Diese Rubrik habe ich lange vernachlässigt. Denn ich komme selten dazu, Kunst anderer in Museen und Galerien zu betrachten. Wenn ich in Athen bin, mache ich aber gern eine kleine Runde im Zentrum und schaue in die drei großen Ausstellungsräume der Stiftung Theoharakis rein. Enttäuscht werde ich da eigentlich nie.
Bei meinem letzten Besuch sah ich eine fantastische Ausstellung des mir bis dahin unbekannten italienischen Bildhauers Novello Finotti, Jg. 1939. („Ende der Nacht“, wie er seinen Namen selbst scherzhaft interpretiert). Ein Unbekannter ist er freilich nicht: Seine Werke wurden u.a. auf der Biennale von Venedig, die Armory Gallery in New York und am Grab von Papst Johannes XXIII. im Petersdom in Rom gezeigt. Die jetzige Ausstellung reiste unter dem Titel „Der sinnliche Mystizismus der Bildhauerei“ von Matera in Italien nach Busan in Korea und ist jetzt (bis November) in Athen zu sehen.
Gleich im Foyer begrüßen den Besucher drei bemerkenswerte Skulpturen aus weißem Marmor, was ihnen freilich angesichts des üblichen Getriebes in solchen Eingangshallen nicht unbedingt gut tut.

Man möchte doch eher in absoluter Ruhe an diesen „Schwebenden“ herantreten, über dem ein anderer Kopf in zärtlichem Einverständnis schwebt.

Eine zweite Skulptur steht sogar in einer provosorischen Nische wie weggestellt. „Nach Chernobil“ heißt sie und ist von 1986-7.
Dennoch grub sich diese seltsame fischähnliche Gestalt, deren Füße in die Luft ragen, in mein Gedächtnis ein.

Die dritte komplexe Skulptur blieb mir unzugänglich…

Aber auch hier bestach die absolute Beherrschung des Werkstoffs.

Nun aber fahre ich in den vierten Stock, wo die eigentliche Ausstellung beginnt, und begebe mich nach und nach hinunter zum dritten und zweiten Stock. Leider sind Skulpturen sehr schwer zu fotografieren, und so kann ich hier bestenfalls ein paar Eindrücke wiedergeben.

Vor zwei aus Messing und Plexiglas gefertigten Skulpturen blieb ich lange stehen, betrachte sie von allen Seiten, von nah und von fern. Die eine heißt „Nil“
und ich fühlte, wie sich die Bewegung, die ich auf einer Reise auf dem Nil vor Jahren in meinen Adern speicherte, wiederbelebte: das Gleiten über das Wasser, das Eintauchen der Ruder, hier aufgerichtet zu einer monumentalen Statue. Die andere daneben, gleich hoch, aus gleichen Werkstoffen, trägt den Titel „Hommage an Kafka“.
Ägyptisch anmutend ist auch diese Form, die auf der Rückseite „Beine“, also den aufrechten Stand des Menschen anzeigt, aber sonst wie von allerlei fernen fremden Strömen durchflutet zu sein scheint.
Ägyptisch ispiriert sind auch andere Skulpturen, so die eindrucksvolle „große Kobra“ aus schwarzem Marmor..
Der immer wieder kehrende Hauptmotiv ist die Metamophose von tierischen oder pflanzlichen in menschliche Formen – bzw umgekehrt. So entstehen faszinierende Mischwesen, etwa dieser männliche Torso, der oben in eine Art Spargelbeet ausmündet
oder eine kauernde Figur, die sich zur Schildkröte wandelt.
Ovid lässt grüßen!
