Bilder bewerten und ausrangieren (Bild 4 und 5)

Die meisten Bilder in meinem Atelier habe ich in einer hoch oben in der Wand ausgesparten Nische untergebracht und so eng gestapelt, dass es mühsam ist, eins herauszuziehen. Vorgestern aber habe ich mich entschlossen, eben dies zu tun: jeden Tag ein Bild. Dann würde ich es gründlich anschauen und entscheiden, ob ich es

  1. so, wie es ist, behalte,
  2. überarbeite
  3. ausrangiere

Drei Bilder habe ich euch schon vorgeführt (hier).

Heute zog und zerrte ich an einem großen Brocken. Es ist, glaube ich, die größte Leinwand, die ich hier habe: 120 x 140 cm. Die habe ich immer mal wieder übermalt, denn es ist schwer, hier in Kalamata eine so große Leinwand aufzutreiben, und sie aus Athen heranzuschaffen, geht auch nur, wenn ich sie ohne Rahmen kaufe und selbst aufziehe – was mir bei solchen Formaten schlecht gelingt. Es ist also eine für mich wichtige Leinwand, die ich sicher nicht entsorgen werde.

Wie aber steht es mit dem Bild, das sich jetzt darauf befindet?

Ich fürchte, es ist ziemlich aktuell. MeinEntschluss ist schnell gefasst: Es kann so bleiben, ich werde es nicht übermalen. M.a.W.: Auch dieses werde ich an die Wand mit den nicht ausrangierten Bildern stellen.

Aber ich wollte doch Bilder aussortierten, um Ballast los zu werden und Platz für Neues zu schaffen?

Entschlossen ziehe ich eine weitere großformatige Leinwand heraus: 100×120 ist sie, also kleiner als diese, aber etwas größer als die drei vorangegangenen. Pigmente und Kohle.

Es erinnert mich an ein großes Gedicht des Dichters Jannis Ritsos, Romiosini, das die Schicksale und den Widerstandskampf des Griechentums beschwört*,  daraus die sich wiederholende Zeile:

Δεν υπάρχει νερό. Μονάχα φως. (Es gibt kein Wasser. Nur Licht.)

Auch dieses Bild kommt mir sehr aktuell vor, nur hieße der Titel des Gedichts heute anders.

Ich werde auch dieses Bild so lassen, wie es ist.

Nach dem Triptychon nun also ein Diptychon. Mit dem Wegwerfen wird es so nichts. Aber es gefällt mir, mich auf diese Weise meinen Bildern wieder anzunähern.

*Mikis Theodorakis hat das Großgedicht von Jannis Ritsis vertont. Hier eine Life-Aufnahme, wo Mikis selbst singt.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, Dichtung, Geschichte, Malerei, Meine Kunst, Musik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 21 Kommentare

Sand-Himmel

Gestern war hier alles dicht, heute lichtete sich der Himmel ein wenig: Sand aus der Sahara, heißt es. Ich fand den Anblick beunruhigend-eindrucksvoll.

oder auch so

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Natur, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , | 10 Kommentare

Triptychon mit Kata-Strophen (Myriades Impulswerkstatt, Bild 1)

Liebe Myriade! Ursprünglich sollte dies mein zweiter Eintrag zur Reihe „Bilder bewerten und ausrangieren“ werden. In meinem gestrigen Eintrag zeigte ich zwei Bilder.

Diejenigen, die ein Urteil abgaben, plädierten dafür, No 2 zu behalten, und das freute mich, denn das Bild mag ich wirklich, selbst wenn es in seiner Art noch nicht vollkommen ist. Bei No 1 schwankte ich. Nun aber riet Petra Pawlofsky mir dazu, beide zu behalten und womöglich durch ein Drittes zu ergänzen. Sie schrieb:

„Ich würde sie beide behalten!!!! Sie passen auch wunderbar in Farbe und ihren Kontrasten zusammen. Du könntest sie zusammen aufhängen oder gar ein Triptychon daraus machen, etc, etc Kommt Zeit, kommt Rat. Zum Wegwerfen zu schade. Lieber neue Ideen damit verwirklichen oder dexperimentieren? LG Petra“

Ein Triptychon? Das hieße, dass ich noch ein drittes Bild finden müsste, das die beiden ergänzt.

