Schweigen verschluckt. Und wehe, du platztest da mit einem fröhlichen „tanzen“ rein!

Auf der Mauer, auf der Lauer
Sitzt ’ne kleine –
Auf der Mauer, auf der Lauer
Sitzt ’ne kleine –
Seht euch nur die – -,
wie die – – -!
Auf der Mauer, auf der Lauer
sitzt ’ne kleine –

Wikipedia informiert uns, woher es stammt: „Der älteste bekannte Druck des Liedes steht bei Georg Lehmann: Nürnberger Kinderlieder in der Zeitschrift Das Bayerland (Jahrgang I, 1890).“

Natürlich gäbe es noch Vieles mehr zum Tanzen zu sagen – und Vieles wurde auch hier im Blog gesagt und gezeigt.

IMG_1542 Variante 3

Auch heute in der Früh war ich wieder am Meer Paneurhythmie tanzen und danach schwimmen und hatte meine Freude.

 

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112 Stufen, 53: Handkuss (Fritz Rotter, Ralph Erwin)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Wer kennt ihn nicht, den Tango-Schlager Ich küsse Ihre Hand, Madame, zumindest die erste Strophe? Das Lied war, als ich es zuerst hörte, so herrlich aus der Zeit gefallen und klang zutiefst wienerisch in meinen Ohren. Niemand küsste jetzt mehr die Hand der Frauen, die die Trümmer beiseiteschaufelten, auf dem Kartoffelacker schufteten und versuchten, mitsamt ihren Kinder zu überleben. 

Ich küsse Ihre Hand, Madame, und träum’, es war Ihr Mund.
Ich bin ja so galant, Madame, und das hat seinen Grund.
Hab’ ich erst Ihr Vertraun, Madame, und Ihre Sympathie,
wenn Sie erst auf mich bau’n, Madame.
Ja, dann werden Sie schau’n, Madame
Küss’ ich statt Ihrer Hand, Madame,
nur Ihren roten Mund.

Wer diesen Schlager erdichtete und komponierte? Keine Ahnung! Ich finde es immer interessant, den persönlichen und geschichtlichen Hintergrund von Allerwelts-Phänomenen mit zu erfassen. Ein Schlager wie dieser, immer wieder umgedichtet und neu interpretiert: wer hatte ihn ursprünglich verfasst? Und wie waren seine Lebensverhältnisse? Zum Glück weiß Wikipedia solche Sachen:

Der Erdichter der Schnulze hieß Fritz Rotter (1900-1984), ein Wiener Jude, der schon mit 17 begann, Texte fürs Kabarett und Chansons zu schreiben. In den 20er Jahren ging er nach Berlin. Die Zahl der von ihm getexteten Schlager ist riesig (es sollen ca 1200 sein), darunter Ohrwürmer wie  Wenn der weiße Flieder wieder blüht – Veronika, der Lenz ist da – Ich hab’ mich so an dich gewöhnt – Immer wenn ich glücklich bin muß ich weinen – und eben auch dies Ich küsse ihre Hand, Madame. Auch seine Unsinnsgedichte waren höchst populär, etwa Was macht der Maier am Himalaya? – Heut war ich bei der Frieda (das tu ich morgen wieder) – Heut ist die Käthe etepetete – Wieso ist der Walter so klug für sein Alter.

Und was wurde aus ihm? Klar, er musste 1933 emigrieren, zunächst nach Österreich, dann nach England und in die USA, wo viele seiner Lieder – nun englisch-sprachig – einen Riesenerfolg hatten. Nach dem Krieg kam er zurück nach Europa, und zog sich zuletzt in die Schweiz zurück.

