112 Stufen, 81: Standhaft (Schiller)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Das Lied von der Glocke gehörte zu meiner Schulzeit noch unangefochten zum Bildungskanon, und so fielen mir bei „standhaft“ die Anfangszeilen ein:

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.

Für mich ist dieses Großgedicht der Inbegriff des deutschen Bürgertums, das sich zu der Zeit, als Schiller es (1799) veröffentlichte, aus dem zerfallenden feudalen Staat herauslöste und eine eigene unverwechselbare Physiognomie ausbildete. Nun ist auch dieses Bürgertum längst im Zerfall begriffen. Meine Generation („68er“) arbeitete fleißig daran mit, ihm weitere Risse zuzufügen, und ich kann immer noch nur einzelne Züge der sich daraus hervorarbeitenden Form erkennen.

Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat’s erfüllt,

Der Meister kann die Form
zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!

Das Gedicht ist zweigeteilt: Da gibt es einerseits die Arbeitsstrophen, in denen Schiller die vorindustrielle Technik des Glockengießens liebevoll und kenntnisreich beschreibt – da gibt es andererseits die Betrachtungsstrophen, in denen er die jeweilige Phase des Glockengießens ins Allgemein-Menschliche erweitert. Während die erste Abteilung wenig beachtet wurde, vermutlich, weil schon bald niemand mehr am Glockengießen interessiert war, wurde die zweite Abteilung zur Bibel der Bourgoisie und zum Spott so mancher  Zeitgenossen. So mokierte sich Friedrich Schlegel (1772-1829): „Ach wie gefällt die „Glocke“ dem Volk und „die Würde der Frauen“! Weil im Takt da klingt alles, was sittlich und platt.“ 

Wenn ich an die „Glocke“ denke, denke ich an meine Oma Martha („Martha, Martha, du entschwandest, und mit dir mein Portemonnaie“), die voller Kalauer war, die an ihrem Mädchen-Lyzeum zirkulierten (sie wurde 1885 geboren). „Die Glocke“ bot sich mit ihren platt verallgemeinernden Sittensprüchen herrlich für derlei Verballhornungen an.  „Er zählt die Häupter seiner Lieben /und sieh, es sind statt sechse sieben / das siebte hat vergangne Nacht / der Klapperstorch dazu gebracht.“ Im Grunde aber teilten die  bürgerlichen Mädchen und Frauen durchaus das Menschenbild, das Schiller in dem Gedicht entwickelt.

Das Gedicht ist zu lang, um es hier ganz zu zitieren, aber die in meiner Schulzeit zirkulierende Kurzform reicht mir auch nicht.

Loch in Erde,
Bronze rin.
Glocke fertig,
bim, bim, bim.

Ein paar charakteristische Stellen, die in meiner Kindheit quasi zu Alltags-Sprüchen gehörten und teilweise wohl immer noch gehören, müssen noch sein.

Wohlthätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht…

Gefährlich ist’s den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken
Das ist der Mensch in seinem Wahn.

Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis,
Ehrt den König, seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.

Wo rohe Kräfte sinnlos walten / da kann sich kein Gebild gestalten.

Da werden Weiber zu Hyänen / und treiben mit Entsetzen Scherz

Oder auch die Einzeiler:

  • „Denn das Auge des Gesetzes wacht“
  • „Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben“
  • „Ach! die Gattin ist’s, die Theure!“
  • „Die Jahre fliehen pfeilgeschwind“
  • „Doch der Segen kommt von oben“
  • „Es schwelgt das Herz in Seligkeit“
  • „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken“
  • „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, der ersten Liebe goldne Zeit“
  • „Von der Stirne heiß rinnen muß der Schweiß“
  • „Wehe, wenn sie losgelassen!“
  • „Wo rohe Kräfte sinnlos walten“
  • „Drinnen waltet die züchtige Hausfrau“
  • „Errötend folgt er ihren Spuren“
  • „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet“
  • „Der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang“
  • „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten“

Im Jahre 1966 – ich war damals 24 – erschütterte Hans Magnus Enzensberger die Gemüter: er hatte „Die Glocke“ aus der Insel-Edition einer Auswahl von Schillers Gedichten verbannt. Seine Begründung: „Zwischen dem eigentlichen Glockengießerlied und jenem Teil des Gedichts, den ich ‚Kommentar‘ nenne, zeigt sich, formal und substantiell, ein extremes Niveaugefälle. Auf der einen Seite äußerste Ökonomie, auf der anderen uferlose Sprüche; feste rhythmische Form, lustlose Reimerei; strikte Kenntnis der Sache, unverbindliche Ideologie; verschwiegene Einsicht, plakatierte Trivialität; Größe in der Beschränkung, aufgehäufter Plunder. An der Unvereinbarkeit des einen mit dem andern scheitert das Gedicht.“ (zitiert nach Wikipedia)

Nun, wie auch immer. Es gibt kaum ein deutsches Gedicht, das dem deutschen Gemüt und Sprachgefühl des 19. Jahrhunderts so gut gedient hat wie dieses Gedicht. Und so möchte ich Reich-Ranicki Recht geben, wenn er Enzensbergers Wahl kritisierte: „‚Die Glocke‘ oder ‚die Bürgschaft‘, Dichtungen also, aus denen das deutsche Bürgertum seine Lebensmaximen anderthalb Jahrhunderte lang zu beziehen gewohnt war, haben es – wie immer man diese Verse beurteilen mag – auf jeden Fall verdient, dem zweiten oder, meinetwegen, dem hundertsten Blick ausgesetzt zu werden. Ein Herausgeber, der diese und ähnliche Balladen kurzerhand entfernt, macht sich, befürchte ich, seine Aufgabe zu leicht: Statt das überkommene Schiller-Bild zu korrigieren, ignoriert er es. Statt zu revidieren, liquidiert er.“

 

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112 Stufen, 80: Treue (Carl Orff)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Als ich heute das Auto durch den dichten Autobahn-Verkehr Richtung Athen steuerte, wurde mir langweilig, und so sang ich mir etwas vor. Was war es, das mir einfiel?

