Tagebuch der Lustbarkeiten: das Plakat für „Kunst hilft“ wird ausgehängt

Vor fast genau einem Jahr hatte ich die Idee, meine im Atelier verstaubenden Bilder zu sichten und sie auf Spendenbasis unter die Leute zu bringen. Damit wollte ich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen (pardon, Insektenfreunde, ich meine es nicht wortwörtlich!): mein Atelier entlasten, Hilfsprojekte finanzieren und meinen Bildern eine schönere Heimat geben.

Die Idee reifte hier im Blog, denn ich wollte ursprünglich „aussortieren“ und nur weniges behalten, das andere entsorgen. Ihr aber, liebe hier Mitlesende, fandet meine Bilder zu schade, um sie in den Müll zu werfen, und so entstand die Idee, sie nutzbar zu machen.

Inzwischen ist einiges passiert. Nicht wenige der Bilder haben einen neuen Besitzer gefunden, manche sind nach Deutschland und Österreich gewandert, andere hängen an neuen Wänden in Kalamata und in der Mani, eines schaffte es sogar bis nach Brasilien. Und die Hilfskasse füllte sich.

Meine ursprüngliche Absicht, die Bilder in kleinen Ausstellungen zu zeigen, ist nun auch der Realisierung nahe. Eine befreundete Graphikerin machte das Plakat, eine andere Freundin gab die Datei zum Druck, eine dritte erbot sich, für den Transport der Bilder zu sorgen und beim Hängen zu helfen. Die Plakate werden ausgehängt und in den Social media wird ein „event“ geschaffen. Etwa 40 kleinere Bilder habe ich zum Aushängen vorbereitet. Heute kamen zwei Frauen zu Besuch ins Atelier und fänden es gut, auch große Bilder zu zeigen. Mir soll es Recht sein.

Das Plakat wirkt vielleicht etwas düster – aber ich entschied mich schließlich für das obige, das sowohl herbstlich als auch kraftvoll ist. Die Alternative war die zarte Birke. Jetzt, wo ich beide gegenüberstelle, bin ich unsicher, aber egal: das Plakat ist, wie es ist, und es wird wohl seine Funktion erfüllen.

In einer Woche ist die Eröffnung. Das Begleitprogramm ist noch im Werden (Art Psy-Event, Malen mit Kindern, Theater und Masken machen, Tanzen… stehen zur Diskussion).

 

 

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Jünglingsmaske (tägliches Zeichnen, digitale Bearbeitung)

Eigentlich wollte ich die ausgeliehenen Gipsköpfe nur einwickeln, um sie der Zeichenschule zurückzuerstatten. Da fand ich die Jünglingsmaske auf dem blauen Tuch plötzlich so interessant, dass ich sie noch einmal zeichnen wollte.

Die Perspektive war schwierig, da die Maske auf dem Boden lag. Und so schätzte ich den unteren Teil des Gesichts zu groß ein, wie sich beim Überblenden zeigte.

Ich fand die Zeichnung dennoch interessant genug, um sie mit ein paar Filtern in eine eindrucksvolle Maske zu verwandeln, die freilig nichts mehr von der klassischen Schönheit hat.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Ein Geburtstagslied für Sophia singen

Gestern habe ich mich getraut, für Sophia ein Geburtstagslied zu singen. Heute traue ich mich, es hier zu posten. Mut hat auch der kleine Muck! Das „innere Kind“ braucht mal ne Bühne.

Sophia, die zu unserer Helfergruppe gehört, stellt mir ihr Yoga-Studio für meine Ausstellung „Kunst hilft“ zur Verfügung. Ihr Brot verdient sie nicht so sehr durch Yoga wie durch …Backen. Sie stellt traditionelle Backwaren her: Zwieback, Kekse, „Diples“, „Kourabiedes“, Spezialkuchen – alles in einer Backstube mit angeschlossenem kleinem Geschäft. So verdient sie das Lebensnotwendige für sich und ihre kleine Tochter.

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Dienstags-Drabble: Was ist Unflat? Ein Sachtext

Hundert  Wörter darf und muss ein Drabble enthalten. Drei davon sollen, so will es Puzzleblume, diesmal die Wörter Blicke – unflätig – auftragen sein.

