112 Stufen, 104: Rücksicht (selbst, Familienausflug)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Spontan fällt mir nichts Literarisches zu Rücksicht ein. Was ist das überhaupt für ein Wort? Im Griechischen steht dafür „σεβασμός“, das ist so was wie Ehrerbietung. Da sehe ich etwa einen Menschen vor mir, der rücksichtsvoll aufsteht, um einem Gehbehinderten seinen Platz anzubieten. Im Englischen ist die Übersetzung „consideration“ und „regard“, als Synonym auch „respect“…

Aha. Respekt ist ja fast die Übersetzung von Rücksicht ins Lateinische: re = zurück, spectare = zuschauen, beobachten. Ich nehme Rücksicht, heißt: ich stürze mich nicht auf den erstbesten freien Platz,  sondern schaue ich mich um und vergewissere mich,  dass niemand anderer den freien Platz benötigt. Oder wenn ich als Lehrerin der Klasse vorangehe, schaue ich mich regelmäßig um, beobachte die Nachhut und passe auf, ob die Schwächeren das Tempo halten können. Das gilt natürlich auch im übertragenen Sinne.

Und da fällt mir nun wirklich eine Geschichte ein: Ich bin vielleicht vier und sehe mich mit Mutter, Oma und den älteren Geschwistern beim Sonntagsspaziergang. Mutter und Oma sind untergehakt und wandern zügigen Schritts, ins Gespräch vertieft. Die Geschwister rennen vorweg. Ich aber, die Kleinste, trödele hinterher. Mich lockt es, dies und das am Wegrand anzuschauen. Der Abstand zur Gruppe vergrößert sich dabei bedrohlich. Als ich es bemerke, beginne ich zu rennen und schreie und brülle: „Wartet!“, aber die  Gruppe entfernt sich wie eine erbarmungslose gut geölte Maschine, unempfindlich für mein Geschrei. Als ich sie nach etlichen Mühen schnaufend und tränenüberströmt erreiche, klammere ich mich ans Handgelenk der Mutter und lasse es nicht mehr los, auch als sie sich beklagt, ich sei ein Mehlsack.

Das ist achtzig Jahre her, aber so lebendig, als sei es heute geschehen. Vielleicht, weil es sich regelmäßig wiederholte, denn ich war nicht bereit, mich meinerseits dem Tempo der Gruppe unterzuordnen. Was ich daraus zu lernen hatte? Es ist wichtig, immer mal zurückzublicken und ein wenig Geduld zu haben mit den Kleinen, Schwächeren, vielleicht auch nur Verträumteren, die einen anderen Rhythmus haben als der Pulk. Habe ich es gelernt? Puh, ich fürchte, nein. Was ich gelernt habe, ist eher: lieber auf Gruppen als auf mein eigenes Tempo zu verzichten …

In mein dieser Tage verkauftes Aquarell „Ein Familienausflug“ ist das kindliche Erleben teilweise eingegangen: die Familie als enges Beziehungsnetz, das dich mitschleift, als Individuum auflöst, aber auch behütet.

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Wie ich nun bei einem Blick ins Archiv feststelle, habe ich das Thema auch in Kohle gestaltet. „Brav, brav“ nannte ich es und schrieb: „Mit starker Hand hält der Papa den Nachwuchs am Zügel, damit niemand auf Abwege gerät und sich etwa gar in Frühlingsgefilden verliert.“ Nun, einen Papa und Zügel gabs bei uns nicht, und so brauchte ich die Rücksicht, um nicht verloren zu gehen.

Auch eine abc-etüde samt Legebildern habe ich zum Thema gemacht und „Vom Erwachsenenwerden“ genannt. Da ist es ein ängstlicher Junge, der vom Vater vorangetrieben wird, denn er meint, zu viel Rücksicht würde aus dem Jungen ein ängstliches weichliches Wesen machen (Vater „blickt nicht zurück“), während die Mama rückwärts schaut (Rücksicht nimmt) und mit der Laterne winkt.

Kata-Strophen vom Erwachsenwerden.

Der Papa marschiert, er sagt, nun mal los

Du bist ein Junge, du bist schon fast groß,

Zu lange hockst du auf Mamas Schoß

Werd mir kein Stubenhocker bloß.

