112 Stufen, 110: Respekt (Helen Keller, Anne Sullivan, Samuel Gridley Howe)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Uff, bald habe ich diese Treppe erstiegen! Respekt! sage ich zu mir selbst und schlage mir auf die Schulter, wenn ich trotz allerlei Versuchungen und Ermüdungserscheinungen bis zum Ende durchhalte, was ich mir in den Kopf gesetzt und vorgenommen habe. Das sage ich auch angesichts der Leistungen anderer, natürlich. Wer mit einem Arm den Kanal von Dover durchschwimmt oder in hohem Alter die Alpen durchwandert … Respekt!

Respekt, sagte ich auf der Stufe „Rücksicht, sei die Übersetzung von Rücksicht ins Lateinische. Und doch schwingt in diesem Wort etwas ganz anderes mit: bei Rücksicht geht es um Achtsamkeit gegenüber den Schwächeren, bei Respekt um Bewunderung und Anerkennung der Leistung, die sich ein Mensch trotz aller Widrigkeiten abgerungen hat. Genau genommen ist es nicht die Leistung selbst, sondern die Willenskraft und das Durchhaltevermögen, zu denen Menschen in der Lage sind: sie nötigen mir Respekt ab. Manche sind wahre Riesen, was das anbetrifft. Gerade fällt mir Helen Keller (1880-1968) ein, die durch frühe Erkrankung blind und taubstumm wurde und nicht nur das Lesen und Schreiben erlernte, sondern sich zu einer wichtigen Stimme der Menschheit entwickelte – ihr rufe ich aus tiefstem Herzen zu: Respekt!

Das gilt ebenso für die, die sie wunderbar unterstützt haben, insbesondere ihre Eltern und ihre Lehrerin Anne Sullivan, die es verstand, durch Klopfzeichen in die Hand des Kindes dessen Seele zu erreichen, die in schlimmeres Dunkel als Kaspar Hauser gefallen war, und sie so zum zweiten Mal zum Leben zu erwecken.

undefined Helen Keller, Anne Sullivan, (1899)

Wer war Anne Sullivan (1866-1936)? Da muss ich nachlesen: Ihre Eltern, arme Landwirte, waren während der Großen Hungersnot in Irland in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Der Vater war Alkoholiker und schlug die Tochter, die Mutter starb an Tuberkulose, als Anne acht Jahre alt war. Als sie zehn war, verschwand der Vater und sie landete in einem Waisenhaus. Mit ihr war ihr jüngerer behinderter Bruder, der im Waisenhaus an Tuberkulose starb.

Noch mehr Schlimmes? O ja! Anne war seit ihrem 3. Lebensjahr sehbehindert, und verschiedene Eingriffe machten ihren Zustand nicht besser. Ich rekapituliere: Vom Alkoholikervater geschlagen und verlassen, Mutter tot, Bruder tot, selbst schwer sehbehindert und im Waisenhaus… Was kann sich da noch Positives entwickeln? Nun: alles, wenn die nötigen Hilfestellungen sich finden lassen und der Wille da ist.

Nach vier Jahren im Waisenhaus, nun 14 Jahre alt, konnte Anne die Perkins Institution for the Blind besuchen, wo sie das Fingeralphabet für Gehörlose kennenlernte, das alle dortigen Lehrer beherrschten, um mit einer taubblinden Handarbeitslehrerin kommunizieren zu können. Dieses Alphabet hatte ein Lehrer namens Howe entwickelt, lese ich bei Wikipedia.

Wer aber war dieser Howe?

Samuel Gridley HoweDie Britannica weiß es: Samuel Gridley Howe (1801-1876) war Arzt, Aktivist gegen die Sklaverei, Gründer und Leiter der Blindenschule, auf der Anne das Fingeralphabet lernte, Gründer auch des Massachusetts School for Idiotic and Feeble-Minded Youth…. Ich lese und lese und staune: wieso ist dieser Mann mir nicht bekannt? Denn er ist wahrlich bemerkenswert – in jeder Hinsicht, aber auch hinsichtlich seiner Rolle im griechischen Befreiungskrieg gegen das Osmanische Reich (eine Beschreibung mit Bildern hier). Respekt, Respekt!

