Welttheater, 3. Szene, zweiter Akt: Danais Geschichte.

Wir verließen unsere vier Akteure – Poetin Domna, Hilfesuchende Danai, Fragende Trud und Jenny theKid – am friedlichen Meeresstrand, rund um die Erzähltafel sitzend. Das Zauberwort war gefallen (geben, gib!).

Die Szene endete mit dem Wechselgesang:

Ich erzähl euch eine Geschichte                                Und ich stelle Fragen  

Ich rezitier euch Gedichte                                          Ich weiß alte Sagen

Ich weiß was von Witzen                                           Und ich, ich kann lachen

Komm her, bei uns sitzen                                          Bring mit deine Sachen

Komm her, dich zu wärmen                                     Bring mit deinen Kummer

Wer wird sich denn härmen?                                   Ich sing dich in Schlummer.

Ich gebe, so gib schon,  er gibt und sie gibt           Ich lebe, ich liebe, du liebst und sie liebt.

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2. Akt

Trud, dieFragende:

Danai, darf ich dich was fragen?

Du kennst wohl viele Sagen?

Danai, die Hilfesuchende:

O ja, und an diesem Strande,

in dem mir noch fremden Lande

begann meine eigne Geschichte

von der ich euch gerne berichte.

Vor Meer und Strand schiebt sich als Kulisse eine uralte Burgmauer. In der Ferne taucht ein Ruderboot auf. Wenig später betreten 50 Frauen den Strand.

Danai beginnt, mit singender Stimme zu erzählen:

Weine, o Herz, denn die Taten der Menschen sind schrecklich

schrecklich auch ist, was als Strafen den Taten stets folgte.

Einst, vor viel tausenden Jahren an eben demselben Strande

landeten Frauen, die zuvor am großen Strome wohl lebten

Fünfzig sind es gewesen, so erzählen die alten Geschichten.

Hier am argischen Strand, Schutz vor Verfolgung erflehend.

Dort, woher sie gekommen, sollten sie, ohne die Männer zu lieben

diesen gewaltsam gegeben und untertänig gemacht, sie bedienen.

Grausam das Schicksal, sie flohen und fanden auch endlich hier Zuflucht.

Denn die Götter geboten den Menschen, Asyl zu geben den Armen.

Wenig Zeit nur verstrich, da kamen die verfolgenden Männer

Drohten den Argos-Bewohnern und klirrten mit bronzenen Waffen:

Gebt uns die Frauen heraus, sie sind und bleiben die unsern!

Angst befiel die Bewohner, die Tore öffneten sie, und die Männer

Griffen sich welche der Frauen sie wollten und machten sie hörig.

Doch in der Nacht, noch ehe über dem Meere die Sonne

ihren Rundgang begann, erschlugen die Frauen die Männer.

Eine nur hatte den Mann, der sie nahm, mit Liebe umgeben

Einer wars nur, der dem nächtlichen Schlachten entkommen.

Von diesen beiden entstammen nun all unsere spätern Geschlechter

Danaiden genannt, und die Männer Danaer, Ägypter und Griechen.

Jenny, the Kid

Und du, Danai, wo bist denn du hergekommen?

Und sag, wie ist dir die Reise gelungen?

Danai

Ich habe mit anderen ein marodes Schifflein erklommen

mit den hohen Wellen hat es tapfer gerungen

Es kam auch hier an, dann zerbrach unser Boot

und niemand war da, zu lindern die Not.

Mein Kindlein blieb dort, in der bitteren See

und niemals wird heilen mein bitteres Weh.

Sage mir, | Muse, die | Taten des | viel ge | wander ten | Mannes
Welcher so | weit ge irrt | nach der | heili gen | Troja Zer | störung

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu Welttheater, 3. Szene, zweiter Akt: Danais Geschichte.

  1. Alexander Carmele schreibt:

    Toll – ein Hauch des Magischen und Wirklichen umweht diese Worte. Es hat mich stets gewundert, dass die Epen aus der Literaturwelt verschwunden sind, das Ganzeinheitliche, Schnelle und doch Genaue. Ich hab’s gern gelesen und während des Lesens mich durch die Zeiten tragen lassen 🙂 Vielen Dank und Gruß!

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      „Ganzeinheitlich, schnell und doch genau“. Das klingt schön in meinen Ohren, lieber Alexander. Geradezu wie ein Motto. Ich selbst bin im Mythos genauso zu Hause als in der sogenannten Wirklichkeit, im Grunde sind sie für mich gar nicht unterscheidbar, habe dazu sogar einen ganzen Roman verfasst.

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Hier spielt sich ja Dramatisches ab, und Kunstwerke entwickeln sich. Dies alles führt jetzt ein Eigenleben. Ich wünsche Dir dazu alles Gute, Gerda.

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    • gkazakou schreibt:

      Diese Geschichte von den 50 Töchtern des Danaos, die aus Ägypten nach Argos flohen, zwangsverheiratet wurden und in der Hochzeitsnacht ihre Männer umbrachten (bis auf einen) , ist sehr viel älter als der Trojanische Krieg, Gisela. Die Griechen, die nach Troja zogen, warennste Nachkommen des einennÜberlebenden und seiner Frau. Darum nennt Homer die Griechen Danaer.

      Gefällt 1 Person

  3. Gisela Benseler schreibt:

    Was in Troja geschah, steht im „Buche des Lebens“ unauslöschlich geschrieben und wurde uns in neuen Offenbarungen erklärt. Aber natürlich suchst Du Deine persönliche Antwort, Gerda, was ich gut verstehe.

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  4. Don Esperanza schreibt:

    Danke, du hast mich entführt

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  5. Myriade schreibt:

    Ich hatte mir ja dein Welttheater anders vorgestellt. Ich dachte du würdest die verschiedenen Figuren von ihrem jeweiligen Standpunkt und aus ihrem jeweiligen Charakter aus das Weltgeschehen kommentieren lassen …

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  6. Spannende Geschichten lese ich hier und ich bin gerne bei Dir, liebe Gerda

    Du wärst vermutlich auch eine begnadete Märchenerzählerin, der alle Kinder lauschen. Sie würden sich in Deinen Schoß kuscheln und Dir gebannt zuhören.
    Und ich habe gebannt gelesen!

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  7. Schon schade, liebe Gerda, aber Du hast ja uns und alle Deine Freunde vor Ort, in der schönsten aller griechischen Landschaften und einen wundervollen Sohn

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