 

Der Junge, der schreit: Da will mich wer fassen!

Hilf Papa, sag ihm, er soll mich loslassen!

Ich fürcht mich vor dem Mond mit dem blassen

Gesicht! Hilf Papa, die Füße bleiben mir stecken im Nassen!

 

Der Vater, der blickt nicht zurück zu dem Knaben,

Er sieht nicht den Drachen, er sieht nicht die Raben,

Die seinen ängstlichen Sohn umgaben.

Er sagt nur: Spring los, spring über den Graben.

 

Der Knabe der stolpert über Stöcke und Stein,

Muss eilen, sonst ist er bald gänzlich allein,

Verliert noch sein Mützchen, sein Beutelchen fein

Und fällt in den nassen Sumpf noch hinein.

 

Von oben blinken der Mond und die Sterne,

Die Mama winkt und schwenkt in der Ferne

Inmitten der Nacht die Heimkehr-Laterne,

Bei ihr, ach, zu Hause, wie  wär er da gerne!

 

Und äße ne heiße Hollunderbeersuppe

Und spielte mit Mary, der Echthaarpuppe.

Und bastelte sich ne  Indianertruppe

Mit Pfeil und Bogen und Einbaum-Schaluppe.

 

Herbstfarbenbunt leuchtet der Wald

Von drin ein heller Schuss erschallt.

Die Nacht ist dunkel, die Nacht ist kalt,

Ach käme der Morgen, ach käme er bald!

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Archivbild des Tages, 14. 9. 2019 : „was sie im Innersten bewegt“

Was war an einem Tag wie diesem in einem früheren Jahr? fragt Heide von der Puzzleblume, und so steige ich mal wieder ins Archiv hinunter.

Im Rahmen unseres Projektes „Ping-Pong“ tauschten Ulli Gau und ich Halbsätze aus, die wir jeweils ergänzten und mit einem Bild illustrierten. Am 14. September 2019 zeigte ich ein Frauenportrait mit der Halbzeile: „… was sie im Innersten bewegt„.

Es war meine Antwort auf Ullis Halbsatz: „Wer weiß schon ...“ und ihre Foto-Collage

Mit Freude habe ich diesen Dialog heute wieder angeschaut. Danke, Ulli, für den so befruchtenden Austausch!

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112 Stufen, 103: Bewundern (Hilde Domin)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Auf gehts, auch den letzten Treppenabschnitt noch zu bezwingen! „Bewundern“ steht auf der ersten Stufe. Nun, dazu fällt mir nichts Literarisches ein, auch wenn ich dies und jenes bewundere.  Wie etwa Hilde Domin (1909-2006) und ihr Gedicht über das Wunder:

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Ja, es darf auch ein toter Vogel sein, dem ich meine Hand hinhalte und zurufe:

Flieg, kleiner Vogel!

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So will auch ich nicht müde werden und dem Wunder immer wieder meine Hand hinhalten.

 

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Farben im September (13): Honigmelonengold

Sie duftet verführerisch und hübsch aussehen tut sie auch in ihrem matten Goldschimmer.

Erst auf dem Foto bemerkte ich die feine Stickerei, mit der sie ihren goldenen Kugelleib umhüllt hat.

Ja, blind gehe ich durch die Welt…

Dies ist mein 13. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben.

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112 Stufen: Acht Treppenabsätze im Rückblick

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Acht Treppenabsätze mit insgesamt 102 Stufen habe ich bereits zurückgelegt. Der letzte Treppenabsatz liegt nun vor mir. Bevor ich ihn morgen betrete, möchte ich wieder einmal anhalten und zurückschauen auf den zurückgelegten Weg. Dieses Mal waren es sehr große Wörter wie Vertrauen, Frieden, Hoffnung, Einsicht, Mitleid, Wertschätzen, Heilen, Besinnung, Verständnis. Und so kommt diesmal die Bibel, kommen die Schwergewichte Dante und Goethe und Einstein, auch die mir sehr am Herzen liegenden Kafka, Musil, Novalis, Rückert, Saint Exupery zu Wort. Hinzu kommen drei der ganz großen Maler: Raffael, Delacroix und van Gogh, ferner zwei deutsche Filmemacher: Werner Herzog und Volker Schlöndorff, drei Politiker: Richard von Weizsäcker, FJ Strauß und Robert Havemann, und ja, auch ich selbst mit meinen fiktiven Personen: Willi(e), Elpis, Emma Lo und Victor. Und, natürlich, viele viele Legebilder, mit denen ich die Texte gerahmt und durchsetzt habe, um ihnen mehr Leichtigkeit zu geben.