Und so, am Faden eines mir sehr gut erinnerlichen Namens (Helen Keller), lande ich bei einem Abschnitt der nordamerikanischen Geschichte, der mir tiefen Respekt einflößt und zugleich auch mein griechisches Herz höher schlagen lässt. Samuel Gridley Howe war nicht behindert, sondern begann sein Leben unter besten familiären und persönlichen Voraussetzungen. Das, was er dann daraus machte, indem er sich in vielfältigster Weise für die Verbesserung der Verhältnisse für Menschen mit sehr schlechten Voraussetzungen – Sklaven, geflüchtete Sklaven, Waisenkinder, körperlich und geistig behinderte Menschen, Gefangene, Unterdrückte… –  kämpferisch und äußerst effektiv einsetzte, das ist es, was mir auch diesem mir bisher unbekannten Mann den Ausruf „Respekt! Respekt!“ abnötigt.

Vorbilder dieser Art hätte ich als Kind gebraucht. Aber ich fand sie nicht unter meinen Lehrern. Und wenn es sie doch gegeben hat, so habe ich sie nicht erkannt. So blieb mir das Wort „Respekt“ lange verdächtig, denn es verband sich mir mit „Respektspersonen“ – also Amtsträgern wie Pfarrer, Polizisten, Lehrer, später auch Amtsärzte, Professoren, Minister, Staatsoberhäupter – und die mochte ich nicht respektieren, nur weil sie ein Amt innehatten. Um mich zu beeindrucken, reichte das bei weitem nicht – im Gegenteil. Wer auf hohem Amtsschimmel einherritt, dem begegnete ich gern wie Till Eulenspiegel…

Illustration zu Till Eulenspiegel, Schnipsel von Marie Mandarin

 

 

 

 

 

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Tägliches Zeichnen 17-19.9.: Schreibtisch, Kugelvase, Lattenrost

Nichts Besonderes, aber eben „tägliches Zeichnen“, Befolgung des berühmten Klee-Satzes „kein Tag ohne Strich“. Außerdem ist es eine Form des Tagebuchs.

Vorgestern räumte ich das Chaos auf meinem Schreibtisch zeichnerisch auf. Dicker Filzstift, Carson-Zeichenblock.

Gestern war die schwarze Kugelvase mit den trockenen Disteln und den künstlichen weißen Blüten dran, die auf einem Hocker vorm Bücherregal stand. Ich unterlegte ihr ein ein weißes Stück Papier. So entstand einerseits ein starker schwarz-weiß-Kontrast, andererseits ein kaum zu entzifferndes Durcheinander von Disteldornen und Buchregal. Der erste Filzstift hielt nicht durch, also nahm ich einen neuen dickeren. Carson-Zeichenblock

Die heutige Zeichnung machte ich am späten Abend vor meinem Atelier. Als Beleuchtung hatte ich nur den fernen Schein der Deckenlampe im Atelier und ein paar Lämpchen im Olivenbaum. Ich sah also kaum, was ich zeichnete. Aber ich weiß es: ein Lattenrost vor einem Olivenbaum mit Lämpchen, die am Tag von der Sonne aufgeladen werden und nachts einen schwachen Lichtschein abgeben. Carson-Zeichenblock.

 

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112 Stufen, 109: Ehren (Das vierte Gebot – Moses, Luther, Alexander Mitscherlich)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Das 4. Gebot des Dekalogs fällt mir spontan ein.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden

Und auch der Schülerspruch fällt mir ein:

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, und wenn sie dich schlagen, sollst du dich wehren.

Martin Luther ging in seinen Erklärungen ein gutes Stück über das 4. Gebot hinaus, indem er in das Gebot auch die Obrigkeit oder sonstige „Herren“ einbezog:

Martin Luther (1483–1546)

„Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.“

Ehren (nicht unbedingt auch lieben) sollen wir unsere Eltern, sagt das 4. Gebot, aber Luther möchte darüberhinaus, dass wir ihnen und sonstigen Herren dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben. Und warum sollten wir es tun? Das Gebot sagt: damit es uns auf Erde gut gehe und wir lange leben. Aber ist das denn das Ziel der Christenheit? Sie hält die Erde doch für ein Jammertal, das zu verlassen keinesfalls ein Übel ist, und das „Wohlergehen“ ist ja auch nicht unbedingt vorgesehen für einen wahren Christenmenschen, der zu jeglichem Opfer, auch dem seines Lebens, aufgerufen ist.

Nun sind die Gebote ja nicht von Jesus, sondern von Moses den Menschen gegeben worden. Und insofern haben sie mit dem Christentum nur indirekt zu tun.

Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, wird den Israeliten zuerst beim Auszug aus Ägypten gegeben, wo auch die anderen Gebote erlassen werden, die das Zusammenleben dieser Volksgruppe regulieren sollen: Keine anderen Götter haben, den Sabbat halten, die Ehe achten, Eigentum des Mitwanderers respektieren … Und da versteht man es auch: Ihr, die ihr jetzt eine sehr beschwerliche Reise vor euch habt, gebt Acht, dass ihr auch die Alten und Gebrechlichen mitnehmt und freundlich behandelt, denn in ihnen habt ihr die Quelle eurer Überlieferungen und Weisheiten.

Das Gebot heißt wörtlich (hier in der altengriechischen Übertragung)

τίμα τον πατέρα σου και την μητέρα σου, ίνα εύ σοι γένηται, και ίνα μακροχρόνιος γένη επί της γης της αγαθής, ης Κύριος ο Θεός σου δίδωσί σοι.

Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit es dir wohl ergeht und du lange lebst in dem guten Land, das der Herr, dein Gott, dir geben wird. 

Als die Israeliten dann im Gelobten Land ankommen, werden sie ein zweites Mal an dieses Gebot erinnert. Auch das lässt sich leicht erklären: Passt auf, ihr, die jetzt ein ganz neues Leben beginnt, dass ihr das Alte nicht für entbehrlich und verachtenswert haltet. Ehrt es! Denn es verbindet euch mit euren Ursprüngen. Tut ihr es nicht, wird es euch schlecht ergehen!

Ich fand schon immer Luthers Auslegung dieses Gebots unerträglich, und wie vieles andere, was man uns im Konfirmationsunterricht erzählte, rief es bei mir nur Empörung hervor. Die Mutter wollte ich ja gern ehren, dafür brauchte ich aber keine kirchliche Anweisung. Die „Herren“ aber? Die, die uns oft genug sinnlose oder sogar menschenfeindliche Vorschriften machten? Nein, denen wollte ich weder dienen noch wollte ich sie lieb und wert halten. Ehre nur, wem Ehre gebührt! (Auch das geht übrigens auf ein Bibelzitat zurück: Apostel Paulus, Römerbrief 13,7 „So gebt nun jedermann, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer, Zoll, dem der Zoll, Furcht, dem die Furcht, Ehre, dem die Ehre gebührt.“)

Wir hatten grad die NS-Zeit hinter uns, und der Gehorsam gegenüber dem, was diese „Herrenmenschen“ befahlen, hatte uns weder ein gutes noch ein langes Leben beschert.  Es hatte das Land, das „Gott uns gegeben hatte“, aufs Fürchterlichste heimgesucht und zerstört. Wir waren „auf dem Weg in eine vaterlose Gesellschaft“ (1963, von Alexander Mitscherlich (1908 – 1982)) weit vorangekommen, und ich war keineswegs auf der Suche nach einem Ersatz-Vater oder übergroßen Über-Ich.  Nein, für mich war abgemacht: ich würde jeweils sehr genau prüfen, wessen Anordnungen ich – wenn überhaupt – Folge leisten würde!

Außerdem hatte Jesus doch etwas ganz anderes gepredigt?

Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein. (Luk 14,26)

Nun, „hassen“ ist ein sehr hartes Wort. Gemeint ist wohl eher, dass die, die ihm „nachfolgen“ wollen, die familiären Bindungen aufgeben müssen.

Und wie ist es heute in einer Zeit, wo Kinder ihre Eltern zwar nicht in der „Nachfolge Christi“, wohl aber im Verlangen nach „Selbstverwirklichung“ verlassen? Ist das verwerflich? Ist es nicht richtig, seinen eigenen Kopf zu haben und sich nicht gebunden zu fühlen an Überlieferung? Wo jede Generation sich von der vorangegangenen abzusetzen bestrebt ist und ihr erklärt, dass die Eltern alles falsch gemacht haben und man selbst es besser machen wird?

Ich bin auch so eine, die „Vater und Mutter“ verlassen und sich allein auf den Weg gemacht hat. Wir leben in einer Zeit, in der jeder auf sich selbst gestellt in Freiheit sich entwickeln will. Das schließt freilich nicht aus, Vater und Mutter nebst all dem zu ehren, was einem den Start ins Leben ermöglicht und einen genährt hat, solange man selbst nicht dazu in der Lage war. Und es ist durchaus angebracht, es gebührend heimzuzahlen, finde ich. Und das heißt: Gutes mit Gutem zu vergelten, Schlimmes abzuwägen und in sich zu gehen, obs noch immer so schlimm ist, dass es vergolten werden muss, oder ob man es auch einfach als „geschehen“ abbuchen darf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Farben im September (19): Blütenakzente

Ich bin im Garten herumgegangen, um nach Farben zu schauen. Viele Blüten gibt es momentan nicht, aber die wenigen setzen reizende farbige Akzente im allgemeinen Grün. Rot herrscht vor, Blau sieht nach, Gelb und Weiß fehlen.