Und der Komponist des Liedes? Das war Ralph Erwin (1896-1943), eigentlich Erwin Vogl, Pseudonym Harry Wright – auch er Jude und Kind der Habsburger Monarchie, allerdings der Peripherie (Österreich-Schlesien): Sein Leben war noch weit turbulenter als das des Texters: Er wurde als jugendlicher Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg schwer verwundet, studierte dann Musik in Wien, ging Ende der 20er Jahre nach Berlin, wo er die Musik für die bekanntesten damaligen Filme schrieb – und eben auch dies „Ich küsse ihre Hand, Madame“  für den gleichnamigen Stummfilm von 1929 mit Marlene Dietrich. Richard Tauber sang darin das Lied für den Hauptdarsteller. Er schrieb für zahlreiche deutsch-französische Koproduktionen vor allem Tango und Foxtrott. 1933 musste auch er die Koffer packen. Er emigrierte nach Frankreich, wurde nach dem deutschen Einmarsch interniert und nach Dancy verschleppt. Seine Frau konnte ihn befreien. Er versteckte sich, starb 1943 an einem Bauchschuss (von wem?).

undefinedUnd der Sänger des Liedes, Richard Tauber (1891-1948)? Auch er war Österreicher, in Linz unehelich geboren von einer römisch-katholischen Soubrette, deren Namen Denemy er zunächst trug. Sein Vater Richard Tauber, zum Katholizismus konvertierter Jude und Intendant an der Oper von Chemnitz legalisierte ihn später. Gefördert von seinem Vater, bei dem er seit 1903 lebte, studierte er Musik und hatte sein Debüt 1913 in Chemnitz mit dem Tamino (Zauberflöte)…..Mit dem Lied „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehárs Operette Das Land des Lächelns wurde Tauber zum Weltstar. … 1933 wurde er von SA-Horden in Berlin als „Ludenlümmel“ angegriffen. 1938 nach dem Anschluss Österreichs machte eine Welttournee und ließ sich schließlich in London nieder, wo er sich vor allem dem Komponieren und Dirigieren widmete und häufig in der Truppenbetreuung auftrat. Er erhielt die britische Staatsbürgerschaft und starb 56jährig, hoch geehrt, 1947 an Lungenkrebs.

Das also waren sie, deren Wiener Charme die „leichte Muse“ der 20er Jahre in Berlin so wunderbar befruchtete zu einer Zeit, als sich über dem Kontinent bereits eine dunkle Wolke des Hasses zusammenzog.

 

Von den im Netz verfügbaren Interpretationen wählte ich die von Fritz Wunderlich (1930-1966), denn er hatte (wie Richard Tauber) sein Operndebüt mit dem Tamino (Zauberflöte), und auch er war ein Star der Wiener Staatsoper und der Salzburger Festspiele. Ein durch einen Treppensturz verursachter Schädelbruch beendete sein Leben, als er gerade dem Höhepunkt seiner Karriere mit einem Auftritt an der Metropolitan Opera in New York zustrebte.

(Die in den Bildern verwendeten Schnipsel entstammen größtenteils einer Spende von Hannah)

 

 

 

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Archivbild der Woche 2: sieben Jahre wie ein Tag

Das „Archivbild der Woche“ hat es an sich, Erinnerungen wachzurufen.  So ging es mir mit dem gestern veröffentlichten vom 20.7.2019 (hier). Manchmal aber treffen diese Erinnerungen wie magisch mit der Gegenwart zusammen, so dass der frühere und der jetzige Moment vollkommen ineinanderklingen. Das geschah bei einem Fund vom 20.7. 2018, den ich gerne mitteilen möchte.

Da war ich nämlich mit einer lieben Freundin und unseren Hunden am Flüsschen Nedona, im Taygetos-Gebirge. Mein lieber Tito war zwölf.

Die aus England mitgebrachten Hunde waren damals 8 (die Schwarze) und 3 (ihre Tochter). Tito starb im Juni 2020. Danach verloren wir uns weitgehend aus den Augen. Am vergangenen Freitag nun traf ich sie wieder: die Freundin, ihren  Partner und die nun 16 und 10 Jahre alten Hunde. Sie kamen mich in der Ausstellung in Kardamili besuchen. Sieben Jahre wie ein Tag.