Also ziehe ich ein weiteres Bild derselben Größenordnung (120×60) aus dem Stapel, betrachte es, überlege: Passt es zu den beiden anderen, so dass sich ein Triptychon ergibt? 

Als Triptychon sähen die drei dann so aus:

Da sie gleichformatig sind,  könnten sie auch in jeder anderen Reihenfolge stehen, zB so:

Wie ich sie so herumschiebe, fällt mir dein Bild 1 der Impulswerkstatt ein, das eigentlich drei Bilder in eins ist.

Ein farblich und strukturell eindrucksvolles Bild, doch irgendetwas stört mich. Es ist die Art, wie sich die drei zueinander verhalten. Die drei sind nicht gleich – wie zB die drei Gesichter der Hekate (hier) -, andererseits zu ähnlich, um einen Kontrast zu bilden. Sie ergänzen sich auch nicht, sondern wirken wie eine Reihung: 1 + 1 + 1, die keine Summe (3) werden will.  Vielleicht könnte jedes, wenn sie nicht so nah beieinander stünden, seine eigene Geschichte erzählen. Aber so gelingt es ihnen nicht. Vielleicht könnten sie sich in einen Kreis stellen und sich unterhalten. Vieles könnten sie, aber sie tun es nicht. Sie stehen einfach nur nebeneinander. Und das macht mich ruhelos.

In herkömmlichen Triptychen übernimmt ein zentrales Bild die Haupterzählung, und die Bilder rechts und links flankieren, interpretieren, ergänzen es. Darin ist eine versteckte Hierarchie enthalten: Im Zentrum steht die wichtige Person, die anderen dienen ihr. Nehmen wir  die jetzige deutsche Regierungskoalition, dieAmpel, als Beispiel: eine Partei hat die Führung inne, die beiden anderen dürfen mitgestalten. So ist es nicht? Mag sein, aber so war es gedacht, und wenn es nicht so ist, so bleibt das Ergebnis unbefriedigend. Genau das empfinde ich bei deinem Bild: Es hat keine hierarchische Logik. Die drei sind zugleich verschieden, ähnlich und gleichrangig. Was ist der Grund für ihre dreifache Erscheinung? Ist es das magische „Du musst es dreimal sagen“ der Märchen?

Wenn ich nun die drei Bilder meiner heutigen Auswahl betrachte, so kann ich sagen: sie sind ziemlich verschieden. Eine Hierarchie erkenne ich nicht. Sie sind womöglich nichts als ein Sammelsurium von drei Bildern, die nichts miteinander verbindet als das Format und dass ich alle drei gemalt habe.

Meine Lösung: Ich werde sie aufeinander beziehen, indem ich eine gemeinsame Geschichte für sie erfinde. Etwa die folgende:

Bild 1

Sie träumte oft von einem Seegrundstück

davor ein Strand

mit reinem Sand

und einem Boot!

Sie war sich sicher, dass das höchste Glück

sich gleich einfände

wenn sie dort stände

im Abendrot.

 

Bild 2

Bald strömten die Touristenmassen an die Küste

es wurde laut

und viel gebaut

o ja, das passt!

 

Und Stätten gab es bald für jegliche Gelüste

was euch gefällt

ihr braucht nur Geld

das ihr verprasst.

 

Bild 3

Die Sonn erbleicht und sinkt, das Licht vergeht

aufspringt der Sturm

die Gischt ein Turm

aus Blau und Gold

Am Morgen ist der weiße Sand verweht

die Bucht ist leer

ist nur noch Meer

das seufzt und grollt.