Der achte Treppenabschnitt im Rückblick

102 Frieden (Werner Herzog, Kaspar Hauser; FJ Strauß, Robert Havemann, Jesus) – 101 Hoffnung (Dante, Julian Assange, selbst) – 100 Wertschätzen (Einstein, Goethe, jeder Augenblick) – 99 Vertrauen (Rilke, selbst) – 98 Heilen (Volkslied; Neues Testament, Raffael; Franz Kafka, der Landarzt) – 97 Besinnung (Richard von Weizsäcker, Rede zum 8. Mai 1945) – 96 Verständnis (Novalis, Heinrich von Ofterdingen; Saint Exupery, Der kleine Prinz) – 95 Einsicht (selbst; Rückert) – 94 Mitleid (Der barmherzige Samariter, Delacroix, Van Gogh)- 93 Beschämen (Robert Musil, Volker Schlöndorff, Törless)

Der siebte Treppenabschnitt im Rückblick

92 Schuld (Vaterunser, Schuldenerlass; Karl Stamm, Brudermord) – 91 Tränen (Paul Verlaine, il pleut) – 90 Rache (Conrad Ferdinand Meyer, Füße im Feuer) – 89 Leiden (Hugo von Hofmannsthal, Manche freilich…) – 88 Wahn (Friedrich Schiller, Wahn und Wirklichkeit) – 87 Schweigen (Johann Wolfgang von Goethe, Wandrers Nachtlied; Georg Trakl, Verklärter Herbst) – 86 Missbrauch (Immanuel Kant, Gebrauch der Geschlechtsorgane) – 85 Verfolgung (Mascha Kaleko, Überfahrt) – 84 Schrecken (Franz Münterfering, Heuschrecken) – 83 Terror (Maximilien de Robespierre, Joseph-Ignaz Guilleton, La Terreur)

Der sechste Treppenabschnitt im Rückblick:

82 Würde (Friedrich Schiller, Bertold Brecht et al, Verfassungen) – 81  standhaft (Friedrich Schiller, die Glocke, Bürgertum) – 80 Treue (Carl Orff, Die Kluge) – 79 Tiefe (Friedrich Nietzsche, Gustav Mahler, O Mensch gib Acht!) – 78 göttlich (Johann Wolfgang von Goethe, Edel sei der Mensch) – 77 Güte (Bibel, Bertold Brecht, Ein guter Mensch sein…) – 76 Klärung (Ingeborg Bachmann, Erklär mir, Liebe) – 75 überwinden (Rainer Maria Rilke, Der Schauende) – 74 beistehen (Paulus, Galater, einer trage des anderen Last) – 73 Ausdauer (Albert Einstein, Ausdauer und wegwerfen) –

Der fünfte Treppenabschnitt im Rückblick:

71 verlassen (Eichendorff, „Das zerbrochene  Ringlein“) – 70 Enttäuschung (Luise Büchner, „Höchstes Leid“) – 69 Verzweiflung (Kierkegaard, „Krankheit zum Tode“, Nietzsche) – 68 Weinen (Goethe, „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“) – 67 Hass (Ricarda Huch, „Mein Herz, mein Löwe“, Heinrich Heine, „Diesseits und jenseits des Rheins“) – 66 Kurzschluss (Heinz Ehrhardt, „Kurz vor Schluss“, Bertold Brecht „Matrosentango“ aus „Happy End“) – 65 Zweifel (Aristoteles, Buridans Esel, Enzensberger, „Entschlusslosigkeit“) – 64 Panik (Carl-Christian Elze, „PanikParadies“, Pandemie) – 63 Liebeskummer (Nietzsche, „theokritischer Ziegenhirt“) – 62 Kränkung (Dieter Bonhoeffer, „Wer bin ich?“) – 61 Eifersucht (Tolstoi „Kreutzersonate“, Shakespeare „Othello“)

