112 Stufen, 99: Vertrauen (Rainer Maria Rilke, Emma Lo)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Rainer Maria Rilke

Für E.M.

Vertraust Du so? Nicht meine Demut nur,
mein Wesen zittert vor so viel Vertrauen.
Mein Grund ist zu geheim, um drauf zu bauen,
ich bin Gefahr, sonst wär ich nicht Natur.

Doch weißt Du`s nicht? Sooft es selig war,
rief Dir Dein Blut nicht immer feierlicher;
Gewagtes Kind nun bist Du nirgends sicher
als in Gefahr.

Die Gedichte 1922 bis 1926 (Briefwechsel in Gedichten zwischen Rainer Maria Rilke und Erika Mitterer, aus der vierten Antwort, Ragaz, 1. / 4. Juli 1924)

Ich finde, dem ist nicht viel hinzuzufügen. Reines Vertrauen in die Redlichkeit und Treue eines anderen Menschen überfordert diesen. Er ist ja nicht Gott, ist auch kein Heiliger, er ist „Natur“. Und eine Eigenschaft der Natur ist ihre Unberechenbarkeit. Eben noch klarster Himmel, und schon braut sich ein mächtiger Sturm zusammen. Eben noch ein lauschiges Plätzchen, und schon hat dich der Skorpion gestochen. Eben noch ein köstlicher Ausblick, und schon weicht der Boden unter deinen Füßen und du stürzt ab. Eben noch ein sicheres Haus, und schon reißt ein Erdbeben es nieder.

Und was tut Rilke? Er macht einen dialektischen Sprung: Im Bewusstsein der Gefahr bist du sicher, und der Sicherheit zu vertrauen, wird zur größten Gefahr.

Das Schlimmste erwarten und das Beste erhoffen – die Balance halten zwischen Vorsicht und Vertrauen, Leichtfertigkeit und Misstrauen – das ist schwer zu erlernen. Es gleicht einer Gratwanderung. Oder einem Drahtseilakt. So manches Mal stürzt man ab und sagt: Nie wieder! Aber das ist auch keine Lösung. Denn einen sicheren Ort gibt es nicht. „Du bist nirgends sicher als in Gefahr“. Also lebe, vertraue und sei gefasst darauf, dass dein Vertrauen jederzeit zu deinem Absturz führen kann.

 

Mir fällt dazu noch eine Geschichte ein, die ich mal im Rahmen von Juttas Geschichtengenerator geschrieben habe und die ich immer noch sehr mag. Es ist die Geschichte von Emma Lo, Verkäuferin an einer Käsetheke, die dem schwer behinderten schwarzen Poeten Victor begegnet (hier), einen Käseballen gegen ein Gedicht eintauscht (hier) und von dessen Kumpel zu einem Fest eingeladen wird (hier).

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Soll sie hingehen? Sie kennt diese Menschen ja kaum. Doch sie fasst sich ein Herz:

Die andern halten mich für ne Zimperliese, weil ich nicht gleich mit jedem geh und immer noch allein bin. Aber wenn mir jemand echt gefällt, habe ich auch Mut. Und der Victor, ja, der gefällt mir, der ist was anderes als die Männer, die ich sonst so kenne. Ich zog mir also am Samstag Abend was Hübsches an und schminkte mich ein bisschen, denn immerhin war es ein Festtag für ihn. Als ich an der Ecke Fußgängerpassage ankam, stand der Bunte da schon, mich abzuholen. Mit nem Mofa! Bonsoar, Madame, und so – er war sehr höflich. Also, ich hinten drauf und los. Es ging ne ganze Strecke bis in einen Stadtteil, den ich gar nicht so kenne. Puh, war mir kalt und auch ein bisschen unheimlich. Aber ich hielt mich an der Jacke vom Bunten fest und sagte mir: Wer A sagt, muss auch B sagen. Schließlich bog er in einen Hof ein, half mir vom Mofa und wies auf eine Treppe, die nach unten führte. Durch die vergitterten niedrigen Fenster drang ein bisschen Licht, auch meinte ich eine Musik mit Trommeln zu hören. Was sollte ich tun? Mitgefangen, mitgehangen, sagte ich mir, und als der Bunte mir galant die Hand gab, um mich die Stufen runterzuführen, ging ich mit…… (hier gehts weiter)

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Dienstag-Drabble: Von Machterhalt und ewiger Wiederkehr (kata-strophisch)

Für das Dienstags-Drabble hat uns Heide diesmal drei besonders bedeutungsschwere Wörter kredenzt:

Wiederkehr – schlürfen – vergebens.

Ich habe versucht, sie in einem gereimten 100-Wörter-Text sinnvoll unterzubringen.

 

 

Von Machterhalt und Ewiger Wiederkehr des Gleichen

 

Ist es denn wahr, dass ewge Wiederkehr

Des ewig Gleichen uns erwartet?

Ist alles schon gesagt, und seit Homer

Der Mensch wie damals heut geartet?

 

War alle Müh, das menschliche Geschlecht

Zu bessern, zu erziehn, vergeblich?

Wird noch gebrochen jedes Recht

Ist jeder Fortschritt unerheblich?

 

So scheints, denn immer wieder schürfen

Im Erdentief nach Gold wir Armen

Und hoffen, dass auch wir mal schlürfen

Vom Göttertrank, ‘s ist zum Erbarmen!

 

Was kann sich ändern, wenn wir selber

Nicht anders denken als die Oben

Wir sind halt immer noch die Kälber

Die gegens Rind den Aufstand proben.

 

Es lacht

Die Macht.

 

 

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Farben im September (9): Felsengrau

Jeden Tag im September eine Farbe!

Das Felsengrau wirkt anders als das Ringeltaubengrau (hier) vor allem wegen des anderen „Farbträgers“. Das Taubengefieder ist aus Keratin, einem Protein, gebildet und durchpulst vom lebendigen Organismus, der es hervorgebracht hat. Luft und Licht umspielen sanft das Federkleid, durchdringen es auch, wenn die Taube sich aufplustert oder putzt.

