Tagebuch der Lustbarkeiten und Impulswerkstatt: auf/in dem „Felsen“

In der Bucht vor unserem Dorf hat sich ein gepflegtes Lokal angesiedelt, ΒΡΑΗΟΣ (vrachos, Felsen) genannt. Die Tische und Stühle stehen auf einer durch Planken erweiterten natürlichen Felsenplattform. Wir waren schon ein paar Mal dort, und gestern abend nun wieder, um dem wunderschönen Juni Adieu zu sagen.

Bei den früheren Besuchen waren wir fast die einzigen Gäste, doch gestern abend, obgleich Montag, war es sehr gut besucht. Anscheinend hat es sich rumgesprochen, denn es gab mehrere „parees“ (Gruppen) auch ganz junger Leute.

Ich schwamm eine Runde um den Felsen herum, bevor wir uns an einem Tisch niederließen, eine nette Kleinigkeit aßen und einen guten Wein tranken, eingewoben in eine leise Geräuschkulisse aus Meeresrauschen, dezenter Musik, Gläserklirren und verhaltener Gespräche und der Sonne und der Mondsichel beim Untergehen zusehend.

Danke, lieber Juni! Friedlich und heiter warst du, und das Kriegsgrollen hinter dem Horizont kam uns nicht nahe.

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112 Stufen 31: bösartig (George W Bush jr)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Nachdem ich mich auf dem zweiten Treppenabsatz etwas ausgeruht und zurückgeschaut habe, wende ich mich gestärkt der dritten Stufenfolge zu. Doch o weh! Was haben wir da? „Bösartig“. Und da dachte ich schon, mit 30 aggressiv die negativen Assoziationen hinter mir gelassen zu haben.

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Der Mensch ist gar nicht gut, drum hau ihn auf den Hut, und ist er auf den Hut gehaut, dann wird er vielleicht gut (Bertold Brecht)

Meine erste Assoziation ist mal wieder Goethes Faust mit der berühmt-berüchtigten Selbstbeschreibung des Mephisto:

Ich bin ein Teil von jener Kraft, 

die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Doch sogleich geht mein Denken weiter zu der Kraft, die stets behauptet, das Gute zu wollen, aber leider gerade dadurch das Böse schafft: die USA. Mit seiner Rede an die Nation vom Januar 2002 beschwor Präsident George W Bush eine „Achse des Bösen“ und versprach, sie zu zerschlagen. Dabei bezog er sich einerseits auf den Anschlag vom 11/9 2001 und benannte andererseits einige „bösartige“ Staaten, die den Terrorismus fördern und Massenvernichtungswaffen produzieren.

Mit leichten Retuschen wird dieselbe Rede auch heute gehalten. Die Argumentation ist dieselbe geblieben: Wir sind die Guten, die die Schurkenstatten (rogue states), welche (wie der Irak, der Iran, Nord-Korea) ihre Bürger unterdrücken, den Terrorismus exportieren und Massenvernichtungsmittel produzieren, bestrafen werden.

Die Rede im Wortlaut:

“Our second goal is to prevent regimes that sponsor terror from threatening America or our friends and allies with weapons of mass destruction. Some of these regimes have been pretty quiet since September the 11th. But we know their true nature.”

“North Korea is a regime arming with missiles and weapons of mass destruction, while starving its citizens.”

“Iran aggressively pursues these weapons and exports terror, while an unelected few repress the Iranian people’s hope for freedom.”

“Iraq continues to flaunt its hostility toward America and to support terror. The Iraqi regime has plotted to develop anthrax, and nerve gas, and nuclear weapons for over a decade. This is a regime that has already used poison gas to murder thousands of its own citizens – leaving the bodies of mothers huddled over their dead children. This is a regime that agreed to international inspections – then kicked out the inspectors. This is a regime that has something to hide from the civilized world.”

“States like these, and their terrorist allies, constitute an axis of evil, arming to threaten the peace of the world.”

In deutscher Übersetzung:

„Unser zweites Ziel ist es, Regimes, die den Terrorismus unterstützen, davon abzuhalten, Amerika oder unsere Freunde und Verbündeten mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen. Einige dieser Regimes haben sich seit dem 11. September recht ruhig verhalten. Aber wir kennen ihre wahre Natur.“

„Das Regime in Nordkorea rüstet mit Raketen und Massenvernichtungswaffen auf, während es seine Bürger verhungern lässt.“

„Iran strebt aggressiv nach diesen Waffen und exportiert Terror, während einige wenige, die niemand gewählt hat, die Hoffnung des iranischen Volkes auf Freiheit unterdrücken.“

„Der Irak stellt weiterhin seine Feindseligkeit gegenüber Amerika offen zur Schau und unterstützt den Terrorismus. Schon seit über einem Jahrzehnt versucht das irakische Regime insgeheim, Milzbranderreger, Nervengas und Atomwaffen zu entwickeln. Dieses Regime hat bereits Giftgas eingesetzt, um tausende seiner eigenen Bürger zu ermorden – und ließ danach Leichen von Müttern zurück, zusammengekauert über ihren toten Kindern. Dieses Regime hat in internationale Inspektionen eingewilligt – und dann die Inspektoren hinausgeworfen. Dieses Regime hat etwas vor der zivilisierten Welt zu verbergen.“

