An einem Tag wie diesem: Geklautes, Geschenktes und Erwünschtes

Heide von der Puzzleblume (hier) hatte vor einiger Zeit angeregt, einmal wöchentlich ins Archiv zu steigen und etwas Interessantes heraufzubefördern. Dieses Projekt gibt es nicht mehr, aber als ich heute bei Heide reinschaute, sah ich: sie hat es wieder mal getan. Und ich habe auch Lust dazu.

Also mal schauen: was ist mir an einem anderen 28. Januar durch den Kopf und die Seele gezogen?

28.1.2022 : Dora kommt stolz mit Qum-Quat-Früchten heim, die sie bei Nauchbars „gestohlen“ hat, um sie mir zu schenken.

Jetzt habe ich zwar keine Dora mehr, aber die Nachbarn haben mir erlaubt, Früchte von ihrem Baum zu ernten, was ich auch tue, sobald ich an ihrem Zahn vorbei komme. Sie sind ein ausgezeichneter Proviant auf Wanderungen: vitaminreich, durstlöschend und schmackhaft.

Noch einmal abtauchen? Diesmal trifft es den 28.1.2017 und ist ein Beitrag zum chinesischen Neujahrsfest. Das Jahr 2017-18 stand für die Chinesen unter dem Zeichen des Hahns.

Hört, hört! Der Hahn hält eine Rede!

Wovon spricht er denn?

Von einer Welt, in der man bestes Futter bekommt, aber nicht geschlachtet wird!

the cock

So sei es! Amen.

 

 

 

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Lustbarkeiten plus Kalenderblätter 25-26.

Draußen ist es kühl und wechselhaft – für kleinere Spaziergänge ideal.

Gemütlich ist es aber auch zu Hause. Ein Sonnenstrahl hilft, das Hafen-Bild mit rotem Boot zu beleben.

Am besten ist, faul auf dem Sofa zu liegen und sich von Fritzi und Lin den Bauch wärmen zu lassen.

Fritzi hat mir auch für die Kalenderblätter vom 25. und 26. 1. als Modell gedient.

 

Die Kalenderblätter sind im Rahmen von Christophs Zeichen-Challenge entstanden.

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Dienstags-Drabble: erhoffte Klarsicht

Zwischen Spagetti-Essen (Nudeln!) und Mittagsschlaf (geschlossenes Sehorgan bei Tageshelle) schnell ein paar kata-Strophen zu den heutigen Drabble-Wörtern komponieren! So dachte ich und schrieb zu den von Wortman gespendeten Wörtern

Organ, hell, Nudel

die folgenden schön gereimten Zeilen:

 

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Erhoffte Klarsicht

Es gibt, so heißt es, einige Organe,

die sind erst klein und in Entwickelung

Ich glaub es fast, denn auch ich selbst erahne

Dass unsre Menschheit steht vor ’nem Entwicklungssprung

Wir sehn nicht klar, wohin der Weg uns führt,

doch plötzlich wird es hell sein wie am Tag

und was als Ahnung du nur vage hast gespürt

weil es im dunklen Dunst der Zukunft lag

Erkennst du nun, denn aufgegangen

Ist dir das dritte Auge, das bisher verschlossen.

Auch mit dem Nudelessen wird nicht angefangen

Bevor das heiße Wasser gründlich abgegossen

Und sich der Dampf verzog

Der vorher trog.

Dem Tod ins Auge blicken. „Ritter, Tod und Teufel“, meine Kopie nach Dürer.

 

Vergleiche auch : https://gerdakazakou.com/2024/11/02/impulswerkstatt-von-zyklopen-menschen-und-dreiaeugigen-4-bild-bild-2-mosaikstueck-verbindungsuebung/

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Kritzeleien – Improvisationen (1). Farbiges Linienspiel

Außer der naturgetreuen täglichen Zeichnung im Kalender mache ich neuerdings auch wieder schnelle Kritzeleien, die ich etwas vornehmer auch Improvisationen nenne. Dafür benutze ich ein kleinformatiges Sketchbook, dessen Seiten dick genug sind, um auch Wasserfarben zu erlauben.

Es ist ein neuer Aufbruch ins Unbekannte.

Heute zeige ich die ersten fünf: farbige Linienspiele.

Aquarellstifte, trocken.