Das Felsengrau ist auf seine Art auch lebendig, es schimmert und verfällt unter den Einwirkungen von Licht und Luft. Und doch – du verstehst schon! – atmet es nicht wie das Federkleid der Ringeltaube und auch nicht wie die Haut eines Elefanten. Es hat nicht Teil an einem lebendigen Organismus, sondern ist abgestorbenes, abgelagertes Mineral, das, um erneut in den Kreislauf des Lebens zu gelangen, von einem lebendigen Organismus eingegliedert werden muss.

Das geschieht natürlich auch ständig. Pflanzen und kleine Tiere bemächtigen sich des Felsgesteins. Sobald sich irgendwo ein Spalt auftut, sind sie geschäftig dabei, die Mineralien in den Lebenskreislauf zurückzubringen.

In Kürze wird auch dieser Felsbrocken wie der in der Nachbarschaft begrünt sein.

Die Felsbrocken, gebrochen im Gebirge, bilden zusammen die Mole, die die Küste vor Stürmen schützen soll.

 

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Farben im September (8): Salatgrün

Jeden Tag im September eine Farbe!

Der übliche Schnittsalat in Griechenland ist der Μαρούλι (Maruli): er ist dunkel- bis mittelgrün, im Inneren hellgrün-weiß und sehr zart, hat eine längliche Eiform von etwa einer Elle, wird mit scharfem Messer quer in kleine Stücke geschnitten und mit Salz, Öl und Zitrone angemacht.

Köstlich, knackig, leicht bitter und ein großer Spender von Vitaminen und Mineralien! Ich ziehe ihn allen anderen Salaten vor.

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112 Stufen, 98: Heilen (Kinderlied, Volksweisheit, Neues Testament; Raffael und Franz Kafka)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Heile, heile Segen,
morgen gibt es Regen,
übermorgen Schnee,
dann tut es nicht mehr weh!

Kann man heilen? Oder ist Heilen nicht vielmehr ein selbsttätiger Prozess, der stattfindet, soweit die äußeren und inneren Umstände und die Zeit es erlauben?

Die Zeit heilt alle Wunden

Nun, vielleicht nicht alle, aber ohne den Zeitfaktor heilt gar nichts – solange die Natur im Spiele ist. Genauso wenig wie etwas ohne den Zeitfaktor wächst. Du kannst die Knospe nicht zwingen, schneller zu erblühen, als es ihr inneres Zeitprogramm vorsieht, und den Schmetterling nicht, vorzeitig die Puppenhülle zu verlassen und sich zu entfalten. Genauso wenig kannst du vor der Zeit heilen das, was „seine Zeit braucht“, um heil zu werden.

Heilkunst besteht also darin, die physischen und seelischen Umstände günstig zu gestalten, um den Selbstheilungsprozess zu unterstützen.

Unser Hausarzt, bei dessen Eintreten und Stimme ich als Kind sofort das Fieber fallen fühlte, pflegte zu sagen: „Eine Grippe dauert ohne Doktor eine Woche und mit sieben Tage.“

Doch Geduld ist seltene Tugend, und so legen wir Wert auf beschleunigte Heilung, sind daher auch leicht verführbar, wenn Sofortheilung versprochen wird. Nichts überzeugte die Zeitgenossen Jesu mehr von seiner Göttlichkeit als die Wunderheilungen:

Stehe auf, gehe hin. Dein Glaube hat dir geholfen (Lukas, Kapitel 17, Vers 19)*

Oder auch die Heilung des „mondsüchtigen Knaben“, die Raffael (Raffaello Sanzio da Urbino, 1483-1520) in sein gewaltiges Bild der Transfiguration Christi integriert hat (unten rechts). Es ist das letzte Gemälde, an dem der große Renaissancekünstler arbeitete (1520).

Transfiguration (Raffael)

Ja, „Geistheilung“ berührt freilich eine andere Dimension. „Solange die Natur im Spiele ist“, sagte ich oben, braucht die Heilung ihre vorbestimmte Zeit. Transfiguration oder „Verklärung“ zeigt den noch auf der Erde wandelnden Christus Jesus befreit von den Gesetzen der Natur in seiner Geistgestalt. In dieser Gestalt haben Zeit und Raum ihre Wirksamkeit verloren.

Um diese Gestalt zu sehen und ihrer Wirkung teilhaftig zu werden, bedarf es freilich einer inneren Umwandlung, auch „Glauben“ genannt, und der fehlt uns modernen Menschen, die wir uns lieber solange auf die ärztliche Kunst verlassen, bis sie uns im Stich lässt. Im „Landarzt“ (1917) von Franz Kafka (1883-1924) – eine Erzählung, die mich immer umtreibt und mich herausfordert – heißt es:

Frank Kafka

Ein Landarzt

»Wirst du mich retten?« flüstert schluchzend der Junge, ganz geblendet durch das Leben in seiner Wunde. So sind die Leute in meiner Gegend. Immer das Unmögliche vom Arzt verlangen. Den alten Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die Meßgewänder, eines nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten mit seiner zarten chirurgischen Hand. Nun, wie es beliebt: ich habe mich nicht angeboten; verbraucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch das mit mir geschehen; was will ich Besseres, alter Landarzt, meines Dienstmädchens beraubt! Und sie kommen, die Familie und die Dorfältesten, und entkleiden mich; ein Schulchor mit dem Lehrer an der Spitze steht vor dem Haus und singt eine äußerst einfache Melodie auf den Text:

»Entkleidet ihn, dann wird er heilen,
Und heilt er nicht, so tötet ihn!
’Sist nur ein Arzt, ’sist nur ein Arzt.«

Zitiert nach: Franz Kafka: Ein Landarzt. Projekt Gutenberg. S. 27-28

—————————————

*Anmerkung: Diese Zeile im Lukas-Evangelium wird durch ihren Kontext mehrfach beleuchtet. Was vermag der Glaube? Für einen gläubigen Menschen sind die täglichen Verrichtungen genauso geordnet wie für jeden anderen: man muss das Essen bereiten, bevor man sich hinsetzt und isst. „Von allein“ deckt sich der Tisch nur im Märchen. Worin besteht dann also die Wirkung des Glaubens? Nicht in äußeren Wundern. Jesus heilte zehn Aussätzige, aber nur einer kam zurück, dankte und und bekannte sich. Nur zu ihm sagte der Christus: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Denn „das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden;man wird auch nicht sagen: Siehe, hier! oder: da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“

