112 Stufen, 112: Weite (Johann Wolfgang von Goethe, Hermann Hesse)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Ist mit „Weite“ nun die letzte Stufe der Holsteiner Treppe erreicht? Man sollte es meinen, denn angeblich sind es 112 Stufen – und ich habe nun die 112. Stufe betreten. Doch merkwürdigerweise gibt es darüber noch ein Stufe – davon morgen.

Zu „Weite“ fiel mir als erstes das Gedicht ein, das Goethe am 31. Juli 1814 schrieb und das sich im Buch des Sängers aus dem West-östlichen Divan befindet. 1817 erschien es unter der Überschrift Vollendung. Es gehört zu den wichtigsten und rätselhaftesten Gedichten, die ich kenne.

 

Johann Wolfgang Goethe

Selige Sehnsucht

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Je älter ich werde, desto mehr engt sich die räumliche Bewegung ein. Ich reise wenig, beschränke mich auf kleine Spaziergänge. Veranstaltungen besuche ich selten, neue Bücher reizen mich kaum. Auch der zeitliche Rahmen, in dem ich planen kann und mag, schrumpft täglich.

Aber ist Ferne nun für mich „schwierig“ geworden?

Nein, ganz im Gegenteil. Merkwürdigerweise geht nämlich mit dem schrumpfenden Bewegungsradius und der geringen noch zu erwartenden Lebenszeit eine Weitung des Bewusstseins einher. Dass ich einen immer größeren gelebten Zeitabschnitt überschaue, ist das eine: für mich ist ja der gesamte Zeitraum 1942-2025 gelebte Zeit, ich kann in ihm herumspazieren wie in einem bekannten Haus und mir das eine und andere besehen. Aber es gibt da noch etwas anderes.

In dem Maße, wie mich das raumzeitliche Planen kaum noch angeht, weitet sich mein Blick. Dass, was irgendwann mal wichtig erschien und mich einengte, ist für mich nicht mehr relevant. Ich darf mich denkend kümmern um die weiten Räume der Erde, des Himmels und des ganzen Kosmos, die ich mit meinem suchenden geistigen Auge abtaste.  Und so tut sich langsam ein neues Verständnis auf von den großen Wandlungen und Verwandlungen des „Stirb und Werde“, die jeder einzelne wie auch unsere Erdenwelt und der gesamte Kosmos durchlaufen.

Anschaulich und gar nicht rätselhaft beschreibt Hermann Hesse den Durchgang durch die verschiedenen Lebensräume als Aufblühen, Abschied, Neubeginn. Und wenn der letzte Raum durchschritten ist: was kommt dann? Neue Räume öffnen sich – weit und weiter.

Hermann Hesse

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1953, 1961
Aus: Die Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2001

(Die Schnipsel für diese Legebilder verdanke ich Susanne Haun.)

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Farben im September (22): Gebirgssonnenuntergangsfarben (kleine Beobachtungen)

Gestern abend saß ich in einem Cafe der Hafenpromenade von Koroni, das an der Südspitze des ersten Fingers der Pelopsinsel liegt, und sah über die Bucht hinüber zu unserer Küste mit dem Taygetos-Gebirge darüber, das den zweiten Finger bedeckt.

Langsam erlosch das Licht über dem Gebirge. Bald würde der Sommer 2025 vergangen sein und der Herbst hinaufziehen.

Gezoomt (Apple-Handy, unbearbeitet): Der Kai von Koroni – das Taygetos-Gebirge gegenüber, um 18.52 Uhr (Sommerzeit).

Eine knappe halbe Stunde später, um 19.18 Uhr:

Und nachdem wieder eine Viertel Stunde vetrgangen war, um 19.35 Uhr:

Die drei Stadien nebeneinander:

Dies ist mein 22. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben

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112 Stufen, 111: Sinn (Shakespeare, Robert Musil, Thomas Mann, autobiografisch)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Der Narr traumwandelt auf Dächern mit Elpis (Hoffnung) in der Hand

William Shakespeare, Macbeth:

Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow
Creeps in this petty pace from day to day
To the last syllable of recorded time.
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle.
Life’s but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.