Dies ist mein 19. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben.

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112 Stufen, 108: Stille (Graf von Schulenburg, Joseph Mohr, Stille Nacht)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Kaum konnte ich das Wort auf der 108. Stufe des Holsteiner Treppe entziffern. Es ist mit Hellgrün auf Türkis geschrieben, es tönt nicht laut, es lispelt und flüstert nur leise.

Stille also.

Über allen Gipfeln ist Ruh ….

„Wandrers Nachtlied“ von Johann Wolfgang von Goethe fällt mir zuerst ein – aber das habe ich schon auf der 87. Stufe unter „Schweigen“ erinnert. Schweigen, Ruhe und Stille sind wohl ähnlich, aber nicht dasselbe.

„Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ ist der nächste Spruch, der mir einfällt. Aber woher stammt er? Da muss ich recherchieren: Die, die diesen Satz auf roten Flugblättern zuerst lasen, waren die Bürger Berlins des Jahres 1806, im Oktober.

 

„Der König hat eine Bataille verloren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht.

Veranlasst hatte die Informationskampagne der damalige preußische Minister Friedrich Wilhelm Graf von der Schulenburg, der damit den Untertanen die doppelte Niederlage bei Jena und Auerstedt gegen Napoleon kundtat. Die Toten wurden begraben oder auch nicht, der Preußische Hof verabschiedete sich nach Ostpreußen, die deutschen Lande gerieten unter französische Besatzung, zumal auch die Österreicher zuvor in der Schlacht von Austerlitz die Kontrolle über große Gebiete verloren hatten. 

Aber Halt! Es geht auf dieser Stufe ja gar nicht um das Wort „Ruhe“, sondern um „Stille“. Und das ist doch nicht dasselbe, oder?

„Ruhe!“ erinnert mich an einen Ruf, um den Lärm im Inneren und Äußeren zu dämpfen. In „Ruhe“ klingt die Unruhe mit. Ruhe vor dem Sturm…. Bei „Stille“ halte ich lauschend mein Ohr ins All.  Und was klingt mir da leise entgegen? Das auch bei uns zu Hause mit Inbrunst gesungene Weihnachtslied:

Stille Nacht, heilige Nacht

Originalmelodie

 << \new Staff << \new Voice="melody" \relative c'' { \autoBeamOff \tempo 4 = 60 \set Score.tempoHideNote = ##t \voiceOne \language "deutsch" \key d \major \time 6/8 a8. [ h16 ] a8 fis4 h8\rest a8. h16 a8 fis4 h8\rest e8. [ dis16 ] e8 cis4 h8\rest d8. [ cis16 ] d8 a4 h8\rest h4 h8 d8. [ cis16 ] h8 a8. h16 a8 fis4 h8\rest h4 h8 d8. [ cis16 ] h8 a8. h16 a8 fis4 h8\rest cis8. cis16 cis8 e8. d16 cis8 d4. ( fis4 ) h,8\rest d8. a16 fis8 a8. g16 e8 d4.~ d4 h'8\rest } \new Voice \relative c' { \voiceTwo \autoBeamOff %\omit "Rest_engraver" fis8. [ g16 ] fis8 d4 s8 fis8. g16 fis8 d4 s8 g8. [ fis16 ] g8 e4 s8 fis8. [ e16 ] fis8 fis4 s8 g4 g8 h8. [ a16 ] g8 fis8. g16 fis8 d4 s8 g4 g8 h8. [ a16 ] g8 fis8. g16 fis8 d4 s8 e8. e16 e8 g8. fis16 e8 fis4. ( a4 ) s8 fis8. fis16 d8 fis8. e16 cis8 d4.~ d4 } >> \new Lyrics \lyricsto "melody" { Stil -- le Nacht! Hei -- li -- ge Nacht! Al -- les schläft; ein -- sam wacht Nur das trau -- te hei -- li -- ge Paar. Hol -- der Knab’ im lok -- kig -- ten Haar, schla -- fe in himm -- li -- scher Ruh! __ Schla -- fe in himm -- li -- scher Ruh! __ } >>

mein erstes Weihnachten, 24.12.1942 (ich bin die im Korb). Am Tag zuvor fiel unser Vater in Stalingrad.