Der vierte Treppenabschnitt im Rückblick:

60 lieben (Paulus, Petros Gaitanos, Korinther, „Hohelied der Liebe“) – 59 zusammenkommen (Shakespeare, Fontane, Hugo „Zufall oder Fügung?“) – 58 verführen (Don Juan, Bertold Brecht) – 57 schmachten (Matthias Claudius, „Regenlied“) – 56 verlieben (Eichendorff) – 55 Zuneigung (Ringelnatz, „Ich hab dich so lieb“) – 54 tanzen (Kinderlied, „Wanze“) – 53 Handkuss (Rotter, Erwin, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“) – 52 Verehrer (Homer „Penelope“, Stefan George „Jean Paul“) – 51 überschwenglich (Grimms Märchen vom süßen Brei, Rilke, Wedekind) – 50 kribbeln (Fontane, „Natur“) – 49 Leidenschaft (Ebner-Eschenbach, „Uhren“ , Stefan Zweig, Lasker-Schüler) – 48 Anziehung (Droste-Hülshoff Mann-Frau, „Magnet“) – 47 Aufblühen (Anais Nin, weibliche Emanzipation) – 46 erlauben (Verschnaufpause)

Der dritte Treppenabschnitt im Rückblick

45 Achtung (selbst, „nun trommeln sie wieder“) – 44 Besonnenheit (Ludwig Uhland, „Volksvertreter“) – 43 Lügen (Carlo Collodi, „Pinocchio“) – 42 Warnung (Heinrich Heine, „Zensur“) – 41 wirr (Christian Morgenstern, „Hausschnecke“) – 40 Trauma („Philoktet“, Valeria Petkova) – 39 betrübt (J.W. von Goethe, Ludwig van Bethoven, Verliebtsein) – 38 Beherrschung (Paul Fleming, „Selbstbeherrschung“) – 37 Beleidigt sein (Niccolò Macchiavelli, „Ratschlag an Herrscher“) – 36 Vorwurf (Wilhelm Busch „ohne Schuld“) – 35 Neid (Friedrich Schiller, „Polykrates“) – 34 Wut (Homer, Poseidon, Odysseus) – 33 Beschimpfen (Arthur Schopenhauer, „Kunst des Beschimpfens“) – 32 Drohung (J. W. von Goethe, „Erlkönig“) – 31 bösartig (George W. Bush jr, „Achse des Bösen“)

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti, „Futuristisches Manifest“) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel, Rede zum Büchner-Preis) – 28 friedlich (Bertold Brecht, „Friedenslied“)) – 27 beruhigen (Natur, erleben) – 26 Freude (Friedrich Schiller, „An die Freude“) – 25 Verbot (Anatole France, Gleichheit vorm Gesetz) – 24 wappnen (Martin Luther, „Ein feste Burg“) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh, Vormärz „Wiegenlied“) – 22 Zorn (Roman Herzog „Aguirre“, Georg Trakl „Grodeck“) – 21 Begeisterung (Hegel, Definition) – 20 Bruder (Karl König, „Bruder Tier“) – 19 Nähe (Christian Morgenstern, „Näherin“) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz „Mächtig ist die Ehrlichkeit“) – 17 Lachen (Günter Grass „Hier wird nicht mehr gelacht“) – 16 Sprechen (Schiller, „Die Bürgschaft“) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch „Mein Herz, mein Löwe“, Leo Tolstoi „Auferstehung“, Matthäus-Evangelium) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt, „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“) – 13 beschützen (Hermann Hesse, „Stufen“, Hölderlin „Hyperions Schicksalslied“) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach, „Weihnachtsoratorium“) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe, Valentin im „Faust“) – 10 Familie (David Cooper, „Tod der Familie“) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium „Verkündigung“) – 8 Angst (Mascha Kaléko, „Jage deine Ängste fort“) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche „Im Süden“) – 6 Heimat (Theodor Fontane „Graf Douglas“) – 5 Liebkosen (Aischilos „Gefesselter Prometheus“, Selbst „Schwanenwege“ // Leo Tolstoi „Anna Karenina“) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert, „Die Küchenuhr“) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky „Mutters Hände“) – 2 Streicheln (John Steinbeck „Of Mice and Men“) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe „Willkommen und Abschied“).