Als die Treue ward geborn

kroch sie in ein Jägerhorn,

der Jäger blus sie in den Wind

daher man keine Treu mehr find.

Das Lied ist ein echter Ohrwurm. Es stammt aus dem Einakter  „Die Kluge“ von Carl Orff (1895-1982), der  1943 in Frankfurt am Main uraufgeführt wurde. Das Libretto geht auf ein bekanntes Grimmsches Märchen zurück.

 

 

Die kleine Oper war sofort ein Riesenerfolg. Merkwürdig mutet es an, dass die Verulkung der „Treue“, die den Nazis ein so hehres Wort war (u.a. der SS-Treueschwur „Meine Ehre heißt Treue“), dem Komponisten keinen Ärger einbrachte. Auch andere Textstellen waren brisant, etwa diese:  „Denn wer viel hat, hat auch die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch! Denn über allem steht Gewalt.“ oder „Veritas ist gen Himmel flogen, Treu und Ehr sind übers Meer gezogen, Tyrannis führt das Szepter weit“ oder  „Tugend ist des Lands vertrieben, Untreu und Bosheit sind verblieben“.

Vielleicht hatten die Nazi-Bonzen anderweitig zu tun, vielleicht wollten sie das Volk, das dringend etwas zum Lachen brauchte, nicht frustrieren, vielleicht verstanden sie den Mutterwitz nicht….Vielleicht war ihnen auch daran gelegen, den von den Nazis hoch geschätzten Komponisten nicht zu vergrämen.  Jedenfalls gab es keinerlei Beanstandungen. Und auch im Nachkriegs-Deutschland erfreute sich die kleine Oper großer Beliebtheit.

Im internet fand ich eine hübsche Inszenierung mit Marionetten. Das Lied findet sich bei 52.14 des Videos.

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112 Stufen, 79: Tiefe (Friedrich Nietzsche, Gustav Mahler)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Also sprach Zarathustra.

Oh Mensch! Gieb Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief —,
„Aus tiefem Traum bin ich erwacht: —
„Die Welt ist tief,
„Und tiefer als der Tag gedacht.
„Tief ist ihr Weh —,
„Lust — tiefer noch als Herzeleid:
„Weh spricht: Vergeh!
„Doch alle Lust will Ewigkeit —,
„— will tiefe, tiefe Ewigkeit!

Das „Nachtwandler-Lied“ (1883) und die kongeniale Vertonung (1893) durch Gustav Mahler  (1860-1911) – wer kennte es nicht?

Nachtwandler – das ist zweideutig: der in der Nacht wandelt und der die Nacht wandelt. Denn darum geht es: der Nacht, dem Schmerz die Lust abzugewinnen, so dass die Seele am Ende des Lebens sagt: „Noch einmal!“ und „in alle Ewigkeit!“.  Das Lied steht in „Also sprach ZarathustraEin Buch für Alle und Keinen“ (1883–1885), ein Text, das mich, als ich jung war,  faszinierte und verwirrte. Ganz las ich ihn nie, ich vertrug und vertrage ihn immer nur ausschnittweise. Nietzsche sagte zum hymnischen Sprache des Textes bzw der erfundenen Gestalt des Zarathustra, der den Namen des persischen Religionsstifters trägt: „Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungswürdig Unrecht zu tun“ (zu: halkyonisch siehe hier).

Vielleicht möchtest du die Textstelle nachlesen?

Das Nachtwandler-Lied

Inzwischen aber war Einer nach dem Andern hinaus getreten, in’s Freie und in die kühle nachdenkliche Nacht; Zarathustra selber aber führte den hässlichsten Menschen an der Hand, dass er ihm seine Nacht-Welt und den grossen runden Mond und die silbernen Wasserstürze bei seiner Höhle zeige. Da standen sie endlich still bei einander, lauter alte Leute, aber mit einem getrösteten tapferen Herzen und verwundert bei sich, dass es ihnen auf Erden so wohl war; die Heimlichkeit der Nacht aber kam ihnen näher und näher an’s Herz. Und von Neuem dachte Zarathustra bei sich: „oh wie gut sie mir nun gefallen, diese höheren Menschen!“ — aber er sprach es nicht aus, denn er ehrte ihr Glück und ihr Stillschweigen. —

Da aber geschah Das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das Erstaunlichste war: der hässlichste Mensch begann noch ein Mal und zum letzten Mal zu gurgeln und zu schnauben, und als er es bis zu Worten gebracht hatte, siehe, da sprang eine Frage rund und reinlich aus seinem Munde, eine gute tiefe klare Frage, welche Allen, die ihm zuhörten, das Herz im Leibe bewegte.

„Meine Freunde insgesammt, sprach der hässlichste Mensch, was dünket euch? Um dieses Tags Willen — ich bin’s zum ersten Male zufrieden, dass ich das ganze Leben lebte.