O ja, ich kann diese Zeilen auswendig, habe sie in frühster Jugend gelernt. Es ist die zynische Bilanz von Macbeth, als ihm der Tod seiner Frau gemeldet wird. Sinnlosigkeit pur. „Das Leben ist nichts als ein wandernder Schatten, ein armer Schauspieler, der sich auf der Bühne abmüht und von dem man dann nichts mehr hört. Es ist eine Geschichte, die ein Idiot erzählt, voller Lärm und Wut, ganz ohne Bedeutung.“ 

Dies war, als ich 16 war, so ziemlich meine Lebenseinstellung. Vielleicht war es auch nur eine Pose, wie Jugendliche sie gern einnehmen. Danach wurde es ernster und es begann die verzweifelte Sinnsuche. Denn einen Sinn musste es geben! Doch worin könnte er bestehen?

Ich las damals viel. Eines der prägendsten Bücher war Robert Musils (1880-1942) „Der Mann ohne Eigenschaften“, bei dem der Protagonist sich „auf die Suche nach sinnvoller und ihn ausfüllender beruflicher und privater Existenz“ macht – und als das nichts wird, sich mit der Schwester „auf die Suche nach einem anderen Zustand von „tagheller Mystik“ begibt“, wie Wiki zusammenfasst.  Musil selbst sah im Rückblick (auf die Vorgechichte des 1. Weltkriegs) „eine Folge von Stufen, die von verschiedenen Treppen herrührten und zu einer neuen Gestalt verarbeitet werden mußten.“ (Quelle).

Ein anderes mit 17 sehr wichtiges Buch war Der Zauberberg“ (1924) von Thomas Mann (1875-1955), der damit endet, dass der schlafwandelnde Protagonist durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu sich kommt. Für mich hatte das Buch auch praktische Folgen: Als bei mir eine Tbc diagnostiziert wurde, lehnte ich entschlossen den angesonnenen Sanatoriumsaufenthalt ab: ich wollte nicht verzaubert werden, denn ich fürchtete, nie mehr aus dem Traum entlassen zu werden, es sei denn durch einen neuen Krieg. Ich wollte mit offenen Augen leben.

Was ich sah, gefiel mir in der Regel bestenfalls halbwegs. Ich heftete an jede positive Wahnehmung ein „ABER“ – und tue es, so fürchte ich, auch heute noch. Nichts ist so, wie es scheint. Die Oberfläche trügt. Der gutmütige Mann trug womöglich eine Maske, hinter der sich eine dunkle Vergangenheit verbarg. Ich war gewarnt. All die Menschen um mich herum – hatten sie das große Verbrechen nicht mitgetragen, vielleicht sogar bejubelt? Als ich klein war, schrieb man mir ins Zeugnis „aufgeschlossen für alles Wahre, Gute und Schöne“ – ja, das war ich wohl, wie die meisten Kinder, doch schaute man ins Innere des Menschen, so sah man darin allerhand Schändliches verborgen.

Das war irgendwann für mich ok. Ja, so waren die Menschen. Ich begann, sie so zu akzeptieren, wie wie waren. An die Stelle des Nihilismus, der im Grunde ein Ergebnis enttäuschter Illusion ist, trat ein freundschaftlicher Realismus. Die Honoratioren kamen nicht besonders gut dabei weg, ich neigte mehr denen zu, die am Rande standen und die sich mir eher als Opfer denn als Täter darstellten: Zigeuner (ja, so hießen sie damals noch), jugendliche Straftäter, Heimzöglinge, auch scheiternde Studenten. An die Stelle der Germanistik und Romanistik traten die Sozialpädagogik, die Jugendhilfe, die Beratung in schwierigen Lebensverhältnissen, die Kritik an den Institutionen. Auch das ist mir bis heute geblieben.