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Bildungssplitter

 

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112 Stufen, 102, Frieden: Werner Herzog (Kaspar Hauser), Franz Joseph Strauß, Robert Havemann,Jesus

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Ich seufze. Frieden, welch ein schönes Wort in friedlosen Zeiten! Nie kam mir die Menschheit so zerstritten vor wie gerade jetzt. Sicher, es gab auch früher die großen ideologischen Brüche und schreckliche Kriege, aber gabs auch dies Klein-Klein der Zerstrittenheit, als würde sich jeder gegen jeden wenden in rabiater Rechthaberei?

Es gab da diesen Film von Werner Herzog (5.9.1942- ) über Kaspar Hauser mit dem einprägsamen und etwas reißerischen Titel: „Jeder für sich und Gott gegen alle“ (1974). So kommts mir grad vor. Und dies „jeder für sich“ wird bei geringsten Anlässen zu „jeder gegen jeden“, und am Ende wird geschossen, wie gerade jetzt wieder in den USA. Da ist sich dann auf einmal der Haufen einig: so gehts nicht! heißt es. Doch kaum hat sich der Pulverdampf gehoben, gehts von vorn und schlimmer los.

Kaspar Hauser hatte nicht gelernt, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Als er es langsam lernte, wurde er ermordet.

Und wir? Haben wir das Kommunizieren denn gelernt?

Sagt jemand heute: „Frieden schaffen ohne Waffen“ (1982*), so wird er als Spinner und Realitätsverweigerer angegriffen und aufs Übelste beschimpft. Waffen also, um Frieden zu schaffen? Immer mehr Waffen, um immer mehr Frieden zu schaffen?

Ach, auch ich bin nicht gut im Kommunizieren, lieber Kaspar. Ich bin zwar nicht in einem Keller aufgewachsen und bin durchaus, und bereits seit Kindesbeinen, über „unsere Werte“ belehrt worden, aber kann ich sie kommunizieren? Ich würde ja gern annehmen, dass der Satz: „Die Hand soll dem abfallen, der je wieder eine Waffe in die Hand nimmt“ (1947) –  er wird Franz Joseph Strauß (1915-1988) zugeschrieben – aus einer höheren Einsicht formuliert wurde.  Warum sollte er also nicht mehr gelten? Ist es denn nicht ein Satz, der aus Erfahrung und Vernunft geboren wurde?

„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft“ (Philipper 4,7, Joh 14,27**)... zu ihm möchte ich in all der Vernünftelei meine Zuflucht nehmen. Und wo kann dieser Friede sein, wenn er nicht im eigenen Herzen lebt? 

*Am 25. Januar 1982 wurde der „Berliner Appell – Frieden schaffen ohne Waffen“ veröffentlicht. Die beiden Verfasser, der kommunistische Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime und DDR-Dissident Robert Havemann (1910-1982) und der evangelische Pfarrer Rainer Eppelmann (1943- ) forderten in acht Punkten Grundlagen einer dauerhaften Friedensordnung ein. Insbesondere forderten sie die Entmilitarisierung beider deutschen Staaten und Herauslösung aus NATO und Warschauer Pakt. Der Appell begann mit den Worten: „Wenn es in Europa Krieg geben wird, kann dieser Krieg nur ein Atom-Krieg sein. Er wird Europa in eine Wüste verwandeln. Die in Europa in Ost und West aufgehäuften Waffen werden uns nicht schützen, sondern uns töten. Das ist ihre einzige Bestimmung.“

Der Warschauer Pakt gehört inzwischen der Geschichte an, die NATO nicht. Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass eine europäische Friedensordnung in weite Ferne gerückt ist. Die einmalige Chance durch die Auflösung der UdSSR und die Wiedervereinigung wurde verspielt.

