Nachtrag zum pompejanischen Rot

Viele schöne persönliche, tief empfundene Kommentare habt ihr dem Rot von Pompeji gewidmet. Anstatt sie einzeln zu beantworten, schreibe ich besser einen Nachtrag, der für alle sichtbar ist:

Babsi, du wunderst dich über die Haltbarkeit der Farben, und tatsächlich sind sie von einer erstaunlichen Leuchtkraft, dabei innig, einhüllend und zart. Die Antwort findest du weiter unten.  Der große Brand hat die Farben zum Leuchten gebracht!

Gann Uma, du fragst dich, ob es eine frühe spirituelle Bedeutung des Rot gab, die „sich  langsam verabschiedet hat. Ins Unreine asssoziiert“. Ich vermute, du meinst damit die erotische Assoziation, die ja auch in Pompeji direkt evoziert wird? Rotlicht-Quartier? Eros war freilich der höchste Gott, bevor er von anderen Göttern abgelöst wurde. Amor omnia vincit. Heilig ist der Geschlechtsakt, da er das Mysterium des Lebens weiterträgt.

Das schwingt auch in deinemKommentar mit, Petra: „Hier geht’s ums Ganze!“ – und eben nicht nur ums krass Geschlechtliche. „Da ist etwas Durchscheinendes, Transparenz und Spirituelles dabei, Lebendigkeit, leidenschaftliche Begeisterung, lichtvoll, mutmachend, Urvertrauen schaffend…“ Vielleicht ist es das rot schwingende Ja zum Lebendigen, das dem Weiß und Schwarz des Todes Widerpart bietet?

Meinst du dies, Ulli, wenn du das Rot an Hauswänden als erfrischend, belebend empfindest? Es heißt, es könne böse Geister vertreiben (Feng Shui). Was bedeutet das anderes, als dass dies Rot dem Leben zugewandt macht? Wer dem Leben zugewandt ist, braucht böse Geister (Depression, Neid, Gier, Missgunst) nicht zu fürchten.

Bruni, du assoziierst Terrakottarot – rötlichen Ton aus der Provence, und fragst dich, was dem leuchtenderen Rot wohl beigemischt worden sei? Vielleicht Purpur von Schnecken? Auch du, Gerhard, wüsstest gern „woraus dieses Rot gewonnen wurde“.

Ja, woraus? Ich habe ein bisschen recherchiert, denn natürlich will auch ich wissen, wie Natur und Menschenwerk zusammenwirken in der Herstellung dieser besonderen Farbe. Da ist zum einen die Natur, die uns „Terra di Siena natur“ – eine gelbliche Tonerde – zur Verfügung stellt. Sie besteht hauptsächlich aus Eisenoxiden und Silikaten. Damit sie rot wird, braucht es die menschliche Intervention: Beim Brennen  verliert Terra di Siena Wasser und es bildet sich rötlicher Hämatit.

Tanja im Norden erinnert sich an ein nachgebautes Haus aus Pompeji und fragt sich, wie gut der Farbton wohl getroffen wurde.  – Heute produziert man pompejanisches Rot synthetisch – aber ach, die besondere Farbigkeit, die durch Körnigkeit und Begleitmaterialien entsteht, kann man so natürlich kaum erzeugen. Es kommt also drauf an, ob bei dem nachgebauten Haus die alte Verfahrensweise angewendet wurde.

Hauswand in Neapel

Karin, du empfindest das „glühende Vulkanrot in all seinen Schattierungen“  durchaus nicht als bedrohlich, sondern als warm umhüllend. Wie recht du hast mit dem „glühenden Vulkanrot“!  Denn ich fand auf einer klugen website Überraschendes, das zugleich auch eure Frage, Bruni und Myriade, beantwortet, ob es denn überhaupt nur eine Farbe sei.

Ursprünglich glaubte man, dass es sich bei all den Rotschattierungen in Pompeji und Herkulanum um ein und dieselbe Farbe handele. Doch inzwischen weiß man, dass es  in den weitaus meisten Fällen kein Rot, sondern ein Gelb war!!! Erst durch die beim Vulkanausbruch erzeugte Hitze wurde das gelbe Pigment Terra di Siena natur zum roten Eisenoxyd! Der Tod bringende Lava-Brand hat den gelb-ockrigen Lehm in das leuchtende Rot des Vertrauens, der Liebe verwandelt. Mysterium der Transformation.

Mächtige Naturkräfte waren es also, die das vom Menschen Geschaffene noch einmal überformten und eine Wirkung hervorbrachten, vor der wir heute staunend und andächtig stehen. Eine Rotschwingung, in die wir, wie du, Sonia, anrätst, lange und tief atmend mit Seelenflügeln fliegen sollten…

Ganz prosaisch möchte ich nun das Rot-Kapitel mit einer weiteren Entdeckung abschließen: die mystische Wirkung des Rot ist durchaus an die Wände gebunden, an denen es sich nach dem gewaltigen Brand über zwei Jahrtausende erhalten hat. Wenn du dasselbe Rot auf andere Gegenstände überträgst, bleibt von der Wirkung nichts erhalten.