Unflat – ein kurzer Blick auf die kulturelle Relativität des Begriffs

Was bei unseren Vorfahren  wohl unvlāt war? „Unsauberkeit“ – lese ich. Aber was wurde als Unsauberkeit empfunden? Im Mittelalter wars sicher nicht dasselbe wie im prüden 18. Jahrhundert, und heute, im 21. Jahrhundert: was ist schmutzig in deutschen Landen und anderswo?

In manchen Kulturen wird schon ein Blick auf gewisse Körperteile als „unflätig“ empfunden … ach, was sage ich: ein Haar, das unter dem Kopftuch hervorquillt, kann heute dieselben Gefühle von Scham, Provokation und Verstörung auslösen wie ein dick aufgetragener Lippenstift, eine Busenspalte oder ein entblößtes Genital – es hängt ganz ab vom Publikum und kulturellen Kontext. Die Olympiade machte es überdeutlich.  

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Im Abendlicht

Ich bin zurück in der Mani und machte gegen halb sieben am Abend einen Spaziergang hinunter zu „meiner“ Bucht. Es stürmt, der Himmel ist wolkenleer und tief blau, die Luft sehr trocken. Jetzt, am Abend, leuchten die Farben stärker als am Tag. Die Meerzwiebeln öffnen ihre Blütenstände.

Ich weiß, am klügsten wäre es, nur ein Foto zu zeigen.

Aber geht nicht, denn die anderen wollen auch hier erscheinen. Zum Beispiel die Kater Lin und Lan, die es sich nicht nehmen ließen, mich die halbe Strecke zu begleiten.

Oder der Ölbaum vor der Sonne.

Der Feigenkaktus mit den reifenden Früchten

Der Blätterkranz der verwelkten Artischocke

und natürlich das Meer. Es fiel mir sehr schwer, nicht hineinzuspringen. Aber ich bedachte, dass ich nicht mehr so jung bin und das Herauskommen womöglich schwierig wäre, angesichts der Brandung.

In der Ferne sah ich einen jungen Mann, der diese Bedenken nicht teilte. Glückliche Jugendkraft!

Aber ich beklage mich nicht. Ich hätt es schon noch schaffen können, aber es muss ja nicht sein. Es ist genug der Freude, der Gischt und den glänzenden runden Steinen Gesellschaft zu leisten.

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abc-etüde: Frage- und Antwortspiel (kata-strophisch)

Der letzte Tag des September – und Endstart für das laufende Etüden-abc, das Christiane für uns organisiert. Diesmal sind die Wörter Grenzerfahrung – mutig – abhaken zu bedienen.

 

Frage- und Antwortspiel (kata-strophisch)

Lenchen fragt mutig, denn wer fragt, der gewinnt

Fragt auch dem Papachen Löcher in den kugelrunden Bauch

Er fürchtet sich schon, wenn sie bescheiden beginnt

„Papachen, warum ist Fleischessen bei uns eigentlich Brauch?“

 

Abspeisen lässt sie sich nicht mit vorgestanzten Sentenzen

Der Art: das war immer schon so, und der Mann braucht halt Kräfte

Sie findet das uncool, und treibt den Papa an seine Grenzen

Wenn sie laut überlegt, ob das Mästen wohl steigre seine Säfte?

Grenzerfahrungen dieser Natur beschert das Lenchen auch andern

Zum Beispiel der Lehrerin, die ihnen die Tiere und Pflanzen erklärt

und wie sie entstanden –  man trifft ja so manches beim Wandern -.

Von wem sie selbst denn herstamme, das Lenchen zu wissen begehrt.

 

Ich könnte so fortfahrn und alles getreulich abhaken

Was Lenchen an Fragen so hat und an Antwort erhält

Was die Katze miaut und die Frösche ihr quaken

Was der Bär ihr gebrummt hat und der Hund ihr vorbellt.

 

Das Lenchen wird Lena und Schluss ists mit Fragen

Denn ist man erwachsen, dann weiß man Bescheid.