 

 

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112 Stufen, 97: Besinnung (Richard von Weizsäcker)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Ich muss mich sputen, um wieder in den Tagesrhythmus zu kommen: jeden Tag eine Stufe. Und heute zwei, um den Reisetag ohne Stufe nachzuholen:

In der Schule schrieben wir „Besinnungsaufsätze“, wobei es in der Regel um ein kniffliges moralisches Thema ging. Ich erinnere mich zB an einen Aufsatz, wo es um die Frage ging, ob der Wissenschaftler ohne Rücksicht auf die Folgen seiner Erkenntnisse forschen solle oder auch für die Folgen verantwortlich sei. Da saßen wir über unsere Klassenarbeitsblätter gebeugt und formulierten Grundsätze und Einsichten, die vor der Ewigkeit Bestand haben sollten. …

Besonders beliebt ist das Sich-Besinnen anlässlich historischer Daten. Und wenn es sich gar um einen Tag wie den 8. Mai und die Rede eines Präsidenten handelt, erwartet man zu Recht, dass sie etwas Tröstliches, Besinnliches, Harmonisierendes und Zukunftsweisendes beinhaltet und niemandem auf die Füße tritt. Richard von Weizsäckers Rückbesinnungs-Rede zum 40. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1985 erfüllt alle diese Kriterien. Es ist eine gute Rede, die nun, nach weiteren 40 Jahren, ganz besonders lesenswert ist.

Weizsäcker war damals Bundespräsident der Noch-BRD. Von dem vielen Bedenkenswerten, das er sagte, griffen die Medien eins heraus: Er nannte erstmals den Tag der Kapitulation „Tag der Befreiung“. So nannte man diesen Tag in der DDR schon lange, aber in der Bundesrepublik tat man sich schwer damit.

Es lohnt sich, die ganze Rede zu lesen. Doch für die Eiligen nehme ich hier die Schlussworte vorweg:

Die Bitte an die jungen Menschen lautet:

Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.

Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.

(…)

Richard von Weizsäcker

Ansprache zum 40. Jahrestag der „Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, 8. Mai 1985

Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung

Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen – der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa.

Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden. Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.

Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.

Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang.

Es war schwer, sich alsbald klar zu orientieren. Ungewissheit erfüllte das Land. Die militärische Kapitulation war bedingungslos. Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde. Die Vergangenheit war furchtbar gewesen, zumal auch für viele dieser Feinde. Würden sie uns nun nicht vielfach entgelten lassen, was wir ihnen angetan hatten?

Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient. Erschöpfung, Ratlosigkeit und neue Sorgen kennzeichneten die Gefühle der meisten. Würde man noch eigene Angehörige finden? Hatte ein Neuaufbau in diesen Ruinen überhaupt Sinn?

Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft.

Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.

Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.

II.

Der 8. Mai ist ein Tag der Erinnerung. Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit.

Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.

Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.

Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind.

Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mussten.

Wir gedenken der erschossenen Geiseln.

Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten.

Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten.

Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen.

Neben dem unübersehbar großen Heer der Toten erhebt sich ein Gebirge menschlichen Leids,
Leid um die Toten,
Leid durch Verwundung und Verkrüppelung,
Leid durch unmenschliche Zwangssterilisierung,
Leid in Bombennächten,
Leid durch Flucht und Vertreibung, durch Vergewaltigung und Plünderung, durch Zwangsarbeit, durch Unrecht und Folter, durch Hunger und Not,
Leid durch Angst vor Verhaftung und Tod,
Leid durch Verlust all dessen, woran man irrend geglaubt und wofür man gearbeitet hatte.

Heute erinnern wir uns dieses menschlichen Leids und gedenken seiner in Trauer.

Den vielleicht größten Teil dessen, was den Menschen aufgeladen war, haben die Frauen der Völker getragen.

Ihr Leiden, ihre Entsagung und ihre stille Kraft vergisst die Weltgeschichte nur allzu leicht. Sie haben gebangt und gearbeitet, menschliches Leben getragen und beschützt. Sie haben getrauert um gefallene Väter und Söhne, Männer, Brüder und Freunde.

Sie haben in den dunkelsten Jahren das Licht der Humanität vor dem Erlöschen bewahrt.

Am Ende des Krieges haben sie als erste und ohne Aussicht auf eine gesicherte Zukunft Hand angelegt, um wieder einen Stein auf den anderen zu setzen, die Trümmerfrauen in Berlin und überall.

Als die überlebenden Männer heimkehrten, mussten Frauen oft wieder zurückstehen. Viele Frauen blieben aufgrund des Krieges allein und verbrachten ihr Leben in Einsamkeit.

Wenn aber die Völker an den Zerstörungen, den Verwüstungen, den Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten innerlich nicht zerbrachen, wenn sie nach dem Krieg langsam wieder zu sich selbst kamen, dann verdanken wir es zuerst unseren Frauen.

III.

Am Anfang der Gewaltherrschaft hatte der abgrundtiefe Haß Hitlers gegen unsere jüdischen Mitmenschen gestanden. Hitler hatte ihn nie vor der Öffentlichkeit verschwiegen, sondern das ganze Volk zum Werkzeug dieses Hasses gemacht. Noch am Tag vor seinem Ende am 30. April 1945 hatte er sein sogenanntes Testament mit den Worten abgeschlossen: „Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassegesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum.“

Gewiss, es gibt kaum einen Staat, der in seiner Geschichte immer frei blieb von schuldhafter Verstrickung in Krieg und Gewalt. Der Völkermord an den Juden jedoch ist beispiellos in der Geschichte.

Die Ausführung des Verbrechens lag in der Hand weniger. Vor den Augen der Öffentlichkeit wurde es abgeschirmt. Aber jeder Deutsche konnte miterleben, was jüdische Mitbürger erleiden mussten, von kalter Gleichgültigkeit über versteckte Intoleranz bis zu offenem Hass.