Das war natürlich nicht das Ende der Sinnsuche. Endlich eine gelungene Liebesbeziehung, ein Kind. Ich begann zu malen. In der Kreativität sich selbst finden und sich anderen mitteilen. Ja, das funktioniert bis zu einem gewissen Grad. Aber es bleibt ein Rest. Eine Unruhe bleibt und hält die Frage nach dem Sinn offen. Mit diesem Rest bin ich nun vor allem befasst. Der Blick geht in die Weite der Zeit und des Raums. Ich versuche zu verstehen, wie sich die Menschheit entwickelt hat und weiter entwickelt, die großen Linien zu verstehen. Welches war und ist mein Beitrag? Welches ist der Beitrag der Menschheit zum Schicksal der Erde und des ganzen Kosmos?  Es geht mich an, denn ich bin ein Teil davon. Und der Sinn, den ich meinem Leben gebe, ist ein Beitrag zum allgemeinen Sinn.

Es bleibt richtig: „All unsere Gestern haben uns gleich Narren zum staubigen Tod geführt“, wie Macbeth sagt. Das ist unausweichlich. Wir sterben, jeder für sich, und am Ende fühlt man sich wie ein Narr. Und doch: Der Sinn, den ich meinem Leben geben konnte, ist ein Beitrag zum allgemeinen Sinn, zur Richtung, in der sich die Menschheit bewegt. Auch mein Leben ist in die große Geschichte eingeschrieben.

Der Blumennarr unterwegs im Stadtwald

 

 

 

 

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Farben im September (21): Fotoschwarzweiß

Gestern war ich auf einer großen Fotoausstellung in Kalamata, von der ich vielleicht noch ein wenig erzählen werde. Am besten gefielen mir die Schwarz-Weiß-Fotos. Welches von den vielen soll ich für Amoraks Blog-Challenge September in Farben nehmen? Nun, vielleicht am besten eins, das das Schwarz-Weiß thematisch aufgreift: weiße Hochzeit, schwarze Alterszeit. Es passt auch zum heutigen Tag – der Tag- und Nachtgleiche (ich wurde belehrt, dass die erst morgen ist, aber sei’s drum!)

Den Namen des Fotografen habe ich leider nicht notiert, ich trage ihn ggfls nach.

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Archivbild der Woche, 21.9.2015: Auf der Waagschale

Wieder steige ich, wie von Heide (Puzzleblume) angeregt, hinab ins Archiv, um ein Bild heraufzubefördern, das an einem Tag wie diesem entstanden ist.

Am 21.9.2015, also vor genau 10 Jahren, fanden in Griechenland Wiederholungswahlen zum Parlament statt. Sie wurden nötig wegen des überwältigenden OXI (NEIN) beim Plebiszit gegen die Zumutungen des von der EU bzw von Deutschland auferlegten Sparprogramms. Die Linksregierung SYRIZA wurde wiedergewählt. Gleich danach wischte sie das NEIN der Bevölkerung in einer grandiosen Rolle rückwärts  vom Tisch, opferte ein paar allzu radikale Genossen und folgte brav dem EU-Diktat.

Ich machte zum Wahltag zwei Legebilder (eins zeige ich hier) und schrieb einen Text mit dem Titel „Auf der Waagschale„.  Das erinnert daran, dass Tag und Nacht im Gleichgewicht standen und die Waage sich nun der Nacht zuneigen würde. So wie auch heute.

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Legende:

  • Einige Kandidaten wurden dabei ertappt, dass sie allzu leicht waren (gewogen und zu leicht befunden).
  • Andere wiederum waren so schwer, dass der Waagebalken unter ihnen brach.
  • Etliche schafften es erst gar nicht auf die Waage.

Heute ist übrigens nicht nur die Tag- und Nachtgleiche, sondern auch Neumond (Schwarzmond) und eine teilweise Sonnenfinsternis angesagt. Was immer das bedeuten mag.