Nur manchmal an ganz besonderen Tagen

Da wär auch die Lena zum Fragen bereit.

 

Doch schickt sichs? Was darf sie? Ist Fragen erlaubt?

Still fragt sie das Blümchen: liebt er mich, der Hans?

Doch das Blümchen, verschnupft, seiner Blätter beraubt

Das murmelt nur leise: du bist eine Gans.

 

 

Fürs Blümchen wars eine Grenzerfahrung

was war es für Lena? das frag ich mich jetzt.

Gelingt ihr mit Hans die gewünschte Verpaarung?

oder hat sie mal wieder auf den Falschen gesetzt?

 

 

 

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Henry Moore’s Kunst betrachten

Heute fuhr ich wieder nach Athen rein, diesmal, um Werke von Henry Moore anzuschauen. Und es lohnte sich. Das villenartige Gebäude der Galerie Gagosian am Rande des Lykabettos ist im Inneren ein weißes schlichtes Gehäuse, das sich vortrefflich für den Ausstellung von Skulpturen eignet – bis zu einer mittleren Größe freilich nur. Eine riesige Skulptur hat man vor dem Eingang platziert. 

Skulpturen müssen genug Raum um sich haben, um zu wirken. Und dieser Raum sollte so gestaltet sein, dass das Auge nicht abgelenkt wird.

Die meisten Exponate waren verständlicherweise Kleinplastiken in Schaukästen, was ich weniger attraktiv finde.

In dieser Galerie empfinde ich die intime Atmosphäre als sehr angenehm. Man zahlt keinen Eintritt, aber Besucher gibt es trotz der hochrangigen Kunst kaum. Wunderbar still ist es, und man kann sich völlig frei bewegen.

Um Skulpturen richtig wahrzunehmen, ist es notwendig, dass man um sie herum gehen und sie aus verschiedenen Distanzen und Blickwinkeln betrachten kann. Diese wundervolle Sich-Zurücklehnende habe ich gleich fünf mal fotografiert.

Lebhaft musste ich an meine Freundin, die mexikanische Bildhauerin Helen Escobedo denken, die mir bei einem Besuch im Museum für Anthropologie in Mexiko-City den aztekischen Sich-Zurücklehnenden zeigte und mir erzählte, dass ihr Lehrer, Henry Moore, sich von diesem zu seiner Zurücklehnenden hat inspirieren lassen. (Leider kann ich das entsprechende Foto nicht finden).

Eine abstraktere Sich-Zurücklehnende war auch unter den Exponaten.

Eine ähnliche Skulptur habe ich mal als Pinselzeichnung kopiert.

Henry Moore

Die Zeichnungen Moores haben ihren eigenen Charme. Man fühlt darin seine Hand und seine Freude an weiblichen sich rundenden Formen, die er dann in seiner Plastik zurück ins Dreidimensionale übersetzt. 

Er zeichnete meistens mit weichem Bleistift und lockerer Hand.

Die Frauen, die Wolle aufrollen, hatten es mir besonders angetan. Hier benutzt er außer Bleistift auch Ölkreide und Wasserfarben.

Lange stand ich davor und ließ mich in die strudelnde Bewegung der Linien hineinziehen. Die Hände stehen still, die Wolle auch, aber die Bewegung des Aufrollens hat sich in die Poren der Frauengestalten eingenistet und spielt zwischen ihren Knien hin und her wie Wasser, das zwischen zwei Felsen sprudelt und ein Strömungsmuster bildet.

Auch die Zeichnung eines Gesichts, über das sich gelbe und weiße Bänder legen, die die Dreidimensionalität greifbar machen, interessierte mich.

 

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An einem Tag wie heute: Der Tod von August Macke im 1. Weltkrieg

Wer liebte ihn nicht: den Heiteren mit den klaren Farben? August Macke.

An einem Tag wie heute vor 110 Jahren ließ er sich in Frankreich erschießen. Freiwillig, heißt es, hatte er sich zum Soldatentum gemeldet, um im „Großen Krieg“ sogleich sein Leben zu lassen.