Die Alabastervase wollte ich nicht in meinen Kata-Strophen unterbringen. Sie wäre vermutlich zerbrochen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, ausstellungen, Dichtung, Geschichte, Impulswerkstatt, Katastrophe, Kunst, Leben, Malerei, Meine Kunst, Natur, Politik, Psyche, Vom Meere | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

Tagebuch der Lustbarkeiten: ein Päckchen öffnen

Ich finde die Tage mal wieder sehr schwierig. Umso erfreulicher, wenn man ein Päckchen aus Deutschland in der DHL-Filiale Kalamatas ausgehändigt bekommt, dessen Verbleib rätselhaft war. DHL verlangte einen Straßennamen, aber den gibt es hier nicht. Wie sich herausstellt, hätte alternativ meine Telefonnummer auf dem Empfängerfeld stehen müssen. …

Nun wiege ich das Päckchen in meinen Händen. Sobald ich zu Hause bin, schneide ich mit einem scharfen Messer die Ränder mit den Klebestreifen durch. Sesam öffne dich!

Vorsichtig ziehe ich ein Dossier heraus, in dem Zeichnungen und bemalte Pappen stecken. Von den vielen habe ich vier abfotografiert. Jetzt weißt du vielleicht schon, von wem das Päckchen so liebevoll gepackt wurde?

Ja, richtig, es ist von Antje „Babsi“ Schnabel, deren Blog Kunstschaffende  viele von euch kennen. Babsi hatte sich von mir ein Odysseus-Leporello erbeten, und als Dankeschön schickte sie mir nun dieses Päckchen mit eigenen kleinen Werken. Was gibt es Schöneres als solchen künstlerischen Austausch?

Als wäre das nicht genug, verbirgt sich unter dem Dossier eine weitere Schicht mit einem Brief, einer Schachtel mit Zeichenstiften und zwei kleinen Büchern. Das eine Büchlein habe ich stantepe gelesen. Es ist die köstliche, tiefsinnige und traurige Geschichte einer besonderen Form der menschlichen Verirrung, die im 16-17. Jahrhundert das tugendhafte arbeitsame Volk der Holländer heimsuchte: die Tulpenmanie. Das schön bebilderte Büchlein erschien im Inselverlag.

Das andere Buch ist eine besondere Rarität: der 1941 erschienene Faksimiledruck eines Skizzenbuchs von Wilhelm Busch, das Babsi von ihrer Mutter erbte. Danke, danke danke, Babsi, für die Wundertüte, die du für mich gefüllt hast! DANKE!

Veröffentlicht unter Allgemein, events, Fotografie, Kunst, Leben, Tagebuch der Lustbarkeiten | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 19 Kommentare

Bilder bewerten und ausrangieren (Bild 1 und 2)

Ich habe mir eine Aufgabe gestellt: jeden Tag will ich ein Bild ausrangieren, das sich im Stapel der lange nicht mehr Angesehenen befindet.

Ihr kennt das sicher, wenn nicht bei Bildern, so doch bei Büchern, Fotografien, Kleidungsstücken oder was auch immer. Man will endlich Ballast abwerfen. Kaum nimmt man ein Kleidungsstück (ein Buch, ein Foto…) in die Hand und betrachtet es nach langer Zeit wieder, scheint es einem irgendwie doch noch brauchbar zu sein. Zum Verschenken eignet es sich nicht, denn dazu ist es zu abgetragen (zerlesen, persönlich…), aber man selbst könnte es ja irgendwann doch noch mal brauchen. Also legt man es zurück und nimmt das nächste Stück in die Hand.

