Welttheater, zweiter Akt, 4. Szene: Schuld und Strafe der Danaiden

Wir verließen die vier, nachem Danai mit der Erzählung ihres traurigen Schicksals als Flüchtling endete.

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Trud, die Fragende

Liebe Danai, darf ich dich fragen:

 Was hat sich nachher zugetragen?

Was ist aus diesen Frauen dann geworden?

Ist es wohl rechtens, die Männer zu morden?

Jenny theKid:

Was fragst du, Trud, klar durften sie,

sie mussten sie erstechen

sie mussten eher gleich als nie

die üblen Regeln brechen!

Ich find es cool, wenn sich die Fraun

die frei wie Männer sind

den Aufstand gegen sie zutraun!

Das sieht doch jedes Kind.

Trud:

Gemach, halt ein, du schnelle Zunge,

Und schone deine junge Lunge!

Ich fragte, was danach geschieht

und nicht, was man gern wollte

Ich wüsste gern, was sich vollzieht,

wohin die Kugel rollte.

Danai

Du fragst zu Recht, und Antwort fällt mir schwer,

denn nichts ist sicher, alles steht im Raum

Der eine Wahrheit nennt’s, der andre nennt es Mär

Der einer sah’s, dem andern ist es Traum.

So hör, was ich vernahm als kleines Kind,

was ich von meiner Ahnin hab erfahrn.

Danai erzählt die Geschichte der Danaiden, die im Orkus mit bodenlosen Krügen ewig Wasser schöpfen müssen, weil sie die ihnen angetrauten Männer erschlugen.

 

Die Frauen wurden Mütter vieler Kinder

und lebten wohl, solang ihr Leben währte

Das Land war reich und voll der schönsten Rinder,

das Frau und Mann und Kinder wohl ernährte.

 

Doch als ihr Tag vorbei und sich der Tod sie nahm

da mussten sie wohl vor den Totenrichter treten

der sprach zu ihnen: ‚Saht ihr nicht den Gram

der Mütter, die für ihre jung gefallnen Söhne beten?

 

Ihr habt viel Blut vergossen dort, in jener Nacht

als ihr den Mann erschlugt, den man euch gab,

Dafür wird  heute euch mein Spruch gebracht,

drum brech ich über jeder meinen Stab.

 

Für ewig müsst ihr nun mit Krügen,

die keinen Boden haben, Wasser schöpfen.

Denn wenn die Frauen alle Männer schlügen

und mordeten, das Haupt auch wohl abköpfen

dann gäb es keine Kinder, keine Erben

dann wären auch die Frauen ohne Glück.

Dann ging die ganze Welt in Scherben

und nichts brächt uns den Wohlstand je zurück.

 

Die Männer sind, wie sie halt sind geschaffen

sie träumen wild, sie handeln kaum aus Liebe

das ist das Erbe, das kommt von den Affen,

sie folgen ohne Denken ihrem Triebe.

 

Ihr Frauen aber müsst trotz alledem

das Leben fort und fort gebähren

und wenn ihr Kinder habt, fragt nicht mit wem,

so müsst ihr diese Kinder auch ernähren.‘

 

So sprach der Totenrichter zu den Frauen

und so vernahm ich es als kleines Kind

Wir müssen nicht nach Recht und Unrecht schauen

wir müssen Kinder tragen, weil wir sind.

 

Hera tritt auf

Halt ein, Danai! Jetzt rede ich!

Denn so, wie deine Ahnen dirs gesagt, so war es nicht!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Schneiden der Vasilopita im Freundeskreis

Die Vasilopita (Kuchen des Vasilios) ist vom Jahresbeginn nicht wegzudenken. Ich habe inzwischen drei Mal am „Schneiden der Vasilopita“ teilgenommen und unzählige Stücke dieses köstlichen Kuchens vertilgt. Fortsetzung folgt, denn bis zum Ende des Monats wird man durchaus noch dazu eingeladen.

Allein sollte man diese Pita, die nach dem Ag. Vasilios (der griechischen Variante des Hl Nikolaus) benannt ist (er verteilt nicht am 6.12., sondern am 1. Januar seine Geschenke), nicht schneiden. Unbedingt gehört eine gute Gesellschaft dazu.