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112 Stufen, 110: Respekt (Helen Keller, Anne Sullivan, Samuel Gridley Howe)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Uff, bald habe ich diese Treppe erstiegen! Respekt! sage ich zu mir selbst und schlage mir auf die Schulter, wenn ich trotz allerlei Versuchungen und Ermüdungserscheinungen bis zum Ende durchhalte, was ich mir in den Kopf gesetzt und vorgenommen habe. Das sage ich auch angesichts der Leistungen anderer, natürlich. Wer mit einem Arm den Kanal von Dover durchschwimmt oder in hohem Alter die Alpen durchwandert … Respekt!

Respekt, sagte ich auf der Stufe „Rücksicht, sei die Übersetzung von Rücksicht ins Lateinische. Und doch schwingt in diesem Wort etwas ganz anderes mit: bei Rücksicht geht es um Achtsamkeit gegenüber den Schwächeren, bei Respekt um Bewunderung und Anerkennung der Leistung, die sich ein Mensch trotz aller Widrigkeiten abgerungen hat. Genau genommen ist es nicht die Leistung selbst, sondern die Willenskraft und das Durchhaltevermögen, zu denen Menschen in der Lage sind: sie nötigen mir Respekt ab. Manche sind wahre Riesen, was das anbetrifft. Gerade fällt mir Helen Keller (1880-1968) ein, die durch frühe Erkrankung blind und taubstumm wurde und nicht nur das Lesen und Schreiben erlernte, sondern sich zu einer wichtigen Stimme der Menschheit entwickelte – ihr rufe ich aus tiefstem Herzen zu: Respekt!

Das gilt ebenso für die, die sie wunderbar unterstützt haben, insbesondere ihre Eltern und ihre Lehrerin Anne Sullivan, die es verstand, durch Klopfzeichen in die Hand des Kindes dessen Seele zu erreichen, die in schlimmeres Dunkel als Kaspar Hauser gefallen war, und sie so zum zweiten Mal zum Leben zu erwecken.

undefined Helen Keller, Anne Sullivan, (1899)

Wer war Anne Sullivan (1866-1936)? Da muss ich nachlesen: Ihre Eltern, arme Landwirte, waren während der Großen Hungersnot in Irland in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Der Vater war Alkoholiker und schlug die Tochter, die Mutter starb an Tuberkulose, als Anne acht Jahre alt war. Als sie zehn war, verschwand der Vater und sie landete in einem Waisenhaus. Mit ihr war ihr jüngerer behinderter Bruder, der im Waisenhaus an Tuberkulose starb.

Noch mehr Schlimmes? O ja! Anne war seit ihrem 3. Lebensjahr sehbehindert, und verschiedene Eingriffe machten ihren Zustand nicht besser. Ich rekapituliere: Vom Alkoholikervater geschlagen und verlassen, Mutter tot, Bruder tot, selbst schwer sehbehindert und im Waisenhaus… Was kann sich da noch Positives entwickeln? Nun: alles, wenn die nötigen Hilfestellungen sich finden lassen und der Wille da ist.

Nach vier Jahren im Waisenhaus, nun 14 Jahre alt, konnte Anne die Perkins Institution for the Blind besuchen, wo sie das Fingeralphabet für Gehörlose kennenlernte, das alle dortigen Lehrer beherrschten, um mit einer taubblinden Handarbeitslehrerin kommunizieren zu können. Dieses Alphabet hatte ein Lehrer namens Howe entwickelt, lese ich bei Wikipedia.

Wer aber war dieser Howe?

Samuel Gridley HoweDie Britannica weiß es: Samuel Gridley Howe (1801-1876) war Arzt, Aktivist gegen die Sklaverei, Gründer und Leiter der Blindenschule, auf der Anne das Fingeralphabet lernte, Gründer auch des Massachusetts School for Idiotic and Feeble-Minded Youth…. Ich lese und lese und staune: wieso ist dieser Mann mir nicht bekannt? Denn er ist wahrlich bemerkenswert – in jeder Hinsicht, aber auch hinsichtlich seiner Rolle im griechischen Befreiungskrieg gegen das Osmanische Reich (eine Beschreibung mit Bildern hier). Respekt, Respekt!

