Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Ist mit „Weite“ nun die letzte Stufe der Holsteiner Treppe erreicht? Man sollte es meinen, denn angeblich sind es 112 Stufen – und ich habe nun die 112. Stufe betreten. Doch merkwürdigerweise gibt es darüber noch ein Stufe – davon morgen.
Zu „Weite“ fiel mir als erstes das Gedicht ein, das Goethe am 31. Juli 1814 schrieb und das sich im Buch des Sängers aus dem West-östlichen Divan befindet. 1817 erschien es unter der Überschrift Vollendung. Es gehört zu den wichtigsten und rätselhaftesten Gedichten, die ich kenne.
Johann Wolfgang Goethe
Selige Sehnsucht
Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.
In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.
Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Je älter ich werde, desto mehr engt sich die räumliche Bewegung ein. Ich reise wenig, beschränke mich auf kleine Spaziergänge. Veranstaltungen besuche ich selten, neue Bücher reizen mich kaum. Auch der zeitliche Rahmen, in dem ich planen kann und mag, schrumpft täglich.
Aber ist Ferne nun für mich „schwierig“ geworden?
Nein, ganz im Gegenteil. Merkwürdigerweise geht nämlich mit dem schrumpfenden Bewegungsradius und der geringen noch zu erwartenden Lebenszeit eine Weitung des Bewusstseins einher. Dass ich einen immer größeren gelebten Zeitabschnitt überschaue, ist das eine: für mich ist ja der gesamte Zeitraum 1942-2025 gelebte Zeit, ich kann in ihm herumspazieren wie in einem bekannten Haus und mir das eine und andere besehen. Aber es gibt da noch etwas anderes.
In dem Maße, wie mich das raumzeitliche Planen kaum noch angeht, weitet sich mein Blick. Dass, was irgendwann mal wichtig erschien und mich einengte, ist für mich nicht mehr relevant. Ich darf mich denkend kümmern um die weiten Räume der Erde, des Himmels und des ganzen Kosmos, die ich mit meinem suchenden geistigen Auge abtaste. Und so tut sich langsam ein neues Verständnis auf von den großen Wandlungen und Verwandlungen des „Stirb und Werde“, die jeder einzelne wie auch unsere Erdenwelt und der gesamte Kosmos durchlaufen.
Anschaulich und gar nicht rätselhaft beschreibt Hermann Hesse den Durchgang durch die verschiedenen Lebensräume als Aufblühen, Abschied, Neubeginn. Und wenn der letzte Raum durchschritten ist: was kommt dann? Neue Räume öffnen sich – weit und weiter.
Hermann Hesse
Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Aus: Die Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2001
(Die Schnipsel für diese Legebilder verdanke ich Susanne Haun.)












Die Britannica weiß es: Samuel Gridley Howe (1801-1876) war Arzt, Aktivist gegen die Sklaverei, Gründer und Leiter der Blindenschule, auf der Anne das Fingeralphabet lernte, Gründer auch des Massachusetts School for Idiotic and Feeble-Minded Youth…. Ich lese und lese und staune: wieso ist dieser Mann mir nicht bekannt? Denn er ist wahrlich bemerkenswert – in jeder Hinsicht, aber auch hinsichtlich seiner Rolle im griechischen Befreiungskrieg gegen das Osmanische Reich (eine Beschreibung mit Bildern






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