Die Vasilopita gibt es in verschiedenen Ausführungen und Größen. Immer ist sie liebevoll dekoriert. Hier seht ihr zwei Exemplare, an deren Vertilgung ich in diesem Jahr beteiligt war, vor dem feierlichen Moment des Anschneidens.

Das Anschneiden geht so: Die Hausherrin oder der Hausherr deutet als erstes einen Kreuzschnitt an. Dann werden Stücke markiert und für jeden Anwesenden, aber auch für geliebte Abwesende je ein Stück bestimmt. Auch Größere werden bedacht: das Haus, die Familie, die Freundesgruppe, der Frieden, der liebe Gott. Dann wird geschnitten und verteilt.

Im Kuchenboden ist eine Münze versteckt. Wem diese zufällt, der wird im kommenden Jahr besonders vom Glück begünstigt. Bei unserer Freundesgruppe („Tree of Life“, von einer Teilnehmenden gebacken und schön dekoriert) fiel die Münze genau in die Mitte. Niemand ist ausgeschlossen, niemand besonders begünstigt. Alle zusammen werden wir vom Glück gesegnet sein.

Dieser Tulpenbaum blühte mir entgegen, als ich nach dem Treffen unserer Gruppe vor die Tür trat.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Essen im „Versailles“

Das Versailles, betrieben von einem befreundeten Ehepaar, ist eine Garküche der gehobenen Art. Das Besondere an solchen leider rar werdenden traditionellen „Majiria“ ist: Die Speisen werden nicht von der Karte, sondern nach Besichtigung des Tagesangebots, das in großen Warmhalteschalen appetitlich präsentiert wird, bestellt. Man kann draußen oder in einem durch Glas oder Plastikbahnen geschützten Raum sitzen, wird auch bestens bedient … also alles, wie in anderen Tavernen auch. Ein großer Teil des Umsatzes wird durch Hauslieferungen gesichert, so dass im Sitzbereich eigentlich immer reichlich Platz ist.

Heute morgen schien warm die Sonne, aber Mittags trübte es sich ein und wurde kühl. Und so war der altertümliche Gusseisenherd genau das Richtige, um den Essraum angenehm zu temperieren.

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Neue Blog-Gliederung: „Welttheater“ und „Tagebuch der Lustbarkeiten“

Das Neue Jahr verlangt eine neue Gliederung dieses Blogs. Allzusehr hat sich das Programm verzweigt. So habe ich mich entschlossen, nur noch zwei große Rubriken zu bedienen:
a) Das große Welttheater, das sich über das Jahr hin entfalten wird
b) Mein Tagebuch der Lustbarkeiten

Die erste Rubrik versteht sich von selbst. Aber die zweite? Beschert das Leben denn nur Annehmlichkeiten? Nein, fürwahr nicht. Aber die beschert es eben auch. Und ich möchte nicht, dass sie in der Düsternis untergehen, sondern das Bild beherrschen. Also werde ich nur mir Angenehmes in meine Tagebuchtexte aufnehmen. In Kommentaren und Postskripten kann ich dann immer noch Luft ablassen. Diese Idee ist ein Geschenk von Dora, die mir zuflüsterte: „Denk immer auch an das, was dir und anderen Freude macht!“


Das also werden die beiden großen Kategorien sein:

Großes Welttheater (Beispiel)                          Tagebuch (Beispiel)

 

Zum „Tagebuch“ gehört alles, was NICHT zum Welttheater gehört. Untergliederungen wird es geben können, je nach Bedarf. So beteilige ich mich weiterhin an den abc-etüden, der Impulswerkstatt, gelegentlich an Foto-Projekten, ich werde auch meine täglichen Zeichnugen und andere außerhalb des Welttheaters anfallende Produktionen zeigen, und was sonst noch so anfällt.

Wer an dem „Welttheater“ nicht interessiert ist, weil es als zusammenhängender, recht umfangreicher Text mehr Zeit braucht, als die meisten aufbringen möchten oder können, kann immerhin noch einiges Vergnügliche im „Tagebuch“ finden.

Alsdann!

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Welttheater, 3. Szene, zweiter Akt: Danais Geschichte.