Und bei Bildern? Nun, ich habe mir vorgesetzt, jeden Tag eines aus dem Stapel zu ziehen, es gründlich zu betrachten und mich dann UNBEDINGT zu entschließen

  1. es zu behalten, wie es ist
  2. es zu überarbeiten
  3. es wegzuwerfen

Heute zog ich das erste heraus. Es hat das Format 120 x 60, ein Querformat. Ich fotografierte es und betrachtete es eingehend. Und wie ich es so betrachte, belebt es sich: da ist ein wüstes Meer, dessen Wellen sich an Felsen brechen, da sind viele Figuren – im vorderen Bereich landen welche mit Booten, am prägnantesten ein Bärtiger Mitte rechts. Vorne, Mitte links steht ein Heller mit gelbblauer Bluse, er hält nach links Ausschau, womöglich auf Anweisung des Bärtigen. Oben rechts auf der Küste haben sich viele Gestalten zusammengedrängt, keine Ahnung, ob sie schon hochgeklettert sind oder Einheimische sind, die die Ankömmlinge erwarten…

Eigentlich gefällt es mir ganz gut, also (1) behalte ich es. Doch wie wäre es, wenn ich die Figuren deutlicher ausarbeite und auch das Meer und den Himmel, so dass jeder gleich sieht, was ich sehe? Also (2) überarbeiten. Oder ist das Quatsch und ich entsorge es (3)?

Ja, was denn nun? Wollte ich nicht HEUTE eine Entscheidung treffen, und nicht aufgeben, wenn mich Zweifel überkommen? Ich lasse das Bild auf der Staffelei stehen und vertage das Problem.

Das aber ist auch keine Lösung. Also ziehe ich ein anderes Bild im gleichen Format hervor und stelle es vor das obige. Vielleicht fällt mir da die Entscheidung ja leichter. Lassen, wie es ist? Überarbeiten?  Entsorgen? Welche Kriterien bieten sich an, um zu einer Entscheidung zu kommen?

In der Gegenüberstellung der beiden Bilder fällt es mir leichter, mich zu entscheiden. Wie ich mich schließlich entschieden habe und warum, verrate ich nicht, denn mich interessiert, wie du dich entschieden hättest und warum. 

Veröffentlicht unter Allgemein, Kunst, Malerei, Meine Kunst, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , | 25 Kommentare

Katzenkinder – eine süße Real-Katastrophe (abc-etüde)

abc.etüden 2023 40+41+42+43+44 | 365tageasatzaday

Erphschwester bat in einem Kommentar um Fotos der Katzenkinder, für die ich ein Zuhause suche. Das tue ich sehr gern. Vielleicht gibt es ja auch noch andere Freunde griechischer Katzen, die sich in eins der Kleinen verlieben? Es sind zwei gelb-weiße (wie No 1), ein roter (wie No 3,4) und zwei grau-weiße (wie No 2). Sie fressen schon selbst, aber Fritzi nimmt sie auch immer mal wieder an die Brust – eigene und fremde (No 5,6).

Die Kleinen nach Deutschland zu verfrachten, ist natürlich so ne Sache. Ich kenne inzwischen eine Frau, die das organisiert und verlässlich ist. Lieber wäre es mir allemal, für die eine und den anderen hier in der Gegend ein Zuhause zu finden. Dafür würde ich sogar meine beiden blauäugigen Super-Jungkater hergeben – schweren Herzens, aber doch. Der eine ist ganz zahm und schmuselig, der andere ist scheu geblieben.

Und werd jetzt nicht zu meinem Lehrer und sage mir nicht grob ins Gesicht, dass ich die Mütter hätte kastrieren lassen sollen. Das weiß ich selbst. Andererseits, heißt es nicht bei den Bremer Stadtmusikanten ganz zu recht: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“? Und Besseres als das Nichtgeborenwerden auch.

Es ist nämlich so: jede Katze hat einen einmaligen Charakter, auch wenn sich Geschwister im Phänotyp manchmal sehr ähnlich sind. Und es täte mir leid um jedes einzelne Katzentier, das nicht geboren worden wäre, hätte ich es verhindert. Nun aber habe ich mir geschworen, nicht wieder weich zu werden. Aber schaffe ich es? Zwei der Kleinen haben den Transporter, der ihre Mama zum Tierarzt bringen sollte, schon als ihr Zuhause angemeldet. Ich stehe davor und hauche: „So war das eigentlich nicht gemeint“.-  „Wie denn? Wie war es denn gemeint?“ mauzen sie zurück und gähnen und lassen ihr Zünglein im rosa Mäulchen spielen.

