Durchblick zum Hafengebäude (alltägliches Zeichnen mit Fotoüberblendung)

Einen kleinen Park gibt es in Kalamata, dahinter die Hafenzeile mit Zollgebäude, Post und anderen schönen alten Gemäuern. Ich sitze auf der einzigen einigermaßen schattigen Bank, um ein wenig zu zeichnen. Der Durchblick ist durch Bäume und Büsche verstellt,   aber einen besseren Platz gibt es nicht. Also los. Ich nehme mein hellgrünes Moleskine-Zeichenbuch mit den vielen leeren Seiten und einen feinen Tintenstift, der auf halbem Weg den Geist aufgibt, und mache mit einem gröberen schwarzen Kuli weiter.

Fotografiert sieht die Szene freundlicher und übersichtlicher aus, wozu sicher beiträgt, dass die großen Farbfelder das Sehen erleichtern.

Ich mache mir das zunutze, indem ich Zeichnung und Foto übereinanderblende. Die so entstehende Bildwirkung unterscheidet sich deutlich von den beiden vorigen. Die Zeichnung wirkt nun flächig, dicht. Ihre ursprüngliche nervöse Energie ist verschwunden, ohne dass sie die Heiterkeit des Fotos gewonnen hätte. Dennoch hat auch sie ihren Wert, finde ich. Vor allem zeigt sie mir die Wirkung von Farbflächen, die das Vereinzelte zusammenfassen und es ihrer Flächen-Logik unterwerfen. Bei Zeichnungen, die mit Tusche übergangen werden, gibt es einen ähnlichen Effekt.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, Fotocollage, Fotografie, Meine Kunst, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 4 Kommentare

Impulswerkstatt Bild No 4 und abc-etüde: Gottesanbeterin Mantis

Die eindrucksvolle Skulptur der „Gottesanbeterin“ (Mantis, Wahrsagerin), liebe Myriade, hat bei mir gefunkt. Und da Christianes abc-etüden heute Nacht in den verdienten Sommerschlaf fallen, habe ich mir zugleich ein paar Kata-Strophen einfallen lassen. Danke Myriade, danke Christiane. (Für die abc.etüden, Wochen 25/26.2022: 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Wortspende stammt dieses Mal von Donka mit ihrem Blog OnlyBatsCanHang. Sie lautet: Wiedergeburt, blümerant, antanzen.)

abc.etüden 2022 25+26 | 365tageasatzaday

Leben und Tod der Gottesanbeterin Mantis

Eine kata-strophische Moritat

Mantis (Gottesanbeterin) kämpft mit ihrem Schatten

Der Tag war windstill und trocken

Und Dämmerung zieht nun ins Land

Der Mantis Duft wird verlocken

Wer sich im Duftkreis befand.

*

Da tanzt er schon an, der Bewerber

Der das Weib voll Entzücken gerochen

Sie wird für ihn zum Verderber

Sobald er auf sie ist gekrochen.

*

Ihr Gesichtchen funkelt verwegen

„Sei du mein geliebter Gemahl

Du kommst mir gerade gelegen

Ich hatte kein Mittagsmahl.“

*

Sie fasst ihn mit dornigen Klauen

Blümerant wird dem Armen zumut

Ach, ahnte er nicht, dass die Frauen

Nur selten sind zärtlich und gut?

*

Die Mantis lässt sich fein schmecken

Den sie in den Fängen fest hält

Um sich dann die Lippen zu lecken

Und zu lauern, wer noch ihr verfällt.

*

Die Mantis frisst noch einen andern

Der allzu verliebt sich ihr naht

Zu Ende ist damit sein Wandern

Vergebens um Gnade er bat.

*

Der Schmaus hat gestärkt unsre Mantis

Der nächste Gemahl kommt zum Zug

Du fragst mich vielleicht, „wie-und-wann-dies?“

Und ob dies nicht Lug und Betrug?

*

Doch wahr ist, was ich dir sage.

Die Mantis empfängt und zur Feier

Des Endes der Sommertage

Legt sie an die vierhundert Eier.

*

Die hüllt sie in schaumige Hülle

Und birgt sie an sicherem Ort

Auf dass sich ihr Schicksal erfülle

Und die Mantis-Art zeuge sich fort.

*

Sie selbst wird ins kaltweiße Auge

Des Todes dann freundschaftlich blicken

Gewiss dass der Nachwuchs was tauge

Und folge denselben Geschicken.