Entstanden ist das Lied zehn Jahre nach dem obigen Satz des ruhegebietenden preußischen Ministers: 1816. Geschrieben hat es der Hilfspfarrer Joseph Mohr (1792–1848) von Mariapfarr im Salzburger Land. Die Melodie stammt vom armen Dorfschullehrer und Organisten Conrad Franz Xaver Gruber (1787–1863). Erstmals sangen die beiden (Tenor und Bariton) das Lied am Heiligen Abend 1818 in der St. Nikolaus-Kirche in Oberndorf bei Salzburg. Es gefiel und gelangte über einen Orgelbauer in die Gemeinde Fügen, wo die dortigen Sänger im Oktober 1822 Gelegenheit hatten, dem Kaiser Franz I und dem Zaren Alexander I vorzusingen. Die befanden sich auf der Durchreise zum  „letzten Monarchenkongress“ der Heiligen Allianz in Verona, wo man um Territorien und Grenzen schacherte, mal wieder ohne die Menschen zu fragen, für welchen Herrn sie in Zukunft bluten wollten  … Das war im Jahr nach Napoleons Tod auf St. Helena….

Zeitgenössische Karikatur des Kongresses von Verona (1822)

Mit einer Tiroler Händlerfamilie kam das Lied zu Weihnachten 1831 nach Leipzig, wo die singende Kinderschar Strasser zum Success wurde. Es zirkulierten bald schon Flugblätter mit dem Text und 1841 dann auch im ordentlichen Druck.

15.12. (3. Advent)

Seither wurde das Lied in 320 Sprachen übersetzt. Beim „Weihnachtsfrieden“ 1914 sangen es die Soldaten der feindlichen Heere auf Deutsch und Englisch.  Mit Bing Crosbey wurde es 1934 zum Weltschlager. Die Nazis machten einen Versuch, es auf den Führer umzudichten, aber das gefiel den Deutschen nicht. Weihnachten 1941 sangen es Rooseveld und Churchill gemeinsam im Weißen Haus – und sicher sangen es auch die Soldaten in den Pausen blutiger Schlachten an der Ostfront, die Bewohner der bombardierten Städte, die Bewacher und vielleicht auch die Insassen der KZs und jeder und jede in allen Sprachen der Welt.

Im März 2011 wurde das Lied zum Immateriellen Kulturerbe Österreichs.

(Quelle der Angaben: Wikipedia).

Der Text:

Stille Nacht, heilige Nacht
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
nur das traute hoch heilige Paar.
„Holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh‘,
schlaf in himmlischer Ruh‘!“

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
lieb‘ aus deinem göttlichen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund‘:
Jesus in deiner Geburt.
Jesus in deiner Geburt.

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
aus des Himmels goldenen Höh’n
uns der Gnade Fülle lässt sehn:
Jesum in Menschengestalt.
Jesum in Menschengestalt.

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut‘ alle Macht
väterlicher Liebe ergoss,
und als Bruder huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt.
Jesus die Völker der Welt.

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
als der Herr, vom Grimme befreit,
in der Väter urgrauer Zeit
aller Welt Schonung verhieß,
aller Welt Schonung verhieß.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Hirten erst kundgemacht!
durch der Engel Halleluja
tönt es laut von Ferne und Nah:
Jesus, der Retter ist da!
Jesus, der Retter ist da!

 

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Farben im September: Granatapfelfarben

Welche Farbe hat der Granatapfel? Nun, je nachdem. Am 10. September des vorletzten Jahres zeigte ich den Himmel im „Granatapfellicht“

und die Früchte, die ich am selben Tag fotografierte, bestätigten den Befund:

Heute aber, obgleich das Jahr weiter forgerschritten ist, fand ich am Granatapfelbaum eine ganz andere Farbe: Wie nenne ich sie? Grüngolden?


Oder doch eher golden, wie die Äpfel der Hesperiden, benannt nach ihren Bewacherinnen, den Töchtern des Abendsterns?

Am Boden liegend zeigten sie sich mir noch einmal in einer anderen Farbe, und ihre Gestalt, obgleich noch erkennbar, war von Alter, Witterung und nagenden Tieren ausgehöhlt.

Das also ist die Farbe des Granatapfels….

In der Wandmalerei von Pompeji gibt es ein besonderes Rot, das Pompeji-Rot, das dem des reifen Granatapfels gleicht. Die Hitze des Vulkanausbruchs verwandelte das ursprüngliche Goldgelb in ein feuriger Rot (siehe hier).