Dies ist ein Beitrag zu Christianes abc-etüden.

 

Veröffentlicht unter abc etüden, Allgemein, Erziehung, Fotografie, Katastrophe, Leben, Natur, Psyche, schreiben, Tiere | Verschlagwortet mit , , , , , | 35 Kommentare

Matrix und verrückte Projektionen (das Eigene und das Fremde. Tägliches Zeichnen)

Auch gestern schob sich beim Zeichnen der „Matrix-Gedanken“ in den Vordergrund. Ich hatte Lust, das rechteckige Stück, das Susanne aus ihrem Blumenbild herausgeschnitten hat, zu zeichnen, um so vielleicht besser zu verstehen, was aus ihm – dem „Muttertier“ – hervorgehen könnte.

Hier die Zeichnungs:

Was aber hatte ich gewonnen? Die Karte blieb isoliert in meiner Hand, ein Fremdkörper. Und wenn ich das Muster nun in Susannes eigenem Blumenbild aufsuchte? Aber da fand ich es nicht, die Dimensionen sind zu unterschiedlich, die Auflösung zu niedrig. Ich erahnte es irgendwo in den Blütenblättern.

Also legte ich das Stück mit Susannes abgeschnittenen Linien auf ein leeres Blatt und zog die Linien weiter aus. Der weiße Raum drum herum belebte sich angenehm,

Meine ins leere Weiß hineinwachsenden Linien werden deutlicher erkennbar in bearbeiteter Fassung.

Versuchsweise legte ich das Kärtchen verkehrt herum in meine Zeichnung. Sofort entstand eine Unruhe, trotz Ähnlichkeit passte nichts mehr, mit der Harmonie war es vorbei.

Nimm es meinetwegen als Gleichnis: wenn du „verrückt“, also an einen fremden Platz gestellt wirst, wirkt das, was du von dir hinaus und in die Welt hineinprojiziert hast, verkehrt und verworren. Ein Beispiel wäre die Verschickung von Kindern, die am Anfang oft unter starkem Heimweh und sogar Todesängsten leiden. Oder auch die ersten Tage im Kindergarten, in der Schule. Nichts von dem Gewohnten scheint zu passen.

Es braucht seine Zeit, um die Verwirrung zu ordnen und erneut einen lebensfähigen Zusammenhang zwischen sich und der Umwelt herzustellen. Man „rückt“ sich und/oder die Dinge, die verrückt erschienen, „zurecht“. Man gewöhnt sich ein.

Wird die „Matrix“ in ein völlig fremdes Milieu verlegt, kommt es zu keiner Harmonisierung. Es fehlt auch der freie Raum, um das Eigene nach außen zu projizieren. Das dürfte bei Migranten der Fall sein.

Stell dir vor, du emigrierst als Deutsche/r nach Griechenland oder gar in ein afrikanisches oder asiatisches Land. Dann siehst du dich einer kompakten Welt gegenüber, in der deine „Matrix“ nicht vorgesehen ist (Bild 1). Du legst nun deine Matrix über die fremde Welt im Versuch, sie deinen Wahrnehmungs- und Verhaltensgewohnheiten irgendwie zu unterwefen, damit du dich darin zurechtfindest. Es ist eine Art Übersetzungsvorgang. (Bild 2)

 

Du kommst vielleicht zu dem Schluss: hier, in diesen kleinen Winkel Mitte links passe ich hinein, dort kann ich leben, der Rest ist schwierig, unverständlich, verrückt. Viele Migranten meiden den Kontakt mit dem „Großen Ganzen“ und schaffen sich ihr eigenes „passendes“ Ghetto. Menschen aus fremden Kulturen, die nach Deutschland kommen, machen es meist ebenso. Sie ziehen dorthin, wo „Ihresgleichen“ leben und wo sie sich mit ihren gewohnten Wahrnehmungsmustern zurechtfinden. Das ist der Hauptgrund der Ghettobildung.