Wir verließen unsere vier Akteure – Poetin Domna, Hilfesuchende Danai, Fragende Trud und Jenny theKid – am friedlichen Meeresstrand, rund um die Erzähltafel sitzend. Das Zauberwort war gefallen (geben, gib!).

Die Szene endete mit dem Wechselgesang:

Ich erzähl euch eine Geschichte                                Und ich stelle Fragen  

Ich rezitier euch Gedichte                                          Ich weiß alte Sagen

Ich weiß was von Witzen                                           Und ich, ich kann lachen

Komm her, bei uns sitzen                                          Bring mit deine Sachen

Komm her, dich zu wärmen                                     Bring mit deinen Kummer

Wer wird sich denn härmen?                                   Ich sing dich in Schlummer.

Ich gebe, so gib schon,  er gibt und sie gibt           Ich lebe, ich liebe, du liebst und sie liebt.

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2. Akt

Trud, dieFragende:

Danai, darf ich dich was fragen?

Du kennst wohl viele Sagen?

Danai, die Hilfesuchende:

O ja, und an diesem Strande,

in dem mir noch fremden Lande

begann meine eigne Geschichte

von der ich euch gerne berichte.

Vor Meer und Strand schiebt sich als Kulisse eine uralte Burgmauer. In der Ferne taucht ein Ruderboot auf. Wenig später betreten 50 Frauen den Strand.

Danai beginnt, mit singender Stimme zu erzählen:

Weine, o Herz, denn die Taten der Menschen sind schrecklich

schrecklich auch ist, was als Strafen den Taten stets folgte.

Einst, vor viel tausenden Jahren an eben demselben Strande

landeten Frauen, die zuvor am großen Strome wohl lebten

Fünfzig sind es gewesen, so erzählen die alten Geschichten.

Hier am argischen Strand, Schutz vor Verfolgung erflehend.

Dort, woher sie gekommen, sollten sie, ohne die Männer zu lieben

diesen gewaltsam gegeben und untertänig gemacht, sie bedienen.

Grausam das Schicksal, sie flohen und fanden auch endlich hier Zuflucht.

Denn die Götter geboten den Menschen, Asyl zu geben den Armen.

Wenig Zeit nur verstrich, da kamen die verfolgenden Männer

Drohten den Argos-Bewohnern und klirrten mit bronzenen Waffen:

Gebt uns die Frauen heraus, sie sind und bleiben die unsern!

Angst befiel die Bewohner, die Tore öffneten sie, und die Männer

Griffen sich welche der Frauen sie wollten und machten sie hörig.

Doch in der Nacht, noch ehe über dem Meere die Sonne

ihren Rundgang begann, erschlugen die Frauen die Männer.

Eine nur hatte den Mann, der sie nahm, mit Liebe umgeben

Einer wars nur, der dem nächtlichen Schlachten entkommen.

Von diesen beiden entstammen nun all unsere spätern Geschlechter

Danaiden genannt, und die Männer Danaer, Ägypter und Griechen.

Jenny, the Kid

Und du, Danai, wo bist denn du hergekommen?

Und sag, wie ist dir die Reise gelungen?

Danai

Ich habe mit anderen ein marodes Schifflein erklommen

mit den hohen Wellen hat es tapfer gerungen

Es kam auch hier an, dann zerbrach unser Boot

und niemand war da, zu lindern die Not.

Mein Kindlein blieb dort, in der bitteren See

und niemals wird heilen mein bitteres Weh.

Sage mir, | Muse, die | Taten des | viel ge | wander ten | Mannes
Welcher so | weit ge irrt | nach der | heili gen | Troja Zer | störung
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Welttheater, 3. Szene. Das Zauberwort.

Auftritt Domna, die blinde Poetin:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

 

O wenn ichs wüsste, dieses Wort,

dass hier an diesem trüben Ort

die Welt erneut in Frohgesang

in Flötenton und Geigenklang

erklänge wie in Kindertagen

noch unbewusst der Altersplagen

und nichts wär als ein Lobgesang ….

Wie ist das Herze mir so bang….

 

Auftritt Trud, die Fragende

Was jammerst du, Alte, dem Singen der Dinge nach?