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Herakles im Garten der Hesperiden, Villa bei Neapel (Foto von User AlMare – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=652233)

 

Dies ist mein 18. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben.

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Farben im September: aprikosenrot überhauchtes Quittegelb

Die Quitten reifen vor sich hin. Gestern fiel mir eine auf, die sich vom Aprikosenrot des Abendhimmels bescheinen ließ und damit ihre unscheinbare Farbe rosig einfärbte.

Damit du verstehst, wie der Widerschein zustande kam:

aufgenommen am 16.9. 2025 um 19.43 Uhr,

Dies ist mein 17. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben.

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112 Stufen, 107: Freiheit (Max von Schenkenberg, Hoffmann von Fallersleben, Max Kegel)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Das Lied Freiheit, die ich meine… fällt mir spontan ein, aber den weiteren Text kenne ich nicht und suche ihn bei Wikipedia auf. Es ist ein 15-strophiges Lied, sehr fromm, naturverbunden-sehnsuchtsvoll und vaterlandsliebend-deutschtümelnd. Max von Schenkendorf (1783–1817) erdichtete es im Jahre 1813 (Erstveröffentlichung 1815). Die Melodie dazu schrieb der evangelische Geistliche Karl August Groos (1789-1861) und machte es damit zum Volkslied.

Entstanden im Geist der „Freiheitskriege“ (Völkerschlacht von Leipzig 1813) gegen die Napoleonische Besatzung wurde es zum Lieblingslied der nachfolgenden deutschen Regime, bis hin zum preußischen Kaiserreich und drüber hinaus. In der sozialdemokratischen Fassung (1891) von Max Kegel (1850-1902) fehlen die Strophen 4. und 6. und der religiöse Anteil ist entfernt, So heißt es statt „Gott“ „Freiheit“, zB „Wo sich Gottes Flamme“ wurde ersetzt durch „Wo der Freiheit Flamme“ …, das deutsch-nationale Element blieb hingegen erhalten.

Die übliche achtstrophige Fassung (s.o.)  empfahl das preußische Kulturministerium 1912 für den Schulunterricht der 7.-8. Klassen. 1933 fand das Lied Aufnahme im SA-Liederbuch.  Auch nach dem Krieg fand insbesondere die erste Zeile vielfältigste Verwendung in der Werbung, im Musikbetrieb, in der rechten und in der linken politischen Szene….und daher kenne ich sie auch. Jeder meinte natürlich eine andere Freiheit.

Das Original-Gedicht als screenshot:

Die Melodie ist so eingängig, dass sie für weitere Gedichte Verwendung fand, so für die geistliche Umdichtung Freiheit, die ich meine, ist kein Schattenbild (1847) des pietistischen Pädagogen Christian Heinrich Zeller (1779-1860), für das sehnsuchtsvolle „Pommernlied“ (Nationalhymne Pommerns) „Wenn in stiller Stunde“ (1850) des lutheranischen Geistlichen Gustav Adolf Pompe (1831-1889) und für „Abend wird es wieder“ des Germanisten August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), dem wir auch dasLied der Deutschen (1841) verdanken, das er anlässlich der sog. Rheinkrise auf Helgoland dichtete (es ging um die umstrittenen Gebietsansprüche Deutschlands und Frankreichs am Rhein) und das er nach Joseph Haydns (1732-1809) Melodie zu „Gott erhalte Franz den Kaiser“ gesungen wünschte. Die dritte Strophe,  in der bekanntlich ebenfalls von Freiheit die Rede ist, wird bis heute als Nationalhymne nach Haydns Melodie für den Kaiser Franz gesungen:

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!

Nun aber zurück zur „Freiheit, die ich meine“. Das ist ja die kritische Frage: welche Freiheit meine ich? Max von Schenkendorf meint zum einen die Freiheit, sich aus der steinernen Welt der Großstadt entfernen und sich am Busen der Natur und liebender Freunde frei fühlen zu können (Strophen 3-5, 11). Zum anderen meint er die innere Glaubensflamme, die durch den Aufblick zu den Sternen und das „Hirtenkind“ (Jesus) entfacht und in vaterländischen Heldentaten zum hellen Entflammen gebracht wird. Freiheit ist ein „holdes Wesen, gläubig, kühn und zart“, das sich auf „deutsche Art“ köstlich reimt.

