Endlos-Balkon: Wahlzettel-Zeichnung No. 8 (Bleistift und blauer Kuli)

Einen langen schmalen Wahlzettel der Liste, die ich nicht gewählt habe, brachte ich gestern mit heim. Ich setzte mich ans Ende des schier endlosen Balkons, der an der Westseite unserer Wohnung entlangläuft. Wir benutzen ihn nicht, und daher stehen dort nur ein paar ausrangierte Blumentöpfe herum. Etwa in der Mitte befindet sich der Wasserhahn mit der Gießanlage. Das Balkongitter mit dem Schlauch zeichnete eine hübsches Schattenmuster auf das gegossene Mosaik des Bodens.  Gegenüber auf der anderen Straßenseite sieht man Hausfronten mit Balkongittern, Jalousien etc. Von der Straße geht das Gässchen ab, das steil abfallend an unserem Haus vorbeiführt.

Vielleicht möchtest du wissen, was das für Wahlen waren, und wie sie ausgingen? Nun, es handelte sich um die Stichwahl für die neuen Bürgermeister und „Peripheriarchen“ Griechenlands. Die noch regierenden Linken (Syriza) erlebten ihr Waterloo. Von den 13 Peripherien (etwa vergleichbar den deutschen „Ländern“) holte sich die bürgerliche Rechte (Neue Demokratie, vergleichbar der CDU) zwölf, dazu auch fast alle Gemeinden Attikas, wo die Hälfte der Bevölkerung lebt.

Athen ging mit großem Vorsprung an den 41jährigen Kostas Bakojannis, Sohn von Dora (langjährige Außenministerin, Tochter von Konstantin Mitsotakis und Witwe von Pavlos Bakogiannis, der 1989 von der linksradikalen Terrororganisation 17N ermordet wurde. Kostas ist also ein Enkelsohn von Konstantinos Mitsotakis, dem mehrfachen MP Griechenlands, und Neffe des heutigen Vorsitzenden der ND und vermutlich nächsten MP Kyriakos Mitsotakis (Bruder von Dora Bakojanni). Kostas Bakogannis ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Kinder. Studiert hat er Geschichte und Politische Wissenschaften in den USA, Master an der Harvard Universität und Doktorand in Oxford. Eine Reihe von Ämtern der kommunalen Selbstverwaltung hat er erfolgreich absolviert und hat nun, als Bürgermeister von Athen, das Sprungbrett für eine Karriere in der „großen Politik“ erreicht. Nepotismus? Ja und Nein. Auf jeden Fall ein hoch intelligenter, recht charismatischer Hoffnungsträger, dem wegen der Ermordung seines Vaters eine tragische Aura anhaftet.

So, nun sind die langen Wahlzettel an ihr Ende gekommen. Vorgezogene Nationalwahlen stehen für den 7. Juli an, da geht es dann mit den Wahlzettel-Zeichnungen weiter. Oder auch nicht.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Architektur, elektronische Spielereien, events, Leben, Meine Kunst, Politik, Zeichnung, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu Endlos-Balkon: Wahlzettel-Zeichnung No. 8 (Bleistift und blauer Kuli)

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Politisch kann ich hier nicht mitreden,obwohl ich es gelesen habe.
    In deutschsprachigen Ländern geht es drunter und drüber, ob zum besseren, das ist m.e. Unklar.

    Deine langen formate entzücken. Mich erinnert dieses format an fotos eines landschaftsfotografen, der sehr schmale ausschnitte des westens der usa brachte, so im Verhältnis etwa 1:10 oder sogar krasser. 🙂

    Gefällt 3 Personen

    • gerda kazakou schreibt:

      danke, Gerhard. Politisch geht es ja auch in anderen Ländrn grad rund, zB in Frankreich. Auch in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien brodelt es wieder. Man wird sehen, wohin sich Europa entwickelt.
      Zu den hiesigen politischen Verhältnissen nur so viel: die Linke, auf die die Hälfte der gr Bevölkerung immer wieder ihre Hoffnung setzt, ist ein weiteres Mal elend gescheitert. Diesmal funktionierte das übliche linke Rezept: Gib den ärmeren Schichten, kurbele damit den Konsum an etc überhaupt nicht, denn wo nichts ist, kann auch nichts gegeben werden. Blieb nur eine wachsende Steuerlast für den Mittelstand, der seufzte und zahlte. Die jungen ausgebildeten Menschen wandern ab, suchen ihr Heil in Europa oder Übersee. Die Produktion im Lande liegt seit langem am Boden und kommt nicht wieder auf die Füße. wie denn auch. Nur der Tourismus boomt, was durchaus problematisch fürs Land ist. Dazu die Flüchtlingsströme, schwierige Verhältnisse auch in der Nachbarschaft (Türkei, arabische Länder)…
      Jedenfalls haben die Menschen jetzt mehrheitlich für die bürgerliche Rechte und ein wenig auch für die PASOK gestimmt, die sie vor 5 Jahren in die Wüste schickten, weil ihnen die Rezeptur der Wirtschafts-„Gesundung“ den Atem abdrehte. Dass die Linke es richten wird, war eine Illusion, von der sie sich inzwischen kuriert haben. Wer es richten kann? Große Frage.

