Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Zu „überschwänglich“ oder „Überschwang“ wollte mir nichts Literarisches einfallen – nur Literatur- und Kunstkritik fiel mir ein. Es gibt da die, die erwähnen, dass xy ein literarisches Werk „überschwänglich gelobt“ habe (zu Recht? zu Unrecht?) und andere, die voll des Lobes für Künstler sind, deren Ausdruck einfach, sachlich und nicht „überschwänglich“ sei. Überschwänglich ist zwar was Gutes, aber auch und vor allem: zu viel des Guten. ..
Ich sah mich bemüßigt nachzusehen, woher dies Wort eigentlich stammt. Ich vermutete eine Eindeutschung von „enthusiastisch“, aber weit gefehlt! Es ist ein urdeutsches Wort, schon im Mittelalter nachgewiesen, damals aber wohl eher im Zusammenhang mit der Milchwirtschaft. Es hat den Beiklang von überfließen, überborden, Fülle.
Da fiel mir das Märchen vom süßen Brei ein, der „überschwänglich“ wurde und die ganze Stadt nährte – ob diese es wollte oder nicht.
Der süße Brei
Ein Märchen der Brüder Grimm
Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: „Töpfchen, koche“, so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: „Töpfchen, steh“, so hörte es wieder auf zu kochen.
Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, sooft sie wollten.
Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter: „Töpfchen, koche“, da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie, daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt’s die ganze Welt satt machen, und ist die größte Not, und kein Mensch weiß sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: „Töpfchen, steh“, da steht es und hört auf zu kochen, und wer wieder in die Stadt wollte, der mußte sich durchessen. (
Quelle)
Die kommentierte und bebilderte Langfassung des Märchens findest du in diesem Blog unter dem Titel https://gerdakazakou.com/2015/07/27/ueberfluss/“Überfluss“.
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Hier nun könnte der Eintrag enden. Aber der „Überschwang“ ist eben ein Zuviel-des- Guten, und so kann ich mich nicht stoppen. Und wenn du magst, frisst du dich bis zum Ende durch den süßen Brei hindurch.
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Insgeheim hatte ich Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) im Verdacht, dass bei ihm das Wort „Überschwang“ vorkommen müsse. Und tatsächlich, ich wurde fündig.
Ach in der Kindheit, Gott: wie warst du leicht:
du, den ich jetzt von nirgend wiederbringe.
Man lächelte nach seinem Lieblingsdinge;
es rollte zu: da warst du schon erreicht.
Und nun mein Herr, wo reis‘ ich hin zu dir?
Wo fahr ich ein? Auf was für Berge steig ich?
Fragt einer dich: nach welcher Stelle zeig ich.
Wo weht dein Hain? Wo geht dein Tier?
Wo ist das Wasser neu, daß ich mir wasche
Gesicht, Geschlecht: ich war noch niemals rein.
Wo wandelst du Geweihtes um in Asche
mit deinem feuerigen Augenschein.
Reizt der Geruch von allen unsern Lastern
nicht deines Zornes Brunst. Was wartest du?
Was machst du nicht die Dringendsten zu Fastern
und schleuderst ihnen erst den Engel zu
wenn sie sich winden unter ihrem Blut?
Herr, sei nicht gut: sei herrlich; widerleg
das Hörensagen, das sie an dir rühmen:
zerbrich das Haus zerstör den Steg
und wälz ein Nest von Ungetümen
dem Flüchtling an den Nebenweg.
Denn so sind wir verkauft an kleine Nöte,
daß alle meinen Jahr um Jahr
wenn einer ihnen beide Hände böte
so wär ein Gott. Du Notnacht voller Röte,
du Feuerschein, du Krieg, du Hunger: töte:
denn du bist unsere Gefahr.
Erst wenn wir wieder unsern Untergang
in dich verlegen, nicht nur die Bewahrung,
wird alles dein sein: Einsamkeit und Paarung,
die Niederlage und der Überschwang.
Damit entstehe, was du endlich stillst,
mußt du uns überfallen und zerfetzen;
denn nichts vermag so völlig zu verletzen
wie du uns brauchst, wenn du uns retten willst.
Aus: Die Gedichte 1906 bis 1910 (Paris, Sommer 1909)
(Quelle: rilke.de)

Etwas Jugendbewegtes scheint mir dem „Überschwang“ anzuhaften. Bestätigt wurde dies durch ein Gedicht von Frank Wedekind (1864 – 1918) – dem Autor von „Frühlings Erwachen“ – das ich, wie das von Rilke, nicht in meinem Gedächtnis, sondern im internet fand.
Frank Wedekind
Auf eigenen Füßen – Donnerwetter
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In der Jugend früh’ster Pracht
Tritt sie einher – Donnerwetter,
Nur von Eitelkeit erfüllt,
Das Herz noch leer – Donnerwetter,Ganz mit frühlingsfrischen Reizen
Angetan – Donnerwetter,
Und erblickt in allen Männern
Nur den Mann – Donnerwetter!Donnerwetter, zeigt der Gang,
Donnerwetter, Überschwang!
Donnerwetter, diese Glieder,
Donnerwetter, welch ein Fang!
Donnerwetter, erst im Traum,
Donnerwetter, gibt sie kaum
Ihrer Neigung hin und wieder
Etwas Raum – Donnerwetter!
Donnerwetter, aber plötzlich
Drängt die Leidenschaft zum Ziel.
Donnerwetter, hochergötzlich,
Donnerwetter, wird das Spiel!
Donnerwetter, sinkt zurück,
Donnerwetter, voller Glück
Sie zum ersten Male nieder,
Welch ein Blick – Donnerwetter!
Juchhei, hallo,
Wie fühlt die Maid sich froh!
Hallo, juchhei,
In ihres Lebens Mai!
Wenn auch der Mai mit Sturm begann,
Lustig geht’s fortan:
Heute mit den Fürstenkindern,
Morgen mit den Bürstenbindern.
Wild saust sie durchs Leben dann,
Donnerwetter, unter Jubel und Geschrei –
Juchhei!
Wie kühn sie’s ersann,
Wie klug sie’s gewann,
Voll Grauen erzählt’s so mancher Mann –
Donnerwetter!
Zitiert nach Gutenberg-DE

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