Ich möchte sie feiern: die ersten Zistrosen des Jahres.
Heute zieht eine schöne Mergelwand meine Aufmerksamkeit auf sich. Nicht nur ist sie von feiner Maserung durchzogen, sondern …
…. es sind auch viele kleine Höhlen hineingegraben – ein wenig wie die Höhlenwohnungen in Kappadokien, denke ich.
Dora, die gerade so etwas wie ein historisches Interesse entwickelt, ist angetan von meinen Erzählungen über Frühformen menschlicher Siedlungen. Nicht dass ich nun eine Expertin wäre – aber für eine erste Einführung langt es.
Einerseits freue ich mich an Doras neu erwachtem Interesse, gehe auch bereitwillig auf Fragen ein und reichere meine Erzählung an mit einer Beschreibung der Höhlenwelt von Petra in Jordanien, die ich tatsächlich bereist habe. Ich erzähle auch von Will.ie und ihrem Aufenthalt in Niger, und von der dortigen Höhlenmalerei. https://gerdakazakou.com/2021/03/22/endzeit-endlos-malerei-niger/

Andererseits bremse ich ihren Forschergeist: „Nein, nein, du musst jetzt nicht in jede Höhle kriechen und nachsehen, ob sie bewohnt ist, Dora! Kann ja sein, dass da Eier oder Larven drin liegen, die würdest du stören,“ ermahne ich sie.“Ach was!“ ruft sie zurück, „hier ist niemand! Und wenn ich auf Larven stoße, dann schenk ich ihnen was zum fressen!“
Ich habe keine Ahnung, welche Art von Insekten die Baumeister sein könnten. Mit dem bloßen Auge kann ich gar nichts entdecken, und auf dem Foto sehe ich nur, dass vom Hauptgang ein Nebengang abzweigt.
Im weicheren Sockel der Wand gibt Anzeichen von Arbeit an neuen Höhlen, die flach und an den Rändern wie aufgehäufelt wirken.
Könnten das Häuser von Mauerbienen sein?
Noch einmal habe ich von fast demselbn Platz aus die kleine Kirche im Zentrum der Altstadt von Kalamata gezeichnet.
Vorgestern fast derselbe Realitätsausschnitt:
Das Ergebnis aber ist vollkommen. Und das liegt durchaus nicht nur am veränderten Format oder am Wetter, ann der Beleuchtung oder ähnlichen äußerlichen Kriterien. entscheidend sind die zeichnerische Absicht und die jeweilige Befindlichkeit der Zeichnerin.
Als ich gestern zeichnete, schien mir, dass die Szene wie eingehüllt in Saharastaub und eine stille Müdigkeit dalag (hier durch einen Filter verstärkt).
Schuld daran war vermutlich meine eigene Müdigkeit. Denn die Szenerie war, wenn man nach dem Foto urteilt, nicht anders als sonst auch zur frühen Mittagsstunde:
Hier möchte ich an frühere Varianten des Themas erinnern:
Diese Zeichnung vom Juli 2021 hatte ich auch mit einem Foto überblendet und digital bearbeitet.
Eine weitere Zeichnungen von dieser Kirche vom August 2020:
Diese Zeichnung vom Kirchplatz ist vom Juli 2020
Diese ist von einer anderen Seite des Platzes aus gesehen:

Um den Kreis zu schließen, hier noch ein Foto des Kirchplatzes – mit dem Geschäft, das Hüte jeder Art anbietet.

Ich habe heute zwei Bilder mit Spiegeleien zu „April April“ gepostet. Es sind unschuldige Tricksereien, die mit bescheidenen Kenntnissen von Fotoshop leicht herzustellen sind. Dass ich Dora samt ihren Doppelgängern ins Foto eingefügt habe, ist offenkundig. Wie aber ist es mit mir selbst, die per Rückenansicht im Foto zu sehen ist? Es war niemand dort, um mich zu fotografieren, und ein Selfie aus dieser Position könnte ich nicht schießen.
Ich stelle diese Frage, weil ich zeigen möchte, wie leicht Menschen heute in die Irre geführt werden können, weil sie Fotos für Realität halten. Erste bekannte Fälle bewusster Täuschung waren das Entfernen von russischen Revolutionären aus Fotos, nachdem sie in Ungnade gefallen bzw ermordet worden waren. Schau mal hier.