 

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112 Stufen, 52: Verehrer (Penelopes Freier und Stefan George)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Ein griechisches Sprichwort besagt: „Möchtest du jemanden verehren, halte sich fern von ihm“. Das heißt ja wohl nichts anderes als: Mach dir was vor! Denn siehst du jemanden aus der Nähe, wirst du aufhören, ihn zu verehren. Du wirst ihn sehen,wie er in seinem Alltag ist. Vielleicht wirst du ihn lieben, vielleicht wird er dich enttäuschen, vielleicht ist er dir unverständlich oder auch gleichgültig.

Ich suche Nähe, nicht Ferne. Mich zieht es zum wirklichen Menschen, nicht zum idealen. Verehren ist nichts für mich.

Etwas anderes ist es, jemanden zu ehren. Da ist Nähe erwünscht. Ich ehre die gebrechliche Frau, indem ich ihr unter den Arm greife und ihr über die stark befahrene Straße helfe. Ich ehre den Lehrer, der Geduld mit mir hatte und meine kindliche Schutzlosigkeit nicht missbrauchte, durch meine Erinnerung. Ich ehre die Natur um mich, indem ich sie von Unrat befreie.

Verehrung braucht und erzeugt Abstand. „Verehrer“ einer Frau andererseits suchen nicht Abstand, sondern, in kaschierter Form, eine Nähe zu ihr, die ihrer „Ehre“ den Garaus machen soll, egal wie hübsch ihre verliebten Verse klingen mögen. Ein Klassiker: Faust verehrt Gretchen.

Während ich über „Verehrer“ sinniere, fallen mir die Verehrer der Penelope ein, die man gemeinhin die „Freier“ nennt: μνηστήρες (mnistires) auf griechisch. Verehrten sie die Frau des Odysseus? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ehrten sie sie? Nein. Sie schlemmten, verbrauchten ihr Erbe und bedrängten sie. Sie umwarben sie, um sie zu erwerben. Denn sie wollten sich die Königskrone von Ithaka aufsetzen – und das ging nur, wenn sie Penelopes „Ja“ erhielten.

Und die Dichter? Da fällt mir ein Buch ein, das mir einst ein Freund verehrte und das ich in Athen aufbewahre. Es ist hübsch aufgemacht und trägt den Titel: „Jean Paul – Ein Stundenbuch für seine Verehrer“. Stefan George (1868 – 1933) und Karl Wolfskehl (1869 – 1948) haben es 1901 herausgegeben und bevorwortet, Melchior Lechter (1865 – 1937) hat die grafische Gestaltung besorgt.

Abb aus dem internet

Stefan George verehrte nicht nur, er schuf vor allem einen Dunstkreis der Verehrung um sich selbst, der andere unterwarf, ausbeutete oder auf Distanz hielt.  Bei aller Hochachtung vor seiner dichterischen Leistung – ja, viele seiner Gedichte sind vortrefflich! – und seiner konsequenten Ablehnung der Verführungen durch die neue Machtelite Deutschlands bleibt mir sein elitärer Anspruch auf Verehrung zutiefst suspekt.

Nein, ich eigne mich nicht zum Verehren. Die Sehnsucht vieler Menschen nach verehrungswürdigen Vorbildern ist mir fremd. Ich bin, wie jedermann, von einer Mutter geboren, bin gut und schlecht. Menschen werde ich nie verehren, immer aber ehren, wie ich mich selbst ehre, in dem Maße wie ihnen und mir Ehre gebührt. („Die Würde des Menschen ist unantastbar“.)


Nun noch ein vortreffliches Gedicht von Stefan George, um ihn zu ehren. Freilich, auch hier wird seine Selbsterhöhung spürbar: er ist anders, feinsinniger als all die anderen, die nichts verstehen, nichts sehen und daher armselig dahinvegetieren.