„Staaten wie diese, und die mit ihnen verbündeten Terroristen, bilden eine Achse des Bösen, die aufrüstet, um den Frieden der Welt zu bedrohen.“

Es ist offenkundig, dass die genannten Staaten keine „Achse“ bildeten („Achse“ wurde zuerst auf das Kriegsbündnis Deutschland-Italien-Japan im WWII angewendet) und überhaupt wenig miteinander gemein haben. Der schreckliche achtährige „Erste Golfkrieg“ zwischen Irak und Iran (1980-88) war kaum vorbei. Nord-Korea hatte und hat keinerlei Beziehungen zu Irak und Iran. Von „Achse“ kann mithin keine Rede sein. Das einzige, was alle drei Staaten miteinander gemein haben, ist: sie waren bzw sind den USA und ihren Vasallen ein Dorn im Auge. Dieses Kriterium macht jeden Staat potentiell zu einem „bösen“ Staat.

Wie wir wissen, hat es nach dieser Rede noch so manchen anderen Staat erwischt (Afganistan, Syrien, Lybien), andere stehen schon in der Warteschleife (Russland, China).

Natürlich stimmt dasselbe Gut-Böse-Denken auch für die Gegenseite. So ist für den Iran klar, wer die Verkörperung des Bösen und wer seine Helfershelfer sind.

Zum Abschluss mein Drabble zur Relativität von Gut und Böse (hier):

Der eine findet es ergötzlich

Der andre aber höchst entsetzlich

Was doch dasselbe ist vor Gott.

 

Der Wurm im Apfel lebte glücklich

Der Bauer findet dies nicht schicklich:

„Was willst du Wurm in dem Kompott?“

 

Die Küche ist ein Ort des Grauens

Fürn Hahn, der voll des Urvertrauens

Dem Schlächter folgte auf den Block.

 

Die Oma aber hofft auch heute

Dass die von ihr geliebten Leute

Sie loben für den leckren Gock.

 

Wie soll ich nur dies Rätsel lösen

Dass von den Guten und den Bösen

Ein jeder Recht hat, wie er meint –

und einer lacht, der andere weint?

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112 Stufen: Die ersten beiden Treppenabschnitte im Rückblick

Treppe in Anafiotika, Akropolis, Athen (Bleistift)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Nun also habe ich den zweiten Treppenabschnitt und die dreißigste Stufe erklommen -Zeit, Atem zu holen, zurückzuschauen und mich zu besinnen.

Der zweite Treppenabschnitt im Rückblick

30 Aggressiv (F.T.Marinetti) – 29 Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel) – 28 friedlich (Bertold Brecht) – 27 beruhigen (Natur) – 26 Freude (Friedrich Schiller) – 25 Verbot (Anatole France) – 24 wappnen (Martin Luther) – 23 zur-Wehr-Setzen (Georg Herwegh) – 22 Zorn (Roman Herzog/Georg Trakl) – 21 Begeisterung (Hegel) – 20 Bruder (Karl König) – 19 Nähe (Christian Morgenstern) – 18 Ehrlichkeit (Ringelnatz) – 17 Lachen (Günter Grass) – 16 Sprechen (Schiller) –

Der erste Treppenabschnitt im Rückblick

15 Vergeben (Ricarda Huch, Leo Tolstoi, Matthäus) – 14 Gewissen (Franz Joseph Degenhardt) – 13 beschützen (Hermann Hesse) – 12 Jauchzen (Johann Sebastian Bach) – 11 Ehre (Johann Wolfgang von Goethe) – 10 Familie (David Cooper) – 9 Erschrecken (Lukas-Evangelium) – 8 Angst (Mascha Kaléko) – 7 Unschuld (Friedrich Nietzsche) – 6 Heimat (Theodor Fontane) – 5 Liebkosen (Leo Tolstoi) – 4 Wärmen (Wolfgang Borchert) – 3 Mutter (Kurt Tucholsky) – 2 Streicheln (John Steinbeck) – 1 Glück (Johann Wolfgang von Goethe).

Es ist eine merkwürdige Ansammlung von Zitaten und Ereignissen, die Quellen reichen von biblischen Zeiten bis in die Gegenwart. Ganz zufällig scheint die Auswahl zu sein, und dennoch: jedesmal, wenn ich eine neue Stufe erklomm, war mir, als gäbe es eine geheime Beziehung zur vorangegangenen und zu meinem eigenen Leben in Deutschland. Wäre es nicht so, würde ich dieses Experiment wohl schon aufgegeben haben. So aber scheint es mir, als hälfe es mir, über meinen Bildungs- und Lebens-„Background“ – also den Resonnanzraum in der Tiefe, in dem immer noch auch die Gegenwart echot – größere Klarheit zu gewinnen.