Es wird dir nichts bringen

das Gerümpel hier, der vertrocknete Bach

sie werden nicht singen.

Ich befrage die Dinge, solange ich lebe

ich drehe sie um, ich beiße hinein

doch was ich auch tu und wieviel ich drum gäbe

das erlösende Wort, das fand ich wohl? Nein!

 

Hinter einer zerbrochenen Mauer scheint der Kopf von Danai, der Hilfesuchenden

Vernahm ich menschliche Stimmen? Oder war’s nur der Wind?

Ich meinte, ich hörte ein Jammern fast wie von einem Kind.

Mein Kindlein, das weint nicht, das ist schön geborgen

im Schoße der Engel, da bläst ihm kein Wind

Ich wollt ich wär bei ihm, bei ihm, meinem Kind.

 

Danai taucht ab. Jenny TheKid tritt auf.

Hallo, liebe Leute,

was hat euch denn heute

an diesen Ort verschlagen?

Ich bin schon seit Tagen

keinem Menschen mehr begegnet

hat ja auch verdammt geregnet.

Nur sone Frau, von woandersher

lebt hier herum, ich sah sie nicht mehr.

Wo ihr schon bei mir gelandet seid

und nicht nur eine, sogar zu zweit,

habt ihr sicher ein Picknick dabei?

gebt mir ein bissel,  es sei was es sei.

 

Domna,  ekstatisch:

Das Wort, das Wort, ich habs gefunden! 

es ist das Geben, geben, gib!

Wer gibt, tut wohl, wer gibt, gibt Leben

und alles, was dem Leben lieb.

Komm her, du Frau von anderswo,

komm her, du Kind mit leerem Magen

Wir setzen uns im Kreise, so,

Ich habe Brot, die Trud hat Fragen.

Und was hast du? Und was gibst du?

Jenny, Trud, Domna und Danai im Wechselgesang

Ich erzähl euch eine Geschichte                                Und ich stelle Fragen  

Ich rezitier euch Gedichte                                          Ich weiß alte Sagen

Ich weiß was von Witzen                                           Und ich, ich kann lachen

Komm her, bei uns sitzen                                          Bring mit deine Sachen

Komm her, dich zu wärmen                                     Bring mit deinen Kummer

Wer wird sich denn härmen?                                   Ich sing dich in Schlummer.

 

Ich gebe, so gib schon,  er gibt und sie gibt           Ich lebe, ich liebe, du liebst und sie liebt.

Als sich die vier freundschaftlich um die Platte gruppieren, die zum Tisch wurde, verändert sich die Kulisse. Ein heller Strand mit schattenden Bäumen und einem blauen Meer werden sichtbar, sanft beleuchtet. Man hört Möwen kreischen und das leise Plätschern der Wellen.

Aus dem Off höre ich Doras Krähstimmchen: „Na also, geht doch!“

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Gestern mal wieder gelesen bei Christiane, die natürlich auch eingeladen ist, mit den anderen am Strand zu träumen. 

 

 

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Junges Grün unter alten Oliven (zu „Winter“ bei Steinegarten)

Der Impuls, den „Steinegarten“ mit ihrem Winter-Projekt setzt, ist persönlicher Art. „Was ist Winter für mich?“ Mir fällt dazu ein: Der Herbstregen, wenn auch recht spärlich, hat frisches Grün auf den Terrassen der Olivenhaine hervorgetrieben. Der junge Klee leuchtet smaragden im Licht und bildet einen schönen Kontrast zum Oliv-Silvergrün der Bäume. Der lichtblaue Winterhimmel gehört natürlich auch unbedingt dazu.

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Welttheater 2023 (2.Januar, Debüt fortgesetzt)

Auch die übrigen Darsteller sollen ihre Chance für ein Debüt bekommen, wünschen einige Leser. „Mal sehen, wie wir’s am besten machen. Wir wäre es, wenn wir immer zwei auf die Bühne bringen?“, schlägt Dora vor. „Wer war denn als nächste dran?“ –

Diaphania, die Transparenz, tritt auf.

Unter dicken Schichten der Täuschung

liegt Wahrheit verborgen,

Kratzt du, riskierst du Enttäuschung

und ernsthafte Sorgen.