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in neurografisches Zeichnen einführen / 25 Wochen – ein Objekt

Heute kamen fünf befreundete Frauen im Alter zwischen 15 und 72 in mein Atelier, um sich in die Anfangsgründe des neurografischen Zeichnens einführen zu lassen. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich seit einiger Zeit die Methode lerne und für mich praktiziere, um innere Barrieren zu beseitigen und Handlungsziele zu klären.

Es hat so viel Spaß gemacht, dass ich meine Freundinnen nach dreieinhalb Stunden rauskomplimentieren musste und sogleich eine Fortsetzung verlangt wurde.

Der „Kleine Prinz“, den ich für Wortmans Fotochallenge „25 Wochen – ein Objekt“ ausgesucht habe, wollte mir bei meinen Erklärungen zusehen. Warum nicht?

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Kalenderblätter 21-24: Kamin, Rose und zwei Boote

Vier neue Kalenderblätter sind im Rahmen von Christophs Zeichenchallenge entstanden.

Am Mittwoch, den 21.1., zeichnete ich das Kaminfeuer kurz nach dem Anzünden. Die Hölzer haben gerade Feuer gefangen.

Am Donnerstag, den 22.1., fand ich eine einzelne ziemlich zerzauste Rose im Garten. Ich schnitt sie ab und stellte sie auf dem runden schwarzen Eisentisch in ein Glas. Damit sie nicht so einsam blieb, legte ich zwei Knoblauchknollen und eine Zwiebel dazu.

Am Samstag, den 23.1., machte ich einen weiten Spaziergang. Im nun geschlossenen Hof der Taverne Akrogialia war ein hübsches Boot aufgebockt, dahinter hohe Zypressen.

.Heute war ich am Segelhafen. Viele Motive gibt es dort zu sehen. Ich wählte diesmal eine Motoryacht, die halb ins Bild ragte und einen spitzen Winkel mit der Kaimauer bildete.

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Erklär mir Liebe. Geschichten von und mit Philippe (6): Liebe und Genie

Wolfgang Amadeus Mozart In A Gala Dress

Wo immer du liest – in einem Buch, einer Zeitung oder in Bloghausen – : unweigerlich wirst du Worte über die Liebe finden. So geht es mir auch heute, als ich in den News-Letter von Epoch Times schaue und dort als erstes das „weise Wort“ lese. Das mache ich immer. Diesmal ist es ein Zitat von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) und lautet:

„Weder der erhabene Grad an Intelligenz oder Fantasie noch beides führt dazu, dass man ein Genie wird. Liebe, Liebe, Liebe, das ist die Seele des Genius“. 

Das muss ich dem Philippe zeigen! denke ich sofort. Denn insgeheim bin ich davon überzeugt, dass Philippe ein Genie ist. Doch Philippe ist nicht interessiert. Intelligenz, Fantasie, Genie, Liebe – all das sind Abstrakta für ihn. Was soll er anfangen mit solchen von der Wirklichkeit, dem Sein und Leben abgezogenen Begriffen?

Ich bin ein wenig enttäuscht. Immerhin, denke ich, ist Mozart kein Abstraktum. Wenn der das gesagt hat, lohnt es sich doch vielleicht, ihn kennenzulernen, oder? Also frage ich Philippe:

– „Wie wäre es, wenn du Mozart, also den, der das von der Liebe und dem Genie gesagt hat, kennenlernen würdest?“

– „Einverstanden! Er soll uns mal besuchen kommen“. Philippe fühlt sich offenbar etwas einsam bei mir.

– „Hm, besuchen kann er uns leider nicht“, sage ich. „Mozart ist schon lange nicht mehr hier auf der Erde! Er war ein wunderbarer Musikant, spielte Klavier und Geige und dachte sich herrliche Musik aus. Man nennt das Komponieren. Als er anfing mit dem Komponieren, war er nicht größer als du. Und am Ende hatte er 600 Musikstücke geschrieben, die die Menschen bis heute lieben.

Aber warte mal, es gibt da einen kleinen Jungen, der hat den jungen Mozart in einem Film dargestellt. Der lebt noch und muss heute ungefähr 14 Jahre alt sein. Vielleicht können wir den mal einladen. Der Film wurde vor drei Jahren gemacht. Und weißt du, wie der Junge heißt? Na, rate mal!“ – „Bestimmt Philippe“, antwortet Philippe lachend.