Ob es tatsächlich so ist, werde ich am Ende dieser Treppenbesteigung wissen. Jetzt ist nur eines schon überdeutlich: dass meine „geistige Welt“, und vermutlich auch meine moralische zusammenstückelt ist aus lauter Versatzstücken der sogenannten abendländischen Kultur.  All diese Stücke haben sich in mir herumgetrieben und dann abgelagert. Die meisten stammen aus der Zeit, als ich noch zur Schule ging, manche kamen in den Studentenjahren und in den Jahren danach dazu. Von christlichen über bürgerlich-liberale, radikal-aufklärerische, faschistische und kommunistische Motive ist alles dabei.

In diesen Bruchstücken, so will mir scheinen, bricht sich wie in dem Haufen Glasscherben, den ich gestern hervorkramte, die Geschichte Deutschlands, soweit sie etwas mit mir und meinem Leben zu tun hat. Ich betrachte neugierig jede einzelne Scherbe und versuche, sie einzupassen in das ursprüngliche Ganze. Manche Scherben passen nicht, sie scheinen zu einem anderen Ganzen zu gehören – sind nur zufällig auf dem Haufen gelandet, wie die beiden Tolstoi-Zitate und das Gedicht von Mascha Kaléko, die zu meinem Jetzt gehören. Die anderen aber scheinen einen gemeinsamen Ursprung in meinem „Bildungsgang“ zu haben, und den werde ich versuchen zusammenzusetzen.

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Der Juni, der „Bube der Kelche“, und was aus ihnen wurde.

In den Raunächten des letzten Dezember-Januar zog ich jede Nacht eine Karte, die mir einen Impuls für den entsprechenden Monat des Jahres geben sollte. Es war die Silvester-Raunacht, als ich die Tarotkarte „Bube der Kelche“ für den Monat Juni zog. Am 1. Januar notierte ich: „Dem Gerücht nach wird er mir im Juni des nun gerade begonnenen Jahres seine Weisheiten zuflüstern und mich auffordern, mich dem Wasser, der Kreativität und Sinnlichkeit sanft und widerstandlos hinzugeben.

Ich machte damals gleich auch eine neurografische Zeichnung, um eine innere Beziehung zu der Karte herzustellen. Meine Zeichnung las ich so:

„Blaues Wasser und feurige Sonnenkraft halten sich die Waage. Die Beine stehen fest im Wasser, der Kopf ist klar und leer von Grübeleien. Was sich zwischen Fuß und Kopf abspielt, ist fast schon ein bisschen zu viel. Genau das wird meine Aufgabe sein: wieviel freies Spiel, wieviel anstrengende Kreativität tun mir gut. So jedenfalls lese ich die Karte. Und wenn der Juni kommt, hole ich sie hervor und finde das rechte Gleichgewicht heraus.“

Junikarte, neurografisch: Bube der Kelche (1.1.2025)

Am ersten Juni meinte ich, dass ich nach einer Zeit der Renovierung, Organisation und des Rückzugs auf die Familie wieder vermehrt kreativ werden würde. Vor allem aber ist der Sommer da, schrieb ich, und das Meer ruft, um drin zu schwimmen und die schönen hellen Nächte zu genießen.

Was ist nun daraus geworden? Habe ich herausgefunden, wieviel freies Spiel, wieviel anstrengende Kreativität mir gut tun?

Sicher ist eins: besonders kreativ war ich nicht. Gezeichnet und gemalt habe ich fast gar nicht, fotografiert wenig, dafür aber ungewöhnlich viel gelesen (vor allem Tolstois große Romane und Erzählungen). Auch habe ich mich im Rahmen des Blog-Challenge von Grinsekatz (Holsteiner Treppe) auf eine Art Autobiografie-Reise begeben. Dabei versuchte ich nachzuspüren, welche literarisch-politischen Einflüsse in den frühen Jahren meines Lebens auf mich gewirkt haben. Diese Rekonstruktion war und ist durchaus spannend für mich.

Der anderer Teil – das pure Genießen des schon warmen, aber noch nicht überlaufenen Meeres, die in der Sommerhitze sich entfaltenden Düfte der Kräuter, die grillen-durchzirpten Nächte auf der Turmterrasse, die Gesellschaft der Katzen, die Sonnenauf- und -untergänge, der Wechsel des Mondes, der jetzt beim Untergehen als schmale feurige Sichel über dem Meer erscheint, der kühlende Nachtwind, das Paneurhythmietanzen mit den Freundinnen, das Speisen in Gaststätten am Meer oder am Hafen, die kleinen Ausflüge und Besuche …- all das hat sich höchst erfreulich entfaltet.

Also alles gut? Nun, fast. Gegen Ende des Monats packte mich Entsetzen über meine „Faulheit“ und „Antriebslosigkeit“, und ich fragte mich besorgt, ob meine Kreativität endgültig erschöpft sei. Diese Frage arbeitete ich neurographisch durch und bin mit dem Ergebnis zufrieden: Ich darf durchaus darauf vertrauen, dass meine Kreativität nicht verschwunden ist, sondern ich einfach nur eine Phase der Sammlung und Ruhe brauchte.