Und so, am Faden eines mir sehr gut erinnerlichen Namens (Helen Keller), lande ich bei einem Abschnitt der nordamerikanischen Geschichte, der mir tiefen Respekt einflößt und zugleich auch mein griechisches Herz höher schlagen lässt. Samuel Gridley Howe war nicht behindert, sondern begann sein Leben unter besten familiären und persönlichen Voraussetzungen. Das, was er dann daraus machte, indem er sich in vielfältigster Weise für die Verbesserung der Verhältnisse für Menschen mit sehr schlechten Voraussetzungen – Sklaven, geflüchtete Sklaven, Waisenkinder, körperlich und geistig behinderte Menschen, Gefangene, Unterdrückte… –  kämpferisch und äußerst effektiv einsetzte, das ist es, was mir auch diesem mir bisher unbekannten Mann den Ausruf „Respekt! Respekt!“ abnötigt.

Vorbilder dieser Art hätte ich als Kind gebraucht. Aber ich fand sie nicht unter meinen Lehrern. Und wenn es sie doch gegeben hat, so habe ich sie nicht erkannt. So blieb mir das Wort „Respekt“ lange verdächtig, denn es verband sich mir mit „Respektspersonen“ – also Amtsträgern wie Pfarrer, Polizisten, Lehrer, später auch Amtsärzte, Professoren, Minister, Staatsoberhäupter – und die mochte ich nicht respektieren, nur weil sie ein Amt innehatten. Um mich zu beeindrucken, reichte das bei weitem nicht – im Gegenteil. Wer auf hohem Amtsschimmel einherritt, dem begegnete ich gern wie Till Eulenspiegel…

Illustration zu Till Eulenspiegel, Schnipsel von Marie Mandarin

 

 

 

 

 

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Tägliches Zeichnen 17-19.9.: Schreibtisch, Kugelvase, Lattenrost

Nichts Besonderes, aber eben „tägliches Zeichnen“, Befolgung des berühmten Klee-Satzes „kein Tag ohne Strich“. Außerdem ist es eine Form des Tagebuchs.

Vorgestern räumte ich das Chaos auf meinem Schreibtisch zeichnerisch auf. Dicker Filzstift, Carson-Zeichenblock.

Gestern war die schwarze Kugelvase mit den trockenen Disteln und den künstlichen weißen Blüten dran, die auf einem Hocker vorm Bücherregal stand. Ich unterlegte ihr ein ein weißes Stück Papier. So entstand einerseits ein starker schwarz-weiß-Kontrast, andererseits ein kaum zu entzifferndes Durcheinander von Disteldornen und Buchregal. Der erste Filzstift hielt nicht durch, also nahm ich einen neuen dickeren. Carson-Zeichenblock

Die heutige Zeichnung machte ich am späten Abend vor meinem Atelier. Als Beleuchtung hatte ich nur den fernen Schein der Deckenlampe im Atelier und ein paar Lämpchen im Olivenbaum. Ich sah also kaum, was ich zeichnete. Aber ich weiß es: ein Lattenrost vor einem Olivenbaum mit Lämpchen, die am Tag von der Sonne aufgeladen werden und nachts einen schwachen Lichtschein abgeben. Carson-Zeichenblock.

 

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112 Stufen, 109: Ehren (Das vierte Gebot – Moses, Luther, Alexander Mitscherlich)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Das 4. Gebot des Dekalogs fällt mir spontan ein.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden

Und auch der Schülerspruch fällt mir ein:

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, und wenn sie dich schlagen, sollst du dich wehren.