 

Doch das soll dich nicht erschrecken

die Wahrheit ist’s wert

Zu suchen, was sie verstecken

ist niemals verkehrt.

Schurigel, der Angstmacher, erscheint.

Schurigel:

„Der Mensch versuche die Götter nicht
und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen“.

So sprach schon Schiller, so spreche auch ich!

Was hinter dem Vorhang, ist fürchterlich

Was kommt, ist schrecklich, ist Krankheit und Not,

 Und wenn du nicht aufpasst, dann holt dich der Tod!

 

Diaphania hebt ihre Lupe und beäugt Schurigel:

Du bist ein aufgeblasener Wicht,

das seh ich klar

Du glaubst selbst deine Worte nicht

sie sind nicht wahr.

Diaphania geht ab. Wilhelm, der Überlebenskünstler, erscheint.

Wilhelm:

Ich hört dich reden, guter Mann, und dank dir sehr!

Zwar gibt es Leut, die ungern hören, was du sagst,

Doch ich bin hier und hörte sehr gern mehr

So fahr nur fort, Verehrter, wenn du reden magst.

Schurigel:

Klug bist du, Gesell, und ich schätze dich sehr

ich wollt es gäb deiner Sorte weit mehr

du hörst auf die Zeichen, du kennst die Gefahr

du rüstest dich aus für zumindest ein Jahr.

Wilhelm:

Genau, genau! Ich bin gut vorbereitet

und wenn die dumme Menschheit auch bestreitet

dass Unheil kommt und Hungersnot

Ich kenne der Vernunft Gebot.

Schurigel geht ab. Danai, die Bittstellerin, erscheint.

Wilhelm: 

Was willst denn du? Wir haben nichts zu geben.

Danai:

Ach Herr, ich fürchte um mein Leben!

Erst wars das Haus, das ich verlor, und auch den Schatz

den ich gesammelt hab für schlimme Zeiten

Doch dann begann die große Hatz

und ach, das große Streiten.

So musst ich fort,

von meinem Ort

Bin hier

Dank dir

für ein Stück Brott.

Vergelts dir Gott.

Wilhelm.

Na gut, so nimm ein halbes Brot

Und dann zieh weider

Weil hier jetzt auch der Hunger droht

So ist das leider.

Wilhelm geht ab. Spaziergänger ziehen vorbei: Mann, Frau, Kind und Hund. Sie sind im Stück nur als Statisten vorgesehen und haben auch weiter nichts zu sagen.

Danai geht ab. Clara, das spielende Kind, erscheint.

Clara:

Grüß Gott, ihr lieben Leut!

Ein schöner Tag ist heut!

und euer Hund,

der Kunderbunt,

erfreut.

Auch ich bin herzlich froh

grad jetzt und sowieso

und wenn ihr wollt

mein Ball der rollt

hallo!

Wie heißt denn euer Kind?

Mag es wohl Pfeffermint?

Ich habe was

drum sag ich das.

Wer wagt, gewinnt!

Die Spaziergänger samt Hund gehen ab, ohne Clara zu beachten. Jenny, TheKid, taucht auf.

Clara:

Magst du mit mir spielen?

Jenny:

Ach du? Warum nicht?

Bist zwar ein Leichtgewicht,

ich gewinne dich glatt

gleich biste schachmatt.

Los, schmeiß schon mal her

ich schmeiß gleich zurück

Hast du vielleicht ein Frühstück?

Mein Magen ist scheißleer.

Clara: 

Da haste mal Glück!

Komm her, ich hab noch ne halbe Banane

und einen Becher Joghurt mit Sahne.

Meine Mama gibt mir immer was mit

auch doppelt, wenn ich sie drum bitt.

Die beiden hocken sich zusammen, essen, reden und spielen mit Claras Ball.  Als Jenny aufbrechen will, erscheinen: Jonas, der Weltraumforscher, die Spirits Ma, Lu, Ro und Wa, der neue Mensch Humunkulus und Hera, die Göttin.

Hera:

Guten Morgen, Jenny, schon gefrühstückt?

Humunkulus:

Warte mal, Jenny, ich kann nicht so schnell, bin erst im Werden!