Und so machte ich eben voller Zuversicht meine neurografische Abschlusszeichnung für den Juni und den Buben der Kelche. (Eine Erklärung erspare ich euch und mir).

„Bube der Kelche“ am 30. Juni 25

Adieu, schöner Juni! Sei mir willkommen, Juli!

 

 

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Archivbild der Woche: Ein schöner Scherbenhaufen

An einem Tag wie diesem, im Jahre 2017, gestaltete ich ein Bild aus Ölkreiden und Klebeband auf Papier …

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Es erinnerte mich an einen Scherbenhaufen, den ich Jahre zuvor im Stadtwald entdeckt und fotografiert hatte. Diese Fotos fischte ich am 29.6.2017 aus dem Archiv und zeige sie nun, acht Jahre danach, erneut.

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Und so dürfen diese längst entsorgten oder überwachsenen Scherben als Bildimpuls weiterleben und noch einmal das Licht des Tages erblicken, dank Heides Projekt „Archivbild der Woche“.

 

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112 Stufen, 30: aggressiv (F.T. Marinetti)

Im Jahre 1909 veröffentlichte der 1876 in Alexandria (Ägypten) geborene Italiener Filippo Tommaso Marinetti in Paris sein Manifesto del Futurismo, das als eine Formulierung des frühen, noch nicht zur Macht gekommenen Faschismus Mussolinis und als künstlerisches Ur-Dokument des deutschen „Nationalsozialismus“ angesehen werden kann.

Der gemeinsame Nenner sämtlicher teils sehr gegensätzlicher antibürgerlicher bzw Anti-Establishment-Bewegungen des Fin de Siecle war die Verherrlichung der Gewalt als wahrer Bewegerin der Geschichte. Ob „Klassenkampf“ oder „Mein Kampf“, ob Krieg oder elan vital (Bergson) oder Übermensch (Nietzsche) – die Zertrümmerung des verachteten Vorfindlichen mit den Mitteln der Gewalt war das Credo einer Avantgarde, die sich zugleich als die neue Jugend verstand, die gegen das Alte rebellierte und ihren Platz in der Weltgeschichte forderte. Ein schwacher Widerschein dieser Zeit lebte in den 68ern wieder auf (siehe „Störfall“ auf der 29, Stufe: Auslöser/Anlass), als man heftig über den Unterschied zwischen „Gewalt gegen Sachen“ und „Gewalt gegen Menschen“ diskutierte, anarchistische Gewalttaten verherrlichte und aus der sich der heutige unverhüllte Militarismus der „Grünen“  gemausert hat. Widersprüche? O ja! Abgründig ist die menschliche Seele.

Das Futuristische Manifest begann mit folgenden elf Thesen (zitiert nach Wikipedia):

  1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
  2. Mut, Kühnheit und Ausdehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
  3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
  4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen …  ist schöner als die Nike von Samothrake.
  5. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer eigenen Bahn dahinjagt.
  6. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein.
  7. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! …  Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.
  8. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt, den Militarismus,  den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
  9. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht (…)
  10. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, welche die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; …. (Auslassungen und Hervorhebungen von mir)

Die hohen Erwartungen, die sowohl Kommunisten als auch Faschisten mit dem technischen Fortschritt verbanden, gipfeln in der sehr aktuell klingenden Forderung nach der „Fusion der Instinkte mit dem, was die Maschine uns geben kann“, um fähig zu werden, „die offenbare Feindschaft, die unser menschliches Fleisch vom Metall der Maschinen“ trennt, zu überwinden. (Manifesto tecnico della letteratura futurista, zitiert nach Wikipedia)

Heute ist man einen großen Schritt auf diesem Weg weitergegangen:  nicht nur mit dem Metall, sondern auch mit dem Denken der Maschine möchte der Mensch fusionieren. In gewisser Weise hat Marinetti auch dies vorausgesehen und begrüßt:

Der Futurismus gründet sich auf die vollständige Erneuerung der menschlichen Sensibilität als Folge der großen Entdeckungen […] Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telephon, Grammophon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograph und große Tageszeitungen, denken nicht daran, daß diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluß auf ihre Psyche ausüben. ( hier )

„Mach kaputt, was dich kaputt macht!“ -Devise der Studentenbewegung der 60er Jahre.

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112 Stufen, 29: Auslöser/Anlass (Helmut Heißenbüttel)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Aus Anlass des Wortes „Auslöser“, das ich mir als „Anlass“ übersetze (*Anm. ganz unten), möchte ich an eine Rede erinnern, die der Büchner-Preisträger von 1969, Helmut Heißenbüttel, aus Anlass der Verleihung hielt.