Wer konnte arglos bleiben nach den Bränden der Synagogen, den Plünderungen, der Stigmatisierung mit dem Judenstern, dem Rechtsentzug, der unaufhörlichen Schändung der menschlichen Würde?

Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten. Die Phantasie der Menschen mochte für Art und Ausmaß der Vernichtung nicht ausreichen. Aber in Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation, die wir jung und an der Planung und Ausführung der Ereignisse unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah.

Es gab viele Formen, das Gewissen ablenken zu lassen, nicht zuständig zu sein, wegzuschauen, zu schweigen. Als dann am Ende des Krieges die ganze unsagbare Wahrheit des Holocaust herauskam, beriefen sich allzu viele von uns darauf, nichts gewusst oder auch nur geahnt zu haben.

Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.

Es gibt entdeckte und verborgen gebliebene Schuld von Menschen. Es gibt Schuld, die sich Menschen eingestanden oder abgeleugnet haben. Jeder, der die Zeit mit vollem Bewußtsein erlebt hat, frage sich heute im Stillen selbst nach seiner Verstrickung.

Der ganz überwiegende Teil unserer heutigen Bevölkerung war zur damaligen Zeit entweder im Kindesalter oder noch gar nicht geboren. Sie können nicht eine eigene Schuld bekennen für Taten, die sie gar nicht begangen haben.

Kein fühlender Mensch erwartet von ihnen, ein Büßerhemd zu tragen, nur weil sie Deutsche sind. Aber die Vorfahren haben ihnen eine schwere Erbschaft hinterlassen.

Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen.

Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten.

Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.

Das jüdische Volk erinnert sich und wird sich immer erinnern. Wir suchen als Menschen Versöhnung.

Gerade deshalb müssen wir verstehen, dass es Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann. Die Erfahrung millionenfachen Todes ist ein Teil des Innern jedes Juden in der Welt, nicht nur deshalb, weil Menschen ein solches Grauen nicht vergessen können. Sondern die Erinnerung gehört zum jüdischen Glauben.

„Das Vergessenwollen verlängert das Exil,
und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Diese oft zitierte jüdische Weisheit will wohl besagen, dass der Glaube an Gott ein Glaube an sein Wirken in der Geschichte ist.

Die Erinnerung ist die Erfahrung vom Wirken Gottes in der Geschichte. Sie ist die Quelle des Glaubens an die Erlösung. Diese Erfahrung schafft Hoffnung, sie schafft Glauben an Erlösung, an Wiedervereinigung des Getrennten, an Versöhnung. Wer sie vergisst, verliert den Glauben.

Würden wir unsererseits vergessen wollen, was geschehen ist, anstatt uns zu erinnern, dann wäre dies nicht nur unmenschlich. Sondern wir würden damit dem Glauben der überlebenden Juden zu nahe treten, und wir würden den Ansatz zur Versöhnung zerstören.

Für uns kommt es auf ein Mahnmal des Denkens und Fühlens in unserem eigenen Inneren an.

IV.

Der 8. Mai ist ein tiefer historischer Einschnitt, nicht nur in der deutschen, sondern auch in der europäischen Geschichte.

Der europäische Bürgerkrieg war an sein Ende gelangt, die alte europäische Welt zu Bruch gegangen. „Europa hatte sich ausgekämpft“ (M. Stürmer). Die Begegnung amerikanischer und sowjetrussischer Soldaten an der Elbe wurde zu einem Symbol für das vorläufige Ende einer europäischen Ära.

Gewiss, das alles hatte seine alten geschichtlichen Wurzeln. Großen, ja bestimmenden Einfluss hatten die Europäer in der Welt, aber ihr Zusammenleben auf dem eigenen Kontinent zu ordnen, das vermochten sie immer schlechter. Über hundert Jahre lang hatte Europa unter dem Zusammenprall nationalistischer Übersteigerungen gelitten. Am Ende des Ersten Weltkrieges war es zu Friedensverträgen gekommen. Aber ihnen hatte die Kraft gefehlt, Frieden zu stiften. Erneut waren nationalistische Leidenschaften aufgeflammt und hatten sich mit sozialen Notlagen verknüpft.

Auf dem Weg ins Unheil wurde Hitler die treibende Kraft. Er erzeugte und er nutzte Massenwahn. Eine schwache Demokratie war unfähig, ihm Einhalt zu gebieten. Und auch die europäischen Westmächte, nach Churchills Urteil „arglos, nicht schuldlos“, trugen durch Schwäche zur verhängnisvollen Entwicklung bei. Amerika hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg wieder zurückgezogen und war in den dreißiger Jahren ohne Einfluss auf Europa.

Hitler wollte die Herrschaft über Europa, und zwar durch Krieg. Den Anlass dafür suchte und fand er in Polen.

Am 23. Mai 1939 – wenige Monate vor Kriegsausbruch – erklärte er vor der deutschen Generalität: „Weitere Erfolge können ohne Blutvergießen nicht mehr errungen werden … Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten und Sicherstellung der Ernährung … Es entfällt also die Frage, Polen zu schonen, und bleibt der Entschluss, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen … Hierbei spielen Recht oder Unrecht oder Verträge keine Rolle.“

Am 23. August 1939 wurde der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt geschlossen. Das geheime Zusatzprotokoll regelte die bevorstehende Aufteilung Polens.

Der Vertrag wurde geschlossen, um Hitler den Einmarsch in Polen zu ermöglichen. Das war der damaligen Führung der Sowjetunion voll bewusst. Allen politisch denkenden Menschen jener Zeit war klar, dass der deutsch-sowjetische Pakt Hitlers Einmarsch in Polen und damit den Zweiten Weltkrieg bedeutete.

Dadurch wird die deutsche Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht verringert. Die Sowjetunion nahm den Krieg anderer Völker in Kauf, um sich am Ertrag zu beteiligen. Die Initiative zum Krieg aber ging von Deutschland aus, nicht von der Sowjetunion.

Es war Hitler, der zur Gewalt griff. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bleibt mit dem deutschen Namen verbunden.

Während dieses Krieges hat das nationalsozialistische Regime viele Völker gequält und geschändet.