Martin Luther ging in seinen Erklärungen ein gutes Stück über das 4. Gebot hinaus, indem er in das Gebot auch die Obrigkeit oder sonstige „Herren“ einbezog:

Martin Luther (1483–1546)

„Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.“

Ehren (nicht unbedingt auch lieben) sollen wir unsere Eltern, sagt das 4. Gebot, aber Luther möchte darüberhinaus, dass wir ihnen und sonstigen Herren dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben. Und warum sollten wir es tun? Das Gebot sagt: damit es uns auf Erde gut gehe und wir lange leben. Aber ist das denn das Ziel der Christenheit? Sie hält die Erde doch für ein Jammertal, das zu verlassen keinesfalls ein Übel ist, und das „Wohlergehen“ ist ja auch nicht unbedingt vorgesehen für einen wahren Christenmenschen, der zu jeglichem Opfer, auch dem seines Lebens, aufgerufen ist.

Nun sind die Gebote ja nicht von Jesus, sondern von Moses den Menschen gegeben worden. Und insofern haben sie mit dem Christentum nur indirekt zu tun.

Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, wird den Israeliten zuerst beim Auszug aus Ägypten gegeben, wo auch die anderen Gebote erlassen werden, die das Zusammenleben dieser Volksgruppe regulieren sollen: Keine anderen Götter haben, den Sabbat halten, die Ehe achten, Eigentum des Mitwanderers respektieren … Und da versteht man es auch: Ihr, die ihr jetzt eine sehr beschwerliche Reise vor euch habt, gebt Acht, dass ihr auch die Alten und Gebrechlichen mitnehmt und freundlich behandelt, denn in ihnen habt ihr die Quelle eurer Überlieferungen und Weisheiten.

Das Gebot heißt wörtlich (hier in der altengriechischen Übertragung)

τίμα τον πατέρα σου και την μητέρα σου, ίνα εύ σοι γένηται, και ίνα μακροχρόνιος γένη επί της γης της αγαθής, ης Κύριος ο Θεός σου δίδωσί σοι.

Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit es dir wohl ergeht und du lange lebst in dem guten Land, das der Herr, dein Gott, dir geben wird. 

Als die Israeliten dann im Gelobten Land ankommen, werden sie ein zweites Mal an dieses Gebot erinnert. Auch das lässt sich leicht erklären: Passt auf, ihr, die jetzt ein ganz neues Leben beginnt, dass ihr das Alte nicht für entbehrlich und verachtenswert haltet. Ehrt es! Denn es verbindet euch mit euren Ursprüngen. Tut ihr es nicht, wird es euch schlecht ergehen!

Ich fand schon immer Luthers Auslegung dieses Gebots unerträglich, und wie vieles andere, was man uns im Konfirmationsunterricht erzählte, rief es bei mir nur Empörung hervor. Die Mutter wollte ich ja gern ehren, dafür brauchte ich aber keine kirchliche Anweisung. Die „Herren“ aber? Die, die uns oft genug sinnlose oder sogar menschenfeindliche Vorschriften machten? Nein, denen wollte ich weder dienen noch wollte ich sie lieb und wert halten. Ehre nur, wem Ehre gebührt! (Auch das geht übrigens auf ein Bibelzitat zurück: Apostel Paulus, Römerbrief 13,7 „So gebt nun jedermann, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer, Zoll, dem der Zoll, Furcht, dem die Furcht, Ehre, dem die Ehre gebührt.“)

Wir hatten grad die NS-Zeit hinter uns, und der Gehorsam gegenüber dem, was diese „Herrenmenschen“ befahlen, hatte uns weder ein gutes noch ein langes Leben beschert.  Es hatte das Land, das „Gott uns gegeben hatte“, aufs Fürchterlichste heimgesucht und zerstört. Wir waren „auf dem Weg in eine vaterlose Gesellschaft“ (1963, von Alexander Mitscherlich (1908 – 1982)) weit vorangekommen, und ich war keineswegs auf der Suche nach einem Ersatz-Vater oder übergroßen Über-Ich.  Nein, für mich war abgemacht: ich würde jeweils sehr genau prüfen, wessen Anordnungen ich – wenn überhaupt – Folge leisten würde!