Und dass ich so viel bezeuge, ist mir noch nicht genug. Es lohnt sich auf der Erde zu leben: Ein Tag, Ein Fest mit Zarathustra lehrte mich die Erde lieben.

„War Das — das Leben?“ will ich zum Tode sprechen. „Wohlan! Noch Ein Mal!“

Meine Freunde, was dünket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode sprechen: War Das — das Leben? Um Zarathustra’s Willen, wohlan! Noch Ein Mal!“ — —

Also sprach der hässlichste Mensch; es war aber nicht lange vor Mitternacht. Und was glaubt ihr wohl, dass damals sich zutrug? Sobald die höheren Menschen seine Frage hörten, wurden sie sich mit Einem Male ihrer Verwandlung und Genesung bewusst, und wer ihnen dieselbe gegeben habe: da sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend, liebkosend, ihm die Hände küssend, so wie es der Art eines Jeden eigen war: also dass Einige lachten, Einige weinten. Der alte Wahrsager aber tanzte vor Vergnügen; und wenn er auch, wie manche Erzähler meinen, damals voll süssen Weines war, so war er gewisslich noch voller des süssen Lebens und hatte aller Müdigkeit abgesagt. Es giebt sogar Solche, die erzählen, dass damals der Esel getanzt habe: nicht umsonst nämlich habe ihm der hässlichste Mensch vorher Wein zu trinken gegeben. Diess mag sich nun so verhalten oder auch anders; und wenn in Wahrheit an jenem Abende der Esel nicht getanzt hat, so geschahen doch damals grössere und seltsamere Wunderdinge als es das Tanzen eines Esels wäre. Kurz, wie das Sprichwort Zarathustra’s lautet: „was liegt daran!“

2.

Zarathustra aber, als sich diess mit dem hässlichsten Menschen zutrug, stand da, wie ein Trunkener: sein Blick erlosch, seine Zunge lallte, seine Füsse schwankten. Und wer möchte auch errathen, welche Gedanken dabei über Zarathustra’s Seele liefen? Ersichtlich aber wich sein Geist zurück und floh voraus und war in weiten Fernen und gleichsam „auf hohem Joche, wie geschrieben steht, zwischen zwei Meeren,

— zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelnd.“ Allgemach aber, während ihn die höheren Menschen in den Armen hielten, kam er ein Wenig zu sich selber zurück und wehrte mit den Händen dem Gedränge der Verehrenden und Besorgten; doch sprach er nicht. Mit Einem Male aber wandte er schnell den Kopf, denn er schien Etwas zu hören: da legte er den Finger an den Mund und sprach: „Kommt!“

Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam langsam der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte darnach, gleich den höheren Menschen; dann aber legte er zum andern Male den Finger an den Mund und sprach wiederum: „Kommt! Kommt! Es geht gen Mitternacht!“ — und seine Stimme hatte sich verwandelt. Aber immer noch rührte er sich nicht von der Stelle: da wurde es noch stiller und heimlicher, und Alles horchte, auch der Esel, und Zarathustra’s Ehrenthiere, der Adler und die Schlange, insgleichen die Höhle Zarathustra’s und der grosse kühle Mond und die Nacht selber. Zarathustra aber legte zum dritten Male die Hand an den Mund und sprach:

Kommt! Kommt! Kommt! Lasst uns jetzo wandeln! Es ist die Stunde: lasst uns in die Nacht wandeln!

3.

Ihr höheren Menschen, es geht gen Mitternacht: da will ich euch Etwas in die Ohren sagen, wie jene alte Glocke es mir in’s Ohr sagt, —

— so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie jene Mitternachts-Glocke zu mir es redet, die mehr erlebt hat als Ein Mensch:

— welche schon eurer Väter Herzens-Schmerzens-Schläge abzählte — ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht! die alte tiefe tiefe Mitternacht!

Still! Still! Da hört sich Manches, das am Tage nicht laut werden darf; nun aber, bei kühler Luft, da auch aller Lärm eurer Herzen stille ward, —

— nun redet es, nun hört es sich, nun schleicht es sich in nächtliche überwache Seelen: ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht!

— hörst du’s nicht, wie sie heimlich, schrecklich, herzlich zu dir redet, die alte tiefe tiefe Mitternacht?

Oh Mensch, gieb Acht!

4.

Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die Welt schläft —

Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben, sterben, als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.

Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich? Willst du Blut? Ach! Ach! der Thau fällt, die Stunde kommt —

— die Stunde, wo mich fröstelt und friert, die fragt und fragt und fragt: „wer hat Herz genug dazu?

— wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen: so sollt ihr laufen, ihr grossen und kleinen Ströme!“

— die Stunde naht: oh Mensch, du höherer Mensch, gieb Acht! diese Rede ist für feine Ohren, für deine Ohren — was spricht die tiefe Mitternacht?

5.

Es trägt mich dahin, meine Seele tanzt. Tagewerk! Tagewerk! Wer soll der Erde Herr sein?

Der Mond ist kühl, der Wind schweigt. Ach! Ach! Flogt ihr schon hoch genug? Ihr tanztet: aber ein Bein ist doch kein Flügel.

Ihr guten Tänzer, nun ist alle Lust vorbei, Wein ward Hefe, jeder Becher ward mürbe, die Gräber stammeln.