Hier mein“Beweis“: Ich habe eine pompejische Pflanzen-Säule ins Foto einer Neapel-Szene einmontiert und die Farbe mechanisch übertragen: aus zwei mach eins.

plus  macht 

Hier habe ich zwei andere Szenen kombiniert und das unterschiedlich abgeschattete Rot sowie die anderen Farben des Wandgemäldes aufs Foto des modernen Neapel übertragen. Was bleibt?

 

 

 

 

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, alte Kulturen, die schöne Welt des Scheins, Elektronik, Fotografie, Katastrophe, Kunst, Leben, Materialien, Methode, Natur, Psyche, Reisen, Umwelt abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

23 Antworten zu Nachtrag zum pompejanischen Rot

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Sehr ausführlich, danke!!

    Das mit dem ursprünglichen Gelb ist doch hoch-interessant!! Man legt oft etwas in eine Erscheinung, wo einfach nichts ist.
    Chinesisches Porzellan ETWA wird als typisch blau angesehen in der Antike. Wenn man weiß, daß das Blau ein Wunsch der europäischen Kunden war und eben deswegen so auf dem Markt gebracht wurde, dann wird manches regelrecht profan, bzw. leicht herleitbar.

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      So ist es. Ein sehr bekanntes Beispiel ist ja auch Winckelmanns Verehrung für die weißen griechischen Götterbilder und die dachlosen Tempel. Dennoch stimme ich dir nicht zu, wenn du sagst, „wo einfach nichts ist“. Historisch ist es zwar falsch, aber dennoch „ist“ es und entfaltet seine Wirkung bei uns Nachgeborenen. Die Tempel SIND weiß und dachlos, die chinesischen Vasen SIND blau und die Wandbilder in Pompeji SIND rot grundiert. So wie sie jetzt sind, wirken sie auf uns, und nicht in ihrer ursprünglichen Form.

      Gefällt 4 Personen

      • kopfundgestalt schreibt:

        Du weiß, wie ich es meinte, liebe Gerda.:-)
        Manchmal waren Gestaltungen sicher nur profran und von „schlichten“ Mustern herrührend. Wenn ich dann diese Gestaltungen in der Jetztzeit hochstilisiere und ihnen eine besondere Seele zuschreibe, dann bin ich es, der sie so hochhebt.Ich kann diese Verehrung in mir gut heissen, aber das wird der Antike nicht gerecht.

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    • gkazakou schreibt:

      Genauso sehe ich es auch, Gerhard. Mir gefallen solche Debatten,denn erst dadurch wird mir klarer, was es mit dem „Schein“ und „Sein“ auf sich hat.
      Eine kleine Erweiterung dazu: Wenn ich einen Sonnenuntergang sehe, weiß ich, dass die Sonne keine kleine rote Kugel ist und nicht im Meer versinkt – dies Wissen hat mir die Wissenschaft gegeben -. Zugleich staune ich und spüre tief in mir das Glühen der Sonne, folge ihrem Lauf, wie sie im Meer versinkt, in mir klingt die große Poesie nach…. Denn eins ist das Wissen, das andere sind sinnliche Wahrnehmung und Empfindung. Wenn man sich zu sehr dem Wissen (der Vernunft) verschreibt, verarmt das Erleben. Wenn man sich zu sehr dem Gefühl hingibt, wird das Erleben schwammig. Beides muss ich gleichzeitig aufrufen und im Gleichgewicht halten, will ich vertieft und wahr erleben
      In einem befreundeten Blog (welchem?) las ich heute ein Zitat von Blaise Pascal, in dem das gut gefasst wird: Zwei Irrwege gibt es, sagt Pascal: sich ausschließlich auf die Vernunft zu verlassen und die Vernunft ganz beiseite zu lassen.

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      • kopfundgestalt schreibt:

        Da sind wir ja eigentlich d’accord.
        Ein Freund von mir ist äusserst belesen (es gibt kein Gebiet, in dem er sich nicht bestens auskennt (dies aber aus Interesse, nicht um damit zu prahlen)).
        Gleichzeitig ist er ein Freund der Sinne. Er liebt bestimmte Stimmungen und streift oft durch die Natur. Er weiß um die Menschen, ihre Gefühle,, ihre Verortungen, ihr Weh und Ach.

        Das in aller Kürze.

        Was nützt alles Wissen, wenn man nicht zu leben versteht (das ist jetzt von mir).

        Danke.