Wann immer von ihm die Rede ist, heißt es: „viel zu früh“ sei er gestorben. Zu seinem heutigen Todestag meint der WDR: „…der Künstler wird nur 27 Jahre alt. Am 26.09.1914, nur wenige Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs, wird August Macke auf dem Schlachtfeld in Frankreich getötet.“ oder der SR: „Auf den Bildern von August Macke ist das Leben ein endloser Sommertag. Genauso heiter und lebendig ist auch das Leben des Malers selbst – nur ist es viel zu früh vorbei.“

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An ihn möchte ich heute denken. Und an diesen Widerspruch: was suchte der Heitere, Weitgereiste in jenem Krieg? Was suchen die Heutigen in ihren Kriegen?

 

Wie war es wirklich?  War Macke wirklich freiwillig an die Front gezogen? Hatte er den Ernst der Situation nicht begriffen? Glaubte er an das, was ihm über den Krieg gesagt wurde? Hasste er gar die Franzosen, tötete und verdiente den Tod?

Mich quälen solche Fragen. Seit in der Ukraine der Krieg tobt und auch in Deutschland wieder von „Kriegstüchtigkeit“ geredet wird, fühle ich, dass es notwendig ist, sich vor der Frage nicht zu drücken: Soll ein junger Mann (manche sagen auch, um der Gleichberechtigung willen: eine junge Frau) dem „Ruf“ folgen,  oder soll er alles dransetzen, um dem Krieg zu entfliehen, sofern er ihn nicht verhindern kann?

………………….

Ich suchte im Netz nach Informationen, wie es denn damals wirklich um August Macke bestellt war, der immerhin 27 Jahre alt und Vater von zwei Kindern war. Hat er sich freiwillig gestellt? Warum? Und wie erging es ihm damit an der Front?

Das Netz ist zum Glück voller Information. Und so kann ich euch, sofern es euch interessiert, auf eine Materialsammlung zu diesem Thema verweisen (hier), der ich die folgenden Ausführungen entnehme:



 

Durch die Medien (weniger durch die Fachliteratur[1]) und vor allem das Internet geistert die Behauptung, August Macke[2] habe sich 1914 freiwillig an die Front gemeldet. Es existiert offensichtlich kein Dokument, das ausdrücklich beinhaltet, daß sich August Macke im August 1914 freiwillig zum Militär gemeldet hat, aber einige Materiaien, die indirekt aussagen, daß er gezogen wurde.

Zunächst unmittelbare zeitgenössische Materialien

1914 08 01 (Sonntag) – August an seine Mutter Florentine in Kandern[3]

Ich muß morgen, Montag, eintreten, am Freitag rücken wir wahrscheinlich ab. […] Ja, ihr Lieben, jetzt erleben wir etwas. Aber wir wollen die Kerle schon vermöbeln. Lisbeth ist sehr mutig, was mir große Beruhigung ist.

1914 08 02 – Auszug aus der Schulchronik der katholischen Schule Bergheim (Rhein-Sieg-Kreis)[4]

August 1. Krieg! Nähere Ursache [ist] die Ermordung des österreichischen Kronprinzen zu Sarajewo. Österreich erklärt an Serbien, das nicht volle Genugtuung leisten will, den Krieg (28.7.) [usw.] Das Gefühl der Ungewißheit ist fast kaum zu ertragen, da ertönt Samstag Abend gegen 7 Uhr die Gemeindeschelle und der Flurhüter verkündigt den Mobilmachungsfall. Erster Mobilmachungstag der 2. August. Schon an demselben Abend stellte sich mein zweiter Sohn, der hier auf Urlaub weilte, dem Bezirkskommando zu Siegburg. […]

August 2. Heute morgen in aller Frühe verkündigt der Flurhüter die Einberufung des Landsturms […]

1914 08 07 – Ein Photo aus den Beständen des Bundesarchivs

Von diesem Tag ist das Photo[5] datiert, das im Besitz des Bundesarchivs ist: Es zeigt – wenn die Beschriftung zutrifft – Soldaten des 160. Infanterie-Regiments (=9. Rheinisches), die feldmarschmässig durch eine Strasse marschieren – theoretisch könnte auch August Macke einer der abgebildeten Soldaten sein.