Stefan George
Alles habend alles wissend seufzen sie:
>Karges leben! drang und hunger überall!
Fülle fehlt!<
Speicher weiss ich über jedem haus
Voll von korn das fliegt und neu sich häuft –
Keiner nimmt ..
Keller unter jedem hof wo siegt
Und im sand verströmt der edelwein –
Keiner trinkt ..
Tonnen puren golds verstreut im staub:
Volk in lumpen streift es mit dem saum –
Keiner sieht.

Der Stern des Bundes . 1. Auflage 1914

 

 

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Dienstags-Drabble: Der Stärkere hat immer recht (eine kata-strophische Fabel)

Dienstags-Drabble bei Heide von der Puzzleblume: Ein Text von hundert Wörtern –  unter Verwendung der Wörter waschen, Ungnade, fieberhaft und um es schwerer zu machen, kunstvoll gereimt -, das war die heute zu lösende Aufgabe. Ich machte daraus eine Fabel.

 

„Wasch mich, doch mach den Pelz mir nicht nass

Denn werde ich nass, darauf ist Verlass

So werd ich dich fressen

Hab eh nichts gegessen

Am heutigen Morgen.“

„Ich werde dich waschen mit trockenem Schwamm

ich werde dich kämmen mit goldenem Kamm

Ich bitte zum Bade

Nur keine Ungnade!

Werds dir schon besorgen.“

Sie kämmte und bürstete fieberhaft

Verbrauchte dabei ihre restliche Kraft

Der Pelz war zerzaust

Und übel verlaust

Sie machte ihn glatt.

Die Bepelzte beschaute stolz sich im Spiegel

Bestaunte sich selbst als bezaubernder Schniegel

Doch knurrte der Magen

Und ohne zu nagen

Verschlang sie gierig die Ratt.

 

Wer wars? Eine Bärin, eine Löwin, eine Katze? eine Eule? eine Hündin? eine Menschin? Wer weiß! Die Gesetze des Fressens und Gefressenwerdens sind im Tier- und Menschenreich so verschieden nicht.  „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, dichtete Bertold Brecht.

Die Schnipsel stammen von Jürgen Küster und Ulli Gau. Das zweite Legebild habe ich digital invertiert.

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112 Stufen, 51: überschwänglich (Gebrüder Grimm, R. M. Rilke, F. Wedekind)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Zu „überschwänglich“ oder „Überschwang“ wollte mir nichts Literarisches einfallen – nur Literatur- und Kunstkritik fiel mir ein. Es gibt da die, die erwähnen, dass xy ein literarisches Werk „überschwänglich gelobt“ habe (zu Recht? zu Unrecht?) und andere, die voll des Lobes für Künstler sind, deren Ausdruck einfach, sachlich und nicht „überschwänglich“ sei. Überschwänglich ist zwar was Gutes, aber auch und vor allem: zu viel des Guten. ..

Ich sah mich bemüßigt nachzusehen, woher dies Wort eigentlich stammt. Ich vermutete eine Eindeutschung von „enthusiastisch“, aber weit gefehlt! Es ist ein urdeutsches Wort, schon im Mittelalter nachgewiesen, damals aber wohl eher im Zusammenhang mit der Milchwirtschaft. Es hat den Beiklang von überfließen, überborden, Fülle.

Da fiel mir das Märchen vom süßen Brei ein, der „überschwänglich“ wurde und die ganze Stadt nährte – ob diese es wollte oder nicht.

Der süße Brei

Ein Märchen der Brüder Grimm
Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: „Töpfchen, koche“, so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: „Töpfchen, steh“, so hörte es wieder auf zu kochen.
Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, sooft sie wollten.
Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter: „Töpfchen, koche“, da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie, daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt’s die ganze Welt satt machen, und ist die größte Not, und kein Mensch weiß sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: „Töpfchen, steh“, da steht es und hört auf zu kochen, und wer wieder in die Stadt wollte, der mußte sich durchessen. (Quelle)
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Die kommentierte und bebilderte Langfassung des Märchens findest du in diesem Blog unter dem Titel https://gerdakazakou.com/2015/07/27/ueberfluss/“Überfluss&#8220;.