**Im Johannes-Evangelium heißt die Stelle wörtlich: «Ειρήνην αφήνω υμίν, την ειρήνην μου δίδω υμίν· ουχ ως ο κόσμος δίδωσιν, εγώ δίδω υμίν. Μη ταρασσέσθω υμών η καρδία, μηδέ δειλιάτω».  („Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt gebe ich euch. Euer Herz werde nicht erschüttert und fürchte sich nicht.“)

 

 

 

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Farben im September: in Öl gespiegeltes Platanenblattgrün

Ich schaute, mich vom genossenen Mahl (Sardellen) zurücklehnend, auf das Olivenöl, das sich auf dem Teller zu einer Pfütze gesammelt hatte, und entdeckte darin die lieblich-gelbgrüne Spiegelung des Blätterdaches und des Himmels über mir.

Und dachte bei mir: das ist doch mal eine nicht alltägliche Farbe für Amoraks Blog-Challenge „September in Farben„!

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112 Stufen, 101: Hoffnung (Dante Alighieri, Julian Assange und Willi(e))

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. Gravour von Gustave Dore (1890)

Als erstes fiel mir Dante Alighieri (1265 – 1321) und die Inschrift über dem Höllentor ein: Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!

Die Inschrift ist in Wirklichkeit länger – und berührender -, als dieser kurze apodiktische Satz. Sie lautet:

Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
Durch mich geht man zu dem verlornen Volke.
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
Geschaffen haben mich die Allmacht Gottes,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
Nur ewiges, und ich muss ewig dauern.
Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!

(Inschrift auf dem Tor zur Hölle, dritter Gesang, Vers 1-9 (Dante: Göttliche Komödie, Inferno))
 

O weh! Mitleid packt mich, die ich das lese. Und eine Frage rührt sich: Woher weiß Dante, dass die Dreieinigkeit Allmacht – Weisheit – Liebe vor aller Zeit das fürchterliche Reich von ewiger Trauer – Schmerz – Strafe erschuf? Die Gerechtigkeit verlange das. Welche Gerechtigkeit?

Die griechische Göttin Nemesis sorgt für den Ausgleich in der Natur: Sie rächt furchtbar, wenn das Gleichgewicht von Geben und Nehmen zerstört wurde – wenn also eine Art zu viel nimmt und zu wenig gibt. Hoffnung, dass Nemesis nicht einschreitet, besteht nur und ausschließlich dann, wenn das Fehlverhalten rechtzeitig korrigiert wird. Es nützt nichts, Nemesis anzuflehen. Denn sie handelt aus Notwendigkeit, gegen die selbst Götter machtlos sind, und Hoffnung ist vollkommen fehl am Platze.

Karma ist ein ähnliches, mehr auf den Menschen zugeschnittenes Konzept des Ausgleichs: Was du tust, denkst, fühlst sind Taten, und sie haben notwendige Folgen in der Welt. Für diese Folgen bist du immer und ewig verantwortlich. Auch dein Tod erlöst dich nicht davon. Doch erbarmungslos ist dieses Konzept nicht; denn du kannst in nachfolgenden Reinkarnationen die aufgehäuften Schulden abbezahlen, und so bleibt dir die Hoffnung, dass du dich einmal auch vom schwersten Karma wirst befreien können.

Dantes christliche Hölle aber ist erbarmungslos. Lass alle Hoffnung fahren. Kein Lernen, keine Besserung, keine Wiedergutmachung, kein Neuanfang möglich. Aus und vorbei. Nur Christus oder „Gott in seiner Gnade“ kann erlösen. Ich gebe zu: das Konzept gefällt mir nicht. Denn es gibt denen, die sich als „Vertreter Gottes auf Erden“ etabliert haben, eine ungeheure Macht in die Hand.