Ihr flogt nicht hoch genug: nun stammeln die Gräber „erlöst doch die Todten! Warum ist so lange Nacht? Macht uns nicht der Mond trunken?“

Ihr höheren Menschen, erlöst doch die Gräber, weckt die Leichname auf! Ach, was gräbt noch der Wurm? Es naht, es naht die Stunde, —

— es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es gräbt noch der Holzwurm, der Herzenswurm. Ach! Ach! Die Welt ist tief!

6.

Süsse Leier! Süsse Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen Unken-Ton! — wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her, von den Teichen der Liebe!

Du alte Glocke, du süsse Leier! Jeder Schmerz riss dir in’s Herz, Vaterschmerz, Väterschmerz, Urväterschmerz, deine Rede wurde reif, —

— reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem Einsiedlerherzen — nun redest du: die Welt selber ward reif, die Traube bräunt,

— nun will sie sterben, vor Glück sterben. Ihr höheren Menschen, riecht ihr’s nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,

— ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger brauner Gold-Wein-Geruch von altem Glücke,

— von trunkenem Mitternachts-Sterbeglücke, welches singt: die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht!

7.

Lass mich! Lass mich! Ich bin zu rein für dich. Rühre mich nicht an! Ward meine Welt nicht eben vollkommen?

Meine Haut ist zu rein für deine Hände. Lass mich, du dummer tölpischer dumpfer Tag! Ist die Mitternacht nicht heller?

Die Reinsten sollen der Erde Herrn sein, die Unerkanntesten, Stärksten, die Mitternachts-Seelen, die heller und tiefer sind als jeder Tag.

Oh Tag, du tappst nach mir? Du tastest nach meinem Glücke? Ich bin dir reich, einsam, eine Schatzgrube, eine Goldkammer?

Oh Welt, du willst mich? Bin ich dir weltlich? Bin ich dir geistlich? Bin ich dir göttlich? Aber Tag und Welt, ihr seid zu plump, —

— habt klügere Hände, greift nach tieferem Glücke, nach tieferem Unglücke, greift nach irgend einem Gotte, greift nicht nach mir:

— mein Unglück, mein Glück ist tief, du wunderlicher Tag, aber doch bin ich kein Gott, keine Gottes-Hölle: tief ist ihr Weh.

8.

Gottes Weh ist tiefer, du wunderliche Welt! Greife nach Gottes Weh, nicht nach mir! Was bin ich! Eine trunkene süsse Leier, —

— eine Mitternachts-Leier, eine Glocken-Unke, die Niemand versteht, aber welche reden muss, vor Tauben, ihr höheren Menschen! Denn ihr versteht mich nicht!

Dahin! Dahin! Oh Jugend! Oh Mittag! Oh Nachmittag! Nun kam Abend und Nacht und Mitternacht, — der Hund heult, der Wind:

— ist der Wind nicht ein Hund? Er winselt, er kläfft, er heult. Ach! Ach! wie sie seufzt! wie sie lacht, wie sie röchelt und keucht, die Mitternacht!

Wie sie eben nüchtern spricht, diese trunkene Dichterin! sie übertrank wohl ihre Trunkenheit? sie wurde überwach? sie käut zurück?

— ihr Weh käut sie zurück, im Traume, die alte tiefe Mitternacht, und mehr noch ihre Lust. Lust nämlich, wenn schon Weh tief ist: Lust ist tiefer noch als Herzeleid.

9.

Du Weinstock! Was preisest du mich? Ich schnitt dich doch! Ich bin grausam, du blutest —: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?

„Was vollkommen ward, alles Reife — will sterben!“ so redest du. Gesegnet, gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will leben: wehe!

Weh spricht: „Vergeh! Weg, du Wehe!“ Aber Alles, was leidet, will leben, dass es reif werde und lustig und sehnsüchtig,

— sehnsüchtig nach Fernerem, Höherem, Hellerem. „Ich will Erben, so spricht Alles, was leidet, ich will Kinder, ich will nicht mich,“ —

Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder, — Lust will sich selber, will Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich.

Weh spricht: „Brich, blute, Herz! Wandle, Bein! Flügel, flieg! Hinan! Hinauf! Schmerz!“ Wohlan! Wohlauf! Oh mein altes Herz: Weh spricht: „vergeh!“

10.

Ihr höheren Menschen, was dünket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein Träumender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?

Ein Tropfen Thau’s? Ein Dunst und Duft der Ewigkeit? Hört ihr’s nicht? Riecht ihr’s nicht? Eben ward meine Welt vollkommen, Mitternacht ist auch Mittag, —

Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch eine Sonne, — geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.

Sagtet ihr jemals Ja zu Einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet ihr Ja auch zu allem Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfädelt, verliebt, —

— wolltet ihr jemals Ein Mal Zwei Mal, spracht ihr jemals „du gefällst mir, Glück! Husch! Augenblick!“ so wolltet ihr Alles zurück!

— Alles von neuem, Alles ewig, Alles verkettet, verfädelt, verliebt, oh so liebtet ihr die Welt, —

— ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht ihr: vergeh, aber komm zurück! Denn alle Lust will — Ewigkeit!

11.

Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will trunkene Mitternacht, will Gräber, will Gräber-Thränen-Trost, will vergüldetes Abendroth —

— was will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger, schrecklicher, heimlicher als alles Weh, sie will sich, sie beisst in sich, des Ringes Wille ringt in ihr, —

— sie will Liebe, sie will Hass, sie ist überreich, schenkt, wirft weg, bettelt, dass Einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie möchte gern gehasst sein, —

— so reich ist Lust, dass sie nach Wehe durstet, nach Hölle, nach Hass, nach Schmach, nach dem Krüppel, nach Welt, — denn diese Welt, oh ihr kennt sie ja!

Ihr höheren Menschen, nach euch sehnt sie sich, die Lust, die unbändige, selige, — nach eurem Weh, ihr Missrathenen! Nach Missrathenem sehnt sich alle ewige Lust.

Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid! Oh Glück, oh Schmerz! Oh brich, Herz! Ihr höheren Menschen, lernt es doch, Lust will Ewigkeit,

— Lust will aller Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!

12.

Lerntet ihr nun mein Lied? Erriethet ihr, was es will? Wohlan! Wohlauf! Ihr höheren Menschen, so singt mir nun meinen Rundgesang!

Singt mir nun selber das Lied, dess Name ist „Noch ein Mal“, dess Sinn ist „in alle Ewigkeit!“, singt, ihr höheren Menschen, Zarathustra’s Rundgesang!

Oh Mensch! Gieb Acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

„Ich schlief, ich schlief —,

„Aus tiefem Traum bin ich erwacht: —

„Die Welt ist tief,

„Und tiefer als der Tag gedacht.

„Tief ist ihr Weh —,

„Lust — tiefer noch als Herzeleid:

„Weh spricht: Vergeh!

„Doch alle Lust will Ewigkeit —,

„— will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

zitiert nach Quelle

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Drabble: Die Sprache der Gesten (gereimt)

Handbewegung – verlassen – anderslautend sind die Wörter, die Heide fürs heutige Drabble vorgegeben hat.

Eine Handbewegung kann weit mehr ausdrücken als hundert Wörter. 100 Wörter sind andererseits wenig, um Schlüssiges über die Sprache der Gesten zu sagen. Ich habs trotzdem versucht und sogar noch einen Zweifel eingebaut: ist die Gestensprache wirklich international eindeutig, wie manche meinen? Oder kann es da zu erheblichen Mißverständnissen kommen?

 

Winkewinke! spricht die Mama, wünsch der Oma gute Fahrt!

Pst! der Finger auf den Lippen sagt dem Kind: der Papa denkt.

Und so lernt das Kind von frühauf: Sprache gibt’s von mancher Art,

Und der Ausdruck meiner Wünsche ist nicht auf Geschrei beschränkt.

 

Doch kann eine Handbewegung, die man so von Muttern lernt

Wirklich jeden Sinn vermitteln, kann man sich darauf verlassen,

dass die Menschen aus Ägypten, aus Tirol und weit entfernt

diesen Sinn nicht missverstehen und ihn wirklich klar erfassen?

 

Hand-aufs-Herz bedeutet „ehrlich“

Oder heißt es: „mein Respekt?“

Dem einen ist es unentbehrlich

Dem andern ist es gleich suspekt.

 

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Impulswerkstatt: Wolken (2), Wolkenzeichnen

Noch mehr Wolken, liebe Myriade, für deine Impulswerkstatt. Dieses Mal habe ich gezeichnete aus dem Archiv herausgesucht.

Das Grau des Bleistifts rückt sie dem Betrachter bedrohlich näher.

 

Das Foto der Zeichnung habe ich farbverstärkt, was die Illusion hoher Farbigkeit erzeugt.

Noch eine Kohlezeichnung:

Die folgende Zeichnung (Kohle, weißes Pigment, Leim auf grauer Pappe, 70 x 50 cm) nannte ich „Wolken ziehen drüber hinweg“: Ich blicke quasi von einer himmlischen Position aus hinab auf die Erde.

Die folgenden Kugelschreiberzeichnungen zeigen die Bergkulisse, die ich von meiner Turmterrasse aus erblicke, samt Wolken, die sich darüber türmen.

Ich fand die Wiedergabe der unterschiedlichen Struktur und Festigkeit von Wolken- und Steinbergen schwierig und machte eine zweite stärker abstrahierende Skizze:

Gewölk über dem Meer

Auch Willi, der Jahresbegleiter von 2022, versuchte sich im Wolkenzeichnen. Den Zeichenprozess beschrieb ich in einer abc-etüde (hier), darin auch die folgenden Zeilen:

Doch nun

wechselt die Farbe.

Ein dunkles Grün, ein bläuliches Lila

fügt er hinzu

lässt laufen den Stift

in krausem Gewirr von Wolken,

und punktet die Wolken als hätten

sie Regen gespeichert.

 

 

 

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112 Stufen, 78: göttlich (Goethe, Das Göttliche)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Schon wieder Goethe? Ja. Die gestrige „Güte“-Stufe führt folgerichtig zum „Göttlichen“, wie Goethe es sah:

Edel sei der Mensch, hülfreich und gut

Dies forderte Goethe in jenem frühen Gedicht, das er mit „Das Göttliche“ überschrieb und das seither so manches Poesiealbum ziert. Darin macht er den Versuch, den Pantheismus des Spinoza, den er für sich adaptierte, in Worte zu fassen.

Warum soll der Mensch „edel, hülfreich und gut“ sein? Weil „das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen„.

Wörtlich genommen, ist diese Begründung kühn, denn soweit ich die Menschheit kenne, ist sie höchst selten oder, wie ich gestern ausführte, überhaupt nie wirklich „gut“. Goethe wird das nicht anders gesehen haben. Daher wohl setzt er die behauptete Exzeptionalität des Menschen in den Konjunktiv der Forderung: Er sei! Er soll sein!