Vielleicht aber beginnst du nach einiger Zeit, weil du es willst oder musst, deine eigenen Wahrnehmungslinien ein wenig mehr an das anzupassen, was um dich herum geschieht, Eine wirkliche „Integration“ kommt so nicht zustande. Weder wirst du wie „die anderen“ noch wird das andere so, wie es deinen Erfahrungen in der „Heimat“ entspricht. Aber es entsteht eine spannungsreiche, lebensfähige, fruchtbare Beziehung zwischen dem Deinen und dem Fremden. 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Erziehung, Geschichte, Kunst, Leben, Meine Kunst, Methode, Psyche, Zeichnung, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 23 Kommentare

Gemeinsames Zeichnen (Kobra, Ölbaum, Mandala und Atelier-Stillleben)

Gestern wartete ich zusammen mit zwei anderen Frauen, dass eine dritte zu uns stieß, die von weit herkam. Um die Zeit zu überbrücken, schlug ich vor zu zeichnen. Das wurde gerne aufgegriffen, und so entstanden eine Fantasie-Kobra und der Olivenbaum vor dem Eingang (Sofia) und eine Mandala (Nena).

Ich zeichnete den runden Eisentisch mit zwei dunklen Flaschen, einem Glas mit Schraubdeckel und einem Strohhut vor dem Hintergrund eines Seidentuchs und der Atelierecke.

Im Raum dunkelte es bereits, und die beiden Flaschen bildeten eine dunkle kaum unterscheidbare Masse, während ein Teil des Raumes, das Seidentusch und der Hut teils von hinten (Fenster und Fenstertür), teils von vorn (Deckenlampe) beleuchtet waren. Um diesen Eindruck zu verstärken, bearbeitete ich das Foto der Zeichnung später mit Fotoshop-Filtern.

Als wir mit dem Zeichnen fertig waren, kam auch die Dritte hereinspaziert, und die eigentliche Arbeit konnte beginnen.

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, gemeinsam zeichnen, Leben, Meine Kunst, Therapie, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 7 Kommentare

Katzen-Matrix (Schnipselvernetzung 4)

Das Wort Matrix kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Muttertier“. Nachdem ich das im Web gelesen hatte, ging ich vor die Tür und sah Fritzi mit ihren drei Kleinen und einem vierten Goldenen, die alle an ihr saugten. Das war vorgestern.

Als ich heute Anlauf zu einem weiteren Schnipselvernetzungsbild machte, dachte ich nicht an die Katzenmutter. Jedenfalls war es mir nicht bewusst. Ich nahm eine graublaue Pappe und legte ein erstes Stück (das große viereckige Teil mit dem feinen Lineament). Das war meine „Matrix“. Die Linien dieses Stücks führte ich in Blau hinaus in den Raum. Zögernd nahm ich ein weiteres Schnipsel, suchte nach einem Anschluss, legte es und zog die Linien aus. So fuhr ich fort, bis ich meinte, dass es nichts mehr zu ergänzen gebe.

Die leergebliebenen Flächen füllte ich dann mit roten Linien aus, um anzudeuten, dass sie für diese Matrix nicht betretbare Zonen waren. Am Computer veränderte ich das Ergebnis noch ein wenig. Voila!

Ich machte dann noch eine Variante ohne die roten Linien, deren Felder ich wegschnitt. 

Und? Was habe ich dargestellt? Na, klar doch: es ist eine Katzenmatrix, und das Wesen, das links darüber aufsteigt, ist ein Katzenwesen! Die Ähnlichkeit mit den tatsächlich geborenen ist unverkennbar, finde ich …

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Fotografie, Kunst, Leben, Legearbeiten, Materialien, Meine Kunst, Methode, Natur, Schnipselvernetzung, Tiere | Verschlagwortet mit , , , , , | 6 Kommentare

Schnipselvernetzung fortgesetzt

Ich zögere, meine neuesten Versuchen mit Schnipselvernetzungsbildern zu zeigen, da es sich um erste Versuche handelt und ich noch nicht weiß, wohin es mich führen wird. Aber nun, Mut hat auch der kleine Muck.