Hoffnung ist wie ein schwankendes Brett nach einem Schiffbruch, man klammert sich dran und späht verzweifelt umher, ob sich nicht irgendwo wirkliche Hilfe zeigt.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ist sie tot, stirbt auch der Mensch“ –  so schrieb ich am 10. Dezember 2021 im „schrecklichen Adventskalender“ mit Bezug auf Julian Assange: “

Die Nachricht: Ein Londoner Berufungsgericht hat das Verbot, Julian Assange an die USA auszuliefern, gekippt. Das ist schlimm. Denn was Assange bisher schon hat erleiden müssen, wurde nur erträglich durch die Hoffnung, dass er bald auf freien Fuß kommt. Und nun das.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ist sie tot, stirbt auch der Mensch. Diese junge duftende Zitronenblüte von meinem heutigen Spaziergang schicke ich dem armen Mann in sein Hochsicherheitsgefängnis, in dem er schon so lange willkürlich festgehalten wird.

Ich freue mich, dass ich diese Anknüpfung im Archiv fand und hier auf der 101. Stufe der Holsteiner Treppe präsentieren kann. Denn im Fall Assange hat die Hoffnung den Menschen durchgetragen, bis er schließlich frei kam. Und das macht auch mir Hoffnung.

Im Jahre 2022 hinterließ die Begleiterin des Jahres Willi(e) ein Zwillingspaar: Élpis und Apelpis. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Ich fand es bei Willi(e)s Weggang auf der Türschwelle und betrachtete es:

Das rosa Ding, offenbar die Elpis – was auf Deutsch Hoffnung bedeutet -, wirkte ganz nett, ein klein wenig wie diese chinesischen Pandas, deren Schwarz-Weiß-Gesicht mich immer irgendwie an das ebenfalls chinesische Yin-Yang erinnert. China ist ja grad in aller Munde – also passt es ganz gut. China – der Hoffnungträger? Wer oder was aber ist dieses blauköpfige Schrumpelding an ihrer Seite? Vielleicht Europa, die auf dem letzten Loch pfeift?

Aktuell auch das, finde ich….

 

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Farben im September (11): Hafenbeckentürkis

Die Farbe des Wasser wird ja nicht nur vom Himmel, sondern auch vom Untergrund und vom Blickwinkel mitbestimmt. Daher ist das Wasser im Hafenbecken, selbst wenn es direkt aus dem Meer zufließt und sauber ist, doch ganz anders als das im offenen Meer. Noch größer ist der Unterschied bei leichter Trübung des Wassers. Das fiel mir gestern Mittag beim Spaziergang am Segelhafen von Kalamata auf.

Die Spiegelungen der Boote erhöhen für mich den Reiz der Farbe.

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Dies ist mein 11. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge: September mit Farben.

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112 Stufen, 100: Wertschätzen (Albert Einstein, J. W. von Goethe)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

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„Wertschätzen“ – was fällt mir dazu an Literarischem ein? Ich selbst schätze natürlich so einiges wert, aber darum kann es hier ja nicht gehen. Ich suche nach Erinnerungen aus meinem literarischen Gedächtnis.

Da mir nichts einfällt, schaue ich im Netz nach. Und finde sogleich ein schönes wertschätzendes Wort von Kollege zu Kollege – von Einstein (1879-1955) zu Goethe (1749-1832):

In einem Brief an Leopold Casper aus dem Jahr 1932 schrieb Einstein, er bewundere Goethe als „einen unvergleichlichen Dichter und einen der klügsten und weisesten Männer aller Zeiten …. Auch seine wissenschaftlichen Ideen verdienen hohe Wertschätzung, und seine Fehler sind die eines jeden großen Mannes.

Und Goethe selbst? Auch er hat sicher etwas Wertschätzendes gesagt. Freilich! Sagte er nicht: Jeder Augenblick ist von unendlichem Wert?  Ich vergewissere mich und finde das Zitat:

Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.

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Quelle: Goethe, J. W., Gespräche. Mit Johann P. Eckermann, 3. November 1823, befunden bei Aphorismen.

Ich finde, damit ist eigentlich alles gesagt. Andererseits…. von Goethe ist auch der Faustische Schwur, mit dem er sich in Mephistos Hände gibt:

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Wertschätzen, aber nicht festhalten, das ist es! Die Wertschätzung liegt darin, den Augenblick voll zu leben, aber ihn nicht festnageln zu wollen! Denn das würde ihn abtöten und zudem eine mangelnde Wertschätzung gegen die übrigen noch zu lebenden Augenblicke zeigen, die jeder wert sind, gelebt zu werden.

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