      Gefällt 3 Personen

    • gerda kazakou schreibt:

      ich habe mich ein Leben lang brennend für Politik interessiert und stelle in letzter Zeit bei mir Ermüdungserscheinungen fest. Aber nun, die Informationen nehme ich schon noch auf.

      Gefällt 3 Personen

      • Ulli schreibt:

        Wirklich mitreden kann ich bei der griechischen Politik auch nicht, das, was ich weiß, weiß ich aus dem Radio (SWR2 – informativ, wenn auch eingefärbt), von anderen Medien und von dir.
        Ich sage ja schon länger, dass gerade eine Kräftemessen stattfindet, zwischen dem Althergebrachtem, was aber SO nicht mehr funktionieren kann, und den neuen Ideen und Konzepten, wie Gesellschaft funktionieren KÖNNTE. In solchen Momenten ist es wohl normal (?!), dass sich viele Menschen auf das sogenannte „Altbewährte“ ersinnen, weil dieses eine scheinbare Sicherheit suggeriert. Nichts ist schwieriger als der erste Schritt ins Neue und somit ins Ungwisse. Die 13 war immer das Ungewisse, die Menschen kannten bis vor kurzem 12 Planeten, alles dahinter war unklar, ungewiss und damit auch angsteinflößend, so kam es, dass die 13 zur Unglückszahl wurde. Du und ich wissen es besser, die 13 ist die Glückszahl, der 13. Planet ist Sirius https://de.wikipedia.org/wiki/Sirius – manche nennen ihn den „Heilenden“ – es wird noch einge Jahrzehnte dauern (glaube ich), bis die Menschen sich auf das Wesentliche im Leben erinnern, vielleicht …

        genug schwadroniert!

        Deine Zeichnung ist unglaublich! Ich kenne diesen Blick, meine Kamera war nicht fähig dies zu erfassen, du und dein Zeichenstift schon! Das gibt auch zu denken.

        Gefällt 2 Personen

    • gerda kazakou schreibt:

      ich weiß wirklich nicht, liebe Ulli, ob hier der Gegensatz zwischen Neuem und altbewährtem passt. Weder ist die linke Politik neu noch die rechte altbewährt. Die Linke ist sogar extrem vergangenheits-bezogen, lebt immer noch in den ruhmreichen Tagen des Sowjetreiches, des Widerstands gegen den Faschismus und nach den weniger ruhmreichen Rezepten eines staatsgesteuerten paternalistischen minderen Kapitalismus. Die Rechte ist weniger traditions-bewusst, als mir lieb wäre, zerstört gern alte gewachsene Strukturen und setzt an ihre Stelle modernistischen Kram, den der technologische Fortschritt und die Profiterwartungen der Habenden angeblich erzwingen. Die einen betreiben einen einschnürenden Etatismus und raffen alles unter Staatsbesitz zusammen, um dann nichts draus zu machen, die anderen verfolgen einen ungezügelten Liberalismus, verkaufen alles Verkäufliche aus dem Staatsbesitz und behalten nur die unrentablen Restbestände.
      Nun, das ist grob-schematisch, natürlich. Aber mehr geht hier nicht, leider.

      Gefällt 2 Personen

  2. kunstschaffende schreibt:

    Interessant Deine Darstellung der politischen Verhältnisse und der damit verbundenen Vergangenheit! Es zeigt einfach, Radikalismus egal von welcher Seite ist etwas schreckliches!😕

    Deine Zeichnung und die Bearbeitung ist wieder sehr gelungen! So eine Perspektive so klasse darzustellen ist schon sehr beeindruckend, denn die Tiefe und eben die Dreidimensionalität so zu treffen erfordert Können!!!!!!!👏👏👏👏👏👏👌👍

    Gefällt 3 Personen

  3. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Gerda, ich gehe mal nur auf das Zeichnerische ein. Ich finde es sehr konsequent von dir, wie du immer wieder deine Zeichnungen bearbeitest. Du entwickelst deine eigene Kunstform. 🙂
    Liebe Grüße sendet dir Susanne

    Gefällt 2 Personen

  4. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Sehr interessant, Deinen verständigen Worten über die politische Situation bei Euch zu lauschen.
    Dann hat Athen nun wohl einen starken noch jüngeren Mann als Bürgermeister, der jedem Einwohner sehr bekannt sein dürfte.
    Deine Zeichnung ist faszinierend, liebe Gerda. Wie Du diesen ellenlangen Balkon dargestellt hast, ist ein Wunder für mich. Er zieht sich und zieht sich, nie in die Breite, sondern nur in die Länge und Du mußt eine Engelsgeduld gehabt haben, bis alles passte und auch DU mit ihm zufrieden warst!
    Liebe Grüße zum Abend von Bruni an Dich

    Gefällt 1 Person

  5. bluebrightly schreibt:

    Vielleicht ist die Entwicklung in Ihren Zeichnungen ein bisschen wie in der Politik … sie ändert sich ständig, manchmal ist sie sehr bunt. Aber da endet sie, weil Ihre Zeichnungen nicht langweilig sind. 😉

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.