***

Hier nun könnte der Eintrag enden. Aber der „Überschwang“ ist eben ein Zuviel-des- Guten, und so kann ich mich nicht stoppen. Und wenn du magst, frisst du dich bis zum Ende durch den süßen Brei hindurch.

***

Insgeheim hatte ich Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) im Verdacht, dass bei ihm das Wort „Überschwang“ vorkommen müsse. Und tatsächlich, ich wurde fündig.

Ach in der Kindheit, Gott: wie warst du leicht:
du, den ich jetzt von nirgend wiederbringe.
Man lächelte nach seinem Lieblingsdinge;
es rollte zu: da warst du schon erreicht.
Und nun mein Herr, wo reis‘ ich hin zu dir?
Wo fahr ich ein? Auf was für Berge steig ich?
Fragt einer dich: nach welcher Stelle zeig ich.
Wo weht dein Hain? Wo geht dein Tier?
Wo ist das Wasser neu, daß ich mir wasche
Gesicht, Geschlecht: ich war noch niemals rein.
Wo wandelst du Geweihtes um in Asche
mit deinem feuerigen Augenschein.
Reizt der Geruch von allen unsern Lastern
nicht deines Zornes Brunst. Was wartest du?
Was machst du nicht die Dringendsten zu Fastern
und schleuderst ihnen erst den Engel zu
wenn sie sich winden unter ihrem Blut?

Herr, sei nicht gut: sei herrlich; widerleg
das Hörensagen, das sie an dir rühmen:
zerbrich das Haus zerstör den Steg
und wälz ein Nest von Ungetümen
dem Flüchtling an den Nebenweg.

Denn so sind wir verkauft an kleine Nöte,
daß alle meinen Jahr um Jahr
wenn einer ihnen beide Hände böte
so wär ein Gott. Du Notnacht voller Röte,
du Feuerschein, du Krieg, du Hunger: töte:
denn du bist unsere Gefahr.

Erst wenn wir wieder unsern Untergang
in dich verlegen, nicht nur die Bewahrung,
wird alles dein sein: Einsamkeit und Paarung,
die Niederlage und der Überschwang.
Damit entstehe, was du endlich stillst,
mußt du uns überfallen und zerfetzen;
denn nichts vermag so völlig zu verletzen
wie du uns brauchst, wenn du uns retten willst.

Aus: Die Gedichte 1906 bis 1910 (Paris, Sommer 1909)

(Quelle: rilke.de)

Etwas Jugendbewegtes scheint mir dem „Überschwang“ anzuhaften. Bestätigt wurde dies durch ein Gedicht von Frank Wedekind (1864 – 1918) – dem Autor von „Frühlings Erwachen“ – das ich, wie das von Rilke, nicht in meinem Gedächtnis, sondern im internet fand.

Frank Wedekind

Auf eigenen Füßen – Donnerwetter

In der Jugend früh’ster Pracht
Tritt sie einher – Donnerwetter,
Nur von Eitelkeit erfüllt,
Das Herz noch leer – Donnerwetter,Ganz mit frühlingsfrischen Reizen
Angetan – Donnerwetter,
Und erblickt in allen Männern
Nur den Mann – Donnerwetter!Donnerwetter, zeigt der Gang,
Donnerwetter, Überschwang!
Donnerwetter, diese Glieder,
Donnerwetter, welch ein Fang!

Donnerwetter, erst im Traum,
Donnerwetter, gibt sie kaum
Ihrer Neigung hin und wieder
Etwas Raum – Donnerwetter!

Donnerwetter, aber plötzlich
Drängt die Leidenschaft zum Ziel.
Donnerwetter, hochergötzlich,
Donnerwetter, wird das Spiel!