Das also ist der Freiheitsbegriff, der am Anfang der deutschen nationalen Einigung stand. Er klingt bis heute in vielen deutschen Herzen nach und wird bei sportlichen Großereignissen wie zuletzt bei der Basketball-Europameisterschaft mit Inbrunst besungen. Andererseits herrscht heute in Deutschland ein vollkommen anderer individueller Freiheitsbegriff vor, der am ehesten als Freiheit der Wahl zwischen Gütern, Lebenswegen, Glaubensbekenntnissen und Geschlechtern zu bezeichnen wäre. Die Gleichzeitigkeit so verschiedener Freiheitsbegriffe führt zu starken Spannungen bis hin zu dem, was neuerdings als „Kulturkampf“ bezeichnet wird.

Der nationale Freiheitsbegriff wird, da er nicht tot zu kriegen ist, nun gerade von Deutschen, die ihn in Deutschland selbst für anrüchig halten, auf andere Nationen projiziert,  die ihn kämpferisch durchsetzen wollen.  Die Ukraine ist die aktuellste Projektionsfläche für diese heimlichen „patriotischen“ Gelüste, denn dort kann man, ohne in Verdacht rechten Gedankenguts zu geraten, unter Symbolen faschistischer Aktivisten und nationalistischer Parolen „unsere Freiheit“ verteidigen.

 

 

 

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Tägliches Zeichnen (Stillleben und Feigenkaktus)

Nach einer recht langen Sommerpause habe ich die tägliche Zeichenübung wieder aufgenommen, treu der Paul Klee’schen Empfehlung an seine Studenten: „Kein Tag ohne einen Strich“. Das geht nun schon fünf Tage so. Die ersten Zeichnungen entstanden im Atelier: ich zeichnete an drei aufeinander folgenden Tagen die Ansammlung von Vasen und Co auf einem Tisch, mit Kohle, auf billigen mittelgroßen Papierbögen.

Die Vase mit den aufgemalten Spiralen ist übrigens mein eigenes Werk. Ich habe sie vor sehr vielen Jahren gemacht, als ich ein bisschen getöpfert habe, und sie hat alle Umzüge gut überstanden.

Die nächsten beiden Zeichnungen entstanden an einem Abend am Küchentisch, gezeichnet mit Filzstift im neuen Zeichenblock von guter Canson-Qualität. Die Weißweinflasche hat es auch zum Blog-Challenge „Farben im September“ als spiegelndes Flaschenbraun geschafft.

Die letzte Zeichnung enstand gestern am späten Nachmittag, wiederum mit Kohle auf billigem mittelgroßem Papierbogen, vor dem Atelier: Es zeigt einen Teil unseres riesigen Feigenkaktus. Für diese Zeichnung brauchte ich mehrere Anläufe. Ich zeige die erste und letzte Fassung.

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112 Stufen, 106: Glauben (Matthäus, Martin Luther, Max Weber, Sigmund Freud)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die alten Griechen benutzten, so versichert mir mein Mann, das Wort πιστεύω (ich glaube) nicht im heutigen täglichen Wortsinn. Man sagte δωκειν μοι (ich meine). Πίστη (Glauben) sei erst später für alles Mögliche, über das man nichts Genaues weiß, in Verwendung gekommen.

Sicher ist, dass „Glauben“ im Christentum eine sehr bedeutende Funktion hat. Dass der Glaube Berge versetzen kann – das hat wohl zuvor niemand behauptet.

„Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könntet ihr sagen zu diesem Berg: Hebe dich dorthin, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.“ (Matthäus 17,20)

Im wörtlichen Sinne wird es nicht gemeint sein – wie aber dann?

Die häufigste Deutung ist: wenn du einen festen Glauben hast, dann kannst du jegliches Hindernis überwinden. Doch Glauben an wen? Im Evangelium ist es klar definiert: an das, was Jesus verkündet. Heute aber bedeutet es für die meisten: Glauben an sich selbst, an die eigene Kraft. Wenn ich an mich selbst glaube, dann kann ich jedes Ziel erreichen.

Nicht von der eigenen Kraft, sondern von der Zuversicht, dass Gott bestens für alles sorgt wie ein Vater für seine Kinder, spricht Martin Luthers (1483-1546) Glaubensbekenntnis. Die erste Strophe seines Lieds „Wir glauben an einen Gott“ lautet:

Wir glauben all an einen Gott,
Schöpfer Himmels und der Erden,
der sich zum Vater geben hat,
dass wir seine Kinder werden.
Er will uns allzeit ernähren,
Leib und Seel auch wohl bewahren;
allem Unfall will er wehren,
kein Leid soll uns widerfahren.
Er sorget für uns, hüt’ und wacht;
es steht alles in seiner Macht.