Selbstverständlich wäre es naiv anzunehmen, dass nur Stalin zu solchen Mitteln der Retusche griff. Und noch naiver wäre es anzunehmen, dass die Propagandisten aller Lager die inzwischen gewaltigen Möglichkeiten der Manipulation der Menschen durch Bilder ungenutzt lassen. Das geht von einfachen Tricksereien – zB dass man Särge mit ertrunkenen Flüchtlingen aus Lampedusa zeigt und behauptet, sie enthielten Tote einer noch fast unbekannten schrecklichen Epidemie* – bis hin zu akribischen Bildbearbeitungen.
Was sich im Propagandakrieg abspielt, lässt nur eine Warnung zu: Traue keinem Foto, außer du hast es selbst gefälscht! Quod erat demonstrandum.
Hier die drei Ausgangsfotos meiner heutigen Trickserei.
und das Ergebnis:
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* Einen interessanten Artikel über die Wirkung von Bildern fand ich unter
daraus Zitat: „Ebenfalls aus Italien erreichte uns damals ein Foto mit mehreren Reihen von Särgen, auf denen eine rote Rose liegt, kombiniert mit dem Satz: „Vielleicht ein Grund, dass alle mal zuhause bleiben sollten“. Nur leider: Einen Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gab es in diesem Fall gar nicht, das Foto stammt aus dem Jahr 2013 und zeigt die in einem Flughafen-Hangar aufgereihten Särge ertrunkener Boots-Flüchtlinge auf Lampedusa.“
Kalamata heute. Ein lustiger Wind, mild die Luft. Also mache ich mit Dora einen Stadtbummel. Sie hat viel Spaß an den spiegelnden Scheiben…..
spielt zwischen den Spiegelungen Verstecken, führt mich an der Nase herum. „Fang mich doch, fang mich doch!“ ruft sie von hoch oben, aber da ist sie nicht, ich greife ins Leere. Wo steckt sie denn bloß?
„Hier bin ich!“ höre ich sie von der anderen Seite krähen.
April April kann’s machen wie er will!
Ein starker Wind hat heute einen Teil des Wüstensands, der uns seit Tagen das Licht wegnimmt, davongetrieben. Ob er nun neuen Sand bringt? Vielleicht, Wärme bringt er auf jeden Fall, denn er kommt aus Südwest. Wie auch immer: Das Meer, die große Waschmaschine, hat sich ans Werk gemacht. Ich atme tief durch.
Blick Richtung Kalamata
Düsterer Farbenrausch
Alle Fotos machte ich heute gegen ein Uhr mittags am langen Strand bzw auf der Promenade östlich von Kalamata.
Erstaunen und tiefe Verbeugung bei den Mitspielern, meint Dora, sei die angemessene Art der Begrüßung, wenn sie die Bühne betritt.
Wenn jemand meint, Dora sei ein bissel narzisstisch und selbstverliebt, so möchte ich dem wiedersprechen. Sie ist SEHR selbstverliebt. Oder, um es hoffnungsvoller auszudrücken: Sie ist aus der für Kinder eher normalen „Grandiosität“ und Selbstherrlichkeit noch nicht herausgewachsen, also noch nicht im guten Sinne erwachsen.
Ich nehme an, Dora hat diesen Narzissmus von unserer modernen Kultur aufgesogen. Sie ist ja ein Kind unserer Zeit. (Zu kindlicher Grandiosität hier und hier). Und so meint nicht nur Dora, sondern so mancher andere Zeitgenosse, dass es so toll wie heute in der Welt noch nie zugegangen sei. Mit all den wundervollen technischen, medizinischen und überhaupt Errungenschaften, mit unserem demokratischen Gemeinwesen, unserer Mobilität und unserem Wohlstand seien wir allen anderen Epochen weit voraus. Sie wundern sich über Leute, die die Grandiosität der heutigen Menschheit hinterfragen. „Ja, würdest du etwa lieber im Mittelalter leben? ohne Strom? Mit Hexenverbrennung? Hast du überhaupt eine Ahnung, wie scheußlich die Menschen früher gerochen haben? Und denk mal, was man heute alles transplantieren kann, und bald werden wir auf dem Mars siedeln können! Ist das etwa nichts?“ Nein (ja), natürlich (nicht), antwortest du dann kleinlaut.
