Fotos kann man, wenn es Kunstwerke sind, durchaus ohne den Zusammenhang, in dem sie entstanden, zeigen. Die Miksang-Fotos, von denen hier kürzlich die Rede war, gehören sicher dazu. Die meisten Fotos aber schreien förmlich nach Kontextualisierung. Sonst sind sie uninteressant oder unverständlich, im besseren Fall rätselhaft, so dass sie jedenfalls die Fantasie in Gang setzen.
Ich habe mir nun erlaubt, ein paar der Fotos, die ich gestern unterwegs aufnahm, ohne Kontext zu posten. Heute aber liefere ich die Rahmen nach, in die ich sie stelle.
Die schwebende Kabelrolle: Rahmung durch Arbeitsprozesse
Ja, sie schwebt. Nein, es ist nicht ihr inneres Gefühl, das sie schweben macht, und auch Magie ist nicht wirklich im Spiel. Der größere Rahmen zeigt, wie recht die haben, die einen Kran am Werke wähnen. Warum aber ist der Kran am Werke? Und was machen die beiden Männer oben dort in den Masten? Üben sie für einen Kletterwettbewerb an Steilwänden? Nein, sie arbeiten am Stromnetz. Drum hatten wir gestern von 9-16 Uhr Stromsperre. Und um Punkt vier war der Strom wieder da, neu verkabelt.
Die kleine weiße Wolke. Poetische Rahmung
„Sie war so weiß und ungeheuer oben“. Ich sah das Wölkchen gestern, als ich in die Innenstadt von Athen fuhr und bei der Station „Attiki“ zum Fenster des Elektriko (U-Bahn) hinausschaute. Sogleich war die größere Rahmung da: Poesie! Bertold Brecht: Erinnerung an die Marie A.
„Täuschend echt!“ Historische Rahmung
Hier handelt es sich um Kopien von antiken Skulpturen. Um sie professionell herzustellen, ist eine ganze Wissenschaft nötig. Im Archäologischen Nationalmuseum gibt es eine frei zugängliche Abteilung, in der man zB über die Farben informiert wird, die in der Antike verwendet wurden, und wie man sie heute beschafft. Auf dem dritten Foto siehst du u.a. eine Verpackung: Kroko, der goldgelbe Farbstoff, wurde postalisch aus Thrazien angeliefert, wo er bis heute auf großen Plantagen angebaut und in mühsamer Handarbeit gerntet wird. .
Geschichte des Krokus
Sorte Crocus vernus „Pickwick“ (Quelle: griechisches Wikipedia)
„Die Geschichte des Krokus beginnt im Osten. Es gibt Hinweise auf erste Verwendungen in Kleinasien und Ägypten, wo er von Kleopatra und andere Pharaonen als verführerisches Parfüm benutzt wurde. Auch in Heiligtümern wurde er eingsetzt. Man findet ihn bereits im minoischen, aber auch im klassischen Griechenland, wo er sowohl als Duftstoff als auch als Farbstoff verwendet wurde. Man findet Darstellungen von Krokus auf Wandbildern minoischer Paläste. Charakteristisch das Wandbild mit den Krokussammlerinnen (Archäol Nationalmuseum Athen). Auch die pharmazeutischen Eigenschaften des Krokus waren den Griechen bekannt, sie benutzten ihn gegen Schlaflosigkeit und Kater nach Wein-Gelagen. Auch als Duftstoff in Bädern und als Afrodisiak wurde er eingesetzt. Die Araber erkannten seine anästhesierende Wirkung und führten ihn im 10. Jahrhundert in Spanien ein. Krokus war ein Grundelement, auf dem das Imperium von Venedig aufbaute. Heute braucht man ihn weltweit für Gebäck und als Zutat zu bekannten Rezepten, zB für die spanische Paella“.
Der Krokus also wird heute auch als Farbstoff verwendet, um eine historisch korrekte Einfärbung der Keramiken zu ermöglichen, die dann mit Echtheitsvermerk in den Handel kommen.
Krokus ist natürlich wiederum nur ein Bruchstück im weit größeren Rahmen, in dem dieses Foto mit den beiden hohläugigen Keramik-Köpfen zu verstehen ist.
Wie Einzelbilder oder Ereignisse verstanden und bewertet werden, hängt weitgehend vom Framing ab. Welche Missverständnisse entstehen doch, wenn die Menschen unterschiedliche „Rahmungen“ vornehmen und sich nicht darüber verständigen!