Es folgen dann noch zwei Strophen, die das Glaubensbekenntnis vervollständigen

Wir glauben auch an Jesus Christ,
seinen Sohn und unsern Herren,
der ewig bei dem Vater ist,
gleicher Gott von Macht und Ehren,
von Maria, der Jungfrauen,
ist ein wahrer Mensch geboren
durch den Heilgen Geist im Glauben;
für uns, die wir warn verloren,
am Kreuz gestorben und vom Tod
wieder auferstanden durch Gott.

Wir glauben an den Heilgen Geist,
Gott mit Vater und dem Sohne,
der aller Schwachen Tröster heißt
und mit Gaben zieret schöne,
die ganz Christenheit auf Erden
hält in einem Sinn gar eben;
hier all Sünd vergeben werden,
das Fleisch soll auch wieder leben.
Nach diesem Elend ist bereit’
uns ein Leben in Ewigkeit.

Auch in diesen Strophen ist nirgends davon die Rede, dass der Mensch aus eigener Kraft etwas zu leisten vermag. „Für uns“ ist Christus gestorben, der Heilige Geist ist „des Schwachen Tröster“ … und am Ende des irdischen Jammertals ist uns ein ewiges Leben bereitet.

„Glauben“ verliert in der lutherischen Interpretation seinen Handlungs-Impuls, er wird zum „Empfangen der Gnade“. Das eigene Tun vermag nichts, nur der Glaube kann dich erlösen.

Erstaunlich ist, dass ausgerechnet Menschen dieses Glaubens die besten Geschäftsleute und Industriellen wurden – so jedenfalls Max Webers Ansicht, niedergelegt in „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (erste Teil-Veröffentlichung 1904-5, überarbeitete Fassung 1920). Wenngleich er vor allem den Calvinismus im Auge hat, bezieht sich seine Analyse auf die gesamte protestantische Welt, der er einen „spezifisch gearteten Rationalismus“ unterstellt.

Welcher „Rationalismus“ aber soll das sein, der dem Glauben alles, dem Wissen und dem Tätigsein nichts zutraut?

Freilich hat Luther eine Tugend besonders betont: den Arbeitsfleiß. Der Mensch soll fleißig arbeiten, das sei gottgefällig und viel besser als die mönchische Askese. Außerdem predigte er „Gehorsam gegen die Obrigkeit und Schickung in die gegebene Lebenslage“ (Max Weber, Bd. 1, S. 72).

Für den sich entwickelnden Kapitalismus waren das ganz gute Voraussetzungen, aber sie reichten nicht. Die auf Luther folgenden Reformbestrebungen – insbesondere der Calvinismus – waren da schon besser abgestimmt. Denn im Calvinismus wird geglaubt, dass Rettung oder Verdammung vorbestimmt (prädestiniert) seien, dass aber jeder Gläubige sich so verhalten soll, als wäre er ein Auserwählter. Er wird angehalten, sich zum „selbstgewissen Heiligen“ zu erziehen. Da er aber nicht sicher sein kann und auch niemandem von seiner Angst erzählen darf -es wäre ein Eingeständnis seiner Verworfenheit – steht er unter gewaltigem Stress. Und da Gott dem Auserwählten schon in diesem Erdenleben alles Gute gönnt, steht er unter Erfolgszwang, um zu vermeiden, für verdammt zu gelten….

Übrigens spricht Weber nicht von Ursache-Wirkung, sondern von Korrespondenz der beiden Phänomene Protestantismus und Kapitalismus. Und so weit will ich es denn auch gelten lassen. Denn einen kausalen Zusammenhang kann ich nicht erkennen: Der Glaube, wenn er als Glaube an die Gnade Gottes oder gar als Prädestination definiert ist, ist weder rational noch hilft er, Berge zu versetzen und auch nicht, eine Fabrik zu gründen und Kapital anzuhäufen. Vielleicht aber sind sowohl die gläubigen Protestanten als auch die Kapitalisten und überhaupt alle Anhänger einer monotheistischen Religion Opfer einer kollektiven Zwangsneurose, von der Sigmund Freud in seinem letzten großen Buch „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ spricht (1934-39). Siehe auch:

Jan Assmann: Zwangsneurose oder Fortschritt in der Geistigkeit. Zu Freuds Religionskritik

Die Legearbeiten habe ich mit Maries Schnipseln gemacht.

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