Am Ende blieb nur noch ein Volk übrig, um gequält, geknechtet und geschändet zu werden: das eigene, das deutsche Volk. Immer wieder hat Hitler ausgesprochen: wenn das deutsche Volk schon nicht fähig sei, in diesem Krieg zu siegen, dann möge es eben untergehen. Die anderen Völker wurden zunächst Opfer eines von Deutschland ausgehenden Krieges, bevor wir selbst zu Opfern unseres eigenen Krieges wurden.

Es folgte die von den Siegermächten verabredete Aufteilung Deutschlands in verschiedene Zonen. Inzwischen war die Sowjetunion in alle Staaten Ost- und Südosteuropas, die während des Krieges von Deutschland besetzt worden waren, einmarschiert. Mit Ausnahme Griechenlands wurden alle diese Staaten sozialistische Staaten.

Die Spaltung Europas in zwei verschiedene politische Systeme nahm ihren Lauf. Es war erst die Nachkriegsentwicklung, die sie befestigte. Aber ohne den von Hitler begonnenen Krieg wäre sie nicht gekommen. Daran denken die betroffenen Völker zuerst, wenn sie sich des von der deutschen Führung ausgelösten Krieges erinnern.

Im Blick auf die Teilung unseres eigenen Landes und auf den Verlust großer Teile des deutschen Staatsgebietes denken auch wir daran. In seiner Predigt zum 8. Mai sagte Kardinal Meißner in Ostberlin: „Das trostlose Ergebnis der Sünde ist immer die Trennung.“

V.

Die Willkür der Zerstörung wirkte in der willkürlichen Verteilung der Lasten nach. Es gab Unschuldige, die verfolgt wurden, und Schuldige, die entkamen. Die einen hatten das Glück, zu Hause in vertrauter Umgebung ein neues Leben aufbauen zu können. Andere wurden aus der angestammten Heimat vertrieben.

Wir in der späteren Bundesrepublik Deutschland erhielten die kostbare Chance der Freiheit. Vielen Millionen Landsleuten bleibt sie bis heute versagt.

Die Willkür der Zuteilung unterschiedlicher Schicksale ertragen zu lernen, war die erste Aufgabe im Geistigen, die sich neben der Aufgabe des materiellen Wiederaufbaus stellte. An ihr musste sich die menschliche Kraft erproben, die Lasten anderer zu erkennen, an ihnen dauerhaft mitzutragen, sie nicht zu vergessen. In ihr musste die Fähigkeit zum Frieden und die Bereitschaft zur Versöhnung nach innen und außen wachsen, die nicht nur andere von uns forderten, sondern nach denen es uns selbst am allermeisten verlangte.

Wir können des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewusstzumachen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung den ehemaligen Feinden abverlangte. Können wir uns wirklich in die Lage von Angehörigen der Opfer des Warschauer Ghettos oder des Massakers von Lidice versetzen?

Wie schwer musste es aber auch einem Bürger in Rotterdam oder London fallen, den Wiederaufbau unseres Landes zu unterstützen, aus dem die Bomben stammten, die erst kurze Zeit zuvor auf seine Stadt gefallen waren! Dazu musste allmählich eine Gewissheit wachsen, dass Deutsche nicht noch einmal versuchen würden, eine Niederlage mit Gewalt zu korrigieren.

Bei uns selbst wurde das Schwerste den Heimatvertriebenen abverlangt. Ihnen ist noch lange nach dem 8. Mai bitteres Leid und schweres Unrecht widerfahren. Um ihrem schweren Schicksal mit Verständnis zu begegnen, fehlt uns Einheimischen oft die Phantasie und auch das offene Herz.

Aber es gab alsbald auch große Zeichen der Hilfsbereitschaft. Viele Millionen Flüchtlinge und Vertriebene wurden aufgenommen. Im Laufe der Jahre konnten sie neue Wurzeln schlagen. Ihre Kinder und Enkel bleiben auf vielfache Weise der Kultur und der Liebe zur Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Das ist gut so, denn das ist ein wertvoller Schatz in ihrem Leben.

Sie haben aber selbst eine neue Heimat gefunden, in der sie mit den gleichaltrigen Einheimischen aufwachsen und zusammenwachsen, ihre Mundart sprechen und ihre Gewohnheiten teilen. Ihr junges Leben ist ein Beweis für die Fähigkeit zum inneren Frieden. Ihre Großeltern oder Eltern wurden einst vertrieben, sie jedoch sind jetzt zu Hause.

Früh und beispielhaft haben sich die Heimatvertriebenen zum Gewaltverzicht bekannt. Das war keine vergängliche Erklärung im anfänglichen Stadium der Machtlosigkeit, sondern ein Bekenntnis, das seine Gültigkeit behält. Gewaltverzicht bedeutet, allseits das Vertrauen wachsen zu lassen, dass auch ein wieder zu Kräften gekommenes Deutschland daran gebunden bleibt.

Die eigene Heimat ist mittlerweile anderen zur Heimat geworden. Auf vielen alten Friedhöfen im Osten finden sich heute schon mehr polnische als deutsche Gräber.

Der erzwungenen Wanderschaft von Millionen Deutschen nach Westen folgten Millionen Polen und ihnen wiederum Millionen Russen. Es sind alles Menschen, die nicht gefragt wurden, Menschen, die Unrecht erlitten haben, Menschen, die wehrlose Objekte der politischen Ereignisse wurden und denen keine Aufrechnung von Unrecht und keine Konfrontation von Ansprüchen wiedergutmachen kann, was ihnen angetan worden ist.

Gewaltverzicht heute heißt, den Menschen dort, wo sie das Schicksal nach dem 8. Mai hingetrieben hat und wo sie nun seit Jahrzehnten leben, eine dauerhafte, politisch unangefochtene Sicherheit für ihre Zukunft zu geben. Es heißt, den widerstreitenden Rechtsansprüchen das Verständigungsgebot überzuordnen.

Darin liegt der eigentliche, der menschliche Beitrag zu einer europäischen Friedensordnung, der von uns ausgehen kann.