Ich mache große Augen. „Woher weißt du das? Er heißt tatsächlich Philip wie du. Philip Amadeus Hahn, und als er den jungen Mozart spielte, war er elf. Hier, schau mal:

Philippe schaut und wundert sich. „Der sieht ja aus wie ich! Ob ich einen Bruder habe? O, das wäre schön!“

„Der Philip, der im Film den jungen Mozart spielt, hat nur eine ältere Schwester, die auch eine großartige Musikerin ist. Mozart hatte auch eine ältere Schwester, das Nannerl. Die war ebenso musikalisch und reiste mit dem Papa in der Welt herum und gab Konzerte.“

Ein merkwürdiger Zufall, denke ich, dass Mozart und sein heutiger Darsteller im Film beide eine hochbegabte ältere Schwester hatten. Und sie sehen sich verdammt ähnlich: der kleine Mozart im Galagewand und der Philip als junger Mozart. Derselbe Gesichtsschnitt, derselbe selbstbewusste und zugleich seelenvolle Ausdruck…

„Übrigens hatte Mozart eigentlich sechs Geschwister, von denen fünf schon als Kinder starben. Vielleicht bist du eines von denen?“

– „Ich weiß es nicht, leider,“ antwortet Philippe ernsthaft. „Ich kann mich nicht erinnern, wo ich gewesen bin, bevor ich auf meinem kleinen Planeten ankam. Aber möglich ist es ja, dass ich schon mal auf der Erde war…“

– „Schau mal“, unterbreche ich Philippes Gedanken. „Im Film gibt es eine Szene, da spielt Philip die Musik von einem anderen Komponisten und ‚improvisiert‘, das heißt, er führt die Musik nach eigenem Gefühl und Ermessen weiter. Dieser andere Komponist war ein Tscheche, er hieß Josef Mysliveček, und der hatte tatsächlich einen Zwillingsbruder. Der sah aber anders aus als du…“

‚Was hat der Zwillingsbruder des tschechischen Komponisten, der Mozart inspiriert hat, mit meinem kleinen Prinzen zu tun?‘ denke ich ärgerlich. ‚Nichts, absolut nichts! Nur weil Philippe dem Philip und der wiederum dem Wolfgang Amadeus ähnelt, kommen mir lauter Verwandtschaftsbeziehungen in den Kopf….

Andererseits, wer weiß? Vielleicht ist Philippe ja tatsächlich eines der frühverstorbenen Geschwister von Wolfgang Amadeus? Vielleicht war er der Erstgeborene, der Johann Joachim Leopold hieß und nur fünf Monate lebte? Woher soll ich das wissen? Was weiß ich überhaupt?‘

 

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Erklär mir Liebe. Geschichten von und mit Philippe (5): Straßenstrich.

Was hab ich mir eingebrockt! Seit ich Philippe gegenüber erwähnte, dass  Sonia – Töchterchen des saufenden Beamten Marmeladov aus Dostojewskys „Schuld und Sühne“ – auf den Strich ging, um Geld für den Säufervater, die verrückte Stiefmutter und die hungrigen Halbgeschwister zu verdienen, will er wissen, was das sei: „auf den Strich gehen“. Am Abend vor dem Schlafengehen und morgens beim Aufstehen denke ich drüber nach: wie erkläre ich die düstere Welt des Straßenstrichs einem Kinde? „Liebesdienste“ werden dort angeboten. Aber was haben diese Dienste mit Liebe zu tun?

Sonia tut das, was, wie eine Kommentatorin empört feststellt, ja nun gar nichts mit Liebe zu tun hat, aus Liebe. Freilich nicht aus Liebe zu den Freiern, nein, wahrhaftig nicht! Die muss sie, die noch nicht ganz Ausgewachsene, Kindliche, auf und in sich ertragen. Natürlich liebt sie ihren Beruf nicht, obgleich sie ihn freiwillig wählte, als sie „die gelbe Karte“ nahm, die sie als Prostituierte immer bei sich tragen muss. Der alberne Hut und die aufreizenden Fähnchen, die sie trägt, um Freier anzulocken, beschämen sie, und sie zieht sich immer um, bevor sie die Wohnung ihrer Familie betritt, um sie nicht vor der Welt zu kompromittieren. Ihre Liebe gilt den kleinen Halbgeschwistern und ihr Erbarmen gilt der verrückten Stiefmutter und dem verkommenen Vater, für sie opfert sie sich. Ihr Geld hält die Familie am Leben.