Außerdem hatte Jesus doch etwas ganz anderes gepredigt?

Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein. (Luk 14,26)

Nun, „hassen“ ist ein sehr hartes Wort. Gemeint ist wohl eher, dass die, die ihm „nachfolgen“ wollen, die familiären Bindungen aufgeben müssen.

Und wie ist es heute in einer Zeit, wo Kinder ihre Eltern zwar nicht in der „Nachfolge Christi“, wohl aber im Verlangen nach „Selbstverwirklichung“ verlassen? Ist das verwerflich? Ist es nicht richtig, seinen eigenen Kopf zu haben und sich nicht gebunden zu fühlen an Überlieferung? Wo jede Generation sich von der vorangegangenen abzusetzen bestrebt ist und ihr erklärt, dass die Eltern alles falsch gemacht haben und man selbst es besser machen wird?

Ich bin auch so eine, die „Vater und Mutter“ verlassen und sich allein auf den Weg gemacht hat. Wir leben in einer Zeit, in der jeder auf sich selbst gestellt in Freiheit sich entwickeln will. Das schließt freilich nicht aus, Vater und Mutter nebst all dem zu ehren, was einem den Start ins Leben ermöglicht und einen genährt hat, solange man selbst nicht dazu in der Lage war. Und es ist durchaus angebracht, es gebührend heimzuzahlen, finde ich. Und das heißt: Gutes mit Gutem zu vergelten, Schlimmes abzuwägen und in sich zu gehen, obs noch immer so schlimm ist, dass es vergolten werden muss, oder ob man es auch einfach als „geschehen“ abbuchen darf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Farben im September (19): Blütenakzente

Ich bin im Garten herumgegangen, um nach Farben zu schauen. Viele Blüten gibt es momentan nicht, aber die wenigen setzen reizende farbige Akzente im allgemeinen Grün. Rot herrscht vor, Blau sieht nach, Gelb und Weiß fehlen.

Dies ist mein 19. Beitrag zu Amoraks Blog-Challenge September in Farben.

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112 Stufen, 108: Stille (Graf von Schulenburg, Joseph Mohr, Stille Nacht)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Kaum konnte ich das Wort auf der 108. Stufe des Holsteiner Treppe entziffern. Es ist mit Hellgrün auf Türkis geschrieben, es tönt nicht laut, es lispelt und flüstert nur leise.

Stille also.

Über allen Gipfeln ist Ruh ….

„Wandrers Nachtlied“ von Johann Wolfgang von Goethe fällt mir zuerst ein – aber das habe ich schon auf der 87. Stufe unter „Schweigen“ erinnert. Schweigen, Ruhe und Stille sind wohl ähnlich, aber nicht dasselbe.

„Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ ist der nächste Spruch, der mir einfällt. Aber woher stammt er? Da muss ich recherchieren: Die, die diesen Satz auf roten Flugblättern zuerst lasen, waren die Bürger Berlins des Jahres 1806, im Oktober.

 

„Der König hat eine Bataille verloren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht.

Veranlasst hatte die Informationskampagne der damalige preußische Minister Friedrich Wilhelm Graf von der Schulenburg, der damit den Untertanen die doppelte Niederlage bei Jena und Auerstedt gegen Napoleon kundtat. Die Toten wurden begraben oder auch nicht, der Preußische Hof verabschiedete sich nach Ostpreußen, die deutschen Lande gerieten unter französische Besatzung, zumal auch die Österreicher zuvor in der Schlacht von Austerlitz die Kontrolle über große Gebiete verloren hatten. 

Aber Halt! Es geht auf dieser Stufe ja gar nicht um das Wort „Ruhe“, sondern um „Stille“. Und das ist doch nicht dasselbe, oder?