Der Rede vorausgegangen war ein „Störfall“: Studenten hatten das Podium der Veranstaltung gestürmt, hatten sich lauthals zu Wort gemeldet, eine Erklärung zu verlesen verlangt (was ihnen schließlich auch gestattet wurde), es gab Geschubse und Geschrei, auch eine Abteilung Polizei wurde herbeizitiert, um für Ordnung zu sorgen…

Auslöser der Störung war die Entlassung eines Lehrers am Georg-Büchner-Gymnasium, der mit seinen Schülern „unangemessene“ Lehr- und Lernmethoden ausprobierte. Solche Experimente und der Versuch der Bildungsbehörden, sie zu verhindern, waren damals an der Tagesordnung. Überhaupt war es eine Zeit, wo jeder Anlass gut für Provokationen war. Der in Berlin losgetretene Bildungs-Aufruhr verbreitete sich blitzschnell in der Bundesrepublik….

Seine Rede zum Dank für die Verleihung des Büchner-Preises hielt Helmut Heißenbüttel natürlich nicht spontan; er hatte sie sorgfältig vorbereitet bzw „aufgesetzt“. Und worüber spricht er? Seine Thematik fasst er am Ende seiner Rede so zusammen:

„Das Konzept der Rede das sich aus dem Anlaß der Rede entfaltet bestimmt den Fortgang der Rede. In ihrem Fortgang schreitet die Rede fort bis zu ihrem Ende. Das Konzept dieser Rede hat sich weniger aus dem speziellen Anlaß dieser Rede entfaltet als aus dem Anlaß einer Rede überhaupt. Überhaupt ist nun diese Rede zuende.“

Wie bitte? Das ist der Inhalt seiner Rede? Nun, nicht ganz. Denn dazwischen, sozusagen als eingebettete Nebensache, arbeitet er sich an einem Büchner-Zitat ab. Wie könnte man, so fragt sich Heißenbüttel, dieses Zitat, in dem es um den unheilbaren Riss zwischen dem gebildeten und dem ungebildeten Teil der Gesellschaft geht, in einer Rede verwenden? Er spielt dann Verwendungsmöglichkeiten durch – im Konjunktiv. Ein aktueller Bezug wäre auf jeden Fall leicht zu konstruieren ….

Aber lies und/oder höre selbst! Ich finde, es lohnt sich! Denn die literarisch-akademische Welt von 1969 führt sich darin vortrefflich selbst vor.

Die gesamte Episode mit der „Störung“ sowie die Reden von Karl Krolov und Helmut Heißenbüttel sind in einem eindrucksvollen Zeitdokument festgehalten.  (hier).

***

Hier der gedruckte Wortlaut der Rede von Helmut Heißenbüttel anlässlich der Verleihung des Büchnerpreises 1969.

Eine Rede ist eine Rede.

Eine Rede ist eine Rede heißt eine Rede ist eine geredete Rede das heißt sie muß geredet das heißt gehalten werden. Nur eine gehaltene Rede ist eine Rede. Eine ungehaltene Rede ist keine Rede sondern ein Aufsatz. Was nicht bedeutet daß eine Rede unaufgesetzt ist. Das Aufsetzen einer Rede heißt das Konzept der Rede. Das Konzept der Rede entwickelt sich aus dem Anlaß der Rede.

Eine Rede ist eine Rede nur wenn sie einen Anlaß hat. Es gibt keine Rede ohne Anlaß. Ohne Anlaß ist eine Rede keine Rede sondern ein Statement oder eine Lesung. Der Anlaß der Rede ist die Ursache der Rede. Die Rede entfaltet sich ursächlich aus ihrem Anlaß. Der Anlaß ist der Ursprung des Konzepts der Rede. Das Konzept der Rede entfaltet sich ursprünglich aus dem Anlaß. Es gibt viele Anlässe für Reden. Es gibt feierliche Anlässe traurige Anlässe fröhliche Anlässe offizielle Anlässe familiäre Anlässe. Es gibt beiläufige gewichtige überraschende unvorhergesehene historische kalendarische Anlässe. Es gibt Anlässe der freundschaftlichen Verbundenheit der verwandtschaftlichen Bindung oder der öffentlichen Ehrung usw.

Das Konzept der Rede das sich aus dem Anlaß der Rede entfaltet bestimmt den Fortgang der Rede. Der Fortgang der Rede ist ihr Fortschritt. Eine Rede muß fortschreiten auch wenn ihr Inhalt nicht fortschrittlich ist. Eine Rede die nicht fortschreitet ist langweilig. Reden sollen nicht langweilig sein. Weil Reden gehalten werden sollen sie nicht langweilig sein. Ein Schwager von mir der sich zu einem beliebten Tischredner entwickelt hat pflegt zu sagen: die Hauptsache ist der Schluß denn wenn man weiß wo man hin will weiß man auch was man zu sagen hat.