Donnerwetter, sinkt zurück,
Donnerwetter, voller Glück
Sie zum ersten Male nieder,
Welch ein Blick – Donnerwetter!

Juchhei, hallo,
Wie fühlt die Maid sich froh!
Hallo, juchhei,
In ihres Lebens Mai!

Wenn auch der Mai mit Sturm begann,
Lustig geht’s fortan:
Heute mit den Fürstenkindern,
Morgen mit den Bürstenbindern.

Wild saust sie durchs Leben dann,
Donnerwetter, unter Jubel und Geschrei –
Juchhei!
Wie kühn sie’s ersann,
Wie klug sie’s gewann,
Voll Grauen erzählt’s so mancher Mann –
Donnerwetter!

Zitiert nach Gutenberg-DE

 

 

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Archivbild der Woche: 20. Juli 2019 (Schwager Dimitris, Nea Chalkidon, Julia)

Gestern kam ich nicht dazu, das Archivbild der Woche, das ich auf Anregung von Heide (Puzzleblume) jeden Sonntag heraussuche, zu posten. Tatsächlich fand ich so viele wichtige Erinnerungen unter diesem Datum, dass ich nicht weiß, was ich wählen soll. Am aufregendsten und vollgestopft mit Begegnungen und Erinnerungen war der 19. Juli 2019, den ich am 20. Juli dokumentierte.

Vormittags besuchten wir zum letzten Mal die Wohnung meines ein halbes Jahr zuvor verstorbenen Schwagers Dimitris: es galt, seine riesige Büchersammlung aufzulösen. Vorher war es die Wohnung meiner Schwiegermutter, die ich bei meinem ersten Besuch in Athen im Jahr 1970 kennengelernt hatte. Auch der kleine Bruder meines Mannes, mein damals 19jähriger Schwager Dimitris, wohnte dort und bereitete sich auf die Uni-Aufnahmeprüfungen vor …. Beim Sortieren seiner Hinterlassenschaften fand ich ein gefaltetes Blatt mit einem Portrait, dass ich von ihm gezeichnet hatte.

Das wäre eigentlich genug für einen Tag gewesen, doch gelangten wir auf der Suche nach  einem geeigneten Lokal, um zu Mittag zu essen, in die Wohngegend, in der wir nach meiner Übersiedlung nach Athen 1979 lebten. Der kleine Rundbalkon des Fotos verzauberte mich, als ich ihn eines Nachts bei der Wohnungssuche erblickte. Wenig später zogen wir ein. Wir bewohnten zuerst das Erdgeschoss, nach einem schweren Erdbeben zogen wir ins Oberstock. Insgesamt elf Jahre verbrachten wir hier.

IMG_8980An diesem 19. Juli 2019 bebte die Erde erneut, als wolle mich alles ans Vergangene erinnern.

Nach dem Essen machte ich mich auf den Weg nach Monastiraki, wo ich mit Julia vom „Athenmosaik“ verabredet war. Unterwegs zur U-Bahn beschaute ich ausgiebig meine alte Wohnumgebung. In einer Gasse versuchte ein Motorradfahrer, mir meine Umhängetasche zu entreißen…

Ich fuhr dann mit der Metro nach Monastiraki, war aber zu früh dran und suchte schattige Zuflucht in einer Kirche, die ich zeichnete…

wanderte dann zum „Turm der Winde,“ erinnerte mich an Ulli Gaus Besuch (Ullis Beschreibung hier) und zeichnete eine Ruine, bis Julia auftauchte.

Nach unserem gemeinsamen Bummel machten wir für Bloghausen ein Handyfoto. Damals, 2019, war Julia noch recht neu in Athen, inzwischen ist sie Mutter von zwei Kindern…

All dies und mehr erzählte ich in drei Blogeinträgen, am 20. Juli 2019 (hier, hier und hier). Was für ein Tag!

Und nun erinnere ich mich an diesen Tag, der selbst so viele Erinnerungen barg, und denke dankbar und bedauernd:  tempi passati.

 

 

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