Der Neuanfang in Europa nach 1945 hat dem Gedanken der Freiheit und Selbstbestimmung Siege und Niederlagen gebracht. Für uns gilt es, die Chance des Schlussstrichs unter eine lange Periode europäischer Geschichte zu nutzen, in der jedem Staat Frieden nur denkbar und sicher schien als Ergebnis eigener Überlegenheit und in der Frieden eine Zeit der Vorbereitung des nächsten Krieges bedeutete.

Die Völker Europas lieben ihre Heimat. Den Deutschen geht es nicht anders. Wer könnte der Friedensliebe eines Volkes vertrauen, das imstande wäre, seine Heimat zu vergessen?

Nein, Friedensliebe zeigt sich gerade darin, daß man seine Heimat nicht vergißt und eben deshalb entschlossen ist, alles zu tun, um immer in Frieden miteinander zu leben. Heimatliebe eines Vertriebenen ist kein Revanchismus.

VI.

Stärker als früher hat der letzte Krieg die Friedenssehnsucht im Herzen der Menschen geweckt. Die Versöhnungsarbeit von Kirchen fand eine tiefe Resonanz. Für die Verständigungsarbeit von jungen Menschen gibt es viele Beispiele. Ich denke an die „Aktion Sühnezeichen“ mit ihrer Tätigkeit in Auschwitz und Israel. Eine Gemeinde der niederrheinischen Stadt Kleve erhielt neulich Brote aus polnischen Gemeinden als Zeichen der Aussöhnung und Gemeinschaft. Eines dieser Brote hat sie an einen Lehrer nach England geschickt. Denn dieser Lehrer aus England war aus der Anonymität herausgetreten und hatte geschrieben, er habe damals im Krieg als Bombenflieger Kirchen und Wohnhäuser in Kleve zerstört und wünsche sich ein Zeichen der Aussöhnung.

Es hilft unendlich viel zum Frieden, nicht auf den anderen zu warten, bis er kommt, sondern auf ihn zuzugehen, wie dieser Mann es getan hat.

VII.

In seiner Folge hat der Krieg alte Gegner menschlich und auch politisch einander nähergebracht. Schon 1946 rief der amerikanische Außenminister Byrnes in seiner denkwürdigen Stuttgarter Rede zur Verständigung in Europa und dazu auf, dem deutschen Volk auf seinem Weg in eine freie und friedliebende Zukunft zu helfen.

Unzählige amerikanische Bürger haben damals mit ihren privaten Mitteln uns Deutsche, die Besiegten, unterstützt, um die Wunden des Krieges zu heilen.

Dank der Weitsicht von Franzosen wie Jean Monnet und Robert Schuman und von Deutschen wie Konrad Adenauer endete eine alte Feindschaft zwischen Franzosen und Deutschen für immer.

Ein neuer Strom von Aufbauwillen und Energie ging durch das eigene Land. Manche alte Gräben wurden zugeschüttet, konfessionelle Gegensätze und soziale Spannungen verloren an Schärfe. Partnerschaftlich ging man ans Werk.

Es gab keine „Stunde Null“, aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn. Wir haben sie genutzt so gut wir konnten. An die Stelle der Unfreiheit haben wir die demokratische Freiheit gesetzt.

Vier Jahre nach Kriegsende, 1949, am 8. Mai, beschloss der Parlamentarische Rat unser Grundgesetz. Über Parteigrenzen hinweg gaben seine Demokraten die Antwort auf Krieg und Gewaltherrschaft im Artikel 1 unserer Verfassung:

„Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Auch an diese Bedeutung des 8. Mai gilt es heute zu erinnern.

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein weltweit geachteter Staat geworden. Sie gehört zu den hochentwickelten Industrieländern der Welt. Mit ihrer wirtschaftlichen Kraft weiß sie sich mitverantwortlich dafür, Hunger und Not in der Welt zu bekämpfen und zu einem sozialen Ausgleich unter den Völkern beizutragen.

Wir leben seit vierzig Jahren in Frieden und Freiheit, und wir haben durch unsere Politik unter den freien Völkern des Atlantischen Bündnisses und der Europäischen Gemeinschaft dazu selbst einen großen Beitrag geleistet.

Nie gab es auf deutschem Boden einen besseren Schutz der Freiheitsrechte des Bürgers als heute. Ein dichtes soziales Netz, das den Vergleich mit keiner anderen Gesellschaft zu scheuen braucht, sichert die Lebensgrundlage der Menschen.

Hatten sich bei Kriegsende viele Deutsche noch darum bemüht, ihren Pass zu verbergen oder gegen einen anderen einzutauschen, so ist heute unsere Staatsbürgerschaft ein angesehenes Recht.

Wir haben wahrlich keinen Grund zu Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit. Aber wir dürfen uns der Entwicklung dieser vierzig Jahre dankbar erinnern, wenn wir das eigene historische Gedächtnis als Leitlinie für unser Verhalten in der Gegenwart und für die ungelösten Aufgaben, die auf uns warten, nutzen.

– Wenn wir uns daran erinnern, dass Geisteskranke im Dritten Reich getötet wurden, werden wir die Zuwendung zu psychisch kranken Bürgern als unsere eigene Aufgabe verstehen.
– Wenn wir uns erinnern, wie rassisch, religiös und politisch Verfolgte, die vom sicheren Tod bedroht waren, oft vor geschlossenen Grenzen anderer Staaten standen, werden wir vor denen, die heute wirklich verfolgt sind und bei uns Schutz suchen, die Tür nicht verschließen.
– Wenn wir uns der Verfolgung des freien Geistes während der Diktatur besinnen, werden wir die Freiheit jedes Gedankens und jeder Kritik schützen, so sehr sie sich auch gegen uns selbst richten mag.
– Wer über die Verhältnisse im Nahen Osten urteilt, der möge an das Schicksal denken, das Deutsche den jüdischen Mitmenschen bereiteten und das die Gründung des Staates Israel unter Bedingungen auslöste, die noch heute die Menschen in dieser Region belasten und gefährden.
– Wenn wir daran denken, was unsere östlichen Nachbarn im Kriege erleiden mussten, werden wir besser verstehen, dass der Ausgleich, die Entspannung und die friedliche Nachbarschaft mit diesen Ländern zentrale Aufgaben der deutschen Außenpolitik bleiben. Es gilt, dass beide Seiten sich erinnern und beide Seiten einander achten. Sie haben menschlich, sie haben kulturell, sie haben letzten Endes auch geschichtlich allen Grund dazu.

Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Michail Gorbatschow hat verlautbart, es ginge der sowjetischen Führung beim 40. Jahrestag des Kriegsendes nicht darum, antideutsche Gefühle zu schüren. Die Sowjetunion trete für Freundschaft zwischen den Völkern ein.

Gerade wenn wir Fragen auch an sowjetische Beiträge zur Verständigung zwischen Ost und West und zur Achtung von Menschenrechten in allen Teilen Europas haben, gerade dann sollten wir dieses Zeichen aus Moskau nicht überhören. Wir wollen Freundschaft mit den Völkern der Sowjetunion.

VIII.

Vierzig Jahre nach dem Ende des Krieges ist das deutsche Volk nach wie vor geteilt.

Beim Gedenkgottesdienst in der Kreuzkirche zu Dresden sagte Bischof Hempel im Februar dieses Jahres: „Es lastet, es blutet, dass zwei deutsche Staaten entstanden sind mit ihrer schweren Grenze. Es lastet und blutet die Fülle der Grenzen überhaupt. Es lasten die Waffen.“

Vor kurzem wurde in Baltimore in den Vereinigten Staaten eine Ausstellung „Juden in Deutschland“ eröffnet. Die Botschafter beider deutscher Staaten waren der Einladung gefolgt. Der gastgebende Präsident der Johns-Hopkins-Universität begrüßte sie zusammen. Er verwies darauf, dass alle Deutschen auf dem Boden derselben historischen Entwicklung stehen. Eine gemeinsame Vergangenheit verknüpfte sie mit einem Band. Ein solches Band könne eine Freude oder ein Problem sein – es sei immer eine Quelle der Hoffnung.

Wir Deutschen sind ein Volk und eine Nation. Wir fühlen uns zusammengehörig, weil wir dieselbe Geschichte durchlebt haben.

Auch den 8. Mai 1945 haben wir als gemeinsames Schicksal unseres Volkes erlebt, das uns eint. Wir fühlen uns zusammengehörig in unserem Willen zum Frieden. Von deutschem Boden in beiden Staaten sollen Frieden und gute Nachbarschaft mit allen Ländern ausgehen. Auch andere sollen ihn nicht zur Gefahr für den Frieden werden lassen.

Die Menschen in Deutschland wollen gemeinsam einen Frieden, der Gerechtigkeit und Menschenrecht für alle Völker einschließt, auch für das unsrige.

Nicht ein Europa der Mauern kann sich über Grenzen hinweg versöhnen, sondern ein Kontinent, der seinen Grenzen das Trennende nimmt. Gerade daran mahnt uns das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Wir haben die Zuversicht, dass der 8. Mai nicht das letzte Datum unserer Geschichte bleibt, das für alle Deutschen verbindlich ist.

IX.

Manche junge Menschen haben sich und uns in den letzten Monaten gefragt, warum es vierzig Jahre nach Ende des Krieges zu so lebhaften Auseinandersetzungen über die Vergangenheit gekommen ist. Warum lebhafter als nach fünfundzwanzig oder dreißig Jahren? Worin liegt die innere Notwendigkeit dafür?

Es ist nicht leicht, solche Fragen zu beantworten. Aber wir sollten die Gründe dafür nicht vornehmlich in äußeren Einflüssen suchen, obwohl es diese zweifellos auch gegeben hat.

Vierzig Jahre spielen in der Zeitspanne von Menschenleben und Völkerschicksalen eine große Rolle.

Auch hier erlauben Sie mir noch einmal einen Blick auf das Alte Testament, das für jeden Menschen unabhängig von seinem Glauben tiefe Einsichten aufbewahrt. Dort spielen vierzig Jahre eine häufig wiederkehrende, eine wesentliche Rolle.

Vierzig Jahre sollte Israel in der Wüste bleiben, bevor der neue Abschnitt in der Geschichte mit dem Einzug ins verheißene Land begann.

Vierzig Jahre waren notwendig für einen vollständigen Wechsel der damals verantwortlichen Vätergeneration.

An anderer Stelle aber (Buch der Richter) wird aufgezeichnet, wie oft die Erinnerung an erfahrene Hilfe und Rettung nur vierzig Jahre dauerte. Wenn die Erinnerung abriß, war die Ruhe zu Ende.

So bedeuten vierzig Jahre stets einen großen Einschnitt. Sie wirken sich aus im Bewusstsein der Menschen, sei es als Ende einer dunklen Zeit mit der Zuversicht auf eine neue und gute Zukunft, sei es als Gefahr des Vergessens und als Warnung vor den Folgen. Über beides lohnt es sich nachzudenken.

Bei uns ist eine neue Generation in die politische Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.

Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit. Wir müssen den Jüngeren helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Wir wollen ihnen helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit nüchtern und ohne Einseitigkeit einzulassen, ohne Flucht in utopische Heilslehren, aber auch ohne moralische Überheblichkeit.

Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch fähig ist. Deshalb dürfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden.

Es gibt keine endgültig errungene moralische Vollkommenheit – für niemanden und kein Land! Wir haben als Menschen gelernt, wir bleiben als Menschen gefährdet. Aber wir haben die Kraft, Gefährdungen immer von neuem zu überwinden.

Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren.

Die Bitte an die jungen Menschen lautet:

Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.

Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.

Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden.
Halten wir uns an das Recht.
Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.
Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.“

(Quelle: bundespraesident.de)

Richard von Weizsäcker (1920-2015), seit 1954 Mitglied der CDU, von 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister von Berlin, von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, hatte natürlich (ähnlich wie Helmut Schmidt) eine NS-Vorgeschichte. Er war bei Kriegsende bereits 25 Jahre alt und hatte als Offizier u.a. am Überfall auf Polen und an der Belagerung von Leningrad teilgenommen. Was er da genau tat – darüber redete er nicht. Er hatte auch eine etwas anrüchige Nachkriegsgeschichte, denn er war von 1962 bis 1966 persönlich haftender Gesellschafter des Chemie- und Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim, zu eben der Zeit, als der Dioxin-Skandal hochkochte. Kanzler Helmut Kohl nannte ihn einen Meister der Anpassung. Mit diesen Bemerkungen will ich die Bedeutung der Rede nicht mindern, sondern nur darauf hinweisen, dass auch er ein Mensch mit historischen und persönlichen Verstrickungen war, der sich „besonnen“ hat.