Als kürzlich ein KRIEG in Europa ausbrach, waren sie sehr verwundert: Wie? Ist das denn möglich? Unter zivilisierten Menschen, also weder in Afrika noch in Asien, sondern HIER, vor unserer Haustür? Im 21. Jahrhundert? Längst vergessen haben sie, was HIER im 20. Jahrhundert alles möglich war. „Ach was, das war ein Versehen. Nie wieder! Wir haben unsere Lektion gelernt. Die Russen freilich, die haben da offenbar eine Lektion verpasst. Die müssen wir ihnen nun erteilen“. Tja. Grandios.
Liebe Dora, du bist mir lieb. Du bist einzigartig. Aber einzigartig bist nicht nur du. Jeder und jede ist auf die eine und andere Art einzigartig. Wenn du das lernst: den Wert der anderen Epochen, Völker, Menschen und Lebewesen, ja, auch die mühsam hergestellten Dinge genauso zu schätzen wie den eigenen Wert, dann hast du ein bisschen an Weisheit hinzugewonnen.
(Diese Blüten mit kurzen und langen Stengeln hat Dora gestern unterwegs abgerupft, weil sie schnell welche haben wollte. Ich habe Dora deswegen gescholten und die Blüten dann mit einem Schwemmholz zusammengebunden und in eine Vase gestellt)
Vor einem Jahr erfand Will.i des Glasscherbenspiel. Aus zerbrochenen Verglasungen von Bildern, die verschmutzt und teilweise etwas bemalt im Garten lagen, legten wir Bildergeschichten.
Heute entdeckt Dora das Bild, wo Will.i als großer gläserner Zampano auftritt, und verlangt zu wissen, wer dieser Will.i – oder Will.ie? – eigentlich sei, von der die Myriade ihr gestern schrieb. „Ich habe dich mit deiner Vorgängerin Will.ie verglichen, die ganz anders war, hat sie gesagt. War Will.ie ein Mädchen wie ich?“
Während ich ihr von Will.i, der zeitweilig zu Will.ie wurde, erzähle, lege ich aus ein paar schwarz bemalten Scherben ein Bild.
„Die Große, das ist dann wohl die Myriade oder du oder all die anderen Erwachsenen, und die Kleine, die da gescholten wird, die bin dann wohl ich?“ fragt Dora und blickt mich mit einer Mischung aus Verletztheit und Wut an.
O weh! Kinder haben es tatsächlich nicht leicht. Sie sollen Freude schenken, aber bitte schön auf die Art, wie es den Erwachsenen passt. Sie sollen fleißig lernen und kindliche Sprüche loslassen, damit man was zum Lachen hat, und zugleich eine Reife zeigen, die Erwachsene selten erreichen. Sie sollen selbstbewusst und gehorsam sein, sollen spielen und ihr Spielzeug mit Freunden teilen, sich dabei nicht schmutzig machen und nicht streiten… Ich hör schon auf. Es ist jedenfalls eine ganze Latte an Erwartungen, denen Kinder gerecht werden sollen.
„Wie möchtest du das Bild denn haben?“ frage ich schließlich. „Na so!!“ antwortet Dora und schwupps! hat sie die Teile ein wenig anders gerichtet.
Und wenn sie groß ist, wird sie genau das tun, was jetzt die Erwachsenen mit ihr tun. Ich kann nicht behaupten, dass mir der Gedanke gefällt. Aber ich verstehe die Logik. Kinder ahmen nach, und so lernen sie.
Ich sammle nebenher die Scherben ein und lege ein weiteres Bild. Da hockt ein böses Kind auf den Schultern einer schwachen am Boden zusammengesunkenen Erwachsenen. Diesmal begnügt sich Dora damit, zwei Scherben umzulegen: sie tauscht die Köpfe und die Arme aus. Das Kind wirkt jetzt ganz unschuldig, gruselig und zurecht am Boden zerstört wirkt der Erwachsene.
Ein drittes Bild entsteht, wobei ich versuche, diesmal keine „pädagogische“, sondern eine gleichberechtigte Szene zu legen. Auch daran macht Dora kleine Veränderungen. Welche? Und was bewirkt sie dadurch?