*

Das ist was die Mantis uns lehre:

Den Gott anzubeten auf dass

Er Wiedergeburten beschere

Und niemand sich etwa beschwere

Wenn er anderen dienet zum Fraß.

IMG_4456 IMG_4453

Bei meiner Lektüre handelt es sich um einen Roman von Peter Henning, „Die Ängstlichen“, Aufbau Verlag, 2009. Zu Ende gelesen habe ich es nicht.

Veröffentlicht unter abc etüden, Allgemein, Erziehung, Fotografie, Katastrophe, Leben, Natur, Philosophie, Tiere | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 11 Kommentare

Espresso II (tägliches Zeichnen)

… mit Strohhut und Orangensaft.

In meinem bevorzugten Gartencafe in Kalamata – man sitzt zwischen Blumen im Schatten von Bäumen und Sonnenschirmen, und ein leichter kaum merklicher Sprühregen kühlt und befeuchtet die Atmosphäre – trinke ich heute einen kleinen Espresso und einen frisch gepressten Orangensaft. Er wird in hohen Gläsern serviert, die ein bisschen aussehen wie Weckgläser. Unbestellt aber höchst willkommen bringt der Kellner frisches Wasser im Glas und zwei winzige Croissants auf einem blau gemusterten Extrateller. Meinen Strohhut lege ich ab. Ich zeichne mit einem feinen Tintenstift in ein hellgrünes Moleskine „Plain Notebook, classic collection“, dem ich auf dem Flughafen von Rom nicht widerstehen mochte – denn ja, ich liebe diese leeren Bücherchen mit den abgerundeten Ecken und dem praktischen Gummi, das die Blätter ordentlich zusammenhält, auch wenn man es achtlos in Umhängetaschen stopft.

Als ich mich später entschließe, das Stillleben zu fotografieren, haben die Dinge längst ihren Patz gewechselt. Na, und wenn schon. Ich überblende das Foto stückchenweise mit meiner Zeichnung, deren Linien ich zuvor mit einem Filter verstärkt habe.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotocollage, Leben, Meine Kunst, Methode, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 4 Kommentare

Dora zum DreißigstenSechsten: Geldwechlerstube

„Hast du Lust auf eine Runde Bröckchenspiel, Dora?“ – Sie hat. Und so scrolle ich die Fotos im Album runter und sie schreit HALT!

„Noch ein Spiel?“ fragt Dora aufgeregt, als sie das Foto sieht. „Hm, ja, wenn du so willst.“ – „Und wie geht es?“ – „Wie es geht? Ehrlich gesagt bin ich kein Experte. Du gibst mir, sagen wir mal, eine Münze in Gold mit dem Kopf vom Kaiser Franz Joseph und ich gebe dir im Gegenzug Schuldscheine im Wert von 233 Millionen Lira, oder, wenn du meinen Schuldscheinen nicht traust, nimmst du 25 Münzen in Silber und soundsoviele in Kupfer. Wie du verstehst, ist es ein ziemlich verwickeltes Spiel, du brauchst einen Haufen verschiedener Münzen und musst die Metalle gut kennen, damit man dich nicht reinlegt und dir Versilbertes für echt verkauft, du brauchst Waagen und vor allem brauchst du einen guten Ruf, damit man dir vertraut…. Aber was rede ich. Das alles ist heute gar nicht mehr notwendig.“

Dora schaut verwirrt auf mich und auf das Kästchen auf dem Bild. Ich entschuldige mich auch gleich: „Siehst du, Dora, so geht es, wenn man über Dinge redet, von denen man nichts versteht. Es geht um Geldwechsel. Das Kästchen steht im Collegio del Cambio in Perugia, dort war seit Mitte des 15. Jahrhunderts die Geldwechslergilde ansässig. Und noch früher stand es auf einer Bank zusammen mit einem Haufen verschiedener Münzen. Darum nennt man die Geldhäuser später auch Bank. Mit diesen Gewichten konnte man den Feingehalt der Münzen auswiegen.  “ – „Und du warst da drinnen, um dein Geld auszuwiegen?“ – Ich lache. „Nee, nee, Dora. Die Zeiten sind vorbei. Hier läuft jetzt alles über SWIFT (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication). Aber frag mich nicht nach deren Spielregeln. In das Wechslerbüro von Perugia  bin ich nur wegen der Kunst reingegangen. Die Räume sind nämlich von oben bis unten mit den tollsten Bildern ausgemalt. Schau mal hier!“

„Da siehst du alles, was Rang und Namen hatte – die Verklärung Christi, die antiken Götter Saturn, Venus und Mars, Engel, Grazien, Bürger, das Jesuskind….  Wie sagte doch Gretchen in Goethes Faust, bevor sie ihn nach seinem Glauben befragte? Na? Weißt du natürlich nicht. Woher auch. 

Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles!

Das sagte Gretchen und ließ sich verführen, und das zeigt auch dies prächtige Wechselbüro von Perugia, genauso wie es heute die Großbanken zeigen, die sich auch gern mit frommen Sprüchen und kostbaren Bildern schmücken. Jesus vertrieb die Geldwechsler aus dem Tempel seines Vaters, aber die Geldwechsler holten Jesus in ihren Tempel herein und hängten ihn sich an die Wand, um seinen guten Ruf für sich zu verbuchen.  Es hängt eben alles mit allem zusammen, wie auf diesem Bilde gezeigt wird.“

Dora versucht meinen etwas dunklen Reden zu folgen, das muss ich ihr zugutehalten. Gretchen, Faust, Religion, Gold, Saturn, Venus und Mars, Verklärung und Anbetung, Tempel…  Das Heilige und das Profane. Bäumchen Bäumchen wechsel dich.

„Die spiegeln sich ja!“ kräht sie vergnügt. „Aber den komischen Vogel seh ich nur einmal, den hast du abgeschnitten.“

Womit sie auch Recht hat.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Dora, Erziehung, Fotografie, Kunst, Mythologie, Reisen, Tiere | Verschlagwortet mit , , , , , , | 10 Kommentare

Ruhe ihrer Asche – Eine politische Karriere geht zu Ende (abc-etüde)

abc.etüden 2022 25+26 | 365tageasatzaday

Schreibeinladung für die Textwochen 25.26.22 | Wortspende von OnlyBatsCanHang

 

Ruhe ihrer Asche

„Wie willst du die Wiedergeburt unserer Partei mit solchen Kandidaten zustande bringen? Wozu hast du die überhaupt antanzen lassen?“ grummelt die Alte und wirft einen finsteren Blick auf die Notizen ihrer „rechten Hand“ und dann auf diesen selbst. Ihren Nachfolger. Dem wird angesichts der verhaltenen Wut in den Augen der Alten blümerant zumute. „Die Kandidaten der Konkurrenz,“ stammelt er, „sind sogar noch schlimmer. Wir mussten in der Qualitätsminderung nachziehen, um die Kriterien zu erfüllen: Alter, Rasse, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, fragwürdige akademische Titel, Haarfrisur, WEF Young Leader Programm, Schuhgröße, nachgewiesene Korrumpierbarkeit, Atlantikbrücke …. Sie wissen ja selbst, was heute, außer Chupze, die natürlich unabdingbar ist, als Qualifikation zählt, um einen politischen Posten…“

Angewidert zerknüllt die Alte die Notizen und feuert sie in den Papierkorb. „Hören Sie nicht auf mich. Machen Sie ruhig voran. Richten Sie das Land nach Herzenslust zugrunde. Ich mische mich nicht mehr ein.“ Ächzend erhebt sie sich, stürzt … und da liegt sie nun. Ein Leben in der Politik und ein trauriges Ende.

Ruhe ihrer Asche.

Hier siehst du sie in ihrer aktiven Phase beim Verspeisen und Verheizen der Thronanwärter.

Veröffentlicht unter abc etüden, Allgemein, Katastrophe, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Politik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 12 Kommentare

Quo vadis?

Ein Selfie a la Myriade.  Aufgenommen in der Santa Maria im Capitol, Rom.

„Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden, auch wenn du alle Wege durchwanderst. So tiefen Grund hat sie.“

Heraklit, griechischer Philosoph (520 v.Chr.-460 v.Chr.)

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Autobiografisches, Fotografie, Geschichte, Kunst, Leben, Psyche, Reisen | Verschlagwortet mit , , , , , , | 13 Kommentare

Dora zum NeunundzwanzigstenSechsten: Pinocchio

„Noch mal Bröckchen spielen?“ locke ich Dora, die in der Stube herumhampelt und den Pinocchio zum Schaukeln bringt.

„Ach nö!“ kräht sie „Jetzt nicht! Morgen!“ und gibt dem Pinocchio einen kräftigen Schubs, indem sie auf seine ausgestreckte Hand springt.

Na schön, morgen also. Mal sehen, welches Thema der Italienreise dann erscheint.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Dora, Erziehung, Fotocollage, Leben, Psyche | Verschlagwortet mit , , , | 3 Kommentare

Espresso (tägliches Zeichnen)

Der rote Coca-Cola-Sonnenschirm im kleinen Gartenlokal tauchte meine Espressotasse – real und gezeichnet – in rötliches Licht.