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  2. Ulli schreibt:

    Danke Gerda! So ein schönes Beispiel wie Zeit und in diesem Fall auch das Feuer Farbe veränderte und eine Lebendigkeit schafft, die in jedem „synthetischen“ Prozess nicht herzustellen ist. Deine Beispiele zeigen dies eindrücklich, auf der einen Seite: Lebendigkeit, auf der anderen Fläche, die weit entfernt von Lebendigkeit ist.
    Ich selbst habe schon öfters versucht auf dem PC Flächen farbig zu füllen und stolperte immer wieder genau über diese „tote“ Flächigkeit, sodass ich eben dazu übergegangen bin Hintergründe zu fotografieren, so erreichte ich eine Lebendigkeit, die vorher nicht gegeben war.
    herzliche Spätabendgrüße an dich, Ulli
    seit gestern denke ich an die Freude von Tito, dass ihr nun wieder bei ihm seid … ist das so?

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    • kopfundgestalt schreibt:

      Ein Mikrostück deiner Erfahrungen 🙂

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    • kopfundgestalt schreibt:

      Du kennst ja Tito. 🙂

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      • Ulli schreibt:

        Aber ja! Du erinnerst dich (?), ich habe im Frühlinge Gerda besucht…

        Gefällt 2 Personen

      • kopfundgestalt schreibt:

        Selbstverständlich weiß ich davon 🙂

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      • Ulli schreibt:

        Gerda … mir fällt gerade noch etwas ein, als ich in der Töpferei ein Praktikum machte, gab es eine Glasur, die normaler Weise grün und matt wurde, einmal aber wurde der Ofen höher eingestellt und heraus kam eine rot hochglänzende Glasur, die allerdings Blasen geworfen hat. Es ist doch wieder einmal spannend wie die Temperatur dafür verantwortlich ist, ob etwas gelb oder rot, grün oder rot wird, natürlich spielen die Ingedrenzien dabei ebenfalls eine wesentliche Rolle. Besonders schwierig war es für die Ägypter und ihre Goldglasuren, sie mussten die Farbe des Feuers im Auge behalten, nur ein paar wenige Grade zu viel und schwupps wurde aus gold schwarz.
        So, nun aber genug davon!

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, er freut sich. Aber er schläft oben draußen bei unseren Gästen und hat ein bisschen schlechtes Gewissen….Die reisen morgen ab und er wird wieder mit uns vorlieb nehmen müssen.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Ulli, für diese Assoziationen. Ja, es ist interessant und würde genaueres Studium erfordern, wie die Hitzegrade sich auf das Ausfällen von Metallen aus Tonerden auswirken, und wie frühere Kulturen ihre Brenn-Verfahren entwickelt und kontrolliert haben.
      Mir ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig, das Verhältnis von Natur- und Menschenwerk wahrzunehmen – und wie dieses dann von den ganz und gar unbeherrschbaren Vulkankräften noch einmal überformt wurde. Es ist dieses Nacheinander von kleinen menschen-gesteuerten Verfahren und der überwältigenden Naturkraft, die mich im fFall des pompejischen Rot fasziniert. Ähnliches empfindet man sicher bei den Städten der Maya, die vom Dschungel zurückgeholt wurden, oder bei der Unterwasser-Archäologie, wenn man Skulpturen und Amphoren ans Licht bringt, die vollkommen von Muschelkalk überwuchert sind.

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  3. finbarsgift schreibt:

    Noch nie sind zwei Autos besser in Szene gesetzt worden *g*

    Interessante discoursliche Rotverschiebungen. HIER diskutieren KÜNSTLER!

    Liebe Morgengrüße vom Lu

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  4. juergenkuester schreibt:

    Ein Beitrag, liebe Gerda, nach meinem Geschmack, danke! Jetzt schließt sich bei mir die Wissensluecke, die seit meinem Besuch in Pompeji vor Jahren trotz meiner Fotos zu diesem Rot bestand. Bravo!
    Liebe Grüße aus Lökken, Norddänemark. Hier dominieren momentan die Ockertöne.

    Gefällt 1 Person

  5. Myriade schreibt:

    Gelb zu Rot durch Naturkatastrophe. Faszinierend!

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  6. tontoeppe schreibt:

    Toll ist die Montage und wunderbare Lektüre auch Dein Nachtrag… Dank Dir, Gerda.

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  7. www.wortbehagen.de schreibt:

    Das ursprüngliche Rot, dieser ganz bestimmte Rotton wird uns nie vor Augen kommen, nur noch das, was die Hitze der Lava veränderte. Es ist gut so, alles brauchen wir nicht zu wissen, ein bissel Geheimnis muß sein *schmunzel*
    Du hast einen wundervollen Beitrag (und Kommentarantworten) geschieben, liebe Gerda, und ich picke mir einen einzigen Satz heraus
    *Wenn man sich zu sehr dem Wissen (der Vernunft) verschreibt, verarmt das Erleben.*
    Den klugen Rest habe ich einbehalten, denn daß die Balance da sein muß zwischen Vernunft und Gefühl, das wissen wir alle, hoffe ich, auch wenn ich es manchmal vergesse und dem Gefühl mal wieder den Vorzug gebe 🙂

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