Eine Rede ist eine Rede die gehalten werden muß. Jemand muß die Rede halten. Jemand der die Rede hält ist der Redner. Dies ist eine Rede die jemand hält. Jemand bin ich. Ich bin jemand der eine Rede hält. Ich bin jemand der hier eine Rede hält. Ich bin jemand der hier aus einem bestimmten Anlaß eine Rede hält. Der Anlaß aus dem ich hier eine Rede halte ist die Verleihung des Georg-Büchner-Preises: dafür bedanke ich mich. Der Anlaß dieser Rede hängt mit dem deutschen Schriftsteller Georg Büchner zusammen. Wenn sich aus dem Anlaß der Rede das Konzept der Rede entfaltet so müßte sich das Konzept der Rede die ich hier halte aus etwas entwickeln das mit Georg Büchner zusammenhängt.

Soll ich über das Werk Büchners reden?

Soll ich über die Person Büchners reden?

Soll ich über die politischen Überzeugungen Büchners reden?

Soll ich über mein persönliches Verhältnis zum Werk Büchners reden?

(Mit 17 Jahren zum erstenmal eine Büchnerausgabe auf einer Radtour in Heidelberg gekauft 1938 am stärksten beeindruckt vom Lenz.)

Vorläufig ist dies eine Rede über den Anlaß einer Rede.

Ich muß an dieser Stelle eine Abschweifung einfügen. Ich bin tatsächlich ratlos gewesen was ich hier sagen sollte. Ich kannte den Anlaß aus dem diese Rede zu halten war aber der Anlaß wollte sich nicht zu einem Konzept entfalten. Die verschiedensten Gesichtspunkte die verschiedensten Ratschläge die verschiedensten Umfragen gaben nichts her. Die Rede die ich halten kann ist eine Rede über die möglichen Schwierigkeiten einer Rede. Sie ist zugleich eine Rede über die Möglichkeiten einer Rede.

Wenn ich zum Beispiel ein Zitat von Georg Büchner auswähle versuche ich über eine Brücke hinweg den Anlaß der mit Georg Büchner zusammenhängt in ein Konzept zu entfalten. Ich wähle zum Beispiel einige Sätze aus einem Brief den Büchner 1836 aus Straßburg an Karl Gutzkow in Frankfurt schrieb. Diese Sätze: Die Gesellschaft mittels der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformieren? Unmöglich! Unsere Zeit ist rein materiell; wären Sie je direkter politisch zu Werke gegangen, so wären Sie bald auf den Punkt gekommen, wo die Reform von selbst aufgehört hätte. Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen.

Benutze ich diese Sätze als Brücke so kann ich über den Gegensatz in den Verhaltensweisen und in den politischen Überzeugungen von Büchner und Gutzkow reden über die revolutionäre Einstellung des einen und die reformistische des anderen. Ich kann auch die Überzeugung Büchners als Einsicht in einen gesellschaftlichen Zustand nehmen und das zum Anlaß der Rede nehmen usw. Das Zitat würde möglicherweise für gut geeignet gehalten. Das Zitat würde möglicherweise für sehr aktuell gehalten. Es würde möglicherweise Übereinstimmung darüber bestehen daß mit diesem Zitat die Aktualität Büchners zum Ausdruck gebracht werden könnte und es würde möglicherweise Übereinstimmung darüber bestehen daß dies damit bewiesen werden könnte usw.

Eine Rede ist eine Rede die gehalten werden muß. Ich halte eine Rede. Und wenn ich nun eine Rede halte über die Sätze die Georg Büchner 1836 an Karl Gutzkow geschrieben hat worüber kann ich denn dann tatsächlich reden? Ich kann reden über eine politische Ansicht Einsicht Überzeugung. Ich kann fragen ob die Reform von oben tatsächlich unmöglich ist und weshalb. Ich kann fragen ob es nur zur Zeit Büchners so war oder ob es heute noch so ist und weshalb. Ich kann nach dem Unterschied der gesellschaftlichen Verhältnisse 1836 und 1969 fragen. Usw. Was für eine Rede halte ich wenn ich so rede? Der Fortgang der Rede würde bewirkt durch einen Gedanken zum gesellschaftlich-politischen Fortschritt oder Rückschritt. Wenn der Anlaß dieser Rede auf diese Weise mit Georg Büchner in Zusammenhang gebracht würde würde der Fortgang der Rede sich entfalten aus der politischen Überzeugung Büchners daß die Aufteilung der Gesellschaft in Deutschland und Europa in Gebildete und Ungebildete und das heißt zugleich in Arme und Reiche Privilegierte und Abhängige zu beseitigen ist. Aber das wäre dann bereits die ganze Rede von der die Rede sein könnte.