Jonas:

Rat mal, was ich dir von der Beteigeuze mitgebracht habe, Jenny!

Spirits (im Chor):

Wir sind auch da! Ma-Lu-Ro-Wa hurra!

Man sieht, Jenny ist ziemlich populär und hat viele Helfer. Also brauchen wir uns um sie keine Sorgen zu machen.

Nun haben alle ihren ersten Auftritt gehabt, und der Vorhang kann fallen. Gute Nacht!

O, auf der jetzt leeren Bühne erscheint doch noch eine Gestalt: Luise, das Traumwesen! Natürlich, ich habe es glatt vergessen.

Luise:

Träume sind Schäume

Schäume und Tand

träume und schaue

was unter dem Strand

unter den Wellen

dem Strauch und dem Sand.

Jenseits nun baue

vergiss jetzt, du Schlaue

mal deinen Verstand

Traue dem Schäumenden

vertraut nur dem Träumenden

lass dich versorgen

wenn du dann ausgeträumt

ist dein Haus aufgeräumt

und es ist Morgen.

 

Der Vorhang fällt. Gute Nacht für heut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Welttheater 2023: Die ersten sieben Auftritte plus ein vermasselter Auftritt

Auftritt Domna, die blinde Poetin.

Das Alte Jahr, ganz pünktlich ist es um

Auf ging der Vorhang für das Neue Jahr

Und in dem Saal sitzt stumm das Publikum

Was wird? Ist jetzt gebannt wohl die Gefahr?

 

So fragt es sich. Doch wer spielt auf den Bühnen

Wenn nicht du selbst, die dieses Spiel ja schreibt?

Bist du’s nicht selbst, der unsre Welt lässt grünen

Der Frieden schafft und uns in Kriege treibt?

 

O Freund, o Freundin, lass uns all zusammen

das Neue Jahr in Frieden schön gestalten

dass es nicht gar verbrennt in Krieges Flammen

und nicht regiert wird von den Nachtgewalten.

Domna tritt ab.

Auftritt Ungur, die Fragende:

Was soll mir Hoffen, warum sollt ich bangen?

Die Wahrheit such ich hinter der Erscheinung.

Wenn du nicht suchst, zur Wahrheit zu gelangen

Bleibt alles Spuk und subjektive Meinung.

Drum hör nie auf, all das, was dir geschieht

Mit Fragen nach dem Wo und Wann, Warum

Und Wer das tat und Wer ihm dazu riet

Zu löchern, denn sonst bleibst du dumm.

Ungur tritt ab.

 Auftritt Tschinn, der Macher:

Ich bin der Tschinn, der Macher

Ich packe an, ich schaffe, tu

Auf meiner Seite sind die Lacher

Wie ich es mache, mach’s auch du!

 

Wer zu viel fragt, wer immer wartet

Dass alles sich von selbst erledigt

Wer niemals selbst zu Taten startet

Stattdessen Ruh und Frieden predigt

 

Den wird es balde kalt erwischen

Der wird verlassen sein und arm

Du musst schon selbst die Karten mischen

Sonst Gnade dir und Gott erbarm! 

Tschinn tritt ab

Auftritt das Paar, Yin und Yang.

Du weisst, wir bleiben einsam: du und ich,
Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
Mit freien Kronen, die der Seewind streift;
So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
Und zwischen beiden webt ein feines Licht
Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
Und dunkel rauscht die Sehnsucht her und hin.

(Dies ist kein eigenes Gedicht, es stammt von Paul Wertheimer, Seelen, aus: Neue Gedichte, 1904. Yin und Yang sahen es heute bei Christiane und fanden es für ihren ersten Auftritt passend.)

Yin undYang treten ab

Auftritt Isolde, die Hedonie.