Und warum, bitte schön, sollen wir gut und edel sein? Weil wir „göttliche Wesen“ erahnen, und diese Ahnung ist wie ein Aufruf, ihnen zu gleichen.

Das Streben nach einem Höheren, dem wir gleichen möchten, ohne es doch zu kennen, ist also das „Göttliche“ im Menschen. Wir übersetzen uns dieses Streben in den Satz: „Sei edel, hilfreich und gut“.

Die Natur ist gleichgültig gegenüber Gut und Böse, sie ist den eisernen Gesetzen der Notwendigkeit unterworfen. Nur der Mensch ist ein moralisches Wesen, da er einen freien Willen und Urteilskraft hat: Er „vermag das Unmögliche: Er unterscheidet, wählet und richtet.“  Und genau das täten auch „die Unsterblichen, als wären sie Menschen“, sie tun das „im Großen, was der Beste (unter den Menschen) im Kleinen tut oder möchte“.

Diese Verschränkung zwischen Erahnen eines Höheren & Nachahmen des Erahnten ist etwas anderes als pure Projektion. Es ist ein selbsterzieherischer Prozess der Menschheit, in dessen Verlauf der Mensch die angenommenen Tugenden der Unsterblichen immer mehr in sich entwickelt. Vergleichen ließe sich das vielleicht mit der Arbeit des Künstlers, dem ein Bild „vorschwebt“ und der sich nun bemüht, dies nur Erahnte real in die Welt zu setzen. Ebenso vergöttlicht der Mensch, dem eine von guten Göttern gewollte Welt vorschwebt, allmählich auch in der Wirklichkeit diese Welt. Das, so Goethe, sei der Menschheitsauftrag.

Der ganze Text lautet:

Johann Wolfgang von Goethe

Das Göttliche

Edel sei der Mensch,
Hülfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr’ uns
Jene glauben.

Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös’ und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen, wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.

Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.

Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.

Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.

Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im Großen,
Was der Beste im Kleinen
Tut oder möchte.

Der edle Mensch
Sei hülfreich und gut!
Unermüdet schaff’ er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen!

 

Eine Nachbemerkung: Heutige Leser dieses Gedichts werden sich vermutlich an der Frage festbeißen, ob der Mensch anders als das Naturreich sei, und fragen: ist es so? ist es nicht so? Darum aber geht es gar nicht. Es geht darum anzuerkennen, dass wir Menschen die Erde entsprechend unseren moralischen Standards, Einsichten und Urteilen umgestalten in Richtung Paradies oder Hölle, je nachdem.  Nehmen wir die erahnten odergeglaubten „göttlichen Wesen“ uns zum Vorbild, dann arbeiten wir in die Richtung der Vergöttlichung der Erde und des Menschen.

Es versteht sich, denke ich, von selbst, dass mit Vergöttlichung des Menschen im Sinne Goethes das genaue Gegenteil von „homo deus“ gemeint ist, wie er Yuval Noah Harari vorschwebt.

(Die Legebilder sind mit Marie Mandarins weißen Schnipseln gemacht, ein kleiner Besucher hat sie eingefärbt.)

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112 Stufen, 77: Güte (Die Bibel und Bertold Brecht)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Bei dem Wort „Güte“ fallen mir spontan das „Täglich Brot“, die Bibel und …. Bertold Brecht ein.

Das Brot des Bäckers, Kugelschreiber-Zeichnung

Da ist als erstes das Vaterunser, dem, so erinnere ich mich aus meiner Kindheit, ein Satz nachgestellt wurde, der eigentlich nicht dahin gehört, sondern aus einem Psalm** stammt:

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.

Martin Luther liebte die Psalmen, und diese Stelle liebte er wohl ganz besonders, denn in seinen Anweisungen zu täglichen Gebeten ist die „Güte“ des Vaters ein zentrales Motiv.

Der Vater ist gut – und nur der Vater. Als ein Mann Jesus mit „guter Meister“ ansprach, antwortete er:

Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein!

***

Der Satz von Gottes Güte ist für mich eng verbunden mit der Bitte um „unser täglich Brot“, und das ist auch die Brücke zu Bertold Brecht, dem dieses „täglich Brot“ und die „fehlende Güte“ der Menschen sehr am Herzen lag. In seinem Werk kehrt dieses Motiv immer wieder, beginnend mit der 3-Groschen-Oper, wo der Bettlerkönig Peachum singt:

Peachum (mit der Bibel in den Händen)

Das Recht des Menschen ist’s auf dieser Erden
Da er doch nur kurz lebt, glücklich zu sein
Teilhaftig aller Lust der Welt zu werden
Zum Essen Brot zu kriegen und nicht einen Stein.
Das ist des Menschen nacktes Recht auf Erden.
Doch leider hat man bisher nie vernommen
Dass einer auch sein Recht bekam – ach wo!
Wer hätte nicht gern einmal Recht bekommen
Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

(…)

Ein guter Mensch sein! Ja, wer wär’s nicht gern?
Sein Gut den Armen geben, warum nicht?
Wenn alle gut sind, ist Sein Reich nicht fern
Wer sässe nicht sehr gern in seinem Licht?
Ein guter Mensch sein? Ja, wer wär’s nicht gern…

 

 