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Archivbild der Woche, 7. September 2016: Traumreise

An einem Tag wie diesem, vor jetzt neun Jahren, stand ich an der Küste. In der Nacht hatte ein heftiges Gewitter getobt, und die Bergbäche hatten eine Menge brauner Erde ins Meer gespült. Ich zögerte, ob ich mein mondhelles Boot den dunklen Wassern anvertrauen sollte…

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Ich fasse mir ein Herz und setze das Segel. Was weiter geschah, kannst du hier nachlesen…

Auch heute sind hohe Wolken an allen Horizonten aufgezogen, und es donnert. Unsere Matratzen haben wir eingerollt und im Turmzimmer in Sicherheit gebracht – für alle Fälle. Auch heute morgen habe ich lebhaft geträumt und begegnete Menschen, die ich in meinem Leben zuvor noch nicht gesehen hatte. Nur war ich dieses Mal nicht auf dem Meer, sondern in einem sehr zerklüfteten Gebirge unterwegs und hatte ein etwa fünfjähriges Kind dabei, das man mir anvertraut hatte. Es hieß Alban…. Als ich den Traum zu erzählen versuchte, merkte ich: das geht nicht. Aber mit Bildern könnte ich ihn wiedergeben…

Dies ist ein Eintrag zu Heides Aufforderung, jeden Sonntag ins Archiv hinabzusteigen und ein Bild mit heraufzubringen, das an einem Tag wie diesem entstand.

 

 

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112 Stufen, 96: Verständnis (Novalis)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Eigentlich war das Wort „Verständnis“ gestern dran. Aber so ist es eben: für das, was aktuell vorgeht, fehlt oft genug das Verständnis. Man reimt sich etwas zusammen, aber Verstehen sieht anders aus. Später ist man dann klüger. Dies „Später“ kann ein Tag, aber auch ein halbes Jahrhundert oder tausend Jahre sein. Der Verstand hechelt immer hinter den Erscheinungen hinterher, denn er muss sie erst haben und abtöten, um sie analysieren und „verstehen“ zu können.

Doch halt! Ist mit „Verständnis“ überhaupt etwas gemeint, was mit dem Verstand ergriffen wird? Handelt es sich nicht vielmehr um eine Herzensfähigkeit? Man sieht nur mit dem Herzen gut, meint Saint-Exupéry, und seither haben unzählige Menschen dazu mit dem Kopf genickt, gelächelt und gesagt: Ja, so ist es. Verständnis hat das Herz, nicht der Kopf.

Da fällt mir ein Gedicht von Novalis ein, der den Schlüssel für wahres Verständnis des Weltgeschehens nicht in „Zahlen und Figuren“, sondern in „Märchen und Gedichten“ sieht. Es stammt aus dem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ – ein Buch, das mich oft begleitet hat und dem ich viel verdanke.

Novalis (1772 – 1801)

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurückbegeben,

wenn dann sich wieder Licht und Schatten
zu echter Klarheit werden gatten
und man in Märchen und Gedichten
erkennt die wahren Weltgeschichten,
dann fliegt von einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis, eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, Sprössling einer kleinen sächsischen Adelsfamilie, absolvierte zunächst ein Jura-Studium, das er mit 22 Jahren abschloss. Mit 25 Jahren (1797) schrieb er sich dann in der Bergbau-Akademie von Freiberg ein. Die Studienfächer reichten von Mineralogie, Chemie und Physik über Mathematik, Elektrizität und Medizin bis hin zu Naturphilosophie. Er war einer der wenigen Dichter – und sicher der einzige Romantiker -, der nicht nur eine nach damaligen Maßstäben gründliche naturwissenschaftliche Bildung erwarb, sondern auch in einem entsprechenden Beruf, nämlich als Direktor von Salzbergwerken in Sachsen und in Thüringen arbeitete. Er starb bereits mit 28 Jahren.

Der Roman „Heinrich von Ofterdingen“ (1802 posthum von Friedrich Schlegel veröffentlicht) hatte für mich eine große Anziehungskraft, weil Novalis die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse geisteswissenschaftlich und poetisch interpretiert und so Brücken zwischen sehr verschiedenen Verstehensformen schafft, die dann im immer prosaischer werdenden 19. Jahrhundert kaum noch begangen und schließlich eingerissen wurden. Ihren Trümmern spüre ich immer noch nach und versuche, sie neu zusammen zu fügen, um ein tieferes Verständnis von Welt und Mensch zu gewinnen.

 

 

 

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Farben im September (7): Ringeltaubengrau

Ein Ringeltaubenpaar besuchte die Pinie vor unserem Athener Balkon. Das war am Ersten September.

Ich machte ein Foto für Amoraks Blog-Challenge, um dieses wunderschöne helle Perlgrau der Farbskala des September einzufügen.

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Mit Lin kuscheln

Wir sind nach einer Woche Athen zurück in der Mani. Kater Lin begrüßte uns als erster. Er ist sehr zutraulich geworden und erwartet Sonderbehandlung. Seiner Mutter, der wunderbaren Fritzi, gefällt es freilich nicht, wenn ich ihm auch ein Leckerli reiche oder mit ihm kuschele. Sie hält dann Abstand, verschwindet sogar. Sie ist, als echte Tochter der Prinkipessa, ganz und gar nicht demokratisch und egalitär gesonnen, sondern hält streng auf Privilegien. Doch was kann ich tun? Soll ich Lin etwa rausschmeißen? Das geht gar nicht.

Heute kam Lin durchs Fenster zu mir aufs Sofa, wo ich eigentlich Siesta halten wollte.  Und so machte ich ein paar Selfies mit ihm.

 

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