Eine Eintragung von Max Ernst in seinen biographischen Notizen[6]:

August 1914

Und dann die große Schweinerei. Niemand aus dem Freundeskreis hat’s eilig, sein Leben zu opfern für Gott, König und Vaterland. […] Die Haltung Mackes bleibt den Freunden vom Jungen Rheinland unbegreiflich.

Dann unmittelbare zeitversetzte Materialien

Elisabeth Mackes Passagen aus den Erinnerungen.

Sie schreibt, sie habe

mit diesen Aufzeichnungen, die ich im Jahre 1915 begonnen habe, […] den Versuch [gemacht], meinen beiden Söhnen eine Bild ihres Vaters zu bewahren.[7]

Damit können ihre Aussagen über August Macke nahe an die historischen Ereignisse heranreichen; andererseits muß bedacht werden, daß Elisabeth ihren Kindern ein positives Bild ihres Vaters vermitteln will – Schönfärberei oder Auslassungen sind theoretisch nicht ausgeschlossen, können aber m. E. in ihrem Buch nicht nachgewiesen werden.

Die erste zentrales Passage

Schon am 1. August wurde er eingezogen als Unteroffizier, und wenige Tage später rückte er mit dem Regiment ins Feld.[8]

Hier irrt Elisabeth leicht im Datum: die Mobilmachung wurde am 01. August verkündet, der erste Mobilmachungstag war reichsweit Montag, der 02. August.

Die Mobilmachung wurde durch Plakate und Zeitungsartikel verbreitet, in den Orten wurde der Mobilmachungsbefehl, der an die Gemeinden telegraphisch[9]durchgegeben worden war, „ortsüblich“ bekannt gegeben, d.h. unter Umständen, dass der Gemeindediener mit der Schelle durch die Strassen lief und den Befehl durch Ausruf verkündete. Jeder Reservist hatte in seinem Militärpass die sogenannte „Kriegs-Beorderung“[10]: darin war ihm am Ende seines Militärdienstes eingetragen worden, wo genau und wann genau er sich im Kriegsfalle zu melden hatte. Eine individuelle Benachrichtigung – z.B. durch Post – entfiel. Am 07. August, dem letzten Mobilmachungstag im Deutschen Reich, waren 3.822.450 Männer erfasst und einsatzbereit.

Die ca. 1 Million Kriegsfreiwilligen, die sich in den ersten Tagen meldeten, wurden erst später, teilweise erst im Januar 1915 eingezogen, sie kamen in die nach Abschluß der planmässigen Mobilmachung neu errichteten Feldtruppen.

Die zweite zentrale Passage

An dem letzten Abend, als wir von ihr [=Elisabeths Mutter] zurückkamen und August die Haustür aufschloss, sagt er zu [seinem Jugendfreund] Lothar [Erdmann]: »Also, ich vermache dir die Lisbeth, die Kinder und alles.« Ich, darüber entsetzt, erwiderte, um diesem Ausspruch den Ernst zu nehmen: »Aber du weißt ja gar nicht, ob ihm das recht ist […]«[11]

Ferner mittelbare zeitgenössische Materialien

1914 08 Anfang – August an Bernhard Koehler[12]

Junge, Junge, jetzt wird aber reingehauen. Hoffen wir, daß wir den alten Kriegern gefallen, und daß wir uns noch einmal wiedersehen. Dein August

1914 08 12 – August an Lisbeth, Mutter und Großmutter, aus Niedermerzig (Luxemburg)

Ich befinde mich sehr wohl. Wir liegen in einem großen Bauernhof. (liegen in der Sonne, baden, fangen Fische.) Die französischen Civilisten sollen noch schlimmer sein wie die Soldaten und immer aus den Fenstern schiessen. […] Um mich sorgt euch nicht. Einstweilen gefällt es mir recht gut.

1914 08 13 – August an Lisbeth

(Auf der Wiese mit Hurra-Schreien die Kühe verjagen.) Ich habe noch nie ein derartig feines Leben geführt. Morgens baden im Bach. Auf der Wiese herumliegen. Wir wünschen alle, es ginge weiter.