***

Das Drama „Der gute Mensch von Sezuan“ schrieb Brecht zwischen 1938-40. Als eine der Quellen benutzte er den griechischen Mythos von Philemon und Baucis, nachzulesen in Schwabs Sagen des klassischen Altertums, in der Ausgabe von 1881, wo der herausgeber Gotthold Klee auch diese Sage hinzufügte. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Philemon und Baucis (nacherzählt nach Ovids Darstellung in den „Metamorphosen„)

Auf einem Hügel im Lande Phrygien steht eine tausendjährige Eiche (….) Einst kam in diese Gegend Vater Zeus mit seinem Sohne Hermes (…). In menschlicher Gestalt wollten sie die Gastlichkeit der Menschen versuchen; darum klopften sie an tausend Türen, um ein Obdach für die Nacht bittend. Aber hart und selbstsüchtig war der Sinn der Bewohner, so daß die Himmlischen nirgends Einlaß fanden. Siehe, da stand ein Hüttchen am Ende des Dorfes, niedrig und klein nur, mit Stroh und Sumpfrohr gedeckt; aber im ärmlichen Hause wohnte ein glückliches Paar, der biedre Philemon und Baucis, sein gleichaltriges Weib. (…)

 

In aller Ausführlichkeit wird beschrieben, wie die Alten bemüht sind, den Gästen alles zum Besten zu richten (sehr lesenswert, besonders die Jagd auf die Gans! Leider muss ich hier kürzen). Das Ende vom Lied: die ganze Ebene wird von Zeus überschwemmt, aber das Häuschen der Alten wird auf den Berg versetzt und zu einem prächtigen Tempel, wo die beiden nun Priester werden. Ihr Wunsch, einst am selben Tag zu sterben, wird ihnen gnädig erfüllt. Den guten Menschen gegenüber sind auch die Götter gütig.

***

Im Lehrstück „Der gute Mensch von Sezuan“, das ebenfalls mit der Suche der Götter nach einem „guten Menschen“ beginnt,  legt Brecht dar, wie die „Verhältnisse“ die Güte zum Scheitern bringen. Warum helfen die Götter nicht?  „Wir sind nur Betrachtende“, sagen sie, die Kraft des guten Menschen „wird wachsen mit der Bürde“. Das aber funktioniert nur, indem sich das Individuum aufspaltet in eine gute, hilfsbereite und eine harte, brutale Persönlichkeit. Das Ende vom Lied ist in diesem Fall: der Anspruch der Götter, „gut zu sein und doch zu leben“, ist in dieser Welt nicht erfüllbar.

Die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration, die Brecht 1938 schrieb, beginnt mit den wunderbaren Zeilen:

Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.

Und so zieht sich das Thema der fehlenden oder falsch eingesetzten „Güte“ des Menschen durchs ganze Brechtsche Werk. Das Vertrauen, dass der „gütige Gott“ die Dinge zum Guten der Menschen regeln wird (wie im Psalm 107** besungen), fehlt ihm. Es bleibt nichts anderes übrig, als dass die Menschen selbst für eine „gute Welt“ kämpfen. In „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“, in dem Brecht die Zustände wärend der Weltwirtschaftskrise 1929/30 thematisiert, klagt die Titelheldin sterbend:

„Wie gerufen kam ich den Unterdrückern / O folgenlose Güte, Unmerkliche Gesinnung / Ich habe nichts geändert / Schnell verschwindend aus dieser Welt ohne Frucht / Sage ich euch: / Sorgt doch, dass Ihr die Welt verlassend / Nicht nur gut ward, sondern verlasst / Eine gute Welt.“

Was also tun? Gut sein in einer schlechten Welt oder mit „schmutzigen Händen“* für eine gute Welt kämpfen? Das war Brechts Dilemma, das er sein Leben lang nicht auflösen konnte.


*Die schmutzigen Hände (fr. Les mains sales), Drama von Jean-Paul Sartre, 1948.