Ich kann aber auch wenn ich mich dieses Büchnerzitats als Brücke für das Konzept der Rede bediene auf den Riß zwischen dem gebildeten und dem ungebildeten Teil der Gesellschaft selbst hinweisen. Ich kann danach fragen wodurch dieser Riß gekennzeichnet ist und als was er sich schließlich darstellt. Ich kann das Konzept der Rede auf das hinlenken was mich im Grunde interessiert und was auch den Ruhm Büchners ausmacht: auf Literatur. Wenn auch auf einem Umweg. Der Umweg besagt daß der Riß zwischen Gebildeten und Ungebildeten Literatur zum Abzeichen hat. Literatur als Kunst ist Produkt und Orientierungsmarke für die die Bescheid wissen. Der Riß ist da weil nicht alle Gebildete werden können. Weil das Ganze seine Teilung besiegelt hat in dem was herkömmlicherweise Kunst und Literatur heißt. Und wenn wir wie Büchner sagt nicht über den Riß hinauskommen so bedeutet das daß diese Kunst nicht als etwas für alle gedacht werden kann. Aber muß ich sie deshalb abschaffen für tot erklären erniedrigen? Der Riß über den wir nicht hinauskommen ist auch in ihr aufbewahrt. Und auch nicht der Rückzug ins sogenannte abgesunkene Kulturgut in Volkslied Kinderreim Reportage kann als Brücke dienen über den Riß. Sondern der Riß kann vorerst nur indem von ihm die Rede ist sichtbar gemacht und sichtbar zwar nicht überbrückt wohl aber als das erkennbar werden was das Problem das Dilemma das noch Auszuhaltende ist.

Wenn ich eine Rede halte über den Riß zwischen Gebildeten und Ungebildeten rede ich darüber daß das was wir herkömmlicherweise Kunst und Literatur nennen seiner Reaktion überführt werden kann ohne daß es reaktionär wäre an der Sache festzuhalten. Das ist an Büchners Werk abzulesen. Bleibt aber nicht dabei der Gegensatz zwischen politischer Einsicht und literarischer Produktion offen? Was ihn offenhalten würde wäre das Festhalten am überkommenen Begriff der Kunst als Poesie. Indem ich an der Sache festhalte aber nicht an dem Begriff nicht an der Tradition nicht an der unbefragten Reaktion verändere ich mit jedem neuen Versuch das Verhältnis zum Riß versuche ich immer weiter aus dem herauszutreten was dem Riß zum Abzeichen dient. Indem ich das Konzept meiner Rede auf ein solches Heraustreten zu richten versuche richte ich meinen Blick auf ein Ziel. Ich rede davon daß ich eine Möglichkeit sehe.

Wenn Literatur definierbar ist als eine Sonderform der Sprache kann man auch von Sprache allgemein das sagen was Literatur tut: sie bewahrt den Riß auf. Denn die Ungebildeten reden kein Schriftdeutsch. Auch die Sprache ist reaktionär. Sie bewahrt auf und trägt das Aufbewahrte zugleich weiter in neue Zusammenhänge. Wenn ich tatsächlich einen Versuch machen will zumindest redend über den Riß zwischen dem gebildeten und dem ungebildeten Teil der Gesellschaft hinauszukommen muß ich versuchen in der Sprache zu reden die für beide gleich weit weg ist. Das ist nicht das allgemein Verständliche der Sprache. Das allgemein Verständliche der Sprache dient nur den Gebildeten zur Tarnung die in dieser Maske den Riß auch weiter bewahren zu können glauben. Die Sprache die für alle gleich weit weg ist besteht im Prinzipiellen der Sprache in der Sprachkompetenz die jeder hat. Indem ich mich auf das Anonyme und Kollektive verlasse das in der Sprachkompetenz zur Sprache kommt versuche ich zu sprechen als ob ich bereits den Riß überredet hätte. Ich versuche von vorn anzufangen ohne etwas aufzugeben. Ich versuche hier zum Beispiel von vorn anzufangen.

Dies ist eigentlich keine Rede. Denn selbst eine uneigentliche Rede sollte eigentlich zeigen was ich eigentlich zu sagen habe. Ich habe eigentlich nichts zu sagen. Aber wenn ich eigentlich nichts zu sagen habe so bedeutet das nicht daß es überhaupt nichts zu sagen gibt. Es gibt etwas zu sagen. Wenn ich eigentlich nichts zu sagen habe kann ich eigentlich von mir nichts sagen. Was sagbar bleibt ist die Beteiligung an dem was es zu sagen gibt. Ich versuche mich redend an dem zu beteiligen was es zu sagen gibt.

Das Konzept der Rede das sich aus dem Anlaß der Rede entfaltet bestimmt den Fortgang der Rede. In ihrem Fortgang schreitet die Rede fort bis zu ihrem Ende. Das Konzept dieser Rede hat sich weniger aus dem speziellen Anlaß dieser Rede entfaltet als aus dem Anlaß einer Rede überhaupt. Überhaupt ist nun diese Rede zuende.

***

*Anmerkung: Sind Auslöser und Anlass dasselbe? Beide beschreiben nicht das Geschehen selbst und auch nicht die Ursachen des Geschehens. Das Geschehen ist eigentlich schon da, es wartet nur auf einen Auslöser oder … Anlass, um sich zu zeigen. Nehmen wir den 1. Weltkrieg: da wurde der Habsburger Kronfolger in Serajewo erschossen. Und schon gings los. Man hatte den Anlass, um das zu tun, was man eh tun wollte: einen mörderischen Krieg um die Vorherrschaft in Europa entfesseln. Der Schuss des Attentäters war der Auslöser.