1914 08 17 – August an Lisbeth aus Niedermerzig

Jetzt sind wir schon acht Tage hier und glaubten, bloß einen Tag auf dem Durchmarsch zu sein. […] Im allgemeinen ist die Stimmung jetzt eine richtige nasse Manöverstimmung. Vom Krieg merkt man nicht viel. […] Aber wenn ich an die Kinder denke, dann packt mich immer eine wilde Verzweiflung, daß ich die nicht wiedersehen sollte. Ich will Dir, liebes Lieselchen, das Herz nicht schwer machen, das weißt du. Es ist ja nur Egoismus, wenn ich den Schmerz darüber empfinde, daß mir der Anblick der Kinder entrissen werden könnte.

1914 08 23 – August an Lisbeth

Diese Nacht haben wir ein schauderhaftes Nachtgefecht in einem Dorf [=Porcheresse, Belgien] gehabt, haben zwei französische Infanterieregimenter da hinausgeschmissen, viele Tote und Verwundete. Es war schauerlich. Ich bin wohl und grüße euch herzlich. August

1914 08 24 – August an Lisbeth aus Charière-sur-Semois

(Walter neben mir.)

1914 08 26 – August an die Lieben

Wir sind kurz vor Mézières, einer französischen Festung. […] Die Franzosen sind in wilder Flucht. Sie ziehen durch die Dörfer vor uns her und schreien «Sauve qui peut.» Ich glaube, Lothar [Erdmann[13]] hat nicht mehr viel zu tun. Euer August

1914 09 04 – Walter Gerhardt an seine Schwester Elisabeth[14]

Bei einem kurzen Halt ohne Schatten überholten uns die 160er. Ich ging ein Stück mit August. Er war schwarz von Staub im Gesicht und war zum ersten mal traurig, nicht lachend, wie sonst immer. Er sah mich immerfort durchdringend an, dann gab er mir die Hand und ließ sie gar nicht mehr los. Ich sagte: „Was ist dir heute? Du bist so anders.“ Er griff in die Tasche und wollte mir einen Pack Briefe aufdrängen. „Was soll das? Es sind doch Briefe an Dich?“ „ Ich brauche sie doch nicht mehr.“ Dann ließ er mich aus, und drehte sich noch einmal um und winkte, ohne noch ein Wort zu sagen.

1914 09 09 – August an Lisbeth aus Perthes

Es ist alles so grauenhaft, daß ich Dir nichts darüber schreiben mag.

1914 09 11 – August an Lisbeth aus Luxemont

Es ist alles sehr grausig.

1914 09 11 – August an Bernhard Koehler aus Luxemont

Ich würde es als ein unerhörtes Glück betrachten, wenn ich aus diesem Krieg zurückkäme.

1914 09 21 – August an Hans Thuar[15]

(von 250 Mann nur noch 59 am Leben.)

1914 09 21 – August an Lisbeth aus Somme-Pié

(Mitleid mit den verwundeten Franzosen, jetzt wieder 150 Mann)

1914 09 14 – Elisabeth Macke an Maria Marc[16]

Wo bleibt denn da die Menschlichkeit, wonach seit Jahren überall so gestrebt wurde?

Wiederum Elisabeth über Augusts Tunis-Reise

Was ihn sehr beschäftigte und ihn immer wieder ernst stimmte, war [im April 1914] die Begegnung mit französischen Offizieren in Tunis (Klee berichtet darüber), die in ihren Gesprächen einen baldigen Krieg mit Deutschland für möglich hielten.[17]

Die Auslandsreisen Augusts und Elisabeths

Die beiden sind zwischen 1907 und 1914 wiederholt ins europäische Ausland gereist (Italien, Schweiz, Frankreich) der Kunst wegen; von Herbst 1913 bis Frühjahr 1914 hat die ganze Familie Macke im schweizerischen Hilterfingen am Thuner See gewohnt; und dann ist Augsut Macke im April 1914 mit Paul Klee und Louis Moilliet nach Tunesien gereist. Jedes Bild – sei es in Deutschland oder in der Fremde entstanden – zeigt warme und neugierige Empathie für die abgebildeten Menschen. Aus keiner Silbe in Elisabeths Erinnerungen sprechen Verachtung oder Abscheu gegen Ausländer oder Haß auf Franzosen.