Dass Sonia sich in dieser Weise opfert, will dem Mörder Raskolnikov (dem Helden des Romans) durchaus nicht gefallen. Er kritisiert sie heftig, kalt, bösartig, obgleich sie ihn vor allen anderen liebt. Warum liebt sie ihn am meisten? Weil er in ihren Augen der Unglücklichste von allen ist: er kann nicht lieben. Sein Herz ist tot. Sie ist entschlossen, ihn nach Sibirien zu begleiten, um seine Seele retten.

Heute morgen erzählte ich Philippe in groben Zügen die Geschichte von Sonia. Es half aber nichts. Er will immer noch eine Antwort auf seine Frage, die jetzt nicht mehr heißt: „Was bedeutet es, auf dem Strich zu gehen“, sondern „Wieso heißt es, dass Sonia sich opfert? Lieben ist doch kein Opfer.“

Nein, Philippe, Lieben ist kein Opfer. Ich weiß ja, dass du aus Liebe und weil du dich für deine Rose verantwortlich fühltest, sogar bereit warst zu sterben, damals in der Wüste, als du die gelbe Schlage trafst.

Liebe ist das Schönste und Wunderbarste, und die kleine magere Sonia ist in meinen Augen, und sicher auch in deinen Augen, kleiner Freund, der schönste Mensch und besser als alle anderen. Sie bleibt das auch, wenn sie in elenden bunten Flittern herumgeht und sich mit wildfremden Männern in eine armselige dunkle Stube begibt, um Geld zu verdienen. Was sie dort mit ihr treiben, die Männer? Müssen wir so genau hinschauen, kleiner Philippe? Dostojewsky verschont uns damit, er schildert nur eine Straßenszene, und die ist schon fast unterträglich.

Die Liebe, Philippe, gerade auch die zwischen Mann und Frau, kann das Schönste und Herrlichste, aber auch das Schlimmste sein, gerade weil es das Schönste ist. Denn wenn jemand das Schönste zerstört und missbraucht, weil er es kann, dann ist das …Du verstehst das nicht?

Philippe, du liebst deine Rose. Was fühlst du, wenn jemand kommt und reißt ihr die Blütenblätter aus, setzt extra gefräßige Raupen in ihr duftendes Herz, beschimpft sie, wenn sie vertrocknet, reißt sie schließlich aus der Erde und wirft sie weg, weil sie nichts mehr taugt – und all das tut er, weil er es kann. Weil er dafür bezahlt. Er nennt es Befriedigung seiner Bedürfnisse. Er findet das geil. Geld kauft alles, sagt er.

Philippe ist sehr blass geworden, als ich das sage. Aber er will, dass ich weiterrede. Er möchte verstehen. Warum tut ein Mensch das? Was sind das für Bedürfnisse, die er befriedigt, indem er dafür bezahlt, dass er eine Rose kaputtmachen darf?

Darf ich ihm, dem ganz Kindlichen, noch mehr zumuten? Darf ich ihm von der Allgewalt des Geldes, von der Ware Mensch, von der Gemeinheit der Menschen, von ihrer Kälte  reden?  Er versteht ja nicht einmal, was Geld ist, weiß nichts von Tauschwert und Nutzwert, kennt weder den Sexualtrieb noch dessen Perversionen. Für heute muss es genug sein.

Gute Nacht, kleiner Prinz. Die Erde ist ein schwieriger, aber auch ein sehr schöner Ort, um vieles zu lernen. Jetzt aber ist Zeit für den Schlaf. Eine Elfe möge dich in sanfte Gefilde tragen.

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Erklär mir Liebe. Geschichten von und mit Philippe (4): Vom Saufen und Schämen.

Draußen hat sich ein Unwetter niedergelassen und verspricht nun, den ganzen Tag zu bleiben. Schon donnert es gewaltig, und feiner Regen strömt aus dem grauen Gewölk. Jetzt wird der Regen kräftiger, jetzt prasselt er schon, und dazwischen grollt der Donner. Eine gute Zeit, um sich Geschichten zu erzählen. Also entzünde ich eine Kerze und den Kamin – denn bei solchem Wetter fällt der Strom leicht aus, und dann funktioniert auch die Heizung nicht -, setze mich mit Philippe auf den bequemsten Sessel und lasse mir Geschichten erzählen.