Oder nehmen wir einen Mord aus Eifersucht, wie ihn Tolstoi in seiner Erzählung „Kreutzer-Sonate“ beschreibt (ich habs grad gelesen, daher dies Beispiel). Ein Mann denkt darüber nach, seine Frau wegen seiner quälenden Eifersucht zu ermorden, um sich von ihr zu befreien. Aber er braucht einen Anlass. Den konstruiert er sich, indem er ein gemeinsames Musizieren seiner Frau mit einem Geiger organisiert, überzeugt, dass sie ihn mit diesem Geiger betrügen wird. Der Auslöser ist dann ein Mantel, der im Flur hängt….

Der Auslöser ist also eine äußerliche, der Anlass eine innere Voraussetzung, um ein längst geplantes „unausweichliches“ Geschehen in Gang zu setzen. Auslöser haben keine innere Verwandtschaft mit dem Geschehen, sie sind äußerlich und fast zufällig. Drum habe ich das Wort durch „Anlass“ ersetzt.

 

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Impulswerkstatt: Felsen

Zum Abschluss meiner Beiträge zu Myriades Impulswerkstatt und ihrer Felsen-Parade zeige ich eines meiner vielen Bilder, die das Thema „Felsen“ in abstrahierender Weise aufgreifen.

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112 Stufen, 28: Friedlich (Bertolt Brecht)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Muss ich erklären, wer Gisela May war? Kennst du womöglich ihre Stimme nicht mehr? Obgleich ich keine Sympathie für den „real existierenden Sozialismus“ der DDR hatte, liebte ich doch einige der großen Künstler, die am Schiffbauerdamm Brechts Werke aufführten. Ekkehard Schall und Gisela May waren die Magneten, die uns – Eingeladene der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Feier von Karl Marx 150. Geburtstag in Trier – vom SPD-Festredner Ernst Bloch weg in Richtung des Saales lockten, wo ein roter Katafalk und DDR-Symbole das „andere Deutschland“ signalisierten und sozialistische Kampflieder gesungen wurden. Das war im Jahr 1968, und natürlich wurde es nicht gern gesehen, dass wir der Konkurrenz einen Besuch abstatteten.

Ob Gisela May damals das Friedenslied sang? Gut möglich. Bertolt Brecht schrieb es 1951, Hanns Eisler, der 1949 auch die DDR-Hymne komponiert hatte („Auferstanden aus Ruinen…“) vertonte es. Damals tobte der Korea-Krieg (1950-53) und ich war elf. Auch im linkslastigen Milieu meiner Berliner und Frankfurter Zeit (60er und frühe 70er Jahre) war es populär  Die heutige „Linke“ warb nun erneut mit diesem Lied (hier). Ein wenig hilflos, kindlich und altbacken wirkt es angesichts des massiven Aufmarsches der neuen Kriegswilligen.

Friedenslied
(Bertolt Brecht; Hanns Eisler)

Friede auf unserer Erde!
Friede auf unserem Feld,
daß es auf immer gehöre
dem, der es gut bestellt.

Friede in unserem Lande!
Friede in unserer Stadt,
daß sie den gut behause,
der sie gebauet hat.

Friede in unserem Hause!
Friede im Haus nebenan!
Friede dem friedlichen Nachbarn,
daß Jedes gedeihen kann.

Friede dem Roten Platze
und dem Lincoln-Monument!
Und dem Brandenburger Tore
und der Fahne, die drauf brennt!

Friede den Kindern Koreas
und den Kumpels an Neiße und Ruhr!
Friede den New-Yorker Schoffören,
und den Kulis von Singapore!

Friede den deutschen Bauern
und den Bauern im großen Banat!
Friede den guten Gelehrten
eurer Stadt Leningrad!

Friede der Frau und dem Manne!
Friede dem Greis und dem Kind!
Friede der See und dem Lande!
Daß sie uns günstig sind.

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Kleine Beobachtungen: Zitronen zum Bewohnen

Eigentlich ist es nur eine (des Reimes wegen habe ich sie vermehrt), aber was für eine! eine  allerletzte Zitrone aus dem vorigen Jahr hatte sich am Bäumchen gehalten, eingeklemmt in einer Astgabel. Ich erntete sie jetzt, da uns die zugekauften Zitronen ausgegangen waren.

Wie man sieht, hat diese Zitrone die ihr zugedachte Form verlassen und eine Fantasieform ausgebildet. Auch Zitronen haben eben einen eigenwilligen Gestaltungswillen, der sich entwickelt, wenn man sie lange genug am Baum belässt. Als ich sie durchschnitt, sah ich, dass sie sehr dickwandig geworden war. Dahinter aber hatte sie genug Saft gespeichert, um unseren Salat damit zu würzen.

Etwas leid tat es mir ja doch um dieses zinnenbewehrte Zitronenhotel, das, wie ihr vielleicht bemerkt habt, durchaus nicht unbewohnt war. Wer sagt mir, wie das Kerlchen heißt? Ist er vielleicht sogar der Baumeister?

 

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