Die Zeichnung farbbereinigt:

Witzig finde ich, wie sich der Holztisch hinten aufbäumt. Die perspektivisch falsche Linie zwischen den Tischbrettern hat einen erstaunlichen Effekt. Korrigiert, mit einem Foto überblendet und angepasst :

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotocollage, Meine Kunst, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , | 12 Kommentare

Montags ist Fototermin: Der Mensch als Staffage (Impulswerkstatt, Bild 2)

Folgende Überlegungen, liebe Myriade, möchte ich gerne in den Kontext deiner Impulswerkstatt stellen, auch wenn sie unabhängig davon entstanden sind. Dein Foto ist ja in gewisser Weise selbstreferent: Es zeigt eine Fotografin beim Fotografieren – die Fotografierende befindet sich in einem architektonischen Raum, der ihr Tun interpretiert – du fotografierst deinerseits eine Person im Raum, erzeugst ein Foto, das ich betrachte. Welches ist nun die „Erzählebene“, an die ich anknüpfen möchte?

Ich knüpfe an die Ebene „Menschliche Figur im architektonischen Raum“ an und wie sich der/die Betrachtende (ich) damit verbindet.

Fotografierte Menschen auf einer Plakatwand und davor – Flughafen Rom

Das Verhältnis von Figur und Landschaft/Architektur zu studieren, ist kunstgeschichtlich und philosophisch höchst interessant. Von den reinen Figurenbildern des Mittelalters über die Renaissance, als der Goldgrund durch Landschaftsausschnitte ersetzt wird…. bis zum 19. Jahrhundert, als die Landschaft zum eigenständigen Bildmotiv wird, ist ein weiter verschlungener Weg, den ich hier nicht nachzeichnen kann. Verkürzt kann man sagen: Ist Landschaft zunächst nicht viel mehr als „Staffage“ – d.h. Beiwerk, um den freien Raum zwischen den Figuren zu füllen -, so dreht sich das Verhältnis bis zum 19. Jahrhundert um: Landschaft wird zum eigenständigen Motiv, während die Menschen ihrerseits zu Staffage verkümmern.

Sind sie deshalb aber für den Bildaufbau überflüssig? Könnte man sie auch weglassen? Wie verändert sich ein Bild, wenn es durch Menschen belebt wird? Das fragte ich mich beim Betrachten der Fotos, die ich aus Perugia mitbrachte.

Eine Treppe in Perugia, die zwei mir unbekannte Menschen hinuntergehen.


Winzig klein sind die Spaziergänger in der großen Stadtlandschaft. Sie sind anonym, reine Staffage. Und doch konzentriert sich der Blick gerade dort, wo sie gehen. Gedanklich gehe ich mit ihnen, höre ihren Schritt, Ohne sie wäre es eine hübsche, aber leblose Stadtansicht.

Die menschliche Figur ist die organisierende Kraft im Bild. Ich nehme an, das liegt daran, dass ich mich automatisch in ihre Lage versetze und von ihrer Position aus die Welt ordne. Sicher, ich blicke von einem „dritten Standpunkt“ auf Person und Architektur – beide sind für mich Objekt. Dennoch geht die Subjekthaftigeit, die jedem Menschen eigen ist, nicht ganz verloren. Ich kann mich mit ihm identifizieren.

Der Mensch, obgleich ein anscheinend nebensächlicher Teil der Komposition, öffnet einen Raum der Innerlichkeit (Subjektivität) in der Welt der Objekte.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | 4 Kommentare

Montag ist Fototermin : Himmelsfarbe ausgegossen

Ein überwölbter Durchgang in Perugia. Ich stehe an seinem Eingang und schaue hindurch zum anderen „Ende des Tunnels“. Wie ausgegossene Farbe das Himmelsblau auf dem hellen Pflaster. Wie ist das möglich, frage ich mich?

Auch wenn ich nahe heranrücke (Bildausschnitt), bleibt es ein Geheimnis. Wer kann es enträtseln?

Übrigens: Dummerweise habe ich meinen Computer von alten Einstellungen „gesäubert“. Dabei ging auch mein Zugang zum klassischen Editor verloren. Erbarmen! Nun stehe ich etwas hilflos da, muss mich an dieses Block-Dings gewöhnen, was mir gar nicht gefällt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | 5 Kommentare