Erzähl mir von deinen Reisen, lieber Philippe, sage ich. Ein paar Geschichten kenne ich ja, die hat dein Autor aufgeschrieben und gedruckt. Aber sicher gibt es noch mehr, oder?

Welche kennst du denn? fragt Philippe, der das Buch von Saint-Exupery nicht gelesen hat.

Na, die vom König mit der Ratte und die vom Laternenanzünder, die vom Geschäftsmann und die vom Geometer, und dann noch die vom Säufer…

Ach, die kennst du? unterbricht mich Philippe. Die war schrecklich traurig. Der Arme wohnt ganz allein auf dem Planeten. Er ist ganz bunt angezogen und trägt eine Krone, also ist er wohl eigentlich reich und mächtig, aber das hat er vergessen. Er hat einfach vergessen, was er für Möglichkeiten hat, sitzt da und trinkt Flaschen leer, wovon er genug hat. Manchmal steht er auch auf, seine Augen triefen, seine Nase läuft, er wandelt herum und schluchzt und weint.  Es ist zu traurig.

Warum weint er denn?

Das habe ich ihn auch gefragt. Und was meint du, hat er geantwortet? „Ich schäme mich.“

Und? Wofür schämt er sich denn? Hat er was Schlimmes getan?

Er schämt sich, dass er säuft.

Und weshalb säuft er?

Um zu vergessen, dass er sich schämt.

O weh, rufe ich, der Arme! Der sitzt wirklich in einer Falle. Ich weiß da auch eine Geschichte, die ist von einem anderen Autor, Dostojewsky heißt der, und das Buch heißt „Schuld und Sühne“. Da gibt es einen Mann, Semyon Zakharovich Marmeladov heißt er, der versäuft das ganze Geld der Familie und schämt sich schrecklich dafür. Er ist ganz aufgedunsen und hässlich von der Sauferei und hält, wenn er betrunken ist, große Reden. Er redet darüber, dass er ein schlechter Kerl ist und sich schämt, und gerade weil er diese Scham nicht aushalten kann, immer weiter säuft. Es ist zu traurig. Am Ende wird er von einem Fuhrwerk überfahren. Und seine arme Tochter Sonia, die für seine Sauferei und für die kleinen Geschwister auf den Strich geht, die muss nun…

Was bedeutet: auf dem Strich gehen? fragt mich Philippe. Auf was für einem Strich?

Wie bitte? Ach, die Sonia, ja, so heißt sie, die … , aber das ist kompliziert, Philippe. Es hat was mit der Liebe der Erwachsenen zu tun, also mit der der Männer.

Und? Warum sagst du es mir nicht?

Es ist so … beschämend, stottere ich. Wie soll ich dir das erklären? Du bist so jung und unschuldig.

Philippe sitzt da mit großen Augen und wartet auf meine Antwort. Eine Frage, die er einmal gestellt hat, vergisst er nie. Ich seufze.

Ich glaube, der Regen hat aufgehört, sage ich. Es donnert auch nicht mehr. Lass uns einen Bummel machen, Philippe, ja? Und dann erklär ich dir auch, was das bedeutet: auf dem Strich gehen. Ich will es jedenfalls versuchen.

 

 

 

 

 

 

 

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Dienstags-Drabble

Charme – heilen – Eisen

Das sind Wortmans Vorgaben für das Drabble

In meinem Drabble benutze ich den Songtext zur einst sehr populären Schnulze „Marmor, Stein und Eisen bricht“, gesungen von Drafi Deutscher (1946-2006). Die Platte kam 1965 raus und wurde ein Hit, dem man nicht entgehen konnte.

Süß sang er mit männlichem Charme

So manches Herzlein ward warm:

Marmor, Stein und Eisen bricht
Aber unsere Liebe nicht.

Alles, alles geht vorbei
Doch wir sind uns treu`,

Als dann der Regen kam

Und er von ihr Abschied nahm,

denn er liebte das Reisen

da brach zwar kein Eisen,

doch ihr Herzelein brach

und sie sann gleich auf Rach:

 

„Heilen werden die Wunden mir nur

Wenn ich dir Scheusal vermassel die Tour

Wenn du dann im Regen stehst

Und unter meinem Fenster flehst:

‚Öffne Geliebte mir!

Ick liebe nur dir!‘

Dann leer ich auf deinen Kopf

den ganzen Pinkeltopf.“

Und hier noch das Original:

 

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