Freude, Wonne, in der Liebe

In dem Spiegel deiner Augen

Funkelt mir das All entgegen

Eine bin ich mit dem Ganzen

Nichts kann mich von dir entfernen

Denn Eins sind ich, du und alle

Meine Lippen wolln dich küssen

Meine Schenkel dich umfassen

Und mein Herz will nur dich schlürfen

 Diesen reinen süßen Trank

Deinen Atem will ich trinken

Will in deinem Hauch versinken

„Sind es Wogen
wonniger Düfte?
Wie sie schwellen,
mich umrauschen,
soll ich atmen,
soll ich lauschen?
Soll ich schlürfen,
untertauchen?
Süss in Düften
mich verhauchen?
In dem wogenden Schwall,
in dem tönenden Schall,
in des Welt-Atems
wehendem All —
ertrinken,
versinken —„
unbewusst —
höchste Lust!“

(Wie du vielleicht erkannt hast, geht der Gesang der Hedonie in den der Isolde über, als sie sterbend hinsinkt. Libretto von Richard Wagner )

Isolde tritt ab

Auftritt Jerma, die Sowiedu.

Wo seid ihr, ihr andern? Ich bin so allein!

Wer bin ich, wenn ich euch nicht hab?

Ich möchte so gerne geliebt von euch sein

Ihr seid mir der Trost, ihr seid mir der Stab!

 

Sehr gern werd ich grün, wenn das Grün euch behagt

Was zählt ist allein, dass ihr andern mich liebt

Ich werde auch blau oder rot, wenns gefragt

Denn ihr seid mein Alles, so wahr es mich gibt!

Jerma tritt ab

Auftritt Hera, die Göttin.

Friede sei an allen Küsten

lasst uns die Welt von Krieg befrein!

Kommt her und saugt an meinen Brüsten

die euch Unsterblichkeit verleihn!

Ich geb euch Nahrung, geb euch Quellen

denn darben sollt ihr wirklich nicht.

Doch dürft ihr nicht die Bäume fällen

Auch fordere ich Fleischverzicht.

 

Die Tiere sind mir tief verbunden

Sie schütze ich, sowie auch dich

Ich mag es nicht, wenn sie geschunden

Wenn du sie tötest, triffst du mich!

 

Ich bin die Göttin, die vor Zeiten

ihr habt von ihrem Thron gestürzt

Die Rückkehr sollt ihr mir bereiten

sonst wird das Leben euch verkürzt

 

Ich geb dir alles, doch verlange

ich stets Respekt vor Baum und Tier

so du den hast, sei dir nicht bange:

Mit Gotteskraft steh ich bei dir.

Hera  tritt ab

Auftritt Diaphania, die Transparenz

….

Hier schaltet sich Dora ein. „Sag mal, spinnst du? Willst du alle 17 Typen auftreten lassen, damit sie ihr Sprüchlein daherbeten? Die Zuschauer – und sicher auch die Zuschauerinnen – werden sich zu Tode langweilen, wenn das so weiter geht. Sie verlangen Handlung, Action! Also lass dir was einfallen, ja?“

Erschrocken lasse ich den Vorhang fallen, bevor Diaphania ihr Sprüchlein loswerden kann. Dora hat wahrscheinlich recht.  Ich werde mich mit ihr beraten müssen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jahresbeginn zwischen gestern und morgen.

Am Ersten Januar ist, seit ich hier lebe, immer Wunderwetter. So auch heute. Das Meer durchscheinend klar und nur geringfügig bewegt, sehr leichtes Geplätscher, dann absolute Stille. Sogar das Meer hält den Atem an vor so viel lichter Schöne.

Auf der lichtvollen Fläche schaukeln sich Schatten, leichte und schwere.

Es sind Zypressen und andere Bäume, die von hoch oben ihren Schatten hinab aufs Meer werfen.

Hat sich Alfred Böcklin von einem solchen Motiv zu seiner „Toteninsel“ inspirieren lassen? Es gibt viel Spekulation um den Ort, der Böcklin vor Augen geschwebt haben könnte.

 

Dritte Version der „Toteninsel“, Öl auf Holz, 1883, Alte Nationalgalerie in Berlin

Zurück gehe ich über einen Pfad, den ich oft mit Tito trottete. Ach, Tito, denke ich, nicht mit Schmerz, aber mit einer Melancholie, die einen befallen kann, wenn jemand, den man lieb hat, nicht mehr da ist, um die Schönheit des Tages mit einem zu teilen. Und schon ist er da, springt vor mir her, und bei ihm ist eine andere…

Da also, denke ich. Sie sind alle da, auch wenn wir sie nicht sehen.

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