 

 

 

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Impulswerkstadt Bild No 4: Der Himmel, der Turm, die gekreuzten Linien

 

Dies ist ein Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt September-Oktober 2024,

Dein viertes Foto, liebe Myriade, wirkt auf mich beunruhigend.

Es ist wohl in erster Linie das Turmartige des Gebäudes mit der Wolken-Rauchfahne, das mich an das schreckliche Ereignis vom 11/9 erinnert, als ein intaktes hohes Bauwerk aus dem blauen Himmel heraus getroffen wurde und erst ein kleines, dann aber schnell sich ausbreitendes Feuer Gebäude und Menschen unter sich begrub…Es war ein Fanal. Seither hat sich die Weltgeschichte beschleunigt auf immer schlimmere kriegerische Zusammenstöße hin bewegt.

Es gibt noch eine andere, ebenfalls wenig schöne Assoziation, nämlich die Verschmutzung der Atmosphäre durch Kondensstreifen u.a. unnatürliche Eintragungen. Sie beschert uns bunte und manchmal  höchst dramatische Abendhimmel. Das ist zwar hübsch anzusehen und führt auf deinem Foto auch zu hübschen Spiegelungen an der hohen verglasten Wand, aber ich kann nicht behaupten, dass es mich freut. Es ist der schöne Schein, der die schlechte Wirklichkeit verhüllt.

Um den inhaltlichen Assoziationen zu entgehen, wende ich mich der formalen Seite des Fotos zu, Und da sticht mir – über den breiten schön-farbigen Flächen – das gekreuzte Lineare ins Auge: die harten, technischen Linien der Leitungen, die die weich verfließende natürliche Linie der Wolke durchkreuzen.

Ob ich wohl in meinem Archiv Bilder finde, die dieses Thema aufnehmen?

Nein, nicht genau dieses finde ich, wohl aber formal Ähnliches. Jedenfalls können die folgenden Beispiele meinen Gedanken illustrieren.

`oder eines der folgenden Bilder

 

Vielleicht werde ich den Gedanken für neue Arbeiten aufnehmen und weiterführen. Dankeschön für den Impuls, Myriade!

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Alte deutsche Freundinnen besuchen

Viele Jahre hatte ich sie nicht mehr gesehen, und war doch fast wie gestern. Wir kennen uns, seit ich 1979 von Frankfurt nach Athen umsiedelte. Zusammen gründeten wir das „Deutsche Kurshaus“ (Deutsch für Griechen) in Athen, arbeiteten zusammen, befreundeten uns. Seit sich mein Schwerpunkt in die Mani verlagerte, verlor ich sie aus den Augen (nicht aber aus dem Sinn). Um so mehr freute ich mich, als Sigrid mich in der Mani anrief, um mich zu fragen, ob ich zu ihrem Mittwochstreffen kommen wolle. Wunderbar, zumal ich ja sowieso vorhatte, nach Athen zu fahren.

Gestern abend saßen wir auf Sigrids mir so wohlbekanntem Balkon in der lauen Spätsommernacht und erzählten uns. Oder vielmehr: zuerst wurde ich befragt, denn die anderen drei sehen sich regelmäßig einmal pro Woche. Sigrid und Christl sind 88, Marei wurde gerade 80, und ich liege mit 82 dazwischen. Klingt wie ein Altenclub, aber die damit verbundenen Assoziationen wären vollkommen verkehrt. Denn wenngleich natürlich der Rücken der einen, das Gehör der anderen nicht mehr so will – an lebhaftem Geist und Willenskraft hat sich nicht viel geändert.

Ich wanderte kurz durch den stillen Wohnraum und beschaute mir die Bilder, die dort hängen, im schwachen Licht einer Stehlampe. Etliche der Bilder stammen von mir, und ich freute mich auch über dieses Wiedersehen. Drei konnte ich fotografieren, die anderen blieben im Dunkeln.

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