Heute hatte ich es etwas schwer mit Dora. Sie war verstimmt. Etwas saß ihr quer. „Was hast du, kleine Dora?“ frage ich besorgt. „Du bist doch nicht etwa krank?“. – „Nee“. – „Ja, was ist denn los?“
Da bricht es aus ihr heraus: „Immer wollt ihr mich anders haben als ich bin!!“ – „Hä?“ – „Ja!! Ihr wollt immer Geschenke, aber wenn ihr sie kriegt, passen sie euch nicht, und ihr beschimpft die arme Dora. Deine Myriade findet mich oberflächlich, grell, narzisstisch, ungebildet, und geschmacklos. Früher hab ich ihr gefallen, da fand sie mich lieb, weil ich alle beschenken wollte. Und du? Du findest mich auch grell. Und Christiane auch!“ – „Äh“, stottere ich, „das ist doch nicht persönlich gemeint. Nimm es dir nicht zu Herzen. Komm, wir gehen raus und sammeln Schwemmholz, dann kommst du auf andere Gedanken.“
Wir fahren also zum Strand und sammeln Schwemmholz. Ich liebe diese Tätigkeit, seit ich ein Kind war. Jedes Stück Holz hat seinen eigenen Reiz. Außerdem brauchen wir Brennholz für den Kamin.
Dora hilft mir sammeln. „Meinst du, sie mag Holz?“ fragt sie mich plötzlich. – „Wer sie?“ – „Na, deine Myriade. Die mag mich doch nur, wenn ich ihr was schenke. Meinst du, sie mag Holz?“ – „Ach so, ja, sicher mag sie Holz“, antworte ich ein wenig zerstreut. „Such mal was Nettes für sie.“ – Dora stöbert eifrig, aber ihr gefällt nichts.
Um ihr zu helfen, zeige ich ihr das eine und andere Stück.
Doch Dora guckt zweifelnd. „Bestimmt mag sie das nicht. Und hinterher sagt sie, dass ich keinen Geschmack habe. Also ich würde mich nicht freuen, wenn man mir son graues krummes Zeug schenkt. Vielleicht kann sie es ja für ihren Kamin brauchen. Schenken wir ihr halt den ganzen Sack! Dann ist sie sicher zufrieden….. Sag mal, was bedeutet ΄narzisstisch‘?“
Schreibeinladung für die Textwochen 12.13.22 | Wortspende von Ich lache mich gesund

An einem trüben Berliner Apriltag des Jahres 2012 pflanzten junge Menschen im Rahmen einer Kunstaktion junge Birken ein. Eigentlich wollte der polnische Künstler Lukasz Surowiec, der 320 Stecklinge „aus einem Boden, der die Spuren unzähliger Toter trägt“, ausgegraben hatte, in Berlin ein Erinnerungs-Birkenwäldchen pflanzen. Doch es fand sich kein Platz. Also pflanzte man hier und dort. Junge Birken aus Auschwitz-Birkenau. Aus der Aue mit den Birkenwäldchen.
Was wurde eigentlich inzwischen aus den Birken aus Birkenau? fragte ich mich und begann zu recherchieren.
Eine Pflanzung wurde gleich verwüstet, die Bäumchen ausgerissen, die Hinweistafel entfernt. Zwei Jahre später pflanzten junge Menschen dort erneut Birken aus Birkenau. An anderen Stellen wuchsen die kleinen Birken friedlich heran. Sie wurden, wie sich der Künstler erträumt hatte, „zu einem lebendigen Archiv, das etwas Wachsendes und Atmendes in die Stadt trägt“. Sie verströmen nun ihren blumigen Duft, entgiften die Berliner Atmosphäre und vielleicht auch die Köpfe, die immer noch versuchen, das, was Menschen durch Menschen angetan wurde, zu verdrängen, zu verleugnen, zu vergessen. Vielleicht, weil es zu schwer fällt, es für wahr zu halten.
Doch wo genau kann man nun die Birken finden? Ich würde gern einen solchen Baum umarmen. Die Seite http://www.berlinbiennale.de/blog/allgemein/hier-finden-sie-alle-orte-an-den-die-birken-gepflanzt-wurden-24404 „bedauert“, der Inhalt sei gelöscht oder verschoben worden. Also fragte ich gestern per Mail an. Falls ich eine Antwort erhalte, ergänze ich den Text. Oder weißt du, wo sie sind?
Am kleinen Birkenwäldchen in Oberschöneweide erinnert eine Informationstafel an die Kunstaktion von 2012. Und gleich daneben haben sich Studenten der HTW eine Fläche für urbanes Gärtnern eingerichtet, Bienenkästen inklusive. Auch hier grünt es fast das ganze Jahr über, und Spaziergänger können sich alles in Ruhe anschauen. Denn weder Birkenwald noch Studentengarten sind abgesperrt. Baumpflanzaktion 2012 mit HTW-Präsident Michael Heine.