„Ruhe!“ erinnert mich an einen Ruf, um den Lärm im Inneren und Äußeren zu dämpfen. In „Ruhe“ klingt die Unruhe mit. Ruhe vor dem Sturm…. Bei „Stille“ halte ich lauschend mein Ohr ins All.  Und was klingt mir da leise entgegen? Das auch bei uns zu Hause mit Inbrunst gesungene Weihnachtslied:

Stille Nacht, heilige Nacht

Originalmelodie

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mein erstes Weihnachten, 24.12.1942 (ich bin die im Korb). Am Tag zuvor fiel unser Vater in Stalingrad.

Entstanden ist das Lied zehn Jahre nach dem obigen Satz des ruhegebietenden preußischen Ministers: 1816. Geschrieben hat es der Hilfspfarrer Joseph Mohr (1792–1848) von Mariapfarr im Salzburger Land. Die Melodie stammt vom armen Dorfschullehrer und Organisten Conrad Franz Xaver Gruber (1787–1863). Erstmals sangen die beiden (Tenor und Bariton) das Lied am Heiligen Abend 1818 in der St. Nikolaus-Kirche in Oberndorf bei Salzburg. Es gefiel und gelangte über einen Orgelbauer in die Gemeinde Fügen, wo die dortigen Sänger im Oktober 1822 Gelegenheit hatten, dem Kaiser Franz I und dem Zaren Alexander I vorzusingen. Die befanden sich auf der Durchreise zum  „letzten Monarchenkongress“ der Heiligen Allianz in Verona, wo man um Territorien und Grenzen schacherte, mal wieder ohne die Menschen zu fragen, für welchen Herrn sie in Zukunft bluten wollten  … Das war im Jahr nach Napoleons Tod auf St. Helena….

Zeitgenössische Karikatur des Kongresses von Verona (1822)

Mit einer Tiroler Händlerfamilie kam das Lied zu Weihnachten 1831 nach Leipzig, wo die singende Kinderschar Strasser zum Success wurde. Es zirkulierten bald schon Flugblätter mit dem Text und 1841 dann auch im ordentlichen Druck.

15.12. (3. Advent)

Seither wurde das Lied in 320 Sprachen übersetzt. Beim „Weihnachtsfrieden“ 1914 sangen es die Soldaten der feindlichen Heere auf Deutsch und Englisch.  Mit Bing Crosbey wurde es 1934 zum Weltschlager. Die Nazis machten einen Versuch, es auf den Führer umzudichten, aber das gefiel den Deutschen nicht. Weihnachten 1941 sangen es Rooseveld und Churchill gemeinsam im Weißen Haus – und sicher sangen es auch die Soldaten in den Pausen blutiger Schlachten an der Ostfront, die Bewohner der bombardierten Städte, die Bewacher und vielleicht auch die Insassen der KZs und jeder und jede in allen Sprachen der Welt.

Im März 2011 wurde das Lied zum Immateriellen Kulturerbe Österreichs.

(Quelle der Angaben: Wikipedia).

Der Text:

Stille Nacht, heilige Nacht
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
nur das traute hoch heilige Paar.
„Holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh‘,
schlaf in himmlischer Ruh‘!“

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
lieb‘ aus deinem göttlichen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund‘:
Jesus in deiner Geburt.
Jesus in deiner Geburt.

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
aus des Himmels goldenen Höh’n
uns der Gnade Fülle lässt sehn:
Jesum in Menschengestalt.
Jesum in Menschengestalt.

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut‘ alle Macht
väterlicher Liebe ergoss,
und als Bruder huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt.
Jesus die Völker der Welt.

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
als der Herr, vom Grimme befreit,
in der Väter urgrauer Zeit
aller Welt Schonung verhieß,
aller Welt Schonung verhieß.

Stille Nacht, heilige Nacht,
Hirten erst kundgemacht!
durch der Engel Halleluja
tönt es laut von Ferne und Nah:
Jesus, der Retter ist da!
Jesus, der Retter ist da!

 

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