Angefangen hat es mit einem Eintrag „Zerrissenes neu zusammenfügen“, den ich machte, als mir Susanne Haun ein Foto des Bildes schickte, das sie zerriss, um daraus Schnipsel zu machen. Ich legte die Schnipsel in gewohnter Weise zu einem Bild und begann dann, sie mit blauen Linien zu umkreisen.

Meinen nächsten Versuch machte ich gestern mit einem „Herbstbild“, indem ich die beiden Vorgaben der Schnipsel – ihre Binnenzeichnung und ihre Konturen – durch blaue und rot-orange Linien in den Raum fortführte.

Diese Linien überschneiden sich und bilden eine Art Netzwerk, das noch klarer hervortritt, wenn man die Schnipsel entfernt.

Ich schrieb als Erklärung dazu: „Ein heftiges Ruckeln – und die beiden Ebenen lösen sich von einander: das Netz hier, die Gestalten, nun ein kläglicher Haufen Schnipsel (Materie), dort. Was war, ist nur mehr eine leere Form, eine Schablone, oder richtiger: eine Matrix.“

Diese Trennung von „Materie“ (Schnipsel) und „Matrix“ (Linienzeichnung) setzte in mir eine lebhafte gedankliche Suchbewegung in Gang. Da war einmal die Assoziation mit dem Herbst und dem Vergehen der Blätter. Wenn sie vergehen, bleibt manchmal ein filigranes Gerüst stehen,wie hier beim Blatt des Feigenkaktus:

Im Unterschied zum harmonischen Aufbau das Stützgewebes handelt es sich bei meiner Zeichnung um Projektionen des Binnenmusters in den Außenraum (blau) und um Umrandung der Konturen (rot), und nicht um organische, sondern  um willkürliche Lineamente. Genau das brachte nun die Idee in mir hervor, dass es einer Art unsichtbaren „Abdruck“ unseres Wesens und Handels, Denkens und Fühlens als Menschen in der Welt gleicht.  Formen wir im Laufe des Lebens  eine Art „Corpus“ (lat. Körper), der für jeden Menschen verschieden ist?  Als „Fußabdruck“ ist uns diese Vorstellung inzwischen geläufig. Ich aber meine den gesamten Corpus unserer Lebensäußerungen und frage mich: Wie wäre denn meiner, zum gegenwärtigen Zeitzpunkt?

Diese Gedanken wollen Form annehmen, sind aber noch ganz unausgereift. Um ein bisschen weiterzukommen, begebe ich mich ins Atelier, nehme eine neue Unterlage, lege einen Schnipsel drauf und führe mit blauem Stift die inneren Linien in die Fläche weiter. Dann nehme ich einen zweiten Schnipsel, führe auch seine Linien weiter usw. und ziehe schließlich einige Umrisse mit Rot nach. Dabei gehe ich ohne Gedankenkontrolle zu Werk, neugierig, was dabei herauskommen wird. Möge das Unbewusste sprechen!

Und wenn ich die Schnipsel entferne und nur das Lineament stehenbleibt? (Wenn mein materieller Leib zerfallen ist und nur das bleibt, was ich in meinem Leben getan, gewollt, gefühlt und gedacht habe?)

Aha,das also bin ich in der Welt. Ich fülle einige der freien Flächen mit hellem und dunklerem Grau aus, lasse auch noch ein paar unausgegorene Gedanken als weißliche Pünktchen über dem Haupt meines Konterfeis schweben und betrachte mein Werk.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Kunst, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Schnipselvernetzung, Spuren | Verschlagwortet mit , , , , | 7 Kommentare