** Psalm 107 (in Luthers Übersetzung, 1545)

Danket dem HERRN, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich./ So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat / und die er aus den Ländern zusammengebracht hat vom Aufgang, vom Niedergang, von Mitternacht und vom Meer. / Die irregingen in der Wüste, in ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, da sie wohnen konnten, / hungrig und durstig, und ihre Seele verschmachtete; / die zum HERRN riefen in ihrer Not, und er errettete sie aus ihren Ängsten / und führte sie einen richtigen Weg, daß sie gingen zur Stadt, da sie wohnen konnten: / die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut,/ daß er sättigt die durstige Seele und füllt die hungrige Seele mit Gutem. / Die da sitzen mußten in Finsternis und Dunkel, gefangen in Zwang und Eisen, / darum daß sie Gottes Geboten ungehorsam gewesen waren und das Gesetz des Höchsten geschändet hatten, / dafür ihr Herz mit Unglück geplagt werden mußte, daß sie dalagen und ihnen niemand half; / die zum HERRN riefen in ihrer Not, und er half ihnen aus ihren Ängsten / und führte sie aus der Finsternis und Dunkel und zerriß ihre Bande: / die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die an den Menschenkindern tut, / daß er zerbricht eherne Türen und zerschlägt eiserne Riegel. / Die Narren, so geplagt waren um ihrer Übertretung willen und um ihrer Sünden willen, / daß ihnen ekelte vor aller Speise und sie todkrank wurden; / die riefen zum HERRN in ihrer Not, und er half ihnen aus ihren Ängsten, / er sandte sein Wort und machte sie gesund und errettete sie, daß sie nicht starben: / die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, / und Dank opfern und erzählen seine Werke mit Freuden. / Die mit Schiffen auf dem Meer fuhren und trieben ihren Handel in großen Wassern; / die des HERRN Werke erfahren haben und seine Wunder im Meer, / wenn er sprach und einen Sturmwind erregte, der die Wellen erhob, / und sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund fuhren, daß ihre Seele vor Angst verzagte, / daß sie taumelten und wankten wie ein Trunkener und wußten keinen Rat mehr; / die zum HERRN schrieen in ihrer Not, und er führte sie aus ihren Ängsten / und stillte das Ungewitter, daß die Wellen sich legten / und sie froh wurden, daß es still geworden war und er sie zu Lande brachte nach ihrem Wunsch: / die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, / und ihn bei der Gemeinde preisen und bei den Alten rühmen. / Er machte Bäche trocken und ließ Wasserquellen versiegen, / daß ein fruchtbar Land zur Salzwüste wurde um der Bosheit willen derer, die darin wohnten. / Er machte das Trockene wiederum wasserreich und im dürren Lande Wasserquellen / und hat die Hungrigen dahingesetzt, daß sie eine Stadt zurichten, da sie wohnen konnten, / und Äcker besäen und Weinberge pflanzen möchten und die jährlichen Früchte gewönnen. / Und er segnete sie, daß sie sich sehr mehrten, und gab ihnen viel Vieh. / Sie waren niedergedrückt und geschwächt von dem Bösen, das sie gezwungen und gedrungen hatte. / Er schüttete Verachtung auf die Fürsten und ließ sie irren in der Wüste, da kein Weg ist, / und schützte den Armen vor Elend und mehrte sein Geschlecht wie eine Herde. / Solches werden die Frommen sehen und sich freuen; und aller Bosheit wird das Maul gestopft werden. / Wer ist weise und behält dies? So werden sie merken, wie viel Wohltaten der HERR erzeigt.

 

 

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Tagebuch der Lustbarkeiten: Siesta mit Fritzi

Katzen sind bekanntlich Meister im Entspannen. Fritzi tut es am liebsten an mein Bein geschmiegt, wenn ich mich auf dem Sofa zur Siesta niederlasse. So auch heute. Mir hilft es, zur Ruhe zu kommen. Und so schlummerten wir  für eine kurze Weile gemeinsam.

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Archivbild der Woche: Straßenbauerinnen

Auf Anregung von Heide (Puzzleblume) bin ich auch an diesem Sonntag ins Archiv hinabgestiegen, um ein Foto hervorzuholen. Und so erinnere  ich mich nun, dass wir an einem Tag wie diesem im Jahr 2016 mit Freunden ein Dorf bei Alt-Messene besuchten, in einer ländlichen Gaststätte das beste Omelett aller Zeiten aßen und ich mir die vielen Schwarz-Weiß-Fotos, die die Wände des Schankraums bedeckten, erklären ließ. Es war ein berührender und stolzer Rückblick auf die Lebensbedingungen der Menschen der Nachkriegs-Generation in der griechischen Provinz, die durch Besatzung und Bürgerkrieg schwer gelitten hatte. Ich schrieb über diesen Besuch in meinem Beitrag vom 17.8.2016  „Damit wir Leben haben“.

Die Frauen, mit den Hacken und Spaten in der Hand, manche barfuß, bauten die Straße, die wir gekommen waren, von Alt-Messene zu ihrem Dorf, während ihre Männer irgendwo in Deutschland oder Belgien in den Kohlegruben schufteten, um Geld nach Hause zu schicken.

 

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Impulswerkstatt: Wolken (1)

Deine  sommerliche Impulswerkstatt, liebe Myriade, habe ich leider noch gar nicht bedient. Ich kam einfach nicht dazu. Heute aber möchte ich ein paar Wolkenbilder beitragen, zumal das Beobachten von Wolken zu meinen täglichen Lustbarkeiten gehört… sofern sich welche am Himmel zeigen. Wolken sind hier ja etwas Kostbares, und ich bin froh vermelden zu können, dass sie sich auch in diesem August nach den weitestgehend wolkenlosen Juni-Juli-Himmeln rechtzeitig einstellten.

In der Wolkenparade zeige ich als erstes einige Handy-Fotos, die ich hier in der Mani rund ums Haus aufgenommen habe.

Diese sah ich in einer Vollmondnacht im Februar 2024 :

jene nachmittags im März 2023

und jene rot angestrahlten Wolkenschleier fotografierte ich samt Mond im Mai 2021

Der Sonnenuntergang eines Septemberabends 2023 färbte die Wolken granatapfelrot ein

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Dieses wolkige Weltallgefährt schwebte am 1. April 2023 über unseren Bergen

und diese El-Greco-Wolken beglückten mich bei Mondaufgang im August 2023

Noch ein Foto, diesmal vom 1. August 2024, zeigt den vielversprechenden Wetterwechsel, der sich zu meiner Erleichterung meist Anfang August einstellt.

Mit den Oktoberwolken, hier aus dem Jahr 2020, können sie freilich nicht mithalten.

Geht es noch wilder? Sicher,  wie hier im Oktober 2018

Das Formen- und Farbenspiel der Wolken zu beobachten werde ich nie müde,  so auch an jenem Märztag 2018.

Fortsetzung folgt

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